Essay, Literarischer Essay

Männlichkeit und Melancholie. Zur Aktualität Joseph Roths

Kein deutscher Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ist so weit in die Tiefen der männlichen  Seele hinabgestiegen wie Joseph Roth. In der literaturgeschichtlichen Rezeption gern als, bestenfalls charmante, quantité négligeable abgetan – zu den „sieben Wegbereitern“ der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts wollte Marcel Reich-Ranicki ihn nicht zählen –, machte ihn seine Eigenschaft als intimer Kenner und Beschreiber der männlichen Seele im literarischen Diskurs auch nicht interessanter. Vierzig Jahre Emanzipationsdebatte haben ein gleichstarkes Interesse für die emotionale Verfasstheit des anderen, also: des männlichen Geschlechts bislang kaum nach sich ziehen können; auch unsere Belletristik folgt mehr oder weniger bruchlos ihrer uralten Faszination für das Weibliche und die Frau. Männlichkeitsprosa, obgleich in den letzten Jahren verstärkt in den Verlagsprogrammen zu finden, bleibt ein Kuriosum, interessant vielleicht noch fürs Sachbuch, aber nur ausnahmsweise für den Roman (man denke an Uwe Tellkamps schnell gefeierten, aber leider ebenso schnell vergessenen Eisvogel); als Kuriosum aber gilt auch Roth, dessen hoher Rang in der Darstellung und Deutung menschlicher und männlicher Innerlichkeit von der Literatur- und Kulturgeschichte bis heute noch kaum anerkannt worden ist.

Die Männlichkeit und ihre Melancholie sind das Kernthema der Rothschen Prosa. Schon die Formalitäten sprechen hierfür: vom Stationschef Fallmerayer über den heiligen Trinker bis zur biblischen Allusionsfigur Hiob sind es entweder Männer, die seinen Büchern den Namen geben, oder männliche Schicksale in einem jedenfalls explizit männlichen Setting. Eine Emma Bovary, Effi Briest oder Anna Karenina gibt es bei Roth weder als Titelheldin noch als Heldin überhaupt, auch keine Armance oder Salammbo. Entsprechend spielen seine Geschichten auch nicht im Salon von Paris, auf der Strudlhofstiege in Wien oder dem Ball in Sankt Petersburg. Seine Schauplätze sind Kasernen, Caféhäuser und Bauernstuben. Es sind Männerwelten, und es sind Arenen männlicher Weltlosigkeit und männlicher Melancholie.

Seit es sie gibt, wird Melancholie als spezifisch männliche Erscheinung beschrieben. Der einsame Mönch in der Zelle, der vergrübelte Denker in der Studierstube aber auch, wie Dieter Borchmeyer in seiner Studie Macht und Melancholie herausstellte, der trotz seines Ranges bindungslose Fürst und Feldherr in seinem Schlafgemach: Männer sind sie alle, und in ihrer Außergewöhnlichkeit und Atypizität zugleich nur besonders beispielhafte Exponenten ihres Geschlechts. Aber die Melancholie des Mannes ist kein Asservat aus der geschlechterpsychologischen Rumpelkammer vergangener Epochen: sie ist heute, im postheroischen Zeitalter, gerade in unseren westlichen Gesellschaften so präsent wie je. Die archetypischen Topoi des Selbstzweifels, der Orientierungslosigkeit und der Abstiegsangst finden unter den mentalitären und sozialpsychologischen Bedingungen unserer Zeit einen denkbar festen Ankergrund. Selten war die Gefahr des Absturzes in die Schwermut so groß wie heute; selten aber auch die Bereitschaft – und der gesellschaftliche Druck – zu ihrer Verheimlichung und Verleugnung.

