Europa, enges Land. Napoleons Russlandfeldzug 1812 und seine weltgeschichtliche Dimension

Am 16. Dezember 1812 veröffentlichte der Moniteur, das offizielle Mitteilungsblatt der kaiserlich-französischen Regierung, ein Kommuniqué, worin dem französischen Volk der Rückzug der Grande Armée aus Russland und die bevorstehende Rückkehr Napoleons nach Paris verkündet wurde. Der Text schloss mit dem eindrucksvollen Satz: „La santé de sa majesté n’a jamais été meilleure“, zu Deutsch: Die Gesundheit Seiner Majestät ist nie besser gewesen. Mit diesem Satz endete der Russlandfeldzug, zu dem Napoleon sechs Monate zuvor, am 22. Juni 1812, mit dem bis dahin größten Heer der Geschichte aufgebrochen war und der in einem beispiellosen Desaster geendet hatte. Und mit diesem Satz begann zugleich der Befreiungskrieg der europäischen Länder gegen die französische Besatzung und gegen das junge französische Kaisertum. Es war der Anfang vom Sturz und Ende Napoleons.

Der Russlandfeldzug Napoleons war der erste Versuch eines westeuropäischen Herrschers, das Riesenreich im Osten zu erobern. Napoleon, dessen Erobererkarriere 1796, damals noch im Dienst des revolutionären Pariser Direktoriums, mit dem Italienkrieg begonnen hatte und der seither das ganze europäische Festland entweder unterworfen oder seine Souveräne geschlagen und zu Friedensverträgen gezwungen hatte, trat damit in die Fußstapfen des von ihm bewunderten Alexanders des Großen; was er 1812 anstrebte, war nicht mehr die europäische Hegemonie, sondern das eurasische Großreich.

Neben dem epochalen Anspruch Napoleons, eine Universalmonarchie zu errichten, stand der politisch-taktische, England zu bezwingen, Frankreichs alten Erbfeind, der sich, trotz seiner parlamentarischen Tradition, der Revolutionsregierung in Paris widersetzt hatte und seit 1792 beinahe ununterbrochen mit Frankreich im Krieg lag. Die Kontinentalsperre, 1806 im besetzten Berlin von Napoleon dekretiert, verbot den französisch besetzten Ländern den Handel mit der Weltmacht England; auch mit Russland, das Napoleon nicht hatte besiegen können und mit dem es im Tilsiter Frieden 1807 zum Ausgleich gekommen war, bestand ein Abkommen, das den Handel mit England verbot. Auf dem Erfurter Fürstentag von 1808, als, ausgerechnet im Musenstaat Sachsen-Weimar, die unterworfenen Fürsten Deutschlands zur Huldigung an ihren Supersouverän Napoleon zusammentrafen, standen sich Kaiser Napoleon und Kaiser Alexander I. von Russland als gleichberechtigte Staatsmänner gegenüber, die das Schicksal Europas untereinander entschieden zu haben schienen.

Doch der Schein trog. Der Gegensatz zwischen Frankreich und England war ein unlösbares Dilemma, und Russland war der Faktor, an dem es sich entscheiden sollte. Die Ehe, die Napoleon 1810 mit der österreichischen Erzherzogin Marie Louise schloss, um sich, dem sozialen Aufsteiger und „Leutnant auf dem Kaiserthron“, die ersehnten Weihen dynastischer Legitimität zuzulegen, war das erste offizielle Signal seiner Abwendung von Russland. Inzwischen unterlief der Zar nach und nach die Kontinentalsperre und blockierte seinerseits den Handel mit französischen Waren. Eine europäische Wirtschaftskrise, hervorgerufen durch Frankreichs isolationistische Handelspolitik, war die äußere Gestalt der politischen Konfrontation, die sich seit 1807 unaufhaltsam anbahnte. Angestachelt durch klarsichtige Berater wie den aus Preußen verbannten Freiherrn vom Stein, der in Russland ein Exil gefunden hatte; bestärkt durch die Einflüsterung des Fürsten Talleyrand, Napoleons ewig intriganten Außenminister, dem sein stürmischer Souverän immer unheimlich gewesen war, betrieb Alexander leise, aber zügig die diplomatische Lösung von Frankreich.

