Geschichte, Politik und Gesellschaft

Griechenland in der deutschen Berichterstattung – ein Kommentar

“lhr griecht nix von uns!” tönt es seit Jahren durch die BILDzeitungsrepubIik Deutschland.
Darüber, dass in Amphipolis, einst eine der wichtigsten makedonischen Städte, seit Monaten die größte erhaltene Tempelanlage der Antike ausgegraben wird; dass sich vor 70 Jahren Athen und damit Griechenland – und zwar als einziger Mittelstaat durch eigene Kraft – von der deutschen Besatzung befreiten und kurz darauf Winston Churchill persönlich nach Griechenland reiste, was zum Auftakt der Containment-Politik in Europa wurde; und dass die islamistische Bedrohung der Südostgrenze der NATO ein historisches Praezedens in der mohammedanischen Bedrohung der griechischen Grenze Europas vor einem Jahrtausend hat, die dann in Gestalt der Türkengefahr erst die europäische, dann die Weltpolitik ein halbes Jahrtausend lang dominieren sollte (weshalb noch einmal brach denn der Erste Weltkrieg, die ach so berühmte Urkatastrophe, aus?): über all dies liest man hierzulande – nichts.
Und dabei schreit man hier doch so gern am lautesten “Abendland!”

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Griechenland und die historische Notwendigkeit des Euro

Putins Expansionskurs, Erdogans reaktionäre Politik und der IS-Terror in Vorderasien zeigen: Ein europäisches Zusammenhalten ist wichtiger denn je. Dazu gehört als einstige Wiege Europas auch Griechenland, meint Konstantin Sakkas.

Griechenland war einst die Wiege Europas und das Land der Götter, heute gilt es als Land der Staatsverschuldung im Epizentrum der Finanzkrise. Insbesondere deutschen Konservativen und Neoliberalen sind die Beihilfen für Griechenland wie auch die übrigen südeuropäischen Staaten ein Dorn im Auge. Denn Deutschland war einst das Land einer absurden Staatsvergottung, heute beten die Deutschen das Wirtschaftliche an.
Zwar ist nicht davon auszugehen, dass politische Kräfte wie die AfD in absehbarer Zeit in Regierungsverantwortung gelangen werden. Doch die Ignoranz oder Unkenntnis der historischen und politischen Bedingungen, die die Währungsunion und die finanzielle Solidarität innerhalb Europas notwendig machen, greift um sich.
Immer wieder hört man, auch von gebildeten Leuten, sie wollten nicht mit “ihrem Geld” die Schulden anderer, insbesondere Griechenlands, bezahlen. Was für ein Märchen. Niemand wurde im reichsten Land Europas wegen der Eurokrise enteignet. Es wurden Garantien abgegeben, weiter nichts. Und um das Vermögen von Großanlegern und Spekulanten müssen wir uns erst recht keine Sorgen machen.

Sorgen um Europa

Worum wir uns sorgen sollten, ist Europa. Natürlich ist Europa eine Transferunion! Natürlich brauchen wir einen europäischen Finanzausgleich! Ein Austritt oder gar Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone wäre fatal. Denn der Euro ist ein politisches Instrument, das dem europäischen Kultur- und Werteraum eine Klammer gibt. Er dient der Einigung Europas – das sonst eine zerfallende Region wäre.
Die EU erinnert territorial an das alte Römische Reich, in dem sich griechisch-christliche Kultur und römisch-fränkische Infrastruktur miteinander segensreich verbanden, bevor das Reich zerfiel. Die heutige EU reicht vom Hadrianswall in Schottland bis nach Bulgarien, ans Schwarze Meer. Doch die Europäische Union ist nicht mehr monarchisch-imperial geprägt wie seinerzeit das Römische Reich, sondern demokratisch-föderal. Diese heutige Union, dieses Europäische Reich ist ein gemeinsamer Kultur- und Werteraum, den es zusammenzuhalten und zu verteidigen gilt, heute, im Zeitalter des Wirtschaftlichen, eben auf wirtschaftlichem Wege.

Das Todesurteil für die europäische Idee

Als Adenauer und De Gaulle die europäische Einigung ins Leben riefen, hatten sie genau dies im Sinn: ein Europa als “Dritten Weg”, zwischen den USA und Asien. Die europäische Währungs- und Solidarunion soll die Integrität dieser einzigartigen Kultur- und Wertegemeinschaft namens Europa gewährleisten, um die wir zweitausend Jahre lang gerungen haben. Im Angesicht von Putins Expansionskurs in der Ukraine, Erdogans reaktionärer Religionspolitik in der Türkei und des IS-Terrors in Vorderasien ist ein europäisches Zusammenhalten dringender nötig denn je.
Griechenland symbolisiert diese Kultur- und Wertegemeinschaft wie kein zweites europäisches Land. Nicht nur als Wiege des europäischen und später christlichen Erbes, sondern auch als geografischer Außenposten, der dieses Erbe, immer wieder verteidigt hat. Es aus kurzsichtigem ökonomischem Kalkül heraus aufs Spiel zu setzen, wäre das Todesurteil für die europäische Idee. Darüber sollten auch wir Deutschen uns endlich klar werden, wenn wir über griechische Staatsschulden sprechen.

Quelle: http://www.deutschlandradiokultur.de/griechenland-die-historische-notwendigkeit-des-euro.1005.de.mhtml?dram:article_id=301511

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Politik und Gesellschaft, Wirtschaft

Grundeinkommen statt Armutsfalle. Warum sich an unserem Wirtschaftsleben etwas ändern muss

Es ist schon fast eine Binsenweisheit der “Nuller Jahre”: Immer mehr Menschen in Deutschland können von ihrem Einkommen nicht leben. Dabei geht es nicht um die Möglichkeiten einer gehobenen Lebensführung, sondern um die allernotwendigste existenzielle Grundversorgung: Miete, Strom, Nahverkehr, Kleidung – ein gewöhnliches Durchschnittseinkommen von 1000 bis 2000 Euro netto ist da schnell aufgebraucht. Jede kleine Extrabelastung, wie neue Brillengläser oder eine Autoreparatur, reißt viele sofort in die Schulden.

Deutschland hat seit der Einführung des Euro – allen statistischen Behauptungen zum Trotz – eine rasante Inflation erlebt. Das Prekariat hat sich weit in die Mittelschicht hineingefressen. Immer mehr junge Paare verzichten auf Kinder, weil sie sie sich schlich nicht “leisten” können.

Viele, die vor einer Generation noch fest in Lohn und Brot gewesen wären, haben heute schon einmal Erfahrung mit dem Bezug von Sozialleistungen gemacht. Zugleich schwindet aufgrund fallender Zinsen und stagnierender Einkommen der finanzielle Spielraum der Elternhäuser, um ihre Kinder bei der Existenzgründung zu unterstützen.

Der Gesetzgeber erwartet stillschweigend, dass Kinder so lange wie möglich bei den Eltern wohnen oder von diesen unterstützt werden. Eine akademische Ausbildung ohne elterliche Förderung bis kurz vor dem 30. Geburtstag ist in Deutschland faktisch kaum möglich – ein bedenkliches Faktum in der Bildungsrepublik Deutschland.

Zeitgleich steigen die Anforderungen der Wirtschaft an die Kreditwürdigkeit des Einzelnen. Viele Freiberufler und geringfügig Beschäftigte aus allen gesellschaftlichen Kreisen können trotz jahrelanger Berufserfahrung keinen selbstständigen Mietvertrag abschließen, weil sie keine ausreichende Bonität vorweisen können. Das Anforderungsniveau von Banken und Geschäftspartnern an den Menschen steigt antiproportional zu seinen Möglichkeiten, ihm gerecht zu werden.

Wenige Nischen ausgenommen, gleicht die heutige Berufswelt einem Gladiatorenkampf, in dem dauerhaft nur derjenige mit der meisten Ausdauer und der größten Schmerzresistenz eine Chance hat. Die anderen gehen unter. Für die Zukunft vorsorgen muss dabei jeder selber; die Riesterrente hat sich als gigantischer Flop erwiesen, auf viele von uns wartet im Alter die Armut.

Entsprechend sehen die psychischen Folgen dieser Prekarisierung aus. Burnout, Depressionen und stressbedingte Erkrankungen wie Angststörungen oder das Borderline-Syndrom sind heute weitverbreitet. Der Konsum von Schlaf- und Beruhigungsmitteln, von Antidepressiva, oft auch von leistungssteigernden Drogen gehört für viele bereits in jungem Alter dazu; sie könnten sonst das alltägliche Chaos nicht bewältigen. Verdeckter Alkoholismus ist bei Bauarbeitern wie bei Spitzenanwälten ein alltägliches, konsequent beschwiegenes Phänomen.

Wer im Beruf nicht tadellos funktioniert, fliegt raus. Großen Spielraum für Auszeiten gibt es für die meisten nicht, Kummer und Schmerz müssen zu Hause verarbeitet werden. Daran wiederum zerbrechen tagtäglich unzählige Liebesbeziehungen. Schließlich führt existenzielle Not, gerade bei Männern, häufiger als man denkt zur Drift in die Kriminalität, sei es aus Verzweiflung, oder weil sie mit dem Stress nicht richtig umgehen können. Die finanzielle Abhängigkeit von den Eltern bis weit ins Erwachsenenleben hinein wirkt zudem für viele traumatisierend und blockiert wichtige Ablösungsprozesse.

Was sagt uns das alles? Es muss sich dringend etwas ändern an unserem Wirtschaftsleben. Das Ideal der Vollbeschäftigung entpuppt sich in Zeiten von Leiharbeit und Scheinselbständigkeit endgültig als Chimäre; ebenso der Traum, von seinem Verdienten auskömmlich leben zu können, jedenfalls unter den gegebenen Bedingungen.

Der Staat muss sich endlich trauen, in das Wirtschaftsleben wieder aktiv einzugreifen: sei es durch einen Mindestlohn oder durch ein bedingungsloses Grundeinkommen. Vor allem das Grundeinkommen ist seit etwa zehn Jahren Thema einer breiten Diskussion. Die Politik, das heißt: die etablierten Parteien – und bislang kann man die Piraten hierzu nicht zählen – sollte endlich anfangen, sich ernsthaft darüber Gedanken zu machen.

Dieser Text wurde im Rahmen eines politischen Feuilletons am 27. August 2012 im Deutschlandradio ausgestrahlt.

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Philosophie

Sieg der Entsagung. Leben und Sterben mit Schopenhauer

Als Dietmar Gottschall und Silke Siegel 1962 ihren berühmten “Rundbrief” an die intellektuelle Elite der Bundesrepublik verschickten, worin sie ganz unironisch die Frage nach dem Sinn des Lebens stellten, riet ihnen der Schriftsteller Rudolf Walter Leonhardt statt einer eigenen Antwort, die Werke der großen Philosophen zu lesen, und setzte hinzu:

“Fangen Sie mit Schopenhauer an: Er ist am verständlichsten – auch am menschlichsten, und das gerade durch seine logischen und erkenntnistheoretischen Unzulänglichkeiten, welche Ihnen jeder Berufsphilosoph mit viel Scharfsinn nachweisen wird.”

Dass Arthur Schopenhauer, der vor 150 Jahren in Frankfurt am Main starb, einer strengen Kritik seiner philosophischen Methodik nur schwer standhält, gehört zu den Enttäuschungen, die jeder seiner Verehrer erleidet, wenn er ein Stück weit aus seinem Bannkreis tritt. Ebenso aber gilt, dass kein deutschsprachiger Philosoph bis heute so eine breite und allgemeine Wirkung erzielt hat wie Schopenhauer.

Für die akademische Philosophie sieht das natürlich anders aus: Gegenüber den großen Systemdenkern der Neuzeit wie Leibniz, Kant, Hegel und Heidegger kann Schopenhauer bestenfalls als Essayist bestehen; von den alles zermalmenden Existenzialisten wie Kierkegaard, Nietzsche und Sartre unterscheidet ihn wiederum der Rest von Systematik und Ganzheitlichkeit, auch der versöhnliche Grundtenor, der seinem Werk trotz allem Pessimismus eignet. Aber was die Lesbarkeit seines Stils wie die Verstehbarkeit seiner Aussagen angeht, sind seine Reichweite und sein auktorialer Charme unübertroffen.

Schopenhauer liest man nicht nur der Erkenntnis, sondern auch des Trostes wegen. Und tröstlich – dies das Paradoxe dieses sogenannten Pessimisten – ist der Tenor seines ganzen Werkes: Von seinem jugendfrisch-stürmischen Hauptwerk “Die Welt als Wille und Vorstellung” bis zu den altersklugen “Aphorismen zur Lebensweisheit” – das Wort Arthur Hübschers, der im Grab seines Idols Schopenhauer beigesetzt werden wollte, gilt bis heute:

“Schopenhauer lehrt uns die Welt kennen und durchschauen. Er richtet das Bild des Menschen auf, das wir dieser Welt entgegenhalten können, und hat ihm alle Züge des Erreichbaren aufgeprägt. Er ruft zur Entfaltung höherer Daseinsformen auf, die nach den höchsten Vorbildern gelebt werden. Man kann mit seiner Philosophie leben – und mit ihr sterben.”

Eben deshalb, weil seine Philosophie in all ihrer Radikalität nie unmenschlich, nie verzweifelt wirkt, sprach man schon im 19. Jahrhundert von einem “vergnüglichen Schopenhauerschen Pessimismus” und spielte damit auf den Salon der Gräfin Schleinitz an, den die Memoiren der späten Kaiserzeit als Oase des Kunstsinns und der Humanität im gründerzeitlichen Berlin feierten. Und nicht nur Frau von Schleinitz führte damals, wie es ihre Freundin Anna von Helmholtz ausdrückte, ein Leben “mit Goethe und Schopenhauer als steten Gefährten, mit rotem Damast als Hintergrund”.

Denn noch viel mehr als den vergrübelten Kleinbürgern in ihren schäbigen Dachkammern verdankte der Misanthrop Schopenhauer seinen Ruhm den Damen und Herren der großen Gesellschaft in ihren prächtigen Salons. Schopenhauer wurde der unmodische Modephilosoph der deutschen Gesellschaft, und dies über die Zeiten und Reiche hinweg: Datierte sein früher Ruhm aus der bleiern spätbiedermeierlichen Zeit der zweiten Restauration, nach dem Scheitern der Revolution von 1848, so wuchs er im Bismarckreich nach 1871 zur Ikone des gebildeten Bürgertums, des mondänen wie des kleinen, und konnte seine Stellung nach dem Schock von 1918 im Zeichen einer allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Verunsicherung noch ausbauen.

Prägend für den Charakter Schopenhauers, der am 22. Februar 1788 im damals preußischen Danzig zur Welt kam, waren zweifellos die negativen Erfahrungen im Elternhaus. Der Vater, obwohl begüterter Kaufmann, ist schwermütig und stirbt 1805, wahrscheinlich durch Selbstmord. Da ist der Sohn gerade 16. Die Mutter Johanna zieht mit Schwester Adele nach Weimar, wo sie alsbald eine wichtige Rolle als Salonière im Umkreis Goethes spielen soll; mit dem Sohn verbindet sie gegenseitige Abneigung, die 1814 schließlich zum definitiven Bruch führt. Arthur entwickelt sich früh zum Einzelgänger, in ihm verbinden sich genialisches Selbstbewusstsein und grimmige Weltabwendung. Typisch die erste große Liebe: Ausgerechnet Karoline Jagemann, spätere Frau von Heygendorff, Weimarer Theaterstar und obendrein Geliebte des Großherzogs Karl August, muss es sein – da ist die Schwärmerei eines romantischen 19-Jährigen von vorneherein ein heilloses Unterfangen.

Einen unbefangenen, freien Zugang zur Außenwelt gewinnt Arthur nur im Intellektuellen, auch die ausgedehnten Reisen durch Europa, auf die die Eltern den Jugendlichen schicken, tragen dazu bei. Früh erwirbt er sich solide Sprachkenntnisse, und zeitlebens pocht er auf den Wert der klassischen Sprachen für eine gründliche Bildung. Nach einigen Wanderjahren lässt er sich in den 1820er-Jahren definitiv in Frankfurt am Main nieder und führt dort bis zu seinem Tod das Leben eines materiell abgesicherten Privatgelehrten. Als er 1860 72-jährig stirbt, ist er über die Grenzen Deutschlands hinaus ein geachteter, verehrter, ja berühmter Philosoph.