Um das Spannungsverhältnis zwischen Melancholie und ihrer Verleugnung, zu der das männliche als vermeintlich „starkes“ Geschlecht sich seit je besonders aufgefordert fühlt, dreht sich als inneren Angelpunkt das Romanwerk Joseph Roth. Unter dem szenischen Mantel des habsburgischen Mythos, seines tatsächlichen Untergangs und seiner fiktionalen Beschwörung, wie sie Claudio Magris beschrieben hat, entfaltet Roth das Panoptikum männlicher Unsicherheit im Leben und männlicher Verweigerung vor dem Leben. Da ist es kein Zufall, wenn viele seiner, in manchmal sehr konzentrierter, aber nie süßlicher oder kitschiger K.-u.-k.-Seligkeit schwelgenden, Werke tatsächlich die Charakterisierung als „Kasernenroman“ verdienen, welche sein großer Konkurrent Robert Musil etwas säuerlich dem Radetzkymarsch verlieh. Denn der Militärdienst, eine kulturgeschichtliche Konstante, die über Jahrhunderte und bis in die deutsche Nachkriegszeit hinein die auratische Selbst- und Fremdwahrnehmung des europäischen Mannes prägte wie keine andere, ist der ideale Schauplatz der sehr realen Inszenierung von existenzieller Unbefriedigung und der, ebenso unbefriedigenden, Flucht aus ihr in die scheinbar klare Welt der festen Regeln, deren pseudonaturalistische Geordnetheit durch den erlaubten Kultus autoaggressiver Übertretungen – Duelle, Alkohol, Glückspiel, Affären – doch bereits immanent widerlegt wird.

Roths Gestalten, allen voran die Protagonisten der großen „Militärromane“: der Leutnant Trotta, der Rittmeister Taittinger, der Oberleutnant Tunda, sind allesamt schon heimatlos, bevor sie ihre reale Heimat durch die Gewalt der historischen Ereignisse einbüßen. Ihr pathologischer Mangel an Selbstreflexion expliziert sich bei ihnen in einem grundsätzlichen Unvermögen, auf das Leben zuzugehen und sich dabei selbst zu finden. Der militärisch-aristokratische Habitus, in dem sie erzogen wurden, macht sie zu deutsch-österreichischen Pendants der ewigen, ewig scheiternden Jünglinge Stendhals und Balzacs und ebenso zu Korrelationsfiguren ihrer literarischen Pendants aus dem  Bürgertum: der Satz Ulrichs aus Musils Mann ohne Eigenschaften: „ich liebe mich einfach selbst nicht“, könnte genauso aus dem Munde von Roths Leutnants und Rittmeistern stammen. Auch die bizarre Erratik von Prousts Gestalten, das vertrackte Sich-nicht-zurecht-Finden der Figuren Doderers, die bis zur Abstraktion versteifte Weltlosigkeit bei Kafka, die norddeutsch-schwerblütige Lebensunfähigkeit bei Thomas Mann reflektieren, jeweils auf ihre Art, die Problematik von nicht vollzogener Selbstfindung und alternativlos vollzogenem Scheitern. Die Verweigerung vor der Freiheit, in der die Sozialpsychologie des 20. Jahrhunderts von Adorno bis Erich Fromm das Hauptmerkmal der Weltkriegsepoche ausmachen sollte, ist das große Thema bei ihnen allen.

Keiner aber hat es so charmant literarisiert wie Roth. Das wahre Pathos, wie Nietzsche wusste, kommt aus der Distanz, und diese Distanz, zwischen Mensch und Mensch wie zwischen dem Menschen und der Welt, die ihn umgibt, ist gerade das Wesen der „dienstlichen Existenz“; die unsichtbare Mauer des Reglements, dem Körper- und Sprachbewegungen unterworfen sind, soll das Hervorbrechen der in jahrelanger Konditionierung unterdrückten Gefühle ex ante verhindern; aber gerade diese denkbar totale Blockade lässt, weil rein formal, die Materie der Gefühle immer wieder und mit unbeschreiblicher Deutlichkeit nach außen treten:

„Endlich sagte der Oberst – und er sprach erstaunlich leise: »Herr Rittmeister, kennen Sie einen Grafen W., Sektionschef im Finanzministerium?« Taittinger fühlte die Knie kalt werden, über dem Rand der Stiefelschäfte begann das Eis, es waren gar keine Knie mehr. Es war schwer, aufrecht zu bleiben, wenn die Schenkel auf Eisklumpen saßen. »Jawohl, Herr Oberst!« – »Und kennen Sie einen, einen, einen gewissen Redakteur Bernhard Lazik?« – »Jawohl, Herr Oberst!« »Wissen sie jetzt, warum Sie hier stehn?« – »Jawohl, Herr Oberst!« – »Ruht!« befahl der Oberst. Der Rittmeister streckte den rechten Stiefel vor. »Sie können sich setzen!« sagte Kovac und zeigte auf den nackten, hölzernen Stuhl. »Danke respektvollst!« sagte Taittinger. Er wartete. »Setzten S’ sich! hab’ ich gesagt!« schrie Kovac. Der Rittmeister setzte sich. Der Oberst ging auf und ab, kreuz und quer über den großen Teppich. Von Zeit zu Zeit verschränkte er die Arme, löste sie wieder, ballte die Fäuste, steckte sie in die Hosentaschen, klimperte mit Schlüsseln, zog die Schlüssel hervor, drehte sie im Kreis am Ring um den Daumen, steckte sie wieder ein. Er schien immer schmaler, blasser und unwirklicher zu werden. Der Novembernachmittag warf seine ersten Dämmer in die Kanzlei, und nur der blanke Widerschein des frischen Schnees, der aus dem Hof durch die Fenster drang, konnte sie noch abschwächen. »So reden S’ doch endlich!« schrie der Oberst auf. “

Szenen wie diese aus der 1002. Nacht sind existenzielle Grenzsituationen, deren Darstellung im Gewande auratischer Sachlichkeit erst ihre volle Eindringlichkeit gewinnt. Der Einbruch des Unbewussten, Ungreifbaren, Abgründigen wird von Roth mit einer erzählerischen Könnerschaft zelebriert wie von keinem andern Schriftsteller. Die scheinbar ermüdende Neutralität der Schilderung des dienstlichen Alttags, das Ausbreiten von Details der Kleidung, des Aussehens, der Szene bewirkt wie bei Proust, Musil oder Doderer die eidetische Abschattung von Realitäten. Doch wo bei diesen die Abschattung zum Selbstzweck gerät, das intentionalistische Postulat des „zu den Sachen“ ins Poetische übersetzt wird: da dient es Roth der Vorbereitung des Lesers auf den existenziellen Schiffbruch, den der umso realistischer miterlebt, je näher, planer und greifbarer ebendiese Realität geschildert wird. Was die Schriftstellerei seit der Frühromantik im Prozess ihrer Emanzipation hin zu Philosophie und Weltanschauung sukzessive verlernte: nämlich den Menschen und sein Scheitern bloß und „nackt“ zu erzählen: Roth hat es in seiner Prosa wieder eingeholt. Wie bei Schiller, so reden auch bei Roth, wie Elfriede Jelinek es ausdrückte, die Menschen buchstäblich „um Leben und Tod“. Doch was bei Schiller im jambischen Monolog geschieht, findet bei Roth in der Wiedergabe von Settings und Stimmungen statt. Nicht was Kaiser Franz Joseph und der alte Trotta in der Audienz sagen, sondern wie sie es tun, gibt der Szene ihre ungeheure Tiefe und macht sie in ihrer Schlichtheit so abgründig.

„»Na, mein lieber Trotta?« fragte er. Denn es war seine kaiserliche Pflicht, seine Besucher verblüffenderweise beim Namen zu kennen. »Majestät!« sagte der Bezirkshauptmann und verbeugte sich noch einmal tief: »Ich bitte um Gnade für meinen Sohn!« »Was für einen Sohn hat Er?« fragte der Kaiser, um Zeit zu gewinnen und nicht sofort zu verraten, daß er in der Familiengeschichte der Trottas nicht bewandert war. »Mein Sohn ist Leutnant bei den Jägern in B.«, sagte Herr von Trotta. »Ah so, ah so!« sagte der Kaiser. »Das ist der junge Mann, den ich bei den letzten Manövern gesehen hab’! Ein braver Mensch!« Und weil sich seine Gedanken ein wenig verwirrten, fügte er hinzu: »Er hat mir beinah das Leben gerettet. Oder waren Sie es?« »Majestät! Es war mein Vater, der Held von Solferino!« bemerkte der Bezirkshauptmann, indem er sich noch einmal verneigte. »Wie alt ist er jetzt?« fragte der Kaiser. »Die Schlacht bei Solferino. Das war doch der mit dem Lesebuch?« »Jawohl, Majestät!« sagte der Bezirkshauptmann.“

