Die große Umwälzung. Friedrich der Große und die Epochenscheide 1763

Ein Vierteljahrtausend liegt zwischen dem Ende des Siebenjährigen Krieges im Jahr 1763 und heute. In diesen 250 Jahren hat sich die Welt weiter entwickelt als jemals zuvor

In unserer jubiläenfrohen Zeit hat ein Datum erstaunlich wenig Beachtung gefunden: der Friede von Hubertusburg, mit dem vor zweihundertfünfzig Jahren, im Jahr 1763, der Siebenjährige Krieg zu ende ging. Damals endete nicht nur der Selbstbehauptungskampf Preußens und seines großen Königs; damals endete auch nicht nur die Auseinandersetzung zwischen England und Frankreich um die Vorherrschaft in den Kolonien und auf den Weltmeeren: nein, damals ging eine Epoche zu ende, damals begann ein neuer Zeitabschnitt, in dessen Schatten wir heute immer noch stehen. In diesem Vierteljahrtausend zwischen 1763 und 2013 hat sich die Welt radikaler verändert als in allen Jahrhunderten zuvor. In diesem Vierteljahrtausend werden die Grundlagen des modernen Staatensystems gelegt, die Grundlagen der modernen Wirtschaft, die Grundlagen unseres Denkens, unserer Moral, unserer Religion. Das Jahr 1763 läutet das Ende der Neuzeit ein; 1763 ist der vorgezogene Beginn der Moderne; unter allen Jubiläen, die im vergangenen Jahr begangen wurden, ist dies das eigentlich wichtige und entscheidende.
Es beginnt relativ harmlos und romantisch: am 30. März 1763 kehrt Friedrich II., König von Preußen, nach sieben Jahren Krieg endlich in seine Hauptstadt Berlin zurück. Als er an der Stadtmauer eintrifft und der Magistrat ihn bittet, in den für ihn bereitgestellten Prunkwagen umzusteigen, um die Huldigungen der jubelnden Bevölkerung entgegenzunehmen, weigert er sich. Friedrich möchte an diesem Tag allein sein. Sein Biograph Franz Kugler hat die denkwürdige Szene überliefert:

„Es wird erzählt, daß sich Friedrich, bald nach seiner Ankunft, nach Charlottenburg begeben und Musiker und Sänger ebenfalls dahinbestellt habe, mit dem Befehl, das Tedeum von Graun in der Schloßkapelle aufzuführen. Auf solche Anordnung habe man dem Erscheinen des gesamten Hofes entgegengesehen. Aber der König sei ohne Begleitung in die Kapelle eingetreten, habe sich niedergesetzt und das Zeichen zum Anfange gegeben. Als die Singstimmen mit den Worten des Lobgesanges eintraten, habe er das Haupt in die Hand gestützt und geweint.“

Am Beginn der Moderne stand die Melancholie. Am Beginn des Fortschritts stand die Resignation. Friedrich, der wie so viele seinesgleichen ein gespaltenes, aber intimes Verhältnis zu Gott und zum anderen Leben hatte, hätte glücklich und zufrieden sein können mit dem, was er in den sieben Jahren Krieg durch eigene Leistung ebenso wie durch Glück erreicht hatte; er war es nicht. Er war in diesem Augenblick, nicht anders als ein heranwachsender Junge, zu erschlagen von der Isolation, die de Preis seines Ruhmes und seiner Macht gewesen war. Er war spätestens seit diesem Augenblick ein unglücklicher Mensch.
Doch die Geschichte nahm auf das private Unglück eines in sich Zerrissenen keine Rücksicht. Tatsächlich hatte Friedrich mit seinem Sieg eine Entwicklung angestoßen, in deren Strom wir noch heute stehen. Russland, das im letzten Augenblick die Seiten gewechselt und Preußen dadurch das Überleben gesichert hatte, trat ein in den Zirkel der europäischen Großmächte; Deutschland wurde, wenn auch in preußischer Gestalt, vom Spielball zum Spielmacher der europäischen Politik und ist an diesem Ziel unter der Regierung Angela Merkels, wenn auch über Umwege, endlich angekommen; die britischen Kolonien in Amerika wurden durch den Einsatz, den sie für ihr Mutterland im Kampf gegen Frankreich gebracht hatten, so selbstbewusst, dass sie zehn Jahre später die Unabhängigkeit einforderten und auch erreichten; und in Frankreich waren die wirtschaftlichen und politischen Wirkungen der doppelten Niederlage derart verheerend, dass die Revolution nur noch eine Frage der Zeit war. All das waren die unmittelbaren Konsequenzen des Siebenjährigen Krieges.
