Grundeinkommen statt Armutsfalle. Warum sich an unserem Wirtschaftsleben etwas ändern muss

Es ist schon fast eine Binsenweisheit der “Nuller Jahre”: Immer mehr Menschen in Deutschland können von ihrem Einkommen nicht leben. Dabei geht es nicht um die Möglichkeiten einer gehobenen Lebensführung, sondern um die allernotwendigste existenzielle Grundversorgung: Miete, Strom, Nahverkehr, Kleidung – ein gewöhnliches Durchschnittseinkommen von 1000 bis 2000 Euro netto ist da schnell aufgebraucht. Jede kleine Extrabelastung, wie neue Brillengläser oder eine Autoreparatur, reißt viele sofort in die Schulden.

Deutschland hat seit der Einführung des Euro – allen statistischen Behauptungen zum Trotz – eine rasante Inflation erlebt. Das Prekariat hat sich weit in die Mittelschicht hineingefressen. Immer mehr junge Paare verzichten auf Kinder, weil sie sie sich schlich nicht “leisten” können.

Viele, die vor einer Generation noch fest in Lohn und Brot gewesen wären, haben heute schon einmal Erfahrung mit dem Bezug von Sozialleistungen gemacht. Zugleich schwindet aufgrund fallender Zinsen und stagnierender Einkommen der finanzielle Spielraum der Elternhäuser, um ihre Kinder bei der Existenzgründung zu unterstützen.

Der Gesetzgeber erwartet stillschweigend, dass Kinder so lange wie möglich bei den Eltern wohnen oder von diesen unterstützt werden. Eine akademische Ausbildung ohne elterliche Förderung bis kurz vor dem 30. Geburtstag ist in Deutschland faktisch kaum möglich – ein bedenkliches Faktum in der Bildungsrepublik Deutschland.

Zeitgleich steigen die Anforderungen der Wirtschaft an die Kreditwürdigkeit des Einzelnen. Viele Freiberufler und geringfügig Beschäftigte aus allen gesellschaftlichen Kreisen können trotz jahrelanger Berufserfahrung keinen selbstständigen Mietvertrag abschließen, weil sie keine ausreichende Bonität vorweisen können. Das Anforderungsniveau von Banken und Geschäftspartnern an den Menschen steigt antiproportional zu seinen Möglichkeiten, ihm gerecht zu werden.

Wenige Nischen ausgenommen, gleicht die heutige Berufswelt einem Gladiatorenkampf, in dem dauerhaft nur derjenige mit der meisten Ausdauer und der größten Schmerzresistenz eine Chance hat. Die anderen gehen unter. Für die Zukunft vorsorgen muss dabei jeder selber; die Riesterrente hat sich als gigantischer Flop erwiesen, auf viele von uns wartet im Alter die Armut.

Entsprechend sehen die psychischen Folgen dieser Prekarisierung aus. Burnout, Depressionen und stressbedingte Erkrankungen wie Angststörungen oder das Borderline-Syndrom sind heute weitverbreitet. Der Konsum von Schlaf- und Beruhigungsmitteln, von Antidepressiva, oft auch von leistungssteigernden Drogen gehört für viele bereits in jungem Alter dazu; sie könnten sonst das alltägliche Chaos nicht bewältigen. Verdeckter Alkoholismus ist bei Bauarbeitern wie bei Spitzenanwälten ein alltägliches, konsequent beschwiegenes Phänomen.

Wer im Beruf nicht tadellos funktioniert, fliegt raus. Großen Spielraum für Auszeiten gibt es für die meisten nicht, Kummer und Schmerz müssen zu Hause verarbeitet werden. Daran wiederum zerbrechen tagtäglich unzählige Liebesbeziehungen. Schließlich führt existenzielle Not, gerade bei Männern, häufiger als man denkt zur Drift in die Kriminalität, sei es aus Verzweiflung, oder weil sie mit dem Stress nicht richtig umgehen können. Die finanzielle Abhängigkeit von den Eltern bis weit ins Erwachsenenleben hinein wirkt zudem für viele traumatisierend und blockiert wichtige Ablösungsprozesse.

Was sagt uns das alles? Es muss sich dringend etwas ändern an unserem Wirtschaftsleben. Das Ideal der Vollbeschäftigung entpuppt sich in Zeiten von Leiharbeit und Scheinselbständigkeit endgültig als Chimäre; ebenso der Traum, von seinem Verdienten auskömmlich leben zu können, jedenfalls unter den gegebenen Bedingungen.

Der Staat muss sich endlich trauen, in das Wirtschaftsleben wieder aktiv einzugreifen: sei es durch einen Mindestlohn oder durch ein bedingungsloses Grundeinkommen. Vor allem das Grundeinkommen ist seit etwa zehn Jahren Thema einer breiten Diskussion. Die Politik, das heißt: die etablierten Parteien – und bislang kann man die Piraten hierzu nicht zählen – sollte endlich anfangen, sich ernsthaft darüber Gedanken zu machen.

Dieser Text wurde im Rahmen eines politischen Feuilletons am 27. August 2012 im Deutschlandradio ausgestrahlt.

Advertisements

One thought on “Grundeinkommen statt Armutsfalle. Warum sich an unserem Wirtschaftsleben etwas ändern muss

  1. “…Der Staat muss sich endlich trauen, in das Wirtschaftsleben wieder aktiv einzugreifen…”
    Was denken Sie denn, WO die Gründe für die Zustände in den Klagen Ihrer ersten 9 Absätze zu suchen sind?

    Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s