Geschichte, Historischer Essay

Schicksalsstunde in der Reichskanzlei. Die “Hoßbach-Besprechung” 1937

Berlin, Reichskanzlei, am 5. November 1937. Die Spitzen der deutschen Reichsregierung und der Wehrmacht sind zu einer Geheimbesprechung zusammengekommen. Den Vorsitz hat der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler. Neben ihm sind anwesend: der Reichsminister des Auswärtigen, Konstantin Freiherr von Neurath, der Reichskriegsminister und Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Werner von Blomberg, sowie die ihm unterstellten Oberbefehlshaber der drei Wehrmachtteile: Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch (Heer), Generaladmiral Erich Raeder (Kriegsmarine) und Generaloberst Hermann Göring (Luftwaffe), der zugleich Preußischer Ministerpräsident, Reichsluftfahrtminister und Beauftragter für den Vierjahresplan ist. Der einzige Statist in dieser Personnage: Oberst im Generalstab Friedrich Hoßbach, Wehrmachtsadjutant des Führers, der das Kriegsende acht Jahre später als Vollgeneral und Oberbefehlshaber der 4. Armee erleben wird. Überliefert wird die Besprechung durch seine Aufzeichnungen: die Hoßbach-Niederschrift. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46 wird sie eines der wichtigsten Zeugnisse der Anklage sein.
Das Jahr 1937 gilt in der NS-Forschung als „ruhiges Jahr“. Es gehört in den Abschnitt zwischen der Zeit der ersten Gewaltmaßnahmen, mit denen die Diktatur sich zwischen 1933 und 1934 im Innern etablierte, und dem Aktionismus der Jahre 1938 und 1939, als Hitler zielgenau und durch kein Zugeständnis beirrt auf den Kriegsausbruch zusteuerte. Selbst der Terror, den das Regime gegen seine – wahren und vermeintlichen – Gegner ausübte, erreichte in diesem Jahr einen formellen Tiefststand: Mit 7500 Menschen waren so wenige NS‑Opfer wie niemals sonst in den sechs Konzentrationslagern inhaftiert, die die SS damals in Deutschland unterhielt. Die Olympischen Spiele 1936 hatten dem nationalsozialistisch regierten Deutschland internationalen Glamour verliehen (und die Machthaber zu einer gewissen Zurückhaltung gegenüber ihren Opfern gezwungen); mit der Wiedergewinnung des Saarlands 1935 und der Remilitarisierung des Rheinlands 1936 hatte Hitler glänzende außenpolitische Triumphe gefeiert. Deutschland zahlte keine Kriegsentschädigungen mehr, und die Wiederaufrüstung war eine beschlossene und vom Ausland (wenn auch zähneknirschend) anerkannte Tatsache. Seit 1935 galt im Deutschen Reich wieder die allgemeine Wehrpflicht, und ein Flottenabkommen mit Großbritannien aus demselben Jahr manifestierte die behutsame Wiederaufnahme Deutschlands in den Kreis der europäischen Großmächte. Adolf Hitler hätte sich zufrieden zurücklehnen können.
Doch Hitler wäre nicht Hitler gewesen, hätte er nicht erneut die Eskalation gesucht, die Entzweiung mit ganz Europa. Das große Drama, auf das seine Politik zusteuerte, der Weltkrieg, stand noch bevor. Bereits im Februar 1933, wenige Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler, hatte Hitler in einer vertraulichen Besprechung die damalige Reichswehrführung auf die Ziele Aufrüstung und Krieg eingeschworen. Das erste Ziel war erreicht; nun galt es, das konkrete Kriegsszenario zu planen; darum sollte es in der Besprechung vom November 1937 gehen – und zugleich darum, ob er sich hierbei auf seine militärische und diplomatische Elite verlassen konnte.
Gegenstand der Besprechung war offiziell die Rüstungslage des Reiches. Doch Hitler lenkte die Konferenz schnell auf das eigentliche, sein Thema: „Das Ziel der deutschen Politik“, so resümiert Hoßbach in seiner einige Tage später ohne dienstlichen Auftrag angefertigten Niederschrift Hitlers Eröffnungsvortrag, „sei die Sicherung und die Erhaltung der Volksmasse und deren Vermehrung. Somit handele es sich um das Problem des Raumes.“ Das deutsche Volk mit seinen 85 Millionen Angehörigen – die Bevölkerung des bis dahin immer noch selbstständigen Österreich wird hier geflissentlich mitgezählt – stelle „in Europa einen in sich so fest geschlossenen Rassekern [dar], wie er in keinem anderen Land wieder anzutreffen sei und wie er andererseits das Anrecht auf größeren Lebensraum mehr als bei anderen Völkern in sich schlösse. Wenn kein dem deutschen Rassekern entsprechendes politisches Ergebnis auf dem Gebiet des Raumes vorläge, so sei das eine Folge mehrhundertjähriger historischer Entwicklung und bei Fortdauer dieses politischen Zustandes die größte Gefahr für die Erhaltung des deutschen Volkstums auf seiner jetzigen Höhe.“
