Fragment zum europäisch-islamischen Gegensatz

Drei große Kräfte bestimmen das gegenwärtige Welttheater: der westliche Kapitalismus, der islamische Fundamentalismus und der chinesische Komplex. China hat sich, wie zuvor Russland, den Kommunismus als Hebel zu Eigen gemacht, mit welchem sein gesellschaftliches System auf industrielle Produktivität und geistigen Zusammenhalt eingeschworen wurde. Das heutige chinesische System ist deshalb so stabil, weil jeder Chinese und jede Chinesin sich sagen kann, dass mit dem System auch er und sie selbst profitieren. Und es ist sicher auch deshalb so stabil, weil China schon als geographisches Objekt von solch schierer Größe und Kohärenz ist, dass es einen eigenen politischen Großraum, gleichsam einen Subkontinent innerhalb des Festlandes darstellt, der es sich qua dessen, wie sonst nur die USA (Russland versucht seit der späten Zarenzeit mit aller Kraft, sich ähnlich einzurichten), leisten kann, seine eigenen territorialen Grenzen auch als eigenen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Horizont zu begreifen.

Das ist der zentrale Unterschied zu Europa. Europa ist ein Amalgam von im internationalen Vergleich kleinen und kleinsten Staaten. Deutschland als altes und neues Zentrum Europas hat diesen europäischen Partikularismus gleichsam im Vergrößerungsglas noch einmal durchexerziert, als es vom Allgemeinen Landfrieden bis zur Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 und dann des Kaiserreiches 1871 in zeitweise über dreihundert souveräne Territorien und noch einmal fast eintausendfünfhundert reichsunmittelbare Ritterschaften eingeteilt war. Die deutsche Föderalverfassung ist ein Nachklang dessen, genauso wie der Partikularismus in Großbritannien, in Spanien oder in Italien. Was Deutschland in Europas Neuzeit, das war Griechenland im Altertum: niemals ein geeinter Staat (wenn auch zuletzt unter der Oberhoheit der makedonischen Dynastie, die sich freilich nur mit Einschränkungen als Zentralmacht durchsetzen konnte und alsbald durch Rom als Besatzungsmacht abgelöst wurde), sondern zusammengewürfelt aus zahllosen, für sich jeweils sehr potenten und prosperierenden, aber durch ihre Partikularität eben auch verwundbaren und international instabilen Poleis. Auch Griechenland ist bis heute ein partikularistischer Staat, wenn auch mit einer gemeinsamen nationalen Ideologie, die sich aus dem kollektiven Bewusstsein seiner Vergangenheit ergibt, und so wie Deutschland von seinem Partikularismus in den vergangenen siebzig Jahren stets profitiert hat, so leidet Griechenland heute darunter, dass jede Peripherie und jede Gemeinde vor sich selbst hinwirtschaftet.

Das ist Europa, das darin das Gegenteil der USA ist, eines zwar ebenfalls föderal organisierten Bundesstaates, der freilich nach außen geschlossen auftritt, militärisch, wirtschaftlich und diplomatisch. Beide, old Europe und die USA, ergeben zusammen die westlich-petrinische Hemisphäre, die auf das Vermächtnis des Evangeliums zurückgeht: einen individualistischen Expansionismus, eine koloniale Attitüde, die die Unterworfenen freilich nicht zur Knechtschaft zwingen, sondern sie zur Freiheit anstiften will. Die kapitalistisch-individualistische Mission ist im Grunde der Passion Jesu nachgebildet, in der ein heroischer Einzelkämpfer, statt sich buddhistisch-weltentsagend zurückzuziehen, oder aber alexandrinisch-mohammedanisch triumphierend ein weltliches Reich zu errichten, im Wege seiner Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zwar „scheitert“, aber in diesem Scheitern am Ende noch Sieger bleibt.

Das ist der Westen, dem man deshalb stets unlautere Motive unterstellte, weil sein expliziter Individualismus mit seinem impliziten Herrschaftsanspruch nicht recht zusammenpassen will. – In direkter Nachbarschaft zu ihm und territorial-geographisch zwischengelagert zwischen ihm und dem Fernen Osten, also China, liegt jener Länderschlauch, der in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends nach Christus in rasend schnellem Tempo den Glauben Mohammeds annahm und islamisch wurde. Von der levantinischen Küste bis nach Pakistan und Indien hinein verehrt man den Koran und die Offenbarung Mohammeds. Ausgegangen ist der Islam von der arabischen Halbinsel, jenem vergessenen Anhängsel der alten Welt, das Alexander nicht mehr erobern konnte (der Plan hierzu war schon gemacht), weil ihn vorher die Malaria in Babylon dahinraffte. Ausgerechnet von dieser peninsularen Wüste aus griff der Glaube, der weniger Religion, als ein politisch-ästhetisches Konstrukt ist, mit unstillbarer Gewalt nach West und Ost aus, drang hier bis nach Samarkand, einst dem östlichsten Vorposten des Alexanderreiches im heutigen Usbekistan, und dort bis nach Spanien, ja nach Südfrankreich. Als die Spanier die Moslems 1492, im selben Jahr, in dem Kolumbus in Amerika landete, nach sieben langen Jahrhunderten endlich vertrieben hatte, hatten sich die Truppen des türkischen Sultans, dessen Vorfahren einst aus der Peripherie Chinas nach Westen aufgebrochen und dabei muslimisch geworden waren, bereits auf der anderen Seite des Mittelmeerbeckens festgesetzt, hatten das über Jahrtausende griechische Kleinasien und zuletzt auch das griechische Mutterland selbst besetzt.

Die Installation eines muslimischen Weltreiches – als solches führt es etwa Jacob Burckhardt in seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen – schuf für etwa sechshundert Jahre einen Zwischenraum zwischen dem Westen, der nun, nach dem Verlust von Byzanz, auch geographisch endgültig zum „Westen“ wurde, und China, das sich nach wiederholter Blüte nun immer mehr zurückzog und mit dem Abschluss des Großen Mauer Mitte des siebzehnten Jahrhunderts endgültig die Fenster zu Welt schloss. Um 570, kurz nach dem Tode Justinians, des letzten Kaisers von Gesamtrom, brach die nach ihm benannte Pest aus, durchwütete das ganze Mittelmeerbecken und schuf das infrastrukturelle chaos, das Voraussetzung war für die islamische Expansion aus der arabischen Wüste hinaus nach Ägypten, Syrien, Palästina, Mesopotamien und Unteritalien.

711 besiegten die Sarazenen – die Türken traten erst im elften Jahrhundert auf den Plan – die Westgoten am Guadalete und errichteten anstelle des alten Reiches von Toledo das Kalifat von Cordoba. Sieben Jahrhunderte später, im Jahr 1354, wütete abermals der Schwarze Tod in Europa, und während in Konstantinopel wie überall in Europa die Pestkranken auf der Straße lagen, gingen die nunmehr türkischen Muslime vor Ostthrakien, bei dem schicksalhaften Ort Gallipoli (wörtlich: kallé pólis = die schöne Stadt) vor Anker, setzten erstmals den Fuß auf im engeren Sinne osteuropäisches Territorium und eroberten die alte Kaiserstadt Adrianopel, die seither Edirne heißt. Neunundneunzig Jahre später stürmten sie von hier aus und von der See in einer Zangenbewegung dann die kaiserliche Residenzstadt Konstantinopel und machten daraus Istanbul (offiziell heißt die Stadt allerdings erst seit der Gründung der modernen Türkei in den 1920er Jahren so). Zwei große Epidemien, die das kulturelle Gedächtnis des alten Europa in christlicher Zeit wahrscheinlich mehr geprägt haben als uns Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts zwei Weltkriege und mehrere Völkermorde, waren im Abstand von siebenhundert Jahren die Geburtsstunden der islamischen Expansion nach Europa hinein. Interessanterweise waren es die Mongolen, war es Dschingis Khan, dessen Reiterhorden nicht nur beim Schlesischen Liegnitz, dem heutigen Legnice in Polen, 1241 ein christliches Ritterheer vernichteten und damit ganz Europa in Angst und schrecken versetzten; sie waren es auch, die dem türkischen Kalifat in den Rücken fielen und es so auf seinem Vormarsch auf Konstantinopel, Griechenland und den Balkan beinahe noch gestoppt hätten. Der mongolische Sieg bei Ankara im Jahr 1402 hätte um ein Haar das Rad der Geschichte zurückgedreht.