Diesen Ruhm hätte sich der junge Schopenhauer wohl kaum träumen lassen. Ganze zehn Freiexemplare erhält er 1819 von seinem Verleger Friedrich A. Brockhaus als Honorar für den Druck seines Hauptwerkes “Die Welt als Wille und Vorstellung” – eine symbolische Geste, mehr nicht. Sie wird den Kaufmannssohn, den das väterliche Erbe zeitlebens vor wirtschaftlichen Abstürzen bewahrte, materiell nicht sonderlich getroffen haben; wohl aber seelisch, war doch die Erstveröffentlichung seines opus magnum alles andere als ein Erfolg. Noch Jahrzehnte sollte Schopenhauer im Schatten des damals größten Denkers Europas stehen: Georg Wilhelm Friedrich Hegel – eine Konkurrenz freilich, die der fast eine Generation jüngere Schopenhauer gezielt gesucht und geradezu fanatisch beschworen hat.

“Scharlatan”, “Galimathias”, “Pöbelphilosophie”, “Afterphilosophie” – dies nur eine Auswahl der Verbalinjurien, mit denen Schopenhauer um sich schmeißt, sooft er auf Hegel und dessen philosophisches System kommt. Dessen Weg- und Denkgefährten Fichte und Schelling kommen kaum besser weg, bestenfalls als “Talentmänner” lässt er sie gelten, nicht als eigenständige Denker. Seine Aggression gegen den weltvertrauenden moralischen Idealismus dieser drei motiviert sich aus seinem gnadenlosen, verzehrenden Bewusstsein für das Leiden in der Welt – und für den wesentlichen Anteil, den der menschliche Wille an diesem Leiden hat. In einer grundlegenden Studie schreibt Georg Simmel:

“Die Philosophie Schopenhauers ist der absolute, philosophische Ausdruck für den inneren Zustand des modernen Menschen. Es ist das Zentrum seiner Lehre, dass das eigentliche, metaphysische Wesen der Welt und unser selbst seinen ganz umfassenden und allein entscheidenden Ausdruck in unserm Willen besitzt. Der Wille ist die Substanz unseres subjektiven Lebens, wie und weil das Absolute des Seins überhaupt ein rastloses Drängen, ein stetes Übersichhinausgehen ist, das aber, gerade weil es der erschöpfende Grund aller Dinge ist, zu ewiger Unbefriedigung verurteilt ist.”

Der Wille ist also das eine große Thema in Schopenhauers Philosophie. Das andere ist die Vorstellung, das heißt: das menschliche Erkenntnisvermögen. Getreu seinem Vorbild Immanuel Kant gilt für Schopenhauer, dass die Welt an sich nicht real, sondern nur als Projektion des menschlichen Intellekts da ist: “Die Welt ist meine Vorstellung” – mit diesem berühmten Satz hebt sein Hauptwerk an. Doch Vorstellung ist nicht gleich Vorstellung: Es kommt darauf an, so Schopenhauer, ob sie dem Willen unterworfen ist oder nicht. Ist sie es nicht, gilt der Grundsatz: “Solange wir uns rein anschauend verhalten, ist alles klar, fest und gewiss.” Schopenhauers ganze Philosophie ließe sich als Versuch begreifen, diese ursprüngliche Klarheit und Gewissheit der willen- und interesselosen Anschauung wieder einzuholen. Der Weg dazu heißt: Verneinung des Willens zum Leben.

Spätestens hier zeigt sich, wie unpassend das Etikett “Nihilismus” ist, das man Schopenhauer schon zu Lebzeiten verpasst hat. Denn auch er fragt danach, wie der Mensch glücklich werden kann; seine Antwort lautet: nicht durch Verausgabung des Willens, sondern durch seine Konzentration auf das absolut Notwendige. Seine Philosophie, die auf Entsagung und Selbstgenügsamkeit hinausläuft, greift Elemente der Stoa, des Buddhismus, des Christentums auf. Sie ist – allem Gerede vom Menschenhasser Schopenhauer zum Trotz – nicht gewalttätig, sondern zielt auf Selbstbescheidung. Und deshalb gibt bei ihr die Vernunft nie das Regiment über die Leidenschaften auf. In den Worten Arthur Hübschers:

“Allerdings: Schopenhauer ist kein Gefühlsphilosoph, wie, zu seiner Zeit, Herder oder Jacobi, kein Existentialist wie die Nachfahren Kierkegaards. Er lebt aus dem Herzen, er deckt das Ursprünglichste und Tiefste im Menschen auf, aber er hütet sich, das kritische, ordnende Vermögen zu verwerfen. Er richtet seinen Blick auf allgemeine, zeitlose Wahrheiten und Werte. Die Wesenheit, die essentia, steht ihm vor der Existenz.”

Was das historisch bedeutet, sollte sich ein Jahrhundert später zeigen: Über das eigene In-der-Welt-sein zutiefst verunsichert, weltlos und standlos geworden, lieferten Intellektuelle wie Carl Schmitt, Martin Heidegger oder Ernst Jünger zuerst ihren Intellekt ihren wirren Gefühlen aus, um sich anschließend diesem verwirrten, entfremdeten Intellekt selbst zu unterwerfen. Konvulsivisch phantasierten sie vom “Hochverrat des Geistes gegen den Geist”, waren unfähig und unwillig, im Denkenkönnen selbst die Garantie dafür zu entdecken, dass ihr Leben nicht sinnlos ist; dass es einen ontologischen, seinsmäßigen Horizont hat, in den sie selbst als Menschen eingebettet sind: und so wurden sie bereitwillige Apologeten, ja geistige Mittäter Hitlers und seiner Zerstörungsbewegung. Auf Schopenhauer aber, den so genannten Nihilisten, konnten diese Negativisten sich nie berufen; denn für ihn galt mit Hannah Arendts Worten die Einsicht

“dass der Mensch als ‘Herr seiner Gedanken’ nicht nur mehr ist als alles, was er denkt [ … ]; sondern auch dass der Mensch von vorneherein als ein Wesen bestimmt ist, das mehr als ist als sein Selbst und mehr will als sich selbst.”

Diese großartige Einsicht macht Schopenhauer so attraktiv; und sie rückt ihn in die Nähe Hegels, der, wenngleich von der entgegengesetzten Seite, denselben Punkt im Auge hatte wie Schopenhauer: das zufriedene, friedliche Bei-sich-selbst-Sein des Menschen. Und diese Einsicht war es, die ihn so fundamental von jenem Denker trennt, mit dem er gerne in einem Atemzug genannt wird und der ihn in Deutschland populär machte: Friedrich Nietzsche.

Schopenhauers und Nietzsches Lebensläufe haben Einiges gemein: der berufliche Misserfolg, das Zukurzkommen gegenüber wirkungsmächtigeren Zeitgenossen – Hegel hier, Richard Wagner da –, die lange ausbleibende Anerkennung durch die Öffentlichkeit. Dennoch gibt es einen wesentlichen Unterschied, der in ihrer jeweiligen Philosophie ebenso angelegt ist, wie er sich in ihrer Wirkungsgeschichte abspiegelt: Nietzsche war ein zutiefst unerfüllter Mensch, der seine Unfähigkeit, “blonde Bestie” zu sein, als substanzielles charakterliches Defizit auslegte und darüber wahnsinnig wurde. Schopenhauer aber, bei aller Unleidlichkeit, strahlt doch mit jeder Zeile Ganzheitlichkeit, Sphärenharmonie, ja: Versöhnung aus. Irreführend ist da der Hinweis auf seinen vermeintlichen “Voluntarismus”: Schopenhauers Willensphilosophie ist rein analytisch, metaphysisch, beschreibend; wenn er den Willen, im unausgesprochenen Rückgriff auf den Apostel Paulus und Augustinus, als Leitprinzip des Daseins ausmacht, so leitet er daraus nicht zugleich eine Handlungsmaxime ab.

Dagegen bei Nietzsche, der sich von Schopenhauer nach dem Enthusiasmus der frühen Jahre bald enttäuscht lossagte, ist der Wille Handlungsmaxime, und zwar umso radikaler, je weniger sich Nietzsche und seine Zeitgenossen ihres Willens, ihrer eigenen Lebensfähigkeit noch sicher sind. Anfangs freilich meinte Nietzsche es durchaus Ernst mit seiner Schopenhauer-Begeisterung; in der “Dritten unzeitgemäßen Betrachtung von 1874: Schopenhauer als Erzieher”, preist der Basler Altphilologie-Professor das Werk Schopenhauers als großartiges Beispiel denkerischer Wahrhaftigkeit, im Gegensatz zum verflachenden, Welt und Geschichte unkritisch verabsolutierenden Positivismus seiner fortschrittsbegeisterten Mitwelt.

Doch mit solcher Bescheidenheit, der es um intellektuelle Redlichkeit, nicht um chiliastische Selbstverwirklichung ging, war es bald vorbei – spätestens nach dem Bruch Nietzsches mit Richard Wagner und seinem Kreis. Nietzsche hatte zwar Recht mit seinem Vorwurf, der Eklektiker Wagner benutze den Schopenhauerschen Pessimismus nur als Mäntelchen für einen krassen, schrankenlosen Egoismus, der, fern von aller Entsagung, von Ruhm, Geld und Sex nie genug haben konnte; aber ebenso falsch wie diese Scheinheiligkeit war die Reaktion Nietzsches, der sich selbst immer mehr wie ein Versager vorkam: nämlich vom Missbrauch eines Ideals –Schopenhauers Verneinung des Willens – auf die Falschheit des Ideals selbst zu schließen. Diese Fehlableitung kostete ihn die Gesundheit, geistig und körperlich, und auch einen guten Teil seiner historischen Reputation.

Zwischen Schopenhauer und Nietzsche, daran hat Georg Simmel zu Recht erinnert, lag Charles Darwin. Die von diesem eingeführte unselige Tendenz, Trivialitäten des natürlichen Daseins zu existenziellen Maximen zu überhöhen, hat niemand so ins Extrem gesteigert wie Nietzsche mit seinem ekstatischen Anruf an die Zeitgenossen, zum weltumstürzenden Übermenschen zu werden. Schopenhauers Willensethik will aber das genaue Gegenteil hiervon. Bernhard Taureck:

“Auflösung der Philosophie besagt bei Schopenhauer Nachweis der Illusion der bisherigen Philosophie und Übergang in das Freiwerden vom Willen. Beides geschieht so: Im Ich, im Selbstbewusstsein eines jeden Menschen, wird sich die Welt als etwas bewusst, was sich in Raum und Zeit nicht zeigt: Die Tatsache, dass die Welt blinder Wille ist. Es gibt Möglichkeiten, von diesem Willen freizukommen [ … ]. Dies sind für Schopenhauer vor allem die Erfahrungen der Buddhisten mit jener Metapher ‘Nirwana’, das ‘Verwehen’ bedeutet.”

“Wer verzweifelt stirbt”, so schrieb einst Adorno, “dessen ganzes Leben war umsonst” – auf Nietzsche, den Enttäuschten, Gebrochenen und schließlich geistig Umnachteten, mag man das mit Recht anwenden; auf Schopenhauer dagegen kaum. Auch täuscht man sich, will man das Versöhnliche seines Denkens erst in seinen späten Schriften wahrnehmen; nein: schon in den jugendlich-zornigen Anfängen seines Werkes ist diese Tendenz angelegt. Ja, es stimmt, der Autor der “Welt als Wille und Vorstellung” verstand sich, so überspannt wie selbstbewusst, als der Anti-Hegel.

Doch, um mit Hegel selbst zu reden, Schopenhauers Negation Hegels war eine konkrete, keine abstrakte; sie war rebellisch, aber nicht revolutionär, und im Rebellieren bereits fand sich die Seinsverleugnung Schopenhauers aufgehoben und behütet in der Seinsvergötterung seines Antipoden Hegel. Denn ob Verleugnung oder Vergötterung: Für beide, Hegel und Schopenhauer, steht das Sein als Horizont des menschlichen Denkens und damit der menschlichen Existenz im Grunde fest und unumstößlich.

Schopenhauer ist der Hegel für den Hausgebrauch, ist gleichsam die praktische Vernunft des Weltgeistes; die “Welt als Wille und Vorstellung” mit ihrem wundervollen essayistischen Schneid scheint für jene geschrieben, denen die “Phänomenologie des Geistes” mit ihrem esoterischen Schwulst zu kompliziert ist. Unter dem Schleier von Pessimismus und Grantigkeit zeigt sich: Schopenhauers Nihilismus ist in Wahrheit ein Pseudo-Nihilismus, der sich die Maske von Hegels Seinsphilosophie aufgesetzt hat; zum echten fehlt ihm der negativistische Gehalt, die Haltung unbedingter Auflehnung. Er will nicht die Welt besser machen, sondern findet sich damit ab, wie sie ist; er empfiehlt weder Selbstmord noch Mord, sondern Rückzug und Verzicht. Dem dröhnenden, aber ohnmächtigen Triumph des Willens setzt er den stillen, gefassten Sieg der Entsagung entgegen.

Hieran liegt es, warum zwar Nietzsche, niemals aber Schopenhauer vor den Karren Hitlers und seines weltfeindlichen Destruktivismus gespannt wurde. Der im Grunde gemütliche alte Mann, der schon als Knabe nicht wirklich jung war, hatte mit der “Welt als Wille” die Metaphysik gefunden, die seiner von Vater- und Mutterkomplexen aufgestörten Seele den ersehnten und nötigen Halt bieten konnte; sein Intellekt dabei, dies der Unterschied zum späteren Existenzialismus, blieb zeitlebens klar, wovon gerade die nie getrübte Konstanz und Bravour seines Stils eindrücklich zeugen. Rüdiger Safranski:

“Schopenhauer hat vom Leib, vom Willen, vom Leben gesprochen ohne Messianismus. Unser Leib wird uns nicht erlösen, unser Wille auch nicht. Er hat die Ohnmacht der Vernunft gegenüber dem Willen drastisch gezeigt. Aber er war ‘der rationalste Philosoph des Irrationalen’ [ … ]. Er wusste: Man muss dem Schwächeren beistehen, der Vernunft. Für die Torheit, den Willen, diesen Riesen, zu sich selbst befreien zu wollen, hatte er nur Verachtung übrig.”

Diese souveräne, grandseigneurale Verachtung, die das Gegenteil ist von blindem Hass und ohnmächtiger Verzweiflung, hat Schopenhauers Nimbus über Zeiten hinweggerettet, die sich in morbidem, weltsüchtigem und dabei jugendlichem Überschwang jeder Altersweisheit überlegen wähnten. Paradoxerweise war Schopenhauer weniger unter seinen frühen Zeitgenossen, den Idealisten und Jüngern Kants, ein Außenseiter, als unter denen, die nach ihm kamen und noch in den beiden Weltkriegen ihren Fatalismus und Negativismus gern mit der Fassade seines so genannten “Pessimismus” drapierten. Arthur Hübscher:

“Schon in der gängigen ‘Philosophie des Untergangs’ stand Schopenhauer merkwürdig abseits. [ … ] Die Aufgabe der Propheten schien erfüllt. Sie hatten die Überlieferungen von Jahrhunderten wachgehalten, und ihr Wissen um die Zukunft war immer aus dem Wissen um das Überzeitliche gekommen. Die Angst der Zeit aber, eine drängende, einmalige, unwiederholbare Angst, die nichts mehr war als sorgende Gegenwärtigkeit [ … ], ohne Rückhalt im Vergangenen, – hätte sie bei ihnen noch Trost und Warnung holen können?”

Wohl kaum. Aber nicht, weil Schopenhauer nicht auch die Qualitäten eines philosophischen Trösters in sich hätte; die hat er gewiss, und in besonderem Maße; sondern weil die existenzialistische Generation sich schlicht nicht mehr trösten lassen wollte. Der epochemachende und epochenzerstörende Impetus des politischen Existenzialismus war zum großen Teil Trotz, verschleppte Infantilität, verspätete Adoleszenz, die sich nicht damit abfinden mochte, dass ihre Generation, nach zwei Revolutionen, inmitten von Freiheit und Wohlstand, von der ewigen, höllisch komplizierten Aufgabe des Nachdenkens nicht mehr durch einen leichten, flotten Schlachtentod oder Liebestod erlöst wird. Den geistesgeschichtlichen Gegensatz zwischen der Generation Hegels und Schopenhauers und jener Kierkegaards und Nietzsches brachte der große Karl Löwith in einer schönen Parabel zum Ausdruck:

“Die Alten leben nicht wie die Jünglinge in einer unbefriedigten Spannung zu einer ihnen unangemessenen Welt und im ‘Widerwillen gegen die Wirklichkeit’; sie existieren auch nicht in der männlichen ‘Anschließung’ an die wirkliche Welt, sondern wie Greise sind sie, ohne jedes besondere Interesse für dies oder jenes, dem Allgemeinen und der Vergangenheit zugewandt, der sie die Erkenntnis des Allgemeinen verdanken. Dagegen ist der Jüngling eine am Einzelnen haftende und zukunftssüchtige, die Welt verändern wollende Existenz, die uneins mit dem Bestehenden Programme entwirft und Forderungen erhebt, in dem Wahn, eine aus den Fugen geratene Welt allererst einrichten zu sollen. [ … ] Den Schritt zur Anerkennung dessen, was ist, vollzieht die Jugend nur notgedrungen, als schmerzlichen Übergang ins Philisterleben. Aber sie täuscht sich, wenn sie dieses Verhältnis nur als ein solches der äußern Not versteht und nicht als vernünftige Notwendigkeit, worin die von allen besonderen Interessen der Gegenwart freie Weisheit des Alters lebt.”

