Die totale Negation. Hitler und der deutsche Nihilismus

Hitler, der aus engsten Verhältnissen zum Lenker des Kontinents aufgestiegen war, ging es um nichts Geringeres, als die Welt nach seinem Willen einzurichten, ohne Kompromisse und Rücksichten. Dieser Plan war in der Tat einzigartig. Weder Caesar noch Napoleon hätten sich angemaßt, diese Welt, in der wir leben, zu verneinen und an ihre Stelle etwas Neues setzen zu wollen. Auch die großen ideologischen Bewegungen wie etwa der Sowjetkommunismus, haben irgendwann in ihrer Entwicklung ihre extremistischen, manichäischen Ursprünge hinter sich gelassen und sich darauf beschränkt, in der Realität, wie der Mensch sie vorfindet, die punktuellen Änderungen in Staat und Gesellschaft vorzunehmen, die ihrem jeweiligen Dogma entsprachen. Niemals geschah das ohne Gewalt, selten mit dauerhaftem Erfolg; immer aber ging man, bei allen sonstigen Differenzen, von einer gemeinsamen Prämisse aus: Das menschliche Dasein zu erhalten und nach den Vorgaben der eigenen ideologischen Grundsätze zu verbessern. Die großen Ideologien haben viel Gewalt und Elend hervorgebracht; dennoch waren sie im Grundsatz lebensbejahend, bekannten sich also zum Sein, das ihnen zwar nicht vollkommen, aber doch irgendwie hinnehmbar erschien.

Hitler aber ging gegen das Sein selbst vor und dieser Plan musste notwendig im Verbrechen enden. Denn niemand, der selber nur als Teil der Welt geboren wird, ist imstande, sie nach seinen individuellen Wünschen vollständig umzuformen. Wer es dennoch versucht, erfährt schnell die Enttäuschung, dass auch er den Zwängen der Existenz unterworfen ist. Hitler, von einer unsäglichen Hybris besessen, war auf diese Weise von der Welt enttäuscht und richtete demnach seine ganze Energie darauf, an ihr furchtbar Rache zu nehmen. Als dieser Rachefeldzug gegen die Welt ist der Vernichtungskrieg anzusehen, vor allem aber der Holocaust. Indem er beide zur Ausführung brachte, brach Hitler mit jeder Tradition, mit jeder Vergangenheit, auch mit jeder ideologischen Utopie, die sich ja oftmals dadurch auszeichnet, dass sie sich an dem Ideal einer vergangenen besseren Epoche orientiert.

Hannah Arendt hat vom Holocaust als dem Menschheitsverbrechen gesprochen. Gegen das Ganze, gegen die ganze Menschheit ging Hitlers wahnhaftes Verlangen, entweder alles nach ihm auszurichten oder aber alles in den Abgrund zu stürzen. Diese beiden Momente bedingen einander wechselseitig; am Ende aber siegt immer die Verneinung, so auch bei Hitler. Den Weltlauf kann kein Individuum zurechtbiegen; wer es dennoch unternimmt, wird zum Verbrecher, und Hitler hat als Verbrecher von monumentaler Wirkungsmacht in der Geschichte seine Spur hinterlassen. Durch ihn kam es zu einer in der europäischen Geschichte beispiellosen Zivilisationskatastrophe; durch ihn erlebte die Schöpfung selbst, wie es der Schriftsteller Rolf Hochhuth formulierte, ihren Schiffbruch.

Im Bewusstsein dieser singulären Stellung Hitlers in der Weltgeschichte verwundert es, dass zwar der Nationalsozialismus durchaus in den geistesgeschichtlichen Kontext eingeordnet worden ist, die Person Hitler hingegen bei dieser Einordnung bislang nicht immer voll berücksichtigt wurde. Dabei würde erst diese Einordnung die ganzheitliche Wertung einer Biographie ermöglichen. Bezieht doch zum Beispiel Napoleon seine überragende historische Größe daher, dass er nicht nur politischer Gestalter seiner Zeit war, sondern ihre Symbolfigur. Deshalb konnte er mit Dostojewski und Nietzsche als maßgebende Persönlichkeit des neunzehnten Jahrhunderts gelten – eine Einschätzung, die beispielsweise auf Metternich und Bismarck keine Anwendung fand, die als Staatsmänner, aber eben nur als Staatsmänner, gewiss richtunggebend für ihre Zeit gewirkt haben.

