Fragment zum europäisch-islamischen Gegensatz

Drei große Kräfte bestimmen das gegenwärtige Welttheater: der westliche Kapitalismus, der islamische Fundamentalismus und der chinesische Komplex. China hat sich, wie zuvor Russland, den Kommunismus als Hebel zu Eigen gemacht, mit welchem sein gesellschaftliches System auf industrielle Produktivität und geistigen Zusammenhalt eingeschworen wurde. Das heutige chinesische System ist deshalb so stabil, weil jeder Chinese und jede Chinesin sich sagen kann, dass mit dem System auch er und sie selbst profitieren. Und es ist sicher auch deshalb so stabil, weil China schon als geographisches Objekt von solch schierer Größe und Kohärenz ist, dass es einen eigenen politischen Großraum, gleichsam einen Subkontinent innerhalb des Festlandes darstellt, der es sich qua dessen, wie sonst nur die USA (Russland versucht seit der späten Zarenzeit mit aller Kraft, sich ähnlich einzurichten), leisten kann, seine eigenen territorialen Grenzen auch als eigenen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Horizont zu begreifen.

Das ist der zentrale Unterschied zu Europa. Europa ist ein Amalgam von im internationalen Vergleich kleinen und kleinsten Staaten. Deutschland als altes und neues Zentrum Europas hat diesen europäischen Partikularismus gleichsam im Vergrößerungsglas noch einmal durchexerziert, als es vom Allgemeinen Landfrieden bis zur Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 und dann des Kaiserreiches 1871 in zeitweise über dreihundert souveräne Territorien und noch einmal fast eintausendfünfhundert reichsunmittelbare Ritterschaften eingeteilt war. Die deutsche Föderalverfassung ist ein Nachklang dessen, genauso wie der Partikularismus in Großbritannien, in Spanien oder in Italien. Was Deutschland in Europas Neuzeit, das war Griechenland im Altertum: niemals ein geeinter Staat (wenn auch zuletzt unter der Oberhoheit der makedonischen Dynastie, die sich freilich nur mit Einschränkungen als Zentralmacht durchsetzen konnte und alsbald durch Rom als Besatzungsmacht abgelöst wurde), sondern zusammengewürfelt aus zahllosen, für sich jeweils sehr potenten und prosperierenden, aber durch ihre Partikularität eben auch verwundbaren und international instabilen Poleis. Auch Griechenland ist bis heute ein partikularistischer Staat, wenn auch mit einer gemeinsamen nationalen Ideologie, die sich aus dem kollektiven Bewusstsein seiner Vergangenheit ergibt, und so wie Deutschland von seinem Partikularismus in den vergangenen siebzig Jahren stets profitiert hat, so leidet Griechenland heute darunter, dass jede Peripherie und jede Gemeinde vor sich selbst hinwirtschaftet.

Das ist Europa, das darin das Gegenteil der USA ist, eines zwar ebenfalls föderal organisierten Bundesstaates, der freilich nach außen geschlossen auftritt, militärisch, wirtschaftlich und diplomatisch. Beide, old Europe und die USA, ergeben zusammen die westlich-petrinische Hemisphäre, die auf das Vermächtnis des Evangeliums zurückgeht: einen individualistischen Expansionismus, eine koloniale Attitüde, die die Unterworfenen freilich nicht zur Knechtschaft zwingen, sondern sie zur Freiheit anstiften will. Die kapitalistisch-individualistische Mission ist im Grunde der Passion Jesu nachgebildet, in der ein heroischer Einzelkämpfer, statt sich buddhistisch-weltentsagend zurückzuziehen, oder aber alexandrinisch-mohammedanisch triumphierend ein weltliches Reich zu errichten, im Wege seiner Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zwar „scheitert“, aber in diesem Scheitern am Ende noch Sieger bleibt.

Das ist der Westen, dem man deshalb stets unlautere Motive unterstellte, weil sein expliziter Individualismus mit seinem impliziten Herrschaftsanspruch nicht recht zusammenpassen will. – In direkter Nachbarschaft zu ihm und territorial-geographisch zwischengelagert zwischen ihm und dem Fernen Osten, also China, liegt jener Länderschlauch, der in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends nach Christus in rasend schnellem Tempo den Glauben Mohammeds annahm und islamisch wurde. Von der levantinischen Küste bis nach Pakistan und Indien hinein verehrt man den Koran und die Offenbarung Mohammeds. Ausgegangen ist der Islam von der arabischen Halbinsel, jenem vergessenen Anhängsel der alten Welt, das Alexander nicht mehr erobern konnte (der Plan hierzu war schon gemacht), weil ihn vorher die Malaria in Babylon dahinraffte. Ausgerechnet von dieser peninsularen Wüste aus griff der Glaube, der weniger Religion, als ein politisch-ästhetisches Konstrukt ist, mit unstillbarer Gewalt nach West und Ost aus, drang hier bis nach Samarkand, einst dem östlichsten Vorposten des Alexanderreiches im heutigen Usbekistan, und dort bis nach Spanien, ja nach Südfrankreich. Als die Spanier die Moslems 1492, im selben Jahr, in dem Kolumbus in Amerika landete, nach sieben langen Jahrhunderten endlich vertrieben hatte, hatten sich die Truppen des türkischen Sultans, dessen Vorfahren einst aus der Peripherie Chinas nach Westen aufgebrochen und dabei muslimisch geworden waren, bereits auf der anderen Seite des Mittelmeerbeckens festgesetzt, hatten das über Jahrtausende griechische Kleinasien und zuletzt auch das griechische Mutterland selbst besetzt.

Die Installation eines muslimischen Weltreiches – als solches führt es etwa Jacob Burckhardt in seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen – schuf für etwa sechshundert Jahre einen Zwischenraum zwischen dem Westen, der nun, nach dem Verlust von Byzanz, auch geographisch endgültig zum „Westen“ wurde, und China, das sich nach wiederholter Blüte nun immer mehr zurückzog und mit dem Abschluss des Großen Mauer Mitte des siebzehnten Jahrhunderts endgültig die Fenster zu Welt schloss. Um 570, kurz nach dem Tode Justinians, des letzten Kaisers von Gesamtrom, brach die nach ihm benannte Pest aus, durchwütete das ganze Mittelmeerbecken und schuf das infrastrukturelle chaos, das Voraussetzung war für die islamische Expansion aus der arabischen Wüste hinaus nach Ägypten, Syrien, Palästina, Mesopotamien und Unteritalien.