Doch die “Alten” – man mag dies bedauern oder nicht – behalten am Ende Recht. Und ist es ein Zufall, dass ausgerechnet die Exponenten der beiden großen revolutionären philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts, Heidegger und Max Horkheimer, am Ende ihres Lebens zu Schopenhauer zurückfinden? Offen bekannt hat dies freilich nur Horkheimer. Doch auch die Texte des späten Heidegger, seine Rede vom “Seyn” – mit Ypsilon –, dem man sich überlassen müsse, atmen den Geist Schopenhauerscher Besinnung, in der das Gewühle des Willens, körperliches und geistiges Begehren, zur Ruhe kommt. Schopenhauers Denken zeigte sich in der Tat, wie es Adorno mit Spitze gegen Heidegger forderte, “solidarisch mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes”.

Noch etwas anderes unterscheidet Schopenhauer von seinen Nachfolgern: Seine Untauglichkeit zum Guru. Freilich zeigt er sich in seinem Werk oft eingebildet, meistens gekränkt und immer von sich selbst überzeugt. Doch wenn er jemals an der Ruhmsucht litt, so hat ihn die Nichtbeachtung durch die Mitwelt in seinen frühen Jahren davon geheilt. Für die Idolatrien Richard Wagners, der in den 1850er-Jahren voller Begeisterung den Kontakt zu ihm suchte, hatte er gar nichts übrig. Rüdiger Safranski:

“Schopenhauer war kein Buddha, und zu seinem Glück zwang er sich auch nicht dazu, es werden zu wollen. Klug ist er jener Tragödie ausgewichen, die darin besteht, dass einer versucht, den eigenen Inspirationen, den eigenen Einsichten hinterherzuleben. Schopenhauer hat sich nicht mit sich selbst verwechselt. Denn es geht nicht gut aus, wenn man versucht, sich selbst beim inspirierten Wort zu nehmen, versucht, es zu ‘verwirklichen’, ‘umzusetzen’, ‘anzueignen’. Man sollte das Selbst geschehen lassen. Selbstgeschehenlassen und nicht Selbstaneignung ist das Geheimnis des Schöpferischen.”

Von hier ist es allerdings nicht mehr weit zur “Gelassenheit” des späten Heidegger oder zum taoistischen “Seinlassen”, das Jaspers in seinen Metaphysikern vor dem historischen Horizont eines hysterisch-destruktiven Aktivismus heraufbeschwört. Doch wie soll, oder besser: wie kann er aussehen, dieser “gelassene”, das Sein zulassende und sich darauf verlassende Mensch? Schopenhauer selber gibt eine Beschreibung:

“Ein solcher Charakter wird demnach die Menschen rein objektiv betrachten, nicht aber nach den Beziehungen, welche sie zu seinem Willen haben könnten: er wird zum Beispiel ihre Fehler, sogar ihren Hass und ihre Ungerechtigkeit gegen ihn selbst, bemerken, ohne dadurch seinerseits zum Hass erregt zu werden; er wird ihr Glück ansehen, ohne Neid zu empfinden; er wird ihre guten Eigenschaften erkennen, ohne jedoch nähere Verbindung mit ihnen zu wünschen; er wird die Schönheit der Weiber wahrnehmen, ohne ihrer zu begehren. Sein persönliches Glück oder Unglück wird ihn nicht stark affizieren.”

So fanden antike Weltweisheit und christliche Entsagungsethik, buddhistische Selbstauflösung und taoistisches Nichthandeln, scholastische Seins-Logik und idealistische Versöhnung mit der Welt zur späten Synthese. In Schopenhauers Denkgebäude kann sich jeder zurückziehen: Dem jugendlichen Sinnsucher bietet es ebenso viel Erhellung, wie dem alternden Sinnskeptiker Freude am Gedankenspiel; es verheißt Selbstvergewisserung ebenso wie Seinsgewissheit– kein schlechtes Erbe in einer Zeit, die nicht mehr nur, wie einst 1848, alles infrage stellt, sondern die spätestens 1945 aufgehört hat, überhaupt Fragen zu stellen. Und Schopenhauers Philosophie ist die letzte große Philosophie, die klare Antworten gibt, deren Klarheit nicht nur ein Tarnname für Verzweiflung oder Brutalität ist. “Verneinung des Willens zum Leben” ist nicht das gleiche wie “Verneinung des Lebens” – dieser feine Unterschied macht den ganzen Schopenhauer und gibt ihm seine Würde. Rüdiger Safranski:

“Die Schopenhauersche Philosophie ist doppelbödig. Sie lässt sich auf die Pragmatik des Lebens und der individuellen Selbstbehauptung ein und erklärt zugleich, dass es ‘eigentlich’ nichts sei mit dem Individuum, dass es ‘eigentlich’ nichts sei mit dem Leben überhaupt, dass ‘eigentlich’ alles eins sei. Diese Doppelbödigkeit war es, die [ … ] auf die Künstler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis heute gewirkt hat. Sie spricht einen ästhetischen Sinn an, eine ästhetische Haltung zum Leben. Sie gibt dem Lebensernst die Grundierung des Nichtigen. Jeder muss zwar ‘im großen Marionettenspiel des Lebens doch mitagieren [ … ]; jedoch vergönnt ihm die Philosophie einen Blick auf das Ganze des Theaters. Für Augenblicke hört man auf, Akteur zu sein, und wird zum Zuschauer [ … ]: unbeteiligtes Sehen, ohne in den blind machenden Ernst verwickelt zu sein.”

Dieser Text wurde erstmals am 19. September 2010 anlässlich des 150. Todestages Arthur Schopenhauers im Deutschlandfunk ausgestrahlt.

Bild: Ludwig Sigismund Ruhl: Arthur Schopenhauer, 1815

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Geschichte, Historischer Essay

Die totale Negation. Hitler und der deutsche Nihilismus

Hitler, der aus engsten Verhältnissen zum Lenker des Kontinents aufgestiegen war, ging es um nichts Geringeres, als die Welt nach seinem Willen einzurichten, ohne Kompromisse und Rücksichten. Dieser Plan war in der Tat einzigartig. Weder Caesar noch Napoleon hätten sich angemaßt, diese Welt, in der wir leben, zu verneinen und an ihre Stelle etwas Neues setzen zu wollen. Auch die großen ideologischen Bewegungen wie etwa der Sowjetkommunismus, haben irgendwann in ihrer Entwicklung ihre extremistischen, manichäischen Ursprünge hinter sich gelassen und sich darauf beschränkt, in der Realität, wie der Mensch sie vorfindet, die punktuellen Änderungen in Staat und Gesellschaft vorzunehmen, die ihrem jeweiligen Dogma entsprachen. Niemals geschah das ohne Gewalt, selten mit dauerhaftem Erfolg; immer aber ging man, bei allen sonstigen Differenzen, von einer gemeinsamen Prämisse aus: Das menschliche Dasein zu erhalten und nach den Vorgaben der eigenen ideologischen Grundsätze zu verbessern. Die großen Ideologien haben viel Gewalt und Elend hervorgebracht; dennoch waren sie im Grundsatz lebensbejahend, bekannten sich also zum Sein, das ihnen zwar nicht vollkommen, aber doch irgendwie hinnehmbar erschien.

Hitler aber ging gegen das Sein selbst vor und dieser Plan musste notwendig im Verbrechen enden. Denn niemand, der selber nur als Teil der Welt geboren wird, ist imstande, sie nach seinen individuellen Wünschen vollständig umzuformen. Wer es dennoch versucht, erfährt schnell die Enttäuschung, dass auch er den Zwängen der Existenz unterworfen ist. Hitler, von einer unsäglichen Hybris besessen, war auf diese Weise von der Welt enttäuscht und richtete demnach seine ganze Energie darauf, an ihr furchtbar Rache zu nehmen. Als dieser Rachefeldzug gegen die Welt ist der Vernichtungskrieg anzusehen, vor allem aber der Holocaust. Indem er beide zur Ausführung brachte, brach Hitler mit jeder Tradition, mit jeder Vergangenheit, auch mit jeder ideologischen Utopie, die sich ja oftmals dadurch auszeichnet, dass sie sich an dem Ideal einer vergangenen besseren Epoche orientiert.

Hannah Arendt hat vom Holocaust als dem Menschheitsverbrechen gesprochen. Gegen das Ganze, gegen die ganze Menschheit ging Hitlers wahnhaftes Verlangen, entweder alles nach ihm auszurichten oder aber alles in den Abgrund zu stürzen. Diese beiden Momente bedingen einander wechselseitig; am Ende aber siegt immer die Verneinung, so auch bei Hitler. Den Weltlauf kann kein Individuum zurechtbiegen; wer es dennoch unternimmt, wird zum Verbrecher, und Hitler hat als Verbrecher von monumentaler Wirkungsmacht in der Geschichte seine Spur hinterlassen. Durch ihn kam es zu einer in der europäischen Geschichte beispiellosen Zivilisationskatastrophe; durch ihn erlebte die Schöpfung selbst, wie es der Schriftsteller Rolf Hochhuth formulierte, ihren Schiffbruch.

Im Bewusstsein dieser singulären Stellung Hitlers in der Weltgeschichte verwundert es, dass zwar der Nationalsozialismus durchaus in den geistesgeschichtlichen Kontext eingeordnet worden ist, die Person Hitler hingegen bei dieser Einordnung bislang nicht immer voll berücksichtigt wurde. Dabei würde erst diese Einordnung die ganzheitliche Wertung einer Biographie ermöglichen. Bezieht doch zum Beispiel Napoleon seine überragende historische Größe daher, dass er nicht nur politischer Gestalter seiner Zeit war, sondern ihre Symbolfigur. Deshalb konnte er mit Dostojewski und Nietzsche als maßgebende Persönlichkeit des neunzehnten Jahrhunderts gelten – eine Einschätzung, die beispielsweise auf Metternich und Bismarck keine Anwendung fand, die als Staatsmänner, aber eben nur als Staatsmänner, gewiss richtunggebend für ihre Zeit gewirkt haben.

Auch Hitler ist so eine maßgebende Persönlichkeit, Symbolfigur seiner Zeit, die eine Zeit des Umbruches war. Wie kein Zweiter vereinigte er die Erwartungen seines Zeitalters in sich; wie keinen Zweiten aber beherrschte ihn jenes Gefühl, das immer die Mentalität der Menschen an epochalen Umbrüchen bestimmt hat: Die Angst. Angst vor dem Sein und vor der Welt ist die wesentliche charakterliche Auszeichnung Hitlers wie die seiner Epoche, die keinen unvermittelten Bezug zur Vergangenheit mehr kannte. Die so genannte „gute alte Zeit“ politischer und wirtschaftlicher Stabilität war ihr durch das Trauma des Ersten Weltkrieges ebenso fremd geworden wie der Fortschrittspositivismus in Geschichtswissenschaft und Philosophie des späten neunzehnten Jahrhunderts. Die Menschheit, die in den Schützengräben Flanderns ihre „letzten Tage“ erlebt hatte, war heimatlos; nicht nur Gott, auch die Vernunft hatte ihre Rolle als unanfechtbare Instanz verloren.

Keine Nation in Europa empfand damals größere Angst als die Deutschen. Die besondere Intensität ihres Leidens an der Gegenwart leitete sich von dem eigentümlichen Defizit ab, auf keine glänzende Tradition zurückblicken zu können. Der „verspäteten Nation“, wie Helmuth Plessner sie nannte, fehlte das historische Erfolgserlebnis; und als innerlich nicht nur zerstrittener, sondern auch niemals in der neuzeitlichen Vergangenheit irgendwie geeinter Gesellschaft fehlte ihr auch die Erinnerung, wenigstens früher einmal ein glückliches Ganzes gewesen zu sein. Die Suche nach der verlorenen Zeit, der Roman der Aussöhnung des Menschen mit der Gegenwart im Gedenken an eine frühere Identität, wurde in Frankreich geschrieben, dessen im Ursprung nicht weniger extremistischer Faschismus schließlich ins Leere lief.

Deutschland stand also nicht nur vor der Zukunft, sondern auch vor der Vergangenheit ohne Hoffnung da. So kam es, dass sich der revolutionäre Bruch der Weltkriegsepoche gerade hier in katastrophalen Bahnen vollzog. Denn ganz Europa ging damals, wie zuvor in der Spätantike und im ausgehenden Mittelalter, einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Weltkriegsepoche bereitete der bislang letzten Form von Glauben, dem postrevolutionären Vertrauen in die menschliche Vernunft, ein Ende. In Deutschland aber waren die Fundamente der alten Ordnung so schwach herausgebildet, dass nur hier die Angst, die alle europäischen Nationen erfasste, hysterische, ja manichäische Züge annahm; sowohl Frankreich als auch die späterhin faschistischen Staaten wie Spanien und Italien hatten sich eine zumindest rudimentäre Orientierung an ihrer vergangenen nationalen Größe und Ordnung bewahrt; in Deutschland allein aber, das mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg allen Glauben an sich selbst verloren hatte, gedieh der Nährboden für einen so voraussetzungslosen, keine moralischen Grundsätze achtenden Machtwillen, wie er im Nationalsozialismus zur Entfaltung kommen sollte. Daher geriet hier der Epochenbruch zur Zivilisationskatastrophe mit Hitler als Hauptfigur, dem entwurzelten, voraussetzungslosen Kleinbürger.

Der Philosoph Emile Cioran hat einmal von „zusammengebrochenen Horizonten“ gesprochen. Die Formulierung trifft exakt die Stimmung, die Hitler und seine deutschen Zeitgenossen in ihrem Verhältnis zum Vergangenen prägte und aus der er seine politische Motivation her bezog. Die Vergangenheit mit ihrer Religion und ihrer Ratio war abgetan, wertlos; man wollte etwas ganz Neues, suchte den Aufbruch in die eigentliche, die richtige Existenz. Diese Suche nach dem absoluten, dem eigentlichen Sein wurde damals, nach dem Zusammenbruch von 1918, politisch aktuell; im europäischen Geistesleben hatte sie indes schon einhundert Jahre zuvor begonnen.

Hitler war nicht nur im chronologischen Sinne ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts. Die entscheidenden Motive in seiner persönlichen und politischen Laufbahn, die auszeichnenden Momente seines Charakters entstammen allesamt der Gedankenwelt des postrevolutionären Zeitalters. Dies war in erster Linie das Zeitalter der Verneinung, geprägt von einem unbändigen Widerwillen gegen ein Dasein voller Widersprüche, gegen eine entfremdete Welt; vor allem aber geprägt von einem grenzenlosen Hass auf die im Ursprung fehlerhafte Natur des Menschen selbst. Das sind die Grundmotive der absoluten Verneinung, die im Nihilismus Nietzsches ihre philosophische, in der Vernichtungspolitik Hitlers ihre politische Vollendung finden sollte. Diese Motive kündigten sich schon früh im romantischen Zeitalter, in unmittelbarer Nachbarschaft zur klassischen Weltanschauung, an.