Uns Heutigen fällt es nicht leicht, uns zu vergegenwärtigen, dass die Wurzeln unserer Epoche in einer Zeit liegen sollen, die von unserer nicht nur formell, sondern vor allem lebensweltlich fast so weit entfernt scheint wie das Mittelalter oder gar das Altertum. Und wenn man auf das Alltagsleben sieht, so befand sich die westliche Welt 1763 ja auch noch tief im Mittelalter. Doch es war eben auch das indirekte Geburtsjahr der Industrialisierung. England war nun die Weltmacht Nummer eins, und nur sechs Jahre später, genau zweihundert Jahre vor der Mondlandung, wurde die Dampfmaschine erfunden, der Grundstock der modernen Wirtschaft und des modernen Wohlstands.
Tatsächlich liegen die Wurzeln unserer heutigen Welt in diesem Jahr. Friedrich, der ein Leben lang den Widerspruch zwischen Introversion und Extroversion, zwischen Weltverneinung und Weltbejahung, zwischen Fortschritt und Beharren nicht auflöste, sondern in der Zerrissenheit verharrte, wurde mit seinem politischen Handeln und seiner geistigen Figur als aufgeklärter, freiheitsliebender Fürst zum Motor der modernen Entwicklung. Als er, der mit den Worten Jacob Burckhardts rittlings auf der Scheide zwischen zwei Zeiten saß, 1786 in Schloss Sanssouci starb, dauerte es nur noch drei Jahre, bis in Frankreich die Revolution ausbrach, in der das Volk in corpore zum ersten Mal erfolgreich seinen Willen artikulierte: nämlich teilhaben zu wollen am Wohlstand, der überhaupt erst die Basis ist für ein erfülltes Leben im Diesseits. It’s the economy, stupid: die Parole der Clinton-Ära in den 1990er Jahren könnte genauso gut als Leitspruch über den fünfzehn Jahren zwischen 1774, dem Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, und 1789, dem Jahr des Ausbruchs der Französischen Revolution, stehen.

Das Jahr 1763 nimmt in der Topographie der Jahreszahlen eine merkwürdige Schlüsselposition ein. Fünfzig Jahre trennen es von 1813, dem Jahr der Befreiung von Napoleon, dem Jahr der Völkerschlacht, hundert Jahre von 1863 – da war Otto von Bismarck gerade ein Jahr preußischer Ministerpräsident –, hundertfünfzig Jahre von 1913, dem letzten Jahr der Neuzeit, zweihundert Jahre schließlich von 1963, dem Jahr, in dem Kennedy ermordet wurde – ein Mord, der die Götter gnädig stimmen sollte, auf dass der Kalte Krieg kalt bliebe und nicht ausartete in die Apokalypse, die damals alle Welt Jahr für Jahr ängstlich erwartete. 1763: das Jahr, in dem in dem kleinen kursächsischen Jagdschloss Hubertusburg zwischen den beiden ausgepowerten Kontrahenten Preußen und Österreich, zwischen Kaiserin und König der lang ersehnte Friede geschlossen wurde, entpuppt sich in der Rückschau aus zweieinhalb Jahrhunderten Entfernung als die Benchmark, der Angelpunkt, von dem aus die Weltgeschichte einen anderen, neuen Gang nehmen sollte.
Der siebenjährige Krieg ragt aus der endlosen Serie kriegerischer Auseinandersetzungen, die die europäische Geschichte bis 1945 bedeutet, insofern heraus, als sich hier provinzieller Kabinettskrieg und weltpolitische Auseinandersetzung miteinander vereinigten. Denn der dritte Krieg um Schlesien war zuerst einmal nichts anderes als der Versuch Österreichs unter seiner Herrscherin Maria Theresia, die von Friedrich geraubte Provinz wieder zu erobern und zugleich den drohenden Konkurrenten aus dem Norden auf den Rang einer drittklassigen Macht zurückzustufen. Durch den „Umsturz der Koalitionen“ 1756, als sich Frankreich mit seinem alten Erbfeind Österreich, England aber mit dem jungen Preußen verbündete, wurde der Regionalkonflikt zum Weltkonflikt. Frankreich befand sich dabei von Anfang an in der schwächeren Position, denn die Tatsache, dass es eine Kontinentalmacht und militärisch und wirtschaftlich auf dem Kontinent engagiert war, verminderte seinen internationalen Aktionsspielraum erheblich. England aber war seit den Tagen seiner jungfräulichen Königin Elisabeth, seit den Tagen Francis Drakes, dieses Raubritters der Weltmeere, die ungeschlagenen Handelsmacht Nummer eins.