Die Deutschen als „Volk ohne Raum“ – Hitler greift hier zeitgenössische Topoi auf, die bei Konservativen aller Couleur durchaus gängig waren: das Denken in einer deutschnationalen „longe durée“, die beim glorreichen Hochmittelalter mit seinem (angeblichen) deutsch-staufischen Großreich beginnt, im Dreißigjährigen Krieg, in dem Deutschland als Spielball auswärtiger Mächte auftritt, ihren Tiefpunkt erreicht und mit Bismarcks Reichsgründung 1871 ihren Wiederaufschwung nimmt, dessen Vollendung nach dem verlorenen Weltkrieg freilich noch aussteht. Das Zerreißen des „Diktats von Versailles“, das Hitler in unzähligen Reden beschwor, war nur ein Nahziel gewesen; tatsächlich, so der Tenor seines Vortrags, gehe es um 1648, um die Revision des Westfälischen Friedens, und zwar unter rassischen Gesichtspunkten: Die deutschen Minderheiten in ganz Europa sollten peu à peu „heim ins Reich“ überführt werden – allen voran ganz Österreich sowie das Sudetenland, der nordwestliche Zipfel der Tschechoslowakei, 1918 aus der Konkursmasse dreier habsburgischer Kronländer entstanden und der Stachel im Fleische aller Deutschnationalen.
Darum geht es Hitler in seinem wie immer weitschweifigen, aber erstaunlich sachlichen (von Judentum ist gar nicht, vom Bolschewismus nur einmal, ganz am Rande die Rede) Referat; die Wirtschaftslage dient ihm nur als pragmatischer Aufhänger: Dass nach dem Aufschwung der zurückliegenden Jahre Deutschlands Rüstungsvorsprung gegenüber seinen Feinden nur noch schrumpfen könne, ist Hitlers Argument für ein rasches militärisches Vorgehen. Deutschland müsse spätestens 1943 handeln, doch dann sei es womöglich schon zu spät. Auch die, zur Bedarfsdeckung angeblich benötigten, zusätzlichen „Rohstoffgebiete seien zweckmäßiger im unmittelbaren Anschluss an das Reich in Europa“ zu suchen als in Übersee. Unter günstigen Bedingungen – einer Verschärfung des Gegensatzes zwischen Mussolinis Italien, Deutschlands Verbündetem, und Frankreich –, so Hitler, sei auch an ein Losschlagen gegen Österreich und Tschechien bereits 1938 zu denken. Wie sich zeigen wird, wird es genau darauf hinauslaufen. Das eigentliche Hauptthema der Konferenz, die Wirtschaftslage, wird nach hinten verschoben: „Der zweite Teil der Besprechungen“, heißt es nüchtern, „befasste sich mit materiellen Rüstungsfragen.“ Mit diesem Satz enden Hoßbachs Notizen.
Dem Oberst im Generalstab war die Bedeutungslosigkeit der ökonomischen Details vor dem Panorama von Hitlers Eroberungs- und Raumfantasien offensichtlich klar. Weniger klar dürften ihm die personellen Konsequenzen gewesen sein, welche die Besprechung haben sollte.
Hitler selbst charakterisierte sein Verhältnis zur militärischen Führungsebene Jahre später bei einem Frontbesuch im Osten so: „Als ich noch nicht Reichskanzler war, habe ich gemeint, der Generalstab gleiche einem Fleischerhund, den man fest am Halsband haben müsse, weil er sonst jeden anderen Menschen anzufallen drohe. Nachdem ich Reichskanzler geworden war, habe ich feststellen müssen, dass der deutsche Generalstab nichts weniger als ein Fleischerhund ist. Dieser Generalstab hat mich immer gehindert, das zu tun, was ich für nötig halte. Ich bin es, der diesen Fleischerhund immer erst antreiben muss.“
Tatsächlich, so hält Hoßbach es in seiner Niederschrift fest, fanden sich die größten Bedenkenträger in Hitlers unmittelbarem Umfeld; besonders die beiden Spitzenmänner der Wehrmacht, Blomberg und Fritsch, äußern mehrmals in der Besprechung Zweifel an der Realisierbarkeit von Hitlers Plänen und mahnen zur Vorsicht. Sie werden mit stereotypen Beschwichtigungen abgebügelt: „Zu den seitens des Feldmarschalls von Blomberg und des Generalobersten von Fritsch hinsichtlich des Verhaltens Englands und Frankreichs angestellten Überlegungen äußerte der Führer in Wiederholung seiner bisherigen Ausführungen, dass er von der Nichtbeteiligung Englands überzeugt sei und daher an eine kriegerische Aktion Frankreichs gegen Deutschland nicht glaube.“
Nach der Novemberbesprechung ist Hitler klar: Mit diesen beiden Militärs alter Schule kann er seine Feldzüge nicht führen. So kommt es am 4. Februar zum großen Frühjahrsrevirement, das auch als Blomberg-Fritsch-Krise bekannt wird: Der Reichskriegsminister und sein Heereschef werden durch eine Intrige gestürzt.
Blomberg, frisch verliebt in die 24-jährige Luise Margarethe Gruhn, Sekretärin im „Reichsnährstand“, hatte sich vertrauensvoll und vertrauensselig an Göring gewandt und um Akzeptanz für seine Angebetete geworben, die nicht nur keine standesgemäße Braut für einen adeligen Generalfeldmarschall war, sondern auch eine „Frau mit Vergangenheit“ (unter anderem als Pornodarstellerin in einschlägigen Publikationen). Göring, ganz der joviale Generalskamerad, hatte den leicht beeinflussbaren Blomberg seiner Unterstützung versichert – mit dem Standesdünkel sei im Nationalsozialismus ja nun gerade Schluss! – und gleich noch hilfsbereit einen Luftwaffenoffizier, der ebenfalls für Fräulein Gruhn schwärmte, auf eine lange Dienstreise nach Südamerika wegbefördert. Doch kaum war die Trauung vollzogen, lief der Luftwaffenchef, auf einmal gar nicht mehr loyal, zu Hitler, unterm Arm die Kriminalakte der nunmehrigen Frau Feldmarschall (inklusive anschaulichen Bildmaterials aus dem Archiv der Sittenpolizei). Der Führer gerät außer sich, im engsten Kreis erklärt er laut und nachdrücklich: Wenn ein deutscher Feldmarschall eine Hure heirate, sei in der Welt alles möglich, und zeigt sich noch hysterisch indigniert darüber, dass er „dieser Person“ die Hand geküsst habe. Das Ergebnis: Blomberg muss gehen.