Napoleon reagierte. Nachdem seine österreichische Gattin 1811 mit einem Sohn niedergekommen war, dem der Kaiser gleich bei der Geburt, in Anlehnung an die alte deutsche Reichstradition, den Titel „König von Rom“ verlieh, schienen ihm seine dynastischen Ambitionen gesichert. Er, der vom Soldatenkaiser zum legitimen Monarchen aufsteigen, der ein europäisches Großreich im Gewande monarchischer Solidität und Universalität errichten wollte, hatte nun einen Nachfolger und war bereit für einen neuen Feldzug. Diesmal ging es gegen Russland, in den unheimlichen, gewaltigen Osten. Seine Unterwerfung würde ihm den Zugang nach Südasien erschließen, damit aber zugleich die kolonialen Reserven Englands bedrohen und die handelspolitische Geschlossenheit des Kontinents vollenden.

Was nun kam, ist im kulturellen Gedächtnis Europas bis heute so tief verankert wie sonst nur der Zweite Weltkrieg und die Hitlerherrschaft. Der Einmarsch ins weite russische Land, der, entgegen einer landläufigen Meinung, die französische Armee, in der zur Hälfte gepresste Soldaten aus den unterworfenen Staaten – Deutsche, Italiener, Slawen – dienten, schon zu Anfang ungeheure Verluste kostete; die großen, blutigen Schlachten mit bis dahin ungekannten Gefallenenziffern; die Einnahme Moskaus, die vom Triumph zur Tragikomödie wurde, weil die Stadt vom Zaren und seiner Regierung aufgegeben wurde und auf Befehl ihres Kommandanten General Rostoptschin in Brand gesetzt wurde; schließlich der beschwerliche Rückmarsch durch die eisige Winterkälte mit ihrem epischen Höhepunkt, dem Gang über die Beresina am 27. November 1812, als russische Kosaken über die völlig dezimierten, zu Tode erschöpften französischen Regimenter herfielen und ihnen unglaubliche Verluste beibrachten; endlich die Rückkehr nach Mitteleuropa, ins französisch besetze Polen, die ihren emblematischen Ausdruck in den legendären Worten fand, die der Marschall Ney in einem verschneiten Bürgershaus im ostpreußischen Gumbinnen sprach, als man den Eintretenden nicht erkannte: „Je suis l’arrière-garde de la Grande Armée – ich bin die Nachhut der Großen Armee.“

Das Russlandabenteuer Napoleons ging durch das Nadelöhr der Literatur und des Films ein in die Erinnerung noch des Ungebildetsten, Unpolitischsten. Leo Tolstoi hat es in seinem Roman Krieg und Frieden an die Nachwelt überliefert, gigantische Hollywoodverfilmungen machten es unsterblich. Charles Boyer, der sich in Conquest (1937), vergeblich beschworen von einer bezaubernd zurückhaltenden Greta Garbo, ins russische Abenteuer stürzt und als gebrochener Mann heimkehrt; der junge Mel Ferrer, der in King Vidors Leinwandepos aus den Fünfziger Jahren als schneidiger russischer Gardeoffizier seine Truppen in die Schlacht bei Borodino führt; die vierteilige Verfilmung Sergei Bondartschuks aus den Sechzigern haben sich nicht nur in die Erinnerung des Cineasten dauerhaft eingeprägt. Die fatale Fehlorganisation des ganzen Feldzugs – dass er im Juni begann, also angesichts des frühen russischen Wintereinbruchsviel zu spät –; dass die zwangsverpflichteten nichtfranzösischen Truppen nicht mit dem Herzen bei der Sache waren; dass auch das französische Volk, obschon berauscht von der glänzenden Imperatorengestalt ihres Führers und, wie immer, begierig nach neuer gloire, über die Lasten der neuen Truppenaushebungen, die erdrückende Besteuerung, das straffe, diktatoriale Regime Napoleons im Inneren stöhnte: all dies konnte, wie immer in der Geschichte, dem Gesamtbild, der epochalen Emblematik dieses Unternehmens, das irgendwie nicht auf dieser Planeten ausgedacht schien, keinen Abbruch tun.

