Napoleons griechische Abstammung

In seinem Meisterwerk “Europe. The struggle for supremacy”, dessen Erzählung im griechischen Schicksalsjahr 1453 beginnt, schreibt Brendan Simms: «Napoleon never had a plan,’ his long-serving foreign minister, Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, later remarked, ‘it was always what had just happened that told him what to do next.’149 The pursuit of ‘glory’ and ‘destiny’ – two constants in Napoleon’s rhetoric – does not constitute a strategy in itself, beyond that of perpetual motion and conflict.»

Auch ich nannte Napoleon in meinem vor drei Jahren im Magazin “Cicero” erschienen Essay zum zweihundertjährigen Jubiläum des Russlanfeldzuges die “fleischgewordene Furie des Verschwindens” (siehe https://misterdarcysblog.wordpress.com/2015/05/05/europa-enges-land-napoleons-russlandfeldzug-1812-und-seine-weltgeschichtliche-dimension/). Nichts, so heißt es dort, liege offen an ihm “als seine schiere Kraft, nichts als die pure Gewalt seiner Wirkung, das ewig Drängende, Vorwärtsstürmende seiner Tätigkeit, die ihn von Feldzug von Feldzug führte, und die ihn doch in aller Tätigkeit, in allem Gestalten und Entwerfen doch merkwürdig geisterhaft, seltsam weltlos und ungreifbar erscheinen lässt.”

Dies sieht freilich anders aus, lässt man sich auf eine Theorie ein, die sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreut.  

Die Herzogin von Abrantès, Witwe des Generals Junot, erläutert im ersten Band ihrer Mémoiren die These, wonach Napoleon griechischer Abstammung gewesen sei. Tatsächlich lässt sich sein Familienname Buona Parte, also “der/ein gute(r) Teil”, als italianisierte Form des griechischen nomen gentile “Kalomero” bzw. “Kalomeris” lesen (kalo meros = der gute Teil).

Die Kalomeri lassen sich in Mani nachweisen, am westlichen Südzipfel der Peloponnes, wo der Widerstand gegen die slawische und später die türkische Landnahme stets besonders zäh gewesen. 1460, sieben Jahre nach der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmet II., fiel auch die Morea – so hieß diePeloponnes bis ins 19. Jahrhundert hinein – unter türkische Herrschaft. Doch ganz sicher konnte sich der Sultan der Halbinsel nie sein, die Morea blieb heiß umkämpft: im sechsten venezianisch-osmanischen Krieg errichtete die Serenissima im Jahr 1688 das Königreich Morea, das bis 1715 bestand, 1770 brach hier der Orlow-Aufstand aus, und der griechische Befreiungskrieg nahm 1821 von Patras aus seinen Ausgang.

Die vierhundert Jahre der Turkokratie führten zu einem intensiven kulturellen und demographischen Transfer zwischen Griechenland und Italien. Neben der Kolonisierung griechischen Territoriums durch Venedig, das so der türkischen Herrschaft entging, bedeutete dies vor allem Flucht von Griechen in den christlichen Westen. So emigrierte ein Abkömmling der Kalomeri im 16. Jahrhundert nach Italien und ließ sich unter dem italianisierten Namen Buonaparte erst in der Toskana, dann auf Korsika nieder.  

Napoleons Vater Carlo Maria Bonaparte, der Griechisch gesprochen haben soll, könnte selber einen Hinweis auf diese griechische Herkunft im Vornamen seines Sohnes versteckt haben: “Napoleon” lässt sich nämlich aus den griechischen Wörtern “nápos”, Tal, Einöde, und “léon”, Löwe, herleiten und hieße dann so viel wie “Löwe des Tales”. 

Napoleons Drang nach Osten und sein Wunsch, Griechenland von den Türken zu befreien und das römische Reich in den Grenzen des alten griechischen Kulturkreises wiederherzustellen, würden so verständlich. Napoleon war es nämlich, der den ersten unabhängigen modernen griechischen Staat schuf. Nach dem Frieden von Campo Formio im Oktober 1797, der unter anderem die Existenz der Republik Venedig, einst ein Exarchat des griechischen Kaiserreiches, nach eintausendjähriger Geschichte beendete,  wurden die ionischen Inseln, bis dahin venezianisches Territorium, als “Département des îles ioniennes” Teil der französischen Staates. Dazu gehörten Kephalonia, Kerkyra, Ithaka, Kythira, Lefkada, Zakynthos und Paxoi sowie eine Vielzahl von diesen Hauptinseln abhängiger kleinerer Eiländer. Ein griechisches Bataillon kämpfte im Regiment der Chasseurs de l’orient unter französischer Führung in Ägypten gegen die Truppen Englands und des Sultans. Der griechische Befreiungskampf der 1820er Jahre wurde von der antiosmanischen Politik des frühen Napoleon wesentlich inspiriert.   

Wie Jean Savant in seinem einschlägigen Werk “Sous les aigles orientales” ausführt, wollte Bonaparte das osmanische Reich auflösen und ein selbständiges Griechenland  wiedererrichten. Das führte im Zweiten Koalitionskrieg (1798-1802) zu einem historisch einzigartigen britisch-russisch-osmanischen Bündnis gegen Frankreich. Nach dem Ausscheiden Zar Pauls I. aus der Koalition wurde das Department der ionischen Inseln als “Republik der sieben Inseln” (griech. Eptanesa”) im Jahr 1800 unabhängig. Der erste freie griechische Staat der europäischen Neuzeit war geboren. 

Zunächst unter russischem Protektorat, kamen die Eptanesa im Frieden von Tilsit 1807 unter französische Garantie, bis 1814 nach dem Sturz Napoleons die britische Krone anstelle des Kaisers der Franzosen trat. Fünfzig Jahre später wurden die ionischen Inseln, bis heute untrennbar verbunden mit dem Odysseusmythos, endlich mit dem griechischen Mutterland vereint: Queen Victoria schenkte sie gleichsam dem jungen Prinzen von Dänemark, dem Schwager des Prince of Wales, zu seiner Inthronisation als König Georgios I. von Griechenland. 

Obwohl die Bonaparte traditionell ebenso auf Familien gleichen Namens in Sarzana bzw. Treviso zurückgeführt werden, beginnt ihre gesicherte korsische Stammreihe erst im 16. Jahrhundert. Eine griechische Abstammung Napoleons ist unbewiesen, aber nicht unwahrscheinlich. Sein bedingungsloser Drang nach europäischer Harmonie freilich, die unfassbare Spannweite seiner Biographie zwischen titanischer Gewalt und prometheischem Exil, sein brennender Wunsch schließlich, die uralte Einheit von Ost und West wiederherzustellen: sie fänden hier die Erklärung, der sich der große Unergründliche stets entzog. 

Titelbild: Napoleon I., Kaiser der Franzosen und König von Italien. Zeitgenössische griechische Darstellung, nach 1805. 

Advertisements

Männlichkeit und Melancholie. Zur Aktualität Joseph Roths

Kein deutscher Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ist so weit in die Tiefen der männlichen  Seele hinabgestiegen wie Joseph Roth. In der literaturgeschichtlichen Rezeption gern als, bestenfalls charmante, quantité négligeable abgetan – zu den „sieben Wegbereitern“ der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts wollte Marcel Reich-Ranicki ihn nicht zählen –, machte ihn seine Eigenschaft als intimer Kenner und Beschreiber der männlichen Seele im literarischen Diskurs auch nicht interessanter. Vierzig Jahre Emanzipationsdebatte haben ein gleichstarkes Interesse für die emotionale Verfasstheit des anderen, also: des männlichen Geschlechts bislang kaum nach sich ziehen können; auch unsere Belletristik folgt mehr oder weniger bruchlos ihrer uralten Faszination für das Weibliche und die Frau. Männlichkeitsprosa, obgleich in den letzten Jahren verstärkt in den Verlagsprogrammen zu finden, bleibt ein Kuriosum, interessant vielleicht noch fürs Sachbuch, aber nur ausnahmsweise für den Roman (man denke an Uwe Tellkamps schnell gefeierten, aber leider ebenso schnell vergessenen Eisvogel); als Kuriosum aber gilt auch Roth, dessen hoher Rang in der Darstellung und Deutung menschlicher und männlicher Innerlichkeit von der Literatur- und Kulturgeschichte bis heute noch kaum anerkannt worden ist.

Die Männlichkeit und ihre Melancholie sind das Kernthema der Rothschen Prosa. Schon die Formalitäten sprechen hierfür: vom Stationschef Fallmerayer über den heiligen Trinker bis zur biblischen Allusionsfigur Hiob sind es entweder Männer, die seinen Büchern den Namen geben, oder männliche Schicksale in einem jedenfalls explizit männlichen Setting. Eine Emma Bovary, Effi Briest oder Anna Karenina gibt es bei Roth weder als Titelheldin noch als Heldin überhaupt, auch keine Armance oder Salammbo. Entsprechend spielen seine Geschichten auch nicht im Salon von Paris, auf der Strudlhofstiege in Wien oder dem Ball in Sankt Petersburg. Seine Schauplätze sind Kasernen, Caféhäuser und Bauernstuben. Es sind Männerwelten, und es sind Arenen männlicher Weltlosigkeit und männlicher Melancholie.

Seit es sie gibt, wird Melancholie als spezifisch männliche Erscheinung beschrieben. Der einsame Mönch in der Zelle, der vergrübelte Denker in der Studierstube aber auch, wie Dieter Borchmeyer in seiner Studie Macht und Melancholie herausstellte, der trotz seines Ranges bindungslose Fürst und Feldherr in seinem Schlafgemach: Männer sind sie alle, und in ihrer Außergewöhnlichkeit und Atypizität zugleich nur besonders beispielhafte Exponenten ihres Geschlechts. Aber die Melancholie des Mannes ist kein Asservat aus der geschlechterpsychologischen Rumpelkammer vergangener Epochen: sie ist heute, im postheroischen Zeitalter, gerade in unseren westlichen Gesellschaften so präsent wie je. Die archetypischen Topoi des Selbstzweifels, der Orientierungslosigkeit und der Abstiegsangst finden unter den mentalitären und sozialpsychologischen Bedingungen unserer Zeit einen denkbar festen Ankergrund. Selten war die Gefahr des Absturzes in die Schwermut so groß wie heute; selten aber auch die Bereitschaft – und der gesellschaftliche Druck – zu ihrer Verheimlichung und Verleugnung.

Um das Spannungsverhältnis zwischen Melancholie und ihrer Verleugnung, zu der das männliche als vermeintlich „starkes“ Geschlecht sich seit je besonders aufgefordert fühlt, dreht sich als inneren Angelpunkt das Romanwerk Joseph Roth. Unter dem szenischen Mantel des habsburgischen Mythos, seines tatsächlichen Untergangs und seiner fiktionalen Beschwörung, wie sie Claudio Magris beschrieben hat, entfaltet Roth das Panoptikum männlicher Unsicherheit im Leben und männlicher Verweigerung vor dem Leben. Da ist es kein Zufall, wenn viele seiner, in manchmal sehr konzentrierter, aber nie süßlicher oder kitschiger K.-u.-k.-Seligkeit schwelgenden, Werke tatsächlich die Charakterisierung als „Kasernenroman“ verdienen, welche sein großer Konkurrent Robert Musil etwas säuerlich dem Radetzkymarsch verlieh. Denn der Militärdienst, eine kulturgeschichtliche Konstante, die über Jahrhunderte und bis in die deutsche Nachkriegszeit hinein die auratische Selbst- und Fremdwahrnehmung des europäischen Mannes prägte wie keine andere, ist der ideale Schauplatz der sehr realen Inszenierung von existenzieller Unbefriedigung und der, ebenso unbefriedigenden, Flucht aus ihr in die scheinbar klare Welt der festen Regeln, deren pseudonaturalistische Geordnetheit durch den erlaubten Kultus autoaggressiver Übertretungen – Duelle, Alkohol, Glückspiel, Affären – doch bereits immanent widerlegt wird.

Roths Gestalten, allen voran die Protagonisten der großen „Militärromane“: der Leutnant Trotta, der Rittmeister Taittinger, der Oberleutnant Tunda, sind allesamt schon heimatlos, bevor sie ihre reale Heimat durch die Gewalt der historischen Ereignisse einbüßen. Ihr pathologischer Mangel an Selbstreflexion expliziert sich bei ihnen in einem grundsätzlichen Unvermögen, auf das Leben zuzugehen und sich dabei selbst zu finden. Der militärisch-aristokratische Habitus, in dem sie erzogen wurden, macht sie zu deutsch-österreichischen Pendants der ewigen, ewig scheiternden Jünglinge Stendhals und Balzacs und ebenso zu Korrelationsfiguren ihrer literarischen Pendants aus dem  Bürgertum: der Satz Ulrichs aus Musils Mann ohne Eigenschaften: „ich liebe mich einfach selbst nicht“, könnte genauso aus dem Munde von Roths Leutnants und Rittmeistern stammen. Auch die bizarre Erratik von Prousts Gestalten, das vertrackte Sich-nicht-zurecht-Finden der Figuren Doderers, die bis zur Abstraktion versteifte Weltlosigkeit bei Kafka, die norddeutsch-schwerblütige Lebensunfähigkeit bei Thomas Mann reflektieren, jeweils auf ihre Art, die Problematik von nicht vollzogener Selbstfindung und alternativlos vollzogenem Scheitern. Die Verweigerung vor der Freiheit, in der die Sozialpsychologie des 20. Jahrhunderts von Adorno bis Erich Fromm das Hauptmerkmal der Weltkriegsepoche ausmachen sollte, ist das große Thema bei ihnen allen.