Doch wie die Hunnen eintausend Jahre zuvor (die nicht nur die Kaiserstadt Konstantinopel mit einer saftigen Kontribution belegten, sondern dem Kaiser zugleich wertvolle Hilfstruppen im Kampf gegen seine, damals noch nicht muslimischen, Gegner an der Ostgrenze stellten), so zogen sich auch die Mongolen, überfordert mit dem gigantischen imperial overstretch, den diese flächenmäßig größte Expansion eines Volkes in der Menschheitsgeschichte bedeutete, wenig später in ihre Heimat zurück und überließen Europa seinem Schicksal. – Erschüttert durch den türkischen Vorstoß auf den Balkan, das eigentliche, aber immer vernachlässigte europäische Herzland, und nunmehr endgültig abgeschnitten von den traditionellen Handelsrouten nach Fernost, sah das immer noch unzivilisierte, in der alten germanischen Trägheit verharrende und eine sehr jenseitige, melancholisch-schwermütige Christlichkeit pflegende Westeuropa sich nun ultimativ gezwungen, nach neuen Handelsrouten Ausschau zu halten. Die moderne Seefahrt wurde geboren, und mit ihr der Kapitalismus. (Am Rande sei erwähnt: Der sagenhafte Reichtum Konstantinopels, vor dem noch im Hochmittelalter London, Paris und Rom wie bessere Dörfer aussahen, rührte natürlich aus seiner geographischen Position als Schnittstelle des Welthandels zwischen Europa und China beziehungsweise dem asiatischen Osten insgesamt, der damals in Europa kollektiv als „Indien“ bezeichnet wurde. Russland versuchte im 19. Jahrhundert militärisch und versucht nun, im 21. Jahrhundert, wirtschaftlich und diplomatisch, genau die Position, die Byzanz vor tausend Jahren innehatte, nun wieder neu aufzubauen.)

Das Wesen des Kapitalismus ist antiterritorial. Die Engländer, die als Inselvolk nie besonders in territorialen Kategorien dachten (denn ein entferntes Festland lässt sich von einer Insel eben nie dauerhaft sicher beherrschen, weshalb England ja auch trotz äußerster Anstrengungen den Hundertjährigen Krieg um Frankreich verlor), erkannten dies als erste und bauten bereits im fünfzehnten Jahrhundert ein effizientes kapitalistisches System auf, das sie in den beiden folgenden Jahrhunderten soweit verbesserten, dass sie um die Wende vom 17. Zum 18. Jahrhundert, als um die spanische Thronfolge ein europäischer Weltkrieg ausbrach, bereits als Schiedsrichter und Zünglein an der Waage auftreten konnten. Die Bank of England, damals keine zehn Jahre alt, gab das Geld an die Verbündeten, und ein britischer Aristokrat, der Herzog von Marlborough, kommandierte alliierte Armeen, die im Allgäu und in den Niederlanden große, blutige Schlachten schlugen. Der pompöse Landsitz der Marlborough, unter deren Nachfahren auch der künftige König von England ist, Blenheim Palace, heist nach dem Städtchen Blindheim im bayrischen Schwaben. –

Der Kapitalismus ist, das erkannte Max Weber zu Recht, in seinem Wesen melancholisch, daher die These von der innerweltlichen Askese. Er ist melancholisch wie ein Don Juan, der es aufgegeben hat, eine Frau zu finden, die er heiraten kann, weil er selbst ein ewiger Wanderer, ein Wurzelloser ist, eben in diesem Sinne antiterritorial. Stattdessen zieht er wie der fliegende Holländer – Holland ist in der Frühen Neuzeit die kontinentaleuropäische Version Englands, New York hieß bekanntlich zuerst Neu Amsterdam, die Ostküsten-Oberschicht setzte sich ursprünglich fast überwiegend aus niederländischen Kaufmannsfamilien wie den Roosevelts zusammen) –, wie der Fliegende Holländer also zieht der Kapitalismus als politisch-wirtschaftlicher Donjuanismus über die Weltmeere und verführt überall, wo er vor Anker geht, eine andere fremde Schönheit und macht sie, nach Möglichkeit, von sich abhängig. Machte er sie nicht abhängig, müsste er irgendwann betrübt und schlagartig im Bewusstsein der eigenen Weltlosigkeit, des eigenen Alleinseins zurückkehren auf seine einsame, langweilige und weltabgeschiedene Insel und dort an gebrochenem Herzen einen langsamen, traurigen Tod sterben.

Der Verlauf der europäischen und der Weltgeschichte seit der Frühen Neuzeit hat dieses Modell zum tragenden Modell der internationalen Politik erhoben. Eine Konsequenz dessen ist die völlige Ausstreichung des Prinzips der Territorialität und damit der Nationalität aus der europäischen Politik. Die Errichtung des alliierten Besatzungsstatuts über Deutschland 1945, die Grundlegung der Europäischen Gemeinschaft ein Jahrzehnt darauf in den Römischen Verträgen, schließlich die westöstliche Annäherung, die deutsche Wiedervereinigung, der Zusammenbruch der kommunistischen Satellitensysteme im slawischen Osteuropa, der Zwei-plus-Vier-Vertrag und, zuletzt,, die formelle Ausrufung der Europäischen Union mitsamt dem Abkommen von Schengen in den Neunzigerjahren sind die krönenden Höhe- und Endpunkte in dieser Entwicklung. – Es ist im September 2015 durch eine interessante Fügung der politischen Geschehnisse für jedermann ersichtlich, dass die Entwicklungen der vergangenen vierzehn Jahre, also seit den Ereignissen des elften September 2001, und, in ihrem Verfolg, die Aufwühlung des Nahen und Mittleren Ostens, also des orientalischen Länderschlauchs von Syrien am Mittelmeer bis nach Afghanistan und Pakistan am indischen Ozean, dazu geführt haben, dass dieses Prinzip der Antiterritorialität nunmehr grundlegend infrage gestellt wird, und zwar aus zwei Gründen:

  1. der internationalen Finanzkrise, die in Südeuropa, beginnend bei Griechenland, zu einem sich stetig ausweitenden wirtschaftlichen Chaos geführt hat und weiterhin führt;
  2. der Flüchtlingsbewegung aus dem Nahen und Mittleren Osten in Richtung Zentral-, West- und Nordeuropa, die eine direkte Konsequenz der Bürgerkriege und Kriege ist, die seit 2001 – wenn wir Palästina und die Zweite Intifada nehmen, dann ist das Stichjahr glatt 2000 – von der Levante bis an die indische Grenze toben und die, das sei der Gerechtigkeit halber nicht unerwähnt, durch die russische Regierung unter dem seither amtierenden Wladimir Putin mit Müh und Not daran gehindert werden, nach Norden, ins Herzland des „Eurasischen Balkans“ überzugreifen, also sich vom südlichen Orient nach dem nördlichen auszudehnen, der sich vom Kaukasus über das alte Hyrkanien östlich des Kaspischen Meeres über Kasachstan, Tadschikistan und wie die Staaten alle heißen bis ins bereits erwähnte Samarkand, das alte alexandrinische Marakanda, direkt an der chinesischen Grenze erstreckt.

Das ist der gegenwärtige politisch-geographische beziehungsweise geopolitische Plan, in dem sich die Welt, Afrika und Südamerika ebenso wie die staatliche Dimension der Raumfahrt einmal beiseite gelassen, zur Zeit bewegt.

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Wenn wir unserer Bertachtung die Feststellung zugrunde legen, dass das europäische System, in dem wir leben und um das es uns also naturaliter vorrangig geht, gehen muss, dass dieses System also in seinen gewachsenen und überlieferten Grundfesten erschüttert wird und weiterhin und mit fortschreitender Intensität erschüttert werden wird: so gilt es zuvörderst zu klären, was die Ursachen dieser Erschütterung sind. Wenig überraschend, sind die Ursachen der Erschütterung, wie eigentlich immer im Leben und also auch immer in de Geschichte, dieselben Ursachen, die einmal zur Stabilität des Systems und damit zum System als System überhaupt geführt haben. Es sind, wie schon gesagt, zwei Ursachen: einmal der Kapitalismus, zum anderen der Islam beziehungsweise die Ausschließung des Islam vom westlichen politischen und also vom weltpolitischen Geschehen, die im Ganzen sechshundert Jahre lang Bestand hatte und die Europa, das sich in dieser Zeit als vom Islam berannte und sich immer wieder erfolgreich dagegen verteidigende Festung verstand, überhaupt erst die Chance gab, sich politisch, aufsteigend vom frühen Absolutismus über den revolutionären Konstitutionalismus bis hin zum System der demokratischen Multilateralität der EU, so sehr zu konsolidieren und dabei wirtschaftlich eine schier uneinnehmbare Spitzenposition aufzubauen. Der Zeitstrang dieser sechshundert Jahre beginnt also bei der türkischen Eroberung Gallipolis im Jahr 1354, und er endet genau 598 Jahre später, mit der Aufnahme der Türkei, diesmal ein formal laizistischer Staat, ohne Sultanat, ohne Kalifat und ohne orientalische Provinzen, im Jahr 1952.