Brandenburg-Preußen wiederum befand sich bei Beginn des Siebenjährigen Krieges in der Hochphase seiner inneren und außenpolitischen Konsolidierung. Was es in den letzten hundert Jahren geworden war, verdankte es der schieren Willenskraft der vier Herrscher, die es bis dahin regiert hatten. Nun war Friedrich an der Reihe, der zweite seines Namens nach seinem Großvater Friedrich dem Ersten, der 1701 durch diplomatisches Geschick die Königskrone an Preußen gebracht hatte. Friedrich II. war von dem Ehrgeiz besessen, sich einen Namen in der Weltgeschichte zu machen, und er war erfüllt von einer unbändigen Willenskraft, die ihr Widerlager in einem seltsam modernen, freiheitlichen Individualismus hatte. In zwei kurzen, schnellen Kriegen hatte er Schlesien, eine reiche Provinz, an sich gerissen und als seinen Besitz gegen Maria Theresia verteidigt. Den dritten Krieg, der sich seit dem Ende des zweiten längst angebahnt hatte und 1756 ausbrach, hatte er nicht gewollt, so wie er überhaupt außenpolitisch seltsam ambitionslos, ja: apathisch geworden war. Er musste gleichsam hineingetrieben werden durch die Umstände: Friedrich mochte noch so oft beteuern, dass er saturiert sei; dass es ihn nicht nach noch mehr Eroberungen gelüste; dass er in friedlicher Koexistenz mit den anderen europäischen Mächten zu leben gedenke: man glaubte ihm nicht. Man sah in ihm eine Bedrohung, einen Revolutionär, der ganz Europa in den Strudel einer Entwicklung zu reißen drohte, die unumkehrbar sein und die das Ende aller hergebrachten geistigen und politischen Systeme bedeuten würde.
Es gehört zu den großen Paradoxien der Weltgeschichte, dass die entscheidende Entwicklungsphase, die auf unsere Gegenwart hinführt, angestoßen wurde von zwei Bündnispartnern, die gegensätzlicher nicht sein konnten. Hier England, das längst keine absolute Monarchie mehr war, sondern ein Staat, der von reichen Handelsleuten und Großgrundbesitzern regiert wurde; dort Preußen, ein bei aller Aufgeklärtheit und Toleranz zutiefst monarchischer, ja: despotischer Staat mit einem König an der Spitze, der per Kabinettsorder herrschte und der viel mehr ins Altertum, vielleicht noch ins Mittelalter passte als in die langweilige Gewöhnlichkeit des Achtzehnten Jahrhunderts. Ein echter Heerkönig noch, der nie aus dem Sattel kam und dennoch 121 Flötensonaten komponierte; ein Literat auf dem Thron, ein Freimaurer und Geisterseher, der seine Spiritualität hinter gereimten Spottversen versteckte und der durch einen grausamen Vater zur absoluten Selbstverleugnung erzogen worden war.
Dieser Friedrich stand sein Leben lang in einem merkwürdig zwiegespaltenen Verhältnis zur Geschichte, das heißt: zur Geschichtlichkeit des Menschen überhaupt. Mit dem einen Teil seiner Seele wäre er am liebsten in einer fiktiven Aetas aurea geblieben, einem vor- und außerhistorischen Bezirk, wie ihn die bukolische Lyrik der alten und neuen Klassiker besang, fern aller Zwänge, fern aller Bedingtheiten und Verpflichtungen; der andere Teil aber glühte vor Tatendurst, vor Eifer nach Ruhm und Eroberung, nach Selbstbewährung im kriegerischen Extrem. Aristoteles und Alexander gingen in diesem feuerköpfigen, irgendwie alters- und geschlechtslosen Fürsten aus einer ursprünglich gänzlich unbedeutenden süddeutschen Adelsfamilie eine außergewöhnliche Liaison ein. Wenn in irgendeiner, dann schlugen in seiner Brust zwei Seelen.