Goethe und Hegel, die beiden großen Denker der klassischen Epoche, hatten danach gestrebt, in der Welt, so schlecht sie auch sein mag, eine Heimat zu finden. Nicht dass sie das Übel in der Welt geleugnet hätten; es war ja gerade der Sinnstifter der Aufklärungsphilosophie, Immanuel Kant, der die polare, die antinomische Grundstruktur der Welt offen gelegt hatte. Die Entscheidungsfreiheit des Menschen, so Kant, eröffne ihm die Wahl zwischen den feindlichen Gegensätzen, von denen der eine niemals ohne den anderen bestehen kann. Zugleich aber begründete er gerade auf der Erkenntnis des grundsätzlichen Widerspruches in unserer Existenz den Vorrang des moralischen Gesetzes, dem der Mensch als verantwortliches, weil intellektuell begabtes Lebewesen verpflichtet sei: Kant hatte mit seiner umfassenden Kritik der klassischen Metaphysik einerseits den Boden für den Irrationalismus des neunzehnten Jahrhunderts bereitet; indem er aber die Pflicht zum sittlichen Handeln in Form seines kategorischen Imperativs zur obersten Maxime erhob, rettete er gleichsam die Philosophie vor dem Abgleiten in einen heillosen Skeptizismus und Nihilismus. Wie wenige andere war sich der Königsberger Philosoph darüber klar, in welche Abgründe der Hader mit der Negativität den Menschen führen kann. Goethes Werther, der sich am Widerspruch der Welt gleichsam den Schädel einrennt, ist für diese abgründige Gefahr ebenso Zeugnis wie das Werk des Marquis de Sade, dessen Helden allesamt enttäuschte Idealisten sind, die nur noch die Negativität sehen und ihr Heil in einem verbrecherischen Nihilismus suchen.

Verbrechen und Selbstmord sind aber keine Auswege. Das achtzehnte Jahrhundert hatte, nicht zuletzt unter dem Eindruck des Erbebens von Lissabon, Grund genug gefunden, an dieser Welt zu verzweifeln; doch es erkannte zugleich die ungleich größere Gefahr, die vom Nihilismus ausging, der den verzweifelten Denkern wie nachmals Friedrich Nietzsche zum Grundsatz wurde. Es galt, sich mit der Negativität abzufinden, wollte man das Sein nicht völlig aufgeben und zum Verbrecher an sich selbst und den anderen werden.

Goethe und Hegel gingen den von Kant eingeschlagenen Weg zu Ende. Ihr Ziel war die Überwindung des Negativen in seiner Anerkennung. Sie sahen das Schlechte in der Welt, aber indem sie es als Teil eines großen und notwendig guten Ganzen begriffen, kamen sie darüber hinweg. Das klassische Denken hatte sich mit der Negativität abgefunden. Das Denken der Romantik aber sollte sich in eine ganz andere, fatale Richtung entwickeln.

Es war Arthur Schopenhauer, der große Antipode der Hegelschen Weltbejahung, der in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ eigentlich nur einen wesentlichen Gedanken zur Ausformung brachte: dass diese Welt, in der wir leben, besser nicht sei. Dementsprechend dachte man im antiklassischen neunzehnten Jahrhundert das Sein wesentlich vom Nichts her, das Leben vom Tod; das Leben war, mit dem Wort Chateaubriands, nur mehr das „Jenseits des Grabes“. Zu dieser Geringschätzung des Lebens kam der Wille zur definitiven existenziellen Entscheidung, der sich als fatalistisches Leitmotiv zuerst bei Kierkegaard, dann bei Nietzsche ausdrücken sollte.

Es sollte nicht als pseudowissenschaftliche Assoziation genommen werden, dass einerseits das Hauptwerk des dänischen Existenzphilosophen den Namen Entweder-Oder trägt und dass andererseits Adolf Hitler genau dieses Entweder-Oder zu seinem Grundsatz machte. Joachim Fest hat von einem „Vernarrtsein“ des Diktators in ausweglose Lagen gesprochen. In eben eine solche ausweglose Lage hatte sich aber Kierkegaard hinein manövriert, als er in infantiler Sturheit auf den unendlichen Unterschied zwischen Mensch und Gott hinwies und daraus die Forderung nach der endgültigen Emanzipation des Menschen von der Vorstellung Gottes, das hieß: von sich selbst ableitete. Der neue Mensch, so war Kierkegaards und Nietzsches Gedanke, würde selbst die Stelle Gottes einnehmen, würde endlich die volle Existenzmacht haben, nicht mehr „ins Ungewisse hinab“ fallen, wie es Friedrich Hölderlin beklagte, der selber an seinem unerfüllbaren Anspruch an das Sein wahnsinnig wurde – wie übrigens auch Kierkegaard und Nietzsche.

Das persönliche Schicksal dieser drei Denker illustriert die dem romantischen Denken eigentümliche Fatalität und Ausweglosigkeit: Da sie als Menschen (selbstverständlich) nicht Gott sein konnten, wurden sie verrückt. Hitler aber, der natürlich nicht die ganze Welt haben, der natürlich nicht den neuen Menschen erschaffen konnte, wurde zum größten Menschheitsverbrecher der Weltgeschichte.

Das romantische Denken, insoweit es auf der Ablehnung der Welt überhaupt beharrte, blieb in seiner fatalen Vernarrtheit in Tod und Verneinung bei der Negativität stehen und sollte schließlich an ihr scheitern. Der Vollstrecker dieses Scheiterns im Politischen heißt Adolf Hitler.

Wie aber, wird man nun fragen, äußert sich Hitlers Verneinungswahn konkret? Gewiss, wird man einwenden, Hitler hat den Holocaust veranlasst, und auf sein Geheiß praktizierten die deutschen Behörden in den eroberten Ostgebieten einen barbarischen Besatzungsterror. Gewiss trägt er die Verantwortung für die erbarmungslose Vernichtung von Millionen unschuldiger Menschen, was nicht nur ein zutiefst amoralisches, sondern auch völlig sinnloses Unternehmen war. Das alles sind Indizien für eine nihilistische Motivation. Was aber liegt jenseits dieser allzu deutlichen Äußerungen seiner Wahnideen? Nicht etwa doch das Ideal eines zwar rassistischen und zivilisationsfernen, aber dennoch irgendwie geordneten, systematisch durchorganisierten Nazireiches, gebaut auf den Fundamenten rassischer Auslese, Helotisierung der Schwachen und zügelloser Gewaltherrschaft der neuen „Herrenrasse“? Lässt sich nicht doch ein Hitlerstaat nach einem für Deutschland siegreichen Zweiten Weltkrieg vorstellen, etwa mit den schaurig-realistischen Zügen, die ihm der Romanautor Robert Harris in seinem Buch „Fatherland“ verliehen hat? Musste der Weg Hitlers, wie es hier behauptet wird, unweigerlich in Tod und Untergang führen?

Untergang – unter diesem Titel versammelte der Historiker und Publizist Joachim Fest seine Betrachtungen zum Zusammenbruch des Dritten Reiches, deren Auswertung zur Klärung dieser Fragen beitragen kann. Fest zeigt, wie wenig Hitler nicht nur für seine erklärten Todfeinde, allen voran die Juden, sondern auch für sein eigenes Volk empfand. Der berühmte Nerobefehl, in dem der Diktator im März 1945 die buchstäbliche Verwüstung des eigenen Landes anordnete, ist zugleich Ausdruck der Preisgabe des eigenen Volkes. Hitlers Verantwortungslosigkeit, die schon sein erster Biograph Konrad Heiden als fundamentalen Charakterzug erkannt hatte, war von universeller Natur. Das zeigt sich nicht erst gegen Ende des Krieges. Schon die Umstände, unter denen Hitler ihn heraufbeschworen und entfesselt hatte: die leichtsinnige diplomatische Isolation, die bewusste Förderung eines Krieges gegen eine Welt von Feinden, die stillschweigende Inkaufnahme einer Niederlage, die der Überfall auf Russland, den nie bezwungenen Nachbarn im Osten, bedeuten musste – all dies zeugt von der heimlichen Orientierung an einem irrationalen Radikalismus, der auf nichts Rücksicht nahm.

Hitler hatte gewiss oft die Rolle des vernünftig kalkulierenden Machtpolitikers gespielt und so manchen Beobachter damit über seine wahren Absichten getäuscht. Tatsächlich aber ging es ihm um ein weltumfassendes Projekt: Alles oder nichts.

Die Indizien hierfür sind in ihrer Vielzahl geradezu erdrückend. Ein gleichsam klassischer Topos ist der für militärische Einkreisungssituationen typische Befehl, bis zum letzten Mann weiterzukämpfen und gerade in absolut aussichtslosen Situationen keinen Fußbreit Boden aufzugeben, es sei denn um den Preis völliger Vernichtung. Die fatale Konsequenz, die diese Haltung im Falle der Sechsten Armee in Stalingrad hervorrief, ist hinlänglich bekannt. Ein Gegenbeispiel mag illustrieren, wie ernst es Hitler um das radikale Entweder-Oder war: Als sich Paul Hausser, damals Befehlshaber eines SS-Panzerkorps, entgegen dem ausdrücklichen Führerbefehl im Frühjahr 1943 aus dem ukrainischen Charkow zurückzog, um seinen Männern einen sinnlosen Opfergang zu ersparen, erlitt Hitler einen heftigen Wutanfall. Dabei war dieser Rückzug ein überaus geschicktes Manöver! Die Russen besetzten kampflos die Stadt, worauf Hausser seinerseits aus einer sicheren Position zum Angriff überging und die Schlacht gewann. Der SS-General hatte seinem Führer eine Stadt erobert und dabei den Vormarsch der Roten Armee für Monate zum Erliegen gebracht. Die Berichte über Hitlers Stimmung im Anschluss an diesen Vorgang lassen indes vermuten, es wäre ihm lieber gewesen, das Panzerkorps hätte in der Stadt ausgeharrt und wäre in einem fatalistischen Hauen und Stechen auf Leben und Tod zugrunde gegangen, ähnlich wie die Soldaten des Feldmarschalls Paulus an der Wolga zwei Monate zuvor.

In solchen Episoden zeigt sich der irrationale, um Lebenserhaltung unbekümmerte Charakter der Hitlerschen Politik. Der Historiker Sebastian Haffner hat mit Recht darauf hingewiesen, dass Hitler nur Waffenstillstände kannte, keine Friedensverträge. Das Erreichbare widerte ihn an, das Unmögliche aber reizte seine weltflüchtige Phantasie: Als es im Sommer 1941 so aussah, als würde die gerade überfallene Sowjetunion dem Ansturm dreier deutscher Heersgruppen erliegen, befahl Hitler seinem Stabschef Jodl, Aufmarschpläne für Persien und Indien auszuarbeiten. Ein Einhalten gab es für ihn nicht. Auch die sechs Friedensjahre sind nur als Vorbereitungsstadium des Krieges zu verstehen. Und wenn Hitler vor Kriegsausbruch gestorben wäre, hätte Deutschland faktisch ohne Verwaltung und wirtschaftlich ruiniert dagestanden.

Das augenfälligste, historisch bedeutsamste Indiz für Hitlers nihilistischen Grundimpuls ist jedoch der Holocaust. Lange ist nach dem berühmten ungeschriebenen Befehl zur Judenvernichtung geforscht worden. Verschiedentlich wurde versucht, Hitlers unmittelbare Verantwortung für den Genozid in Abrede zu stellen. Indes kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Judenmord, Hitlers Lieblingsgedanke, auch auf seinen ausdrücklichen Befehl zurückgehen muss. Bezeichnenderweise setzt er zu einem Zeitpunkt ein, als der Krieg im Stillen bereits entschieden ist: Um den Jahreswechsel 1941/42 beginnt die SS mit dem planmäßigen Morden in den Gaskammern; und genau um diese Zeit scheitert die deutsche Offensive vor Moskau, während die Rote Armee ihre Front stabilisiert und die Vision eines schnellen deutschen Sieges zunichte macht. Dass bereits damit Hitlers Pläne zur Eroberung neuen Lebensraumes obsolet geworden sind, erkannten hellsichtige Beobachter schon damals. Zudem waren im Dezember 1941 die USA unter Roosevelt in den Krieg eingetreten, übrigens nach einer deutschen Kriegserklärung. Hitler hatte sich und Deutschland in die ausweglose Lage schlechthin hinein manövriert. Und gerade jetzt, wo er nichts mehr zu verlieren hatte, konnte er auch seinem manischen Hass auf das Judentum, in dem er gleichsam die Personifikation des von ihm so erbittert bekämpften Weltwiderspruches sah, freien Lauf lassen und seinen fürchterlichen Vernichtungsplan ins Werk setzen. „Juda“ sei die „Weltpest“ ließ Hitler mehr als einmal verlauten, und viele seiner Äußerungen deuten darauf hin, dass er sich in der weltgeschichtlichen Pflicht sah, einen imaginären Heilsplan durch den Kampf gegen die Juden zur Vollendung zu bringen.

Auf Deutschland bezogen bedeutete dies aber eine weitere Verschlechterung und Radikalisierung der Lage. Nun saß es, mit einem viel gebrauchten Wort der Goebbelspropaganda, wirklich mit Hitler in einem Boot, nun gab es kein Zurück mehr. Alle momentanen Triumphe, die Hitlers Heerführer in der Folgezeit noch erstreiten sollten – so Rommel 1942 in Nordafrika –, würden an der Tatsache nichts ändern, dass Deutschland von nun an dem Untergang geweiht war.

Es kann vor diesem Hintergrund kein Zweifel bestehen, dass Hitlers eigentliche Ideologie auf einem radikalen, voraussetzungslosen Nihilismus basierte, der das Leben, das Sein prinzipiell verneinte. Deshalb lässt sich ein Hitlerdeutschland als Ordnung stiftende Hegemonialmacht nicht vorstellen. Es entsprach der ursprünglichen, manichäischen Utopie des Nazismus, dass er alles, wirklich alles in Scherben schlagen wollte. Nach diesem Endziel, mit seinem eigenen Wort: nach dieser Endlösung strebte Hitler von Anfang an.

Adolf Hitler ist der große Verneiner in der Geschichte. Hierin liegt seine schreckliche Einzigartigkeit. Grausame Herrscher, so hat es Sebastian Haffner gesagt, hat es viele gegeben; gewaltlose Herrscher, wie wir ergänzen müssen, so gut wie gar nicht. Dennoch liegt der fundamentale Unterschied zwischen Hitler und den Fürsten, Feldherren und Staatsmännern Europas in seiner Unfähigkeit, der politischen Existenz und der ideologischen Utopie irgendeine Form zu geben. An diesem wesentlichen Mangel muss jeder Versuch der Gleichstellung scheitern, er mag sich auf noch so viele punktuelle Übereinstimmungen berufen.

In jüngster Zeit sind in einer neuen Napoleonbiographie vom Historiker Volker Ullrich die despotischen Züge in der Herrschaft des Franzosenkaisers verstärkt in den Blickpunkt gerückt worden; gewiss nicht zu Unrecht. Aber dennoch wird die Aussage eines anderen Biographen des großen Korsen hierdurch nicht angefochten: André Maurois, der seine rühmende, aber nicht unbedingt hagiographische Monographie mit der Feststellung schließt, Frankreich sei von Napoleons Hand geformt worden. – Genau diesen Satz aber – er gilt genauso für Alexander den Großen, für Friedrich von Preußen und sogar noch für den Tyrannen Stalin –; diesen Satz wird man von Hitler niemals sagen können.

Hier, am Begriff der Formgebung, lichtet sich die grundlegende Differenz, die Hitler als Person wie Hitler als Phänomen der politischen wie der Geistesgeschichte seine Einmaligkeit verleiht. Er kannte nur Zerstörung, kannte nur, mit Joachim Fests bedeutendem Wort, „atavistisches Wüten“, und nichts konnte ihm solche Befriedigung bereiten wie die Anschauung von Tod und Vernichtung. Dieses Hingezogensein zum Nichts, zur absoluten Negation äußerte sich indes nicht nur im eigentlich kriegerischen Bereich. Auch im Frieden ist Hitler der Feind jeder Ordnung, das heißt jeder Lebensordnung, was die Bezeichnung Frieden für den Zustand vor 1939 schon zweifelhaft erscheinen lässt.

Was den Theoretikern der Scholastik, Thomas von Aquin und seinem Dichter Dante, was jedem Denker überhaupt, jenseits aller theoretischen Divergenzen, ein Hauptanliegen war und ist: dem Leben eine Ordnung zu geben – für Hitler war es keines. Die Errichtung eines stabilen Deutschland – es mochte noch so rassistisch und nationalistisch pervertiert sein – lag nicht in seinem Interesse.