Auch Hitler ist so eine maßgebende Persönlichkeit, Symbolfigur seiner Zeit, die eine Zeit des Umbruches war. Wie kein Zweiter vereinigte er die Erwartungen seines Zeitalters in sich; wie keinen Zweiten aber beherrschte ihn jenes Gefühl, das immer die Mentalität der Menschen an epochalen Umbrüchen bestimmt hat: Die Angst. Angst vor dem Sein und vor der Welt ist die wesentliche charakterliche Auszeichnung Hitlers wie die seiner Epoche, die keinen unvermittelten Bezug zur Vergangenheit mehr kannte. Die so genannte „gute alte Zeit“ politischer und wirtschaftlicher Stabilität war ihr durch das Trauma des Ersten Weltkrieges ebenso fremd geworden wie der Fortschrittspositivismus in Geschichtswissenschaft und Philosophie des späten neunzehnten Jahrhunderts. Die Menschheit, die in den Schützengräben Flanderns ihre „letzten Tage“ erlebt hatte, war heimatlos; nicht nur Gott, auch die Vernunft hatte ihre Rolle als unanfechtbare Instanz verloren.

Keine Nation in Europa empfand damals größere Angst als die Deutschen. Die besondere Intensität ihres Leidens an der Gegenwart leitete sich von dem eigentümlichen Defizit ab, auf keine glänzende Tradition zurückblicken zu können. Der „verspäteten Nation“, wie Helmuth Plessner sie nannte, fehlte das historische Erfolgserlebnis; und als innerlich nicht nur zerstrittener, sondern auch niemals in der neuzeitlichen Vergangenheit irgendwie geeinter Gesellschaft fehlte ihr auch die Erinnerung, wenigstens früher einmal ein glückliches Ganzes gewesen zu sein. Die Suche nach der verlorenen Zeit, der Roman der Aussöhnung des Menschen mit der Gegenwart im Gedenken an eine frühere Identität, wurde in Frankreich geschrieben, dessen im Ursprung nicht weniger extremistischer Faschismus schließlich ins Leere lief.

Deutschland stand also nicht nur vor der Zukunft, sondern auch vor der Vergangenheit ohne Hoffnung da. So kam es, dass sich der revolutionäre Bruch der Weltkriegsepoche gerade hier in katastrophalen Bahnen vollzog. Denn ganz Europa ging damals, wie zuvor in der Spätantike und im ausgehenden Mittelalter, einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Weltkriegsepoche bereitete der bislang letzten Form von Glauben, dem postrevolutionären Vertrauen in die menschliche Vernunft, ein Ende. In Deutschland aber waren die Fundamente der alten Ordnung so schwach herausgebildet, dass nur hier die Angst, die alle europäischen Nationen erfasste, hysterische, ja manichäische Züge annahm; sowohl Frankreich als auch die späterhin faschistischen Staaten wie Spanien und Italien hatten sich eine zumindest rudimentäre Orientierung an ihrer vergangenen nationalen Größe und Ordnung bewahrt; in Deutschland allein aber, das mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg allen Glauben an sich selbst verloren hatte, gedieh der Nährboden für einen so voraussetzungslosen, keine moralischen Grundsätze achtenden Machtwillen, wie er im Nationalsozialismus zur Entfaltung kommen sollte. Daher geriet hier der Epochenbruch zur Zivilisationskatastrophe mit Hitler als Hauptfigur, dem entwurzelten, voraussetzungslosen Kleinbürger.

