Essay, Geschichte

Napoleons griechische Abstammung

In seinem Meisterwerk “Europe. The struggle for supremacy”, dessen Erzählung im griechischen Schicksalsjahr 1453 beginnt, schreibt Brendan Simms: «Napoleon never had a plan,’ his long-serving foreign minister, Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, later remarked, ‘it was always what had just happened that told him what to do next.’149 The pursuit of ‘glory’ and ‘destiny’ – two constants in Napoleon’s rhetoric – does not constitute a strategy in itself, beyond that of perpetual motion and conflict.»

Auch ich nannte Napoleon in meinem vor drei Jahren im Magazin “Cicero” erschienen Essay zum zweihundertjährigen Jubiläum des Russlanfeldzuges die “fleischgewordene Furie des Verschwindens” (siehe https://misterdarcysblog.wordpress.com/2015/05/05/europa-enges-land-napoleons-russlandfeldzug-1812-und-seine-weltgeschichtliche-dimension/). Nichts, so heißt es dort, liege offen an ihm “als seine schiere Kraft, nichts als die pure Gewalt seiner Wirkung, das ewig Drängende, Vorwärtsstürmende seiner Tätigkeit, die ihn von Feldzug von Feldzug führte, und die ihn doch in aller Tätigkeit, in allem Gestalten und Entwerfen doch merkwürdig geisterhaft, seltsam weltlos und ungreifbar erscheinen lässt.”

Dies sieht freilich anders aus, lässt man sich auf eine Theorie ein, die sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreut.  

Die Herzogin von Abrantès, Witwe des Generals Junot, erläutert im ersten Band ihrer Mémoiren die These, wonach Napoleon griechischer Abstammung gewesen sei. Tatsächlich lässt sich sein Familienname Buona Parte, also “der/ein gute(r) Teil”, als italianisierte Form des griechischen nomen gentile “Kalomero” bzw. “Kalomeris” lesen (kalo meros = der gute Teil).

Die Kalomeri lassen sich in Mani nachweisen, am westlichen Südzipfel der Peloponnes, wo der Widerstand gegen die slawische und später die türkische Landnahme stets besonders zäh gewesen. 1460, sieben Jahre nach der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmet II., fiel auch die Morea – so hieß diePeloponnes bis ins 19. Jahrhundert hinein – unter türkische Herrschaft. Doch ganz sicher konnte sich der Sultan der Halbinsel nie sein, die Morea blieb heiß umkämpft: im sechsten venezianisch-osmanischen Krieg errichtete die Serenissima im Jahr 1688 das Königreich Morea, das bis 1715 bestand, 1770 brach hier der Orlow-Aufstand aus, und der griechische Befreiungskrieg nahm 1821 von Patras aus seinen Ausgang.

Die vierhundert Jahre der Turkokratie führten zu einem intensiven kulturellen und demographischen Transfer zwischen Griechenland und Italien. Neben der Kolonisierung griechischen Territoriums durch Venedig, das so der türkischen Herrschaft entging, bedeutete dies vor allem Flucht von Griechen in den christlichen Westen. So emigrierte ein Abkömmling der Kalomeri im 16. Jahrhundert nach Italien und ließ sich unter dem italianisierten Namen Buonaparte erst in der Toskana, dann auf Korsika nieder.  

Napoleons Vater Carlo Maria Bonaparte, der Griechisch gesprochen haben soll, könnte selber einen Hinweis auf diese griechische Herkunft im Vornamen seines Sohnes versteckt haben: “Napoleon” lässt sich nämlich aus den griechischen Wörtern “nápos”, Tal, Einöde, und “léon”, Löwe, herleiten und hieße dann so viel wie “Löwe des Tales”. 

Napoleons Drang nach Osten und sein Wunsch, Griechenland von den Türken zu befreien und das römische Reich in den Grenzen des alten griechischen Kulturkreises wiederherzustellen, würden so verständlich. Napoleon war es nämlich, der den ersten unabhängigen modernen griechischen Staat schuf. Nach dem Frieden von Campo Formio im Oktober 1797, der unter anderem die Existenz der Republik Venedig, einst ein Exarchat des griechischen Kaiserreiches, nach eintausendjähriger Geschichte beendete,  wurden die ionischen Inseln, bis dahin venezianisches Territorium, als “Département des îles ioniennes” Teil der französischen Staates. Dazu gehörten Kephalonia, Kerkyra, Ithaka, Kythira, Lefkada, Zakynthos und Paxoi sowie eine Vielzahl von diesen Hauptinseln abhängiger kleinerer Eiländer. Ein griechisches Bataillon kämpfte im Regiment der Chasseurs de l’orient unter französischer Führung in Ägypten gegen die Truppen Englands und des Sultans. Der griechische Befreiungskampf der 1820er Jahre wurde von der antiosmanischen Politik des frühen Napoleon wesentlich inspiriert.   

Wie Jean Savant in seinem einschlägigen Werk “Sous les aigles orientales” ausführt, wollte Bonaparte das osmanische Reich auflösen und ein selbständiges Griechenland  wiedererrichten. Das führte im Zweiten Koalitionskrieg (1798-1802) zu einem historisch einzigartigen britisch-russisch-osmanischen Bündnis gegen Frankreich. Nach dem Ausscheiden Zar Pauls I. aus der Koalition wurde das Department der ionischen Inseln als “Republik der sieben Inseln” (griech. Eptanesa”) im Jahr 1800 unabhängig. Der erste freie griechische Staat der europäischen Neuzeit war geboren. 

Zunächst unter russischem Protektorat, kamen die Eptanesa im Frieden von Tilsit 1807 unter französische Garantie, bis 1814 nach dem Sturz Napoleons die britische Krone anstelle des Kaisers der Franzosen trat. Fünfzig Jahre später wurden die ionischen Inseln, bis heute untrennbar verbunden mit dem Odysseusmythos, endlich mit dem griechischen Mutterland vereint: Queen Victoria schenkte sie gleichsam dem jungen Prinzen von Dänemark, dem Schwager des Prince of Wales, zu seiner Inthronisation als König Georgios I. von Griechenland. 

Obwohl die Bonaparte traditionell ebenso auf Familien gleichen Namens in Sarzana bzw. Treviso zurückgeführt werden, beginnt ihre gesicherte korsische Stammreihe erst im 16. Jahrhundert. Eine griechische Abstammung Napoleons ist unbewiesen, aber nicht unwahrscheinlich. Sein bedingungsloser Drang nach europäischer Harmonie freilich, die unfassbare Spannweite seiner Biographie zwischen titanischer Gewalt und prometheischem Exil, sein brennender Wunsch schließlich, die uralte Einheit von Ost und West wiederherzustellen: sie fänden hier die Erklärung, der sich der große Unergründliche stets entzog. 

Titelbild: Napoleon I., Kaiser der Franzosen und König von Italien. Zeitgenössische griechische Darstellung, nach 1805. 

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