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Wie eine verantwortungslose Generation das Land ruiniert

Dies ist eine Gesellschaftskritik. Schon dies muss verwundern. Denn das Genre der Gesellschaftskritik ist in der Literatur der jüngeren Generationen so gut wie ausgestorben. Die einzige Generation, die es noch ernsthaft und mit einer gewissen, eher pflichtschuldig erbrachten Aufmerksamkeit betreibt, sind die Kriegs- und Nachkriegskinder, die langsam ins Rentenalter kommen, wenn sie nicht schon längst in Rente sind, so etwa Michael Hartmann, der sich wie ein einsamer Rufer ausnimmt inmitten der Wüste der Behaglichkeits- und Lebensoptimierungsliteratur, die inhaltlich leider selten über das Niveau von Pressemitteilungen hinauskommt. Ich will abrechnen: abrechnen mit dem gesellschaftlichen Scherbenhaufen, den wir heute vorfinden, und abrechnen mit der Generation, die diesen Scherbenhaufen angerichtet hat: den Babyboomern.

Wenn es je ein gemachtes Bett gab, dann jenes, in das sich diese Generation der zwischen den späten Fünfziger- und frühen Siebzigerjahren Geborenen legte: diese ewigen Babyfaces, die sich nicht entblödeten, sich selbst (!) als “Generation Golf” zu bezeichnen; diese ewig von Mutti Verwöhnten und von Papi Gepamperten, diese Bausparer und Mitgiftjäger, die als Milfhunter und als Sugardaddy eine gleichermaßen ridiküle und blamable Figur abgaben und jetzt abgeben. Menschen, nein: menschliche Ressourcen – denn so nennen sie sich selber -, die noch als Fünfzigjährige unterm Pantoffel ihrer nun greisenhaften Eltern stehn; die entweder als Kofferträger von X oder als Freundin von Y Karriere machten; die die Ideologien des Anything goes und des Catch as catch can mit primitiverer Penetranz vor sich hertragen, als es noch die beschränkteste Marketingassistentin in einer westdeutschen Kleinstadt täte. Diese ewigen Riesenbabies haben keinen Krieg mitgemacht wie die Zwischenkriegskinder; sie haben auch kein zerstörtes Land wieder aufgebaut wie die Kriegs- und Nachkriegskinder; sondern sie haben nur verwaltet, ihr liebes, langes Leben lang, das im Grunde eine einzige Postpubertät geblieben ist.
Sie haben in den Neunziger- und dann in den Nuller Jahren mit ihrer grenzenlosen, unendlich kulturlosen Gier, die man sonst nur in Hollywoodfilmen findet, zwei Wirtschaftskrisen ausgelöst und die westliche Welt an den Rand des sozialen Notstands gebracht; sie haben jede politische Idee, ob von links oder von rechts, erst zu ihrem Vorteil benutzt und dann verraten; sie haben sich das Erbe ihrer Eltern und ihres Landes unter den Nagel gerissen und haben die Welt zu einem einzigen, großen Casino umgebaut. Nichts ist an Ihnen authentisch außer der grenzenlosen Verantwortungslosigkeit.
Von der väterlichen Güte, von der mütterlichen Wärme, die sie selber empfangen haben, haben sie ihren Nachfolgern nichts weitergegeben. Eine gründliche Unbildung, eine blasierte Ignoranz in Gefühlsdingen dringt ihnen aus allen Poren. Sie haben den sozialfaschistischen Marketingsprech in unser Idiom introduziert; sie haben den Altgriechischunterricht abgeschafft und geben dafür mit Iphones, Bonusmeilen und Fitnessgutscheinen an, die sie auf Firmenkosten erworben haben.
Sie lassen Azubis in Lagerräumen “anbinden” und Schwarzafrikanerinnen ohne Papiere ihre geschmacklosen “Lofts” reinigen. Sie verursachen mit ihrer desaströsen Personalpolitik, die eines Lageraufsehers würdig wäre, tagtäglich menschliche Tragödien und lassen tausendmal Begabtere als sie selber jahrelang auf Anstellungen warten. Sie hören Rock’n’Roll nicht aus Rebellion gegen, sondern aus blanker Unkenntnis der klassischen Kultur; sie zerstören die Sozialsysteme und verpesten die Umwelt mit ihrem sinnlosen Herumgefliege zu noch sinnloseren Meetings, deren einziger evidenter Sinn das Hochschrauben der eigenen Gehaltsmaßstäbe und Pensionsansprüche ist.