Keiner aber hat es so charmant literarisiert wie Roth. Das wahre Pathos, wie Nietzsche wusste, kommt aus der Distanz, und diese Distanz, zwischen Mensch und Mensch wie zwischen dem Menschen und der Welt, die ihn umgibt, ist gerade das Wesen der „dienstlichen Existenz“; die unsichtbare Mauer des Reglements, dem Körper- und Sprachbewegungen unterworfen sind, soll das Hervorbrechen der in jahrelanger Konditionierung unterdrückten Gefühle ex ante verhindern; aber gerade diese denkbar totale Blockade lässt, weil rein formal, die Materie der Gefühle immer wieder und mit unbeschreiblicher Deutlichkeit nach außen treten:

„Endlich sagte der Oberst – und er sprach erstaunlich leise: »Herr Rittmeister, kennen Sie einen Grafen W., Sektionschef im Finanzministerium?« Taittinger fühlte die Knie kalt werden, über dem Rand der Stiefelschäfte begann das Eis, es waren gar keine Knie mehr. Es war schwer, aufrecht zu bleiben, wenn die Schenkel auf Eisklumpen saßen. »Jawohl, Herr Oberst!« – »Und kennen Sie einen, einen, einen gewissen Redakteur Bernhard Lazik?« – »Jawohl, Herr Oberst!« »Wissen sie jetzt, warum Sie hier stehn?« – »Jawohl, Herr Oberst!« – »Ruht!« befahl der Oberst. Der Rittmeister streckte den rechten Stiefel vor. »Sie können sich setzen!« sagte Kovac und zeigte auf den nackten, hölzernen Stuhl. »Danke respektvollst!« sagte Taittinger. Er wartete. »Setzten S’ sich! hab’ ich gesagt!« schrie Kovac. Der Rittmeister setzte sich. Der Oberst ging auf und ab, kreuz und quer über den großen Teppich. Von Zeit zu Zeit verschränkte er die Arme, löste sie wieder, ballte die Fäuste, steckte sie in die Hosentaschen, klimperte mit Schlüsseln, zog die Schlüssel hervor, drehte sie im Kreis am Ring um den Daumen, steckte sie wieder ein. Er schien immer schmaler, blasser und unwirklicher zu werden. Der Novembernachmittag warf seine ersten Dämmer in die Kanzlei, und nur der blanke Widerschein des frischen Schnees, der aus dem Hof durch die Fenster drang, konnte sie noch abschwächen. »So reden S’ doch endlich!« schrie der Oberst auf. “

Szenen wie diese aus der 1002. Nacht sind existenzielle Grenzsituationen, deren Darstellung im Gewande auratischer Sachlichkeit erst ihre volle Eindringlichkeit gewinnt. Der Einbruch des Unbewussten, Ungreifbaren, Abgründigen wird von Roth mit einer erzählerischen Könnerschaft zelebriert wie von keinem andern Schriftsteller. Die scheinbar ermüdende Neutralität der Schilderung des dienstlichen Alttags, das Ausbreiten von Details der Kleidung, des Aussehens, der Szene bewirkt wie bei Proust, Musil oder Doderer die eidetische Abschattung von Realitäten. Doch wo bei diesen die Abschattung zum Selbstzweck gerät, das intentionalistische Postulat des „zu den Sachen“ ins Poetische übersetzt wird: da dient es Roth der Vorbereitung des Lesers auf den existenziellen Schiffbruch, den der umso realistischer miterlebt, je näher, planer und greifbarer ebendiese Realität geschildert wird. Was die Schriftstellerei seit der Frühromantik im Prozess ihrer Emanzipation hin zu Philosophie und Weltanschauung sukzessive verlernte: nämlich den Menschen und sein Scheitern bloß und „nackt“ zu erzählen: Roth hat es in seiner Prosa wieder eingeholt. Wie bei Schiller, so reden auch bei Roth, wie Elfriede Jelinek es ausdrückte, die Menschen buchstäblich „um Leben und Tod“. Doch was bei Schiller im jambischen Monolog geschieht, findet bei Roth in der Wiedergabe von Settings und Stimmungen statt. Nicht was Kaiser Franz Joseph und der alte Trotta in der Audienz sagen, sondern wie sie es tun, gibt der Szene ihre ungeheure Tiefe und macht sie in ihrer Schlichtheit so abgründig.

„»Na, mein lieber Trotta?« fragte er. Denn es war seine kaiserliche Pflicht, seine Besucher verblüffenderweise beim Namen zu kennen. »Majestät!« sagte der Bezirkshauptmann und verbeugte sich noch einmal tief: »Ich bitte um Gnade für meinen Sohn!« »Was für einen Sohn hat Er?« fragte der Kaiser, um Zeit zu gewinnen und nicht sofort zu verraten, daß er in der Familiengeschichte der Trottas nicht bewandert war. »Mein Sohn ist Leutnant bei den Jägern in B.«, sagte Herr von Trotta. »Ah so, ah so!« sagte der Kaiser. »Das ist der junge Mann, den ich bei den letzten Manövern gesehen hab’! Ein braver Mensch!« Und weil sich seine Gedanken ein wenig verwirrten, fügte er hinzu: »Er hat mir beinah das Leben gerettet. Oder waren Sie es?« »Majestät! Es war mein Vater, der Held von Solferino!« bemerkte der Bezirkshauptmann, indem er sich noch einmal verneigte. »Wie alt ist er jetzt?« fragte der Kaiser. »Die Schlacht bei Solferino. Das war doch der mit dem Lesebuch?« »Jawohl, Majestät!« sagte der Bezirkshauptmann.“

Im scheinbar belanglosen Kreisen um die Äußerlichkeiten der Handlung gewinnt literarisches Erzählen eine Spannung, die weder die pathetische aktionale Aufladung des Historienromans (etwa bei Tolstoi und Victor Hugo) noch die hermetische Weltanschaulichkeit des fin de siècle hervorbringt. Roth beschreibt keine Schlacht bei Waterloo, aber auch keinen Seerosenteich; sondern er will das Innerliche, Unaussprechlich-Verborgene, den tiefen, durchs Bewusstsein nicht einholbaren Weltschmerz ans Licht heben: das aber gelingt nur im formalen Verharren an der Oberfläche. Das stille Wasser ist auch hier tief. Fontanes Stechlinsee, unter dem sich ein Vulkan von Beziehungen zur Welt der Gefühle verbirgt, wird bei ihm aus dem Bereich der Metapher hinausgeholt in die menschliche Rede und ihre vermeintliche, irreführende Simplizität. Es sind stets die Schlüsse solcher Szenen, die in ihrer formellen Erleichterung das Ungeheure der seelischen Anspannung und Verkrampfung endlich offenkundig machen:

„Auf einmal fiel es dem Kaiser ein, daß er vor seiner Abreise nach Ischl noch viel zu erledigen hatte. Und er sagte: »Es ist gut! Es wird alles erledigt! Was hat er denn angestellt? Schulden? Es wird erledigt! Grüßen Sie Ihren Papa!« »Mein Vater ist tot!« sagte der Bezirkshauptmann. »So, tot!« sagte der Kaiser. »Schade, schade!« Und er verlor sich in Erinnerungen an die Schlacht bei Solferino. Und er kehrte an seinen Schreibtisch zurück, setzte sich, drückte den Knopf der Glocke und sah nicht mehr, wie der Bezirkshauptmann hinausging, den Kopf gesenkt, den Degengriff an der linken, den Krappenhut an der rechten Hüfte.“

In den Abgängen bei Roth entlädt sich eine tiefe rein-menschliche Spannung, die so unmittelbar zu Tränen rührt wie die großen Referenzstellen bei Schiller: denken wir an den Abschied der Thekla von Friedland von dem schwedischen Hauptmann, der ihr die Nachricht vom Tode Max Piccolominis bringt. Hier wie dort mischt sich in die weltlose, unbezogene Melancholie ein Rest von Trauer, damit aber von Welthaftigkeit und Weltvertrauen, das, obzwar durch die Erfahrung einer konkreten Negativität, schlussendlich doch beglaubigt und eingeholt wird. In der Schilderung der Rettungs- und der Todeserfahrung mit ihrer schmerzlichen Versöhnlichkeit entbirgt sich das katholische Genie des galizischen Juden Joseph Roth:

„Er ging, im schwarzen Anzug, das schwarze Trauerband um den Ärmel, zu Fräulein Hirschwitz ins Zimmer, blieb an der Tür stehen und sagte: »Mein Sohn ist tot, Gnädigste!« Er schloß schnell die Tür, ging ins Amt, von einer Kanzlei zur andern, steckte nur den wackelnden Kopf durch die Türen und verkündete überall: »Mein Sohn ist tot, Herr Soundso! Mein Sohn ist tot, Herr Soundso!« Dann nahm er Hut und Stock und ging auf die Straße. Alle Leute grüßten ihn und betrachteten verwundert seinen wackelnden Kopf. Den und jenen hielt der Bezirkshauptmann an und sagte: »Mein Sohn ist tot!« Und er wartete nicht die Beileidssprüche der Bestürzten ab, sondern ging weiter, zu Doktor Skowronnek. Doktor Skowronnek war in Uniform, ein Oberarzt, vormittags im Garnisonspital, nachmittags im Kaffeehaus. Er erhob sich, als der Bezirkshauptmann eintrat, sah den wackelnden Kopf des Alten, das Trauerband am Ärmel und wußte alles. Er nahm die Hand des Bezirkshauptmanns und blickte auf den unruhigen Kopf und auf den flatternden Zwicker. »Mein Sohn ist tot!« wiederholte Herr von Trotta. Skowronnek behielt die Hand seines Freundes lange, ein paar Minuten. Beide blieben stehen, Hand in Hand. Der Bezirkshauptmann setzte sich, Skowronnek legte das Schachbrett auf einen anderen Tisch. Als der Kellner kam, sagte der Bezirkshauptmann: »Mein Sohn ist tot, Herr Ober!« Und der Kellner verbeugte sich sehr tief und brachte einen Cognac.“

Das ist große Literatur. Niemand, der diese Zeilen je gelesen hat, kann sich ihrer Eindringlichkeit, ihrer ungeheuren emotionalen Kraft, dem schlichten Zauber entziehen, der hier aus dem kindlichen Urgrund der menschlichen Seele heraufgehoben wird in die glanzlose Helle der realistischen Deskription. Dass Joseph Roth mehr war als K.u.k.-Schwärmer und Kasernenliterat: hier muss es auch dem Kritischen, Nüchternen einleuchten.

Das alles freilich ist nur möglich auf dem Hintergrund der Melancholie, die zwar inhaltsärmer, dafür aber viel gewaltiger ist als die bloße Trauer, weil in ihr der Mensch sich völlig losgesagt hat von jeder Heimatlichkeit. Der Melancholiker ist in der Welt nicht mehr zuhause. Roths Männer sind vaterlose Männer, und wenn sie, wie die Trottas, Väter haben, so ist das Verhältnis zu ihnen doch jeweils gebrochen durch die Weltlosigkeit, in der der jeweilige Vater selbst steht. Die Liebe, die sich doch mit aller Macht zum Ausdruck bringen will, scheitert auch nicht an den äußeren väterlichen Vorbehalten gegenüber dem Sohn; sie sind nur die Camouflage des persönlichen Schicksals, ebenso wie die Vorbehalte der Epoche: das langsame Zerbrechen der Donaumonarchie, der Schwund der durch die Monarchie garantierten politischen Solidität, die Zersplitterung der Gesellschaft, die sich aus der machtvoll fortschreitenden Partikularisierung der Stände und Völker ergibt. Der Abstieg der Trottas ist ja eben kein Abstieg von sozialer Höhe (die die Familie ja jüngst erst erklommen hat), auch kein Abstieg als politisches Individuum, denn Kaisertreue und Österreichertum sind keine natürlichen oder geburtlichen Zuschreibungen, sondern nominale Identitäten, deren Aufgabe nicht zugleich den Selbstverlust bedeuten muss; nein, es ist ein Abstieg von der Höhe des unreflektierten Bei-sich-selbst-seins in die Tiefe der Bewusstwerdung; die erste Wirkung der Bewusstwerdung aber ist der Bruch mit allem und die Entfremdung von allem. Wie Hannah Arendt es ausdrückte: „es stehen nicht mehr einzelne Hindernisse entgegen, wegräumbare; sondern alles, die Welt.“

Das Negativitäts-Problem des frühen 19. Jahrhunderts ist eng verschränkt mit dem Melancholie-Problem des späten. Seine geistesgeschichtliche Wirkung reicht über die Sinnkrise des fin de siècle über die politische Krise des Ersten Weltkrieges bis hin zur moralischen Krise des totalitären Zeitalters. Der Männertypus dieses Zeitraumes lässt sich im Ganzen beschreiben nicht mit den separaten Topoi der autoritären Persönlichkeit, des Staatenlosen oder des Todessehnsüchtigen; sondern mit dem Archetypus des Melancholikers, der jene drei auffängt und einschließt. Auch unser sehr modernes Zeitalter kennt den Typus des Melancholikers: den Mann, der, seiner überkommenen gesellschaftlichen Aufgaben ledig, seiner dominanten Stellung im Privaten beraubt, seiner selbst nicht mehr gewiss und sicher, hinabsteigt in die Gründe der Selbstreflexion, welche zuvörderst je sich als Selbstzweifel eröffnet.