Der Philosoph Emile Cioran hat einmal von „zusammengebrochenen Horizonten“ gesprochen. Die Formulierung trifft exakt die Stimmung, die Hitler und seine deutschen Zeitgenossen in ihrem Verhältnis zum Vergangenen prägte und aus der er seine politische Motivation her bezog. Die Vergangenheit mit ihrer Religion und ihrer Ratio war abgetan, wertlos; man wollte etwas ganz Neues, suchte den Aufbruch in die eigentliche, die richtige Existenz. Diese Suche nach dem absoluten, dem eigentlichen Sein wurde damals, nach dem Zusammenbruch von 1918, politisch aktuell; im europäischen Geistesleben hatte sie indes schon einhundert Jahre zuvor begonnen.

Hitler war nicht nur im chronologischen Sinne ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts. Die entscheidenden Motive in seiner persönlichen und politischen Laufbahn, die auszeichnenden Momente seines Charakters entstammen allesamt der Gedankenwelt des postrevolutionären Zeitalters. Dies war in erster Linie das Zeitalter der Verneinung, geprägt von einem unbändigen Widerwillen gegen ein Dasein voller Widersprüche, gegen eine entfremdete Welt; vor allem aber geprägt von einem grenzenlosen Hass auf die im Ursprung fehlerhafte Natur des Menschen selbst. Das sind die Grundmotive der absoluten Verneinung, die im Nihilismus Nietzsches ihre philosophische, in der Vernichtungspolitik Hitlers ihre politische Vollendung finden sollte. Diese Motive kündigten sich schon früh im romantischen Zeitalter, in unmittelbarer Nachbarschaft zur klassischen Weltanschauung, an.

Goethe und Hegel, die beiden großen Denker der klassischen Epoche, hatten danach gestrebt, in der Welt, so schlecht sie auch sein mag, eine Heimat zu finden. Nicht dass sie das Übel in der Welt geleugnet hätten; es war ja gerade der Sinnstifter der Aufklärungsphilosophie, Immanuel Kant, der die polare, die antinomische Grundstruktur der Welt offen gelegt hatte. Die Entscheidungsfreiheit des Menschen, so Kant, eröffne ihm die Wahl zwischen den feindlichen Gegensätzen, von denen der eine niemals ohne den anderen bestehen kann. Zugleich aber begründete er gerade auf der Erkenntnis des grundsätzlichen Widerspruches in unserer Existenz den Vorrang des moralischen Gesetzes, dem der Mensch als verantwortliches, weil intellektuell begabtes Lebewesen verpflichtet sei: Kant hatte mit seiner umfassenden Kritik der klassischen Metaphysik einerseits den Boden für den Irrationalismus des neunzehnten Jahrhunderts bereitet; indem er aber die Pflicht zum sittlichen Handeln in Form seines kategorischen Imperativs zur obersten Maxime erhob, rettete er gleichsam die Philosophie vor dem Abgleiten in einen heillosen Skeptizismus und Nihilismus. Wie wenige andere war sich der Königsberger Philosoph darüber klar, in welche Abgründe der Hader mit der Negativität den Menschen führen kann. Goethes Werther, der sich am Widerspruch der Welt gleichsam den Schädel einrennt, ist für diese abgründige Gefahr ebenso Zeugnis wie das Werk des Marquis de Sade, dessen Helden allesamt enttäuschte Idealisten sind, die nur noch die Negativität sehen und ihr Heil in einem verbrecherischen Nihilismus suchen.

Verbrechen und Selbstmord sind aber keine Auswege. Das achtzehnte Jahrhundert hatte, nicht zuletzt unter dem Eindruck des Erbebens von Lissabon, Grund genug gefunden, an dieser Welt zu verzweifeln; doch es erkannte zugleich die ungleich größere Gefahr, die vom Nihilismus ausging, der den verzweifelten Denkern wie nachmals Friedrich Nietzsche zum Grundsatz wurde. Es galt, sich mit der Negativität abzufinden, wollte man das Sein nicht völlig aufgeben und zum Verbrecher an sich selbst und den anderen werden.