In diesen sechshundert Jahren gehen Vasco Da Gama, Magellan und Kolumbus auf Entdeckungsfahrt, wird Amerika entdeckt und sein nördlicher Teil vom westeuropäischen Bürgertum kolonisiert und dabei ganz aufs Wirtschaftliche hin ausgerichtet, werden Recht und Administration der europäischen Länder modernisiert und rationalisiert und wird schließlich der uralte Traum von einem konsistenten europäischen Reich unter demokratisch-republikanischen Vorzeichen verwirklicht. Mit der Einführung des Euro im Jahr 2002, allerdings drei Monate bereits nach der neuen Zäsur, Nine Eleven, wird diesem Prozess der europäischen Einigung die Krone aufgesetzt: eine einzige Währung für inzwischen neunzehn europäische Staaten, deren meiste zuvor oftmals und jahrhundertelang in erbittertem Streit miteinander lagen: so etwas hat es in unserer Geschichte noch nie gegeben.

Diese gewaltige, eigentlich unvorstellbare Konsolidierung verdankte sich der Abspaltung des alten europäischen Ostens, den wir gemeinhin Orient nennen, ohne freilich genau zu wissen, was Orient bedeutet, aus der Abspaltung des Orients, unseres europäischen Ostens also vom Rest Europas. Sie vollzog sich mittels der Aufsaugung des griechischen Kaiserreiches, das ja Kaiser- beziehungsweise Königreich der Romäer ließ, durch das türkisch-islamische Sultanat, und sie führte überhaupt erst dazu, dass „Europa“ und „Westen“ auf einmal Synonyme wurden und es bis heute blieben. Wer heute „Europa“ sagt, meint etwas Westliches, den Westen eben, und kann sich damit auf Los Angeles ebenso beziehen wie auf Warschau, auf die Hudson Bay genauso wie auf die adriatische Küste vor Dubrovnik oder die griechischen Dodekanes vor der westtürkischen Küste.

Durch den Zusammenbruch des Islams als staatliches System, als welches das Osmanische Reich sich verstand, im Ersten Weltkrieg – es war übrigens, weil dies in der offiziellen Geschichtsschreibung in der Regel unerwähnt bleibt, der Zusammenbruch der Salonikifront auf dem Südbalkan, der General Ludendorff am 30. September 1918 davon überzeugte, dass der Krieg für die Mittelmächte nun definitiv verloren sei und Frieden geschlossen werden müsse –, durch den Zusammenbruch des Osmanischen Systems also geriet das europäisch-westliche System selbst sofort und unmittelbar ins Wanken. Europa, also der Westen war am Ausgang des Ersten Weltkrieges zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um eine tragfähige Lösung für die Erbschaft der orientalischen Provinzen des Sultans zu finden, die erst unter ein französisch-englisches koloniales Mandat kamen und dann, in eine prekäre Unabhängigkeit entlassen, unter das informelle Mandat der westlichen Industrie gerieten, die in den rohstoffreichen Landmassen zwischen der levantinischen Küste und den opiumreichen Hochebenen Afghanistans ein ideales Feld der Exploitation und der Versorgung der westlichen Wirtschaft und der westlichen Staaten mit Überschüssen erkannten. Es sprang also nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall des Osmanischen Reiches, der um die Mitte der Zwanzigerjahre abgeschlossen war, nicht etwa der Westen als Staat, als staatliches Gebilde, als Reich oder was auch immer in die Bresche, die der Fall des Sultanats gerissen hatte; sondern es sprang der Kapitalismus, ein im Westen gewachsenes und erprobtes Wirtschaftskonzept in diese Bresche. Es ist einleuchtend, dass ein Wirtschaftskonzept allein die Lücke nicht schließen konnte, die der plötzliche Schwund von Staatlichkeit in das Leben so vieler Völker im Orient riss.

Es gab zu der Zeit, da sich diese Dinge abspielten, also vor neunzig bis hundert Jahren, einen Versuch, nicht die Wirtschaft, sondern tatsächlich eine staatliche Ordnung mit der Aufgabe zu betrauen, im Orient die Ordnung wiederherzustellen. Zu den Siegermächten des Ersten Weltkrieges gehörte auch das kleine Griechenland. Griechenland, das jüngste, schwächste und am wenigsten angesehene Glied im System der europäischen Staaten, die überwiegend noch Monarchien waren, war erst im Juni 1917, zwei Monate nach den Vereinigten Staaten, in den Krieg gegen Deutschland und seine Verbündeten eingetreten – nachdem unter bürgerkriegsähnlichen Zuständen der regierende König Konstantin, dessen Schwager der Deutsche Kaiser Wilhelm II. war, zur Abdankung und ins Exil gezwungen worden war. Schon eineinhalb Jahre zuvor hatte die griechische Regierung unter Evangelos Venizelos und gegen den Widerstand des deutschfreundlichen Königs der französisch-britischen Expeditionsarmee, die bei dem Versuch, Konstantinopel einzunehmen, eben bei jenem schicksalsschweren Ort Galliopoli eine furchtbare Niederlage erlitten hatte, Asyl geboten und dem französischen General Maurice Sarrail erlaubt, bei Saloniki im griechischen Makedonien eine neue Frontlinie aufzubauen. Nun, nach dem griechischen Kriegseintritt und nach der türkisch-bulgarischen Kapitulation im Herbst 1918, sah der griechische Nationalismus, dessen Gallionsfigur und Spiritus rector eben Venizelos war, seine Chance gekommen und betrieb die Annexion der Westtürkei, in der einige Millionen Griechen unter türkischer Herrschaft lebten, an das griechische Königreich. Die großen drei westlichen Alliierten am Verhandlungstisch in Sèvres bei Paris waren mit diesem Plan vorerst auch einverstanden – doch als ihnen die griechische Armee in Kleinasien, die schließlich nur noch einhundert Kilometer vor Ankara und damit tief in Anatolien stand, zu erfolgreich wurde, entzogen sie dem kleinen Staat ihre Unterstützung. So wurde aus der kleinasiatischen Expedition die kleinasiatische Katastrophe. Im Jahr 1922 trat die griechische Armee einen schmachvollen Rückzug an, Atatürk, Präsident der jungen türkischen Republik, triumphierte und konnte die Grenzziehung des neuen Staates, zu dem mit Gallipoli und Ostthrazien auch kontinentaleuropäische Gebiete gehörten, im Vertrag von Lausanne international durchsetzen. Die ehemaligen orientalischen Provinzen der Türkei freilich blieben sich selbst überlassen, und Atatürk wusste nur zu gut, weshalb er ihnen keine Träne nachweinte. Die kleinasiatische Katastrophe aber und der sich ihr anschließende Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, die erste Massenmigration in Europa im 20. Jahrhundert, wurden zum tiefsten und stärksten Trauma der griechischen Volksseele, das das politische und ebenso das wirtschaftliche Schicksal des Landes bis heute bestimmt.

So hatte sich der Westen des orientalischen Problems auf schlanke Weise entledigt, indem es den Griechen verbot, den europäischen Orient wieder in Europa einzugliedern, den Orient dafür aber zu dem Schicksal verurteilte, Spielball zwischen zwei nichtstaatlichen, apolitischen und antiterritorialen Interessen zu sein: hier dem kapitalistischen, also wirtschaftlichen Interesse westlicher Unternehmen; dort dem dogmatischen, religiös-ideologischen Interesse des Islams, der nach wie vor von der arabischen Halbinsel aus „regiert“ wird unter einem absolutistisch-fundamentalistischen Königreich, das dort über Hunderte von Jahren ein geschichtliches Schattendasein führte, bis es die Entscheidungen von Sèvres und Lausanne aus der Versenkung holten.

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Das Wort System kommt aus dem Griechischen. Ihm zugrunde liegt das Verb synistamai, das übersetzt „zusammenstehen“ bedeutet. Ein System ist also ein Gebilde, dessen Teile beziehungsweise Glieder sich nebeneinander stellen und an ihrem jeweiligen Platz verharren, um so dem Ganzen, das sie bilden, nach außen eine klar umrissene und identifizierbare Gestalt zu geben. Das westlich-europäische System, das wir meinen, wenn wir vom Westen sprechen, gilt in der offiziellen politischen Sprache geradewegs als das Musterbeispiel dafür, wie ein System in diesem Wortsinne zustande kommt: Mehrere, ursprünglich freie und gleichberechtigte Glieder schließen sich zusammen, stehen zusammen und bilden so ein Ganzes, das seine Solidität und Stabilität dem Beharrungsvermögen und dem Beharrungswillen jedes einzelnen seiner Teile schuldet.