Ent-Zweiung, mit sich selbst und der Welt, Selbst- und Weltlosigkeit sind die wesentlichen Erscheinungsformen der Melancholie. Sie wird wirklich als schleichender Rückzug in sich, der aber ein Scheinrückzug ist, weil man ja eben sich selbst nicht kennt, also gar nicht finden kann, wonach man sucht. Die immanente Erratik dieser Suche tritt bei Roth hervor in der Zerstreuung der Männer in Alkohol und Spiel, in der schwermütigen Beliebigkeit ihres Beziehungsverhaltens, in der grundsätzlichen Ziellosigkeit ihrer Lebenswege. Das Entscheidende: nämlich die klare Auseinandersetzung mit sich selbst fällt schon ihnen unendlich schwer – wie viel schwerer aber noch den Männern heute. Denn nie war die Selbstfindung des Mannes in gleicher Weise Thema des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurses gewesen wie, seit den Tagen der George Sand, die Selbstfindung der Frau.

Der Astralschmerz, keine „historische“ Aufgabe mehr zu haben, ist in der Seele des heutigen Mannes so präsent wie bei den Männern Roths. Der Anspruch, aus seinem privaten Leben, seiner Innerlichkeit „etwas zu machen“: sich zu „entspannen“ und „fallen zu lassen“, hämmert heute, im Jahr 2011, mit unerbittlicher Gewalt gegen die Seele des Mannes. Die Aufforderung zur Erweichung, zur emotionalen Gefälligkeit und Entspanntheit aber hat nun gerade für den Mann etwas viel Gewaltsameres, als jeder Dienst, jeder formale Zwang es je haben könnte: denn er verpflichtet zum Niederreißen der Mauern, die sich in der Geschichte der menschlichen Psyche in mehreren, wohlverwachsenen Schichten um die Seele des Mannes gelegt und ihn durch tausende Jahre des Kampfes, der dauernden, akuten oder latenten agonalen Konfrontation davor bewahrt haben, sich zu verlieren; denn das Risiko, sich, sein Innerstes, seinen Herzensschrein zu verlieren, ist allerdings das Erste und Wesentliche, was es dem Mann a priori und mit aller Raffinesse und aller Schläue zu verhindern gilt, und er hat darin über die Jahrtausende eine Meisterschaft entwickelt, die so beeindruckend wie unheimlich ist. Wie anders auch hätte der Mann die ihm imputierte Rolle, das starke Geschlecht zu sein (was er natürlich genauso wenig ist wie die Frau das schwache), durch die Zeiten hindurch spielen können ohne diesen einen, wesentlichen Vorbehalt, der ihn dagegen abschirmt, sein Tun und Erleiden emtional zu reflektieren und genau in diesem Augenblick untauglich zu werden für dieses Tun und Erleiden, was doch seine Lebensaufgabe, sein Lebenssinn ist und was sich in der militant-violenten Tradition der europäischen Gesellschaft, die ja bis weit ins 20. Jahrhundert hineinreichte, emblematisch verwirklicht hat?

Durch Jahrtausende hindurch war es dem Mann hundertmal lieber, das äußerliche Leben zu verlieren, als sich innerlich eine Blöße zu geben, deren voller Anblick ihn zu Tode schockieren müsste. Immer gehörte es etwa zur Grundverfassung der männlichen Aristokratie, dass das Leben als solches wenig, die „Ehre“ und der „Stolz“ aber alles zählten; dass der klassische Adlige lieber im „Felde bleibt“, bei einer Kavallerieattacke oder einem Infanterieangriff fällt, als sich in seiner Emotionalität auch nur die geringste Blöße zu geben, ist ein psychopathologisches Grundmuster, das sich bei allen Figuren Roths bis ins Detail wiederfindet. Dass man, um sich wirklich und nicht bloß formal-gesellschaftlich, zu finden, zuallererst sich selbst verlieren müsse, ist für den alten Trotta, den Bezirkshauptmann, wie auch für sein stilles Alter Ego, den alten Kaiser Franz Joseph, ein untragbare Zumutung. Seine Unterdrückung beziehungsweise seine kulturelle und militärische Sublimation ist die eigentliche Aufgabe der Dynastie, des Adels, des Beamtenschaft und natürlich und in besonderem Maße der Armee.

Freilich liegen die anthropologischen Wurzeln der männlichen Verweigerung vor dem Gefühl, dem Sich-Öffnen und Sich-Verlieren tiefer. Gilt die Aufforderung zum Sich-Verlieren der Frau, von der sie zumeist erhoben wird, als Anstoß zur Selbstbefreiung und Selbstversicherung, so wirkt sie auf den Mann gerade umgekehrt: als Verpflichtung zu einer zwanghaften Veräußerung seines Innerlichen, das er schlicht nicht veräußern will. Die Furcht vor dem Selbstverlust, welchen die Frau sirenenhaft von ihm fordert, ist für den Mann nichts anderes als die intellektuelle Übersetzung seiner archetypischen Furcht vor der Kastration. Der militärische Kultus der Straffheit, welche bei Roth seine literarische Verewigung gefunden hat und der in der Dienstfertigkeit der männlichen Jobholders von heute eine gewisse Entsprechung hat, ist in seiner Negation des Emotionalen gerade das sicherste Bollwerk gegen die befürchtete soziale und seelische Kastration. Die emotionale Versteinerung des Mannes bewirkt gerade, allerdings nur an der Oberfläche und nur vorübergehend, die emotionale Festigung, welche für die Frauen dagegen unlösbar mit der emotionalen Öffnung verbunden ist; in etwa wie übertriebene Sparsamkeit oft ein Zeichen eben nicht für besondere Armut, sondern für besonderen Reichtum ist – einen Reichtum freilich, der unter der Voraussetzung und um den Preis erworben wird, reell nicht ausgelebt werden zu dürfen. Es ist der uralte, ja: archetypische männliche  Anankasmus der Zurückhaltung, die zwar die Welt in ihrer negativitären Struktur von ihm fordert; die aber zugleich die Menschen, die diese Welt bevölkern, von ihm wegtreibt und ihn isoliert. In diesem circulus vitiosus von Weltabwendung um der eigenen Menschlichkeit willen und Beziehungsverlust aufgrund der eigenen Weltlosigkeit bewegen sich die Figuren Joseph Roths.

Diese Weltlosigkeit verhindert freilich nicht Epiphanien des Geliebtwerdens und Behütetseins. Doch es ist keine reine Liebe und keine reine Hut, denn ihre Epiphanien kommen von außen, in der Art, wie ein Deus ex machina auftritt, und ziehen sich dorthin wieder zurück. Es sind väterliche Topoi, die bei Roth an den emotionalen Höhepunkten der Handlung aktualisiert werden, und Vaterfiguren, an denen sich der Augenblick der Errettung inszeniert; einmal sogar in der Gestalt des Jüngeren, Tumben, Untergebenen:

„Der Leutnant ging die Treppe hinauf. Genau drei Stufen hinter ihm folgte Onufrij. Sie standen im Zimmer. Onufrij, immer noch mit sonnigem Angesicht, meldete: »Herr Leutnant, hier ist Geld!«, und er zog aus Hosen- und Blusentasche alles, was er besaß, trat näher und legte es auf den Tisch. An dem dunkelroten Taschentuch, das die zwanzig goldenen Zehn-Kronen-Dukaten so lange unter der Erde geborgen hatte, klebten noch silbergraue Schlammstückchen. Neben dem Taschentuch lagen die blauen Geldscheine. Trotta zählte sie. Dann knüpfte er das Tuch auf. Er zählte die Goldstücke. Dann legte er die Scheine zu den Goldstücken in das Tuch, schlang den Knoten wieder zusammen und gab Onufrij das Bündel zurück. »Ich darf leider kein Geld von dir nehmen, verstehst du?« sagte Trotta. »Das Reglement verbietet es, verstehst du? Wenn ich das Geld von dir nehme, werde ich aus der Armee entlassen und degradiert, verstehst du?« Onufrij nickte. Der Leutnant stand da, das Bündel in der erhobenen Hand. Onufrij nickte fortwährend mit dem Kopf. Er streckte die Hand aus und ergriff das Bündel. Es schwankte eine Weile in der Luft. »Abtreten!« sagte Trotta, und Onufrij ging mit dem Bündel.“

Die Beschwörung der Väterlichkeit, die hier in der Maske des „ungeschlachten Bauernburschen mit dem goldenen Herzen“ aufscheint, ist die klassische verzweifelte Reaktion des weltlosen Mannes auf seine Ungeborgenheit; der Schrei nach Liebe, also nach absoluter Selbstvergewisserung, der von der eigentlich „befugten“ Seite nicht erhört wird – sei es aus mehrheitlich gesellschaftlichen Gründen, wie damals, oder aus biographisch-individuellen, wie heute –, wird umdirigiert von der Zeitrichtung Zukunft und der Beziehungsrichtung Frau/Partnerschaft auf die Zeitrichtung Vergangenheit und die Beziehungsrichtung Vater/Kindschaft: nicht mehr im Erklimmen einer neuen Lebenshöhe, in der furchtlosen, ausgreifenden Aneignung von Reife, Erfahrung und Selbstsicherheit wird das Ziel, der geeignete Weg zur Erlösung seiner selbst aus der Unbezogenheit erblickt; sondern im Regress ins seinsgeschichtliche Kindesalter, im Rückschritt aus der quälenden Negativität des Bewusstseins in die wärmende Geborgenheit eines urweltlichen Zusammenhangs, in dem mit den Worten Schillers, dessen Leben und Werk eine einzige Paraphrase seines tiefen, schweren Vaterkomplexes war, ein „lieber Vater“ wohnen muss. Roths Männer sind Lieblose, Ungeliebte, Sich-selbst-nicht-Liebende, deren katholisch aufgeladene Vatersehnsucht doch nur eine hilflose Ausflucht aus dem ungelösten Problem ihres ungeklärten Selbst- und Weltverhältnisses ist.

So ist auch der spezifisch „väterliche“, aufopfernde Tod, den der Leutnant Trotta im Radetzkymarsch stirbt, keine eigentliche Vollendung, sondern nur eine weitere, ins Absolut-Ikonische gesteigerte Weise der Flucht vor der Selbstverantwortung, welche zugleich eine Flucht vor der Freiheit ist. Kein simpler Fatalismus, nein; aber auch kein wahrhaft „männliches“, wenn auch nicht pseudo-„mannhaftes“ „Auf-den-Hund-Kommen“ im Sinne Goethes, des Pragmatikers. Es ist ein schöner Tod, den Carl Joseph stirbt; aber eben doch ein Tod und damit ein Abbruch, eine, wie weit auch heroische und zu Tränen rührende, Unterbrechung des Prozesses der Selbstfindung, der durch den Dunst der Melancholie, der Furcht vor der Freiheit schon längst umnebelt worden war.

Genau mit diesen Männern aber schuf Joseph Roth menschliche Parabeln von einer zeitlosen Ausdruckskraft. Der Tod, der in der Schlacht zumal, als Ausflucht ist dem Mann heute als Ausflucht verschlossen. Er muss sich im Leben fangen, kann einen erratischen Lebensgang nicht durch einen ikonenhaften Tod heilen. Aber die schmerzlichen Abgründe der Melancholie: die Trauer über die Abwesenheit des Vaters und über die Vergeblichkeit der Suche nach einer echten Identität im Leben, welche nur die entschlossene Selbstliebe geben kann: sie sind vorhanden in der Seele des Mannes, gestern wie heute, ebenso wie die pathologischen Reaktionen darauf: Alkoholismus, Schwermut, Depression. Gerade in der epochalen Begrenztheit ihrer Aura, in ihrer Unmodernität und Unstylishness sind Roths Männer beispielhaftere, im Wortsinne realistischere literarische Figuren als viele Gestalten der Literatur nach ihm. Ihre historische Aktualität ist erloschen; aber die auratische Wirkung lebt fort im Schicksal des Mannes, dessen Weg zu sich selbst im postheroischen Zeitalter gerade erst in seine spannende Phase getreten ist.

Eine stellenweise abweichende Fassung des Textes wurde am 9.12.2012 in der Sendung “Essay und Diskurs” im Deutschlandfunk ausgestrahlt.