711 besiegten die Sarazenen – die Türken traten erst im elften Jahrhundert auf den Plan – die Westgoten am Guadalete und errichteten anstelle des alten Reiches von Toledo das Kalifat von Cordoba. Sieben Jahrhunderte später, im Jahr 1354, wütete abermals der Schwarze Tod in Europa, und während in Konstantinopel wie überall in Europa die Pestkranken auf der Straße lagen, gingen die nunmehr türkischen Muslime vor Ostthrakien, bei dem schicksalhaften Ort Gallipoli (wörtlich: kallé pólis = die schöne Stadt) vor Anker, setzten erstmals den Fuß auf im engeren Sinne osteuropäisches Territorium und eroberten die alte Kaiserstadt Adrianopel, die seither Edirne heißt. Neunundneunzig Jahre später stürmten sie von hier aus und von der See in einer Zangenbewegung dann die kaiserliche Residenzstadt Konstantinopel und machten daraus Istanbul (offiziell heißt die Stadt allerdings erst seit der Gründung der modernen Türkei in den 1920er Jahren so). Zwei große Epidemien, die das kulturelle Gedächtnis des alten Europa in christlicher Zeit wahrscheinlich mehr geprägt haben als uns Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts zwei Weltkriege und mehrere Völkermorde, waren im Abstand von siebenhundert Jahren die Geburtsstunden der islamischen Expansion nach Europa hinein. Interessanterweise waren es die Mongolen, war es Dschingis Khan, dessen Reiterhorden nicht nur beim Schlesischen Liegnitz, dem heutigen Legnice in Polen, 1241 ein christliches Ritterheer vernichteten und damit ganz Europa in Angst und schrecken versetzten; sie waren es auch, die dem türkischen Kalifat in den Rücken fielen und es so auf seinem Vormarsch auf Konstantinopel, Griechenland und den Balkan beinahe noch gestoppt hätten. Der mongolische Sieg bei Ankara im Jahr 1402 hätte um ein Haar das Rad der Geschichte zurückgedreht.

Doch wie die Hunnen eintausend Jahre zuvor (die nicht nur die Kaiserstadt Konstantinopel mit einer saftigen Kontribution belegten, sondern dem Kaiser zugleich wertvolle Hilfstruppen im Kampf gegen seine, damals noch nicht muslimischen, Gegner an der Ostgrenze stellten), so zogen sich auch die Mongolen, überfordert mit dem gigantischen imperial overstretch, den diese flächenmäßig größte Expansion eines Volkes in der Menschheitsgeschichte bedeutete, wenig später in ihre Heimat zurück und überließen Europa seinem Schicksal. – Erschüttert durch den türkischen Vorstoß auf den Balkan, das eigentliche, aber immer vernachlässigte europäische Herzland, und nunmehr endgültig abgeschnitten von den traditionellen Handelsrouten nach Fernost, sah das immer noch unzivilisierte, in der alten germanischen Trägheit verharrende und eine sehr jenseitige, melancholisch-schwermütige Christlichkeit pflegende Westeuropa sich nun ultimativ gezwungen, nach neuen Handelsrouten Ausschau zu halten. Die moderne Seefahrt wurde geboren, und mit ihr der Kapitalismus. (Am Rande sei erwähnt: Der sagenhafte Reichtum Konstantinopels, vor dem noch im Hochmittelalter London, Paris und Rom wie bessere Dörfer aussahen, rührte natürlich aus seiner geographischen Position als Schnittstelle des Welthandels zwischen Europa und China beziehungsweise dem asiatischen Osten insgesamt, der damals in Europa kollektiv als „Indien“ bezeichnet wurde. Russland versuchte im 19. Jahrhundert militärisch und versucht nun, im 21. Jahrhundert, wirtschaftlich und diplomatisch, genau die Position, die Byzanz vor tausend Jahren innehatte, nun wieder neu aufzubauen.)

Das Wesen des Kapitalismus ist antiterritorial. Die Engländer, die als Inselvolk nie besonders in territorialen Kategorien dachten (denn ein entferntes Festland lässt sich von einer Insel eben nie dauerhaft sicher beherrschen, weshalb England ja auch trotz äußerster Anstrengungen den Hundertjährigen Krieg um Frankreich verlor), erkannten dies als erste und bauten bereits im fünfzehnten Jahrhundert ein effizientes kapitalistisches System auf, das sie in den beiden folgenden Jahrhunderten soweit verbesserten, dass sie um die Wende vom 17. Zum 18. Jahrhundert, als um die spanische Thronfolge ein europäischer Weltkrieg ausbrach, bereits als Schiedsrichter und Zünglein an der Waage auftreten konnten. Die Bank of England, damals keine zehn Jahre alt, gab das Geld an die Verbündeten, und ein britischer Aristokrat, der Herzog von Marlborough, kommandierte alliierte Armeen, die im Allgäu und in den Niederlanden große, blutige Schlachten schlugen. Der pompöse Landsitz der Marlborough, unter deren Nachfahren auch der künftige König von England ist, Blenheim Palace, heist nach dem Städtchen Blindheim im bayrischen Schwaben. –

Der Kapitalismus ist, das erkannte Max Weber zu Recht, in seinem Wesen melancholisch, daher die These von der innerweltlichen Askese. Er ist melancholisch wie ein Don Juan, der es aufgegeben hat, eine Frau zu finden, die er heiraten kann, weil er selbst ein ewiger Wanderer, ein Wurzelloser ist, eben in diesem Sinne antiterritorial. Stattdessen zieht er wie der fliegende Holländer – Holland ist in der Frühen Neuzeit die kontinentaleuropäische Version Englands, New York hieß bekanntlich zuerst Neu Amsterdam, die Ostküsten-Oberschicht setzte sich ursprünglich fast überwiegend aus niederländischen Kaufmannsfamilien wie den Roosevelts zusammen) –, wie der Fliegende Holländer also zieht der Kapitalismus als politisch-wirtschaftlicher Donjuanismus über die Weltmeere und verführt überall, wo er vor Anker geht, eine andere fremde Schönheit und macht sie, nach Möglichkeit, von sich abhängig. Machte er sie nicht abhängig, müsste er irgendwann betrübt und schlagartig im Bewusstsein der eigenen Weltlosigkeit, des eigenen Alleinseins zurückkehren auf seine einsame, langweilige und weltabgeschiedene Insel und dort an gebrochenem Herzen einen langsamen, traurigen Tod sterben.