Noch nach Jahrzehnten schwelgten ausgediente französische Grenadiere, darin unbeirrt durch den Frieden und bescheidenen Wohlstand der Restaurationsphase nach Napoleons Sturz 1814/15, in der Erinnerung an den russischen Feldzug, der ihnen doch so unsägliches Leid, Entbehrungen und furchtbare moralische Grenzerfahrungen gebracht hatte. Für sie galt, was André Maurois in seiner Napoleonbiographie schwärmerisch, aber nicht unzutreffend festhielt: „Nie hat die französische Armee den kleinen Hut, den grauen Mantel vergessen, hinter dem sie alle Könige Europas besiegt und die Trikolore bis nach Moskau getragen hatte.“ In der Erinnerung, schon im unmittelbaren Erleben ging es im Gedächtnis der Völker längst nicht mehr ums politische Konzept; sondern um die Aura des Überweltlichen, um den alexandrinischen Gestus der Welteroberung, der Entgrenzung, des Ausbruchs aus der stickigen Enge europäischer Machtpolitik in die unwirkliche Sphäre einer Expansion, die auf der Erde keine Grenzen kennen wollte.

In Wirklichkeit war die Grenze Moskau. Napoleon erlag, wie so viele Feldherren vor und nach ihm, der Illusion, dass der Besitz der fremden Hauptstadt zugleich schon den Sieg bedeuten würde. Tatsächlich hielt sich das Gros der russischen Truppen im Hinterland auf, umsichtig geführt von ihrem Marschall Kutusow, einem ungebildeten Haudegen, dessen feiner kriegerischer Instinkt, bereichert von einer inbrünstigen orthodoxen Religiosität, gleichwohl richtig lag mit der Einschätzung, man müsse Napoleon in Moskau einfach an den Rand seiner personellen und materiellen Ressourcen stoßen lassen, dann würde er schon von selber umkehren.

Ein warnendes Vorzeichen war das Gespräch mit dem russischen General Balachoff, den Zar Alexander zu Beginn der Kampfhandlungen als Emissär zu Napoleon gesandt hatte. Als der Franzose mit seinem ungestümen Schneid ihn fragt, welche Straße denn am schnellsten nach Moskau führe, antwortet der Russe geradeheraus: „Sire, alle Wege führen nach Rom“, und setzt hinzu: „Man kann auf mehreren Routen nach Moskau gelangen. Karl XII. zum Beispiel marschierte über Poltawa.“

Das war ein Schlag ins Gesicht. Karl XII., der jugendliche Schwedenkönig, der sich im Nordischen Krieg zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit Zar Peter dem Großen anlegte, wurde hier, nach lange ungebrochenem Vormarsch, 1709 vernichtend geschlagen. Napoleon steckte die verbale Ohrfeige ein, aber er war gewarnt. Bei Borodino erringt er am 7. September 1812 seinen schwersten Sieg, feuert die Soldaten, als sich das Schlachtfeld im Morgengrauen durch die ersten Sonnenstrahlen erhellt, an mit dem sprichwörtlich gewordenen Satz: „Voilà le soleil d’Austerlitz – Seht, die Sonne von Austerlitz!“ Bei Austerlitz in Mähren, im Dezember 1805, hatte er noch ein österreichisch-russisches Heer glorreich geschlagen, die so genannte Dreikaiserschlacht wurde zum Gründungsmythos des jungen französischen Kaiserreiches und ist es bis heute.