Goethe und Hegel gingen den von Kant eingeschlagenen Weg zu Ende. Ihr Ziel war die Überwindung des Negativen in seiner Anerkennung. Sie sahen das Schlechte in der Welt, aber indem sie es als Teil eines großen und notwendig guten Ganzen begriffen, kamen sie darüber hinweg. Das klassische Denken hatte sich mit der Negativität abgefunden. Das Denken der Romantik aber sollte sich in eine ganz andere, fatale Richtung entwickeln.

Es war Arthur Schopenhauer, der große Antipode der Hegelschen Weltbejahung, der in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ eigentlich nur einen wesentlichen Gedanken zur Ausformung brachte: dass diese Welt, in der wir leben, besser nicht sei. Dementsprechend dachte man im antiklassischen neunzehnten Jahrhundert das Sein wesentlich vom Nichts her, das Leben vom Tod; das Leben war, mit dem Wort Chateaubriands, nur mehr das „Jenseits des Grabes“. Zu dieser Geringschätzung des Lebens kam der Wille zur definitiven existenziellen Entscheidung, der sich als fatalistisches Leitmotiv zuerst bei Kierkegaard, dann bei Nietzsche ausdrücken sollte.

Es sollte nicht als pseudowissenschaftliche Assoziation genommen werden, dass einerseits das Hauptwerk des dänischen Existenzphilosophen den Namen Entweder-Oder trägt und dass andererseits Adolf Hitler genau dieses Entweder-Oder zu seinem Grundsatz machte. Joachim Fest hat von einem „Vernarrtsein“ des Diktators in ausweglose Lagen gesprochen. In eben eine solche ausweglose Lage hatte sich aber Kierkegaard hinein manövriert, als er in infantiler Sturheit auf den unendlichen Unterschied zwischen Mensch und Gott hinwies und daraus die Forderung nach der endgültigen Emanzipation des Menschen von der Vorstellung Gottes, das hieß: von sich selbst ableitete. Der neue Mensch, so war Kierkegaards und Nietzsches Gedanke, würde selbst die Stelle Gottes einnehmen, würde endlich die volle Existenzmacht haben, nicht mehr „ins Ungewisse hinab“ fallen, wie es Friedrich Hölderlin beklagte, der selber an seinem unerfüllbaren Anspruch an das Sein wahnsinnig wurde – wie übrigens auch Kierkegaard und Nietzsche.

Das persönliche Schicksal dieser drei Denker illustriert die dem romantischen Denken eigentümliche Fatalität und Ausweglosigkeit: Da sie als Menschen (selbstverständlich) nicht Gott sein konnten, wurden sie verrückt. Hitler aber, der natürlich nicht die ganze Welt haben, der natürlich nicht den neuen Menschen erschaffen konnte, wurde zum größten Menschheitsverbrecher der Weltgeschichte.

Das romantische Denken, insoweit es auf der Ablehnung der Welt überhaupt beharrte, blieb in seiner fatalen Vernarrtheit in Tod und Verneinung bei der Negativität stehen und sollte schließlich an ihr scheitern. Der Vollstrecker dieses Scheiterns im Politischen heißt Adolf Hitler.

Wie aber, wird man nun fragen, äußert sich Hitlers Verneinungswahn konkret? Gewiss, wird man einwenden, Hitler hat den Holocaust veranlasst, und auf sein Geheiß praktizierten die deutschen Behörden in den eroberten Ostgebieten einen barbarischen Besatzungsterror. Gewiss trägt er die Verantwortung für die erbarmungslose Vernichtung von Millionen unschuldiger Menschen, was nicht nur ein zutiefst amoralisches, sondern auch völlig sinnloses Unternehmen war. Das alles sind Indizien für eine nihilistische Motivation. Was aber liegt jenseits dieser allzu deutlichen Äußerungen seiner Wahnideen? Nicht etwa doch das Ideal eines zwar rassistischen und zivilisationsfernen, aber dennoch irgendwie geordneten, systematisch durchorganisierten Nazireiches, gebaut auf den Fundamenten rassischer Auslese, Helotisierung der Schwachen und zügelloser Gewaltherrschaft der neuen „Herrenrasse“? Lässt sich nicht doch ein Hitlerstaat nach einem für Deutschland siegreichen Zweiten Weltkrieg vorstellen, etwa mit den schaurig-realistischen Zügen, die ihm der Romanautor Robert Harris in seinem Buch „Fatherland“ verliehen hat? Musste der Weg Hitlers, wie es hier behauptet wird, unweigerlich in Tod und Untergang führen?