Der Verlauf der europäischen und der Weltgeschichte seit der Frühen Neuzeit hat dieses Modell zum tragenden Modell der internationalen Politik erhoben. Eine Konsequenz dessen ist die völlige Ausstreichung des Prinzips der Territorialität und damit der Nationalität aus der europäischen Politik. Die Errichtung des alliierten Besatzungsstatuts über Deutschland 1945, die Grundlegung der Europäischen Gemeinschaft ein Jahrzehnt darauf in den Römischen Verträgen, schließlich die westöstliche Annäherung, die deutsche Wiedervereinigung, der Zusammenbruch der kommunistischen Satellitensysteme im slawischen Osteuropa, der Zwei-plus-Vier-Vertrag und, zuletzt,, die formelle Ausrufung der Europäischen Union mitsamt dem Abkommen von Schengen in den Neunzigerjahren sind die krönenden Höhe- und Endpunkte in dieser Entwicklung. – Es ist im September 2015 durch eine interessante Fügung der politischen Geschehnisse für jedermann ersichtlich, dass die Entwicklungen der vergangenen vierzehn Jahre, also seit den Ereignissen des elften September 2001, und, in ihrem Verfolg, die Aufwühlung des Nahen und Mittleren Ostens, also des orientalischen Länderschlauchs von Syrien am Mittelmeer bis nach Afghanistan und Pakistan am indischen Ozean, dazu geführt haben, dass dieses Prinzip der Antiterritorialität nunmehr grundlegend infrage gestellt wird, und zwar aus zwei Gründen:

  1. der internationalen Finanzkrise, die in Südeuropa, beginnend bei Griechenland, zu einem sich stetig ausweitenden wirtschaftlichen Chaos geführt hat und weiterhin führt;
  2. der Flüchtlingsbewegung aus dem Nahen und Mittleren Osten in Richtung Zentral-, West- und Nordeuropa, die eine direkte Konsequenz der Bürgerkriege und Kriege ist, die seit 2001 – wenn wir Palästina und die Zweite Intifada nehmen, dann ist das Stichjahr glatt 2000 – von der Levante bis an die indische Grenze toben und die, das sei der Gerechtigkeit halber nicht unerwähnt, durch die russische Regierung unter dem seither amtierenden Wladimir Putin mit Müh und Not daran gehindert werden, nach Norden, ins Herzland des „Eurasischen Balkans“ überzugreifen, also sich vom südlichen Orient nach dem nördlichen auszudehnen, der sich vom Kaukasus über das alte Hyrkanien östlich des Kaspischen Meeres über Kasachstan, Tadschikistan und wie die Staaten alle heißen bis ins bereits erwähnte Samarkand, das alte alexandrinische Marakanda, direkt an der chinesischen Grenze erstreckt.

Das ist der gegenwärtige politisch-geographische beziehungsweise geopolitische Plan, in dem sich die Welt, Afrika und Südamerika ebenso wie die staatliche Dimension der Raumfahrt einmal beiseite gelassen, zur Zeit bewegt.

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Wenn wir unserer Bertachtung die Feststellung zugrunde legen, dass das europäische System, in dem wir leben und um das es uns also naturaliter vorrangig geht, gehen muss, dass dieses System also in seinen gewachsenen und überlieferten Grundfesten erschüttert wird und weiterhin und mit fortschreitender Intensität erschüttert werden wird: so gilt es zuvörderst zu klären, was die Ursachen dieser Erschütterung sind. Wenig überraschend, sind die Ursachen der Erschütterung, wie eigentlich immer im Leben und also auch immer in de Geschichte, dieselben Ursachen, die einmal zur Stabilität des Systems und damit zum System als System überhaupt geführt haben. Es sind, wie schon gesagt, zwei Ursachen: einmal der Kapitalismus, zum anderen der Islam beziehungsweise die Ausschließung des Islam vom westlichen politischen und also vom weltpolitischen Geschehen, die im Ganzen sechshundert Jahre lang Bestand hatte und die Europa, das sich in dieser Zeit als vom Islam berannte und sich immer wieder erfolgreich dagegen verteidigende Festung verstand, überhaupt erst die Chance gab, sich politisch, aufsteigend vom frühen Absolutismus über den revolutionären Konstitutionalismus bis hin zum System der demokratischen Multilateralität der EU, so sehr zu konsolidieren und dabei wirtschaftlich eine schier uneinnehmbare Spitzenposition aufzubauen. Der Zeitstrang dieser sechshundert Jahre beginnt also bei der türkischen Eroberung Gallipolis im Jahr 1354, und er endet genau 598 Jahre später, mit der Aufnahme der Türkei, diesmal ein formal laizistischer Staat, ohne Sultanat, ohne Kalifat und ohne orientalische Provinzen, im Jahr 1952.

In diesen sechshundert Jahren gehen Vasco Da Gama, Magellan und Kolumbus auf Entdeckungsfahrt, wird Amerika entdeckt und sein nördlicher Teil vom westeuropäischen Bürgertum kolonisiert und dabei ganz aufs Wirtschaftliche hin ausgerichtet, werden Recht und Administration der europäischen Länder modernisiert und rationalisiert und wird schließlich der uralte Traum von einem konsistenten europäischen Reich unter demokratisch-republikanischen Vorzeichen verwirklicht. Mit der Einführung des Euro im Jahr 2002, allerdings drei Monate bereits nach der neuen Zäsur, Nine Eleven, wird diesem Prozess der europäischen Einigung die Krone aufgesetzt: eine einzige Währung für inzwischen neunzehn europäische Staaten, deren meiste zuvor oftmals und jahrhundertelang in erbittertem Streit miteinander lagen: so etwas hat es in unserer Geschichte noch nie gegeben.

Diese gewaltige, eigentlich unvorstellbare Konsolidierung verdankte sich der Abspaltung des alten europäischen Ostens, den wir gemeinhin Orient nennen, ohne freilich genau zu wissen, was Orient bedeutet, aus der Abspaltung des Orients, unseres europäischen Ostens also vom Rest Europas. Sie vollzog sich mittels der Aufsaugung des griechischen Kaiserreiches, das ja Kaiser- beziehungsweise Königreich der Romäer ließ, durch das türkisch-islamische Sultanat, und sie führte überhaupt erst dazu, dass „Europa“ und „Westen“ auf einmal Synonyme wurden und es bis heute blieben. Wer heute „Europa“ sagt, meint etwas Westliches, den Westen eben, und kann sich damit auf Los Angeles ebenso beziehen wie auf Warschau, auf die Hudson Bay genauso wie auf die adriatische Küste vor Dubrovnik oder die griechischen Dodekanes vor der westtürkischen Küste.