Dieser Friedrich also verbündete sich in der Konvention von Westminster 1756 mit England, dem reichsten und wohl auch mächtigsten Staat der Erde, um seinen schlesischen Besitz zu verteidigen. Binnen weniger Monate standen die Koalitionsverhältnisse fest: hier Preußen und England, dort Österreich, Frankreich und Russland, flankiert von den beiden kleineren Mächten Sachsen und Schweden. Aus der preußisch-englischen Koalition gingen die Kräfte hervor, die nicht nur Europa und die Welt ordnen sollten, sondern in deren Wechselspiel sich die Weltgeschichte bis 1945 vollziehen sollte. Es waren englische und preußische Truppen, die 1757 vereint in Norddeutschland kämpften; die 1815 bei Waterloo Napoleon bezwangen; die sich in der Zeit der Flottenrüstung um 1900 aggressiv belauerten; die schließlich in den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs aufeinandertrafen.
Der Sieg im Siebenjährigen Krieg – das kann man jenseits aller Legendenbildung nüchtern feststellen – ebnete den Weg Preußens zur Führungs- und Einigungsmacht Deutschlands. Friedrich, das wissen wir, hielt nichts von dem Gedanken eines unitarischen deutschen Staates, und das wäre auch in Zeiten des Heiligen Römischen Reiches mit seinen dreihundert souveränen Territorien undenkbar gewesen; aber Preußen konnte sich, so oder so, seiner Aufgabe nicht entziehen, und sah die Welt nur einhundert Jahre später Otto von Bismarck als frischgebackenen preußischen Ministerpräsidenten, der die Einigung Deutschlands unter dem König von Preußen mit Macht und List vorantrieb. Das Deutschland, das 1871 im Deutsch-Französischen Krieg geschaffen wurde, war ein Preußen-Deutschland, und Friedrich hatte dazu, sicher nicht beabsichtigt, den Grundstein gelegt.

So entstand aus einer Beinahe-Niederlage – am Ende entschied der Wechsel Russlands ins preußische Lager den Krieg – auf lange Sicht das Deutschland, das künftig von Europas Mitte aus die Geschickte des Kontinents erst beeinflussen, dann dominieren sollte. Auf der anderen Seite aber leitete der Sieg Englands über Frankreich seinen langsamen Abstieg ein. Denn er Sieg in Amerika gab den britischen Kolonien erst das Selbstbewusstsein, sich gegen das Mutterland aufzulehnen und, als Preis für ihr Standhalten gegen die Franzosen, das Recht auf Selbstbestimmung und Selbstverwaltung einzufordern. 1763, nicht 1776 ist das eigentliche Geburtsjahr der amerikanischen Unabhängigkeit. Die Vormachtstellung der USA als wirtschaftliche und dann auch politische Führungsmacht der Welt ging hervor aus dem kolonialen Nebenkriegsschauplatz eines klassischen kontinentaleuropäischen Kabinettskriegs. Hier das kleine Preußen, das ohne seinen Fürsten Friedrich niemand von den Großen politisch ernst genommen hätte; dort die amerikanische Ostküste, für Europäer eine halbe Wildnis, aber mit dem Sendungsbewusstsein von Seefahrern und Siedlern, die den britisch-französischen Zwist zum Anlass nahmen, sich auszuklinken aus der Abhängigkeit von den überkommenen europäischen Konstellationen und einen dritten, ihren eignen Weg zu gehen.
Preußen und Amerika – dieses merkwürdige, so gegensätzliche Zweiergespann steht 1763 am Anfang einer globalen Entwicklung, die nun ein Vierteljahrtausend alt ist. Durch Preußens Energie ging Europa endlich aus der mittelalterlichen Beschaulichkeit über in den angespannten Aktivismus der Moderne. Man kann sich das sehr gut veranschaulichen an den drei externen Wirkungen, die Preußens Sieg hatte.
Erstens: Österreich, der erste Vielvölkerstaat Europas, verliert seine Vormachtstellung in Mitteleuropa. Österreich, diese erste Staatsnation der Geschichte, diese Bewahrerin byzantinischer Gelassenheit, ein Staat, der westliche, slawische und orientalische Kultur zusammenführte, die legitime Nachfolgerin des Oströmischen Reiches, deren Herrscher nicht durch Zufall Träger des römischen Kaisertitels geworden waren und es seit dem 15. Jahrhundert, seit dem Fall Konstantinopels, in ununterbrochener Reihe waren. Österreich, genauer: die Habsburgischen Lande – denn es war ein dynastischer Territorialverbund ohne zentrale konstitutionelle Form –, war in seiner unorganisierten Vielfalt – geistig, wirtschaftlich, sozial und auch politisch – ein einmaliges Konstrukt, das in seiner schillernden Proteushaftigkeit, seiner merkwürdigen Melange aus altertümlicher Provinzialität und dynamischer Fortschrittlichkeit den Charakter des alten Europas, sein antikes und mittelalterliches Erbe ideal abbildete. Der Geist, der von Österreich ausging: das gesicherte, behagliche Beharren beim Alten: dieser Geist wurde durch Friedrich mit ungewollter Brutalität zerstört. An seine Stelle trat der Geist des vorwärtsstürmenden, alles infragestellenden und umwerfenden Protestantismus.