Titelbild: Dietmar Schönherr und Walter Reyer in Peter Beauvais’ Verfilmung von Roths letztem Roman, “Die Geschichte von der 1002. Nacht”, Deutschland 1969

Der Antisemitismus als Antiorientalismus

Der deutsche Antisemitismus war eine direkte Folge der polnischen Teilungen, die jene Juden, die vier Jahrhunderte zuvor vor den Pogromen des späten Mittelalters nach Osten geflohen waren, wieder nach Preußen und Österreich und damit gleichsam den “Osten” nach dem “Westen” führte. Bis dahin kannte man “den Juden” zwischen Köln und der Lausitz in der Öffentlichkeit vorwiegend als Hoffaktor und Geldverleiher mit dem entsprechenden unterschichtigen Anhang. Dass, worauf Hannah Arendt in ihrer Ätiologie des modernen Antisemitismus bekanntlich das Hauptgewicht legte, es vor 1789 bzw. 1806 eine Öffentlichkeit ieS und damit auch die Bedingung der Möglichkeit von Antisemitismus in Europa nicht gab, kommt hinzu.
Tatsächlich aber war es das urplötzliche, massenhafte Auftauchen der Orientalität im “Westen”, jenem seit Kolumbus’ Tagen in einem Dornröschenschlaf liegenden Westen, das unbekannte und ungeahnte Gefühle der Fremdheit, der Ablehnung und des Hasses in den Völkerseelen auslöste. Die Juden: das waren die schlechthin Anderen, das waren Europäer, die nicht zu Europa zu gehören schienen, die man nicht in Europa haben wollte, seitdem der europäische Orient, das Land zwischen der kroatischen Militärgrenze und Zypern, das alte Kaiserreich der Griechen, an die Türken, der eigentliche Balkan gleichsam an den falschen, den eurasischen gefallen war.
Nun waren die Orientalen, die man im 14. Jahrhundert so glücklich losgeworden war, dank dem gâteau des rois, den der filigrane Kalvinist, die weltkluge Katholikin und die russische Theodora mit der genialisch-ungenierten Rationalität des Rokoko untereinander aufgeteilt hatten, wieder mitten in Europa, dessen einziger ideologischer Strohhalm während der dark ages zwischen 1453 und 1763 hüben wie drüben eine düstere, negativistische Christlichkeit gewesen war. Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen aber wurden, gebrochen und zerfallen mit sich selbst, der Geschichte, Welt und Gott, an der Ungebrochenheit und Traditionalität, die in Millionen polnisch-litauischen Juden, nunmehrigen Untertanen der Majestäten zu Wien und Berlin, sich verkörperte, irre. Sie, nicht die Westler, waren die eigentlich Verwurzelten. Sie brauchten keinen Luther, keinen Bacon, keinen Kant. Für sie hatte das Altertum nie aufgehört, ihre Tradition reichte zurück hinter die beiden großen Artusgestalten des späten Mittelalters, Konstantin den Elften in Mistra und Friedrich den Zweiten auf Casteldelmonte, hinein ins erste Jahrtausend. Der Osten – erst der griechische, dann der slawische – hatte diese Wurzeln konserviert. Dafür sollten sie nach 1772, spätestens nach 1815 bitter Zins zahlen.
Nach 1945 dann wurde Westeuropa nicht etwa judenfreundlich. Es gab schlicht kaum mehr Juden zwischen Bretagne und Burgenland. Die aber überlebt hatten, waren nun in Israel.
Und unversehens wurde so der junge jüdische Staat mit seiner aus einer vermeintlichen Diaspora heimgekehrten jüdischen Bevölkerung, die in Wahrheit die ältesten Bürger Europas sind, sich selbst zurückführend auf Vorfahren aus den Zeiten Konstantins Kleopatras: wurde also jener Staat fernab des geografischen Westens zwar, aber dennoch direkter Nachbarstaat des EU-Staates Zypern, zur neuen Projektionsfläche des westlich-neuzeitlichen Hasses auf den europäischen Orient, auf die Orientalität Europas.
Solange Europa diese seine Orientalität, jene geistliche und nicht bloß geistige Herzkammer, die ihm in einer paradoxalen Gegenbewegung das römische Christentum, das pseudopetrinische Konzept der Westernness geraubt, nicht wieder in sich hereinholt, sie begreift: so lange wird dieses Europa nicht zur Ruhe kommen.

L’Europe, une contrée exiguë. La campagne de Russie de Napoléon en 1812 et sa dimension dans l’histoire mondiale

Le 16 décembre 1812, Le Moniteur, la feuille d’information officielle du gouvernement impérial français, publia un communiqué, dans lequel étaient annoncés au peuple français la retraite de la Grande Armée de la Russie et le retour imminent de Napoléon à Paris. Le texte s’achevait par cette phrase impressionnante : « La santé de sa majesté n’a jamais été meilleure ». Avec cette phrase prenait fin la campagne de Russie que Napoléon avait mise en route six mois auparavant, le 22 juin 1812, avec la plus grande armée jamais constituée jusque-là dans l’histoire et qui avait pris fin dans un désastre exemplaire. Et avec cette phrase commençait en même temps la guerre de libération des pays européens contre les troupes françaises d’occupation et le jeune empire français. C’était le commencement de la chute et de la fin de Napoléon.

 

La campagne de Russie de Napoléon était la première tentative d’un souverain européen de conquérir le royaume gigantesque à l’est. Napoléon, dont la carrière de conquérant avait commencé en 1796, à l’époque encore au service du Directoire révolutionnaire parisien, avec la guerre d’Italie et qui, depuis, avait ou bien soumis tout le continent européen ou bien imposé sa souveraineté en forçant aux traités de paix, marchait avec cela sur les traces d’Alexandre le Grand, qu’il admirait tant ; ce à quoi il s’efforçait en 1812, ce n’était plus l’hégémonie européenne, mais au contraire le grand empire eurasien.

 

À côté de la revendication de faire époque de Napoléon, d’ériger une monarchie universelle, il y avait celle politique et tactique de contraindre l’Angleterre, le vieil ennemi héréditaire de la France, lequel, malgré sa tradition parlementaire, s’était opposé au gouvernement révolutionnaire de Paris et depuis 1792 était en état de guerre d’une manière à peu près ininterrompue avec la France. Le blocus continental, décrété en 1806 par Napoléon dans Berlin occupé, interdisait aux pays sous occupation française de commercer avec la puissance mondiale Angleterre ; avec la Russie aussi, que Napoléon n’avait pas pu vaincre et avec laquelle il était parvenu à un équilibre, dans la paix de Tilsit en 1807, il existait un arrangement interdisant le commerce avec l’Angleterre. À la diète des princes d’Erfurt de 1808, au moment où précisément dans l’état-musée de Saxe-Weimar, les princes d’Allemagne, soumis, se réunirent pour prêter serment de fidélité à leur super-souverain Napoléon, l’empereur Napoléon et l’empereur Alexandre Ier de Russie se retrouvèrent face à face, en tant qu’hommes d’États ayant les mêmes droits et semblant avoir à décider entre eux du destin de l’Europe.

 

Pourtant l’apparence abusait. L’opposition entre la France et l’Angleterre était un dilemme inextricable et la Russie était le facteur, par lequel ce dilemme était censé se résoudre. Le mariage, que Napoléon conclut avec l’archiduchesse autrichienne Marie-Louise, pour s’offrir la consécration de légitimité dynastique à lui-même, le parvenu social, le « Lieutenant sur le trône impérial », à laquelle il avait ardemment aspiré, fut le premier signal officiel de son détournement de la Russie. Entre temps, le tsar faisait progressivement un croc-en-jambe au blocus continental et bloquait de son côté le commerce des marchandises française. Une crise économique européenne, suscitée par la politique commerciale isolationniste de la France, fut la configuration extérieure de la confrontation politique qui se préparait irrésistiblement depuis 1807.  

 

Aiguillonné par des conseillers clairvoyants, comme le baron von Stein, interdit de séjour en Prusse, qui avait trouvé exil en Russie ; renforcé par la suggestion du prince de Talleyrand, ministre des affaires étrangères de Napoléon, un éternel intriguant, que son souverain tempétueux avait toujours angoissé, Alexandre fit doucement avancer, mais sans interruption, la solution diplomatique de la France. Napoléon réagit. Après que son épouse autrichienne avait accouché en 1811 d’un fils, auquel l’empereur, sur le modèle de l’antique tradition impériale allemande, octroya le titre de « Roi de Rome », ses ambitions dynastiques semblaient assurées. Lui, qui s’était élevé d’empereur-soldat à monarque légitime, qui voulait érigé un grand empire européen sous le revêtement d’une solidité et universalité monarchiques, avait désormais un successeur et se trouvait prêt pour sa nouvelle campagne. Cette fois-ci il marcherait contre la Russie, dans l’est sinistre et terrible. La soumission de celle-ci lui ouvrirait l’accès à l’Asie du sud, en menaçant ainsi, au passage, les réserves coloniales de l’Angleterre et en achevant la compacité de la politique commerciale du continent.

 

Ce qui arriva alors, est autant ancré jusqu’à aujourd’hui dans la mémoire culturelle de l’Europe que sinon,la seconde Guerre mondiale et la domination d’Hitler. L’entrée dans la vaste contrée russe, qui à l’encontre d’une opinion courante, coûta d’énormes pertes à l’armée française dès le début déjà — dans laquelle servaient des soldats racolés originaires des pays soumis, Allemands, Italiens, Slaves, à hauteur de la moitié de son effectif ; les grandes batailles sanglantes aux chiffres de morts inconnus jusqu’à aujourd’hui ; la prise de Moscou, qui de triomphe vira à la tragi-comédie, parce que la ville, abandonnée du tsar et de son gouvernement, fut incendiée sur ordre de son commandant, le général Rostopchine ; enfin la difficile retraite au travers des rigueurs glaciales de l’hiver avec son point culminant et épique, le passage de la Bérézina, le 27 novembre 1812, alors que les Cosaques russes se ruaient sur des régiments français déjà complètement décimés, épuisés à mort et leurs causaient des pertes incroyables, finalement le retour en Europe centrale, dans la Pologne sous occupation française, qui trouva son expression emblématique dans les paroles légendaires que le Maréchal Ney prononça dans une maison bourgeoise enneigée de Gumbinnen en Prusse orientale, alors qu’on ne reconnaissait pas celui qui y entrait : « Je suis l’arrière-garde de la Grande Armée. »

 

L’aventure de Napoléon en Russie passa par le chas de l’aiguille de la littérature et du film dans le souvenir même de ceux qui sont les moins érudits et les moins politisés. Léon Tolstoï l’a livrée à la postérité dans son roman Guerre et paix, des adaptations cinématographiques hollywoodiennes gigantesques la rendirent immortelle. Charles Boyer, qui dans Conquest (1937), imploré en vain par une Greta Garbo envoûtante et réticente, se précipite dans l’aventure russe et revient chez lui en homme brisé ; le jeune Mel Ferrer qui, dans l’épopée mise à l’écran par King Vidor dans les années 50, en tant que fringuant officier de la garde russe, conduit ses troupes à la bataille de Borodino ; l’adaptation en quatre parties de Sergei Bondartschuk dans les années 60 a durablement marqué les mémoires et pas seulement chez les cinéastes. Le fatal manque d’organisation de toute la campagne — qui commença en juin, et donc beaucoup trop tardivement dans la saison, eu égard à l’irruption précoce de l’hiver russe — ; le fait que les troupes non-françaises, contraintes ne s’y engagèrent pas de bon cœur ; et tandis qu’aussi le peuple français, quoique enivré par la figure impériale resplendissante de son guide et, comme toujours, assoiffé de nouvelle gloire, geignait intérieurement sous la pression des impôts et du régime rigoureusement dictatorial de Napoléon : tout cela ne fut nonobstant pas en mesure, comme toujours dans l’histoire, d’entraver cette entreprise emblématique qui fit époque, laquelle ne semblait pas avoir été concoctée d’une quelconque manière sur cette planète.  

 

Des décennies plus tard, des grenadiers français vétérans se rengorgeaient encore dans leurs souvenirs de la campagne de Russie — sans se laisser déconcerter par la paix et le bien-être modeste de phase de la Restauration, après la chute de Napoléon en 1814/15 — une campagne qui leur avait pourtant apporté une souffrance si indicible, des privations et des expériences morales si épouvantables. Ce qui valait pour eux, c’était ce qu’André Maurois, dans sa biographie de Napoléon, constata, avec un enthousiasme passionné, mais non moins dénué d’inéxactitude : « Jamais l’Armée française n’a oublié le bicorne, la vareuse grise, derrière laquelle elle avait vaincu tous les rois de l’Europe et porté le drapeau tricolore jusqu’à Moscou. » Cela passa dans le souvenir des peuples, déjà au travers d’une expérience immédiate et non plus depuis longtemps autour de concept politique ; au contraire, autour de cette aura qui se situe au-dessus de l’universel, autour de la geste d’Alexandre de la conquête du monde, de faire exploser les frontières pour sortir de l’étroitesse étouffante de la politique des puissances européennes, dans la sphère irréelle d’une expansion, qui ne voulait reconnaître aucunes frontières sur la Terre.

