Christmas truce – Trêve de Noël – Weihnachtsfriede 1914

Weihnachten 1914 kam es zu einem der bemerkenswertesten Ereignisse nicht nur des Ersten Weltkrieges, sondern der modernen Kriegsgeschichte überhaupt. Ohne Wissen und Wollen der höheren Vorgesetzten legten deutsche, britische und französische Soldaten an Heiligabend die Waffen nieder und verbrüderten sich miteinander.
Man kletterte aus den Schützengräben, verabredete auf Zuruf Waffenruhe und versammelte sich gemeinsam im von Granattrichtern zerfurchten Niemandsland. Die erschöpften Soldaten tauschten Süßigkeiten, Tabak und Nahrungsmittel aus, die sie mit den Weihnachtspaketen aus der Heimat erhalten hatten, machten Witze, wechselten Adressen und erzählten sich ihre Erlebnisse. Schließlich sangen sie gemeinsam Weihnachtslieder.
„Stille Nacht, Heilige Nacht“ oder „Adeste, fideles“ etwa gehörten zu den Liedern, die in allen Sprachen die gleiche Melodie haben. So fanden die Männer inmitten der Düsternis und des Verderbens etwas, was sie alle miteinander verband und was die Feindschaft, den Hass und das Leiden zum Erliegen brachte. Die eine Seite begann zu singen, die andere fiel ein, und schließlich verließen die Männer ihre Stellungen und trafen sich in der Mitte.
Ausgangspunkt des Weihnachtsfriedens war die Gegend um Ypern in Flandern, wo britische und deutsche Soldaten stellenweise nur fünfzig Meter voneinander entfernt lagen. Die Soldaten wollten die Kampfpause während der Weihnachtstage nutzen, um ihre Gefallenen zu bergen. Das ging aber nur, wenn sie sicher sein konnten, dass der Gegner nicht auf sie schießen würde. So begannen die ersten, vorsichtigen Kontaktversuche mit dem Feind.
Bald darauf löste sich die Angst, und deutsche Soldaten stellten Kerzen und kleine Weihnachtsbäumchen auf dem Rand ihrer Schützengräben auf. Nicht nur einfache Mannschaften und Unteroffiziere, sondern auch Offiziere, teilweise sogar Kompaniechefs und Bataillonskommandeure, beteiligten sich an den Verbrüderungen oder duldeten sie zumindest. Captain Sir Edward Hulse von den Scots Guards schrieb:

„Zwischen Schotten und Hunnen [= Deutsche] fand weitestgehende Verbrüderung statt. Alle möglichen Andenken wurden ausgetauscht, Adressen gingen her- und hinüber, man zeigte sich Familienfotos usw. Einer von uns bot einem Deutschen eine Zigarette an. Der Deutsche fragte: ‚Virginia’? Unserer sagte: ‚Klar, straight-cut Schnitt’. Darauf der Deutsche: ‚Nein, danke, ich rauche nur türkischen…’ […] Darüber haben wir alle sehr gelacht.“

An einem anderen Abschnitt stiegen auf einmal sächsische Soldaten aus ihren Verhauen. Auf den Anruf der verdutzten englischen Posten erklärten sie:

„Nicht schießen. Wir wollen heute nicht kämpfen. Wir schicken Euch Bier rüber.“

Daraufhin senkten die Briten ihre Gewehre, und drei Deutsche rollten ein Fass Bier ins Niemandsland hinüber, das sie den Engländern schenkten. Captain Stockwell von den Royal Welsh Fusiliers revanchierte sich bei den Deutschen mit Christmas Puddings. Bleibende Berühmtheit erlangten nicht zuletzt die Fußballspiele, die zwischen Briten und Deutschen während des Weihnachtsfriedens im Niemandsland ausgetragen wurden. In einem Brief, der in der Londoner Times veröffentlicht wurde, berichtete der deutsche Leutnant Niemann von einem solchen Verbrüderungsmatch, das in seinem Abschnitt bei Frelinghien-Houplines ausgetragen worden und mit 3:2 für Deustchland ausgegangen sei.
Bei Fromelles südlich von Ypern kam es sogar zu einem gemeinsamen Gottesdienst von Briten und Deutschen. Ein englischer Regimentspfarrer las den Psalm 23 vor („Der Herr ist mein Hirte“), ein englischer Student, der Deutsch sprach, übersetzte den Text. Lieutenant Arthur Pelhalm Burn notierte in sein Tagebuch:

„Die Deutschen standen auf der einen Seite zusammen, die Engländer auf der anderen. Die Offiziere standen in der vordersten Reihe, jeder hatte seine Kopfbedeckung abgenommen. Ja, ich glaube dies war ein Anblick, den man nie wieder sehen wird.“

Selbst der Deutsche Kronprinz Wilhelm, der als Oberbefehlshaber der 5. Armee an der Westfront die Weihnachtsverbrüderungen offiziell scharf missbilligte, erinnert sich in seinen Kriegserinnerungen daran, wie der Kammersänger Walter Kirchhoff vom 130. (Lothringischen) Infanterieregiment, der in seinem Stab als Ordonnanz diente, an Heiligabend vor Franzosen und Deutschen Weihnachtslieder sang:

„Er berichtete mir nächsten Tages, dass einzelne Franzosen auf ihre Brustwehren geklettert wären und so lange Beifall geklatscht hätten, bis er noch eine Zugabe hinzufügte. Hier hatte das Weihnachtslied mitten im bitteren Ernst des heimtückischen Grabenkrieges ein Wunder gewirkt und von Mensch zu Mensch eine Brücke geschlagen.“

Dennoch erregte der Weihnachtsfrieden in der höheren Führung auf beiden Seiten Unwillen, wenngleich es zu keinen Sanktionen kam. Vielerorts ruhten die Waffen noch bis Silvester, an manchen Abschnitten sogar bis in den Januar hinein.
1915 versuchten Soldaten noch an einigen Standorten, das „Weihnachtswunder“ des Vorjahres zu wiederholen. Doch diesmal wurde es ihnen von ihren Vorgesetzten unter Androhung des Kriegsgerichts verboten. Der Krieg machte nun selbst vor dem letzten kleinen Rest des Friedens und der Zivilisation nicht mehr halt.

© Konstantin Sakkas
Titelbild: Soldaten des Kgl. Sächs. 10. Infanterieregiments Nr. 134 und des Royal Warwickshire Regiment treffen sich am 26. Dezember 1914 im Niemandsland, vermutlich in Flandern. © Imperial War Museum, London/Wikimedia Commons