Zweitens: Russland wird auf den Plan gerufen. Der Aufstieg Russlands nicht nur zum anerkannten Mitglied des europäischen Mächtekonzerts, sondern zum Tonangeber in der europäischen Politik datiert von 1763. Solange Russland Preußen vernichten wollte, blieb es erfolglos; aber sofort nach dem Bündniswechsel 1762 wird klar, dass mit dem slawischen Riesenreich im Osten künftig gerechnet werden muss. Friedrich, der sein Leben lang den Westen, die französische Kultur, das burgundische savoir-vivre liebte (man darf nicht vergessen, dass er Hannöversche und niederländische Vorfahren hatte), verdanke sein politisches Überleben einer Macht, die er von Herzen verachtete, die ihm wesensmäßig fremd war; ohne die Preußen aber nichts war. Und so wurde Russland zur Schutzmacht Preußens und Deutschlands: 1763, 1806 und 1813, und wieder in den Bismarckschen Einigungskriegen, als der Zar Alexander im Osten Preußen den Rücken freihielt. Und selbst in den beiden Weltkriegen war es Russland, das einmal durch seine Niederlage 1917, dann durch seinen Sieg 1945 dafür sorgte, dass Deutschland erhalten blieb. Russlands Macht, die heute deutlicher dasteht denn je, ist ein Ergebnis von 1763, ein Ergebnis des friderizianischen Kampfes um Selbstverwirklichung, der ausuferte in eine politische Impulsgebung, die die Welt erschüttern und für immer verändern sollte.
Drittens schließlich: das Erwachen des französischen Volksgeistes durch die Revolution. Friedrich, selber ein Landesherr alter Schule, ein Chevalier auf dem Thron à la française, war nichts fremder als der Geist der Revolution. Nicht aus Mangel an sozialem Gewissen – davon hatte er sehr viel, mehr als die meisten seiner Standesgenossen; sondern aus Furcht vor Veränderung, aus Horror vor der Verwirrung der Gefühle und der Systeme, aus Liebe zur Ruhe, zur paradiesischen Ordnung, zur Harmonia caelestis. Friedrich liebte das und fühlte mit dem Volk; aber er verabscheute, aus ödipaler Befindlichkeit ebenso wie aus quietistischem Gewissen, die Unruhe, die Auflösung. Doch genau dieser Friedrich zerstörte, nolens volens, mit seiner feurigen, merkwürdig überweltlichen und ursprünglichen Aktivität die romantische Ruhe in Europa, und er zerstörte das innere Gleichgewicht der französischen Nation. Als die französischen Truppen geschlagen von Rossbach heimkehrten – es war 1757 –, begann es in Frankreich zu bröckeln. Der Krieg hatte das Land, das zwar reich, aber seit Ludwig dem Vierzehnten auch ständig verschuldet war, noch einmal bis ins Extrem strapaziert; diesmal sollte sich der Bogen nicht weiter spannen lassen. Der Samen der Revolution und ihres Erfolges wurde gelegt, als das Volk, der Dritte Stand, einen Verbündeten fand im französischen Adel, dem nach dem verheerenden Scheitern der königlichen Machtpolitik im Siebenjährigen Krieg die letzten Illusionen über den Absolutismus geraubt wurden. Adel und Teile des Hochadels, allen voran das Haus Orléans, gehörten zu den heißesten Bewunderern Friedrichs, des schneidigen, heroischen „Markgrafen von Brandenburg“; und sie gehörten dreißig Jahre später zu den wichtigsten Verbündeten der französischen Unterschicht im Kampf um Freiheit und Gleichheit. Lion Feuchtwanger hat in seinem Rousseau-Roman „Narrenweisheit“ die Verflechtung zwischen aufgeklärter französischer Aristokratie und revolutionärem Volk mit feiner Einfühlungsgabe nachgezeichnet.