 

En réalité Moscou était bel et bien la frontière. Napoléon succomba, comme tant d’autres grands capitaines avant et après lui, à l’illusion que la possession de la capitale étrangère signifierait déjà la victoire. Effectivement, le gros des troupes russes séjourna dans l’arrière-pays, mené de manière circonspecte par leur maréchal Koutousov, un vieux grognard inculte, dont le fin instinct guerrier, enrichi par une fervente religiosité orthodoxe, se concrétisa néanmoins dans la juste estimation que l’on devait laisser simplement Napoléon dans Moscou, en le confinant au bord de ses ressources personnelles et matérielles, alors il s’en retournerait de lui-même chez lui. 

 

Un signe avant-coureur d’avertissement fut l’entretien avec le général russe Balachov, que le tsar avait dépêché auprès de Napoléon, comme émissaire, au commencement des actions militaires. Alors que le Français lui demandait avec son mordant impétueux quelle route mène au plus vite à Moscou, le Russe lui répondit : « Sire, tous les chemins mènent à Rome », et il ajouta : « On peut parvenir à Moscou par  plusieurs routes. Charles XII, par exemple, marcha par Poltava. »

 

C’était une véritable gifle. Car Charles XII, le jeune roi de Suède, qui dans la Guerre du Nord, au début du 18ème siècle, affronta le tsar Pierre le Grand, y fut défait à mort en 1709, après une longue série de victoires ininterrompue. Napoléon mit dans sa poche ce soufflet verbal, mais il était prévenu. Près de Borodino, il remporta, le 7 septembre 1812, sa victoire la plus difficile, encourageant les soldats, au moment où le champ de bataille s’éclairait à l’aube aux premiers rayons du Soleil, par cette phrase devenu proverbe : « Voilà le Soleil d’Austerlitz ! » En cette ville de Moravie, en décembre 1805 ; il avait encore glorieusement frappé une armé austro-russe, à la bataille des trois empereurs, comme on l’a appelée, laquelle devint le mythe fondateur du jeune empire français et l’est restée encore jusqu’à aujourd’hui.

 

Pourtant l’histoire ne se répète pas. Borodino fut tactiquement une victoire, stratégiquement se fut un pat : l’armée russe resta intacte, la route de Moscou fut certes libre, mais l’objectif lui-même, précisément la capitale russe, avait perdu toute son importance pour remporter la décision de l’expédition militaire. Une ultime fois, Napoléon le conquérant s’était dépensé au-delà de toute mesure ; désormais depuis la retraite de Moscou, à l’automne 1812, il ne mena plus que des combats de retraite. À la Saint Sylvestre 1812 — alors que les Français s’étaient alors depuis longtemps ré-infiltrés vers l’Ouest — le général v. Yorck, de mauvaise grâce commandant du corps auxiliaire prussien, car il avait dû combattre contre la Russie sous Napoléon, conclut la convention de Tauroggen et se plaça officiellement du côté russe. Au début de 1813, son roi, Frédéric-Guillaume III, agréa après coup cet acte d’insubordination et déclara la guerre à la France. En août, l’Autriche rallia la coalition qui engloba finalement tous les souverains des États européens. En avril, les monarques coalisés de Russie, d’Autriche et de Prusse entrèrent dans Paris. Napoléon dut abdiquer et partir une première fois en exil sur l’île d’Elbe. Son étoile avait sombré et aussi l’intermezzo des « cents jours » : le retour en France en mars 1815, la ré-appropriation du pouvoir, la mise sur pied hâtive de nouvelles troupes, ne purent inverser la roue de l’histoire : près de Waterloo en Belgique, le 18 juin 1815, presque trois ans jour pour jour après le déclenchement de l’expédition russe, Napoléon mena son ultime bataille. C’était son déclin définitif.

 

La personnalité historique de Napoléon, malgré un flot de publications, malgré une quantité sans pareille d’adaptations littéraires et fictionnelles, est jusqu’à aujourd’hui restée peu claire quant à son rayonnement. Le bon mot canonique de Heinrich Heine, selon lequel « Napoléon n’est pas du bois duquel on fait des rois », mais serait au contraire « du marbre dont on fait des Dieux » ; a encore rendu plus difficile la clarification de sa place historique. Avec les rois français, avec Frédéric le Prussien, avec Cromwell et Bismarck, on sait vraiment bien à quoi s’en tenir ; la dimension humaine déchirée et, avec cela, très triviale de leur nature politique, reste chez eux tous bien ouverte. Il n’en est pas ainsi avec Napoléon. Ce qui reste ouvert en lui, ce n’est rien que de l’énergie pure, rien que la pure violence de son action, l’éternel talonnement, l’activité propulsive tempétueuse vers l’avant, qui le mena de campagne en campagne et qui le laissa apparaître dans toute activité, dans toute configuration et projet pourtant si remarquablement surnaturel(le), étrangement sans et hors monde, si insaisissable. Cela se modifie si l’on jette un coup d’œil sur son activité, son actionnisme fébrile même. Cette actionnisme, ce tumulte et cette effervescence à créer sans cesse quelque chose de neuf, d’ouvrir sans cesse de nouvelles portes, sans jamais parvenir au calme et toujours s’efforcer vers de nouveaux rivages  — en lui se reflétait ainsi de manière emblématique l’essence de l’Europe et l’esprit de la Renaissance européenne : le rêve copernicien de l’arpentage du monde et l’imagination cartésienne de sa détermination et mise en articulation rationnelles sans bornes ; l’attirance toxicomaniaque des pôles les plus extrêmes, la furieuse nature amoureuse dans le mouvement. Que Napoléon ne connut aucun objectif personnel ; qu’au contraire le mouvement, l’écoulement torrentueux et vif vers le toujours-plus-loin, était de-ne-jamais-être son objectif propre : à  la campagne de Russie, cela devint en effet évident comme nulle part ailleurs sinon dans son parcours politique. C’était l’énergie d’une inconsistance pure et désintéressée, la « furie de volatilisation » incarnée, dont parla Hegel, son grand philosophe contemporain et admirateur ardent, dans la Phénoménologie de l’esprit qui parut précisément en 1806, l’année de la campagne de Prusse ; cette année-là, où Napoléon et Alexandre de Russie se firent face pour le première fois comme adversaires pour l’hégémonie en Europe.

 

C’est pourquoi il fut aussi « le dernier conquérant », comme le caractérisa l’historien de l’art Ernst Gombrich dans sa légendaire Brève histoire du monde pour jeunes lecteurs. Le suffrage semblait advenir trop tôt pour plus d’un, car l’ouvrage de Gombrich parut en 1935, et donc quatre années avant qu’Hitler ne se disposât, par surprise, à suivre les traces de Napoléon en Pologne en voulant pareillement assujettir toute l’Europe. Pourtant celle-ci dernière sépare plus Napoléon et Hitler qu’elle ne les relie. Mais que tous deux échouèrent militairement et précisément aussi politiquement dans un grand projet de conquête de l’espace russe, ce n’est pas là un hasard, bien au contraire, cela jette une lumière sur les grandes lignes historiques en défrichage pour les temps modernes.

 

Tous les royaumes européens qui s’étendirent au-delà des frontières du continent, avaient été des empires commerciaux et non pas des États autoritaires. Même le Portugal, l’Espagne et l’Angleterre, qui érigèrent des empires mondiaux, l’un après l’autre, aux 14ème, 15ème et 16ème siècles, — le royaume d’Angleterre dominait le quart de la surface terrestre — ne furent jamais en priorité des souverains politiques, mais au contraire des souverains économiques ; présence militaire et organisation administrative servaient la promotion économique dans les provinces se trouvant à exploiter, et pas l’inverse. La France, le pays fondateur de l’étatisme européen, formait une exception. Sa politique extérieure, autrement que celle de sa grande concurrente l’Angleterre, était encore orientée au 18ème siècle sur l’arrondissement et la consolidation de sa propre position territoriale sur le continent ; ces possessions d’outre-mer n’eurent jamais dans l’ancien régime l’importance qu’elles devaient acquérir par la suite, au 19ème siècle. La France, le pays des rois très chrétiens, la puissance protectrice de l’Église romaine, se trouvait culturellement, économiquement, juridiquement et politiquement dans la tradition de l’empire romain. Une conquête de pays étrangers pour l’amour de la conquête n’y jouait un rôle, en tant qu’impulsion de politique extérieure, sauf à partir du début de la Renaissance ; et aussi par la suite originellement seulement en tant que réflexe à l’encerclement de la France, perçu comme une menace, par l’Espagne et l’Allemagne, qui depuis 1516 étaient toutes deux gouvernées par les Habsbourg. L’offensive extérieure, au sein d’une politique qui aime la pompe et encourage le bien-être de l’absolutisme français entre 1500 et 1789, avait pris naissance à partir d’un réflexe de défense contre l’accession au pouvoir par des seigneurs non français. 

 

Lorsqu’en 1799, Napoléon Bonaparte s’empara du pouvoir par le coup d’état du 18 brumaire, la Révolution française avait tout juste une décennie. Sa dimension historique spirituelle et sociale a été exposée à d’innombrables reprises et éclairée de façon multiple. Napoléon, comme il ne devait plus que se nommer ainsi, après son auto-élévation au rang d’empereur en 1804, se trouvait sans aucun doute sous l’impulsion de la Révolution. Idéologiquement, pourtant, originaire  de la noblesse corse, il était un enfant de l’absolutisme des Lumières et de l’ancien régimeavec son imagination martelée et séculaire de conquête du monde et de l’empire mondial. Ses mœurs n’étaient pas ceux d’un technocrate ou bien d’un idéologue bourgeois — idéologiste était l’injure favorite, par laquelle Napoléon traitait par ailleurs l’opposition intellectuelle en France autour de madame de Staël et de François-René de Chateaubriand — ; au contraire, ses mœurs étaient ceux d’un roi militaire européen né sur le tard avec toutes les allures guerrières, amoureuses et de bel-esprit des Seigneurs d’autrefois. On ne s’est pas trompé en voyant en Bonaparte, un mélange étrange de teinte méridionale, de Louis XIV et de Frédéric le Grand, de ces deux monarques qui dans leur abrupte opposition d’aura ont portant mesuré, de manière exemplaire, la tension immense de l’écart béant entre la réalisation monarchique de soi et celle du monde dans l’éon reliant la Guerre de trente ans à la Révolution française. Pourtant il était justement aussi plus que ce mélange. Si les deux autres furent de grands monarques de l’époque pré-moderne de l’Europe occidentale, qui en étaient arrivés à la quiétude à un moment quelconque de leur vie, ils s’étaient dispersés et empêtrés dans leurs guerres territoriales et en avaient tiré la conclusion, l’un plus tôt, l’autre plus tard, de se retirer pour la préservation de ce qui avait été ainsi péniblement acquis et de donner finalement la préférence à une vie de quiétude, par rapport à une vie éternellement tempétueuse, sans consistance sous une mise en péril infinie : ainsi le penser de Napoléon en resta-t-il, toute sa vie durant — et jusqu’à l’extrême et amère fin de l’ouragan — attaché au mouvement et à l’agitation continuelle. Il voulait être Alexandre, et c’est la route d’Alexandre qu’il embrassa idéellement et géographiquement, comme le reconnut aussi Sören Kierkegaard, parmi d’autres signes dogmatiques précurseurs :

« La campagne de Napoléon prit une direction opposée à celle de Muhammad, mais dans les mêmes contrées. Muhammad d’est en ouest, Napoléon d’ouest en est. »

 

Sur cette voie pourtant il devait échouer. De lui-même, d’un enfant des Lumières, du désenchantement du monde, provient cette phrase : « Au moment où Alexandre proclama être le fils du Dieu Amon, tous le crurent jusqu’au philosophe Aristote ; si moi, je disais cela, la dernière marchande parisienne s’en gausserait. » L’époque des grandes idées, auxquelles on pouvait encore s’abandonner orgueilleusement et sans ratiociner au croire et au faire, était passée, au plus tard avec la Révolution, par laquelle Bonaparte, en tant qu’exécuteur testamentaire et avant tout en tant que profiteur, en effet, avait fait autrefois son apparition sur la scène politique. Napoléon, jusqu’aujourd’hui pionnier des temps modernes, considéré comme le père de l’organisation rationnelle de l’État, des droits fondamentaux de liberté, du progrès, était un être arrivé en retard, un être arrivé trop tard.

 

« Je suis une parcelle de rocher, lancée dans l’espace », avait dit l’empereur. C’est la vision de soi et du monde de l’être humain de la Renaissance précoce, du cartésien qui est en quête et doute, laquelle se voit ici virilement drapée dans l’aventurier faustien. C’est une déclaration foncièrement mélancolique, désarmée et désespérée. Elle eût pu provenir d’un Frédéric de Prusse, ce bel-esprit sanguinaire et mélancolique sur ce trône que Napoléon — qui parlait de plus des Allemands et des Prussiens, volontiers avec un mépris condescendant — eut en vue comme un exemple toute sa vie durant. Pourtant à Napoléon, à celui qui s’était élevé, au parvenu originaire de Méditerranée, fut ménagé le fait de vivre à fond cette vision : la passion européenne primordiale pour la limitation à l’existence insulaire, l’aspiration ardente et consumante à faire exploser les frontières, à la transgression vers la transcendance dans l’extrême politique. Ce rêve plein de mélancolie, cultivé avec crainte par les Grecs et les Romains antiques : voguer au-delà des Colonnes d’Hercules dans l’océan lointain sans limites : Napoléon se mit en devoir de le réaliser en vrai, avec les moyens les plus modernes, en rassemblant toutes les forces que l’art étatique que l’ancien régime lui avait laissées et en exploitant à fond toutes les énergies émotionnelles que la Révolution de 1789 avait déchaînées.