Untergang – unter diesem Titel versammelte der Historiker und Publizist Joachim Fest seine Betrachtungen zum Zusammenbruch des Dritten Reiches, deren Auswertung zur Klärung dieser Fragen beitragen kann. Fest zeigt, wie wenig Hitler nicht nur für seine erklärten Todfeinde, allen voran die Juden, sondern auch für sein eigenes Volk empfand. Der berühmte Nerobefehl, in dem der Diktator im März 1945 die buchstäbliche Verwüstung des eigenen Landes anordnete, ist zugleich Ausdruck der Preisgabe des eigenen Volkes. Hitlers Verantwortungslosigkeit, die schon sein erster Biograph Konrad Heiden als fundamentalen Charakterzug erkannt hatte, war von universeller Natur. Das zeigt sich nicht erst gegen Ende des Krieges. Schon die Umstände, unter denen Hitler ihn heraufbeschworen und entfesselt hatte: die leichtsinnige diplomatische Isolation, die bewusste Förderung eines Krieges gegen eine Welt von Feinden, die stillschweigende Inkaufnahme einer Niederlage, die der Überfall auf Russland, den nie bezwungenen Nachbarn im Osten, bedeuten musste – all dies zeugt von der heimlichen Orientierung an einem irrationalen Radikalismus, der auf nichts Rücksicht nahm.

Hitler hatte gewiss oft die Rolle des vernünftig kalkulierenden Machtpolitikers gespielt und so manchen Beobachter damit über seine wahren Absichten getäuscht. Tatsächlich aber ging es ihm um ein weltumfassendes Projekt: Alles oder nichts.

Die Indizien hierfür sind in ihrer Vielzahl geradezu erdrückend. Ein gleichsam klassischer Topos ist der für militärische Einkreisungssituationen typische Befehl, bis zum letzten Mann weiterzukämpfen und gerade in absolut aussichtslosen Situationen keinen Fußbreit Boden aufzugeben, es sei denn um den Preis völliger Vernichtung. Die fatale Konsequenz, die diese Haltung im Falle der Sechsten Armee in Stalingrad hervorrief, ist hinlänglich bekannt. Ein Gegenbeispiel mag illustrieren, wie ernst es Hitler um das radikale Entweder-Oder war: Als sich Paul Hausser, damals Befehlshaber eines SS-Panzerkorps, entgegen dem ausdrücklichen Führerbefehl im Frühjahr 1943 aus dem ukrainischen Charkow zurückzog, um seinen Männern einen sinnlosen Opfergang zu ersparen, erlitt Hitler einen heftigen Wutanfall. Dabei war dieser Rückzug ein überaus geschicktes Manöver! Die Russen besetzten kampflos die Stadt, worauf Hausser seinerseits aus einer sicheren Position zum Angriff überging und die Schlacht gewann. Der SS-General hatte seinem Führer eine Stadt erobert und dabei den Vormarsch der Roten Armee für Monate zum Erliegen gebracht. Die Berichte über Hitlers Stimmung im Anschluss an diesen Vorgang lassen indes vermuten, es wäre ihm lieber gewesen, das Panzerkorps hätte in der Stadt ausgeharrt und wäre in einem fatalistischen Hauen und Stechen auf Leben und Tod zugrunde gegangen, ähnlich wie die Soldaten des Feldmarschalls Paulus an der Wolga zwei Monate zuvor.