Anschließend trifft es Fritsch. Der Reichsführer-SS Heinrich Himmler, dem die konservative Heeresgeneralität stets ein Dorn im Auge ist, streut das Gerücht, Fritsch, der nur mit seinem Beruf verheiratet ist, sei homosexuell – was nicht nur mit dem Ehrenkodex des Offizierstands unvereinbar ist, sondern auch mit dem Strafgesetz. Fingierte Beweise und unwahre, teils durch die Gestapo erpresste Zeugenaussagen bringen Fritsch, der wacker seine Unschuld verteidigt, in die Bredouille – schließlich nimmt auch er, gezwungenermaßen, seinen Abschied. (Monate später wird der Vorwurf offiziell entkräftet und Fritsch von Hitler „rehabilitiert“ – doch abgeschoben bleibt abgeschoben.)
Damit ist der Weg frei für die von Hitler ersehnte Umgliederung der Wehrmachtspitze. Das Reichskriegsministerium wird gestrichen, oberster Befehlshaber der Wehrmacht (und damit Inhaber nicht nur der formellen Befehls-, sondern auch der ungleich wichtigeren Kommandogewalt) wird der „Führer“ selbst; ihm unterstellt ist das neu geschaffene „Oberkommando der Wehrmacht“ unter seinem Chef, dem General der Artillerie Wilhelm Keitel: niedersächsisches Großbürgertum, eine „fantasielose Null“ (Will Berthold), aber genau der Typ Bürovorsteher, den Hitler für dieses dienstbare Amt braucht; sein Spitzname wird bald „Lakaitel“ sein.
Neuer Oberbefehlshaber des Heeres anstelle des geschassten Fritsch wird Generaloberst Walther von Brauchitsch. Auch er preußischer Schwertadel, auch er wie Blomberg zahnlos und gefügig, unter anderem durch die 80 000 Reichsmark, die ihm Hitler zur Abfindung seiner Frau – noch ein frisch Geschiedener im zweiten Frühling – hat zukommen lassen. Marine und Luftwaffe behalten ihre Oberbefehlshaber; der geschmeidige, notorisch faule und prunkliebende Göring, dem Hitler insgeheim nicht einmal eine vernünftige Truppenvisite zutraut, wird für sein hilfreiches Zuträgertum mit dem Feldmarschallsrang belohnt. Außenminister Konstantin von Neurath, ein alter Deutschnationaler und Relikt des „Kabinetts der Barone“ von 1932, der auf der Hoßbach-Konferenz ebenfalls Bedenken geäußert hatte, wird durch Joachim von Ribbentrop ersetzt, „Hitlers Papagei“, der schon als Botschafter in London durch den völligen Mangel an diplomatischer Qualifikation glänzte, es dafür aber liebt, in seiner Uniform als SS-Obergruppenführer ehrenhalber im Auswärtigen Amt herumzustolzieren.
Mit dieser Mannschaft kann Hitler den Griff nach den Nachbarn seines Reiches wagen. Noch im März 1938 annektiert er im Handstreich Österreich; im Oktober folgt, nach entwürdigendem Gezerre, das Sudetenland. Die „Hassgegner England und Frankreich“, denen „ein starker deutscher Koloss inmitten Europas ein Dorn im Auge“ hätte sein müssen, geben klein bei und erfüllen unwissend, was Hitler auf der Novemberkonferenz – durchaus ohne seine skeptischen Generäle zu überzeugen – orakelt hatte: „An sich glaube der Führer, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit England, voraussichtlich aber auch Frankreich die Tschechen bereits im Stillen abgeschrieben und sich damit abgefunden hätten, dass diese Frage eines Tages durch Deutschland bereinigt würde. Die Schwierigkeiten des Empire und die Aussicht, in einen lang währenden europäischen Krieg erneut verwickelt zu werden, seien bestimmend für eine Nichtbeteiligung Englands an einem Kriege gegen Deutschland. Die englische Haltung werde gewiss nicht ohne Einfluss auf die Frankreichs sein.“

