Essay, Geschichte, Philosophie, Politik und Gesellschaft

Der Antisemitismus als Antiorientalismus

Der deutsche Antisemitismus war eine direkte Folge der polnischen Teilungen, die jene Juden, die vier Jahrhunderte zuvor vor den Pogromen des späten Mittelalters nach Osten geflohen waren, wieder nach Preußen und Österreich und damit gleichsam den “Osten” nach dem “Westen” führte. Bis dahin kannte man “den Juden” zwischen Köln und der Lausitz in der Öffentlichkeit vorwiegend als Hoffaktor und Geldverleiher mit dem entsprechenden unterschichtigen Anhang. Dass, worauf Hannah Arendt in ihrer Ätiologie des modernen Antisemitismus bekanntlich das Hauptgewicht legte, es vor 1789 bzw. 1806 eine Öffentlichkeit ieS und damit auch die Bedingung der Möglichkeit von Antisemitismus in Europa nicht gab, kommt hinzu.
Tatsächlich aber war es das urplötzliche, massenhafte Auftauchen der Orientalität im “Westen”, jenem seit Kolumbus’ Tagen in einem Dornröschenschlaf liegenden Westen, das unbekannte und ungeahnte Gefühle der Fremdheit, der Ablehnung und des Hasses in den Völkerseelen auslöste. Die Juden: das waren die schlechthin Anderen, das waren Europäer, die nicht zu Europa zu gehören schienen, die man nicht in Europa haben wollte, seitdem der europäische Orient, das Land zwischen der kroatischen Militärgrenze und Zypern, das alte Kaiserreich der Griechen, an die Türken, der eigentliche Balkan gleichsam an den falschen, den eurasischen gefallen war.
Nun waren die Orientalen, die man im 14. Jahrhundert so glücklich losgeworden war, dank dem gâteau des rois, den der filigrane Kalvinist, die weltkluge Katholikin und die russische Theodora mit der genialisch-ungenierten Rationalität des Rokoko untereinander aufgeteilt hatten, wieder mitten in Europa, dessen einziger ideologischer Strohhalm während der dark ages zwischen 1453 und 1763 hüben wie drüben eine düstere, negativistische Christlichkeit gewesen war. Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen aber wurden, gebrochen und zerfallen mit sich selbst, der Geschichte, Welt und Gott, an der Ungebrochenheit und Traditionalität, die in Millionen polnisch-litauischen Juden, nunmehrigen Untertanen der Majestäten zu Wien und Berlin, sich verkörperte, irre. Sie, nicht die Westler, waren die eigentlich Verwurzelten. Sie brauchten keinen Luther, keinen Bacon, keinen Kant. Für sie hatte das Altertum nie aufgehört, ihre Tradition reichte zurück hinter die beiden großen Artusgestalten des späten Mittelalters, Konstantin den Elften in Mistra und Friedrich den Zweiten auf Casteldelmonte, hinein ins erste Jahrtausend. Der Osten – erst der griechische, dann der slawische – hatte diese Wurzeln konserviert. Dafür sollten sie nach 1772, spätestens nach 1815 bitter Zins zahlen.
Nach 1945 dann wurde Westeuropa nicht etwa judenfreundlich. Es gab schlicht kaum mehr Juden zwischen Bretagne und Burgenland. Die aber überlebt hatten, waren nun in Israel.
Und unversehens wurde so der junge jüdische Staat mit seiner aus einer vermeintlichen Diaspora heimgekehrten jüdischen Bevölkerung, die in Wahrheit die ältesten Bürger Europas sind, sich selbst zurückführend auf Vorfahren aus den Zeiten Konstantins Kleopatras: wurde also jener Staat fernab des geografischen Westens zwar, aber dennoch direkter Nachbarstaat des EU-Staates Zypern, zur neuen Projektionsfläche des westlich-neuzeitlichen Hasses auf den europäischen Orient, auf die Orientalität Europas.
Solange Europa diese seine Orientalität, jene geistliche und nicht bloß geistige Herzkammer, die ihm in einer paradoxalen Gegenbewegung das römische Christentum, das pseudopetrinische Konzept der Westernness geraubt, nicht wieder in sich hereinholt, sie begreift: so lange wird dieses Europa nicht zur Ruhe kommen.

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