Doch die Geschichte wiederholte sich nicht. Borodino war taktisch ein Sieg, strategisch war es ein Patt: die russische Armee blieb intakt, der Weg nach Moskau war zwar frei, aber das Ziel selber, eben die russische Hauptstadt, hatte seine Bedeutung für die Entscheidung des Feldzugs verloren. Ein letztes Mal hatte sich der Eroberer Napoleon über die Maßen verausgabt; von nun an, seit dem Rückmarsch von Moskau im Herbst 1812, führte er nur mehr Rückzugsgefechte. Silvester 1812 – die Franzosen waren längst wieder nach Westen durchgesickert – schließt General v. Yorck, widerwilliger Befehlshaber des preußischen Hilfskorps, das unter Napoleon gegen Russland hatte kämpfen müssen, die Konvention von Tauroggen ab und stellt sich offen auf russische Seite. Im Frühjahr 1813 billigt sein König, Friedrich Wilhelm III. von Preußen, nachträglich diesen Akt der Insubordination und erklärt Frankreich den Krieg. Im August tritt Österreich der Koalition bei, die schließlich alle souveränen europäischen Staaten umfasst. An Neujahr 1814, genau ein Jahr nach dem preußischen Abfall, überschreitet die große Koalition den Rhein. Im April ziehen die verbündeten Monarchen von Russland, Österreich und Preußen in Paris ein. Napoleon muss abdanken und geht ins erste Exil auf die Insel Elba. Sein Stern ist gesunken, und auch das Intermezzo der „Hundert Tage“: die Rückkehr nach Frankreich im März 1815, die Wiederaneignung der Macht, die hastige Aufstellung neuer Truppen, können das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen: bei Waterloo in Belgien, am 18. Juni 1815, fast auf den Tag genau drei Jahre nach Beginn der russischen Expedition, schlägt Napoleon seine letzte Schlacht. Es ist seine endgültige Niederlage.

Die historische Gestalt Napoleons ist bis heute, trotz einer Flut von Veröffentlichungen, trotz einer unvergleichlichen Menge an literarischer und fiktionaler Verarbeitung, auratisch ungeklärt. Heinrich Heines kanonisches Diktum, Napoleon sei nicht „ von dem Holz, woraus man die Könige macht“, sondern er sei „von jenem Marmor, woraus man Götter macht“, hat die Aufklärung über seinen historischen Ort noch erschwert. Bei den französischen Königen, beim preußischen Friedrich, bei Cromwell und Bismarck weiß man recht gut, woran man ist; die menschlich-zerrissene, tragische und dabei sehr alltägliche Dimension ihres politischen Wesens liegt bei ihnen allen offen. Nicht so bei Napoleon. Was an ihm offen liegt, ist nichts als seine schiere Kraft, nichts als die pure Gewalt seiner Wirkung, das ewig Drängende, Vorwärtsstürmende seiner Tätigkeit, die ihn von Feldzug von Feldzug führte, und die ihn doch in aller Tätigkeit, in allem Gestalten und Entwerfen doch merkwürdig geisterhaft, seltsam weltlos und ungreifbar erscheinen lässt.

Das ändert sich, wirft man den Blick auf seine Tätigkeit, seinen fieberhaften Aktionismus selbst. Dieser Aktionismus, sein Drang, immer Neues zu schaffen, immer neue Türen aufzuschließen, niemals zur Ruhe zu kommen, immer neue Ufer anzustreben: in ihm spiegelte sich emblematisch das Wesen Europas und das Wesen der europäischen Neuzeit ab: der kopernikanische Traum von der Vermessung der Welt und die cartesische Phantasie von ihrer restlosen rationalen Bestimmung und Gliederung; die suchtartige Anziehung zu den äußersten Polen, die rasende Verliebtheit in die Bewegung. Dass Napoleon kein eigentliches Ziel kannte; sondern dass die Bewegung, das Strömen und Fließen, das Immer-weiter, das Immer-werden und Niemals-sein sein eigentliches Ziel war: am Russlandfeldzug wurde es klar wie nirgends sonst in seiner politischen Laufbahn. Er war die reine, halt-und selbstlose Kraft, die fleischgewordene „Furie des Verschwindens“, von der Hegel, sein großer philosophischer Zeitgenosse und glühender Bewunderer, in der Phänomenologie des Geistes sprach, die ausgerechnet 1806, im Jahr des preußischen Feldzugs, erschien: jenem Jahr, als Napoleon und Alexander von Russland sich erstmals als Kontrahenten um die Vormacht in Europa gegenüberstanden.