Diese feisten Babygesichter, denen es nie an etwas fehlte, haben die körperliche Fitness zur Konfession und die materielle Kultur zur Ideologie erhoben und sind doch unschneidiger als jeder Theologiestudent, stilloser als jede Friseuse.
Diese Nutznießer der europäischen Einigung, diese Profiteure des so genannten Wirtschaftswunders: sie sind dabei, Europa zu zerstören und das Wirtschaftsleben in ein Tollhaus zu verwandeln. Auf ihr Schuldkonto gehen die Generation Praktikum und das Prekarianertum. Geiz ist geil, aber nur für ihre Personalabteilungen: der kleine Mann soll munter sein Geld ausgeben und sich in alle Ewigkeit abhängig machen. Dabei wird er dann noch wahlweise als faul und arbeitsscheu (“Hartz IVler”) bzw. verwöhnt und antriebslos (“Generation Y”) beschimpft und verhöhnt. Selber wurden sie nie gedemütigt, dafür demütigen sie andere umso mehr. Man weiß nicht, ob man sie mehr hassen oder verachten soll. –
Ein kleiner Trost immerhin bleibt: dass diese Generation in den Geschichtsbüchern allerhöchstens als Fußnote überleben wird. Und bei allem, was man über sie sonst denken muss: es bleibt Angela Merkels dauerndes Verdienst, dass sie alles dafür getan hat, dass diese Generation kein Stückchen echte politische Macht erhalten hat.

Die wahren Sozialschmarotzer

It’s the economy, stupid! Was in der Ära Clinton als zackiger Aufruf an die Eigeninitiative und ans Selbstvertrauen des Individuums gemeint war, ist heute ein blanker Zynismus der Satten und Reichen gegen die Zurückgebliebenen und Ausgesteuerten. Wer in meiner Generation sprichwörtlich ums Überleben kämpft, erfährt keineswegs Unterstützung und Starthilfe angeboten, sondern lediglich höhnische Fragen: „Wie, Ihre Eltern unterstützen Sie nicht?“ „Wie, Sie sind nicht krankenversichert? Gibt’s das überhaupt in Deutschland?“
Die Babyboomer, wie Sie Ihr größter Vertreter Frank Schirrmacher nannte (und in dieser Vertreterschaft, sit venia verbo, erschöpfte sich auch bereits seine Größe), sind die größten Sozialschmarotzer der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie schmeißen 60jährige Supermarktverkäuferinnen wegen des Verdachts (!) auf einen unterschlagenen Pfandbon über eine Summe unterhalb jeder Relevanzschwelle hinaus und schicken sie dann zum „Jobcenter“, woraufhin jene, mit 40jähriger Erwerbsbiographie, sich dann von Presse und „öffentlicher Meinung“ als „faule Hartz IVler“ beschimpfen und demütigen lassen dürfen. (Denn selbstredend lebt ein Sozialhilfeempfänger, der sich weder eine vernünftige Wohnung leisten kann, noch aus seinem Landkreis ohne Einwilligung des zuständigen „Jobcenters“ ausreisen darf, in Saus und Braus, verbraucht Alkohol in rauen Mengen wie ein Grünwalder Yuppie und kauft die Einrichtungshäuser dieser Republik „auf Staatskosten“ leer.)
Uns 30jährige wiederum mit unseren hart erkämpften Hochschulabschlüssen und unserem mühsam erworbenen Weltwissen stellen sie gar nicht erst ein, sondern sie halten uns mit leeren, falschen Versprechungen so lange hin, bis sie uns genügend ausgebeutet haben; dann kriegen wir – leider passiert das oft, zu oft – einen Fußtritt und können das Weite suchen. Gegenleistungen überweisen sie mit astronomisch langen Zahlungszielen, bei denen jeder institutionelle Gläubiger lange schon das Inkassobüro einschalten würde. Für die legitimen existenziellen Belange der Jungen und der Alten haben sie nur Spott und Verachtung übrig. Wohin sie kommen, werfen sie die Optimierungsmaschine an: ob in Klinken oder in Ministerien.