Die Unterscheidung zwischen Wille und Vermögen ist eine moralische. Sie gehört in den Bereich der Ethik, der Psychologie, sicher des Rechts und insbesondere des Strafrechts. In der politischen Welt dagegen sind Wille und Vermögen koinzident. Es geschieht nichts, was nicht den Umständen ebenso sehr geschuldet wäre wie dem Willen oder Nichtwillen des oder der Agierenden. Gerade am Beispiel Griechenlands und seines mutigen, aber am Ende hilflosen Eingreifens in die Weltgeschichte vor neunzig Jahren sehen wir dies, und wir sehen es aktuell wieder an der wirtschaftlichen Krise des Landes, von der jeder weiß, dass sie nicht einfach mit der Einführung eines effizienten Besteuerungssystems und auch nicht mit noch mehr Ausgabenkürzungen wird behoben werden können. Das Land ist schlicht von der Hauptquelle einer jeden kapitalistischen Betätigung abgeschnitten: dem Vorhandensein eines ausreichend großen industriellen Produktionsstocks, dessen Güter auf dem Markt nachgefragt werden. England verdankte seine wirtschaftliche Vormachtstellung, die fast vierhundert Jahre lang anhielt, nicht seinem Bankensystem, sondern den ungeheuren Mengen an verarbeitetem Material, die es, ob im Mutterland oder in den Kolonien hergestellt, in alle Welt exportierte. Dasselbe gilt für die USA, die zuerst im Zweiten Weltkrieg und dann während des Marshallplans nicht nur erhebliche Summen Bargeldes, sondern noch größere Volumina an Produktions- und Industriegütern, an Kleidung, Lebensmitteln und Werkzeug in die von ihnen unterstützten Länder exportierte.

Wenn ein System darin besteht, dass seine Teile alle an einem bestimmten Ort und in einem bestimmten, klar definierten Verhältnis zueinander stehen, so gilt das, wie für die Familie und jede weitere menschliche Gemeinschaft im engeren, so im weiteren Sinne für Staaten und Staatengemeinschaften. Seit dem Ende des Zweiten, in gewisser Weise schon seit dem des ersten Weltkrieges denken wir die internationalen Beziehungen in der Kategorie von Systemen. Das unterscheidet die Politik des späten 20. Jahrhunderts fundamental von der des 19. sowie aller vorhergehenden Jahrhunderte. Der Zeit der großen Reiche, in denen ein machtvolles, dominantes Zentrum über eine mehr oder weniger weit sich erstreckende territoriale und ethnische Peripherie gebot und dieser Peripherie, oftmals gegen ihren Willen, die politische Ordnung diktierte, schloss sich mit Beginn der karolingischen Epoche in Europa die Periode der Nationalstaaten an, deren jeder seine eigenen Interessen im Auge hatte und imperiale Politik nur, oder doch vorrangig, zur Absicherung eben dieser Interessen betrieb. So versuchte etwa England, das nach dem Aussterben des normannischen Herrscherhauses im Mannesstamm von einer französischen Dynastie regiert wurde, in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends wiederholt Frankreich zu erobern, scheiterte aber daran ,dass es über den expansiven Impuls hinaus kein tragfähiges und attraktives Konzept für eine solche Fremdherrschaft anzubieten hatte. Die Tendenz zur Nationalisierung und Partikularisierung im Anschluss an die römische beziehungsweise oströmische imperiale Periode ging so weit, dass das Zentrum Europas, nämlich Deutschland, seine Zersplitterung in mehr oder weniger autonome Teilstaaten erst relativ spät überwand – zwischen 1867 und 1934, also in einer Zeit, in der die Nationalstaatenbildung in Westeuropa bereits weitgehend abgeschlossen war. Jedenfalls aber sitzt einem beliebten Schulirrtum auf, wer den Beginn der Nationalstaatenbildung erst mit Beginn der Renaissance oder gar erst um die Zeit der Französischen Revolution herum verortet. Tatsächlich beginnt die große Welle der Nationalisierung und Partikularisierung am Übergang vom Altertum zum Mittelalter, genauer: zur Zeit der fränkischen Expansion, zur Zeit Karls des Großen.

Im Jahr 2015 blicken wir auf diese Epoche mit der Auf- beziehungsweise Abgeklärtheit einer Generation zurück, die von ihrer unmittelbaren Aszendenz das Andenken an zwei angeblich im Zeichen des Nationalitätenprinzips geführte Weltkriege geerbt hat und durch die Kultur, Bildung und Erziehung gegenüber nationalistischen Bestrebungen immunisiert worden ist. Wir sind mit der Gründung des Völkerbundes während der Pariser Vorortkonferenzen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, endgültig mit der Promulgation der Atlantikcharta durch die damals putativen Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und schließlich die Gründung der Vereinten Nationen im Schicksalsjahr 1945 ins Zeitalter der multilateralen Staatenblöcke eingetreten. Der Kalte Krieg zeichnete sich wesentlich dadurch aus, dass in ihm nicht mehr separate Staaten, sondern zwei solcher Staatenblöcke, wenn auch jeweils unter der Dominanz eines politisch, wirtschaftlich und auch demographisch übermächtigen Einzelstaates, einander gegenüberstanden. Den Einschnitt, welchen historisch das ende des Kalten Krieges 1990/91 bedeutet, ermisst man am besten, indem man sich vor Augen führt, dass damit das etablierte System der Blöcke zerbrach und an ihre Stelle wiederum die Nationalstaaten, unter ihnen eine Reihe neuer oder wieder gegründeter beziehungsweise in die Unabhängigkeit entlassener Länder, traten.

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Header: Kronprinz Giorgos (= König Georg II.) von Griechenland betritt das von griechischen Truppen eroberte Smyrna (heute Izmir). Mai 1919, Quelle: Wikimedia Commons.

Das Wesen des Islams und der Westen. Teil 2: Das Wesen des Westens in seiner Entwicklung 1453 bis 1974

Der Prozess des Kapitalismus, der – möglicherweise paradoxerweise, aber dazu später mehr – ein Produkt, jedenfalls eine Folge der europäischen Renaissance und des Humanismus ist, ist ein Prozess der Zunahme des Abstands des Menschen von der Erde, ein Prozess der fortschreitenden Überwindung von Grenzen, kurz: ein Prozess der Enterdlichung. Er begann mit der Überquerung des Atlantischen Meeres durch die Pioniere der Seefahrt im kolumbianischen Zeitalter, die in den Augen des hierin klassisch denkenden Mittelalters ein Sakrileg darstellte (die Säulen des Herakles, also Gibraltar, zu überschreiten, galt den Alten als Herausforderung des Schicksals, die man nicht ungestraft wagte); er erreichte seinen Höhepunkt mit der Durchbrechung der Erdatmosphäre, mit dem Start erst in die unbemannte, dann die bemannte Raumfahrt und schließlich mit jenem great step for mankind, der ersten Landung von Menschen auf dem Mond im Jahr 1969; und er wird fortgesponnen und fortgelebt mit den oben genannten Plänen, Mond und Mars in absehbarer Zeit zu kolonisieren und der Erde somit ein außerirdisches, dem Leben ein unlebendiges Reservoir zu schaffen.

Vom kapitalistischen, und das heißt im weiteren Sinne: vom westlichen, auch vom individualistischen Standpunkt aus sind diese Planungen, ist diese Entwicklung logisch und nachvollziehbar. Wir müssen uns das alte Europa, um das es uns hier geht, vorstellen als einen geschlossenen Kessel, unter dessen Deckel im Mittelalter ein furchtbarer Druck lastete. Das alte, starre, menschen- und lebensfeindliche christliche Weltbild, das vielerorts selbst heute noch in der Ersten Welt eine erstaunliche Fortgeltung besitzt, schnürte die Menschen ein und ließ ihnen keine Luft zur Entfaltung. Alles, was das Leben des Menschen lebenswert macht: Sexualität, freies Denken und Forschen, Freizügigkeit der Person, Unverletzlichkeit des Leibes, soziale und konnubiale Mobilität und Fluktuation: all dies war verpönt, war strengsten Regularien unterworfen, bei deren Übertretung grausame Strafen drohten.