Durch den Zusammenbruch des Islams als staatliches System, als welches das Osmanische Reich sich verstand, im Ersten Weltkrieg – es war übrigens, weil dies in der offiziellen Geschichtsschreibung in der Regel unerwähnt bleibt, der Zusammenbruch der Salonikifront auf dem Südbalkan, der General Ludendorff am 30. September 1918 davon überzeugte, dass der Krieg für die Mittelmächte nun definitiv verloren sei und Frieden geschlossen werden müsse –, durch den Zusammenbruch des Osmanischen Systems also geriet das europäisch-westliche System selbst sofort und unmittelbar ins Wanken. Europa, also der Westen war am Ausgang des Ersten Weltkrieges zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um eine tragfähige Lösung für die Erbschaft der orientalischen Provinzen des Sultans zu finden, die erst unter ein französisch-englisches koloniales Mandat kamen und dann, in eine prekäre Unabhängigkeit entlassen, unter das informelle Mandat der westlichen Industrie gerieten, die in den rohstoffreichen Landmassen zwischen der levantinischen Küste und den opiumreichen Hochebenen Afghanistans ein ideales Feld der Exploitation und der Versorgung der westlichen Wirtschaft und der westlichen Staaten mit Überschüssen erkannten. Es sprang also nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall des Osmanischen Reiches, der um die Mitte der Zwanzigerjahre abgeschlossen war, nicht etwa der Westen als Staat, als staatliches Gebilde, als Reich oder was auch immer in die Bresche, die der Fall des Sultanats gerissen hatte; sondern es sprang der Kapitalismus, ein im Westen gewachsenes und erprobtes Wirtschaftskonzept in diese Bresche. Es ist einleuchtend, dass ein Wirtschaftskonzept allein die Lücke nicht schließen konnte, die der plötzliche Schwund von Staatlichkeit in das Leben so vieler Völker im Orient riss.

Es gab zu der Zeit, da sich diese Dinge abspielten, also vor neunzig bis hundert Jahren, einen Versuch, nicht die Wirtschaft, sondern tatsächlich eine staatliche Ordnung mit der Aufgabe zu betrauen, im Orient die Ordnung wiederherzustellen. Zu den Siegermächten des Ersten Weltkrieges gehörte auch das kleine Griechenland. Griechenland, das jüngste, schwächste und am wenigsten angesehene Glied im System der europäischen Staaten, die überwiegend noch Monarchien waren, war erst im Juni 1917, zwei Monate nach den Vereinigten Staaten, in den Krieg gegen Deutschland und seine Verbündeten eingetreten – nachdem unter bürgerkriegsähnlichen Zuständen der regierende König Konstantin, dessen Schwager der Deutsche Kaiser Wilhelm II. war, zur Abdankung und ins Exil gezwungen worden war. Schon eineinhalb Jahre zuvor hatte die griechische Regierung unter Evangelos Venizelos und gegen den Widerstand des deutschfreundlichen Königs der französisch-britischen Expeditionsarmee, die bei dem Versuch, Konstantinopel einzunehmen, eben bei jenem schicksalsschweren Ort Galliopoli eine furchtbare Niederlage erlitten hatte, Asyl geboten und dem französischen General Maurice Sarrail erlaubt, bei Saloniki im griechischen Makedonien eine neue Frontlinie aufzubauen. Nun, nach dem griechischen Kriegseintritt und nach der türkisch-bulgarischen Kapitulation im Herbst 1918, sah der griechische Nationalismus, dessen Gallionsfigur und Spiritus rector eben Venizelos war, seine Chance gekommen und betrieb die Annexion der Westtürkei, in der einige Millionen Griechen unter türkischer Herrschaft lebten, an das griechische Königreich. Die großen drei westlichen Alliierten am Verhandlungstisch in Sèvres bei Paris waren mit diesem Plan vorerst auch einverstanden – doch als ihnen die griechische Armee in Kleinasien, die schließlich nur noch einhundert Kilometer vor Ankara und damit tief in Anatolien stand, zu erfolgreich wurde, entzogen sie dem kleinen Staat ihre Unterstützung. So wurde aus der kleinasiatischen Expedition die kleinasiatische Katastrophe. Im Jahr 1922 trat die griechische Armee einen schmachvollen Rückzug an, Atatürk, Präsident der jungen türkischen Republik, triumphierte und konnte die Grenzziehung des neuen Staates, zu dem mit Gallipoli und Ostthrazien auch kontinentaleuropäische Gebiete gehörten, im Vertrag von Lausanne international durchsetzen. Die ehemaligen orientalischen Provinzen der Türkei freilich blieben sich selbst überlassen, und Atatürk wusste nur zu gut, weshalb er ihnen keine Träne nachweinte. Die kleinasiatische Katastrophe aber und der sich ihr anschließende Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, die erste Massenmigration in Europa im 20. Jahrhundert, wurden zum tiefsten und stärksten Trauma der griechischen Volksseele, das das politische und ebenso das wirtschaftliche Schicksal des Landes bis heute bestimmt.

So hatte sich der Westen des orientalischen Problems auf schlanke Weise entledigt, indem es den Griechen verbot, den europäischen Orient wieder in Europa einzugliedern, den Orient dafür aber zu dem Schicksal verurteilte, Spielball zwischen zwei nichtstaatlichen, apolitischen und antiterritorialen Interessen zu sein: hier dem kapitalistischen, also wirtschaftlichen Interesse westlicher Unternehmen; dort dem dogmatischen, religiös-ideologischen Interesse des Islams, der nach wie vor von der arabischen Halbinsel aus „regiert“ wird unter einem absolutistisch-fundamentalistischen Königreich, das dort über Hunderte von Jahren ein geschichtliches Schattendasein führte, bis es die Entscheidungen von Sèvres und Lausanne aus der Versenkung holten.

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Das Wort System kommt aus dem Griechischen. Ihm zugrunde liegt das Verb synistamai, das übersetzt „zusammenstehen“ bedeutet. Ein System ist also ein Gebilde, dessen Teile beziehungsweise Glieder sich nebeneinander stellen und an ihrem jeweiligen Platz verharren, um so dem Ganzen, das sie bilden, nach außen eine klar umrissene und identifizierbare Gestalt zu geben. Das westlich-europäische System, das wir meinen, wenn wir vom Westen sprechen, gilt in der offiziellen politischen Sprache geradewegs als das Musterbeispiel dafür, wie ein System in diesem Wortsinne zustande kommt: Mehrere, ursprünglich freie und gleichberechtigte Glieder schließen sich zusammen, stehen zusammen und bilden so ein Ganzes, das seine Solidität und Stabilität dem Beharrungsvermögen und dem Beharrungswillen jedes einzelnen seiner Teile schuldet.