Deshalb war er auch der „letzte Eroberer“, wie ihn der Kunsthistoriker Ernst Gombrich in seiner legendären Kurzen Weltgeschichte für junge Leser bezeichnete. Das Votum schien manchem zu früh gekommen, denn Gombrichs Buch erschien 1935, also noch vier Jahre, bevor Hitler sich mit dem Überfall auf Polen anschickte, in Napoleons Fußstapfen zu treten, und ebenfalls ganz Europa unterwerfen wollte. Doch Napoleon und Hitler trennt mehr als sie verbindet. Dass sie aber beide militärisch und dann auch politisch ausgerechnet am Großprojekt der Eroberung des russischen Raumes scheiterten, ist kein Zufall, sondern wirft ein Licht auf die großen historischen Linien am Umbruch zur Moderne.

Alle europäischen Reiche, die über die Grenzen des Kontinents hinausreichten, waren Handelsimperien und nicht Machtstaaten gewesen. Auch Portugal, Spanien und England, die nacheinander im 15., 16. und 17. Jahrhundert weltweite Imperien errichteten – das Königreich England beherrschte um 1900 ein Viertel der Erdoberfläche –, waren vorrangig niemals politische, sondern wirtschaftliche Machthaber; militärische Präsenz und administrative Organisation dienten der Wirtschaftsförderung in den auszubeutenden Provinzen, nicht umgekehrt. Frankreich, das Mutterland europäischer Staatlichkeit, bildete eine Ausnahme. Seine Außenpolitik war, anders als die seines großen Konkurrenten England, noch im 18. Jahrhundert auf die Arrondierung und Konsolidierung der eigenen territorialen Position auf dem Festland gerichtet; überseeische Besitzungen hatten im Ancien Régime nie die Bedeutung, die sie im Hochkolonialismus des späten 19. Jahrhunderts erreichen sollten. Frankreich, das Reich der allerchristlichen Könige, die Schutzmacht der römischen Kirche, stand kulturell, wirtschaftlich, rechtlich und politisch in der Tradition des Römischen Reiches. Eroberung fremder Länder um des Eroberns willen spielte als außenpolitischer Impuls erst ab Beginn der Neuzeit eine Rolle; und auch dann ursprünglich nur als Reflex auf die als Bedrohung wahrgenommene Einkreisung Frankreichs durch Spanien und Deutschland, die seit 1516 beide von Habsburgern regiert wurden. Die äußerlich offensive, innerlich prachtliebende und wohlstandsfördernde Politik des französischen Absolutismus zwischen 1500 und 1789 war geboren aus dem Abwehrreflex gegen die Machtübernahme durch nichtfranzösische Herren.

Als Napoleon Bonaparte 1799 im Staatsstreich vom 18. Brumaire die Macht an sich reißt, liegt die Französische Revolution gerade ein Jahrzehnt zurück. Ihre geistes-und sozialgeschichtliche Dimension ist unzählige Male dargestellt und vielfältig beleuchtet worden. Napoleon, wie er sich nach seiner Selbsterhebung zum Kaiser 1804 nur noch nennen sollte, stand zweifelsohne unter dem Impuls der Revolution. Doch ideologisch war er, aus korsischem Adel stammend, ein Kind des aufgeklärten Absolutismus und des Ancien Régime mit seiner uralten, hämmernden Phantasie von Welteroberung und Weltreichen. Auch sein Lebenswandel ist nicht der eines bürgerlichen Technokraten oder Ideologen – idéologistes war das Lieblingsschimpfwort, mit dem Napoleon die intellektuelle Opposition in Frankreich um Madame de Staël und François-René de Chateaubriand traktierte –; sondern der eines spätgeborenen europäischen Heerkönigs mit den all den kriegerischen, amourösen und schöngeistigen Allüren der Herren von einst. Man ginge nicht fehl, in Bonaparte eine seltsame, südländisch eingefärbte Mischung aus Ludwig XIV. und Friedrich dem Großen zu sehen, jenen beiden Monarchen, die in ihrer schroffen auratischen Gegensätzlichkeit doch beispielhaft die Spannweite monarchischer Selbst-und Weltverwirklichung in dem Äon zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und der Französischen Revolution ausgemessen haben.