Diese Babyboomer treten in ihrer Publizistik den Staat mit Füßen, dem sie alles verdanken: die Zuschüsse für ihre sinnlosen und oft rasch in die Abwicklung gegangenen Startups aus den Neunzigern; und die fantastischen Steuerregelungen für die Erträge, die sie einst mit diesen Startups generiert haben und die sie nun den Banken zur weiteren Vermehrung überlassen – jenen Banken, die keinem noch so rührigen Freiberufler und keiner noch so opferwilligen alleinerziehenden Mutter auch nur einen Kredit über zweitausend Euro mehr gewähren, dafür aber ihren früh ergrauten Analysten und Asset Managern Aston Martins vor die Tür stellen. Diese Babyboomer haben sich in den letzten zwanzig Jahren mit Arbeitsverträgen bewaffnet, von denen selbst gutgestellte Beamte oft nur träumen können, noch bereichert durch das Abgesparte und Erworbene ihrer Eltern und Großeltern; selber aber predigen sie das brutale Evangelium der freien Mitarbeit, der Scheinselbständigkeit, der befristeten Beschäftigung. In der gegenwärtigen „Generation Y“-Literatur wird dieses Vorgehen gerne als freie Daseinswahl euphemisiert und camoufliert; man braucht nicht lange zu überlegen, wer hinter solchen Parolen steckt.
Meine Generation leidet an einer gigantischen, durch das Wirtschaftsleben in seiner heutigen Form verursachten Epidemie: dem Burnout. Glück schlägt bei uns keineswegs Geld, und wir haben sehr wohl Angst, große Angst. Deshalb sind wir ausgebrannt, bevor wir zu leuchten begonnen haben. Geprägt – und gekapert – freilich wurde der Begriff „Burnout“ ausgerechnet von den Babyboomern, die aus einem ernsten Syndrom eine Urban Legend gemacht haben; von Leuten wie Miriam Meckel, die unter „Lebenskrise“ offenbar einen mehrmonatigen oder gar –jährigen Retreat bei vollen, nicht selten fünfstelligen Bezügen und unter fortbestehender Integration ins „soziale Netz“ verstehen. Auch dies ist eine typische Babyboomer-Strategie, die sich nur aus einer tiefen, früh eingewurzelten und langgeübten Charakterlosigkeit erklärt: die Verdrehung der Tatsachen, die nicht zu trennen ist von der grundsätzlichen Bereitschaft zur Lüge.
Der landeweit bekannte süddeutsche Unternehmer, der seit Jahr und Tag stolz verkündet, er werde „auch in Zukunft nur in Deutschland produzieren“, war, als wir beide vor Jahren gemeinsam zu Gast in einer Talkshow zum Thema Burnout waren, sofort einer Ansicht mit mir: wer oben steht, hat sich einen Burnout schlicht nicht zu leisten. Diese Lektion haben die Babyboomer, die Erfinder des Sabbaticals und des Aussteigertums, verschlafen.
Ihre moralische Inferiorität verweist auf das Verständnis von Sozialität und damit Wirtschaft, in dem sie sich erzogen haben. Wirtschaft ist für sie zu hundert Prozent Marketing, zu null Prozent Produktivität. Sie sind Herostraten, nur dass sie nicht Gegenstände, sondern Geld verbrennen. Aus dem Zyklus von Produktion und Kapital, der so ausgerichtet sein soll, dass so viele Bürger wie möglich so glücklich und zufrieden wie möglich sein können, haben sie einen Höllenzyklus von Cashburn und Braindrain gemacht mit dem einzigen Zweck, sich selbst zu bereichern und dann auf „Exit“ zu gehen. Rocket Internet lässt grüßen. Die Ideologie des Wachstums ad infinitum verschleiert nur, dass es für sie keine Ziele, sondern eben nur Zwecke gibt. Denn es gibt kein „ewiges Wachstum“, wohl aber eine dauernde Bedürftigkeit des Menschen als Mensch, so lang er lebt. Diese Bedürftigkeit mitsamt ihrer natürlichen und moralischen Legitimität negieren die Babyboomer rundum.