 

Transgression, transcendance : ce topo archétype du penser européen qui, après le sommeil médiéval de la Belle au bois dormant revint tout d’un coup à la conscience des Européens et ne leur laissa dès lors plus aucune minute de répit depuis, ce fut le grand rêve, le grand projet de Napoléon Bonaparte. Il s’y consacra, sans pitié, en tirant profit de lui-même et de tous les autres ; et à ce rêve il se brisa après d’épouvantables efforts, que l’on n’avait plus connus sur les théâtres de guerre européens depuis la Guerre de trente ans et qui devaient ne se répéter que dans l’apocalypse des Guerres mondiales. L’échec de Napoléon mit un point final au romantisme politique que les monarques de l’époque pré-révolutionnaire avaientt toujours cultivé, quand bien même discrètement et en cachette : à l’instar de celui des héros d’Homère, de celui d’Achille et de l’Odyssée et en brisant toutes barrières, dans la passion et la victoire, dans la transgression et l’application à se créer un monde au sein de la prise de possession du monde lui-même : le monde que l’on avait intérieurement perdu, par l’abolition des antiques axiomes de foi, par la perte de Dieu, dont Hegel, juste à ce moment-là, écrivait qu’il était « mort ». L’âme de Napoléon, dans laquelle, ici très semblable à Hitler, il ne laissa jamais personne regarder : qu’il tenta encore de masquer soigneusement dans les écrits qu’il laissa, le Mémorial de Saint Hélène, était l’âme d’un apatride, d’un expulsé d’une île, qui devait se sentir toute sa vie durant comme un îlot abandonné, flottant dans le monde comme en Europe, sur un océan — dans une vacuité indicible, qui absorbait et éjectait son contenu de vie et pour l’amour de cette expulsion, il s’engagea sur la voie politique.

 

Conséquemment ce chemin s’acheva justement dans une île. Bien loi de l’Europe, sur Saint Hélène, au large de la côte occidentale de l’Afrique. Hélène — ainsi s’appelait la princesse spartiate qui, chez Homère, fut ravie par Paris et en ayant voulu aller la rechercher, les Grecs commencèrent la Guerre de Troie, la première campagne orientale que transmirent les mythes occidentaux. Chez Homère cette campagne s’acheva, certes, par la victoire et avec l’incendie qui ravagea Troie ; mais aussi les Grecs, rentrant dans leurs foyers, ne connurent plus jamais le repos. Leurs autels domestiques leur étaient devenus étrangers, l’expérience d’une guerre de dix ans, l’agitation continuelle de l’existence du siège les avaient éloignés de leur patrie, voire pour toujours, de l’aura même de la qualité d’amour du pays natal, sans qu’ils eussent jamais retrouvé une nouvelle patrie, un nouveau monde, hors de chez eux. Le calme et l’intégralité de l’existence civique étaient perdus, pour toujours. Justement cette civilité et cette quiétude Napoléon avait voulu les restaurer, s’il avait pu se retenir d’une erreur historique pour la Révolution de monter sur le trône impérial. Ce fut inutile. La multiplicité et l’indétermination de l’être-dans-le-monde se laisse peut-être charmer par l’amour ; sûrement pas par la politique. Napoléon, ce grand érotomane de la politique, ce Don Juan sur son destrier, l’a tentée et avec cela il a échoué de manière grandiose et misérable.

Tout âtre humain est pourtant complètement seul — cette déclaration cardinale de Proust — du Napoléon de la littérature française — qui se trouve au centre textuel et herméneutique de son grand cycle de roman À la recherche du temps perdu, Napoléon l’a suivie par l’esprit sur son propre corps. Elle décrit aussi la disposition de base de l’époque post-napoléonienne, l’énorme nostalgie qui se répandit parmi les écrivains et artistes du Romantisme, lequel parvint alors seulement, après Waterloo, à son plein épanouissement et amena tant d’existences manquées, tant d’incapacité à vivre et absence d’amour comme par le suite encore seulement la première Guerre mondiale. Byron, Schelley, Leopardi, Balzac et Flaubert, et aussi Eichendorff et même Heine relèvent, dans cette ligue des désillusionnés, de l’être humain réalisé inapte.

 

Le plus grand admirateur littéraire de Napoléon, Stendhal, a créé son portrait craché de petit bourgeois quant à son image : Julien Sorel, le héros du Rouge et le noir, lequel en tant que jeune homme impressionné par l’éclat de sa réputation et de l’enivrement de son activité, lit son Mémorial ; pourtant il ne peut pas faire comme lui, parce que sa vie est celle d’un bourgeois et que la bourgeoisie ne tient aucun espace à disposition pour le déploiement de cette énergie furieuse, supra-terrestre, qui sommeille au cœur de l’être humain et qui chez Napoléon a été déployée dans ce monde-ci, un monde à l’étroit, de l’indétermination et de l’opacité. Julien tire à la fin sur madame de Rênal, sa première maîtresse maternelle qui avait voulu aller le chercher lui, le jeune homme perdu dans le monde, dans la vie ; pourtant il ne s’était pas laissé envoyé chercher, car l’amour ne pouvait pas lui donner ce qu’il promettait : la satisfaction définitive, le repos éternel, semblable à la mort après le grand ouragan consumant tout, épuisant tout. Car « ce n’est plus le temps des guerres et des épopées », comme Thomas Mann le fait dire à Goethe dans Lotte à Weimar, un roman qui se déroule justement à cette époque-là. Et il eût pu rajouter aussi : ce temps n’a jamais existé. C’est un temps rêvé, non pas vécu, un temps sans temps ; une époque feinte, qui n’existait déjà plus du temps des Grecs que Frédéric, dans son aventure silésienne, avait provoquée en vain et que Napoléon, ne put restaurer.

 

Le temps, personne ne peut le produire et personne ne peut le surmonter. Son surmontement n’est qu’apparent. Au moment où l’empereur, pendant les négociations de paix de 1807, apprit le changement sur le trône d’Espagne, qui mettait en danger sa position européenne, et alors qu’il demandait au général Rapp à quelle distance on était de Cadiz, ici à Danzig, celui-ci lui répondit laconiquement : « Trop loin, Sire. » C’était une effronterie discourtoise, mais c’était la vérité : Napoléon, dont la vie fut un seul et unique rêve de transgression des frontières du temps, échoua en cela dans ce projet impossible à rendre vrai, selon le mode de transgression des frontières simplement spatiales. Il n’y a pas de « bout du monde ». Son but, comme celui de tout être humain, il eût dû le poser en lui-même ; pour cela nonobstant il fallait se calmer en lui-même, découvrir en lui-même le monde, qu’il ne découvrit point à l’extérieur, qu’il tenta de remplir avec des contentions d’énergie toujours nouvelles et des productions de violence avec couleur et stature, comme un toxicomane dans l’ivresse jouissive de sa drogue — pour ce faire, cet homme énergique n’était pas assez fort.

 

En vérité, il avait été plus faible que le dernier de ses grenadiers ; il se peut qu’il ait reformé la France, inspiré l’Europe avec ses idées : mais il ne s’est pas trouvé lui-même. Sa vie avait été une unique marche forcée ; le repos vint sur l’îlot rocheux abandonné devant l’Afrique, bien loin de l’Europe, cette région-là, qui pour lui, dans sa profonde et triste absence au monde, comme tant d’autres grands Européens sur le Trône ou bien à la table de travail, avait pourtant été toujours trop exiguë.

(Traduction: Daniel Kmiecik)


Image:  Bonaparte franchissant le Grand-Saint-Bernard.  Jacques-Louis David, 1801.  

 

Europa, enges Land. Napoleons Russlandfeldzug 1812 und seine weltgeschichtliche Dimension

Am 16. Dezember 1812 veröffentlichte der Moniteur, das offizielle Mitteilungsblatt der kaiserlich-französischen Regierung, ein Kommuniqué, worin dem französischen Volk der Rückzug der Grande Armée aus Russland und die bevorstehende Rückkehr Napoleons nach Paris verkündet wurde. Der Text schloss mit dem eindrucksvollen Satz: „La santé de sa majesté n’a jamais été meilleure“, zu Deutsch: Die Gesundheit Seiner Majestät ist nie besser gewesen. Mit diesem Satz endete der Russlandfeldzug, zu dem Napoleon sechs Monate zuvor, am 22. Juni 1812, mit dem bis dahin größten Heer der Geschichte aufgebrochen war und der in einem beispiellosen Desaster geendet hatte. Und mit diesem Satz begann zugleich der Befreiungskrieg der europäischen Länder gegen die französische Besatzung und gegen das junge französische Kaisertum. Es war der Anfang vom Sturz und Ende Napoleons.

Der Russlandfeldzug Napoleons war der erste Versuch eines westeuropäischen Herrschers, das Riesenreich im Osten zu erobern. Napoleon, dessen Erobererkarriere 1796, damals noch im Dienst des revolutionären Pariser Direktoriums, mit dem Italienkrieg begonnen hatte und der seither das ganze europäische Festland entweder unterworfen oder seine Souveräne geschlagen und zu Friedensverträgen gezwungen hatte, trat damit in die Fußstapfen des von ihm bewunderten Alexanders des Großen; was er 1812 anstrebte, war nicht mehr die europäische Hegemonie, sondern das eurasische Großreich.

Neben dem epochalen Anspruch Napoleons, eine Universalmonarchie zu errichten, stand der politisch-taktische, England zu bezwingen, Frankreichs alten Erbfeind, der sich, trotz seiner parlamentarischen Tradition, der Revolutionsregierung in Paris widersetzt hatte und seit 1792 beinahe ununterbrochen mit Frankreich im Krieg lag. Die Kontinentalsperre, 1806 im besetzten Berlin von Napoleon dekretiert, verbot den französisch besetzten Ländern den Handel mit der Weltmacht England; auch mit Russland, das Napoleon nicht hatte besiegen können und mit dem es im Tilsiter Frieden 1807 zum Ausgleich gekommen war, bestand ein Abkommen, das den Handel mit England verbot. Auf dem Erfurter Fürstentag von 1808, als, ausgerechnet im Musenstaat Sachsen-Weimar, die unterworfenen Fürsten Deutschlands zur Huldigung an ihren Supersouverän Napoleon zusammentrafen, standen sich Kaiser Napoleon und Kaiser Alexander I. von Russland als gleichberechtigte Staatsmänner gegenüber, die das Schicksal Europas untereinander entschieden zu haben schienen.

Doch der Schein trog. Der Gegensatz zwischen Frankreich und England war ein unlösbares Dilemma, und Russland war der Faktor, an dem es sich entscheiden sollte. Die Ehe, die Napoleon 1810 mit der österreichischen Erzherzogin Marie Louise schloss, um sich, dem sozialen Aufsteiger und „Leutnant auf dem Kaiserthron“, die ersehnten Weihen dynastischer Legitimität zuzulegen, war das erste offizielle Signal seiner Abwendung von Russland. Inzwischen unterlief der Zar nach und nach die Kontinentalsperre und blockierte seinerseits den Handel mit französischen Waren. Eine europäische Wirtschaftskrise, hervorgerufen durch Frankreichs isolationistische Handelspolitik, war die äußere Gestalt der politischen Konfrontation, die sich seit 1807 unaufhaltsam anbahnte. Angestachelt durch klarsichtige Berater wie den aus Preußen verbannten Freiherrn vom Stein, der in Russland ein Exil gefunden hatte; bestärkt durch die Einflüsterung des Fürsten Talleyrand, Napoleons ewig intriganten Außenminister, dem sein stürmischer Souverän immer unheimlich gewesen war, betrieb Alexander leise, aber zügig die diplomatische Lösung von Frankreich.

Napoleon reagierte. Nachdem seine österreichische Gattin 1811 mit einem Sohn niedergekommen war, dem der Kaiser gleich bei der Geburt, in Anlehnung an die alte deutsche Reichstradition, den Titel „König von Rom“ verlieh, schienen ihm seine dynastischen Ambitionen gesichert. Er, der vom Soldatenkaiser zum legitimen Monarchen aufsteigen, der ein europäisches Großreich im Gewande monarchischer Solidität und Universalität errichten wollte, hatte nun einen Nachfolger und war bereit für einen neuen Feldzug. Diesmal ging es gegen Russland, in den unheimlichen, gewaltigen Osten. Seine Unterwerfung würde ihm den Zugang nach Südasien erschließen, damit aber zugleich die kolonialen Reserven Englands bedrohen und die handelspolitische Geschlossenheit des Kontinents vollenden.