So das Europa des Mittelalters, und so auch das Europa der Frühen Neuzeit, im Wesentlichen auch der Moderne bis zum Jahr 1945, bis zur Ankunft Amerikas auf dem europäischen Kontinent. Anders als 1917 – Lafayette, wir sind da! – blieben 1945 die Amerikaner in Europa, finanzierten den Wiederaufbau des zerstörten und geschundenen Kontinents von Schottland bis nach Thrazien und ließen in die Köpfe und Herzen der Menschen Rock ’n’ Roll einziehen, den Geist der swingenden Fünfziger, der rockenden Sechziger und schließlich der poppigen Siebziger. Und im Strahlungsfeld dieses Geistes stehen wir heute, steht ganz und gar die Generation Y, deren Beginn von der demographischen Statistik auf das Jahr 1974 festgesetzt wird: das Jahr, in dem in den USA unter der Federführung Spielbergs, Coppolas und Scorceses New Hollywood begann; das Jahr nach der Ölkrise, mit der die grüne Bewegung ihren Gründungsimpuls erhielt; das Jahr nach Jom Kippur, das den Nahostkonflikt in seiner enervierenden Iterativität für die kommenden Jahrzehnte präjudizierte; das Jahr der Abwahl Brandts, mit welcher zugleich das alte rheinische Adenauerdeutschland abgewählt wurde und das spätrepublikanische Biedermeier begann; das Jahr, in dem vorerst zum letzten Mal Menschen den Mond betraten in froher Erwartung künftiger Missionen, die das damals Erreichte weit in den Schatten stellen würden; kurz: das Schwellenjahr der Siebzigerjahre, in denen die moderne Informationstechnologie, die moderne materielle und idelle Kultur von unseren Essgewohnheiten bis zu Pornographie erfunden wurden. 1974 ist das Befreiungsjahr schlechthin, das Jahr, in dem der Westen und die Westlichkeit strahlend aus dem Muff und dem Schutt von Jahrhunderten der Tristesse, der Eintönigkeit und Negativität aufstanden.

1974, so lässt sich sagen, ist das Jahr, in dem die Weltgeschichte über die Schwelle geht. Es ist das Jahr, in dem der Westen sich endgültig herausschält aus der Verpuppung, in der er sich seit Anhub der Frühen Neuzeit, seit den Tagen Magellans, Kolumbus’ und Kopernikus’ befand; das Jahr, in dem wir definitiv anfangen, „modern“ zu werden. Wenn wir die historische Kontraposition, in der wir uns heute befinden und die seit dem elften September 2001 die politische Realität dieser Erde beschreibt, wenn wir diese Kontraposition also in die Allegorie zweier Epochenjahre setzen wollen, so sind die die Jahre 1453 und 1974. 1453, das Jahr des Falls von Konstantinopel, des Fanals, das das alte Europa des Mittelalters mit Gewalt aus seinem Dornröschenschlaf riss und buchstäblich anfeuerte und anspornte zu dem steilen, überragenden Flug, zu dem es also ansetzte, vom Vor-Anker-Gehen der Santa Maria in der Karibik bis zum militärischen Gruß, den Neill Armstrong dem Star sprangled banner auf dem Mond erwies. Und 1974, das Jahr, in dem die letzte Spannung von „uns“, das heißt von uns Westlern abfiel und das die Hochphase des Individualismus einleitete.

Wir haben weiter oben von den Menschen gesprochen, die aus dem Druckkessel des alten Europa ausbrachen, um anderswo Entfaltung erleben zu können, die Entfaltung, die ihnen auf dem alten Kontinent versagt wurde. Diese Menschen waren die ersten Seefahrer und die ersten Kapitalisten, heute sind es Investmentbanker und IT-Spezialisten, die überall auf der Erdkugel zu potenziell jedem beliebigen Zeitpunkt neue Mittel und Methoden entwickeln, Grenzen zu überschreiten, es seien physische, materielle oder finanzielle Grenzen (nur die idellen Grenzen, die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens, bleiben durch die bloße gegenständliche Technik vorläufig unangetastet; sie aufzubrechen oder zu verschieben, kann Aufgabe einer neuen, einheitlichen westlichen Philosophie sein, die es freilich vorläufig nicht gibt). Die Theorien einer so genannten Dialektik der Aufklärung, die von der reaktionären Philosophie des späten neunzehnten Jahrhunderts über Heidegger und die anthropologisch-existenzphilosophische Schule bis Adorno und Hannah Arendt insbesondere in der deutschen Philosophie gute Tradition hat: diese Lehren von der Dialektik, das heißt der Negativität und “eigentlichen” moralischen Defizienz der Moderne (was hier die Frühe Neuzeit miteinbegreift) überbieten einander gern darin, die ersten Entdecker und Kapitalisten, nicht anders als ihre späten Nachfahren heute, abzuqualifizieren und zu verurteilen als Abenteurer, als wurzel- und charakterlose Desperados und Zerstörer einer vermeintlich guten alten Zeit, eines vermeintlich schönen alten Raumes, eines raumzeitlichen Kontinuums, das im Unterschied zu seinem heutigen Substrat nicht sinnleer, sondern sinnerfüllt gewesen sei. In dieser Verurteilung wissen linker und rechter Jargon sich seit je miteinander eins, und sowohl Marx als auch Heidegger pflegten die arbiträre Rede von einer angeblichen „Idylle des Mittelalters“ und von der Verderbnis, welche die Neuzeit, die „Zeit des Weltbildes“, über uns gebracht habe. Hannah Arendt sah die Massenvernichtungen unter Hitler und Stalin in der Tradition von Kapitalismus und Kolonialismus und phantasierte in ihrem Werk Vita activa von 1955 von einer „Weltlosigkeit“, die mit der Neuzeit über uns gekommen sei und welche „ohnegleichen“ sei. Die normative Schule in der Politikwissenschaft, vertreten von Persönlichkeiten wie dem nicht weniger brillanten Eric Voegelin, schloss sich Arendt darin weitgehend an. Nirgendwo ist der Westen, ist die Westlichkeit so sehr verschrien wie im Westen selbst, und das meint insbesondere: in Europa. –

Das Wesen des Westens – wir können, dies der Grund dieses Exkurses, nicht über das des Islam schreiben, ohne nicht auch ein Wort über jenes des Westens verloren zu haben -, das Wesen des Westens also ist Partikularisierung, Individualisierung, Spezifikation und Spezialisierung, und all dies sind Ausprägungen von Freiheit. Eine späte Explikation dieses Wesens mag man zum Beispiel darin erkennen, dass es bei Facebook deutlich mehr als zwei Optionen gibt, das eigene Geschlecht zu bestimmen. Der Dampf aus dem Kessel, der Europa war, der es vor allem in den eineinhalb Jahrtausenden zwischen der Passion Christi und dem Fall Konstantinopels und dem Schlachtentod des letzten legitimen Kaisers der Römer Konstantins des Elften war: der Dampf aus diesem Kessel ist entwichen, entweicht seit fünfhundertfünfzig Jahren, und niemand, keine Macht der Welt wird es fertig bringen, diesen Dampf wieder zurückzustauen in den Kessel, der Europa einmal war. Was aber geschehen kann, ist, dass der Dampf, nachdem er einige Zeit aufgestiegen ist, sich ablagern wird in der Stratosphäre, Wolken bilden und schließlich abregnen wird auf die Gefilde, aus denen er einst emporgestiegen, und dann wird sich fragen, wo, wann und wie dieses aus dem entwichenen Dampf der Jahrhunderte kondensiertes Wasser abregnen soll. Die Abläufe in der Geschichte sind strukturell die gleichen wie die Abläufe in der Natur. Die Abläufe als solche, mögen wir sie auch selbst geschaffen haben, können wir nicht beeinflussen; was wir beeinflussen können aber, ist die Art, wie wir in diese Abläufe eingreifen.

Entfaltung und Freiheit sind Wechselbegriffe. All das, was die westliche Kulturkritik gern als dekadent bezichtigt und was der Islamische Staat, der sich auf dem Gebiet des alten griechisch-römischen Kaiserreiches breit macht, mit aller Brutalität bekämpft und bekriegt, ist Ausfluss und Wirkung von Freiheit. Pornographie ist Freiheit. Promiskuität ist Freiheit. Mobilität und Tourismus sind Freiheit. Die universelle Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, die Universalität von Kommunikation, die freie Verfügbarkeit fast aller möglichen Daten und Gegenstände in einer globalisierten Welt ist Freiheit. Niedrigpreise für Dienstleistungen, die vor einem halben Jahrhundert noch ein halbes Vermögen kosteten und für die Mehrheit der Menschen unerschwinglich und also unvorstellbar waren: etwa fürs Flugreisen oder für wertvolle Kleidung oder Gebrauchtwagen: auch dies Freiheit. Und all diese Freiheit im Gegenständlichen: der erlöste, befreite Zustand des Leiblichen und der Leiber, die Möglichkeit, mit einem Smartphone das Weltwissen seit der Schöpfung dieser Welt abzurufen oder mit jeder beliebigen Person über das Internet in eine intime Kommunikation zu treten: diese Befreiung des Leiblichen ist es, was sich der europäische Geist, was sich unser Geist erträumt hat, seit es eine abendländisch-orientalische Geistesgeschichte gibt.