Geschlossene Gesellschaft

Soziale Durchlässigkeit existiert in Deutschland im Jahr 2014 nur mehr auf dem Papier. Wer wie ich zehn Jahre lang versucht hat, in der Medienwelt Fuß zu fassen, und sich dabei weder auf familiäre noch wirtschaftliche Ressourcen und Netzwerke stützen konnte, sondern „nur“ auf seine individuellen Fähigkeiten, weiß genau, wovon ich spreche. Wie stets in der Geschichte, so begünstigt auch die gegenwärtige Krisenstimmung eine Verschärfung der gesellschaftlichen Exklusion. Bestehende Gruppen schließen sich hermetisch ab und rekrutieren sich nur mehr aus dem eigenen biologischen, ideologischen oder politischen Reservoir. Ein Kollege meines Alters brachte es neulich auf den Punkt: Unsere heutigen Vorgesetzen kamen oft als Adlatus von XY in ihre Positionen, quasi als Entgelt für jahrelange Gefälligkeit und Treue; diese patronale Schema setzen sie selber aber nicht fort. Die Wohltaten, denen sie ihren einstigen Aufstieg verdanken, wollen sie selber nicht an die Nachfolgenden weitergeben. Sie kleben an ihren Sesseln.
Elitenförderung bedeutet im heutigen Deutschland Erhaltung und Förderung der bestehenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Eliten. Wer nicht von Hause aus den „erwünschten Kreisen“ – gehobenes Bürgertum, breite verwandtschaftliche Vernetzung, intakte Vermögensressourcen, genehme parteiliche und/oder kirchliche Prägung – angehört, hat wenig bis keine Chancen, es gesellschaftlich weit zu bringen. Die sozialen Errungenschaften, für die Deutschland im Ausland nach wie vor gerühmt wird – derlei geschieht traditionell stets mit einer gewissen epochalen Verzögerung –, stammen allesamt aus der Vor- bzw. Nachkriegszeit, insbesondere der 68er-Periode: die faktische, nicht bloß nominelle, Öffnung der höheren Bildungspfade, die großzügige Einwanderungspolitik, der Ausbau der sozialen Sicherungssysteme: all dies vollzog sich zuletzt zwischen 1960 und 1990. Von diesem Werk zehren wir bis heute.
Keine Periode wird von den Babyboomern so vehement verteufelt wie die Achtundsechziger. Dabei verdanken wir dieser Zeit so ziemlich alles, was das Leben in diesem Land und auf diesem Erdteil sozial und politisch lebenswert macht. Man klagt über Parallelgesellschaften und mangelnde Integrationsbereitschaft? Ja weiß man denn nicht, dass in Deutschland im Jahr 2014 ein „ausländisch klingender“ Name bei vielen Bewerbungspfaden immer noch ein absoluter Dealbreaker ist? Dass man unterhalb einer bestimmten Bildungsschwelle den Trägern dieser Namen ergo oftmals ohnehin keine andere Wahl lässt als den Weg in die Halb- oder Illegalität? Man klagt über „mangelnden Leistungswillen“? Ja wissen die, die so klagen, denn nicht, dass Leistung schon längst nicht mehr belohnt wird, dass also zumindest jede ökonomische Motivation, sich anzustrengen, für viele lange schon fortgefallen ist?
Die freie Wirtschaft predigt auch bei uns seit den Neunzigern die Ideologie des „up or out“ – in flagranter Verleugnung dessen, dass in Deutschland – außerhalb der ach so korrupten Politik interessanterweise! – immer noch kaum jemand „ aufsteigt“, der nicht entweder den richtigen Nachnamen trägt oder mit den richtigen Leuten geschlafen hat? Eine zynische Zwangslage wurde geschaffen: In einer Zeit, in der „Aufstieg“ immer weniger möglich wird und viele von uns ihre Ausbildungs- und Berufswahl schon lange infrage stellen, wird Aufstieg zum exklusiven Kriterium des beruflichen und damit materiellen Überlebens erklärt – nicht allein bei Akademikern, sondern schon in einfachsten Berufsfeldern. Die oft Schule und Universität abbrechen und sich trotzdem auf dem freien Markt eine goldene Nase verdienen konnten, haben die Vokabel „Umschulung“ zum Zauberwort erhoben!