Was nun kam, ist im kulturellen Gedächtnis Europas bis heute so tief verankert wie sonst nur der Zweite Weltkrieg und die Hitlerherrschaft. Der Einmarsch ins weite russische Land, der, entgegen einer landläufigen Meinung, die französische Armee, in der zur Hälfte gepresste Soldaten aus den unterworfenen Staaten – Deutsche, Italiener, Slawen – dienten, schon zu Anfang ungeheure Verluste kostete; die großen, blutigen Schlachten mit bis dahin ungekannten Gefallenenziffern; die Einnahme Moskaus, die vom Triumph zur Tragikomödie wurde, weil die Stadt vom Zaren und seiner Regierung aufgegeben wurde und auf Befehl ihres Kommandanten General Rostoptschin in Brand gesetzt wurde; schließlich der beschwerliche Rückmarsch durch die eisige Winterkälte mit ihrem epischen Höhepunkt, dem Gang über die Beresina am 27. November 1812, als russische Kosaken über die völlig dezimierten, zu Tode erschöpften französischen Regimenter herfielen und ihnen unglaubliche Verluste beibrachten; endlich die Rückkehr nach Mitteleuropa, ins französisch besetze Polen, die ihren emblematischen Ausdruck in den legendären Worten fand, die der Marschall Ney in einem verschneiten Bürgershaus im ostpreußischen Gumbinnen sprach, als man den Eintretenden nicht erkannte: „Je suis l’arrière-garde de la Grande Armée – ich bin die Nachhut der Großen Armee.“

Das Russlandabenteuer Napoleons ging durch das Nadelöhr der Literatur und des Films ein in die Erinnerung noch des Ungebildetsten, Unpolitischsten. Leo Tolstoi hat es in seinem Roman Krieg und Frieden an die Nachwelt überliefert, gigantische Hollywoodverfilmungen machten es unsterblich. Charles Boyer, der sich in Conquest (1937), vergeblich beschworen von einer bezaubernd zurückhaltenden Greta Garbo, ins russische Abenteuer stürzt und als gebrochener Mann heimkehrt; der junge Mel Ferrer, der in King Vidors Leinwandepos aus den Fünfziger Jahren als schneidiger russischer Gardeoffizier seine Truppen in die Schlacht bei Borodino führt; die vierteilige Verfilmung Sergei Bondartschuks aus den Sechzigern haben sich nicht nur in die Erinnerung des Cineasten dauerhaft eingeprägt. Die fatale Fehlorganisation des ganzen Feldzugs – dass er im Juni begann, also angesichts des frühen russischen Wintereinbruchsviel zu spät –; dass die zwangsverpflichteten nichtfranzösischen Truppen nicht mit dem Herzen bei der Sache waren; dass auch das französische Volk, obschon berauscht von der glänzenden Imperatorengestalt ihres Führers und, wie immer, begierig nach neuer gloire, über die Lasten der neuen Truppenaushebungen, die erdrückende Besteuerung, das straffe, diktatoriale Regime Napoleons im Inneren stöhnte: all dies konnte, wie immer in der Geschichte, dem Gesamtbild, der epochalen Emblematik dieses Unternehmens, das irgendwie nicht auf dieser Planeten ausgedacht schien, keinen Abbruch tun.

Noch nach Jahrzehnten schwelgten ausgediente französische Grenadiere, darin unbeirrt durch den Frieden und bescheidenen Wohlstand der Restaurationsphase nach Napoleons Sturz 1814/15, in der Erinnerung an den russischen Feldzug, der ihnen doch so unsägliches Leid, Entbehrungen und furchtbare moralische Grenzerfahrungen gebracht hatte. Für sie galt, was André Maurois in seiner Napoleonbiographie schwärmerisch, aber nicht unzutreffend festhielt: „Nie hat die französische Armee den kleinen Hut, den grauen Mantel vergessen, hinter dem sie alle Könige Europas besiegt und die Trikolore bis nach Moskau getragen hatte.“ In der Erinnerung, schon im unmittelbaren Erleben ging es im Gedächtnis der Völker längst nicht mehr ums politische Konzept; sondern um die Aura des Überweltlichen, um den alexandrinischen Gestus der Welteroberung, der Entgrenzung, des Ausbruchs aus der stickigen Enge europäischer Machtpolitik in die unwirkliche Sphäre einer Expansion, die auf der Erde keine Grenzen kennen wollte.

In Wirklichkeit war die Grenze Moskau. Napoleon erlag, wie so viele Feldherren vor und nach ihm, der Illusion, dass der Besitz der fremden Hauptstadt zugleich schon den Sieg bedeuten würde. Tatsächlich hielt sich das Gros der russischen Truppen im Hinterland auf, umsichtig geführt von ihrem Marschall Kutusow, einem ungebildeten Haudegen, dessen feiner kriegerischer Instinkt, bereichert von einer inbrünstigen orthodoxen Religiosität, gleichwohl richtig lag mit der Einschätzung, man müsse Napoleon in Moskau einfach an den Rand seiner personellen und materiellen Ressourcen stoßen lassen, dann würde er schon von selber umkehren.

Ein warnendes Vorzeichen war das Gespräch mit dem russischen General Balachoff, den Zar Alexander zu Beginn der Kampfhandlungen als Emissär zu Napoleon gesandt hatte. Als der Franzose mit seinem ungestümen Schneid ihn fragt, welche Straße denn am schnellsten nach Moskau führe, antwortet der Russe geradeheraus: „Sire, alle Wege führen nach Rom“, und setzt hinzu: „Man kann auf mehreren Routen nach Moskau gelangen. Karl XII. zum Beispiel marschierte über Poltawa.“

Das war ein Schlag ins Gesicht. Karl XII., der jugendliche Schwedenkönig, der sich im Nordischen Krieg zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit Zar Peter dem Großen anlegte, wurde hier, nach lange ungebrochenem Vormarsch, 1709 vernichtend geschlagen. Napoleon steckte die verbale Ohrfeige ein, aber er war gewarnt. Bei Borodino erringt er am 7. September 1812 seinen schwersten Sieg, feuert die Soldaten, als sich das Schlachtfeld im Morgengrauen durch die ersten Sonnenstrahlen erhellt, an mit dem sprichwörtlich gewordenen Satz: „Voilà le soleil d’Austerlitz – Seht, die Sonne von Austerlitz!“ Bei Austerlitz in Mähren, im Dezember 1805, hatte er noch ein österreichisch-russisches Heer glorreich geschlagen, die so genannte Dreikaiserschlacht wurde zum Gründungsmythos des jungen französischen Kaiserreiches und ist es bis heute.

Doch die Geschichte wiederholte sich nicht. Borodino war taktisch ein Sieg, strategisch war es ein Patt: die russische Armee blieb intakt, der Weg nach Moskau war zwar frei, aber das Ziel selber, eben die russische Hauptstadt, hatte seine Bedeutung für die Entscheidung des Feldzugs verloren. Ein letztes Mal hatte sich der Eroberer Napoleon über die Maßen verausgabt; von nun an, seit dem Rückmarsch von Moskau im Herbst 1812, führte er nur mehr Rückzugsgefechte. Silvester 1812 – die Franzosen waren längst wieder nach Westen durchgesickert – schließt General v. Yorck, widerwilliger Befehlshaber des preußischen Hilfskorps, das unter Napoleon gegen Russland hatte kämpfen müssen, die Konvention von Tauroggen ab und stellt sich offen auf russische Seite. Im Frühjahr 1813 billigt sein König, Friedrich Wilhelm III. von Preußen, nachträglich diesen Akt der Insubordination und erklärt Frankreich den Krieg. Im August tritt Österreich der Koalition bei, die schließlich alle souveränen europäischen Staaten umfasst. An Neujahr 1814, genau ein Jahr nach dem preußischen Abfall, überschreitet die große Koalition den Rhein. Im April ziehen die verbündeten Monarchen von Russland, Österreich und Preußen in Paris ein. Napoleon muss abdanken und geht ins erste Exil auf die Insel Elba. Sein Stern ist gesunken, und auch das Intermezzo der „Hundert Tage“: die Rückkehr nach Frankreich im März 1815, die Wiederaneignung der Macht, die hastige Aufstellung neuer Truppen, können das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen: bei Waterloo in Belgien, am 18. Juni 1815, fast auf den Tag genau drei Jahre nach Beginn der russischen Expedition, schlägt Napoleon seine letzte Schlacht. Es ist seine endgültige Niederlage.

Die historische Gestalt Napoleons ist bis heute, trotz einer Flut von Veröffentlichungen, trotz einer unvergleichlichen Menge an literarischer und fiktionaler Verarbeitung, auratisch ungeklärt. Heinrich Heines kanonisches Diktum, Napoleon sei nicht „ von dem Holz, woraus man die Könige macht“, sondern er sei „von jenem Marmor, woraus man Götter macht“, hat die Aufklärung über seinen historischen Ort noch erschwert. Bei den französischen Königen, beim preußischen Friedrich, bei Cromwell und Bismarck weiß man recht gut, woran man ist; die menschlich-zerrissene, tragische und dabei sehr alltägliche Dimension ihres politischen Wesens liegt bei ihnen allen offen. Nicht so bei Napoleon. Was an ihm offen liegt, ist nichts als seine schiere Kraft, nichts als die pure Gewalt seiner Wirkung, das ewig Drängende, Vorwärtsstürmende seiner Tätigkeit, die ihn von Feldzug von Feldzug führte, und die ihn doch in aller Tätigkeit, in allem Gestalten und Entwerfen doch merkwürdig geisterhaft, seltsam weltlos und ungreifbar erscheinen lässt.

Das ändert sich, wirft man den Blick auf seine Tätigkeit, seinen fieberhaften Aktionismus selbst. Dieser Aktionismus, sein Drang, immer Neues zu schaffen, immer neue Türen aufzuschließen, niemals zur Ruhe zu kommen, immer neue Ufer anzustreben: in ihm spiegelte sich emblematisch das Wesen Europas und das Wesen der europäischen Neuzeit ab: der kopernikanische Traum von der Vermessung der Welt und die cartesische Phantasie von ihrer restlosen rationalen Bestimmung und Gliederung; die suchtartige Anziehung zu den äußersten Polen, die rasende Verliebtheit in die Bewegung. Dass Napoleon kein eigentliches Ziel kannte; sondern dass die Bewegung, das Strömen und Fließen, das Immer-weiter, das Immer-werden und Niemals-sein sein eigentliches Ziel war: am Russlandfeldzug wurde es klar wie nirgends sonst in seiner politischen Laufbahn. Er war die reine, halt-und selbstlose Kraft, die fleischgewordene „Furie des Verschwindens“, von der Hegel, sein großer philosophischer Zeitgenosse und glühender Bewunderer, in der Phänomenologie des Geistes sprach, die ausgerechnet 1806, im Jahr des preußischen Feldzugs, erschien: jenem Jahr, als Napoleon und Alexander von Russland sich erstmals als Kontrahenten um die Vormacht in Europa gegenüberstanden.

Deshalb war er auch der „letzte Eroberer“, wie ihn der Kunsthistoriker Ernst Gombrich in seiner legendären Kurzen Weltgeschichte für junge Leser bezeichnete. Das Votum schien manchem zu früh gekommen, denn Gombrichs Buch erschien 1935, also noch vier Jahre, bevor Hitler sich mit dem Überfall auf Polen anschickte, in Napoleons Fußstapfen zu treten, und ebenfalls ganz Europa unterwerfen wollte. Doch Napoleon und Hitler trennt mehr als sie verbindet. Dass sie aber beide militärisch und dann auch politisch ausgerechnet am Großprojekt der Eroberung des russischen Raumes scheiterten, ist kein Zufall, sondern wirft ein Licht auf die großen historischen Linien am Umbruch zur Moderne.

Alle europäischen Reiche, die über die Grenzen des Kontinents hinausreichten, waren Handelsimperien und nicht Machtstaaten gewesen. Auch Portugal, Spanien und England, die nacheinander im 15., 16. und 17. Jahrhundert weltweite Imperien errichteten – das Königreich England beherrschte um 1900 ein Viertel der Erdoberfläche –, waren vorrangig niemals politische, sondern wirtschaftliche Machthaber; militärische Präsenz und administrative Organisation dienten der Wirtschaftsförderung in den auszubeutenden Provinzen, nicht umgekehrt. Frankreich, das Mutterland europäischer Staatlichkeit, bildete eine Ausnahme. Seine Außenpolitik war, anders als die seines großen Konkurrenten England, noch im 18. Jahrhundert auf die Arrondierung und Konsolidierung der eigenen territorialen Position auf dem Festland gerichtet; überseeische Besitzungen hatten im Ancien Régime nie die Bedeutung, die sie im Hochkolonialismus des späten 19. Jahrhunderts erreichen sollten. Frankreich, das Reich der allerchristlichen Könige, die Schutzmacht der römischen Kirche, stand kulturell, wirtschaftlich, rechtlich und politisch in der Tradition des Römischen Reiches. Eroberung fremder Länder um des Eroberns willen spielte als außenpolitischer Impuls erst ab Beginn der Neuzeit eine Rolle; und auch dann ursprünglich nur als Reflex auf die als Bedrohung wahrgenommene Einkreisung Frankreichs durch Spanien und Deutschland, die seit 1516 beide von Habsburgern regiert wurden. Die äußerlich offensive, innerlich prachtliebende und wohlstandsfördernde Politik des französischen Absolutismus zwischen 1500 und 1789 war geboren aus dem Abwehrreflex gegen die Machtübernahme durch nichtfranzösische Herren.