Doch er war eben auch mehr als diese Mischung. Waren jene anderen beiden großen Monarchen der westeuropäischen Vormoderne irgendwann in ihrem Leben zur Ruhe gekommen, hatten sich in ihre Territorialkriege bis zur Selbstaufgabe verzettelt und verstrickt und hatten daraus, der eine früher, der andere später, den Schluss gezogen, sich auf die Bewahrung des mühsam Erworbenen zurückzuziehen und einem Leben der Ruhe gegenüber einem Leben des ewigen Sturms, der ewigen Haltlosigkeit und Gefährdung schlussendlich den Vorzug gegeben: so blieb Napoleons Denken zeitlebens, bis zum bitteren Ende dem Sturm, der Bewegung und der Ruhelosigkeit verhaftet. Er wollte Alexander sein, und es war Alexanders Weg, den er ideell und geographisch einschlug, wie, unter anderen dogmatischen Vorzeichen, auch Sören Kierkegaard erkannte:

Napoleons Zug ging in entgegengesetzter Richtung zur Ausbreitung Mohammeds, aber durch die gleichen Länder. Mohammed von Ost nach West, Napoleon von West nach Ost.“

Doch auf diesem Weg musste er scheitern. Von ihm selber, einem Kind der Aufklärung, der Entzauberung der Welt, stammt der Satz: „Als Alexander verkündete, der Sohn des Gottes Ammon zu sein, glaubten ihm alle bis auf den Philosophen Aristoteles; würde ich das sagen, würde mich das letzte Pariser Marktweib auslachen.“ Die Zeit der großen Ideen, denen man sich rauschhaft-unreflektiert, im Glauben und im Machen, hingeben konnte, war vorbei, spätestens mit der Revolution, als deren Testamentsvollstrecker und vor allem als deren Nutznießer Bonaparte ja einst die politische Bühne betreten hatte. Napoleon, bis heute als Wegbereiter der Moderne, als Vater der rationalen Staatsorganisation, der freiheitlichen Grundrechte, des Fortschritts angesehen, war ein Verspäteter, ein Zuspätgekommener.

Je suis une parcelle de rocher, lancée dans l’espace“, hatte der Kaiser gesagt: ich bin ein Stück Fels, der in den Weltraum geschleudert wurde. Das ist die Selbst-und Weltsicht des Menschen der Frühen Neuzeit, des cartesischen Suchers und Zweiflers, die hier ins Faustisch-Mannhafte, Abenteuernde gewandt ist. Es ist eine durch und durch schwermütige, hilflose und verzweifelte Aussage. Sie hätte auch von Friedrich von Preußen stammen können, dem sanguinisch-melancholischen Schöngeist auf dem Thron, in dem Napoleon, der von den Deutschen, und den Preußen zumal, gern mit herablassender Verachtung sprach, lebenslang sein Vorbild erblickte. Doch Napoleon, dem Aufsteiger, dem Parvenü aus dem Mittelmeer war es vorbehalten, diese Sicht: das uralte europäische Leiden an der Begrenztheit des insularen Daseins, die brennende, verzehrende Sehnsucht nach Entgrenzung, nach Überschreitung, nach Transzendenz auszuleben ins politische Extrem. Der wehmutsvolle, ängstlich gepflegte Traum der alten Griechen und Römer: hinauszusegeln über die Säulen des Herakles ins weite, grenzenlose Meer: Napoleon schickte sich an, ihn mit modernsten Mitteln, unter Aufbietung aller Kräfte, die die Staatskunst des Ancien Régime ihm hinterlassen hatte, unter Ausnutzung aller emotionalen Energien, welche die Revolution 1789 freigesetzt hatte, wahrzumachen.