Die Unterscheidung zwischen Wille und Vermögen ist eine moralische. Sie gehört in den Bereich der Ethik, der Psychologie, sicher des Rechts und insbesondere des Strafrechts. In der politischen Welt dagegen sind Wille und Vermögen koinzident. Es geschieht nichts, was nicht den Umständen ebenso sehr geschuldet wäre wie dem Willen oder Nichtwillen des oder der Agierenden. Gerade am Beispiel Griechenlands und seines mutigen, aber am Ende hilflosen Eingreifens in die Weltgeschichte vor neunzig Jahren sehen wir dies, und wir sehen es aktuell wieder an der wirtschaftlichen Krise des Landes, von der jeder weiß, dass sie nicht einfach mit der Einführung eines effizienten Besteuerungssystems und auch nicht mit noch mehr Ausgabenkürzungen wird behoben werden können. Das Land ist schlicht von der Hauptquelle einer jeden kapitalistischen Betätigung abgeschnitten: dem Vorhandensein eines ausreichend großen industriellen Produktionsstocks, dessen Güter auf dem Markt nachgefragt werden. England verdankte seine wirtschaftliche Vormachtstellung, die fast vierhundert Jahre lang anhielt, nicht seinem Bankensystem, sondern den ungeheuren Mengen an verarbeitetem Material, die es, ob im Mutterland oder in den Kolonien hergestellt, in alle Welt exportierte. Dasselbe gilt für die USA, die zuerst im Zweiten Weltkrieg und dann während des Marshallplans nicht nur erhebliche Summen Bargeldes, sondern noch größere Volumina an Produktions- und Industriegütern, an Kleidung, Lebensmitteln und Werkzeug in die von ihnen unterstützten Länder exportierte.

Wenn ein System darin besteht, dass seine Teile alle an einem bestimmten Ort und in einem bestimmten, klar definierten Verhältnis zueinander stehen, so gilt das, wie für die Familie und jede weitere menschliche Gemeinschaft im engeren, so im weiteren Sinne für Staaten und Staatengemeinschaften. Seit dem Ende des Zweiten, in gewisser Weise schon seit dem des ersten Weltkrieges denken wir die internationalen Beziehungen in der Kategorie von Systemen. Das unterscheidet die Politik des späten 20. Jahrhunderts fundamental von der des 19. sowie aller vorhergehenden Jahrhunderte. Der Zeit der großen Reiche, in denen ein machtvolles, dominantes Zentrum über eine mehr oder weniger weit sich erstreckende territoriale und ethnische Peripherie gebot und dieser Peripherie, oftmals gegen ihren Willen, die politische Ordnung diktierte, schloss sich mit Beginn der karolingischen Epoche in Europa die Periode der Nationalstaaten an, deren jeder seine eigenen Interessen im Auge hatte und imperiale Politik nur, oder doch vorrangig, zur Absicherung eben dieser Interessen betrieb. So versuchte etwa England, das nach dem Aussterben des normannischen Herrscherhauses im Mannesstamm von einer französischen Dynastie regiert wurde, in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends wiederholt Frankreich zu erobern, scheiterte aber daran ,dass es über den expansiven Impuls hinaus kein tragfähiges und attraktives Konzept für eine solche Fremdherrschaft anzubieten hatte. Die Tendenz zur Nationalisierung und Partikularisierung im Anschluss an die römische beziehungsweise oströmische imperiale Periode ging so weit, dass das Zentrum Europas, nämlich Deutschland, seine Zersplitterung in mehr oder weniger autonome Teilstaaten erst relativ spät überwand – zwischen 1867 und 1934, also in einer Zeit, in der die Nationalstaatenbildung in Westeuropa bereits weitgehend abgeschlossen war. Jedenfalls aber sitzt einem beliebten Schulirrtum auf, wer den Beginn der Nationalstaatenbildung erst mit Beginn der Renaissance oder gar erst um die Zeit der Französischen Revolution herum verortet. Tatsächlich beginnt die große Welle der Nationalisierung und Partikularisierung am Übergang vom Altertum zum Mittelalter, genauer: zur Zeit der fränkischen Expansion, zur Zeit Karls des Großen.

Im Jahr 2015 blicken wir auf diese Epoche mit der Auf- beziehungsweise Abgeklärtheit einer Generation zurück, die von ihrer unmittelbaren Aszendenz das Andenken an zwei angeblich im Zeichen des Nationalitätenprinzips geführte Weltkriege geerbt hat und durch die Kultur, Bildung und Erziehung gegenüber nationalistischen Bestrebungen immunisiert worden ist. Wir sind mit der Gründung des Völkerbundes während der Pariser Vorortkonferenzen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, endgültig mit der Promulgation der Atlantikcharta durch die damals putativen Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und schließlich die Gründung der Vereinten Nationen im Schicksalsjahr 1945 ins Zeitalter der multilateralen Staatenblöcke eingetreten. Der Kalte Krieg zeichnete sich wesentlich dadurch aus, dass in ihm nicht mehr separate Staaten, sondern zwei solcher Staatenblöcke, wenn auch jeweils unter der Dominanz eines politisch, wirtschaftlich und auch demographisch übermächtigen Einzelstaates, einander gegenüberstanden. Den Einschnitt, welchen historisch das ende des Kalten Krieges 1990/91 bedeutet, ermisst man am besten, indem man sich vor Augen führt, dass damit das etablierte System der Blöcke zerbrach und an ihre Stelle wiederum die Nationalstaaten, unter ihnen eine Reihe neuer oder wieder gegründeter beziehungsweise in die Unabhängigkeit entlassener Länder, traten.

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Header: Kronprinz Giorgos (= König Georg II.) von Griechenland betritt das von griechischen Truppen eroberte Smyrna (heute Izmir). Mai 1919, Quelle: Wikimedia Commons.

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Das Wesen des Islams und der Westen. Teil 2: Das Wesen des Westens in seiner Entwicklung 1453 bis 1974

Der Prozess des Kapitalismus, der – möglicherweise paradoxerweise, aber dazu später mehr – ein Produkt, jedenfalls eine Folge der europäischen Renaissance und des Humanismus ist, ist ein Prozess der Zunahme des Abstands des Menschen von der Erde, ein Prozess der fortschreitenden Überwindung von Grenzen, kurz: ein Prozess der Enterdlichung. Er begann mit der Überquerung des Atlantischen Meeres durch die Pioniere der Seefahrt im kolumbianischen Zeitalter, die in den Augen des hierin klassisch denkenden Mittelalters ein Sakrileg darstellte (die Säulen des Herakles, also Gibraltar, zu überschreiten, galt den Alten als Herausforderung des Schicksals, die man nicht ungestraft wagte); er erreichte seinen Höhepunkt mit der Durchbrechung der Erdatmosphäre, mit dem Start erst in die unbemannte, dann die bemannte Raumfahrt und schließlich mit jenem great step for mankind, der ersten Landung von Menschen auf dem Mond im Jahr 1969; und er wird fortgesponnen und fortgelebt mit den oben genannten Plänen, Mond und Mars in absehbarer Zeit zu kolonisieren und der Erde somit ein außerirdisches, dem Leben ein unlebendiges Reservoir zu schaffen.