So hat Friedrich von Preußen, der Jüngling-Vater auf dem Thron, dieses unmännliche Musterbild von einem Mann, dieser väterliche Muttersohn, dieses Ebenbild von einem Monarch, ohne es zu wollen eine dreifache Revolution angestoßen: eine politische, eine soziale und eine wirtschaftliche Revolution. Politisch durch die Erstarkung Deutschlands und das Hereinholen Russlands in die Pentarchie. Sozial durch die Zündung des revolutionären Gedankens in Frankreich. Wirtschaftlich aber durch das Bündnis mit England, aus dem mittelbar die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten erwuchs, mit denen er übrigens als erster europäischer Monarch 1785 ein Bündnis schloss. Der russisch-amerikanische Gegensatz, der das 20. Jahrhundert bestimmte, nahm von diesem Datum aus seinen Ausgang, und ebenso die Demokratisierung der Welt, die 1789 losgetreten wurde, nachdem das französische Königtum mit der Niederlage im Siebenjährigen Krieg seine Bankrotterklärung abgegeben hatte.
Alle Entwicklungen, die unsere Gegenwart unmittelbar geprägt haben, haben sich in diesem Vierteljahrtausend zwischen 1763 und 1813 vollzogen: die territoriale Konsolidierung Mitteleuropas mit einem einigen, dominanten Deutschland; die industrielle Revolution; die Philosophie der Aufklärung; die Parlamentarisierung und Demokratisierung, die nach und nach alle europäischen Staaten erfasst hat. Zugleich aber bedeutete 1763 – und Friedrich wird das geahnt haben – auch den Abschied von der Ruhe und Beschaulichkeit Alt-Europas; den Verlust der Geborgenheit im Mutterschoß des Glaubens, des blinden, religiösen Weltvertrauens, das seit der Christianisierung Europas in der ausgehenden Antike über die Stürme des Mittelalters mehr oder weniger ungebrochen gegolten hatte. 1763 ist das Datum, den dem Alt-Europa beginnt, keine Heimat mehr zu sein, an dem die Europäer anfangen, ihre Heimat zu verlieren.
Die territoriale Entgrenzung, die damit einsetzt, dass Europas atlantische und asiatische Flanke geöffnet wird, bewirkt die Entgrenzung der Emotionen und des Geistes. Das ist immer so, ob im persönlichen Leben oder im Leben der Menschheit. In jeder Biographie Immanuel Kants ist zu lesen, dass das aufgeklärte Königsberger Geistesklima, das sich so abhob von dem Zustand im restlichen Preußen, mit der territorialen Offenheit der Hafenstadt Königsberg zusammengehangen habe. Nun, in genau dieser Lage befindet sich Europa 1763 mit der Öffnung seiner Flanken nach West und nach Ost. Russland galt unter Peter dem Großen, der auch noch aus einer indigenen russischen Familie stammte, noch als barbarisches Land; die Gebildeten, wie Friedrich selber, sprachen in Anspielung auf das Exil des Dichters Ovid in der römischen Kaiserzeit von den „Geten und Sarmaten“. Unter Peter von Schleswig-Holstein-Gottorf, dem dritten Herrscher seines Namens, avancierte Russland zum akzeptierten europäischen Player. Jeder Konflikt seither, bis in unsere Tage, konnte nicht ohne das Zutun Russlands entschieden werden, und Europa fand in diesen zweihundertfünfzig Jahren zu jenr alten eurasischen Einheit Schritt für Schritt wieder, die einst im Altertum bestanden hatte und dann durch die Teilung Roms und den christlichen-orientalischen Gegensatz verloren gegangen war.
So wie im Osten Eurasien wieder zusammenfand, so geschah es im Westen, glaubt man der Ontologie der Territorien, mit Atlantis. Durch den Siebenjährigen Krieg rückte Amerika, dieses merkwürdige, fremde und ungeheuerliche Ungetüm im Westen, mit ungeheurer Macht ins Bewusstsein der Europäer, dieser trägen Landbevölkerung mit ihrem Kirchturm- und Serenissimus-Horizont. Der alte Bruch zwischen Europa und Amerika beginnt zu heilen, um den Preis freilich, dass in Europa selber das Bewusstsein der Geschlossenheit und Geborgenheit aufbricht, um schließlich unwiederbringlich zu zerbrechen. Die „Weltpolitik“ hält Einzug in Europa, und damit „Welt“ als politische Kategorie überhaupt. Die Moderne, die die Geschichtswissenschaft traditionell mit dem Jahr 1789 beginnen lässt, wirft ihre Schatten voraus, und man spürt, dass es mit der Behaglichkeit und Beschaulichkeit des alteuropäischen Daseins bald aus sein wird.