Die Babyboomer haben durch ihre verantwortungslose Exklusions- und Selektionspolitik das Modell der nivellierten Mittelstandsgesellschaft (Helmut Schelsky) in Misskredit gebracht, sich dabei aber nur selber moralisch und sozialgeschichtlich delegitimiert. Sie haben aus der Liberalisierungswelle der 30 Jahre, in denen sie jung waren, den größtmöglichen Nutzen gezogen, um dann mit der Liberalisierung radikal zu brechen. Heute werden im Einzelhandel Mitarbeiter unter Bruch von Gesetzen und Verletzung der Menschenwürde nach ihren finanziellen Verhältnissen ausgeforscht und, wenn diese Verhältnisse sich als „nicht geordnet“ erweisen (was sich eigentlich denken lässt, denn jemand, der in „geordneten Verhältnissen“ lebt, arbeitet nicht als Textilverkäufer oder Lagerarbeiter), auf die Straße gesetzt. Kreditwürdigkeit ist ein rares Gut geworden. Der Ärmere, sozial Schwächere, Hilfebedürftige wird unterm Diktat von Effizienz und Synergie mit arroganter Geringschätzung und blankem Hass verfolgt. Man selber will unter sich bleiben und ein möglichst großes Stück vom Kuchen für sich bewahren. Die Babyboomer mit ihren Spitzenleuten in Wirtschaft und Medien werden zur Gefahr für den sozialen Frieden.

Der Bildungsverrat

Aufstieg durch Bildung? Das war einmal. Schuld daran ist aber nicht nur der oben beschriebene Exklusionismus und Elitismus, den die Babyboomer zur Perfektion gebracht haben; sondern ebenso ihr gigantischer Verrat an der Bildung.
Ich gehöre zur letzten Generation, die von Staats wegen, auch bei minimalen wirtschaftlichen Ressourcen des Elternhauses, mit einer erstklassigen Bildung versorgt wurde. Als ich nach der 4. Klasse aufs Gymnasium wechselte, gab es allein in Berlin immerhin drei Schulen, die Griechisch als dritte, und sogar eine Handvoll, die Latein als erste Pflichtfremdsprache anboten. Wie in allen Aufsteigerhaushalten, so wurde auch bei uns, wie bei so vielen meiner Generation, Bildung großgeschrieben. Es galt als selbstverständlich, dass eine solide, gründliche Bildung, womöglich in Verbindung mit echtem Talent, nach dem Schul-, spätestens dem Hochschulabschluss mit einem entsprechenden Einkommensplatz gewürdigt wird. Das, so war die Erwartungshaltung, gehörte sich ganz einfach. Genauso selbstverständlich war für gar nicht wenige meiner Generation, dass am Mittagstisch gebetet wurde und dass man bestimmte Dinge, ob auf dem Schulhof oder später, im Arbeitsleben, einfach „nicht macht“.
Die Realität sieht anders aus. Mit einem höhnischen Grinsen schlagen uns die lächerlich braungebrannten Babygesichter in den Personalabteilungen, deren Lebenshorizont sich nach vielen, immer wackeligeren Linien Kokain nur mehr zwischen Holmes Place, Senator-Lounge und (von der Firma bezahltem) Hotelzimmer inklusive reichlich Prosecco erstreckt, unsere 15 Punkte in der Homerinterpretation oder in Trigonometrie ins Gesicht, und genauso die Wertvorstellungen, die uns trotz des gigantischen Kulturschocks der Neunzigerjahre eben doch mitgegeben wurden. Sie haben es fertig gebracht, dass ausgerechnet wir Jungen uns immer mehr fragen, ob wir überhaupt in unsere eigene Zeit passen. Wer kennt sie nicht, all die Hochschulabsolventen, die nun für irgendeine Lobby in irgendeiner „Agentur“ lügnerische Pressemeldungen verfassen oder in der Wirtschaft bessere Sekretärdienste verrichten müssen, das alles für ein Monatssalär, das ohne elterlichen Zuschuss – wenn es diesen denn gibt – zum Leben nicht ausreichte? An Kinderkriegen ist bei uns nicht zu denken – aber nicht, wie bei den Babyboomern, aus falsch verstandener Selbstverwirklichung, sonder aus purer Selbsterhaltung – wir können uns Kinder oftmals schlicht nicht „leisten“.
Aus der Bildungsrepublik Deutschland ist eine Republik der Prekarianer geworden. Die Bolognareform, die mittlerweile von fast allen Professoren der alten Schule abgelehnt wird und deren Ziele das Sqeeze-out der Hochschulen und die Minimierung individueller Erkenntnis sind, ist das Tüpfelchen auf dem I dieses Prozesses. Ein Bachelor, so das Kalkül, kann einem intellektuell weniger gefährlich werden – und man kann ihm weniger bezahlen.