Vom kapitalistischen, und das heißt im weiteren Sinne: vom westlichen, auch vom individualistischen Standpunkt aus sind diese Planungen, ist diese Entwicklung logisch und nachvollziehbar. Wir müssen uns das alte Europa, um das es uns hier geht, vorstellen als einen geschlossenen Kessel, unter dessen Deckel im Mittelalter ein furchtbarer Druck lastete. Das alte, starre, menschen- und lebensfeindliche christliche Weltbild, das vielerorts selbst heute noch in der Ersten Welt eine erstaunliche Fortgeltung besitzt, schnürte die Menschen ein und ließ ihnen keine Luft zur Entfaltung. Alles, was das Leben des Menschen lebenswert macht: Sexualität, freies Denken und Forschen, Freizügigkeit der Person, Unverletzlichkeit des Leibes, soziale und konnubiale Mobilität und Fluktuation: all dies war verpönt, war strengsten Regularien unterworfen, bei deren Übertretung grausame Strafen drohten.

So das Europa des Mittelalters, und so auch das Europa der Frühen Neuzeit, im Wesentlichen auch der Moderne bis zum Jahr 1945, bis zur Ankunft Amerikas auf dem europäischen Kontinent. Anders als 1917 – Lafayette, wir sind da! – blieben 1945 die Amerikaner in Europa, finanzierten den Wiederaufbau des zerstörten und geschundenen Kontinents von Schottland bis nach Thrazien und ließen in die Köpfe und Herzen der Menschen Rock ’n’ Roll einziehen, den Geist der swingenden Fünfziger, der rockenden Sechziger und schließlich der poppigen Siebziger. Und im Strahlungsfeld dieses Geistes stehen wir heute, steht ganz und gar die Generation Y, deren Beginn von der demographischen Statistik auf das Jahr 1974 festgesetzt wird: das Jahr, in dem in den USA unter der Federführung Spielbergs, Coppolas und Scorceses New Hollywood begann; das Jahr nach der Ölkrise, mit der die grüne Bewegung ihren Gründungsimpuls erhielt; das Jahr nach Jom Kippur, das den Nahostkonflikt in seiner enervierenden Iterativität für die kommenden Jahrzehnte präjudizierte; das Jahr der Abwahl Brandts, mit welcher zugleich das alte rheinische Adenauerdeutschland abgewählt wurde und das spätrepublikanische Biedermeier begann; das Jahr, in dem vorerst zum letzten Mal Menschen den Mond betraten in froher Erwartung künftiger Missionen, die das damals Erreichte weit in den Schatten stellen würden; kurz: das Schwellenjahr der Siebzigerjahre, in denen die moderne Informationstechnologie, die moderne materielle und idelle Kultur von unseren Essgewohnheiten bis zu Pornographie erfunden wurden. 1974 ist das Befreiungsjahr schlechthin, das Jahr, in dem der Westen und die Westlichkeit strahlend aus dem Muff und dem Schutt von Jahrhunderten der Tristesse, der Eintönigkeit und Negativität aufstanden.

1974, so lässt sich sagen, ist das Jahr, in dem die Weltgeschichte über die Schwelle geht. Es ist das Jahr, in dem der Westen sich endgültig herausschält aus der Verpuppung, in der er sich seit Anhub der Frühen Neuzeit, seit den Tagen Magellans, Kolumbus’ und Kopernikus’ befand; das Jahr, in dem wir definitiv anfangen, „modern“ zu werden. Wenn wir die historische Kontraposition, in der wir uns heute befinden und die seit dem elften September 2001 die politische Realität dieser Erde beschreibt, wenn wir diese Kontraposition also in die Allegorie zweier Epochenjahre setzen wollen, so sind die die Jahre 1453 und 1974. 1453, das Jahr des Falls von Konstantinopel, des Fanals, das das alte Europa des Mittelalters mit Gewalt aus seinem Dornröschenschlaf riss und buchstäblich anfeuerte und anspornte zu dem steilen, überragenden Flug, zu dem es also ansetzte, vom Vor-Anker-Gehen der Santa Maria in der Karibik bis zum militärischen Gruß, den Neill Armstrong dem Star sprangled banner auf dem Mond erwies. Und 1974, das Jahr, in dem die letzte Spannung von „uns“, das heißt von uns Westlern abfiel und das die Hochphase des Individualismus einleitete.

Wir haben weiter oben von den Menschen gesprochen, die aus dem Druckkessel des alten Europa ausbrachen, um anderswo Entfaltung erleben zu können, die Entfaltung, die ihnen auf dem alten Kontinent versagt wurde. Diese Menschen waren die ersten Seefahrer und die ersten Kapitalisten, heute sind es Investmentbanker und IT-Spezialisten, die überall auf der Erdkugel zu potenziell jedem beliebigen Zeitpunkt neue Mittel und Methoden entwickeln, Grenzen zu überschreiten, es seien physische, materielle oder finanzielle Grenzen (nur die idellen Grenzen, die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens, bleiben durch die bloße gegenständliche Technik vorläufig unangetastet; sie aufzubrechen oder zu verschieben, kann Aufgabe einer neuen, einheitlichen westlichen Philosophie sein, die es freilich vorläufig nicht gibt). Die Theorien einer so genannten Dialektik der Aufklärung, die von der reaktionären Philosophie des späten neunzehnten Jahrhunderts über Heidegger und die anthropologisch-existenzphilosophische Schule bis Adorno und Hannah Arendt insbesondere in der deutschen Philosophie gute Tradition hat: diese Lehren von der Dialektik, das heißt der Negativität und “eigentlichen” moralischen Defizienz der Moderne (was hier die Frühe Neuzeit miteinbegreift) überbieten einander gern darin, die ersten Entdecker und Kapitalisten, nicht anders als ihre späten Nachfahren heute, abzuqualifizieren und zu verurteilen als Abenteurer, als wurzel- und charakterlose Desperados und Zerstörer einer vermeintlich guten alten Zeit, eines vermeintlich schönen alten Raumes, eines raumzeitlichen Kontinuums, das im Unterschied zu seinem heutigen Substrat nicht sinnleer, sondern sinnerfüllt gewesen sei. In dieser Verurteilung wissen linker und rechter Jargon sich seit je miteinander eins, und sowohl Marx als auch Heidegger pflegten die arbiträre Rede von einer angeblichen „Idylle des Mittelalters“ und von der Verderbnis, welche die Neuzeit, die „Zeit des Weltbildes“, über uns gebracht habe. Hannah Arendt sah die Massenvernichtungen unter Hitler und Stalin in der Tradition von Kapitalismus und Kolonialismus und phantasierte in ihrem Werk Vita activa von 1955 von einer „Weltlosigkeit“, die mit der Neuzeit über uns gekommen sei und welche „ohnegleichen“ sei. Die normative Schule in der Politikwissenschaft, vertreten von Persönlichkeiten wie dem nicht weniger brillanten Eric Voegelin, schloss sich Arendt darin weitgehend an. Nirgendwo ist der Westen, ist die Westlichkeit so sehr verschrien wie im Westen selbst, und das meint insbesondere: in Europa. –