Als Napoleon Bonaparte 1799 im Staatsstreich vom 18. Brumaire die Macht an sich reißt, liegt die Französische Revolution gerade ein Jahrzehnt zurück. Ihre geistes-und sozialgeschichtliche Dimension ist unzählige Male dargestellt und vielfältig beleuchtet worden. Napoleon, wie er sich nach seiner Selbsterhebung zum Kaiser 1804 nur noch nennen sollte, stand zweifelsohne unter dem Impuls der Revolution. Doch ideologisch war er, aus korsischem Adel stammend, ein Kind des aufgeklärten Absolutismus und des Ancien Régime mit seiner uralten, hämmernden Phantasie von Welteroberung und Weltreichen. Auch sein Lebenswandel ist nicht der eines bürgerlichen Technokraten oder Ideologen – idéologistes war das Lieblingsschimpfwort, mit dem Napoleon die intellektuelle Opposition in Frankreich um Madame de Staël und François-René de Chateaubriand traktierte –; sondern der eines spätgeborenen europäischen Heerkönigs mit den all den kriegerischen, amourösen und schöngeistigen Allüren der Herren von einst. Man ginge nicht fehl, in Bonaparte eine seltsame, südländisch eingefärbte Mischung aus Ludwig XIV. und Friedrich dem Großen zu sehen, jenen beiden Monarchen, die in ihrer schroffen auratischen Gegensätzlichkeit doch beispielhaft die Spannweite monarchischer Selbst-und Weltverwirklichung in dem Äon zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und der Französischen Revolution ausgemessen haben.

Doch er war eben auch mehr als diese Mischung. Waren jene anderen beiden großen Monarchen der westeuropäischen Vormoderne irgendwann in ihrem Leben zur Ruhe gekommen, hatten sich in ihre Territorialkriege bis zur Selbstaufgabe verzettelt und verstrickt und hatten daraus, der eine früher, der andere später, den Schluss gezogen, sich auf die Bewahrung des mühsam Erworbenen zurückzuziehen und einem Leben der Ruhe gegenüber einem Leben des ewigen Sturms, der ewigen Haltlosigkeit und Gefährdung schlussendlich den Vorzug gegeben: so blieb Napoleons Denken zeitlebens, bis zum bitteren Ende dem Sturm, der Bewegung und der Ruhelosigkeit verhaftet. Er wollte Alexander sein, und es war Alexanders Weg, den er ideell und geographisch einschlug, wie, unter anderen dogmatischen Vorzeichen, auch Sören Kierkegaard erkannte:

Napoleons Zug ging in entgegengesetzter Richtung zur Ausbreitung Mohammeds, aber durch die gleichen Länder. Mohammed von Ost nach West, Napoleon von West nach Ost.“

Doch auf diesem Weg musste er scheitern. Von ihm selber, einem Kind der Aufklärung, der Entzauberung der Welt, stammt der Satz: „Als Alexander verkündete, der Sohn des Gottes Ammon zu sein, glaubten ihm alle bis auf den Philosophen Aristoteles; würde ich das sagen, würde mich das letzte Pariser Marktweib auslachen.“ Die Zeit der großen Ideen, denen man sich rauschhaft-unreflektiert, im Glauben und im Machen, hingeben konnte, war vorbei, spätestens mit der Revolution, als deren Testamentsvollstrecker und vor allem als deren Nutznießer Bonaparte ja einst die politische Bühne betreten hatte. Napoleon, bis heute als Wegbereiter der Moderne, als Vater der rationalen Staatsorganisation, der freiheitlichen Grundrechte, des Fortschritts angesehen, war ein Verspäteter, ein Zuspätgekommener.

Je suis une parcelle de rocher, lancée dans l’espace“, hatte der Kaiser gesagt: ich bin ein Stück Fels, der in den Weltraum geschleudert wurde. Das ist die Selbst-und Weltsicht des Menschen der Frühen Neuzeit, des cartesischen Suchers und Zweiflers, die hier ins Faustisch-Mannhafte, Abenteuernde gewandt ist. Es ist eine durch und durch schwermütige, hilflose und verzweifelte Aussage. Sie hätte auch von Friedrich von Preußen stammen können, dem sanguinisch-melancholischen Schöngeist auf dem Thron, in dem Napoleon, der von den Deutschen, und den Preußen zumal, gern mit herablassender Verachtung sprach, lebenslang sein Vorbild erblickte. Doch Napoleon, dem Aufsteiger, dem Parvenü aus dem Mittelmeer war es vorbehalten, diese Sicht: das uralte europäische Leiden an der Begrenztheit des insularen Daseins, die brennende, verzehrende Sehnsucht nach Entgrenzung, nach Überschreitung, nach Transzendenz auszuleben ins politische Extrem. Der wehmutsvolle, ängstlich gepflegte Traum der alten Griechen und Römer: hinauszusegeln über die Säulen des Herakles ins weite, grenzenlose Meer: Napoleon schickte sich an, ihn mit modernsten Mitteln, unter Aufbietung aller Kräfte, die die Staatskunst des Ancien Régime ihm hinterlassen hatte, unter Ausnutzung aller emotionalen Energien, welche die Revolution 1789 freigesetzt hatte, wahrzumachen.

Überschreitung, Transzendenz: dieser Urtopos europäischen Denkens, der nach dem Dornröschenschlaf des Mittelalters schlagartig ins Bewusstsein der Europäer zurückgekehrt und ihnen seither keine ruhige Minute gelassen hatte, war der große Traum, das große Projekt Napoleon Bonapartes. Ihm gab er sich hin, erbarmungslos sich selbst und die anderen ausnutzend; und an ihm zerbrach er nach furchtbaren Anstrengungen, die man auf europäischen Kriegschauplätzen seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr gekannt hatte und die erst in der Apokalypse des Weltkriegszeitalters sich wiederholen sollten. Napoleons Scheitern setzte einen Endpunkt unter die politische Romantik, die die Monarchen der vorrevolutionären Zeit, wenn auch dezent und heimlich, immer gepflegt hatten: es den Helden Homers, es Achill und Odysseus gleichzutun und alle Schranken, im Leiden und im Siegen, in der Ausschreitung und in der Anspannung, zu durchbrechen und sich in der Inbesitznahme der Welt selbst eine Welt zu schaffen: die Welt, die man innerlich, durch den Fortfall der alten Glaubenssätze, durch den Verlust Gottes, von dem Hegel just zu jener Zeit schrieb, er sei „gestorben“, verloren hatte. Napoleons Seele, in die er, Hitler hier sehr ähnlich, nie jemanden blicken ließ; die er noch in seinem schriftlichen Nachlass, dem Mémorial de Sainte Hélène, sorgfältig zu maskieren suchte, war die Seele eines Heimatlosen, eines von der Insel vertriebenen, der sich zeitlebens in der Welt, in Europa wie auf einem verlassenen, auf dem Ozean schwimmenden Eiland fühlen sollte – in einer unsäglichen Leere, die auszufüllen und zu verdrängen sein Lebensinhalt war und um deren Verdrängung willen er seinen politischen Weg einschlug.

Folgerichtig endete dieser Weg eben auf einer Insel. Weit ab von Europa, auf Sankt Helena, vor der westafrikanischen Küste. Helena – so hieß die spartanische Prinzessin, die bei Homer von Paris geraubt wird und um deren Rückholung willen die Griechen den trojanischen Krieg beginnen, den ersten Ostfeldzug, den die abendländischen Mythen überliefern. Bei Homer endet dieser Feldzug zwar mit dem Sieg und mit der Niederbrennung Trojas; aber auch die heimkehrenden Griechen kommen nicht mehr zur Ruhe. Ihre häuslichen Altäre sind ihnen fremd geworden, das zehnjährige Kriegserlebnis, die Rastlosigkeit der Feldlagerexistenz hat sie ihrer Heimat, hat sie der Heimatlichkeit selbst auratisch für immer entfremdet, ohne dass sie etwa in der Fremde eine neue Heimat, eine neue Welt gefunden hätten. Die Ruhe und Ganzheitlichkeit der bürgerlichen Existenz war verloren, für immer. Eben diese Ganzheitlichkeit und Ruhe hatte Napoleon, den ein historischer Irrtum für die Revolution auf dem Kaiserthron halten mochte, wiederherstellen wollen. Es war vergeblich. Die Vielfalt und Unbestimmtheit des In-der-Welt-seins lässt sich vielleicht in der Liebe bannen; in der Politik sicher nicht. Napoleon, dieser große Erotomane des Politischen, dieser Don Juan auf dem Schlachtross, hat es versucht und ist damit grandios und elend gescheitert.

Jeder Mensch ist doch völlig allein – diese Kernaussage Prousts, des Napoleons der französischen Literatur, die im textlichen und hermeneutischen Zentrum seines großen Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit steht, hat Napoleon, auf Sankt Helena, am eigenen Leibe nachvollzogen. Sie beschreibt auch die Grunddisposition des postnapoleonischen Zeitalters, die ungeheure Schwermut, die sich breitmachte unter den Schriftstellern und Künstlern der Romantik, die damals erst, nach Waterloo, zu ihrer vollen Blüte gelangte und die so viele gescheiterte Existenzen, so viel Lebensunfähigkeit und Lieblosigkeit hervorbrachte wie später nur noch der Erste Weltkrieg. Byron, Shelley, Leopardi, Balzac und Flaubert, auch Eichendorff und selbst Heine gehören in diese Liga der Enttäuschten, zum erfüllten Menschsein Unfähigen.

Napoleons größter literarischer Bewunderer, Stendhal, hat sein kleinbürgerliches Ebenbild nach seinem Bilde geschaffen: Julien Sorel, den Helden aus Rot und Schwarz, der als Jüngling, beeindruckt vom Glanz seines Ruhmes und vom Rausch seiner Aktivität, das Mémorial liest; doch der es ihm nicht gleichtun kann, weil sein Leben ein bürgerliches sein wird und die Bürgerlichkeit keinen Raum bereithält für die Entfaltung jener rasenden, überweltlichen Energien, die im Herzen des Menschen schlummern und die ein Napoleon in dieser Welt, einer Welt der Enge, der Unbestimmtheit und Undurchsichtigkeit, zur Entfaltung gebracht hat. Julien schießt am Ende auf Madame de Rênal, seine erste, mütterliche Geliebte, die ihn, den verlorenen Jüngling, in die Welt, ins Leben hatte holen wollen; doch er hatte sich nicht holen lassen, denn die Liebe konnte ihm nicht geben, was sie verhieß: die endgültige Befriedigung, die ewige, totenähnliche Ruhe nach dem großen, alles verzehrenden, alles verausgabenden Sturm. Denn „es ist die Zeit der Kriege und Epopöen nicht mehr“, wie Thomas Mann Goethe in Lotte in Weimar sagen lässt, einem Roman, der eben in jener Zeit spielt. Und er hätte hinzusetzen können: diese Zeit hat es nie gegeben. Es ist eine geträumte, nicht gelebte, eine zeitlose Zeit; eine fingierte Epoche, die es schon bei den alten Griechen nicht gab, die Friedrich in seinem schlesischen Abenteuer vergeblich heraufbeschworen hatte und die Napoleon nicht herstellen konnte.

Die Zeit kann niemand herstellen und niemand überwinden. Ihre Überwindung ist immer nur scheinbar. Als der Kaiser während der Friedensverhandlungen 1807 vom Thronwechsel in Spanien erfuhr, der seine europäische Position gefährdete, und General Rapp fragte, wie weit es von Danzig nach Cadiz sei, antwortete der lakonisch: „Zu weit, Sire.“ Es war eine unhöfische Frechheit, aber es war die Wahrheit: Napoleon, dessen Leben ein einziger Traum von der Überschreitung der Grenzen der Zeit war, scheiterte daran, dieses unmögliche Projekt im Modus der Überschreitung der bloß räumlichen Grenzen wahrzumachen. Er hätte ewig weitermarschieren können: ans Ziel wäre er niemals gekommen. Es gibt kein „Ende der Welt“. Sein Ziel, wie das Ziel jedes Menschen, hätte in ihm selbst gelegen; doch dazu: in sich selbst zu ruhen, in sich selbst die Welt zu finden, die er außen nicht fand, die er sich in immer neuen Kraftanstrengungen und Gewaltleistungen mit Farbe und Gestalt auszufüllen suchte wie ein Drogensüchtiger in seinem Drogenrausch – dazu war dieser kraftvolle Mann nicht stark genug.

In Wahrheit war er schwächer als der letzte seiner Grenadiere gewesen; Frankreich mag er neu geformt, Europa mit seinen Gedanken inspiriert haben: sich selber hat er nicht gefunden. Ein ruheloser Marsch war sein Leben gewesen; die Ruhe kam auf dem verlassenen Felsenriff vor Afrika, weit weg von Europa, jenem Land, das ihm in seiner tiefen, traurigen Weltlosigkeit, wie so vielen großen Europäern auf dem Thron und am Schreibtisch, doch immer zu eng gewesen war.

Dieser Text erschien zuerst im Magazin CICERO, September 2012. Header: Jacques Louis David, Le sacre de Napoléon, 1808, Paris, Louvre. © Wikimedia Commons.