Hitler behielt recht: Auf der Münchner Konferenz im Oktober 1938 wurde ihm das deutsch besiedelte Sudetenland zugesprochen; die Annexion der „Rest-Tschechei“ im folgenden März war zwar offen vertrags- und versprechungswidrig („Deutschland ist gesättigt“) und wurde von den Westmächten entsprechend missbilligt; aber auch diesmal griff niemand ein, und die Standfotos vom deutschen Einmarsch in Prag überliefern die zornigen Gesichter tschechischer Passanten, in deren Hass auf die Invasoren sich Wut über die Nichtintervention der westlichen Schutzmächte mischen mochte. Ein letztes Mal hatte Hitler auf volles Risiko gespielt und gewonnen.
Doch auch diesmal war er nicht saturiert. Er wollte weitermarschieren, wenn auch alles in Scherben fiel, wie schon seine Pimpfe und Jungmädel auf den Heimabenden sangen. In der Novemberbesprechung mimte er, wie später noch oft, noch in den Tagen des Zusammenbruchs, den souveränen Spieler am Pokertisch der Macht; der Nihilist setzte die Maske des Machiavellisten auf, der zwar nicht die Moral, wohl aber – wenigstens – die Vernunft als Ratgeberin achtet; in Wahrheit achtete er weder die eine noch die andere. Er war der „Revolutionär des Nihilismus“, als den Hermann Rauschning, einst nationalsozialistischer Senatspräsident in Danzig, der sich früh vom Regime losgesagt hatte, in einem damals (im Exil) erschienenen Buch beschrieb.
Und so war der Diktator auch nach der Annexion Tschechiens, dem er in der Rechtsform des „Reichsprotektorats Böhmen und Mähren“ ein brutales Besatzungsregime oktroyierte, nicht mit seinem Raub zufrieden. Schon liefen die Planspiele für den Überfall auf Polen. Doch diesmal sollten die Garantiemächte England und Frankreich (das faschistische Italien war mittlerweile offizieller Verbündeter des Deutschen Reiches) Wort halten: Am 3. September 1939, zwei Tage nach dem Überfall, gingen, nach fristlos verstrichenem Ultimatum, die Kriegserklärungen beider Mächte in der Reichskanzlei ein. Bis zuletzt hatte Hitler gehofft, England würde neutral bleiben; doch diese Illusion erfüllte sich nicht.
Ihm, dem Nihilisten und „Vollstrecker des Bösen“ – so nannte ihn Graf Berthold Stauffenberg, der nach dem Attentatsversuch auf Hitler vom 20. Juli 1944 seinem Bruder auf dem Schafott folgte –, dürfte diese Enttäuschung letztlich gleichgültig gewesen sein; er hatte nun, was er wollte und was er auf der Hoßbach-Konferenz, wenngleich unter taktischen Klauseln verborgen, als sein eigentliches Ziel skizziert hatte: den europäischen Krieg, den er mit dem gleichen fatalen Zielbewusstsein zur europäischen Katastrophe machen sollte, vor deren Grausamkeit selbst die Düsternis von 1648, der Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, verblassen würde.
© Konstantin Sakkas, 2012

Der Text erschien in der Ausgabe November 2012 des Magazins “CICERO”.  

Header: Hitler und Adjutant Friedrich Hoßbach, vor 1939. Quelle: https://www2.bc.edu/~heineman/roadi.html

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Autobiographisches, Politik und Gesellschaft

Die Generation Y und die geistige Situation der Zeit

An der Generation Y hat sich Nietzsches prophetisches Wort erfüllt, dass der Horizont weggewischt und das Meer aufgesogen sei. Die Generation Y lebt, vielleicht als erste Generation in der Menschheitsgeschichte überhaupt, nicht mehr länger in der existenziellen Spannung zwischen dem bestirnten Himmel über und dem moralischen Gesetz in ihr. Denn anstelle eines bestirnten Himmels gibt es nur noch ein “Weltall”, und anstelle moralischer lediglich noch Marktgesetze.

Als Generation Y (sprich englisch „why“, also wörtlich: „Generation Warum“) bezeichnen Demographen die westeuropäisch-US-amerikanischen Geburtsjahrgänge zwischen 1974 und 1991. Den Vertretern dieser Generation wird gern vorgeworfen, sie wüssten mit ihrem Leben nichts anzufangen und ergingen sich statt einer klaren, „erwachsenen“ Selbstpositionierung in einer unpräzisen, ständig den Fokus wechselnden Selbstverwirklichung. Bislang hat trotz wiederholter Anläufe noch niemand hinreichend ein Psychogramm dieser Generation im Ganzen geliefert. Da davon auszugehen ist, dass Vertreter dieser Generation in absehbarer Zeit verantwortliche Führungspositionen in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft in der westlichen Welt einnehmen werden, ist es nötig, dass diese Generation sich selbst und der Öffentlichkeit ein klares Bild von sich gibt.