Im scheinbar belanglosen Kreisen um die Äußerlichkeiten der Handlung gewinnt literarisches Erzählen eine Spannung, die weder die pathetische aktionale Aufladung des Historienromans (etwa bei Tolstoi und Victor Hugo) noch die hermetische Weltanschaulichkeit des fin de siècle hervorbringt. Roth beschreibt keine Schlacht bei Waterloo, aber auch keinen Seerosenteich; sondern er will das Innerliche, Unaussprechlich-Verborgene, den tiefen, durchs Bewusstsein nicht einholbaren Weltschmerz ans Licht heben: das aber gelingt nur im formalen Verharren an der Oberfläche. Das stille Wasser ist auch hier tief. Fontanes Stechlinsee, unter dem sich ein Vulkan von Beziehungen zur Welt der Gefühle verbirgt, wird bei ihm aus dem Bereich der Metapher hinausgeholt in die menschliche Rede und ihre vermeintliche, irreführende Simplizität. Es sind stets die Schlüsse solcher Szenen, die in ihrer formellen Erleichterung das Ungeheure der seelischen Anspannung und Verkrampfung endlich offenkundig machen:

„Auf einmal fiel es dem Kaiser ein, daß er vor seiner Abreise nach Ischl noch viel zu erledigen hatte. Und er sagte: »Es ist gut! Es wird alles erledigt! Was hat er denn angestellt? Schulden? Es wird erledigt! Grüßen Sie Ihren Papa!« »Mein Vater ist tot!« sagte der Bezirkshauptmann. »So, tot!« sagte der Kaiser. »Schade, schade!« Und er verlor sich in Erinnerungen an die Schlacht bei Solferino. Und er kehrte an seinen Schreibtisch zurück, setzte sich, drückte den Knopf der Glocke und sah nicht mehr, wie der Bezirkshauptmann hinausging, den Kopf gesenkt, den Degengriff an der linken, den Krappenhut an der rechten Hüfte.“

In den Abgängen bei Roth entlädt sich eine tiefe rein-menschliche Spannung, die so unmittelbar zu Tränen rührt wie die großen Referenzstellen bei Schiller: denken wir an den Abschied der Thekla von Friedland von dem schwedischen Hauptmann, der ihr die Nachricht vom Tode Max Piccolominis bringt. Hier wie dort mischt sich in die weltlose, unbezogene Melancholie ein Rest von Trauer, damit aber von Welthaftigkeit und Weltvertrauen, das, obzwar durch die Erfahrung einer konkreten Negativität, schlussendlich doch beglaubigt und eingeholt wird. In der Schilderung der Rettungs- und der Todeserfahrung mit ihrer schmerzlichen Versöhnlichkeit entbirgt sich das katholische Genie des galizischen Juden Joseph Roth:

„Er ging, im schwarzen Anzug, das schwarze Trauerband um den Ärmel, zu Fräulein Hirschwitz ins Zimmer, blieb an der Tür stehen und sagte: »Mein Sohn ist tot, Gnädigste!« Er schloß schnell die Tür, ging ins Amt, von einer Kanzlei zur andern, steckte nur den wackelnden Kopf durch die Türen und verkündete überall: »Mein Sohn ist tot, Herr Soundso! Mein Sohn ist tot, Herr Soundso!« Dann nahm er Hut und Stock und ging auf die Straße. Alle Leute grüßten ihn und betrachteten verwundert seinen wackelnden Kopf. Den und jenen hielt der Bezirkshauptmann an und sagte: »Mein Sohn ist tot!« Und er wartete nicht die Beileidssprüche der Bestürzten ab, sondern ging weiter, zu Doktor Skowronnek. Doktor Skowronnek war in Uniform, ein Oberarzt, vormittags im Garnisonspital, nachmittags im Kaffeehaus. Er erhob sich, als der Bezirkshauptmann eintrat, sah den wackelnden Kopf des Alten, das Trauerband am Ärmel und wußte alles. Er nahm die Hand des Bezirkshauptmanns und blickte auf den unruhigen Kopf und auf den flatternden Zwicker. »Mein Sohn ist tot!« wiederholte Herr von Trotta. Skowronnek behielt die Hand seines Freundes lange, ein paar Minuten. Beide blieben stehen, Hand in Hand. Der Bezirkshauptmann setzte sich, Skowronnek legte das Schachbrett auf einen anderen Tisch. Als der Kellner kam, sagte der Bezirkshauptmann: »Mein Sohn ist tot, Herr Ober!« Und der Kellner verbeugte sich sehr tief und brachte einen Cognac.“