Sozialgeschichtlich mag 1789 den Anbruch der Moderne markieren; politisch ist es 1763, und nicht zu Unrecht haben Historiker immer wieder den Siebenjährigen Krieg als ersten eigentlichen Weltkrieg in der Geschichte bezeichnet. Und es ist bezeichnend, dass in diesem Augenblick die klassischen europäischen Mächte, England, Frankreich und das Haus Habsburg, anfangen, ihre hergebrachte Vormachtstellung einzubüßen. Man hat den Siebenjährigen Krieg gern als Beginn der englischen Dominanz in der Weltpolitik, als eigentliche Geburtsstunde des Empire angesehen; in Wahrheit war es der Beginn seines Untergangs. Die Energien, die im Krieg in Amerika freigesetzt wurden, lehrten die Kolonien überhaupt erst, nach Unabhängigkeit zu streben, ein eigenes Staatengebilde aufzustellen, das vom europäischen Modell grundverschieden sein sollte, und doch dessen Urmotiv: das Streben nach Macht und Ausdehnung, eins zu eins übernehmen und perpetuieren sollte. –

Freilich: das andere Urmotiv Europas wurde damals zu Grabe getragen: das war die Ruhe, der himmlische Friede, die Ordnung der Gestirne, die die europäische Monarchie seit Kaiser Konstantin über Karl den Großen bis hin zu Karl V. und Philipp II. auf Erden abzubilden gehofft hatte. Es war eine quietistische Ordnung gewesen, eine Ordnung der Ruhe, des Rückzugs, der Innerlichkeit und Introversion. Eine Ordnung, die Franz Grillparzer exemplarisch in die Worte fasste, die er in seinem „Bruderzwist“ Kaiser Rudolf II. in den Mund legte:

„Ich glaub an Gott und nicht an jene Sterne,
Doch jene Sterne auch sie sind von Gott.
Die ersten Werke seiner Hand, in denen
Er seiner Schöpfung Abriß niederlegte,
Da sie und er nur in der wüsten Welt.
Und hätt’ es später nicht dem Herrn gefallen,
Den Menschen hinzusetzen, das Geschöpf,
Es wären keine Zeugen seines Waltens,
Als jene hellen Boten in der Nacht.
Der Mensch fiel ab von ihm, sie aber nicht,
Wie eine Lämmerherde ihrem Hirten,
So folgen sie gelehrig seinem Ruf
So heut als morgen wie am ersten Tag.
Drum ist in Sternen Wahrheit, im Gestein,
In Pflanze, Tier und Baum, im Menschen nicht.
Und wer’s verstünde still zu sein wie sie,
Gelehrig fromm, den eignen Willen meisternd,
Ein aufgespanntes, demutvolles Ohr,
Ihm würde leicht ein Wort der Wahrheit kund,
Die durch die Welten geht aus Gottes Munde.“

Die Frühe Neuzeit, also der Zeitabschnitt zwischen der Entdeckung Amerikas 1492 und dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789, war gekennzeichnet von dem Bemühen, die Geschlossenheit und Ordnung des Mittelalters um jeden Preis zu bewahren. An dieser Aufgabe war Europa mit dem Siebenjährigen Krieg definitiv gescheitert. Von nun an hielten die Triebe ungehindert Einzug in den europäischen Geist, gegen die man sich bis zuletzt verzweifelt gewehrt hatte; die das Mittelalter noch als Sünde diskriminiert und bekämpft hatte: Gier, Sucht und ein hemmungsloser, ungebremster Materialismus. Von nun an fand Europa seine Erfüllung darin, sich das Erdreich bis zum Äußersten untertan zu machen und es auszubeuten, zu Wasser, zu Lande, und bald auch in der Luft. Die ruhigen Zeiten waren vorbei; Europa geriet in den Wirbelsturm der modernen Politik, mit ihm selbst als dem Zentrum dieses Sturms.