Überschreitung, Transzendenz: dieser Urtopos europäischen Denkens, der nach dem Dornröschenschlaf des Mittelalters schlagartig ins Bewusstsein der Europäer zurückgekehrt und ihnen seither keine ruhige Minute gelassen hatte, war der große Traum, das große Projekt Napoleon Bonapartes. Ihm gab er sich hin, erbarmungslos sich selbst und die anderen ausnutzend; und an ihm zerbrach er nach furchtbaren Anstrengungen, die man auf europäischen Kriegschauplätzen seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr gekannt hatte und die erst in der Apokalypse des Weltkriegszeitalters sich wiederholen sollten. Napoleons Scheitern setzte einen Endpunkt unter die politische Romantik, die die Monarchen der vorrevolutionären Zeit, wenn auch dezent und heimlich, immer gepflegt hatten: es den Helden Homers, es Achill und Odysseus gleichzutun und alle Schranken, im Leiden und im Siegen, in der Ausschreitung und in der Anspannung, zu durchbrechen und sich in der Inbesitznahme der Welt selbst eine Welt zu schaffen: die Welt, die man innerlich, durch den Fortfall der alten Glaubenssätze, durch den Verlust Gottes, von dem Hegel just zu jener Zeit schrieb, er sei „gestorben“, verloren hatte. Napoleons Seele, in die er, Hitler hier sehr ähnlich, nie jemanden blicken ließ; die er noch in seinem schriftlichen Nachlass, dem Mémorial de Sainte Hélène, sorgfältig zu maskieren suchte, war die Seele eines Heimatlosen, eines von der Insel vertriebenen, der sich zeitlebens in der Welt, in Europa wie auf einem verlassenen, auf dem Ozean schwimmenden Eiland fühlen sollte – in einer unsäglichen Leere, die auszufüllen und zu verdrängen sein Lebensinhalt war und um deren Verdrängung willen er seinen politischen Weg einschlug.

Folgerichtig endete dieser Weg eben auf einer Insel. Weit ab von Europa, auf Sankt Helena, vor der westafrikanischen Küste. Helena – so hieß die spartanische Prinzessin, die bei Homer von Paris geraubt wird und um deren Rückholung willen die Griechen den trojanischen Krieg beginnen, den ersten Ostfeldzug, den die abendländischen Mythen überliefern. Bei Homer endet dieser Feldzug zwar mit dem Sieg und mit der Niederbrennung Trojas; aber auch die heimkehrenden Griechen kommen nicht mehr zur Ruhe. Ihre häuslichen Altäre sind ihnen fremd geworden, das zehnjährige Kriegserlebnis, die Rastlosigkeit der Feldlagerexistenz hat sie ihrer Heimat, hat sie der Heimatlichkeit selbst auratisch für immer entfremdet, ohne dass sie etwa in der Fremde eine neue Heimat, eine neue Welt gefunden hätten. Die Ruhe und Ganzheitlichkeit der bürgerlichen Existenz war verloren, für immer. Eben diese Ganzheitlichkeit und Ruhe hatte Napoleon, den ein historischer Irrtum für die Revolution auf dem Kaiserthron halten mochte, wiederherstellen wollen. Es war vergeblich. Die Vielfalt und Unbestimmtheit des In-der-Welt-seins lässt sich vielleicht in der Liebe bannen; in der Politik sicher nicht. Napoleon, dieser große Erotomane des Politischen, dieser Don Juan auf dem Schlachtross, hat es versucht und ist damit grandios und elend gescheitert.

Jeder Mensch ist doch völlig allein – diese Kernaussage Prousts, des Napoleons der französischen Literatur, die im textlichen und hermeneutischen Zentrum seines großen Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit steht, hat Napoleon, auf Sankt Helena, am eigenen Leibe nachvollzogen. Sie beschreibt auch die Grunddisposition des postnapoleonischen Zeitalters, die ungeheure Schwermut, die sich breitmachte unter den Schriftstellern und Künstlern der Romantik, die damals erst, nach Waterloo, zu ihrer vollen Blüte gelangte und die so viele gescheiterte Existenzen, so viel Lebensunfähigkeit und Lieblosigkeit hervorbrachte wie später nur noch der Erste Weltkrieg. Byron, Shelley, Leopardi, Balzac und Flaubert, auch Eichendorff und selbst Heine gehören in diese Liga der Enttäuschten, zum erfüllten Menschsein Unfähigen.