Sebastian Haffner hat in seinen Anmerkungen festgestellt, dass sich das Deutschland von 1939 beim plötzlichen Tod Hitlers als einziges Chaos dargestellt hätte; ein grenzenloser Kompetenzwirrwarr, fortgesetzte Rivalitäten der verschiedenen Machtträger und Funktionseliten, verbunden mit einer gigantischen Staatsverschuldung und beispielloser außenpolitischer Isolation hätten den destruktiven Grundgehalt der Hitlerschen Politik auch im Frieden schnell sichtbar werden lassen. Auch ohne die infernalische Peripetie von 1945 hätte sich Hitler als einer der kräftigen Ruinierer ausgewiesen, zu denen er nach Jacob Burckhardt gehört. Die Rastlosigkeit seines Charakters, das suchtartige Angewiesensein auf schnelle, immer neue Triumphe, die infantile Gier nach immer neuen Objekten der Aneignung – diese für Hitler und seine Bewegung zutiefst charakteristischen Wesenszüge machten ein Einhalten auf dem Wege, ein Sich-Einrichten in der Welt unmöglich.

Wie der britische Historiker Ian Kershaw zutreffend schreibt, konnte das Naziregime nur in einer beständigen Flucht bestehen. Diese Flucht führte von der stets als ungenügend empfundenen Realität weg und hinein in Abgründe, die die Weltgeschichte bis dahin nicht gekannt hatte. Was mit Straßenschlachten, manichäischen Beschwörungen und radikaler, antidiplomatischer Aggression nach innen und außen begonnen hatte, endete in Auschwitz und Treblinka, in einer wahren Orgie der Verneinung, einer vollkommen sinnlosen Verneinung, die am Ende dem Sein an sich galt. Hitler war sich dessen sicher nicht voll bewusst. Aber sein großes Projekt war nicht die Schaffung von irgendetwas, sondern die Abschaffung von allem, der Juden, der Kriegsgegner, am Ende auch der Deutschen – die Abschaffung des Seins.

Der antike Historiker Plutarch hat in seiner Rede Über das Schicksal Alexanders des Großen seine Lobeshymne auf den mazedonischen Eroberer in einer Aufzählung der Städte gipfeln lassen, die jener auf seinem Zug durch Asien gegründet hatte. Natürlich besaß Alexander pathologische Züge, die sich oft verderblich auswirkten. Es nähme hingegen Wunder, wenn sich überhaupt ein Herrscher finden ließe, an dem moralisch nichts auszusetzen ist. Natürlich gibt es keine perfekten Regenten, ebenso wenig wie es perfekte Menschen gibt. Das redliche Bemühen aber um eine verantwortungsvolle Einordnung in das geschichtliche Kontinuum ist das entscheidende Kriterium in der ganzheitlichen Beurteilung eines Staatsmannes. Da aber hat Hitler prinzipiell versagt: Er, von dessen zerbombter Reichshauptstadt Harry Hopkins 1945 bemerkte, sie sei das neue Karthago, hat keine Städte gegründet; er bezog gerade Stellung gegen die Geschichte. Hitlers Kampf – so sagte er es selber einmal in einer Rede vor jungen Offizieren – galt der Welt an sich, der Welt als dem großen Negativen, dem Widerspruch in den Dingen, die sich dem aneignungssüchtigen menschlichen Individuum entgegenstellen und verweigern. In seinem manischen Welthass, seiner nie überwundenen Unbefriedigung, seiner gänzlichen Unfähigkeit, sich selbst zu bezwingen und irgendwo einen Schlussstrich unter seine Forderungen zu ziehen zeigt sich Hitler wieder als Abkömmling des verneinenden neunzehnten Jahrhunderts.
Wogegen Hitler heute, jenseits der politischen Dimension, zur Warnung dienen kann, ist nicht weniger als das scheinbar Unmenschliche an ihm, was indes nach einem Wort des Historikers Eric Voegelin das Menschlichste in ihm war. Wie wir gesehen haben, verweisen seine Wahnsinnsideen direkt auf eine geistesgeschichtliche Entwicklung, deren Wurzeln sich schon in der Romantik aufspüren lassen. Hitler war nicht, wie es die eher mittelmäßige und ästhetisierende Verfilmung des Unterganges von Bernd Eichinger vermittelt, ein Fremder, ein Unmensch mit den Zügen eines Clowns, um Lichtjahre entfernt vom menschenüblichen Maß. Hitler, die Symbolgestalt der Weltkriegsepoche, war vielmehr in seinem Enttäuschtsein von der Welt, in seiner unbeherrschten Rebellion gegen die Welt geradezu das Musterexemplar des unverantwortlichen, allein seinen Begehrlichkeiten und seinem Beherrschungstrieb ergebenen Menschen.

Obiger Text wurde am 1. Mai 2005 aus Anlass des 60. Jahrestags des Kriegsendes im SWR2 ausgestrahlt.

Titelbild: Hitler mit dem SS-Gruppenführer Rattenhuber, Chef des Reichssicherheitsdienstes, in der zerstörten Neuen Reichskanzlei, Berlin, Frühjahr 1945