Das ist große Literatur. Niemand, der diese Zeilen je gelesen hat, kann sich ihrer Eindringlichkeit, ihrer ungeheuren emotionalen Kraft, dem schlichten Zauber entziehen, der hier aus dem kindlichen Urgrund der menschlichen Seele heraufgehoben wird in die glanzlose Helle der realistischen Deskription. Dass Joseph Roth mehr war als K.u.k.-Schwärmer und Kasernenliterat: hier muss es auch dem Kritischen, Nüchternen einleuchten.

Das alles freilich ist nur möglich auf dem Hintergrund der Melancholie, die zwar inhaltsärmer, dafür aber viel gewaltiger ist als die bloße Trauer, weil in ihr der Mensch sich völlig losgesagt hat von jeder Heimatlichkeit. Der Melancholiker ist in der Welt nicht mehr zuhause. Roths Männer sind vaterlose Männer, und wenn sie, wie die Trottas, Väter haben, so ist das Verhältnis zu ihnen doch jeweils gebrochen durch die Weltlosigkeit, in der der jeweilige Vater selbst steht. Die Liebe, die sich doch mit aller Macht zum Ausdruck bringen will, scheitert auch nicht an den äußeren väterlichen Vorbehalten gegenüber dem Sohn; sie sind nur die Camouflage des persönlichen Schicksals, ebenso wie die Vorbehalte der Epoche: das langsame Zerbrechen der Donaumonarchie, der Schwund der durch die Monarchie garantierten politischen Solidität, die Zersplitterung der Gesellschaft, die sich aus der machtvoll fortschreitenden Partikularisierung der Stände und Völker ergibt. Der Abstieg der Trottas ist ja eben kein Abstieg von sozialer Höhe (die die Familie ja jüngst erst erklommen hat), auch kein Abstieg als politisches Individuum, denn Kaisertreue und Österreichertum sind keine natürlichen oder geburtlichen Zuschreibungen, sondern nominale Identitäten, deren Aufgabe nicht zugleich den Selbstverlust bedeuten muss; nein, es ist ein Abstieg von der Höhe des unreflektierten Bei-sich-selbst-seins in die Tiefe der Bewusstwerdung; die erste Wirkung der Bewusstwerdung aber ist der Bruch mit allem und die Entfremdung von allem. Wie Hannah Arendt es ausdrückte: „es stehen nicht mehr einzelne Hindernisse entgegen, wegräumbare; sondern alles, die Welt.“

Das Negativitäts-Problem des frühen 19. Jahrhunderts ist eng verschränkt mit dem Melancholie-Problem des späten. Seine geistesgeschichtliche Wirkung reicht über die Sinnkrise des fin de siècle über die politische Krise des Ersten Weltkrieges bis hin zur moralischen Krise des totalitären Zeitalters. Der Männertypus dieses Zeitraumes lässt sich im Ganzen beschreiben nicht mit den separaten Topoi der autoritären Persönlichkeit, des Staatenlosen oder des Todessehnsüchtigen; sondern mit dem Archetypus des Melancholikers, der jene drei auffängt und einschließt. Auch unser sehr modernes Zeitalter kennt den Typus des Melancholikers: den Mann, der, seiner überkommenen gesellschaftlichen Aufgaben ledig, seiner dominanten Stellung im Privaten beraubt, seiner selbst nicht mehr gewiss und sicher, hinabsteigt in die Gründe der Selbstreflexion, welche zuvörderst je sich als Selbstzweifel eröffnet.