Das Wesen des Westens – wir können, dies der Grund dieses Exkurses, nicht über das des Islam schreiben, ohne nicht auch ein Wort über jenes des Westens verloren zu haben -, das Wesen des Westens also ist Partikularisierung, Individualisierung, Spezifikation und Spezialisierung, und all dies sind Ausprägungen von Freiheit. Eine späte Explikation dieses Wesens mag man zum Beispiel darin erkennen, dass es bei Facebook deutlich mehr als zwei Optionen gibt, das eigene Geschlecht zu bestimmen. Der Dampf aus dem Kessel, der Europa war, der es vor allem in den eineinhalb Jahrtausenden zwischen der Passion Christi und dem Fall Konstantinopels und dem Schlachtentod des letzten legitimen Kaisers der Römer Konstantins des Elften war: der Dampf aus diesem Kessel ist entwichen, entweicht seit fünfhundertfünfzig Jahren, und niemand, keine Macht der Welt wird es fertig bringen, diesen Dampf wieder zurückzustauen in den Kessel, der Europa einmal war. Was aber geschehen kann, ist, dass der Dampf, nachdem er einige Zeit aufgestiegen ist, sich ablagern wird in der Stratosphäre, Wolken bilden und schließlich abregnen wird auf die Gefilde, aus denen er einst emporgestiegen, und dann wird sich fragen, wo, wann und wie dieses aus dem entwichenen Dampf der Jahrhunderte kondensiertes Wasser abregnen soll. Die Abläufe in der Geschichte sind strukturell die gleichen wie die Abläufe in der Natur. Die Abläufe als solche, mögen wir sie auch selbst geschaffen haben, können wir nicht beeinflussen; was wir beeinflussen können aber, ist die Art, wie wir in diese Abläufe eingreifen.

Entfaltung und Freiheit sind Wechselbegriffe. All das, was die westliche Kulturkritik gern als dekadent bezichtigt und was der Islamische Staat, der sich auf dem Gebiet des alten griechisch-römischen Kaiserreiches breit macht, mit aller Brutalität bekämpft und bekriegt, ist Ausfluss und Wirkung von Freiheit. Pornographie ist Freiheit. Promiskuität ist Freiheit. Mobilität und Tourismus sind Freiheit. Die universelle Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, die Universalität von Kommunikation, die freie Verfügbarkeit fast aller möglichen Daten und Gegenstände in einer globalisierten Welt ist Freiheit. Niedrigpreise für Dienstleistungen, die vor einem halben Jahrhundert noch ein halbes Vermögen kosteten und für die Mehrheit der Menschen unerschwinglich und also unvorstellbar waren: etwa fürs Flugreisen oder für wertvolle Kleidung oder Gebrauchtwagen: auch dies Freiheit. Und all diese Freiheit im Gegenständlichen: der erlöste, befreite Zustand des Leiblichen und der Leiber, die Möglichkeit, mit einem Smartphone das Weltwissen seit der Schöpfung dieser Welt abzurufen oder mit jeder beliebigen Person über das Internet in eine intime Kommunikation zu treten: diese Befreiung des Leiblichen ist es, was sich der europäische Geist, was sich unser Geist erträumt hat, seit es eine abendländisch-orientalische Geistesgeschichte gibt.

Das Wesen des Westens ist Freiheit. Das Wesen des Islam ist Kraft. Kraft ist Freiheit, die noch nicht frei geworden ist, die noch nicht zu sich gefunden hat.

Das Wesen des Islam und der Westen. Teil 1

Keine der drei monotheistischen Religionen ist so sehr pure Kraft und so sehr pure Bewegung wie der Islam. Während die Geschichtswissenschaft von der Christianisierung des Römischen Reiches spricht und damit semantisch den Vorgang der Christianisierung ihrem Objekt, nämlich dem Römischen Reich, unterordnet, so spricht sie dagegen von der islamischen Expansion.
Der Islam war von seinem Anbeginn an eine politische Bewegung, ein politischer Anspruch. Mohammed befand sich auf der Flucht vor politischen Gegnern (und vermutlich auch vor Gläubigern), als er erstmals – da war er bereits über fünfzig Jahre alt – Stimmen vernahm, die ihm sagten, was er zu tun habe. Seit diesem Augenblick hatte das Leben dieses Mannes ein Ziel, eine Richtung.

Bereits dieses Ursprungsnarrativ des Islam folgt einem bestimmten Schema: das Religiöse, Apokalyptische folgt dem Politischen, nicht umgekehrt. Und noch mehr: mit dem Eintritt des Religiösen ins Politische, des Esoterischen ins Exoterische beginnt erst die persönliche „Erfolgsgeschichte“, beginnt der Aufstieg Mohammeds vom sinnlos umherziehenden und umhergejagten Trommler und Aufrüttler, der seinen Mitmenschen mächtig auf die Nerven gefallen sein muss, zum Propheten, zur politischen, religiösen und schließlich historischen Instanz.

Im Christentum haben wir einen umgekehrten Verlauf: das Politische folgt dem Religiösen, die Realität der Offenbarung. Jesus von Nazareth ist ein religiös Erweckter, der mit der Politik nichts am Hut haben will. Schon lange ist er als wundertätiger und aufklärerischer Wanderprediger in Galiläa bekannt, ehe er am Palmsonntag in Jerusalem einzieht und sich aufs glatte und dornige, gefährliche Plateau der Politik begibt. Es dauert keine Woche, da steht der kühne, aber eben auch naive junge Mann vor Gericht in der römischen Statthalterei. Der Vorwurf: Hochverrat. Die Strafe so grausam wie absehbar: Tod am Kreuz. Wo Mohammed mit dem Eintritt ins Politische erst sein Ziel und seine Bestimmung findet, da verliert der Nazarener sie. Bis jetzt war er glücklich und zufrieden; nun, da er sich einmal auf das Terrain der Politik begeben, kommt er auch schon darauf um. Der Tod Jesu ist, anders, als die christlichen Dogmen es gern weismachen wollten und wollen, kein Triumph und keine Erlösung, sondern das denkbar schlimmste, grässlichste und blamabelste Scheitern, das sich denken lässt. Umgedeutet zum Akt des Sieges und der Überwindung wird dieser Akt der Folter und der brutalen Brechung des menschlichen Willens und der menschlichen Individualität lange, lange nach dem Tod des jugendlichen Aufrührers, des Hochverräters wider Willen, den die Wucht der Ereignisse zu sehr traf, als dass er sich auf den krummen, unsauberen Deal eingelassen hätte, welchen der Statthalter ihm im Angesicht des Kreuzes und der klassischen Besatzerstrategie des divide, et impera folgend wohl anbot („weißt Du nicht, dass ich Macht habe, Dich freizugeben, und Macht, Dich zu kreuzigen?“).