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Philosophie

Hannah Arendt und das Böse

Die Kontroverse um Arendts „Banalität des Bösen“ ist heute so aktuell wie vor fünfzig Jahren, als das Buch erschien und im Handumdrehen einen Weltskandal auslöste. Bis heute ist Hannah Arendt in der jüdischen Community eine persona non grata; wer jüdische Freunde auf sie anspricht, bekommt oft zu hören, man kenne sie nur aus dem Zusammenhang ihres Eichmann-Buches, und deshalb müsse man sie ablehnen, denn dort schreibe sie ja den jüdischen Opfern eine Mitschuld an ihrem Schicksal im Holocaust zu. Andererseits macht man sich auch in der deutschen NS- Forschung mit dem Hinweis auf sie nicht unbedingt beliebt: Ebenfalls in ihrem Eichmann-Buch charakterisiert sie nämlich – übrigens zu Recht – den konservativen, adlig-bürgerlichen Widerstand gegen Hitler, und also insbesondere die Verschwörer vom 20. Juli 1944, als indolent, moralisch fragwürdig und zu entschlossenem Handeln unfähig. Dafür durfte sie sich von Golo Mann in einer vielgelesener Rezension in der ZEIT den Satz anhören, „ihre Charakteristik des deutschen Widerstandes [enthalte] die empörendsten Verleumdungen, die je über diese Bewegung verbreitet wurden.“ Arendt sitzt, bis heute, zwischen den Stühlen – eine geistes- und wissenschaftsgeschichtliche Situation, die ihr selber freilich schon immer klar gewesen war und in die sie auch nicht ganz unfreiwillig geraten ist. In einer Selbstcharakterisierung, schon in der Zeit ihres Ruhmes in der Nachkriegszeit, schrieb sie: „Ich stehe nirgendwo. Ich schwimme wirklich nicht im Strom des gegenwärtigen oder irgendeines anderen politischen Denkens.“
„Eichmann in Jerusalem“ ist in vielfacher Weise ein Schlüsselwerk Arendts, weil sich hier in idealer thematischer und stilistischer Verdichtung alle wesentlichen Elemente ihres Denkens wiederfinden. Und zwar durch alle philosophischen und historischen Teildisziplinen hindurch. Sozial- und geistesgeschichtlich ist es eine für eine breite Leserschaft adaptierte Kurzfassung ihrer beiden opera magna „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ und „Vita activa“ aus den fünfziger Jahren; in seiner Ethik ist es eine Vorwegnahme der Vorlesung „Über das Böse“, die sie bald nach der Eichmann-Kontroverse hielt und die erst vor wenigen Jahren in einer kritischen Edition auf Deutsch herausgegeben wurde.
Werkgeschichtlich gesehen zeigt es die Autorin Hannah Arendt auf der Höhe ihres literarischen Könnens und ihrer intellektuellen Brillanz, und ebenso im Zenit ihrer publizistischen Bedeutung. Ihr Aufstieg zu Anerkennung und Prominenz hatte nach bitteren, isolierten Jahren in der Emigration mit der englischen Urfassung des Totalitarismusbuches, „The Origins of Totalitarianism“ 1951 begonnen. Mit „Vita activa“, das 1955 unter dem Originaltitel „The human condition“ erschienen war, hatte sich die schon damals als feuilletonistisch und halbseiden verschriene Denkerin einen Namen als ernstzunehmende Philosophin machen können.
Als sie der New Yorker 1960 als Beobachterin zum Eichmann-Prozess nach Jerusalem schickt, ist das nur folgerichtig, denn Arendt ist in den Jahren um 1960 herum, als in der westlichen Welt eine freiere Luft wehte, die sich aber noch nicht zu hysterischer Ekstase verdickt hatte, die gar nicht so heimliche Meisterdenkerin des liberal-konservativen Bürgertums im atlantischen Raum. Keine Kommunistin, natürlich, aber ebenso wenig eine mccarthyanische Eisenfresserin, sondern eine Intellektuelle im allerbesten Sinne: vertrauend auf einen unbestechlichen common sense und ein leidvoll geschultes, gesundes Bauchgefühl; ausgestattet mit dem besten intellektuellen Rüstzeug, das ihr Kindheit und Jugend im Späthumanismus des untergehenden Kaiserreiches und der akademisch höchst produktiven Weimarer Republik mitgeben konnten. Unideologisch bis ins Mark, aber zugleich noch geprägt von einem tiefen, fast romantisch-altfränkisch anmutenden jüdisch-christlichen Wissen um die höhere Welt und das Göttliche und darum, dass der Mensch als Wesen in ihnen seinen Ursprung hat. Diese wenigen Jahre zwischen der intellektuell eisigen unmittelbaren Nachkriegszeit mit ihrem containment auch im Geistigen und den vom Beat der Jugendbewegung aufgeputschten Sechzigern, in denen der pure Wille zur Erkenntnis hinter den heißen Wunsch nach Selbstverwirklichung rasch zurücktrat, hatten in der westlichen Welt einen wahren intellektuellen Star: Das war Hannah Arendt.
In diesem geistes-, zeit- und wirkungsgeschichtlichen Umfeld also können wir das Erscheinen des Eichmann-Buches verorten. Der Spielfilm der Regisseurin Margarethe von Trotta mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle erscheint pünktlich zum fünfzigsten Jubiläum: Zugleich ist er auch eine Art Rückblende auf die Arendt- Rezeption der vergangenen zwanzig Jahre; denn seit der Achtundsechziger- Bewegung war diese Arendt-Rezeption – weltweit, aber insbesondere in Deutschland – praktisch tot. Man las Marx und Adorno, Sartre und Maos Rotes Buch, man kämpfte gegen den Vietnamkrieg und für die Emanzipation; Arendt, qua ihrer eigenen Biographie eine große Pazifistin und Feministin, galt dieser Generation als reaktionäre alte Schachtel: unmodern schon, bevor sie richtig hervorgetreten war. So schrieb ein Autor der „tageszeitung“, von dem man freilich kein tieferes Verständnis Hannah Arendts erwarten darf, vor einigen Jahren:
„Altmodischer als die Philosophin Hannah Arendt konnte man in jener Zeit kaum er- scheinen, als Herbert Marcuse zum kalifornischen Erweckungsprediger für die be- wegte akademische Jugend weltweit mutierte und Jean-Paul Sartre in Paris das Me- gafon als Argumentationshilfe entdeckte.“
Das änderte sich mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Einzug in die biedermeierlichen Neunziger Jahre. Langsam entwickelte sich eine zaghafte Hannah-Arendt-Renaissance, die Jahr für Jahr stärkere und mit der Jahrtausendwende und dem Doppeljubiläum 2005/2006 – 30. Todestag sowie 100. Geburtstag – zeitweise enthusiastische, ja: gigantische Formen annahm. Hannah Arendt war auf einmal akademisch salonfähig, und das nicht nur für Politikwissenschaftler, sondern auch in den beiden gestrengen Mutterdisziplinen einer integrierten Geisteswissenschaft: der Geschichtswissenschaft und der Philosophie. Wie am Fließband wurde im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts zu Hannah Arendt veröffentlicht. Und wer auf sich hielt, berief sich auf sie und zitierte sie wie unsere Eltern noch Adorno und Horkheimer zitierten.
In den letzten Jahren freilich ist der Hype um Hannah Arendt wieder abgeflaut. Jenseits des kalendarischen Event-Hoppings war nur noch wenig vom Enthusiasmus zu spüren, mit dem sich die mitteljunge akademische Bürgerlichkeit vor zehn, zwölf Jahren in das Abenteuer Hannah Arendt gestürzt hatte. Das deutlichste Zeichen dafür, dass es Arendt trotz ehrlicher Anstrengungen und engagierter Unterstützer auch unter ausgewiesenen Wissenschaftlern nicht in die Hall of Fame der großen Philosophen geschafft hat, ist ein großangelegtes Editionsprojekt ihrer nachgelassenen Schriften. Es wurde angestoßen von ihrer Biographin Antonia Grunenberg, die als Professorin das Hannah-Arendt-Zentrum an der Universität Oldenburg leitete und zu den Wegbereitern der zeitgenössischen Arendt-Rezeption in Deutschland zählt, und es scheiterte, weil sich keine Gelder dafür fanden. So stiefmütterlich behandelt die deutsche scientific community in der Blütezeit von Gleichstellung und Feminismus immer noch das Erbe der einzigen Frau, die es geschafft hat, mit den großen Philosophen des 20. Jahrhunderts, ja: der Moderne überhaupt gleichzuziehen.
Margarethe von Trottas Film, der neben der souverän und authentisch agierenden Hauptdarstellerin eine ganze Reihe bekannter deutscher Filmgesichter von Ulrich Noethen bis Julia Jentsch versammelt, zeigt das Dilemma der Arendt in gewisser Weise in seiner Antizipation. Da setzt sich eine Denkerin, anstatt ihren eigenen beginnenden Mythos zu pflegen, bewusst zwischen alle Stühle und läutet damit, im Jahrzehnt von Rock’n Roll und Studentenrevolte, als sich zumal in Deutschland alles um die Aufarbeitung der eigenen „jüngsten Vergangenheit“ drehte, ihren eigenen publizistischen Untergang ein. Doch diese Schonungslosigkeit auch und gerade im Umgang mit sich selbst und der eigenen Behaglichkeit war das Markenzeichen der Hannah Arendt, das sie mit ihrem „Bericht von der Banalität des Bösen“ ein letztes Mal brillant und unerschrocken unter Beweis stellen sollte. Wenden wir uns also diesem Buch zu, in dem sie einerseits geradlinig und unbeirrbar die Wahrheit über das Dritte Reich und den Holocaust aussprach – und dennoch zugleich sich als eine große Naive entpuppte.
Es sind im Wesentlichen zwei Punkte, an denen sich die Kritiker bis heute erhitzen. Der erste liegt im Untertitel selbst beschlossen, den das Buch bekam, das aus der in fünf Folgen im New Yorker angedruckten Gerichtsreportage entstanden war: „the banality of evil, die Banalität des Bösen“. Wie? Das Böse eine Banalität? Damals wie heute wirkt diese Gleichung auf viele wie ein Sakrileg: wie kann der Inbegriff der moralisch Negativen „banal“ sein? Arendts Buch schuf Erklärungsbedarf, bereits mit seinem bloßen Titel.
Nun, was sie darunter verstanden wissen wollte, hat Arendt selber in ihrem legendären Rundfunkgespräch mit Joachim Fest 1964 dargestellt, und der kluge Leser hätte das auch aus ihren bereits erschienen Werken, wie aus dem „Eichmann“ selber, schließen können:
“Wenn ich sage: ‘Das ist doch kein typischer Mörder’, dann meine ich doch nicht, dass er was Besseres ist. Sondern was ich meine, ist, dass er etwas unendlich Schlimmeres ist, obwohl er gar keine eigentlich – was wir nennen – ‘verbrecheri- schen Instinkte’ [hat]. Er ist in die Sache reingerutscht.”
Und kurz darauf:
“[Eichmanns] Dummheit hat etwas wirklich Empörendes [ … ] Eichmann war ganz intelligent, aber diese Dummheit hatte er. Das war die Dummheit, die so empörend war. Und das habe ich eigentlich gemeint mit der Banalität. Da ist keine Tiefe – das ist nicht dämonisch!”
Damit hat Arendt zweifellos recht. Und was für Eichmann gilt, gilt auch für den ganz überwiegenden Teil der NS-Verbrecher: sie waren, nach außen wenigstens, keine Charismatiker, keine Dämonen, keine „Todesengel“, sondern unterster Durchschnitt. Aber – was sagt diese vollkommen richtige sozialanthropologische Zuschreibung aus über die Qualität ihrer Bosheit und die Qualität des Bösen an sich?
Hier beginnen die Schwierigkeiten mit Arendts Schlagwort von der Banalität des Bösen. Nicht auf der analytischen oder intellektuellen Ebene, denn da ist bei ihr alles klar und richtig. Da fügt sich der Banalitäts-Topos elegant ein in ihr großes Denkgebäude, dessen Gerüst sie im Totalitarismusbuch aufgezeichnet hatte, aus dem man übrigens zu Unrecht eine „Theorie“ im strengen schulmäßigen Sinne hatte herauspräparieren wollen: Das Problem sind nicht Ideologien, sondern Mentalitäten. Die wahren moralischen Katastrophen werden nicht hervorgerufen durch falsche und schlechte Haltungen, sondern durch Nicht-Haltungen, durch Charakterlosigkeit. Deren Bedingung sind wiederum innere Welt- und Selbstlosigkeit, also die Abwesenheit einer eigenen ideellen, emotionalen und auratischen Identität, sie mag auch noch so defizitär und moralisch problematisch sein. Wirklich schlimm sind nicht die mit Vorsatz begangenen Verbrechen, denn diese ließen sich immerhin noch irgendwie kausal und damit auch rational und moralisch nachvollziehen; schlimm sind jene Taten, die gleichsam „einfach so“ passiert sind, in die die Täter „irgendwie hineingerutscht“ sind.
In dieses Schema schien der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in der Tat perfekt zu passen, und gleich ihm eine Vielzahl, ja: die Mehrzahl aller NS- Täter. Und dennoch wusste Arendt es im Grunde besser, als sie, zehn Jahre zuvor, in „Elemente und Ursprünge“ geschrieben hatte:
„Bis jetzt scheint der totalitäre Glaube, dass alles möglich ist, nur bewiesen zu haben, dass alles zerstörbar ist, auch das Wesen des Menschen. Aber in [diesem] Bestre- ben […] hat die totale Herrschaft […] entdeckt, dass es ein radikal Böses wirklich gibt.“
Und an anderer Stelle:
„Es gibt das radikal Böse, aber nicht das radikal Gute. Das radikal Böse entsteht im- mer, wenn ein radikal Gutes gewollt wird.“
Man darf nun freilich nicht unterstellen, Arendt habe ihre Meinung in den zehn Jahren zwischen der Veröffentlichung des ersten Buches und der des Eichmann-Buches schlichtweg um 180 Grad geändert. Vielmehr bot ihr die Konfrontation mit Eichmann psychologisch die Chance, das Problem des Bösen, dem die Autorin des Totalitarismusbuches noch hilflos-überwältigt gegenübergestanden hatte, so weit zu entzaubern, dass es seine furchtbare Dämonik ein Stück weit verlor und sich dem Zugriff einer rationalen Bewertung nicht mehr ganz so entzog. Doch eine solche Bewertung hatte, und zwar mit ganz den gleichen analytischen und hermeneutischen Kategorien, auch schon im Totalitarismusbuch stattgefunden. Auch hier zieht Arendt explizit eine Trennungslinie zwischen den Gewalttätern aus Prinzip – es handle sich bei diesem Prinzip um Ideologie oder Trieb – und den „ganz gewöhnlichen Männern“, die per Zufall und ohne richtige Neigung, gleichsam ohne Wissen und Wollen und also auch ohne eigentliche moralische Zurechenbarkeit im Sinne der klassischen Moral zu Folterknechten und Mördern wurden.
Hannah Arendt wusste also sehr wohl um das Böse und seine Radikalität, als sie vom Eichmann-Prozess berichtete. Und sie wusste, als heimliche jüdische Mystikerin, die sie hinter der kalten rationalistischen und agnostischen Maskerade immer blieb, ebenso um die universelle, welt- und heilsgeschichtliche Dimension des Bösen. Das spricht e contrario daraus, in was für altmodischen und eigentlich unsachlichen, poetischen Bildern sie immer wieder den Holocaust begrifflich einzufangen suchte:
„Die Macht des Menschen ist größer, als sie sich einzugestehen wagten, und man kann höllische Phantasien realisieren, ohne dass der Himmel einstürzt und die Erde sich auftut.“
Kurz darauf heißt es:
„Es liegt im Sinne unserer gesamten philosophischen Tradition, dass wir uns von dem radikal Bösen keinen Begriff machen können, und dies gilt auch noch von der christlichen Theologie, die selbst Satan noch einen himmlischen Ursprung zugestand, wie von Kant.“
Die Kategorie der Banalität, also die Einordnung des Bösen in das aus der Arendtschen Sozialpsychologie bekannte Schema Weltlosigkeit-Selbstlosigkeit- Charakterlosigkeit, lässt sich als Modus der Ausflucht verstehen vor einem Phänomen, das Hannah Arendt, einer denkbar scharfen Denkerin und denkbar mutigen Frau, unzugänglich und unbegreiflich bleiben sollte. Sie, diese kalte, klare Denkerin, war – es klingt abschätzig, aber es ist nicht so gemeint – ihr Leben lang zu gutgläubig und naiv, um dem Geheimnis des Bösen auf die Spur zu kommen. Bis zuletzt stand sie seinem Phänomen hilflos gegenüber; das Eichmann-Buch wurde zum emblematischen Ausdruck dieser Hilflosigkeit. Schon in „Vita activa“ hatte sie geschrieben:
„Auf jeden Fall können wir das ‚radikal Böse’ […] daran erkennen, dass wir es weder bestrafen noch vergeben können, was nichts anderes heißt, als dass es den Bereich menschlicher Angelegenheiten übersteigt und sich den Machtmöglichkeiten des Menschen entzieht. […] Das Böse zerstört den zwischenmenschlichen Machtbereich, wo immer es in Erscheinung tritt. Böse Taten sind buchstäblich Un-taten; sie machen alles weitere Tun unmöglich.“
Hier spricht ganz klar die jüdische Denkerin Hannah Arendt. Das Christentum setzte sich vom Anfang seines Bestehens an intensiv mit dem Bösen auseinander, etwa der Apostel Paulus in seinen Briefen, oder der Heilige Augustinus, dessen Werke Arendts Denken nachhaltig beeinflussen sollten. Arendt aber, die im mosaischen Ur- vertrauen in die Welt, ihre Ordnung und Gutheit aufgewachsen war; die auch in ihrer Jugendliebe Heidegger gleichsam einer gottvaterähnlichen Elternimago verfallen war, wurde durch die brutale Erfahrung des real existierenden Bösen überrumpelt – und radikal verunsichert.
Arendt fand diese Verunsicherung gespiegelt in der allgemeinen, gesellschaftlichen Verunsicherung, die das Markzeichen der Moderne und insbesondere der Weltkriegsepoche war und die mit ursächlich war für die moralische Instabilität, die zu den Menschheitsverbrechen unter der NS-Diktatur führen sollte. Der Verlust aller moralischen Maßstäbe im Dritten Reich hing unmittelbar zusammen mit der Gottesvergessenheit der späten Moderne und der, hierin inbegriffenen, Ignoranz gegenüber dem Bösen, seinem wahren Charakter und dem Preis, den man dafür, sei es im Dies- oder im Jenseits, zu zahlen hat. In ihrem legendären „Toronto- Kolloquium“ in den Sechzigern sagte sie:
„Ich bin ganz sicher, dass diese ganze totalitäre Katastrophe nicht eingetreten wäre, wenn die Leute noch an Gott oder vielmehr an die Hölle geglaubt hätten, das heißt, wenn es noch letzte Prinzipien gegeben hätte. Es gab aber keine. Und Sie wissen so gut wie ich, dass es keine letzten Prinzipien gab, an die man mit Aussicht auf Erfolg hätte appellieren können. Man könnte niemanden anrufen.“
Der Verlust des spirituellen Horizonts ist bei Arendt dem Verlust der irdischen Verhaltensmaßstäbe historisch und logisch vorgängig. Manche der Täter mochten das selber empfunden haben. In Rolf Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ von 1962 sagt der „Doktor“, die Verkörperung des bösen Prinzips und eine literarische Verschlüsselung des berüchtigten SS-Arztes Mengele, zur Hauptfigur, dem guten Pater Riccardo, der sich verzweifelt bemüht, einen Sinn hinter dem verbrecherischen Tun des SS-Führers zu finden, der an der „Rampe“ in Auschwitz die ankommenden jüdischen Opfer zur Vergasung selektiert:
„Ich schicke seit Juli 42, seit fünfzehn Monaten, Werktag wie Sabbat, Menschen zu Gott. Glauben Sie, er zeigte sich erkenntlich?
Er lenkt nicht einmal einen Blitz auf mich.“
Für Hannah Arendt war das Böse eine unbestreitbare Entität, eine Wesenheit, eine historische und anthropologische Realität. Das tatsächliche Dem-Bösen- Ausgesetztsein hingegen, und zwar in der Radikalität und Vehemenz des totalitären Zeitalters, überforderte sie. Und zwar nicht in seiner Analyse, die ihr von Anfang an brillant gelang, wohl aber in den hermeneutischen Schlüssen, die daraus zu ziehen waren. Dass die Menschen wirklich immer noch schlimmer, bösartiger, unmenschlicher und gemeiner sein können, als man denken mag, war eine Erfahrung, die die Überlebende des Holocaust ebenso überforderte wie all jene, die ihm zum Opfer fielen – und die sich auch deshalb, wie es immer heißt, „wie die Schafe zur Schlachtbank“ und fast immer ohne Widerstand zu leisten in den Tod führen ließen.
Damit wären wir bei dem zweiten großen Sakrileg der Autorin der „Banalität des Bösen“: Der Vorwurf, die letzten, intimsten Vernichtungsschritte hätten die Nazis von den Opfern selber durchführen lassen. Etwa von den jüdischen Sonderkommandos, die in den Vernichtungslagern die Leichen ihrer Leidensgenossen aus den Gaskammern bringen und in den Krematorien verbrennen mussten. Arendt nimmt in ihrer Schrift insbesondere die Tätigkeit der so genannten Judenräte ins Visier, die sich in den im Osten gebildeten Ghettos auf Befehl der SS bilden mussten. Sie hatten, neben anderen Aufgaben, insbesondere den zynischen Auftrag, den Abtransport der Juden in die Lager reibungslos zu organisieren – wohl wissend, dass sie selber auch nur solange verschont würden, bis sie ihre hässliche Pflicht erfüllt haben, um dann ebenfalls in den Tod geschickt zu werden. Genauso waren die Häftlinge der Sonderkommandos natürlich dem Tode geweiht; dennoch gelang es nicht wenigen von ihnen, die Aufstand oder Flucht wagten, den Krieg zu überleben.
Vor allem die heftige Kritik der jüdischen Community an diesem Vorwurf und Arendts standhafte Reaktion darauf, die sie aber auch in die Isolation trieb, sind Gegenstand des Films. Arendts ethische Beurteilung der Opfer lässt sich nicht getrennt denken von ihrer Beurteilung der Täter und des Bösen überhaupt. Man kann so weit gehen und sagen, dass ihr hartes und sicher ungerechtes Verdikt über Judenräte und Sonderkommandos, mit dem sie im Grunde die jüdischen Opfer in ihrer Gesamtheit treffen wollte (und auch traf), eine direkte Rückkoppelung ihrer Empörung ist über die ungeheuerliche Alltäglichkeit und Banalität, in der sich für sie das Böse historisch in der Shoa verwirklichte. Vorwerfbar, so viel ist klar, konnte für sie nur die Nichtreaktion auf ein Böses sein, was im Grunde so bürokratisch-simpel, so unpathetisch, unheroisch, so farblos und unauratisch sich realisierte wie das, was im Nationalsozialismus stattfand.
Entsprechend muss man Arendts bittere und gewiss ungerechte Verurteilung der Rolle der Judenräte verstehen, deren praktische Bedeutung sie zudem enorm überschätzt. Sie ist nur die Kehrseite ihres problematischen, unsicheren Verständnisses des Bösen, welches wiederum auf dem Horizont ihrer eigenen Leidensgeschichte nur höchst nachvollziehbar ist. Arendt, die Jüngerin Kants und Hegels, intellektuell aufgezogen im Geiste des deutschen Idealismus, der Freiheit des Willens und der Allmacht des Individuums, konnte und wollte – wer will es ihr verdenken? – nicht sehen, dass sich diese Freiheit eben auch absolut negativ, destruktiv und vernichtend äußern kann. Individualität gibt es eben nicht nur im Guten, sondern auch im Schlechten: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut – dieses Postulat der Weimarer Klassik, dieser kategorische Imperativ des deutschen Idealismus kann sich eben auch in sein negatives, negativistisches Gegenteil verkehren: unedel sei der Mensch, rücksichtslos und böse. Im „Dritten Reich“ – und nicht nur dort – wurde diese Parole zur allgemeinen Maxime, und Eichmann war einer ihrer Hauptvollstrecker. Die NS-Täter wussten sehr wohl, was sie taten, ob sie selber sich darüber nun Rechenschaft ablegten oder nicht. Das aber war für Arendt, das ewige, naive Mädchen, das bis zuletzt an die Inkorrumpierbarkeit des Individuums glaubte, schlicht undenkbar: dass ein Mensch sich nicht nur zum unreflektierten Handlanger des Bösen machen lassen, sondern dass er selber wirklich böse sein kann – das war ihr unbegreiflich.
Tatsächlich ist das Böse ebenso wenig banal, wie seine Opfer schwach sind. Das Böse ist gemein, hinterhältig und verschlagen. Und dass es sich den Anschein der Banalität geben kann, ist nur ein weiterer, vielleicht der höchste Ausdruck seiner Verschlagenheit. Auch Eichmann und die übrigen NS-Täter seiner Art – also die vermeintlich biederen, unideologischen, nicht besonders brutalen oder sadistischen Bürokraten des Todes – waren nicht einfach charakterlos, wie Arendt, in Anwendung ihres sozialpsychologischen Paradigmas von der Weltlosigkeit, vermeinte. Nein, sie hatten sich, wie jeder Mensch, durchaus einen Charakter erworben, einen durch und durch bösen, grausamen und mitleidlosen Charakter. Daran ändert auch nichts, dass das Böse ontologisch gewiss nichts Weiteres ist als eine deformierte Ausscheidung des Guten, quasi eine Missgeburt, so wie Satan in der Bibel der Beauftragte, in gewisser Weise sogar der Handlanger Gottes ist.
Der Böse hat, wie der Gute, jederzeit die Wahl, sich um Einsicht zu bemühen und umzukehren; auch über seiner Wiege stand der Satz aus der Genesis, der das Motto und das Motiv des Menschseins ist: eritis sicut Deus, scientes bonum et malum – Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Es steht jedem Menschen frei, von diesem Grundwissen seines In-der-Welt-seins Gebrauch zu machen oder nicht. Nicht nur entschuldigt Unwissenheit bekanntlich nicht; es gibt sie auf dieser Ebene gar nicht wirklich. Eichmann zum Beispiel wusste ziemlich gut, was er tat; dazu gehörte freilich auch, dass er seinen wahren Charakter gut zu maskieren wusste: beileibe nicht nur vor anderen, darunter auch der jüdisch-amerikanischen Gerichtsreporterin aus New York, sondern gewiss und am meisten vor sich selbst. Diese Taktik des Sich-vor-sich-selbst-Verschleierns gehört zum Grundbestand des radikal Bösen.
Man kann gleichwohl nicht sagen, Hannah Arendt habe mit „Eichmann in Jerusalem“ gänzlich daneben gelegen. Im Gegenteil: dass sie das Böse als solches hier plakativ zum Gegenstand einer sozialanthropologischen, historisch und philosophisch äußerst genauen und korrekten und dabei stilistisch meisterlichen Erörterung machte, ist für sich schon ein Verdienst, das ihr bis heute bleibt und das durch den Trotta-Film zurecht gewürdigt wird. Noch wesentlicher aber ist, dass Arendt mit dem Eichmann-Buch die Grundlegung dessen begann, was man ihre Ethik nennen kann und was sie in diesem Jahrzehnt in zwei weiteren Publikationen weiter ausführen und theoretisch festigen sollte. Diese Ethik ist womöglich Arendts größte philosophische Erbschaft, jedenfalls aber eine ganz besondere und eigentümliche, weil sie aus ihrem historischen Kontext heraus in die zeitlichen und wesenhaften Ursprünge der menschlichen Ethik überhaupt reicht. Auf diese Ethik wollen wir zum Schluss den Blick richten.
Vielleicht kannte Hannah Arendt das Schicksal der Clara Immerwahr. Die jüdische Chemikerin, eine der ersten Frauen mit Doktortitel im Kaiserreich, nahm sich in einem Akt tiefer Verzweiflung und echten, stillen Heldenmuts im Sommer 1915 in Berlin-Dahlem das Leben. Diese Tat war ein stummer Protest gegen ihren Mann Fritz Haber, den weltberühmten Erfinder des Haber-Bosch-Verfahrens, der maßgeblich an der Entwicklung des Giftgasprogramms der Obersten Heeresleitung beteiligt war. Clara Immerwahr hatte damit unmittelbar natürlich nichts zu tun. Aber sie fühlte sich verstrickt, dadurch, dass sie die Frau dieses Mannes war; dadurch, dass er von ihr Loyalität verlangte, als Gattin und als patriotische Deutsche, die ihre jüdischen Wurzeln möglichst verleugnete. Also erschoss sie sich, ohne zuvor mit jemandem darüber gesprochen zu haben. Sie erschoss sich aus stummem Protest gegen eine noch bösartigere und grausamere Kriegführung, und in stummem Mitleiden mit den Hunderttausenden Soldaten an den Fronten, die bei Giftgasangriffen qualvoll verenden sollten. Ich muss immer an diese, in Deutschland bis heute kaum bekannte, Frau denken, wenn ich die Worte Hannah Arendts lese, die sie in ihrem Gespräch mit Fest sagte und in denen sich das Wesen ihrer Moral kristallisiert:
„Es gab eine Alternative, hüben und drüben, und die hieß: nicht mitmachen, selber urteilen: ‘Bitte schön …, das mach’ ich nicht mit. Ich [ … ] versuche zu entkommen, ich versuche, wie ich um die andere Ecke komme.’ Nicht wahr? ‘Aber ich mache nicht mit. Und falls ich gezwungen sein sollte mitzumachen, dann werde ich mir das Leben nehmen.’ Diese Möglichkeit gab es. Dazu gehörte, dass man nicht Wir sagt, sondern dass man Ich sagt, dass man selbst urteilt.“
Bereits im Eichmann-Buch schrieb Arendt etwas, was in die gleiche Richtung weist:
„In Wahrheit gab es nur einen Weg, im Dritten Reich zu leben, ohne sich als Nazi zu betätigen, nämlich, überhaupt nicht in Erscheinung zu treten: sich aus dem öffentlichen Leben nach Möglichkeit ganz und gar fernzuhalten war die einzige Möglichkeit, in die Verbrechen nicht verstrickt zu werden, und dies Nicht-Teilnehmen war das einzige Kriterium, an dem wir heute Schuld und Schuldlosigkeit des Einzelnen messen können.“
Und in ihrer Vorlesung „Über das Böse“ schließlich, also ebenfalls im zeitlichen Umfeld der beiden anderen Äußerungen, charakterisierte Arendt das Wesen der abendländischen Moral, indem sie auf das Schicksal des Sokrates verwies und sagte: es sei besser, Böses zu erleiden, als Böses zu tun.
In diesen beiden Topoi: dem Opfergang der Clara Immerwahr und der Ethik der Hannah Arendt, verdichtet sich das Wesen der Moral, die die Menschheit aus dem zerstörerischen 20. Jahrhundert lernen könnte. Zugleich scheint in ihnen aber auch ein Grundelement der menschlichen Existenz auf, das in einem jahrhundertelangen Prozess der Säkularisierung und Rationalisierung erst marginalisiert, dann verschüt- tet und schließlich vergessen worden war, mit dem totalitären Zeitalter als dem Höhepunkt dieses Prozesses der inneren Verwüstung und des Vergessens. Dieses Grundelement ist die Transzendenz unserer Existenz.