Ent-Zweiung, mit sich selbst und der Welt, Selbst- und Weltlosigkeit sind die wesentlichen Erscheinungsformen der Melancholie. Sie wird wirklich als schleichender Rückzug in sich, der aber ein Scheinrückzug ist, weil man ja eben sich selbst nicht kennt, also gar nicht finden kann, wonach man sucht. Die immanente Erratik dieser Suche tritt bei Roth hervor in der Zerstreuung der Männer in Alkohol und Spiel, in der schwermütigen Beliebigkeit ihres Beziehungsverhaltens, in der grundsätzlichen Ziellosigkeit ihrer Lebenswege. Das Entscheidende: nämlich die klare Auseinandersetzung mit sich selbst fällt schon ihnen unendlich schwer – wie viel schwerer aber noch den Männern heute. Denn nie war die Selbstfindung des Mannes in gleicher Weise Thema des wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurses gewesen wie, seit den Tagen der George Sand, die Selbstfindung der Frau.

Der Astralschmerz, keine „historische“ Aufgabe mehr zu haben, ist in der Seele des heutigen Mannes so präsent wie bei den Männern Roths. Der Anspruch, aus seinem privaten Leben, seiner Innerlichkeit „etwas zu machen“: sich zu „entspannen“ und „fallen zu lassen“, hämmert heute, im Jahr 2011, mit unerbittlicher Gewalt gegen die Seele des Mannes. Die Aufforderung zur Erweichung, zur emotionalen Gefälligkeit und Entspanntheit aber hat nun gerade für den Mann etwas viel Gewaltsameres, als jeder Dienst, jeder formale Zwang es je haben könnte: denn er verpflichtet zum Niederreißen der Mauern, die sich in der Geschichte der menschlichen Psyche in mehreren, wohlverwachsenen Schichten um die Seele des Mannes gelegt und ihn durch tausende Jahre des Kampfes, der dauernden, akuten oder latenten agonalen Konfrontation davor bewahrt haben, sich zu verlieren; denn das Risiko, sich, sein Innerstes, seinen Herzensschrein zu verlieren, ist allerdings das Erste und Wesentliche, was es dem Mann a priori und mit aller Raffinesse und aller Schläue zu verhindern gilt, und er hat darin über die Jahrtausende eine Meisterschaft entwickelt, die so beeindruckend wie unheimlich ist. Wie anders auch hätte der Mann die ihm imputierte Rolle, das starke Geschlecht zu sein (was er natürlich genauso wenig ist wie die Frau das schwache), durch die Zeiten hindurch spielen können ohne diesen einen, wesentlichen Vorbehalt, der ihn dagegen abschirmt, sein Tun und Erleiden emtional zu reflektieren und genau in diesem Augenblick untauglich zu werden für dieses Tun und Erleiden, was doch seine Lebensaufgabe, sein Lebenssinn ist und was sich in der militant-violenten Tradition der europäischen Gesellschaft, die ja bis weit ins 20. Jahrhundert hineinreichte, emblematisch verwirklicht hat?

Durch Jahrtausende hindurch war es dem Mann hundertmal lieber, das äußerliche Leben zu verlieren, als sich innerlich eine Blöße zu geben, deren voller Anblick ihn zu Tode schockieren müsste. Immer gehörte es etwa zur Grundverfassung der männlichen Aristokratie, dass das Leben als solches wenig, die „Ehre“ und der „Stolz“ aber alles zählten; dass der klassische Adlige lieber im „Felde bleibt“, bei einer Kavallerieattacke oder einem Infanterieangriff fällt, als sich in seiner Emotionalität auch nur die geringste Blöße zu geben, ist ein psychopathologisches Grundmuster, das sich bei allen Figuren Roths bis ins Detail wiederfindet. Dass man, um sich wirklich und nicht bloß formal-gesellschaftlich, zu finden, zuallererst sich selbst verlieren müsse, ist für den alten Trotta, den Bezirkshauptmann, wie auch für sein stilles Alter Ego, den alten Kaiser Franz Joseph, ein untragbare Zumutung. Seine Unterdrückung beziehungsweise seine kulturelle und militärische Sublimation ist die eigentliche Aufgabe der Dynastie, des Adels, des Beamtenschaft und natürlich und in besonderem Maße der Armee.