Napoleons größter literarischer Bewunderer, Stendhal, hat sein kleinbürgerliches Ebenbild nach seinem Bilde geschaffen: Julien Sorel, den Helden aus Rot und Schwarz, der als Jüngling, beeindruckt vom Glanz seines Ruhmes und vom Rausch seiner Aktivität, das Mémorial liest; doch der es ihm nicht gleichtun kann, weil sein Leben ein bürgerliches sein wird und die Bürgerlichkeit keinen Raum bereithält für die Entfaltung jener rasenden, überweltlichen Energien, die im Herzen des Menschen schlummern und die ein Napoleon in dieser Welt, einer Welt der Enge, der Unbestimmtheit und Undurchsichtigkeit, zur Entfaltung gebracht hat. Julien schießt am Ende auf Madame de Rênal, seine erste, mütterliche Geliebte, die ihn, den verlorenen Jüngling, in die Welt, ins Leben hatte holen wollen; doch er hatte sich nicht holen lassen, denn die Liebe konnte ihm nicht geben, was sie verhieß: die endgültige Befriedigung, die ewige, totenähnliche Ruhe nach dem großen, alles verzehrenden, alles verausgabenden Sturm. Denn „es ist die Zeit der Kriege und Epopöen nicht mehr“, wie Thomas Mann Goethe in Lotte in Weimar sagen lässt, einem Roman, der eben in jener Zeit spielt. Und er hätte hinzusetzen können: diese Zeit hat es nie gegeben. Es ist eine geträumte, nicht gelebte, eine zeitlose Zeit; eine fingierte Epoche, die es schon bei den alten Griechen nicht gab, die Friedrich in seinem schlesischen Abenteuer vergeblich heraufbeschworen hatte und die Napoleon nicht herstellen konnte.

Die Zeit kann niemand herstellen und niemand überwinden. Ihre Überwindung ist immer nur scheinbar. Als der Kaiser während der Friedensverhandlungen 1807 vom Thronwechsel in Spanien erfuhr, der seine europäische Position gefährdete, und General Rapp fragte, wie weit es von Danzig nach Cadiz sei, antwortete der lakonisch: „Zu weit, Sire.“ Es war eine unhöfische Frechheit, aber es war die Wahrheit: Napoleon, dessen Leben ein einziger Traum von der Überschreitung der Grenzen der Zeit war, scheiterte daran, dieses unmögliche Projekt im Modus der Überschreitung der bloß räumlichen Grenzen wahrzumachen. Er hätte ewig weitermarschieren können: ans Ziel wäre er niemals gekommen. Es gibt kein „Ende der Welt“. Sein Ziel, wie das Ziel jedes Menschen, hätte in ihm selbst gelegen; doch dazu: in sich selbst zu ruhen, in sich selbst die Welt zu finden, die er außen nicht fand, die er sich in immer neuen Kraftanstrengungen und Gewaltleistungen mit Farbe und Gestalt auszufüllen suchte wie ein Drogensüchtiger in seinem Drogenrausch – dazu war dieser kraftvolle Mann nicht stark genug.

In Wahrheit war er schwächer als der letzte seiner Grenadiere gewesen; Frankreich mag er neu geformt, Europa mit seinen Gedanken inspiriert haben: sich selber hat er nicht gefunden. Ein ruheloser Marsch war sein Leben gewesen; die Ruhe kam auf dem verlassenen Felsenriff vor Afrika, weit weg von Europa, jenem Land, das ihm in seiner tiefen, traurigen Weltlosigkeit, wie so vielen großen Europäern auf dem Thron und am Schreibtisch, doch immer zu eng gewesen war.

Dieser Text erschien zuerst im Magazin CICERO, September 2012. Header: Jacques Louis David, Le sacre de Napoléon, 1808, Paris, Louvre. © Wikimedia Commons. 

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