Essay, Geschichte

Impromptu über Charlottenburg

Das Drama Berlins: es zeigt sich daran, daß die größten “Söhne und Töchter” der Stadt sie mieden. Friedrich, der so genannte Große, an dem das Größte die Größe des Missverständnisses über seine historische Rolle sein dürfte, verlegte als erste Amtshandlung nach seiner Thronbesteigung die königliche Residenz vom Stadtschloss, einem uncharakteristischen, ewig schlecht geheizten Kasten, mit dem er vor allem die Drangsalierung durch den Vater verband, hinaus aus den Stadtmauern erst ins liebliche Charlottenburg, dann nach Schloss Sanssouci, nach Potsdam, das an der Durchfahrt Richtung Westen lag. Gestern wie heute, führte der Transit aus Berlin, dem frostigen Vorposten Osteuropas, in die lieblichen Gefilde Westdeustchlands vorbei an Potsdam, jeder Autofahrer kennt die Ausschilderung “Potsdamer Schlösserlandschaft” auf der A 115. Friedrich freilich, der glaubte, “sein” Volk und seinen Staat nicht im Stich lassen zu dürfen und der dies womöglich auch gar nicht wollte, kam nur bis Potsdam; immerhin starb er dort schließlich auch. Seine Berliner hat er nie recht leiden mögen.

Und Luise, die andere große Preußin, die in Wahrheit von Geburt Mecklenburgerin und von Sozialisation Hessin war? “Sie kam nicht durch das Brandenburger Tor”, wie ihr Biograph Heinz Ohff schrieb, denn einzuziehen durch das Tor, dessen Spitze ein Viergespann mit der Siegesgöttin krönte, sollte den Königen vorbehalten sein, wenn sie siegreich von ihren Feldzügen heimkehrten. Ironie der Geschichte, daß der erste Herrscher, der so in Berlin siegreich einzog, Napoleon sein sollte, der Französische Kaiser, nachdem er die Gloire Preußens in einem vierzehntägigen Feldzug ausgelöscht hatte. Nein, die schöne Luise kam durch den Nebeneingang, und als sie das letzte Mal kam, nach ihrem Tod auf dem väterlichen Schloss Hohenzieritz im Mecklenburgischen, gestorben “an gebrochenem Herzen” mit nur vierunddreißig Jahren, da beerdigte man sie still und heimlich, ohne Pomp und Show, wie sie diesem Liebling des Volkes doch so gut gestanden hätten, in einer mitternächtlichen Zeremonie in einem schlichten griechischen Mausoleum vor den Toren der Stadt, in Charlottenburg, dem alten Refugium der Berliner wider Willen.

Der Text entstand im April 2013.

Titelbild: Mausoleum Schloss Charlottenburg. Grablege Königin Luise und König Friedrich Wilhelm III., Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Augusta

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