Das Merkwürdigste an dieser ganzen Geschichte ist, dass sie final angestoßen wurde von einem Mann, der dem mittelalterlichen Traum von Ruhe, Ordnung und Beschaulichkeit näher stand, als man heute allgemein sehen will. Friedrich von Preußen, der Philosoph auf dem Thron, war innerlich zerrissen wie nur irgendeiner, der jemals ein Land geführt hat: mit dem einen Teil seiner Seele stand er in der alten Zeit, scheute zurück vor der Kraft, die in ihm selber brodelte; mit dem anderen Teil dagegen trieb es ihn vorwärts, zur Überwindung der Grenzen, zur großen Umwälzung, die er in seinem Denken antizipierte. Er war der große Zerrissene, der in Europa regiert hat. Mit der einen Seite ein Bewahrer; mit der anderen ein Revolutionär. Es war weniger sein direktes Wirken – es war die indirekte Wirkung seines menschlichen Beispiels, die die Welt veränderte.
Was mit der Annexion einer kleinen mitteleuropäischen Provinz im heutigen Polen begann, wuchs sich aus zum internationalen Krieg, an dessen Ausgang die Internationalisierung der Politik selbst stand – mit dem kleinen Preußen als ihrem Epizentrum. Es war Deutschland, von dem in Zukunft die Impulse ausgehen sollten, die die Welt veränderten. Aus dem tiefen Bewusstsein über die Ewigkeit, die Ordnung und die Ruhe heraus erwuchs eine Welt, deren höchste Werte Zeitlichkeit, Unordnung und Unruhe sein sollten. Das Zeitalter des Imperialismus begann, im übertragenen wie im Wortsinne. Die Auseinandersetzung zwischen England und Frankreich um die Aufteilung der Welt war dabei nur die äußere Form; tatsächlich zeichnete sich schon damals der Antagonismus zwischen Amerika und Russland ab. Der amerikanische und der russische Geist erwachten aus ihrer Vertiefung und wählten sich Europa zum Schauplatz ihrer Auseinandersetzung. Friedrich aber, der brandenburgische Ritter ohne Fehl und Tadel aus dem bescheidenen Geschlecht schwäbischer Burggrafen, war der Unruhestifter, der das alles angezettelt hatte. Er, der dies alles nicht wirklich gewollt hatte, entbirgt sich in der Rückschau nach zweihundertfünfzig Jahren als der eigentliche, große Impulsgeber, als der Mann, der wider seinen eigenen Willen Europa und die Welt in die Moderne führte.
Das letzte Vierteljahrtausend brachte eine Bewegung, eine Energie zum Vorschein, die die Welt bis dahin nur in den Naturreichen gekannt hatte. 1755, ein Jahr vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, ereignete sich das Erdbeben von Lissabon, das die Gemüter in aller Welt bewegte, das Voltaire zur Niederschrift seines Candide veranlasste und das aller Welt noch ein mal vorführte, wie mächtig die Natur sei. Nur ein Jahr später entbrannte der Krieg, und mit ihm begann ein Zeitalter, in dem nicht mehr die Natur, sondern der Mensch selber des Menschen größter und gefährlichster Feind sein sollte – so gefährlich, dass er auf die Natur selbst Einfluss nimmt und sie in eine Richtung treibt, die die ganze Welt verderben kann. Zugleich aber ist es dieser Einfluss, der dem Menschen den endgültigen Ausweis ausstellt über seine Gottesebenbildlichkeit. Es mag paradox und wie ein Sakrileg klingen: aber der verführerische Ruf zur Freiheit, dem Friedrich sich in jugendlichem Ungestüm gefügt hatte, eröffnete dem Menschen nicht nur den Pfad in Untergang und Selbstvernichtung; sondern ebenso sehr die Einsicht in seine Grandiosität. Diese Grandiosität muss nicht nur sündhaft, sie kann auch legitim sein: dann, wenn der Mensch in ihrem Überschwang niemals vergisst, dass es Gott ist, von dem er seine Kräfte empfangen hat und dem er den verantwortungsvollen Einsatz dieser Kräfte schuldig ist. Der letzte Gang, den Friedrich in diesem Urkrieg der Moderne antrat, ist das ewige Beispiel hierfür: Am Ende tritt und steht der Mensch vor Gott, allein. Auf diese einmalige Situation ist all sein Handeln von Anbeginn an ausgelegt; dessen sollte er eingedenk sein, in allem, was er tut.

Dieser Text erschien in der Januarausgabe 2014 der Zeitschrift “Die Drei.”

Titelbild: Das Tedeum von Graun. Gemälde von Arthur Kampf, um 1900

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