Wenn 1974 als Auftaktjahr der Generation Y genommen wird, so birgt dies gleich mehrfach symbolisches Potenzial. Mit dem Jahr 1974 endet die erste und bislang einzige Mondmission. Das heißt: die Generation Y, also die Generation, die ständig warum sagt, beginnt zeitgleich mit dem Mondfahrtzeitalter, also in dem historischen Augenblick, in dem der Mensch erstmals einen Fuß auf einen Himmelskörper außerhalb der Erde gesetzt hat.

Wer immer nach diesem Ereignis geboren wurde, wuchs mit der Tatsache auf, dass das Menschsein definitiv den Horizont der räumlichen Enge, also der Begrenzung durch die Erdatmosphäre als ultimativer physikalischer und damit auch anthropologischer Handlungsrahmen verlassen hat. Wenn auch bislang nur eine Handvoll Menschen den Mond betreten hat und es aus finanziellen und politischen unklar ist, wann die bemannte Raumfahrt den nächsten großen Schritt, etwa die Errichtung einer Weltraumkolonie, unternehmen wird: so bedeutet die Mondlandung fraglos die anthropologisch wichtigste Zäsur in der Geschichte des Menschen als Erdenwesen, als „Erdenbürger“: denn mit ihr hat der Mensch eben aufgehört, bloßer Erdenbürger zu sein. Wie es einer der Pioniere der Raumfahrt formulierter: Die Erde sei die Wiege der Menschheit, der Weltraum aber würde und müsse ihr Kindergarten werden.

Die Generation Y ist historisch-chronologisch also das Produkt der schwersten, tiefsten Zäsur in der Menschheitsgeschichte überhaupt. In ihren Definitionszeitraum fallen einige weitere tiefe historische Einschnitte. Mit dem Ende des Kalten Krieges 1990 beziehungsweise 1991 endete das heroisch-metaphysische Zeitalter. Bis dahin hatte die westliche Menschheit unter der ständigen Drohung mehr oder weniger apokalyptischer Zustände gelebt, die aber wiederum immer auch Raum boten für Phantasien, wie diese Grenzsituationen zu bewältigen seien. Bedrohung schweißt zusammen, Angst macht erfinderisch, Not macht produktiv. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, schrieb vor mehr als zweihundert Jahren Hölderlin und beschrieb darin exakt das, was einst die Grundkonstante des gesellschaftlichen Zusammenlebens in der westlich-christlichen Welt gewesen: das Mitsein in einem Kontext der aktuellen oder potenziellen Bedrohung durch Tod, Auslöschung und Vernichtung.

Diesen Kontext haben wir, hat die Generation Y definitiv hinter sich gelassen. Anthropologisch durch den Eintritt ins Zeitalter der Weltraumbesiedlung, politisch durch die Aufhebung des Ostwestkonflikts, der deshalb im Sande verlief, weil ein Waffengang zu seiner Entscheidung ja nicht möglich war: er hätte mit de Vernichtung der Weltbevölkerung durch einen Atomkrrieg geendet, und das wollte keiner der Beteiligten.

Im Kontext dieser Entwicklungen steht auch, natürlich, die kulturelle Entwicklung. Während unserer Geburtsjahre vollzieht sich der endgültige Siegeszug der Popkultur, und es ist das hervorragende Signum der Popkultur, dass sie die großen Fragen und die letzten Dinge zwar gewiss nicht ausblendet; dass sie ab er – anders als es die klassische Kultur versuchte, die darüber freilich stets ins Dogmatische abglitt – diese Fragen und die von ihnen betroffenen Phänomene einbettet in einen welthaften Kontext des Wohlbefindens, der Freude, der Entspannung. Das postheroische Zeitalter ist zugleich ein posttragisches. Phobos und eleos, Angst und Schrecken konnte ein Dichter seinen Zuschauern und Lesern nur einjagen, solange die sich von dem, was er exemplarisch auf der Bühne darstellen ließ, tatsächlich in Leib und Leben bedroht fühlen mussten.

Das einzige, wovon sich unsere Generation faktisch noch ultimativ, also in jenem radikalen Sinne bedroht fühlt, ist die totale Auslöschung, des Armageddon, der jüngste Tag. So ist es folgerichtig, dass New Hollywood, das unsere Kultur seit vierzig Jahren maßgeblich bestimmt, fast ausschließlich um diese Thematik kreist. Eine Literatur, die Drama und Tragik daraus entstehen ließe, dass ihre Protagonisten wie etwa Werther der falschen Gesellschaftsschicht angehören oder, wie Balzacs Lucien, mit Geld nicht umgehen können, ist heute nicht denkbar, jedenfalls nicht in dem großen Stil, den wir aus der vormodernen Epoche her kennen.

Das bedeutet freilich nicht, dass wir nicht auch und nicht genauso sehr von den Problemen betroffen wären, von denen die Menschheit schon immer betroffen war: es handele sich um schwere körperliche Erkrankungen oder um wirtschaftliche Probleme, zwei Phänomene, die gerade in unserer Generation, die nur oberflächlich eine Spaßgeneration ist, sehr weit verbreitete sind. Aber über allem liegt wie ein Schleier, um Rilke zu zitieren, „Gefühl und Ahnung einer großen Schwermut“: das Gefühl, dass das, was wir heute erleben, einfach nicht mehr wirklich ist; dass wir im  Grunde in einer zweiten, eingebildeten Realität leben, Figuren in einem Marionettentheater gleich, die von ganz anderen Kräften angetrieben und bewegt werden und dazu dann und wann die jeweils passenden Emotionen und Gedanken äußern, ohne dass diese auch einen Bezug zur tatsächlichen, zur eigentlichen Realität haben.