In solchen Episoden zeigt sich der irrationale, um Lebenserhaltung unbekümmerte Charakter der Hitlerschen Politik. Der Historiker Sebastian Haffner hat mit Recht darauf hingewiesen, dass Hitler nur Waffenstillstände kannte, keine Friedensverträge. Das Erreichbare widerte ihn an, das Unmögliche aber reizte seine weltflüchtige Phantasie: Als es im Sommer 1941 so aussah, als würde die gerade überfallene Sowjetunion dem Ansturm dreier deutscher Heersgruppen erliegen, befahl Hitler seinem Stabschef Jodl, Aufmarschpläne für Persien und Indien auszuarbeiten. Ein Einhalten gab es für ihn nicht. Auch die sechs Friedensjahre sind nur als Vorbereitungsstadium des Krieges zu verstehen. Und wenn Hitler vor Kriegsausbruch gestorben wäre, hätte Deutschland faktisch ohne Verwaltung und wirtschaftlich ruiniert dagestanden.

Das augenfälligste, historisch bedeutsamste Indiz für Hitlers nihilistischen Grundimpuls ist jedoch der Holocaust. Lange ist nach dem berühmten ungeschriebenen Befehl zur Judenvernichtung geforscht worden. Verschiedentlich wurde versucht, Hitlers unmittelbare Verantwortung für den Genozid in Abrede zu stellen. Indes kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Judenmord, Hitlers Lieblingsgedanke, auch auf seinen ausdrücklichen Befehl zurückgehen muss. Bezeichnenderweise setzt er zu einem Zeitpunkt ein, als der Krieg im Stillen bereits entschieden ist: Um den Jahreswechsel 1941/42 beginnt die SS mit dem planmäßigen Morden in den Gaskammern; und genau um diese Zeit scheitert die deutsche Offensive vor Moskau, während die Rote Armee ihre Front stabilisiert und die Vision eines schnellen deutschen Sieges zunichte macht. Dass bereits damit Hitlers Pläne zur Eroberung neuen Lebensraumes obsolet geworden sind, erkannten hellsichtige Beobachter schon damals. Zudem waren im Dezember 1941 die USA unter Roosevelt in den Krieg eingetreten, übrigens nach einer deutschen Kriegserklärung. Hitler hatte sich und Deutschland in die ausweglose Lage schlechthin hinein manövriert. Und gerade jetzt, wo er nichts mehr zu verlieren hatte, konnte er auch seinem manischen Hass auf das Judentum, in dem er gleichsam die Personifikation des von ihm so erbittert bekämpften Weltwiderspruches sah, freien Lauf lassen und seinen fürchterlichen Vernichtungsplan ins Werk setzen. „Juda“ sei die „Weltpest“ ließ Hitler mehr als einmal verlauten, und viele seiner Äußerungen deuten darauf hin, dass er sich in der weltgeschichtlichen Pflicht sah, einen imaginären Heilsplan durch den Kampf gegen die Juden zur Vollendung zu bringen.

Auf Deutschland bezogen bedeutete dies aber eine weitere Verschlechterung und Radikalisierung der Lage. Nun saß es, mit einem viel gebrauchten Wort der Goebbelspropaganda, wirklich mit Hitler in einem Boot, nun gab es kein Zurück mehr. Alle momentanen Triumphe, die Hitlers Heerführer in der Folgezeit noch erstreiten sollten – so Rommel 1942 in Nordafrika –, würden an der Tatsache nichts ändern, dass Deutschland von nun an dem Untergang geweiht war.

Es kann vor diesem Hintergrund kein Zweifel bestehen, dass Hitlers eigentliche Ideologie auf einem radikalen, voraussetzungslosen Nihilismus basierte, der das Leben, das Sein prinzipiell verneinte. Deshalb lässt sich ein Hitlerdeutschland als Ordnung stiftende Hegemonialmacht nicht vorstellen. Es entsprach der ursprünglichen, manichäischen Utopie des Nazismus, dass er alles, wirklich alles in Scherben schlagen wollte. Nach diesem Endziel, mit seinem eigenen Wort: nach dieser Endlösung strebte Hitler von Anfang an.