Der Islam bezieht seine Macht, und auch seine Attraktivität, seit eintausendfünfhundert Jahren daher, dass seine Geschichte nicht mit einem Akt der Niederlage, sondern mit einem Akt des Sieges beginnt. Mohammed siegt über seine Gegner, er setzt sich durch im harten Wettbewerb unter den arabischen Nomadenführern, diesem Getto des orientalisch-abendländischen Komplexes, und er vererbt seinen Kampfgeist und seine Unbeugsamkeit auf seine Jünger und deren Nachfolger. Der Prophet ist keine fünfzig Jahre tot, da steht ein arabisches Heer vor den Toren Konstantinopels, damals die Hauptstadt der zivilisierten Welt, die prächtigste Metropole zwischen Atlantikküste und Innerasien, und nur eine platte, aber wirksame List des regierenden griechischen Kaisers, vor allem aber der Gebrauch des auch auf Wasser unlöschbaren griechischen Feuers verhindern, dass erst jetzt, und nicht erst achthundert Jahre später, die Hauptstadt der christlich-europäischen Welt in die Hände der Sarazenen fällt.

Der Expansionsdrang des neuen Glaubens freilich ist darum nicht etwa gebrochen. Allein Konstantinopel wird zwischen dem siebten und dem fünfzehnten Jahrhundert gut zehnmal durch muslimische Truppen belagert, das Aufkommen einer modernen Artillerie besiegelt im Jahr 1453 schließlich das Schicksal der „goldenen Stadt“, die den Glanz und das Wohlleben der Antike über die Epochenbrüche der Völkerwanderung und der justinianischen Pest ein weiteres Jahrtausend lang hinweggerettet hat. Inzwischen breitet sich der Islam in rasender Hast aus über das gesamte innere Gebiet Eurasiens, das Gebiet der so genannten eurasischen Steppe zwischen Kaspischem Meer und westlicher Mongolei, und weiter westlich bis hin nach Spanien, das die reconquista, die Rückeroberung islamisierter Gebiete erst im Jahr 1492 abschließen kann. Die Geschichte der nachchristlichen eurasischen Zivilisation, also der Geschichtsabschnitt, der uns, unser Leben im engeren Sinne dominiert, kennt keine vergleichbare Welle der Inbesitznahme fremden Landes durch eine einzige Macht.

Die Kernlande dieser Macht sind die Länder des Mittelmeerraumes, also die alten Kernlande des Römischen Reiches. Dessen östlicher Teil, das byzantinische, griechische Kaiserreich, stellte sich, wir sagten es bereits, dem islamischen Expansionsdrang für tausend Jahre einstweilen in den Weg. Doch der Islam fand immer wieder neue Wege, Nebenwege und Umwege, um sein expansives Werk fortzusetzen.

Keine vierzig Jahre nach jener ersten Belagerung Konstantinopels im siebten Jahrhundert schlug das Heer des umayyadischen Kalifen am Rio Guadalete die Goten und vernichtet anschließend deren Reich, auch dies ein Reservat der Römerzeit auf westeuropäischem Boden. Wiederum zwanzig Jahre später stand ein sarazenisches Reiterheer bei Tours und Poitiers, keine zwei Tagesritte vor Paris, und nur das Glück und Geschick des fränkischen Hausmeiers Karl Martell, dessen Dynastie, die Karolinger, die europäische Landkarte neu gestalten und den Schwerpunkt europäischer Machtpolitik von Konstantinopel nach Norden, an den Rhein verlegen sollten, nur das Eingreifen dieses Karl Martell also brachte den arabischen Vormarsch auf das Frankenreich zum Erliegen. Syrien, Ägypten, die Levante, die alten Kernlande des Römischen Reiches, dessen Expansion in den keltischen Westen erst verhältnismäßig spät einsetzte, während es im Orient mehr oder weniger nur die Rechtsnachfolge des Alexanderreiches und seiner Nachfolgestaaten anzutreten brauchte: all dies war bereits erobert.
Der Islam ist Kraft, nicht Verstand, ist Glaube nicht Wissen. Er stößt heute zusammen mit dem Westen, über den sich in gewisser Weise Ähnliches sagen ließe. Die westliche Politik ist ähnlich strukturiert, ähnlich uneinheitlich wie die islamische Welt. So wie es keinen Papst der Muslime gibt, so gibt es keinen Kaiser von Europa,, und so wie der Islam auf die Kraft des Glaubens baut, so baut der Westen auf die Kraft des Geldes. Beiden eigen ist der unstillbare, gargantueske Drang nach Vermehrung, nach Ausdehnung um ihrer selbst willen. Der Ordo-Gedanke der klassischen großen Reiche ist ihnen unbekannt. So wie der Westen davon träumt, auf dem Mond und dem Mars Kolonien zu errichten und dort Wasser und andere Rohstoffe zu erbeuten, die die schwindenden irdischen Ressourcen ersetzen sollen, so träumt der Islam davon, die Hauptstädte des Westens, Berlin, Paris, London und Washington, zu besetzen und umzuwandeln in mohammedanische Metropolen.

Wir haben es hier mit einer klassischen Ungleichzeitigkeit zu tun. Während die islamische Welt, ökonomisch unterentwickelt und strukturschwach, noch tief im Zeitalter der Territorialpolitik steckt, ist der Westen längst voll im postterritorialen bzw. postterrestrischen Individualismus angekommen. Was zählt, ist nicht mehr die feste Scholle, der manifeste, gegenständliche Besitz, sondern das bloße Vermögen, die reine Potenz: nicht Gold, sondern Fiat-Geld als Währung, nicht haptische, anfassbare Speicher, sondern virtuelle Datenräume, Cloud Computing.
Header: Der “eurasische Balkan”, zugleich territoriales Wirkungszentrum des Islam. Quelle: Zbiginiew Brzezinski, The Grand Chessboard. New York 1997, S. 124.