Wir schließen daraus, dass unsere Generation in Reinform die Probleme und Komplexe abbildet, die Philosophie und Wissenschaft in den einhundert Jahren, die uns voraufgingen, angeschnitten und ausgebreitet haben. Phänomenologie und Existenzialismus, Weltüberdruss und Weltsucht, innere Leere und große historische Entwürfe konvergieren in unserem Sozialcharakter zu einem Amalgam de Haltungen und Emotionen, dass für die anderen, die froh sind, „noch einmal davon gekommen zu sein“, schlicht nicht zu begreifen ist.

Unsere Generation, die Generation Y, lebt seit vierzig Jahren in der sehnsüchtigen Erwartung ihrer großen Stunde. In den klassischen Epen gibt es das Element der Aristie. Da wird dann jeweils ein Held – in der Homerischen Ilias sind das zum Beispiel Achil oder Hektor – über mehrere Absätze hinweg genauestens beschrieben: wie er, oft gegen eine Übermacht, kämpft, wie er immer wieder zu scheitern droht, und wie er schließlich doch und entgegen aller Wahrscheinlichkeit siegt.

Jeder Generation, jede einzelne Biographie kennt ebenso einen Moment ihrer Aristie, allerdings fragt es sich, wann und ob überhaupt dieserr Augenblick eintreten wird. Der Generation Y mögen alle Voraussetzungen für ein gutes Leben mitgegeben worden sein: allein es reicht nicht, um sich auch wirklich „gut“ zu verwirklichen. In der Generation Y schlummert eine heimliche Sehnsucht nach kriegerischen Zeiten, in denen es um Leben und Tod ging, weil der Mensch nur in der Konfrontation mit diesen äußersten Dingen – so war es jedenfalls bislang – sich selbst bis zum Äußersten erfahren kann. Der Mensch ist anthropologisch-phänomenologisch ja die fleischgewordene Grenzsituation. Deshalb begehrt er auch die ständige, regelmäßige  Wiederholung seiner eigenen ontologischen Situativität in konkreten, historischen Grenzsituationen, um sich selbst vor dem Gericht der Geschichte, das das Gericht seiner eigenen Biographie sein wird, zu beglaubigen.

Dem Menschen von heute sind die Möglichkeiten einer beinahe totalen, allumfassenden Erkenntnis gegeben. Auf jedem Smartphone lässt sich das gesamte Menschheitswissen in Sekundenschnelle abrufen, und die Organisation moderner Staaten und Gesellschaften lässt, so ungerecht und ungleich sie ist, jedem noch genügend Raum zur Reflexion, zum Zu-sich-kommen. Es fehlt auch hier der krisenhafte Horizont, in dem der Einzelne sich als das exzeptionelle, das einzigartige und grenzsituative Wesen verwirklichen, sich dergestalt seiner Mitwelt zeigen könnte, das er eigentlich ist. Zur Durchschnittlichkeit und Unauffälligkeit gezwungen, erstickt unsere Generation, ersticken Hunderttausende junger Frauen und Männer an der ihnen durch ihre historische Situation aufgezwungenen Durchschnittlichkeit. Nicht unsere Fähigkeit, Held zu sein, aber die Möglichkeit zu echtem Heldentum ist äußerst rar geworden.

Jahrtausendelang war es der Mangel, der dem menschlichen Leben und seiner Entwicklung, der kurz-wie der langfristigen, den Takt vorgegeben hat. Dank der Entwicklungssprünge der letzten fünfhundert Jahre und insbesondere des neunzehnten und zwanzigsten jahrhunderts hat sich die westliche Menschheit, aus tiefer Bedürftigkeit kommend, auf einmal in einer Welt des Überflusses und der unzähligen, unbegrenzten Möglichkeiten wiedergefunden. Doch die Vita activa, das tätige Leben ist in der Postmoderne – das erkannte bereits Hannah Arendt – zur Scheintätigkeit geworden. In der heutigen Jobholdergesellschaft werden subalterne Tätigkeiten zu ausgefeilten Berufsprofilen ausgeweitet, damit die Berufstätigen einander gegenseitig nicht eingestehen müssen, dass sie eigentlich den ganzen Tag lang nur Unsinn treiben, der mit er Verwirklichung ihres wahren Potenzials kaum etwas zu tun hat. Es ist keine bewusste Dekadenz, die die meisten von uns erfasst hat – dazu fehlte den meisten auch der reale Wohlstand; es ist vielmehr die Suggestion, Wohlstand und Wohlergehen wären nur eine Frage der Wahl, einer einmaligen Willensregung, und schon wären wir unmittelbar und ohne Drama, ohne Qual und Verrenkungen in ihrem Besitz.