Adolf Hitler ist der große Verneiner in der Geschichte. Hierin liegt seine schreckliche Einzigartigkeit. Grausame Herrscher, so hat es Sebastian Haffner gesagt, hat es viele gegeben; gewaltlose Herrscher, wie wir ergänzen müssen, so gut wie gar nicht. Dennoch liegt der fundamentale Unterschied zwischen Hitler und den Fürsten, Feldherren und Staatsmännern Europas in seiner Unfähigkeit, der politischen Existenz und der ideologischen Utopie irgendeine Form zu geben. An diesem wesentlichen Mangel muss jeder Versuch der Gleichstellung scheitern, er mag sich auf noch so viele punktuelle Übereinstimmungen berufen.

In jüngster Zeit sind in einer neuen Napoleonbiographie vom Historiker Volker Ullrich die despotischen Züge in der Herrschaft des Franzosenkaisers verstärkt in den Blickpunkt gerückt worden; gewiss nicht zu Unrecht. Aber dennoch wird die Aussage eines anderen Biographen des großen Korsen hierdurch nicht angefochten: André Maurois, der seine rühmende, aber nicht unbedingt hagiographische Monographie mit der Feststellung schließt, Frankreich sei von Napoleons Hand geformt worden. – Genau diesen Satz aber – er gilt genauso für Alexander den Großen, für Friedrich von Preußen und sogar noch für den Tyrannen Stalin –; diesen Satz wird man von Hitler niemals sagen können.

Hier, am Begriff der Formgebung, lichtet sich die grundlegende Differenz, die Hitler als Person wie Hitler als Phänomen der politischen wie der Geistesgeschichte seine Einmaligkeit verleiht. Er kannte nur Zerstörung, kannte nur, mit Joachim Fests bedeutendem Wort, „atavistisches Wüten“, und nichts konnte ihm solche Befriedigung bereiten wie die Anschauung von Tod und Vernichtung. Dieses Hingezogensein zum Nichts, zur absoluten Negation äußerte sich indes nicht nur im eigentlich kriegerischen Bereich. Auch im Frieden ist Hitler der Feind jeder Ordnung, das heißt jeder Lebensordnung, was die Bezeichnung Frieden für den Zustand vor 1939 schon zweifelhaft erscheinen lässt.

Was den Theoretikern der Scholastik, Thomas von Aquin und seinem Dichter Dante, was jedem Denker überhaupt, jenseits aller theoretischen Divergenzen, ein Hauptanliegen war und ist: dem Leben eine Ordnung zu geben – für Hitler war es keines. Die Errichtung eines stabilen Deutschland – es mochte noch so rassistisch und nationalistisch pervertiert sein – lag nicht in seinem Interesse.

Sebastian Haffner hat in seinen Anmerkungen festgestellt, dass sich das Deutschland von 1939 beim plötzlichen Tod Hitlers als einziges Chaos dargestellt hätte; ein grenzenloser Kompetenzwirrwarr, fortgesetzte Rivalitäten der verschiedenen Machtträger und Funktionseliten, verbunden mit einer gigantischen Staatsverschuldung und beispielloser außenpolitischer Isolation hätten den destruktiven Grundgehalt der Hitlerschen Politik auch im Frieden schnell sichtbar werden lassen. Auch ohne die infernalische Peripetie von 1945 hätte sich Hitler als einer der kräftigen Ruinierer ausgewiesen, zu denen er nach Jacob Burckhardt gehört. Die Rastlosigkeit seines Charakters, das suchtartige Angewiesensein auf schnelle, immer neue Triumphe, die infantile Gier nach immer neuen Objekten der Aneignung – diese für Hitler und seine Bewegung zutiefst charakteristischen Wesenszüge machten ein Einhalten auf dem Wege, ein Sich-Einrichten in der Welt unmöglich.