Der Seekrieg im Ersten Weltkrieg

Der erste Weltkrieg entstand unter anderem auch aus dem Wettrüsten zur See zwischen Großbritannien und Deutschland. Kaiser Wilhelm II. war durch seine Mutter ein Enkel der Queen Victoria und blickte zeitlebens mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung auf Großbritannien. Sein Lebenstraum war die Errichtung einer starken Kriegsflotte, die der englischen ebenbürtig sein sollte.
Die kaiserliche Marine war seit der Reichsgründung eine eigenständige Teilstreitkraft. Anders als die Heere der deutschen Bundesstaaten unterstand sie der Reichsleitung und in letzter Instanz dem Kaiser persönlich, ihr Etat wurde vom Reichstag verhandelt. Unter dem Marinestaatssekretär Alfred von Tirpitz wurde die Flottenrüstung energisch vorangetrieben. England kannte die Gefahr und reagierte. Um 1900 standen England, das mit Frankreich wegen Gebietsstreitigkeiten in Afrika im Zwist lag, und Deutschland vor Bündnisverhandlungen. Doch sie scheiterten, die Fronten verhärteten sich, und 1904 schlossen England und Frankreich die „Entente cordiale“. Winston Churchill, seit 1911 Erster Lord der Admiralität, und der Erste Seelord Admiral John Fisher trieben die Rüstung gegen Deutschland mit Vehemenz voran. 1914 war die kaiserliche Kriegsmarine zwar die zweitstärkste der Welt, doch mit weitem Abstand zur britischen. Das Kräfteverhältnis lag bei 510 englischen zu 268 deutschen Schiffen. Insbesondere verfügten die Briten über wesentlich mehr U-Boote als Deutschland.
Der Krieg spielte sich dann gegen viele Erwartungen doch überwiegend zu Lande ab. Eine bedeutendere Rolle spielte die Marine lediglich im Rahmen der britischen Seeblockade, die gleich zu Kriegsbeginn errichtet wurde, um Deutschlands überseeische Versorgungswege zu durchtrennen. Englische Kreuzer sperrten die deutschen Handelsrouten, deutsche U-Boote versuchten, diese Sperren zu durchbrechen.
Der U-Boot-Krieg wurde auf deutscher Seite bis 1915 und dann wieder ab 1. Februar 1917 uneingeschränkt geführt. Das bedeutete, dass nicht nur Kriegsschiffe, sondern auch Frachter und Passagierschiffe unter feindlicher Flagge auch ohne Vorwarnung beschossen werden durften. Die deutsche U-Boot-Flotte erzielte dabei beträchtliche Mengen an versenktem Schiffsraum, konnte aber dennoch den Warenverkehr der Westmächte nicht wesentlich beeinträchtigen. Die Deutschen sperrten im Gegenzug die Dardanellen, um Russland vom Zugang zum Mittelmeer abzuschneiden. Auch im Schwarzen Meer behielten deutsche und türkische Schiffe die Oberhand über der russischen Flotte.
Im Rahmen der Seeblockade spielte sich der Kreuzerkrieg ab. Im Dezember 1914 kam es zur Schlacht bei den Falklandinseln. Das deutsche Ostasiengeschwader, das für den Schutz der Kolonien im Pazifik und in China zuständig war, hatte sich nach der Eroberung von Tsingtau durch die Japaner zurückziehen müssen. Auf dem Weg nach Europa wurde es vor Südamerika von britischen Zerstörern angegriffen. Nach heftigen Kämpfen wurden alle Schiffe versenkt. Der Geschwaderkommodore, Admiral Graf Spee, ging mit seinem Flaggschiff dabei unter.
Die großen, sündhaft teuren Schlachtschiffe hingegen, das Herzstück der Flottenrüstung, kamen im Krieg nur einmal zum Einsatz – in der Skagerrak-Schlacht am 31. Mai/1. Juni 1916. Die deutsche Flotte befehligte Admiral Reinhard Scheer, der Chef des Stabes der Hochseeflotte, die britische Admiral Sir John Jellicoe, der Befehlshaber der Grand Fleet. Nach zwei Tagen trennten sich beide Flotten unentschieden.
Taktisch erbrachte die Skagerrak-Schlacht einen deutschen Sieg, strategisch hingegen ein Patt. Die Engländer hatten ihr Ziel, die deutsche Hochseeflotte zu vernichten, verfehlt. Zudem erlitten sie empfindliche, wenn auch nicht dramatische Verluste. Die Deutschen dagegen errangen zwar einen Achtungserfolg, konnten aber weder an der Seeblockade, noch an der zahlenmäßigen Überlegenheit der Briten etwas ändern. Das meldete auch Admiral Scheer nach der Schlacht an den Kaiser. Infolgedessen blieb die Flotte wieder in den Häfen.
Erst im Oktober 1918 plante die deutsche Seekriegsleitung unter Scheer das erneute Auslaufen der Hochseeflotte. Nach dem Zusammenbruch der Westfront wollte man den Briten in der Themsemündung eine finale Entscheidungsschlacht liefern. Doch diesen aussichtlosen Befehl verweigerten die Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven. Es kam zur Novemberrevolution und zum Sturz der Monarchie.
Die Flotte selber wurde nach dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 von den Engländern in ihrem Marinestützpunkt Scapa Flow zwangsinterniert. Um die Schiffe nicht definitiv in Feindeshand fallen zu lassen, ließ sie Konteradmiral v. Reuter am 21. Juni 1919, eine Woche vor Unterzeichnung des Friedensvertrags von Versailles, versenken.

© Konstantin Sakkas
Titelbild: Das britische Flaggschiff “Invincible”. Quelle: Wikimedia Commons