Die Nachkriegszeit war, nach Goethezeit, Arbeiterbewegung und Zwischenkriegszeit, die letzte große Bildungsepoche. Es waren Bildungs- und Großbürgerkinder, die Marx, Dahrendorf und Karin Struck lasen und „unters Volk“ brachten; die Bildung für alle forderten und damit nicht Optimierung von Einkommenschancen meinten, sondern das, was Bildung an sich immer war und immer sein wird: ein heiliger, humanistischer Selbstzweck, der auch Metallarbeitern, Krankenschwestern und Polizeimeistern das eigene Dasein edler, schöner und wertvoller machen soll. Das übrigens war und ist auch der primäre Sinn des Wohlfahrtstaates: nicht fördern, um zu fordern, sondern fördern, um des Menschseins Willen. Die Idee des Grundeinkommens, bei der der die Babyboomer die Hände überm Kopf zusammenschlagen, entspringt genau diesem Gedankengang.
Doch idealismusfeindlich, wie sie sind, sind die Babyboomer auch Feind aller Bildung, allein schon deshalb, weil Bildung selbständig und selbstbewusst macht. Wenn ich früher meine Texte Joachim Fest oder Arnulf Baring vorlegte, wussten die nach wenigen Zeilen sofort, was ich meinte und wie ich es meinte. Die 80jährigen Greise und ich, der 20jährige Jungspund: wir verstanden uns, und so ging und geht es Zehntausenden meiner Altersgenossen. In der Babyboomergeneration dagegen habe ich es mit eiskalten – oder vielmehr sich eiskalt gebenden – Kalkulatoren zu tun, die aus jedem höheren geistigen Inhalt schnellstmöglich einen gut verkäuflichen „Content“ extrapolieren. (Neulich erst hat Stephanie Nannen höchstselbst eine brennende Philippika gegen das Wort „content“ gehalten.) Weltlos, wie sie selber sind, wollen sie die Welt machen, die für sie nur aus Algorithmen, Vertriebskanälen und Triebreaktionen zu bestehen scheint. Sie haben Europa, das eben ein Dritter Weg zwischen Westen und Osten, eine Kultur- Werte- und Wohlstandsgemeinschaft gleichsam vom Hadrianswall bis ans Schwarze Meer sein soll – doch was wissen diese Geschichtsvergessenen davon?! –, amerikanisiert und Deutschland, bittere Ironie, am meisten von allen europäischen Nationen.

Politik als Vabanque-Spiel

Die Generation Babyboomer hat das öffentliche Hinstellen von „Migranten“ und „Unterschichtlern“ als „bildungsfern“ und „politikverdrossen“ in einem sehr deutlich an Dr. Goebbels erinnernden Tonfall salonfähig gemacht. In Wahrheit besitzen gerade sie, deren Horizont bis zum nächsten Sparkontoauszug ihrer westfälischen oder oberschwäbischen Kreissparkasse reicht, weniger politisches Verständnis als die simpelste Reinigungsfrau, der grobschlächtigste Drogendealer. Ein Blick in die so genannten „großen“ überregionalen Zeitungen, ob FAZ, Welt oder ZEIT, reicht, um diese Einschätzung zu bestätigen (übrigens auch, um mit dem idiotischen Fehlurteil aufzuräumen, „die Medien“ in Deutschland seien mehrheitlich „links“: das gilt für einige Rundfunkanstalten und manche Zeitung, ja; doch die privaten Sender sowie der dominierende Teil der Printlandschaft sind, mit Ausnahmen freilich, mehrheitlich neo- bis rechtsliberal geprägt).
Die politische Ideologie dieser Generation ist recht simpel. Alles ist Lobby, Interessen regieren die Welt: also dienen wir Interessen. Mundus vult decipi, ergo decipiatur, lautet die Devise dieser „Kultivierten“, bei denen dann daheim auf dem Coffetable Clausewitz‘ „Vom Kriege“ und Machiavellis „Fürst“ neben dem Dahler-und-Company-Katalog liegen. Deshalb verschließen sie sich hartnäckig jeder größeren politischen Idee, jeder tieferen historischen Einsicht, ja noch mehr: sie hassen die Politik, das Politische, das nach dem Verständnis nicht nur der Alten Griechen eine Sache der Teilhabe, des Individualismus, der geistigen Spontaneität und vor allem der Gerechtigkeit sein sollte.