Freilich liegen die anthropologischen Wurzeln der männlichen Verweigerung vor dem Gefühl, dem Sich-Öffnen und Sich-Verlieren tiefer. Gilt die Aufforderung zum Sich-Verlieren der Frau, von der sie zumeist erhoben wird, als Anstoß zur Selbstbefreiung und Selbstversicherung, so wirkt sie auf den Mann gerade umgekehrt: als Verpflichtung zu einer zwanghaften Veräußerung seines Innerlichen, das er schlicht nicht veräußern will. Die Furcht vor dem Selbstverlust, welchen die Frau sirenenhaft von ihm fordert, ist für den Mann nichts anderes als die intellektuelle Übersetzung seiner archetypischen Furcht vor der Kastration. Der militärische Kultus der Straffheit, welche bei Roth seine literarische Verewigung gefunden hat und der in der Dienstfertigkeit der männlichen Jobholders von heute eine gewisse Entsprechung hat, ist in seiner Negation des Emotionalen gerade das sicherste Bollwerk gegen die befürchtete soziale und seelische Kastration. Die emotionale Versteinerung des Mannes bewirkt gerade, allerdings nur an der Oberfläche und nur vorübergehend, die emotionale Festigung, welche für die Frauen dagegen unlösbar mit der emotionalen Öffnung verbunden ist; in etwa wie übertriebene Sparsamkeit oft ein Zeichen eben nicht für besondere Armut, sondern für besonderen Reichtum ist – einen Reichtum freilich, der unter der Voraussetzung und um den Preis erworben wird, reell nicht ausgelebt werden zu dürfen. Es ist der uralte, ja: archetypische männliche  Anankasmus der Zurückhaltung, die zwar die Welt in ihrer negativitären Struktur von ihm fordert; die aber zugleich die Menschen, die diese Welt bevölkern, von ihm wegtreibt und ihn isoliert. In diesem circulus vitiosus von Weltabwendung um der eigenen Menschlichkeit willen und Beziehungsverlust aufgrund der eigenen Weltlosigkeit bewegen sich die Figuren Joseph Roths.

Diese Weltlosigkeit verhindert freilich nicht Epiphanien des Geliebtwerdens und Behütetseins. Doch es ist keine reine Liebe und keine reine Hut, denn ihre Epiphanien kommen von außen, in der Art, wie ein Deus ex machina auftritt, und ziehen sich dorthin wieder zurück. Es sind väterliche Topoi, die bei Roth an den emotionalen Höhepunkten der Handlung aktualisiert werden, und Vaterfiguren, an denen sich der Augenblick der Errettung inszeniert; einmal sogar in der Gestalt des Jüngeren, Tumben, Untergebenen:

„Der Leutnant ging die Treppe hinauf. Genau drei Stufen hinter ihm folgte Onufrij. Sie standen im Zimmer. Onufrij, immer noch mit sonnigem Angesicht, meldete: »Herr Leutnant, hier ist Geld!«, und er zog aus Hosen- und Blusentasche alles, was er besaß, trat näher und legte es auf den Tisch. An dem dunkelroten Taschentuch, das die zwanzig goldenen Zehn-Kronen-Dukaten so lange unter der Erde geborgen hatte, klebten noch silbergraue Schlammstückchen. Neben dem Taschentuch lagen die blauen Geldscheine. Trotta zählte sie. Dann knüpfte er das Tuch auf. Er zählte die Goldstücke. Dann legte er die Scheine zu den Goldstücken in das Tuch, schlang den Knoten wieder zusammen und gab Onufrij das Bündel zurück. »Ich darf leider kein Geld von dir nehmen, verstehst du?« sagte Trotta. »Das Reglement verbietet es, verstehst du? Wenn ich das Geld von dir nehme, werde ich aus der Armee entlassen und degradiert, verstehst du?« Onufrij nickte. Der Leutnant stand da, das Bündel in der erhobenen Hand. Onufrij nickte fortwährend mit dem Kopf. Er streckte die Hand aus und ergriff das Bündel. Es schwankte eine Weile in der Luft. »Abtreten!« sagte Trotta, und Onufrij ging mit dem Bündel.“