Diese Suggestion, die die westliche Kulturindustrie Tag für Tag millionenfältig produziert und reproduziert, hat unsere Generation ergriffen wie keine andere und uns im Innersten entkräftet und gelähmt. Es täte uns allen gut, wenn junge christliche Frauen und Männer an die Front nach Syrien und in den Irak gingen und dort den „Islamischen Staat“ im Kampf Mann gegen Mann niederrängen. Es täte uns gut, wieder, wie einst unserer Vorfahren, auf Wanderschaft geschickt zu werden, aber nicht ausgestattet mit Sicherheiten und dem Versprechen, dass uns eigentlich ohnehin nichts passieren könnte; sondern auf Wanderchaft so sehr ins Ungewisse, buchstäblich ins Blaue hinein, wie die Soldaten Alexanders des Großen vor zweitausendvierhundert Jahren in eine Weltgegend hinein marschierten, die keiner von ihnen, selbst ihre Anführer nicht, je zuvor persönlich betreten hatte und über die keine oder nur höchst zweifelhafte Informationen vorlagen.

Das große Problem, vor das uns die Vermessung der Welt, dieses große Projekt der europäischen Neuzeit gestellt hat, ist, dass uns mit der Ungewissheit, dem Merkmal alter Zeiten, zugleich die neugierig-angstvolle Spannung genommen wurde, die vormalige Generationen überhaupt erst produktiv gemacht hat. Die gewaltige, alle Lebensbereiche erfassende und durchdringende Entgrenzung – die bemannte Raumfahrt ist nur das größte und wichtigste Beispiel darunter – hat uns gelähmt, weil der Mensch bislang gewohnt war, seine Menschlichkeit im Einreißen von Grenzen, die eigentlich als unüberwindbar galten, zu beglaubigen und zu beweisen. Im technotronischen Zeitalter, in dem wir bald so weit sein werden, dass unsere Autos selbständig fahren und irgendwann statt mit Brennstoff mit elektrischem Strom betankt werden, bestehen Grenzen nur noch in der Theorie, auf dem Reißbrett.

Man weiß nicht, ob man diese Entwicklungen, die für die Menschheit ja eigentlich heilsam waren und heilsam sind, tatsächlich traurig sein soll. Melancholisch freilich stimmen sie schon jetzt genügend Menschen, insbesondere in der Generation Y. Das Überwinden von Widerständen war der Grundtopos unseres Denkens, seit wir über dieses Denken Buch führen. Es hat sicher mit dem wunsch nach dem Wiederherstellen von Widerständen zwecks ihrer heroischen Überwindung zu tun, dass wir in unserer Generation eine unverhältnismäßig hohe Quote an psychisch Erkrankten haben: Borderline und Bipolarität sind weit verbreitete – und nachvollziehbare – Phänomene in einer Generation, der es als große Lebensaufgabe hingestellt wird, eine Familie zu gründen und einen durchschnittlichen Beruf zu ergreifen.

Was unser Generation aber wirklich will: sind Liebesbeziehungen, in deren Verlauf man sich zu zweit wie auf einer modernen Flucht nach Ägypten irgendwohin durchschlagen muss; sind berufliche Herausforderungen, bei denen man nicht schematische Aufgaben im Schneckentempo erfüllt, sondern ein ganzes Unternehmen, ja am besten eine ganze Wirtschaftskultur neu auszurichten hat; ist eine Welt, in der man nicht seine Energie darauf aufwendet, nach der nächsten Geldquelle zu suchen, um daraus seinen, mehr oder weniger bescheidenen, täglichen Lebensgenuss zu finanzieren; sondern in der man, wie in „Die Tribute von Panem“, buchstäblich um sein Überleben kämpfen muss.

Der Generation Y, deren erste Vertreter gerade sechzehn Jahre alte waren, als die deutsche Teilung und mit ihr auch die Teilung Europas und der Welt aufgehoben wurden, ist vielleicht die erste Generation seit Entwicklung des Homo sapiens, der dieses eine: diese seltsame, anthropologisch verbürgte Recht, um sein Überleben kämpfen zu dürfen, versagt wird. Noch versagt wird. Denn eins immerhin wissen wir nicht: wie krisenhaft die gegenwärtige politische Situation sich noch entwickeln kann und entwickeln wird und ob sich aus dieser Krisenhaftigkeit nicht vielleicht doch ein Szenario herausschälen wird, in dem der Mensch wieder mit aller Macht und Zähigkeit wird beweisen können, dürfen und müssen, dass er ein Mensch ist.