Das Wesen des Westens ist Freiheit. Das Wesen des Islam ist Kraft. Kraft ist Freiheit, die noch nicht frei geworden ist, die noch nicht zu sich gefunden hat.

Das Wesen des Islam und der Westen. Teil 1

Keine der drei monotheistischen Religionen ist so sehr pure Kraft und so sehr pure Bewegung wie der Islam. Während die Geschichtswissenschaft von der Christianisierung des Römischen Reiches spricht und damit semantisch den Vorgang der Christianisierung ihrem Objekt, nämlich dem Römischen Reich, unterordnet, so spricht sie dagegen von der islamischen Expansion.
Der Islam war von seinem Anbeginn an eine politische Bewegung, ein politischer Anspruch. Mohammed befand sich auf der Flucht vor politischen Gegnern (und vermutlich auch vor Gläubigern), als er erstmals – da war er bereits über fünfzig Jahre alt – Stimmen vernahm, die ihm sagten, was er zu tun habe. Seit diesem Augenblick hatte das Leben dieses Mannes ein Ziel, eine Richtung.

Bereits dieses Ursprungsnarrativ des Islam folgt einem bestimmten Schema: das Religiöse, Apokalyptische folgt dem Politischen, nicht umgekehrt. Und noch mehr: mit dem Eintritt des Religiösen ins Politische, des Esoterischen ins Exoterische beginnt erst die persönliche „Erfolgsgeschichte“, beginnt der Aufstieg Mohammeds vom sinnlos umherziehenden und umhergejagten Trommler und Aufrüttler, der seinen Mitmenschen mächtig auf die Nerven gefallen sein muss, zum Propheten, zur politischen, religiösen und schließlich historischen Instanz.

Im Christentum haben wir einen umgekehrten Verlauf: das Politische folgt dem Religiösen, die Realität der Offenbarung. Jesus von Nazareth ist ein religiös Erweckter, der mit der Politik nichts am Hut haben will. Schon lange ist er als wundertätiger und aufklärerischer Wanderprediger in Galiläa bekannt, ehe er am Palmsonntag in Jerusalem einzieht und sich aufs glatte und dornige, gefährliche Plateau der Politik begibt. Es dauert keine Woche, da steht der kühne, aber eben auch naive junge Mann vor Gericht in der römischen Statthalterei. Der Vorwurf: Hochverrat. Die Strafe so grausam wie absehbar: Tod am Kreuz. Wo Mohammed mit dem Eintritt ins Politische erst sein Ziel und seine Bestimmung findet, da verliert der Nazarener sie. Bis jetzt war er glücklich und zufrieden; nun, da er sich einmal auf das Terrain der Politik begeben, kommt er auch schon darauf um. Der Tod Jesu ist, anders, als die christlichen Dogmen es gern weismachen wollten und wollen, kein Triumph und keine Erlösung, sondern das denkbar schlimmste, grässlichste und blamabelste Scheitern, das sich denken lässt. Umgedeutet zum Akt des Sieges und der Überwindung wird dieser Akt der Folter und der brutalen Brechung des menschlichen Willens und der menschlichen Individualität lange, lange nach dem Tod des jugendlichen Aufrührers, des Hochverräters wider Willen, den die Wucht der Ereignisse zu sehr traf, als dass er sich auf den krummen, unsauberen Deal eingelassen hätte, welchen der Statthalter ihm im Angesicht des Kreuzes und der klassischen Besatzerstrategie des divide, et impera folgend wohl anbot („weißt Du nicht, dass ich Macht habe, Dich freizugeben, und Macht, Dich zu kreuzigen?“).

Der Islam bezieht seine Macht, und auch seine Attraktivität, seit eintausendfünfhundert Jahren daher, dass seine Geschichte nicht mit einem Akt der Niederlage, sondern mit einem Akt des Sieges beginnt. Mohammed siegt über seine Gegner, er setzt sich durch im harten Wettbewerb unter den arabischen Nomadenführern, diesem Getto des orientalisch-abendländischen Komplexes, und er vererbt seinen Kampfgeist und seine Unbeugsamkeit auf seine Jünger und deren Nachfolger. Der Prophet ist keine fünfzig Jahre tot, da steht ein arabisches Heer vor den Toren Konstantinopels, damals die Hauptstadt der zivilisierten Welt, die prächtigste Metropole zwischen Atlantikküste und Innerasien, und nur eine platte, aber wirksame List des regierenden griechischen Kaisers, vor allem aber der Gebrauch des auch auf Wasser unlöschbaren griechischen Feuers verhindern, dass erst jetzt, und nicht erst achthundert Jahre später, die Hauptstadt der christlich-europäischen Welt in die Hände der Sarazenen fällt.

Der Expansionsdrang des neuen Glaubens freilich ist darum nicht etwa gebrochen. Allein Konstantinopel wird zwischen dem siebten und dem fünfzehnten Jahrhundert gut zehnmal durch muslimische Truppen belagert, das Aufkommen einer modernen Artillerie besiegelt im Jahr 1453 schließlich das Schicksal der „goldenen Stadt“, die den Glanz und das Wohlleben der Antike über die Epochenbrüche der Völkerwanderung und der justinianischen Pest ein weiteres Jahrtausend lang hinweggerettet hat. Inzwischen breitet sich der Islam in rasender Hast aus über das gesamte innere Gebiet Eurasiens, das Gebiet der so genannten eurasischen Steppe zwischen Kaspischem Meer und westlicher Mongolei, und weiter westlich bis hin nach Spanien, das die reconquista, die Rückeroberung islamisierter Gebiete erst im Jahr 1492 abschließen kann. Die Geschichte der nachchristlichen eurasischen Zivilisation, also der Geschichtsabschnitt, der uns, unser Leben im engeren Sinne dominiert, kennt keine vergleichbare Welle der Inbesitznahme fremden Landes durch eine einzige Macht.

Die Kernlande dieser Macht sind die Länder des Mittelmeerraumes, also die alten Kernlande des Römischen Reiches. Dessen östlicher Teil, das byzantinische, griechische Kaiserreich, stellte sich, wir sagten es bereits, dem islamischen Expansionsdrang für tausend Jahre einstweilen in den Weg. Doch der Islam fand immer wieder neue Wege, Nebenwege und Umwege, um sein expansives Werk fortzusetzen.

Keine vierzig Jahre nach jener ersten Belagerung Konstantinopels im siebten Jahrhundert schlug das Heer des umayyadischen Kalifen am Rio Guadalete die Goten und vernichtet anschließend deren Reich, auch dies ein Reservat der Römerzeit auf westeuropäischem Boden. Wiederum zwanzig Jahre später stand ein sarazenisches Reiterheer bei Tours und Poitiers, keine zwei Tagesritte vor Paris, und nur das Glück und Geschick des fränkischen Hausmeiers Karl Martell, dessen Dynastie, die Karolinger, die europäische Landkarte neu gestalten und den Schwerpunkt europäischer Machtpolitik von Konstantinopel nach Norden, an den Rhein verlegen sollten, nur das Eingreifen dieses Karl Martell also brachte den arabischen Vormarsch auf das Frankenreich zum Erliegen. Syrien, Ägypten, die Levante, die alten Kernlande des Römischen Reiches, dessen Expansion in den keltischen Westen erst verhältnismäßig spät einsetzte, während es im Orient mehr oder weniger nur die Rechtsnachfolge des Alexanderreiches und seiner Nachfolgestaaten anzutreten brauchte: all dies war bereits erobert.
Der Islam ist Kraft, nicht Verstand, ist Glaube nicht Wissen. Er stößt heute zusammen mit dem Westen, über den sich in gewisser Weise Ähnliches sagen ließe. Die westliche Politik ist ähnlich strukturiert, ähnlich uneinheitlich wie die islamische Welt. So wie es keinen Papst der Muslime gibt, so gibt es keinen Kaiser von Europa,, und so wie der Islam auf die Kraft des Glaubens baut, so baut der Westen auf die Kraft des Geldes. Beiden eigen ist der unstillbare, gargantueske Drang nach Vermehrung, nach Ausdehnung um ihrer selbst willen. Der Ordo-Gedanke der klassischen großen Reiche ist ihnen unbekannt. So wie der Westen davon träumt, auf dem Mond und dem Mars Kolonien zu errichten und dort Wasser und andere Rohstoffe zu erbeuten, die die schwindenden irdischen Ressourcen ersetzen sollen, so träumt der Islam davon, die Hauptstädte des Westens, Berlin, Paris, London und Washington, zu besetzen und umzuwandeln in mohammedanische Metropolen.