Obiger Text wurde am 17.3.2013 im SWR2 in der Sendung “Aula” ausgestrahlt.

Titelbild: Hannah Arendt im Alter

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Wie eine verantwortungslose Generation das Land ruiniert

Dies ist eine Gesellschaftskritik. Schon dies muss verwundern. Denn das Genre der Gesellschaftskritik ist in der Literatur der jüngeren Generationen so gut wie ausgestorben. Die einzige Generation, die es noch ernsthaft und mit einer gewissen, eher pflichtschuldig erbrachten Aufmerksamkeit betreibt, sind die Kriegs- und Nachkriegskinder, die langsam ins Rentenalter kommen, wenn sie nicht schon längst in Rente sind, so etwa Michael Hartmann, der sich wie ein einsamer Rufer ausnimmt inmitten der Wüste der Behaglichkeits- und Lebensoptimierungsliteratur, die inhaltlich leider selten über das Niveau von Pressemitteilungen hinauskommt. Ich will abrechnen: abrechnen mit dem gesellschaftlichen Scherbenhaufen, den wir heute vorfinden, und abrechnen mit der Generation, die diesen Scherbenhaufen angerichtet hat: den Babyboomern.

Wenn es je ein gemachtes Bett gab, dann jenes, in das sich diese Generation der zwischen den späten Fünfziger- und frühen Siebzigerjahren Geborenen legte: diese ewigen Babyfaces, die sich nicht entblödeten, sich selbst (!) als “Generation Golf” zu bezeichnen; diese ewig von Mutti Verwöhnten und von Papi Gepamperten, diese Bausparer und Mitgiftjäger, die als Milfhunter und als Sugardaddy eine gleichermaßen ridiküle und blamable Figur abgaben und jetzt abgeben. Menschen, nein: menschliche Ressourcen – denn so nennen sie sich selber -, die noch als Fünfzigjährige unterm Pantoffel ihrer nun greisenhaften Eltern stehn; die entweder als Kofferträger von X oder als Freundin von Y Karriere machten; die die Ideologien des Anything goes und des Catch as catch can mit primitiverer Penetranz vor sich hertragen, als es noch die beschränkteste Marketingassistentin in einer westdeutschen Kleinstadt täte. Diese ewigen Riesenbabies haben keinen Krieg mitgemacht wie die Zwischenkriegskinder; sie haben auch kein zerstörtes Land wieder aufgebaut wie die Kriegs- und Nachkriegskinder; sondern sie haben nur verwaltet, ihr liebes, langes Leben lang, das im Grunde eine einzige Postpubertät geblieben ist.
Sie haben in den Neunziger- und dann in den Nuller Jahren mit ihrer grenzenlosen, unendlich kulturlosen Gier, die man sonst nur in Hollywoodfilmen findet, zwei Wirtschaftskrisen ausgelöst und die westliche Welt an den Rand des sozialen Notstands gebracht; sie haben jede politische Idee, ob von links oder von rechts, erst zu ihrem Vorteil benutzt und dann verraten; sie haben sich das Erbe ihrer Eltern und ihres Landes unter den Nagel gerissen und haben die Welt zu einem einzigen, großen Casino umgebaut. Nichts ist an Ihnen authentisch außer der grenzenlosen Verantwortungslosigkeit.
Von der väterlichen Güte, von der mütterlichen Wärme, die sie selber empfangen haben, haben sie ihren Nachfolgern nichts weitergegeben. Eine gründliche Unbildung, eine blasierte Ignoranz in Gefühlsdingen dringt ihnen aus allen Poren. Sie haben den sozialfaschistischen Marketingsprech in unser Idiom introduziert; sie haben den Altgriechischunterricht abgeschafft und geben dafür mit Iphones, Bonusmeilen und Fitnessgutscheinen an, die sie auf Firmenkosten erworben haben.
Sie lassen Azubis in Lagerräumen “anbinden” und Schwarzafrikanerinnen ohne Papiere ihre geschmacklosen “Lofts” reinigen. Sie verursachen mit ihrer desaströsen Personalpolitik, die eines Lageraufsehers würdig wäre, tagtäglich menschliche Tragödien und lassen tausendmal Begabtere als sie selber jahrelang auf Anstellungen warten. Sie hören Rock’n’Roll nicht aus Rebellion gegen, sondern aus blanker Unkenntnis der klassischen Kultur; sie zerstören die Sozialsysteme und verpesten die Umwelt mit ihrem sinnlosen Herumgefliege zu noch sinnloseren Meetings, deren einziger evidenter Sinn das Hochschrauben der eigenen Gehaltsmaßstäbe und Pensionsansprüche ist.
Diese feisten Babygesichter, denen es nie an etwas fehlte, haben die körperliche Fitness zur Konfession und die materielle Kultur zur Ideologie erhoben und sind doch unschneidiger als jeder Theologiestudent, stilloser als jede Friseuse.
Diese Nutznießer der europäischen Einigung, diese Profiteure des so genannten Wirtschaftswunders: sie sind dabei, Europa zu zerstören und das Wirtschaftsleben in ein Tollhaus zu verwandeln. Auf ihr Schuldkonto gehen die Generation Praktikum und das Prekarianertum. Geiz ist geil, aber nur für ihre Personalabteilungen: der kleine Mann soll munter sein Geld ausgeben und sich in alle Ewigkeit abhängig machen. Dabei wird er dann noch wahlweise als faul und arbeitsscheu (“Hartz IVler”) bzw. verwöhnt und antriebslos (“Generation Y”) beschimpft und verhöhnt. Selber wurden sie nie gedemütigt, dafür demütigen sie andere umso mehr. Man weiß nicht, ob man sie mehr hassen oder verachten soll. –
Ein kleiner Trost immerhin bleibt: dass diese Generation in den Geschichtsbüchern allerhöchstens als Fußnote überleben wird. Und bei allem, was man über sie sonst denken muss: es bleibt Angela Merkels dauerndes Verdienst, dass sie alles dafür getan hat, dass diese Generation kein Stückchen echte politische Macht erhalten hat.

Die wahren Sozialschmarotzer

It’s the economy, stupid! Was in der Ära Clinton als zackiger Aufruf an die Eigeninitiative und ans Selbstvertrauen des Individuums gemeint war, ist heute ein blanker Zynismus der Satten und Reichen gegen die Zurückgebliebenen und Ausgesteuerten. Wer in meiner Generation sprichwörtlich ums Überleben kämpft, erfährt keineswegs Unterstützung und Starthilfe angeboten, sondern lediglich höhnische Fragen: „Wie, Ihre Eltern unterstützen Sie nicht?“ „Wie, Sie sind nicht krankenversichert? Gibt’s das überhaupt in Deutschland?“
Die Babyboomer, wie Sie Ihr größter Vertreter Frank Schirrmacher nannte (und in dieser Vertreterschaft, sit venia verbo, erschöpfte sich auch bereits seine Größe), sind die größten Sozialschmarotzer der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie schmeißen 60jährige Supermarktverkäuferinnen wegen des Verdachts (!) auf einen unterschlagenen Pfandbon über eine Summe unterhalb jeder Relevanzschwelle hinaus und schicken sie dann zum „Jobcenter“, woraufhin jene, mit 40jähriger Erwerbsbiographie, sich dann von Presse und „öffentlicher Meinung“ als „faule Hartz IVler“ beschimpfen und demütigen lassen dürfen. (Denn selbstredend lebt ein Sozialhilfeempfänger, der sich weder eine vernünftige Wohnung leisten kann, noch aus seinem Landkreis ohne Einwilligung des zuständigen „Jobcenters“ ausreisen darf, in Saus und Braus, verbraucht Alkohol in rauen Mengen wie ein Grünwalder Yuppie und kauft die Einrichtungshäuser dieser Republik „auf Staatskosten“ leer.)
Uns 30jährige wiederum mit unseren hart erkämpften Hochschulabschlüssen und unserem mühsam erworbenen Weltwissen stellen sie gar nicht erst ein, sondern sie halten uns mit leeren, falschen Versprechungen so lange hin, bis sie uns genügend ausgebeutet haben; dann kriegen wir – leider passiert das oft, zu oft – einen Fußtritt und können das Weite suchen. Gegenleistungen überweisen sie mit astronomisch langen Zahlungszielen, bei denen jeder institutionelle Gläubiger lange schon das Inkassobüro einschalten würde. Für die legitimen existenziellen Belange der Jungen und der Alten haben sie nur Spott und Verachtung übrig. Wohin sie kommen, werfen sie die Optimierungsmaschine an: ob in Klinken oder in Ministerien.
Diese Babyboomer treten in ihrer Publizistik den Staat mit Füßen, dem sie alles verdanken: die Zuschüsse für ihre sinnlosen und oft rasch in die Abwicklung gegangenen Startups aus den Neunzigern; und die fantastischen Steuerregelungen für die Erträge, die sie einst mit diesen Startups generiert haben und die sie nun den Banken zur weiteren Vermehrung überlassen – jenen Banken, die keinem noch so rührigen Freiberufler und keiner noch so opferwilligen alleinerziehenden Mutter auch nur einen Kredit über zweitausend Euro mehr gewähren, dafür aber ihren früh ergrauten Analysten und Asset Managern Aston Martins vor die Tür stellen. Diese Babyboomer haben sich in den letzten zwanzig Jahren mit Arbeitsverträgen bewaffnet, von denen selbst gutgestellte Beamte oft nur träumen können, noch bereichert durch das Abgesparte und Erworbene ihrer Eltern und Großeltern; selber aber predigen sie das brutale Evangelium der freien Mitarbeit, der Scheinselbständigkeit, der befristeten Beschäftigung. In der gegenwärtigen „Generation Y“-Literatur wird dieses Vorgehen gerne als freie Daseinswahl euphemisiert und camoufliert; man braucht nicht lange zu überlegen, wer hinter solchen Parolen steckt.
Meine Generation leidet an einer gigantischen, durch das Wirtschaftsleben in seiner heutigen Form verursachten Epidemie: dem Burnout. Glück schlägt bei uns keineswegs Geld, und wir haben sehr wohl Angst, große Angst. Deshalb sind wir ausgebrannt, bevor wir zu leuchten begonnen haben. Geprägt – und gekapert – freilich wurde der Begriff „Burnout“ ausgerechnet von den Babyboomern, die aus einem ernsten Syndrom eine Urban Legend gemacht haben; von Leuten wie Miriam Meckel, die unter „Lebenskrise“ offenbar einen mehrmonatigen oder gar –jährigen Retreat bei vollen, nicht selten fünfstelligen Bezügen und unter fortbestehender Integration ins „soziale Netz“ verstehen. Auch dies ist eine typische Babyboomer-Strategie, die sich nur aus einer tiefen, früh eingewurzelten und langgeübten Charakterlosigkeit erklärt: die Verdrehung der Tatsachen, die nicht zu trennen ist von der grundsätzlichen Bereitschaft zur Lüge.
Der landeweit bekannte süddeutsche Unternehmer, der seit Jahr und Tag stolz verkündet, er werde „auch in Zukunft nur in Deutschland produzieren“, war, als wir beide vor Jahren gemeinsam zu Gast in einer Talkshow zum Thema Burnout waren, sofort einer Ansicht mit mir: wer oben steht, hat sich einen Burnout schlicht nicht zu leisten. Diese Lektion haben die Babyboomer, die Erfinder des Sabbaticals und des Aussteigertums, verschlafen.
Ihre moralische Inferiorität verweist auf das Verständnis von Sozialität und damit Wirtschaft, in dem sie sich erzogen haben. Wirtschaft ist für sie zu hundert Prozent Marketing, zu null Prozent Produktivität. Sie sind Herostraten, nur dass sie nicht Gegenstände, sondern Geld verbrennen. Aus dem Zyklus von Produktion und Kapital, der so ausgerichtet sein soll, dass so viele Bürger wie möglich so glücklich und zufrieden wie möglich sein können, haben sie einen Höllenzyklus von Cashburn und Braindrain gemacht mit dem einzigen Zweck, sich selbst zu bereichern und dann auf „Exit“ zu gehen. Rocket Internet lässt grüßen. Die Ideologie des Wachstums ad infinitum verschleiert nur, dass es für sie keine Ziele, sondern eben nur Zwecke gibt. Denn es gibt kein „ewiges Wachstum“, wohl aber eine dauernde Bedürftigkeit des Menschen als Mensch, so lang er lebt. Diese Bedürftigkeit mitsamt ihrer natürlichen und moralischen Legitimität negieren die Babyboomer rundum.