Die Beschwörung der Väterlichkeit, die hier in der Maske des „ungeschlachten Bauernburschen mit dem goldenen Herzen“ aufscheint, ist die klassische verzweifelte Reaktion des weltlosen Mannes auf seine Ungeborgenheit; der Schrei nach Liebe, also nach absoluter Selbstvergewisserung, der von der eigentlich „befugten“ Seite nicht erhört wird – sei es aus mehrheitlich gesellschaftlichen Gründen, wie damals, oder aus biographisch-individuellen, wie heute –, wird umdirigiert von der Zeitrichtung Zukunft und der Beziehungsrichtung Frau/Partnerschaft auf die Zeitrichtung Vergangenheit und die Beziehungsrichtung Vater/Kindschaft: nicht mehr im Erklimmen einer neuen Lebenshöhe, in der furchtlosen, ausgreifenden Aneignung von Reife, Erfahrung und Selbstsicherheit wird das Ziel, der geeignete Weg zur Erlösung seiner selbst aus der Unbezogenheit erblickt; sondern im Regress ins seinsgeschichtliche Kindesalter, im Rückschritt aus der quälenden Negativität des Bewusstseins in die wärmende Geborgenheit eines urweltlichen Zusammenhangs, in dem mit den Worten Schillers, dessen Leben und Werk eine einzige Paraphrase seines tiefen, schweren Vaterkomplexes war, ein „lieber Vater“ wohnen muss. Roths Männer sind Lieblose, Ungeliebte, Sich-selbst-nicht-Liebende, deren katholisch aufgeladene Vatersehnsucht doch nur eine hilflose Ausflucht aus dem ungelösten Problem ihres ungeklärten Selbst- und Weltverhältnisses ist.

So ist auch der spezifisch „väterliche“, aufopfernde Tod, den der Leutnant Trotta im Radetzkymarsch stirbt, keine eigentliche Vollendung, sondern nur eine weitere, ins Absolut-Ikonische gesteigerte Weise der Flucht vor der Selbstverantwortung, welche zugleich eine Flucht vor der Freiheit ist. Kein simpler Fatalismus, nein; aber auch kein wahrhaft „männliches“, wenn auch nicht pseudo-„mannhaftes“ „Auf-den-Hund-Kommen“ im Sinne Goethes, des Pragmatikers. Es ist ein schöner Tod, den Carl Joseph stirbt; aber eben doch ein Tod und damit ein Abbruch, eine, wie weit auch heroische und zu Tränen rührende, Unterbrechung des Prozesses der Selbstfindung, der durch den Dunst der Melancholie, der Furcht vor der Freiheit schon längst umnebelt worden war.

Genau mit diesen Männern aber schuf Joseph Roth menschliche Parabeln von einer zeitlosen Ausdruckskraft. Der Tod, der in der Schlacht zumal, als Ausflucht ist dem Mann heute als Ausflucht verschlossen. Er muss sich im Leben fangen, kann einen erratischen Lebensgang nicht durch einen ikonenhaften Tod heilen. Aber die schmerzlichen Abgründe der Melancholie: die Trauer über die Abwesenheit des Vaters und über die Vergeblichkeit der Suche nach einer echten Identität im Leben, welche nur die entschlossene Selbstliebe geben kann: sie sind vorhanden in der Seele des Mannes, gestern wie heute, ebenso wie die pathologischen Reaktionen darauf: Alkoholismus, Schwermut, Depression. Gerade in der epochalen Begrenztheit ihrer Aura, in ihrer Unmodernität und Unstylishness sind Roths Männer beispielhaftere, im Wortsinne realistischere literarische Figuren als viele Gestalten der Literatur nach ihm. Ihre historische Aktualität ist erloschen; aber die auratische Wirkung lebt fort im Schicksal des Mannes, dessen Weg zu sich selbst im postheroischen Zeitalter gerade erst in seine spannende Phase getreten ist.

Eine stellenweise abweichende Fassung des Textes wurde am 9.12.2012 in der Sendung “Essay und Diskurs” im Deutschlandfunk ausgestrahlt.

Titelbild: Dietmar Schönherr und Walter Reyer in Peter Beauvais’ Verfilmung von Roths letztem Roman, “Die Geschichte von der 1002. Nacht”, Deutschland 1969

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