Geschichte, Historischer Essay, Politik und Gesellschaft

Die dritte polnische Teilung und die Rolle Russlands in Europa

Am 25. November 1795, heute vor 219 Jahren, dankte König Stanislaus II. von Polen aus dem Hause Poniatowski ab, nachdem der polnisch-litauische Staat durch die dritte Teilung aufgehört hatte zu existieren.
Die polnisch-litauische Union war bis zur Ersten Teilung im Jahr 1772 der zweitgrößte europäische Staat gewesen und hatte wie selbstverständlich und traditionell zum Konzert der europäischen Mächte und zum christlich-europäischen Kulturraum gehört. Das Territorium des als Wahlmonarchie mit einem stark privilegierten Adel als Führungsschicht organisierten Staates reichte von der pommersch-baltischen Ostseeküste bis hin ans Schwarze Meer, die Provinz Preußen, die dem 1701 aus dem Kurfürstentum Brandenburg hervorgegangenen Königreich den Namen gab, war bis 1772 polnisches Kronlehen.
Polen-Litauen verstand sich traditionell als westeuropäischer Staat, im 16. Jahrhundert war Heinrich von Valois designierter König von Polen, ehe er 1574 die französische Thronfolger antrat. Der polnisch-litauische Komplex war neben Frankreich und dem deutschen, an die Nordsee und nach Italien reichenden Heiligen Römischen Reich die dritte tragende Säule der kontinentalen Territorialpolitik während der Frühen Neuzeit, also in jenem Äon zwischen der Eroberung des byzantinischen Reichs durch die Osmanen – Fall Konstantinopels 1453 und der Krim 1475 – und dem Ende des Siebenjährigen Krieges 1763/der Erklärung der amerikanischen Unabhängigkeit 1776 bzw. dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789.
Mit dem Vordringen des russischen Kaiserreichs nach Europa im Siebenjährigen Krieg (1756-63) geriet Polen ins strategische Blickfeld der seit Sommer 1762 souverän regierenden Zarin Katharina II. Den letzten Ausschlag gab der Ausbruch des russisch-türkischen Krieges 1768, der Russland unter geopolitischen Zugzwang setzte: Gemeinsam mit der regierenden Erzherzogin von Österreich, Kaiserin Maria Theresia, und König Friedrich II. dem Großen in Preußen vollzog die Zarin 1772 die Erste Polnische Teilung, infolgederen die Landbrücke von Ostpreußen nach Vorpommern als neue Provinz Westpreußen an Preußen, das Herzogtum Livland auf dem Gebiet des heutigen Lettland an Russland, das weißrussische Galizien aber an Österreich kamen. Russland wurde polnische Protektoratsmacht.
Nach der Verkündung einer Verfassung für Polen im Jahr 1791 in Anlehnung an die französische Revolution und mit Billigung von König Stanislaus – der ersten modernen Verfassung in Europa -, verabredeten Russland und Preußen die Zweite Polnische Teilung: Preußen gewann die Provinz Südpreußen (Wartheland) sowie Masuren mit den Städten Danzig und Thorn, Russland Weißrussland und die Ukraine. Das polnische Staatsgebiet schmolz auf ein Rumpfterritorium rund um Warschau und Krakau zusammen.
Als es in Reaktion hierauf 1794 zum polnischen Aufstand unter Tadeusz Kościuszko, einem Veteranen des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, kam, schritten die drei Mächte ein und annektierten im Lauf des Jahres 1795 in einem dritten Teilungsvertrag den polnischen Reststaat. Russland verleibte sich das unter polnischer Lehnshoheit stehende Herzogtum Kurland und das Westufer des Bug ein, Preußen das Memelland, die zu Südpreußen fallende Stadt Posen sowie die neue Provinz Neuostpreußen mit Warschau, Österreich das Gebiet um Krakau und Lublin. Der polnische Staat hatte aufgehört zu existieren, König Stanislaus II. musste abdanken.
Die Auflösung Polens, die auch über die Epoche der Koalitionskriege (1798-1815) und das Intermezzo des Herzogtums Warschau (1807-15) unter dem wettinischen König Friedrich August I. von Sachsen hinaus Bestand hatte und erst 1918 durch die Neugründung eines polnischen Staates nach der Niederlage der Mittelmächte sowie Russlands im Ersten Weltkrieg revidiert wurde, war das erste Aufleuchten moderner europäischer Realpolitik und läutete eine zweihundertjährige Epoche politischer Umwälzungen ein, die erst 1991 mit der Auflösung des Warschauer Paktes zuende ging. Zugleich trat mit der Niederlage der Türkei im Russischen Türkenkrieg 1774, der sich parallel zur Ersten Polnischen Teilung abspielte und infolgedessen die Krim unter russischen Einfluss kam, die osmanische Frage ins Bewusstsein der europäischen Politik, wo sie bis 1923 aktuell blieb, um dann vom Nahostkonflikt abgelöst zu werden, der noch heute – 2014 – anhält.
Die Polnischen Teilungen bestätigten Russlands Rang als Teil der europäischen Pentarchie, den es schon seit dem Separatfrieden mit Preußen im Siebenjährigen Krieg 1762 de facto innegehabt hatte. Sie wiesen es zudem als die neue kontinentale Hegemonialmacht aus, nachdem Frankreich diese Rolle im Siebenjährigen Krieg eingebüßt hatte, während Österreich und Preußen, aus dem 1867/71 das einige Deutsche Reich hervorging, nicht stark genug waren und auch in Zukunft nicht stark genug sein sollten, ihrerseits eine hegemoniale Stellung einzunehmen.
Der Gang der europäischen politischen Entwicklung seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, also seit einem Vierteljahrtausend, lässt sich in der longue durée beschreiben als Prozess der sukzessiven Annäherung Russlands, also des nördlichen Teils Asiens, an Europa, während andererseits die ehemalige westeuropäische sowie koloniale Hegemonialmacht England ihren Rang im Laufe der zwei Weltkriege an die USA abgab und wiederum Asiens südlicher Teil, die islamische Welt, infolge der Befreiung der christlichen Balkanstaaten im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und des Zusammenbruchs des osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg sich aus Europa zurückgezogen hat.

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