Wir haben es hier mit einer klassischen Ungleichzeitigkeit zu tun. Während die islamische Welt, ökonomisch unterentwickelt und strukturschwach, noch tief im Zeitalter der Territorialpolitik steckt, ist der Westen längst voll im postterritorialen bzw. postterrestrischen Individualismus angekommen. Was zählt, ist nicht mehr die feste Scholle, der manifeste, gegenständliche Besitz, sondern das bloße Vermögen, die reine Potenz: nicht Gold, sondern Fiat-Geld als Währung, nicht haptische, anfassbare Speicher, sondern virtuelle Datenräume, Cloud Computing.
Header: Der “eurasische Balkan”, zugleich territoriales Wirkungszentrum des Islam. Quelle: Zbiginiew Brzezinski, The Grand Chessboard. New York 1997, S. 124. 

Die europäische Frage und Deutschland. Gedanken zum dritten Oktober

Von Max Weber stammt der Satz, die deutsche Einigung sei ein Jugendstreich, den das Land auf seine alten Tage lieber unterlassen hätte, wenn diese Einheit nicht zugleich Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte. Die Einheit, von der Weber hier sprach, war natürlich die erste, Bismarcksche, jene Erklärung zweiundzwanzig deutscher Fürsten und sowie der Senate der drei souveränen Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck im Jahre 1870, miteinander einen ewigen Bund zu schließen. Der frühe Weber mag nach den Maßstäben der linken Bielefelder Schule ein glühender Nationalist gewesen sein; seiner Feststellung wohnte gleichwohl nichts Irrationales oder platt Voluntaristisches inne, wenn er in ihr implizit die Forderung aufstellte, das frisch gebackene deutsche Reich müsse entweder etwas in der Welt bewegen wollen, oder aber es hätte sich am besten gar nicht erst konstituiert.

Dem Bismarckschen Topos von der Saturiertheit des jungen Reiches, der hier gern als Konterthese angeführt wird, wohnte nämlich tatsächlich weniger Besinnung, als Resignation, ja Melancholie inne, die dann und wann die Grenze zur Selbstdestruktivität streifte. Es war zur Zeit des aufbrechenden Konflikts mit dem jungen Kaiser Wilhelm II., als der Isegrimm auf Schloss Friedrichsruh offen davon zu phantasieren begann, den Reichstag abzuschaffen und das Reich selbst in einen normalen Fürstenbund nach Art des 1866 auf dem Blutfeld von Königgrätz untergegangenen Deutschen Bundes zurückzuverwandeln. Saturiert wäre dieser neue Deutsche Bund dann allemal gewesen – aber ebenso politisch, das heißt außenpolitisch handlungsunfähig und historisch ein unglaublicher Anachronismus, eine fürstliche Eidgenossenschaft im Vergrößerungsglas, schlicht: ein politisches Unding.

Natürlich kam es anders. Die konstitutionelle Ordnung des Deutschen Reiches wurde nicht angetastet, aber Bismarck wurde entlassen, während sein Kaiser das Land in genau die Richtung zu treiben begann, die Weber, der der gleichen Generation wie der Kaiser angehörte, im Sinne gehabt. Von Wilhelm bis Hitler, von 1890 bis 1945, trieb Deutschland Politik, Weltpolitik, bewegte es etwas in der Welt – wohin freilich dies führte, ist uns allen bekannt. Die Stunde Null, das schicksalhafte Jahr 1945, markiert eine menschliche und moralische Katastrophe, ebenso wie, ja geradewegs indem sie das schuldvolle und schuldhafte Scheitern deutscher Weltpolitik markiert.

Dabei war 1945 weltpolitisch und universalgeschichtlich längst nicht die große Wendemarke, als welche sie die leider nach wie vor ziemlich provinzielle offiziöse deutsche Geschichtswissenschaft ihren Leser und Zuhörern nur allzu gern verkauft. Das war vielmehr 1914, vielleicht auch 1919 oder 1867, für einige auch 1878, das Jahr des Berliner Kongresses, oder 1923, das Jahr des Lausanner Vertrages; aber gewiss nicht 1945, das Jahr nicht „des“, sondern zweier separater Kriegsenden, nämlich des europäischen – oder vielmehr deutschen – 8. Mais und des japanisch-chinesischen, fernöstlichen 2. Septembers, die folgerichtig noch heute, in den USA genauso wie in Russland, als zwei separate Feiertage, begangen werden, der eine für den Sieg in Europa, der andere für den Sieg in Fernost.

Eine Wendemarke war 1945 aber ganz sicher für Deutschland, das damals aufhörte, das Reich zu sein, das sich zu nennen es gerade einmal runde siebzig Jahre gewohnt war, um von diesem Status jäh hinabzusinken auf den eines bloßen Landes, eines unter fremder Verwaltung stehenden Zonenstaates. Auf seinen ersten offiziellen Staatsbesuchen hörte der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer nicht selten anstelle einer Nationalhymne, die es offiziell nicht mehr beziehungsweise noch nicht wieder gab, das Lied „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“, einen damals beliebten Schlager, der jene Stimmung vorwegnahm, die fortan und bis ins nun siebenundsechzigste Jahr seines Bestehens das nationalkulturelle Markzeichen des Landes werden sollte, weithin vernehmbar in die fernsten Winkel der Erde: Ironie. Manchmal spielte das Musikkorps des Landes, dem der neue Kanzler seine Aufwartung machte, auch die Melodie zum Lied „Heidewitzka, Herr Kapitän“, die Erkennungsmelodie des neuen Rheinbundes, als den viele, allen voran der Kölner Katholik Adenauer selbst, die neue, junge Bundesrepublik betrachteten, ein Territorium etwa auf dem Gebiet jenes kurzlebigen Königreichs Westfalen, das der große Napoleon hundertfünfzig Jahre zuvor unter dem Regime seines überforderten, aber immer heiteren und etwas retardierten Bruders Jerôme errichtet hatte, zuzüglich der vier alten süddeutschen Staaten Hessen, Baden Württemberg und zuletzt Bayern, dem der Aufteilungsplan der großen Drei, auf Schloss Cecilienhof im Spätsommer 1945 beschlossen, so endlich die Chance gab, aus der auratischen Nähe zu Osteuropa, zum slawisch-habsburgisch-balkanischen Verbund auszuscheiden und eine westeuropäische Musterregion zu werden.

Der Status, ein besetztes Land zu sein, hat das Bewusstsein der Bundesrepublik in seiner Tiefe geprägt, und es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Psychologie wie der Völkerpsychologie, dass derlei Prägungen erst dann an die Oberfläche treten, wenn sie wenigstens de jure nicht mehr in Kraft sind. Der Antiamerikanismus unserer Zeit, meistens ein Projekt von Angehörigen der Babyboomer- und nachfolgender, also junger Generationen, reflektiert diesen Astralschmerz von Eltern und Großeltern, die aus der aktiven Partizipation am politischen Leben und also auch am Herumwälzen solcher Problematiken längst ausgestiegen sind. Tatsächlich handelt es sich bei ihm um nichts als ein verschlepptes Virus, um das Traktieren und Wiederkäuen der Kalter-Kriegs-Situation, die mit der Unterzeichnung des Einigungsvertrages und seinem Inkrafttreten am heutigen dritten Oktober vor fünfundzwanzig Jahren sein Ende, oder wenigstens die manifeste, unwiderrufliche Ankündigung dieses Endes, fand (endgültig zuende war er dann mit der Auflösung der Sowjetunion und der Transition Russlands unter der Regierung Jelzin Ende 1991). Amerikahass ist in einem Deutschland, in dem das Auswendiglernen von Schillers „Glocke“ verpönt ist und das seine Wehrpflicht abgeschafft hat, nur die Camouflage eines ihm tief innewohnenden Selbsthasses.