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Header: Rilkes “Panther”. Quelle und Rechte: http://www.thebeckoning.com/poetry/rilke/rilke1.html

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Erster Weltkrieg, Geschichte, Historischer Abriss

Die Panzerwaffe im I. Weltkrieg 

Die Panzer – oder auch „Tanks“, wie die Briten die stählernen Ungetüme (ursprünglich nur zu Tarnungszwecken) nannten – waren eine der größten technischen Innovationen des Ersten Weltkriegs. Vorreiter bei ihrer Entwicklung waren Franzosen und Briten. Besonders Winston Churchill, der nicht nur Ester Lord der Admiralität war, sondern auch das Amt des Munitions- und Marineministers innehatte, war das neue Waffensystem ein Herzensanliegen.Im September 1916, mitten in der Somme-Schlacht, brachten die Briten im Rahmen ihrer Offensive bei Bapaume erstmals Panzer vom Typ Mark I zum Einsatz. Doch das war nur ein Testlauf. Nur ein Jahr später, im November und Dezember 1917, kam es bei Cambrai zur ersten großen Panzerschlacht der Geschichte, die Briten setzten dabei fast fünfhundert Tanks – so ihre Tarnbezeichnung – ein. Diese Offensive konnten die Deutschen zwar zurückschlagen, insbesondere aufgrund der neuen „Stoßtrupptaktik“, bei der kleine, elitäre Kampfgruppen die gegnerische Linie nach Schwachstellen absuchten und dort dann mit Wucht einbrachen. Die Briten verloren insgesamt 250 Panzer. Doch die neue Waffengattung war nunmehr aus dem Kriegsgeschehen nicht mehr wegzudenken.

Die Panzertechnologie antwortete auf zwei Erfordernisse, die im Krieg neu aufgetreten waren. Die Panzerung sollte Artilleriebeschuss standhalten, während die Fortbewegung auf Raupenketten dazu diente, sich auch in unwegsamem, sumpfigem Gelände ungehindert fortzubewegen. Auf diese Weise wollte man endlich nachhaltige Frontdurchbrüche erzielen und große Distanzen überwinden.

Während in England insgesamt zehn, in Frankreich immerhin drei Panzertypen entwickelt wurden, schenkte die deutsche Oberste Heeresleitung der Tankwaffe vorerst keine große Beachtung. Die Generäle der alten Schule hielten sie für ein Phantasieprodukt ohne Zukunft. Als man in Deutschland endlich mit der industriellen Fertigung von Panzern begann, war es schon zu spät. Lediglich ein Typ, der von Daimler produzierte A7V, wurde in Deutschland im Krieg in Serie gefertigt. Doch die Panzerwaffe entpuppte sich als Mittel der Wahl im modernen Krieg. Seit drei Jahren verharrte die Westfront nun im Stellungskrieg. Durch die Tanks wurde er wieder zum Bewegungskrieg.

Der französische Renault FT17-Panzer zeichnete sich durch starke Panzerung – 22 mm – bei besonders geringer Masse (sieben Tonnen) aus. Dadurch war er besonders wendig und schnell. Ausgeliefert wurde er entweder mit einer 3,7-cm-Kanone oder mit einem Maschinengewehr. Er brachte es auf 2.700 Exemplare. Daneben verfügten die Franzosen über den schwereren Char d’Assaut („Angriffswagen“) Schneider CA1, den die Rüstungsschmiede Schneider-Creusot fertigte. Er feuerte aus einer 7,5-cm-Kanone sowie zwei 8-mm-MGs und brachte fast 15 Tonnen auf die Waage. Von ihm liefen vierhundert Stück vom Band.

Der britische Mark IV, das meistproduzierte Modell innerhalb der Mark-Serie, wog ganze 28 Tonnen. Er erreichte nicht die Flexibilität seines französischen Pendants, war dafür aber für die Zerstörung von feindlichen Grabensystemen bestens geeignet. Zudem verfügte er nicht nur über zwei 5,7-cm-Kanonen als Hauptwaffe, sondern auch über drei Maschinengewehre als Sekundärbewaffnung. Damit konnte er sowohl massive Stellungen, als auch einzelne Infanteristen ideal unter Feuer nehmen. Über 1200 Stück wurden von ihm gebaut.

Bei Cambrai kämpfte die deutsche Armee vorerst mit „Beute-Panzern“, insbesondere aus der britischen Mark-Serie. Erst nach und nach kam der A7V an die Front, ein 30 Tonnen schweres Ungetüm, das im April 1918 seine Feuertaufe erlebte. Hier zeigte sich, dass die deutschen Entwickler hoffnungslos zu spät kamen. Häufige Motorschäden und seine Schwerfälligkeit im Gelände verhinderten entscheidende Erfolge. Hinzu kam die prekäre Brennstofflage der Deutschen, die sich 1918 stetig verschlimmerte und weiträumige Operationen so gut wie unmöglich machte.

Die Alliierten dagegen traten der deutschen Großoffensive mit einer bereits hochentwickelten Panzerwaffe entgegen. Achthundert Tanks auf Entente-Seite standen während der „Großen Schlacht um Frankreich“ gerade einmal zwanzig bei den Deutschen gegenüber. Waren die ersten, vereinzelt angreifenden Panzer noch eine leichte Beute für deutsche Artilleristen gewesen, so rückten sie jetzt in geschlossenen Verbänden vor, walzten ganze Schützengräben erbarmungslos nieder und erzielten in kurzer Zeit kilometerweite Vorstöße, von denen die Infanteristen im Stellungskrieg nie zu träumen gewagt hätten. Der Krieg, der 1914 noch mit vereinzelten Kavalleriegefechten begonnen hatte, wurde 1918 durch die Panzerwaffe entschieden.
© Konstantin Sakkas. 2014

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