Essay, Literarischer Essay

Nachtgedanken zu Schiller

Dass Friedrich Schiller selbst unter eingefleischten Theaterleuten heute kaum mehr eine Lobby hat, ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass seine Sprache auf der Bühne nicht so wirkt, wie sie es als Schrift tut – und dies unter den Bedingungen des modernen und des zeitgenössischen Theaters auch gar nicht kann.
Schillers Figuren sind Männer, die nie einen Vater hatten bzw. den Vater verloren haben, aber trotzdem bzw. gerade deshalb dem Zwang unterliegen, das Väterliche in seiner idealsten Form zu repräsentieren: als Retter, als Beschützer, als Revolutionär.
Den inneren Jüngling legen sie dabei nie ab. Daher das Gehobene, klassisch Gereinigte ihrer Sprache, der höfische, beherrschte Gestus, der unbedingt und in jeder Lage eingehalten werden muss, da sie doch wissen, dass sie nur dann glaubwürdig sind in der Welt des Väterlichen, wenn sie sich selber so sehr als möglich zum Vater machen, den inneren Jüngling so wenig als möglich durchscheinen lassen.
Dass Schiller selber diesem Typus des Jüngling-Vaters entsprach und dass sein gesamtes Schaffen, nicht nur das dramatische, diese Typologie und den ihr inhärenten Konflikt abbildet, ist bekannt und hat zu dem eigenartigen Charakter seines poetischen Duktus geführt, den es so vor ihm in der deutschen Literatur nicht gab und den es nach ihm, außerhalb vielleicht des österreichischen Romans der Neuen Sachlichkeit (Joseph Roth), nie mehr gegeben hat.
Traurig und tragisch daran ist, dass eben diese seine Klassizität, die der begeisterte Leser Plutarchs sich selbst abrang, dazu führte, ihn – in Deutschland insbesondre – nicht als das zu sehen, was er war: nämlich ein Opfer der Stände- und Klassengesellschaft, ein Opfer einer dogmatisch sanktionierten und über alle politischen Zeitläufte hinweg in Deutschland leider sehr persistenten gesellschaftlichen und politischen Väterlichkeit, die dem “begabten Kinde” gegenüber so brutal wie verantwortungslos auftritt.
Seine Zerrissenheit, die er abspiegelt und darlebt in der Zerrissenheit seiner Figuren: von Karl Moor über Don Carlos und Wallenstein bis hin zu Tell, kommt daher, dass er selbst eigentlich einen guten, gütigen Vater hatte, der aber – anders als der Kaiserliche Rat Goethe – seinem Sohn nicht “des Lebens ernstes Führen” mitgeben konnte – nicht so jedenfalls, dass dies ernste Führen vor dem Ernst des Lebens selber Bestand gehabt hätte.
Aus Schiller spricht stets und bis zum Tode der idealistische Jüngling, der, weil er selbst nie einen solchen gehabt (denn ihn prägten die Karlsschule und Serenissimus), nie aufhörte, einen guten Vater draußen in der Welt zu suchen – “Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen!” -, ohne ihn doch je zu finden – weshalb der Sohn selber sich in die Vaterrolle meinte hineinzwingen zu müssen.
Das Geheimnis Schillers liegt eben darin, dass er nicht nur der größte Idealist, sondern auch der größte Sozialrevolutionär unter den Dichtern seiner Zeit war. Dass er freilich die ungeheure Kraft aufbrachte, aus der äußeren Ohnmacht heraus eine geradezu idealtypisch antikische Potenz auszudrücken; quasi als Bettelstudent die Haltung und den versprachlichten Habitus des Imperators überzeugender anzunehmen und auszustrahlen als je ein deutscher Dichter vor oder nach ihm: dies, ausgerechnet! nahm ihm seine Glaubwürdigkeit bei jenen wild boys nach ihm, die sich die Definitionshoheit anmaßten darüber, was revolutionär heißen sollte und was nicht – so wie dieser Chorismos zwischen Innen und Außen ihm zugleich im wahren Leben die credibility nahm gegenüber der brutalen Vatergesellschaft, welcher erfolgreich sich anzudienen der sanfte schwäbische Knabe stets zu schwach, zu rein und zu gut war. Dass dieser Schiller wirklich eine Anima candida war, ist wohl, was die Deutschen, die nur entweder das radikal Dämonische, oder das behaglich Saturierte zu vertragen scheinen, an ihm am meisten irritiert.

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