Wie der britische Historiker Ian Kershaw zutreffend schreibt, konnte das Naziregime nur in einer beständigen Flucht bestehen. Diese Flucht führte von der stets als ungenügend empfundenen Realität weg und hinein in Abgründe, die die Weltgeschichte bis dahin nicht gekannt hatte. Was mit Straßenschlachten, manichäischen Beschwörungen und radikaler, antidiplomatischer Aggression nach innen und außen begonnen hatte, endete in Auschwitz und Treblinka, in einer wahren Orgie der Verneinung, einer vollkommen sinnlosen Verneinung, die am Ende dem Sein an sich galt. Hitler war sich dessen sicher nicht voll bewusst. Aber sein großes Projekt war nicht die Schaffung von irgendetwas, sondern die Abschaffung von allem, der Juden, der Kriegsgegner, am Ende auch der Deutschen – die Abschaffung des Seins.

Der antike Historiker Plutarch hat in seiner Rede Über das Schicksal Alexanders des Großen seine Lobeshymne auf den mazedonischen Eroberer in einer Aufzählung der Städte gipfeln lassen, die jener auf seinem Zug durch Asien gegründet hatte. Natürlich besaß Alexander pathologische Züge, die sich oft verderblich auswirkten. Es nähme hingegen Wunder, wenn sich überhaupt ein Herrscher finden ließe, an dem moralisch nichts auszusetzen ist. Natürlich gibt es keine perfekten Regenten, ebenso wenig wie es perfekte Menschen gibt. Das redliche Bemühen aber um eine verantwortungsvolle Einordnung in das geschichtliche Kontinuum ist das entscheidende Kriterium in der ganzheitlichen Beurteilung eines Staatsmannes. Da aber hat Hitler prinzipiell versagt: Er, von dessen zerbombter Reichshauptstadt Harry Hopkins 1945 bemerkte, sie sei das neue Karthago, hat keine Städte gegründet; er bezog gerade Stellung gegen die Geschichte. Hitlers Kampf – so sagte er es selber einmal in einer Rede vor jungen Offizieren – galt der Welt an sich, der Welt als dem großen Negativen, dem Widerspruch in den Dingen, die sich dem aneignungssüchtigen menschlichen Individuum entgegenstellen und verweigern. In seinem manischen Welthass, seiner nie überwundenen Unbefriedigung, seiner gänzlichen Unfähigkeit, sich selbst zu bezwingen und irgendwo einen Schlussstrich unter seine Forderungen zu ziehen zeigt sich Hitler wieder als Abkömmling des verneinenden neunzehnten Jahrhunderts.
Wogegen Hitler heute, jenseits der politischen Dimension, zur Warnung dienen kann, ist nicht weniger als das scheinbar Unmenschliche an ihm, was indes nach einem Wort des Historikers Eric Voegelin das Menschlichste in ihm war. Wie wir gesehen haben, verweisen seine Wahnsinnsideen direkt auf eine geistesgeschichtliche Entwicklung, deren Wurzeln sich schon in der Romantik aufspüren lassen. Hitler war nicht, wie es die eher mittelmäßige und ästhetisierende Verfilmung des Unterganges von Bernd Eichinger vermittelt, ein Fremder, ein Unmensch mit den Zügen eines Clowns, um Lichtjahre entfernt vom menschenüblichen Maß. Hitler, die Symbolgestalt der Weltkriegsepoche, war vielmehr in seinem Enttäuschtsein von der Welt, in seiner unbeherrschten Rebellion gegen die Welt geradezu das Musterexemplar des unverantwortlichen, allein seinen Begehrlichkeiten und seinem Beherrschungstrieb ergebenen Menschen.

Obiger Text wurde am 1. Mai 2005 aus Anlass des 60. Jahrestags des Kriegsendes im SWR2 ausgestrahlt.

Titelbild: Hitler mit dem SS-Gruppenführer Rattenhuber, Chef des Reichssicherheitsdienstes, in der zerstörten Neuen Reichskanzlei, Berlin, Frühjahr 1945

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