Geschlossene Gesellschaft

Soziale Durchlässigkeit existiert in Deutschland im Jahr 2014 nur mehr auf dem Papier. Wer wie ich zehn Jahre lang versucht hat, in der Medienwelt Fuß zu fassen, und sich dabei weder auf familiäre noch wirtschaftliche Ressourcen und Netzwerke stützen konnte, sondern „nur“ auf seine individuellen Fähigkeiten, weiß genau, wovon ich spreche. Wie stets in der Geschichte, so begünstigt auch die gegenwärtige Krisenstimmung eine Verschärfung der gesellschaftlichen Exklusion. Bestehende Gruppen schließen sich hermetisch ab und rekrutieren sich nur mehr aus dem eigenen biologischen, ideologischen oder politischen Reservoir. Ein Kollege meines Alters brachte es neulich auf den Punkt: Unsere heutigen Vorgesetzen kamen oft als Adlatus von XY in ihre Positionen, quasi als Entgelt für jahrelange Gefälligkeit und Treue; diese patronale Schema setzen sie selber aber nicht fort. Die Wohltaten, denen sie ihren einstigen Aufstieg verdanken, wollen sie selber nicht an die Nachfolgenden weitergeben. Sie kleben an ihren Sesseln.
Elitenförderung bedeutet im heutigen Deutschland Erhaltung und Förderung der bestehenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Eliten. Wer nicht von Hause aus den „erwünschten Kreisen“ – gehobenes Bürgertum, breite verwandtschaftliche Vernetzung, intakte Vermögensressourcen, genehme parteiliche und/oder kirchliche Prägung – angehört, hat wenig bis keine Chancen, es gesellschaftlich weit zu bringen. Die sozialen Errungenschaften, für die Deutschland im Ausland nach wie vor gerühmt wird – derlei geschieht traditionell stets mit einer gewissen epochalen Verzögerung –, stammen allesamt aus der Vor- bzw. Nachkriegszeit, insbesondere der 68er-Periode: die faktische, nicht bloß nominelle, Öffnung der höheren Bildungspfade, die großzügige Einwanderungspolitik, der Ausbau der sozialen Sicherungssysteme: all dies vollzog sich zuletzt zwischen 1960 und 1990. Von diesem Werk zehren wir bis heute.
Keine Periode wird von den Babyboomern so vehement verteufelt wie die Achtundsechziger. Dabei verdanken wir dieser Zeit so ziemlich alles, was das Leben in diesem Land und auf diesem Erdteil sozial und politisch lebenswert macht. Man klagt über Parallelgesellschaften und mangelnde Integrationsbereitschaft? Ja weiß man denn nicht, dass in Deutschland im Jahr 2014 ein „ausländisch klingender“ Name bei vielen Bewerbungspfaden immer noch ein absoluter Dealbreaker ist? Dass man unterhalb einer bestimmten Bildungsschwelle den Trägern dieser Namen ergo oftmals ohnehin keine andere Wahl lässt als den Weg in die Halb- oder Illegalität? Man klagt über „mangelnden Leistungswillen“? Ja wissen die, die so klagen, denn nicht, dass Leistung schon längst nicht mehr belohnt wird, dass also zumindest jede ökonomische Motivation, sich anzustrengen, für viele lange schon fortgefallen ist?
Die freie Wirtschaft predigt auch bei uns seit den Neunzigern die Ideologie des „up or out“ – in flagranter Verleugnung dessen, dass in Deutschland – außerhalb der ach so korrupten Politik interessanterweise! – immer noch kaum jemand „ aufsteigt“, der nicht entweder den richtigen Nachnamen trägt oder mit den richtigen Leuten geschlafen hat? Eine zynische Zwangslage wurde geschaffen: In einer Zeit, in der „Aufstieg“ immer weniger möglich wird und viele von uns ihre Ausbildungs- und Berufswahl schon lange infrage stellen, wird Aufstieg zum exklusiven Kriterium des beruflichen und damit materiellen Überlebens erklärt – nicht allein bei Akademikern, sondern schon in einfachsten Berufsfeldern. Die oft Schule und Universität abbrechen und sich trotzdem auf dem freien Markt eine goldene Nase verdienen konnten, haben die Vokabel „Umschulung“ zum Zauberwort erhoben!
Die Babyboomer haben durch ihre verantwortungslose Exklusions- und Selektionspolitik das Modell der nivellierten Mittelstandsgesellschaft (Helmut Schelsky) in Misskredit gebracht, sich dabei aber nur selber moralisch und sozialgeschichtlich delegitimiert. Sie haben aus der Liberalisierungswelle der 30 Jahre, in denen sie jung waren, den größtmöglichen Nutzen gezogen, um dann mit der Liberalisierung radikal zu brechen. Heute werden im Einzelhandel Mitarbeiter unter Bruch von Gesetzen und Verletzung der Menschenwürde nach ihren finanziellen Verhältnissen ausgeforscht und, wenn diese Verhältnisse sich als „nicht geordnet“ erweisen (was sich eigentlich denken lässt, denn jemand, der in „geordneten Verhältnissen“ lebt, arbeitet nicht als Textilverkäufer oder Lagerarbeiter), auf die Straße gesetzt. Kreditwürdigkeit ist ein rares Gut geworden. Der Ärmere, sozial Schwächere, Hilfebedürftige wird unterm Diktat von Effizienz und Synergie mit arroganter Geringschätzung und blankem Hass verfolgt. Man selber will unter sich bleiben und ein möglichst großes Stück vom Kuchen für sich bewahren. Die Babyboomer mit ihren Spitzenleuten in Wirtschaft und Medien werden zur Gefahr für den sozialen Frieden.

Der Bildungsverrat

Aufstieg durch Bildung? Das war einmal. Schuld daran ist aber nicht nur der oben beschriebene Exklusionismus und Elitismus, den die Babyboomer zur Perfektion gebracht haben; sondern ebenso ihr gigantischer Verrat an der Bildung.
Ich gehöre zur letzten Generation, die von Staats wegen, auch bei minimalen wirtschaftlichen Ressourcen des Elternhauses, mit einer erstklassigen Bildung versorgt wurde. Als ich nach der 4. Klasse aufs Gymnasium wechselte, gab es allein in Berlin immerhin drei Schulen, die Griechisch als dritte, und sogar eine Handvoll, die Latein als erste Pflichtfremdsprache anboten. Wie in allen Aufsteigerhaushalten, so wurde auch bei uns, wie bei so vielen meiner Generation, Bildung großgeschrieben. Es galt als selbstverständlich, dass eine solide, gründliche Bildung, womöglich in Verbindung mit echtem Talent, nach dem Schul-, spätestens dem Hochschulabschluss mit einem entsprechenden Einkommensplatz gewürdigt wird. Das, so war die Erwartungshaltung, gehörte sich ganz einfach. Genauso selbstverständlich war für gar nicht wenige meiner Generation, dass am Mittagstisch gebetet wurde und dass man bestimmte Dinge, ob auf dem Schulhof oder später, im Arbeitsleben, einfach „nicht macht“.
Die Realität sieht anders aus. Mit einem höhnischen Grinsen schlagen uns die lächerlich braungebrannten Babygesichter in den Personalabteilungen, deren Lebenshorizont sich nach vielen, immer wackeligeren Linien Kokain nur mehr zwischen Holmes Place, Senator-Lounge und (von der Firma bezahltem) Hotelzimmer inklusive reichlich Prosecco erstreckt, unsere 15 Punkte in der Homerinterpretation oder in Trigonometrie ins Gesicht, und genauso die Wertvorstellungen, die uns trotz des gigantischen Kulturschocks der Neunzigerjahre eben doch mitgegeben wurden. Sie haben es fertig gebracht, dass ausgerechnet wir Jungen uns immer mehr fragen, ob wir überhaupt in unsere eigene Zeit passen. Wer kennt sie nicht, all die Hochschulabsolventen, die nun für irgendeine Lobby in irgendeiner „Agentur“ lügnerische Pressemeldungen verfassen oder in der Wirtschaft bessere Sekretärdienste verrichten müssen, das alles für ein Monatssalär, das ohne elterlichen Zuschuss – wenn es diesen denn gibt – zum Leben nicht ausreichte? An Kinderkriegen ist bei uns nicht zu denken – aber nicht, wie bei den Babyboomern, aus falsch verstandener Selbstverwirklichung, sonder aus purer Selbsterhaltung – wir können uns Kinder oftmals schlicht nicht „leisten“.
Aus der Bildungsrepublik Deutschland ist eine Republik der Prekarianer geworden. Die Bolognareform, die mittlerweile von fast allen Professoren der alten Schule abgelehnt wird und deren Ziele das Sqeeze-out der Hochschulen und die Minimierung individueller Erkenntnis sind, ist das Tüpfelchen auf dem I dieses Prozesses. Ein Bachelor, so das Kalkül, kann einem intellektuell weniger gefährlich werden – und man kann ihm weniger bezahlen.
Die Nachkriegszeit war, nach Goethezeit, Arbeiterbewegung und Zwischenkriegszeit, die letzte große Bildungsepoche. Es waren Bildungs- und Großbürgerkinder, die Marx, Dahrendorf und Karin Struck lasen und „unters Volk“ brachten; die Bildung für alle forderten und damit nicht Optimierung von Einkommenschancen meinten, sondern das, was Bildung an sich immer war und immer sein wird: ein heiliger, humanistischer Selbstzweck, der auch Metallarbeitern, Krankenschwestern und Polizeimeistern das eigene Dasein edler, schöner und wertvoller machen soll. Das übrigens war und ist auch der primäre Sinn des Wohlfahrtstaates: nicht fördern, um zu fordern, sondern fördern, um des Menschseins Willen. Die Idee des Grundeinkommens, bei der der die Babyboomer die Hände überm Kopf zusammenschlagen, entspringt genau diesem Gedankengang.
Doch idealismusfeindlich, wie sie sind, sind die Babyboomer auch Feind aller Bildung, allein schon deshalb, weil Bildung selbständig und selbstbewusst macht. Wenn ich früher meine Texte Joachim Fest oder Arnulf Baring vorlegte, wussten die nach wenigen Zeilen sofort, was ich meinte und wie ich es meinte. Die 80jährigen Greise und ich, der 20jährige Jungspund: wir verstanden uns, und so ging und geht es Zehntausenden meiner Altersgenossen. In der Babyboomergeneration dagegen habe ich es mit eiskalten – oder vielmehr sich eiskalt gebenden – Kalkulatoren zu tun, die aus jedem höheren geistigen Inhalt schnellstmöglich einen gut verkäuflichen „Content“ extrapolieren. (Neulich erst hat Stephanie Nannen höchstselbst eine brennende Philippika gegen das Wort „content“ gehalten.) Weltlos, wie sie selber sind, wollen sie die Welt machen, die für sie nur aus Algorithmen, Vertriebskanälen und Triebreaktionen zu bestehen scheint. Sie haben Europa, das eben ein Dritter Weg zwischen Westen und Osten, eine Kultur- Werte- und Wohlstandsgemeinschaft gleichsam vom Hadrianswall bis ans Schwarze Meer sein soll – doch was wissen diese Geschichtsvergessenen davon?! –, amerikanisiert und Deutschland, bittere Ironie, am meisten von allen europäischen Nationen.

Politik als Vabanque-Spiel

Die Generation Babyboomer hat das öffentliche Hinstellen von „Migranten“ und „Unterschichtlern“ als „bildungsfern“ und „politikverdrossen“ in einem sehr deutlich an Dr. Goebbels erinnernden Tonfall salonfähig gemacht. In Wahrheit besitzen gerade sie, deren Horizont bis zum nächsten Sparkontoauszug ihrer westfälischen oder oberschwäbischen Kreissparkasse reicht, weniger politisches Verständnis als die simpelste Reinigungsfrau, der grobschlächtigste Drogendealer. Ein Blick in die so genannten „großen“ überregionalen Zeitungen, ob FAZ, Welt oder ZEIT, reicht, um diese Einschätzung zu bestätigen (übrigens auch, um mit dem idiotischen Fehlurteil aufzuräumen, „die Medien“ in Deutschland seien mehrheitlich „links“: das gilt für einige Rundfunkanstalten und manche Zeitung, ja; doch die privaten Sender sowie der dominierende Teil der Printlandschaft sind, mit Ausnahmen freilich, mehrheitlich neo- bis rechtsliberal geprägt).
Die politische Ideologie dieser Generation ist recht simpel. Alles ist Lobby, Interessen regieren die Welt: also dienen wir Interessen. Mundus vult decipi, ergo decipiatur, lautet die Devise dieser „Kultivierten“, bei denen dann daheim auf dem Coffetable Clausewitz‘ „Vom Kriege“ und Machiavellis „Fürst“ neben dem Dahler-und-Company-Katalog liegen. Deshalb verschließen sie sich hartnäckig jeder größeren politischen Idee, jeder tieferen historischen Einsicht, ja noch mehr: sie hassen die Politik, das Politische, das nach dem Verständnis nicht nur der Alten Griechen eine Sache der Teilhabe, des Individualismus, der geistigen Spontaneität und vor allem der Gerechtigkeit sein sollte.
Die Anti-Europa-Hetze der vergangenen zehn Jahre wurde maßgeblich von Babyboomern betrieben. Die „Krake Brüssel“ geht ebenso auf ihr Konto wie „stinkende Rumänen“ oder „tricksende Griechen“. Sie mögen sich durch alle Erdteile gevögelt und eine Million Lufthansameilen zurückgelegt haben: vom historischen und geopolitischen Standort ihres Landes und ihres Erdteils – allein schon die Begriffe – wissen sie nichts. Sucht man nach prominenten, aufgeklärten Befürwortern der europäischen Idee, so muss man Robert Menasse, meinetwegen auch Ulrich Wickert fragen; die Generation Friedrich Merz, der gerade wieder einmal ein Comeback feiern soll, fällt auch hier aus. Die Babyboomer sind die Hauptprofiteure der europäischen Einigung. Aber Verantwortung übernehmen für diese Einheit: das wollen sie nicht. Denn dazu müssten sie einsehen, dass sie nicht im allein stehen, sondern Teil einer Gesellschaft sind, der gegenüber sie verpflichtet sind, wie diese ihnen gegenüber verpflichtet ist.
Dasselbe gilt von Innenpolitik, die sich in ihrem Verständnis in Wirtschaftsförderung und Steuererleichterungen erschöpft. Sie brauchen Arbeitsvieh aller Bildungsgrade, das sie möglichst rechtlos behandeln und wie eine Zwangsprostituierte ausbeuten dürfen, und sie brauchen ein politisches System, die konservativ genug ist, um „ihr“ Geld vor „bösen Einwanderern“ und „faulen Hartz IVlern“ zu schützen, und liberal genug, um immer neue Immobilien zu immer verrückteren Zinsen und Preisen zu vermieten und zu verkaufen.
Der behagliche Wohlstand, die saturierte Bequemlichkeit, in der sie sich eingenistet haben und die ihnen zur zweiten Haut geworden ist, hindert sie daran, überschauend und „objektiv“, mit universeller Perspektive auf die politische (und geistige) Situation ihrer Zeit zu schauen. Die Angst, um genau zu sein, jene behagliche Hülle zu verlieren und dann buchstäblich nackt und schutzlos dazustehen, hindert sie daran. Sie sind zu sehr verstrickt, zu sehr Teil des Systems, um überhaupt auf den Gedanken großer, befreiender und zukunftweisender Lösungen zu verfallen. Wir Jüngeren, die wir nie etwas hatten und nichts zu verlieren haben: wir können das. Wir fangen bei Null an, we can start life from scratch, weil wir es müssen; weil uns niemand an die Hand nimmt, kein Marshallplan im Großen und keine bundesrepublikanischen Gründerväter im Kleinen, die durch ihre Schüler von Merkel über Steinmeier bis hin zu manchen bei Grünen und FDP bis heute die politische Elite des Landes dominieren und dadurch wenigstens gewährleisten, dass das Land und die europäische Ordnung nicht aus den Fugen gerät. Die Babyboomer sind pure Egoisten, keine Individualisten. Sie fordern die Bierdeckelsteuer, und doch würden die Bäume im Grunewald nicht ausreichen, an denen sie sich aus Verzweiflung aufhängen würden, striche man ihnen später nur für ein Jahr ihre üppige Rente. Sie sind Pubertierende geblieben, das Handy ständig griffbereit, um die Eltern wieder einmal nach einem Vorschuss auf den nächsten Monatswechsel zu fragen.
Diese Generation, das erkannte hellsichtig schon Harald Schmidt, war Lückenbüßerin, nicht mehr. Auf sie passte wie bestellt Westerwelles (selber ein Babyboomer, wenngleich mit einem nicht ganz typischen Lebensweg) Wort von der spätrömischen Dekadenz. Die großen Projekte der Zukunft aber, in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, entziehen sich ihrem Horizont und ihrem Zugriff. Was von ihnen bleiben wird, ist die Rolle von Statisten in jener Übergangszeit, die mit dem Ende des Kalten Krieges 1990 begann und die nun langsam, aber sicher ihrem Ende zugeht.

Bei diesem Blogeintrag handelt es sich um den Text eines bestellten Exposés. Der Verlag mit Sitz in München zog im letzten Augenblick seine schon gegebene Zusage zurück. Wahrscheinlich verließ die Verantwortlichen dann doch der Mut. Eigentlich nicht verwunderlich.

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