Die Anti-Europa-Hetze der vergangenen zehn Jahre wurde maßgeblich von Babyboomern betrieben. Die „Krake Brüssel“ geht ebenso auf ihr Konto wie „stinkende Rumänen“ oder „tricksende Griechen“. Sie mögen sich durch alle Erdteile gevögelt und eine Million Lufthansameilen zurückgelegt haben: vom historischen und geopolitischen Standort ihres Landes und ihres Erdteils – allein schon die Begriffe – wissen sie nichts. Sucht man nach prominenten, aufgeklärten Befürwortern der europäischen Idee, so muss man Robert Menasse, meinetwegen auch Ulrich Wickert fragen; die Generation Friedrich Merz, der gerade wieder einmal ein Comeback feiern soll, fällt auch hier aus. Die Babyboomer sind die Hauptprofiteure der europäischen Einigung. Aber Verantwortung übernehmen für diese Einheit: das wollen sie nicht. Denn dazu müssten sie einsehen, dass sie nicht im allein stehen, sondern Teil einer Gesellschaft sind, der gegenüber sie verpflichtet sind, wie diese ihnen gegenüber verpflichtet ist.
Dasselbe gilt von Innenpolitik, die sich in ihrem Verständnis in Wirtschaftsförderung und Steuererleichterungen erschöpft. Sie brauchen Arbeitsvieh aller Bildungsgrade, das sie möglichst rechtlos behandeln und wie eine Zwangsprostituierte ausbeuten dürfen, und sie brauchen ein politisches System, die konservativ genug ist, um „ihr“ Geld vor „bösen Einwanderern“ und „faulen Hartz IVlern“ zu schützen, und liberal genug, um immer neue Immobilien zu immer verrückteren Zinsen und Preisen zu vermieten und zu verkaufen.
Der behagliche Wohlstand, die saturierte Bequemlichkeit, in der sie sich eingenistet haben und die ihnen zur zweiten Haut geworden ist, hindert sie daran, überschauend und „objektiv“, mit universeller Perspektive auf die politische (und geistige) Situation ihrer Zeit zu schauen. Die Angst, um genau zu sein, jene behagliche Hülle zu verlieren und dann buchstäblich nackt und schutzlos dazustehen, hindert sie daran. Sie sind zu sehr verstrickt, zu sehr Teil des Systems, um überhaupt auf den Gedanken großer, befreiender und zukunftweisender Lösungen zu verfallen. Wir Jüngeren, die wir nie etwas hatten und nichts zu verlieren haben: wir können das. Wir fangen bei Null an, we can start life from scratch, weil wir es müssen; weil uns niemand an die Hand nimmt, kein Marshallplan im Großen und keine bundesrepublikanischen Gründerväter im Kleinen, die durch ihre Schüler von Merkel über Steinmeier bis hin zu manchen bei Grünen und FDP bis heute die politische Elite des Landes dominieren und dadurch wenigstens gewährleisten, dass das Land und die europäische Ordnung nicht aus den Fugen gerät. Die Babyboomer sind pure Egoisten, keine Individualisten. Sie fordern die Bierdeckelsteuer, und doch würden die Bäume im Grunewald nicht ausreichen, an denen sie sich aus Verzweiflung aufhängen würden, striche man ihnen später nur für ein Jahr ihre üppige Rente. Sie sind Pubertierende geblieben, das Handy ständig griffbereit, um die Eltern wieder einmal nach einem Vorschuss auf den nächsten Monatswechsel zu fragen.
Diese Generation, das erkannte hellsichtig schon Harald Schmidt, war Lückenbüßerin, nicht mehr. Auf sie passte wie bestellt Westerwelles (selber ein Babyboomer, wenngleich mit einem nicht ganz typischen Lebensweg) Wort von der spätrömischen Dekadenz. Die großen Projekte der Zukunft aber, in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, entziehen sich ihrem Horizont und ihrem Zugriff. Was von ihnen bleiben wird, ist die Rolle von Statisten in jener Übergangszeit, die mit dem Ende des Kalten Krieges 1990 begann und die nun langsam, aber sicher ihrem Ende zugeht.

Bei diesem Blogeintrag handelt es sich um den Text eines bestellten Exposés. Der Verlag mit Sitz in München zog im letzten Augenblick seine schon gegebene Zusage zurück. Wahrscheinlich verließ die Verantwortlichen dann doch der Mut. Eigentlich nicht verwunderlich.

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