Die Entlassung Deutschlands in Einheit und Souveränität durch die ehemaligen Sieger- und Besatzerstaaten wirkt universalgeschichtlich betrachtet als ein Akt von so überbordender Großzügigkeit, dass man unwillkürlich ins Fragen kommt, wie denn Deutschland, beziehungsweise die beiden Deutschlands, die es von 1949 bis eben 1990 unter diesem Namen gab, zu der Ehre gekommen sei; wie es sich diese Ehre, dieses unverhoffte Glück denn verdient habe. Tatsächlich hat es weder das eine noch das andere, und zwar ganz einfach darum, dass dieser Akt von Nahem betrachtet wenig von Großzügigkeit an sich hat. Die großen Fügungen in der Geschichte sind nie, oder doch höchst selten, Ergebnisse von Leistung oder Kraftanstrengungen; sondern es sind eben – Fügungen. Das Schwinden der Blocksituation, das sich, in den Siebzigerjahren bereits angekündigt, mit dem finalen Rüstungswettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion seit Beginn der Achtziger und dem Amtsantritt Gorbatschows 1986 unübersehbar bemerkbar machte, brachte die entscheidende, hinreichende Bedingung der Teilung Deutschlands, und damit seiner Negation als souveräner unitarischer Staat, in Fortfall. Die neue geopolitische Konstellation, das erkannte schon um 1970 der polnische Graf Brzezinski, seines Zeichens Sicherheitsberater unter Jimmy Carter und schon unter Kennedy und Johnson nicht ohne Einfluss, würde nicht die russisch-amerikanische sein, sondern die westlich-fernöstliche, mit dem Orient, also dem eigentlichen, klassischen Osten Europas, der sich von Adrianopel bis Kabul, vom ionischen Westen der Türkei bis an den Rand des Himalaya erstreckt und auf dessen Territorium von Zarathustra über Homer bis auf Jesus von Nazareth sich die gesamte europäische Mythologie verwirklicht hat, als Mittelfeld, als Länderschlauch, unendlich reich an fossilen und menschlichen Energien, aber ebenso unendlich arm an zivilisatorischer Struktur und Halt.

Inmitten dieser Konstellation, in dieser geopolitischen Lage stehen wir: steht die Welt heute, steht Europa und steht schließlich Deutschland als das Herzzentrum dieses Europas, das es seit den Tagen Friedrichs und Napoleons war, und zugleich als sein Wirtschaftsmotor, der er seit den Tagen Adenauers und Erhards ist. Paradoxerweise war es das planvoll-planlose Herunterwirtschaften Griechenlands, des ältesten und ärmsten europäischen Staates, das die Schleusen zu jener massenhaften Fluchtbewegung öffnete, die sich, durch alle Medien tausendfältig verbreitet, nunmehr seit Monaten über die Balkanhalbinsel hinweg nach Deutschland hinein ergießt. Schon handelt man die Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren ominöse Sphinxhaftigkeit, wie bei vielen Frauen ihrer Generation, vor allem Reflex früher Schnitte in der Biographie und daraus sich entwickelnder Asexualität ist, als Favoritin für den Friedensnobelpreis, und jedermann, der sein Leben in den letzten sieben Jahren nicht auf dem Mond verbracht hat, weiß, was mit einer solchen Auszeichnung intendiert und gemeint wäre: das formelle Zuschieben des Schwarzen Peters, der heute de facto schon längst bei Deutschland liegt.

So jedenfalls sieht es der Rest der Welt, von jenen unglücklichen Menschen abgesehen, die sich tagtäglich schrecklichen Imponderabilien aussetzen, um in das gelobte Land zu kommen, in dem zwar nicht Milch und Honig fließen, dessen wirtschaftliche und rechtliche Struktur aber die Befriedigung aller wesentlichen vitalen Bedürfnisse zu Bedingungen garantiert, die schon wenige hundert Kilometer weiter südlich, in Italien und Griechenland, zweifelsohne phantastisch genannt würden.

Deutschlands Stärke ist seine Wirtschaftlichkeit, das erkannten die Gründerväter der Bundesrepublik gleich nach dem Zusammenbruch mit Argusaugen. Sie erkannten, dass es viel leichter und gefälliger und dazu vor allem viel unauffälliger ist, die Weltherrschaft durch ökonomische Höchstleistungen zu erringen als durch die perniziöse und ewig unkalkulierbare Exposition auf dem Schlachtfeld. Das Volk Goethes, Schillers und Hölderlins, des Dichters von „Patmos“ und der „Schlacht“, der die zweite Hälfte seines Lebens in einem Irrenhaus in Tübingen verbrachte, um dort ganze zehn Jahre vor Ausbruch des Krimkrieges, des ersten modernen Krieges überhaupt, zu sterben, er selbst ein unglaubliches, wunderliches Relikt einer Zeit, die noch tief im Mittelalter steckte: dieses Volk, dem in dem einzigen Geniestreich, zu dem sie fähig war, die deutsche Nachkriegsliteratur mitsamt einigen Intellektuellen, die den Namen damals verdienen mochten, ein Denkmal setzte, erkannte nun, nach dem Zusammenbruch, messerscharf, dass es sich viel leichter nach der alten patrizischen Art leben lässt, die das Rheinland und den Süden, die Franken, Schwaben und Bayern vor der Geschichte gegenüber dem kriegerischen, agrarisch-industriellen Osten so lange so klein gehalten hatte, wie sie selbst nicht weltgeschichtliche Geltung hatte. Nun, da der westliche Kapitalismus und Individualismus auch in Deutschland endlich angekommen, hatte sie sie.

Doch 1945 markiert eben auch und vor allem den endgültigen eintritt der Geschichte ins Zeitalter des Wirtschaftlichen, und da, auf diesem Boden, ausgerechnet, erlebte jenes Land, das auf seine Weberschen alten Tage noch zwei Weltkriege angefangen und sich zweimal unendlich blamiert hatte, mit einem Mal und völlig mühelos seine Aristie. Das Pragma des Wirtschaftswunders, das nach den von Soziologen so genannten trente glorieuses, den dreißig fetten Jahren von 1950 bis 1980, alsbald in der Senke der Stagflation verschwand, wurde in der Fremdwahrnehmung zum Dogma, mit dem Deutschland, bis 1990 das Land der Scheckbuchdiplomatie, nach wie vor und heute noch mehr als früher identifiziert wird wie zwischen 1871 und 1918 mit dem Schreckbild des Potsdamer Premierlieutnants.

Genau dieses Dogma, das eben längst kein Pragma mehr ist (worüber unsere, meine Generation, die den vielsagenden Beinamen „Y“, sprich: „why“, also „warum“ trägt, trotz geschönter Arbeitsmarkt- und Exportzahlen sich keiner, aber auch wirklich keiner Illusion hingibt), dieses Dogma also droht nun Deutschland zum Verhängnis zu werden. Die Ära Schröder, so verheißungsvoll mit ihr der unattraktive Muff der spätbundesrepublikanischen Generation Kohl abgestreift und ausgeschlichen zu werden schien, diese Ära des Kriegskindes, vaterlos aufgewachsen im gesichtslosen Hannover, wo es sich aber, wie in allen gesichtslosen Städten, gut leben lässt, ist mit zwei Leistungen in die Geschichtsbücher eingegangen, und beide besitzen eine Strahlkraft, die weit über ihre unmittelbare politische Wirksamkeit hinausreicht: mit der Verweigerung der Teilnahme am Irakfeldzug der Administration Bush junior, und mit der Einführung der sogenannten Hartz-Reformen.

Mit beiden Projekten reagierte Schröder auf die Präponderanz des Wirtschaftlichen, die sich nach 1990/91, nach dem „Ende der Geschichte“, was Geschichte als Politik alten, klassischen Typs meinte, mit Macht einstellte und nach und nach alle Lebensbereiche durchdrang, in den letzten zehn Jahren dank der Revolution des Internets, maßgeblich vorangetrieben durch die Konzerne Apple und Samsung, auch Kultur und Bildung.

Bei den Hartz-Reformen ging es dabei weniger um Verschärfung der bestehenden Sozialhilfe­-Regelungen (diese waren immer sehr streng), sondern um zu erzielende Einsparungen beim Arbeitslosengeld I, das in seiner vorherigen Verfassung arbeitslos gewordenen Festangestellten gleichsam eine Leibrente auf unbestimmte, wenn nicht unbegrenzte Zeit zusicherte. Beim 2. Golfkrieg aber ging es um die Erhaltung der prekären Stabilität im Nahen Osten, dessen östliche Grenze das Land zwischen Euphrat und Tigris seit den Tagen Assurs ist, einer Stabilität, die sich nach den stürmischen Zeiten Nassers und Mossadeghs in der ganzen Levante, von Mesopotamien bis nach Libyen, eingestellt hatte, geschaffen und erhalten durch diktatorische Regime, deren Führer, von Ghadaffi bis Saddam, allesamt Männer fortgeschrittenen Alters waren, als man 2003 damit begann, einen nach dem anderen zu stürzen. Weil Amerika nun diese Stabilität, mühsam unter vielen Schlägen dem Schicksal abgetrotzt, in einem kühl kalkulierten, aber darum nicht minder erratischen Gewaltschlag einzureißen trachtete, sagte Schröder Nein – und sicherte sich selbst dadurch für eine weitere Legislatur die Regierungsgewalt.

Der Irakfeldzug unter Bush jr. war dabei durchaus noch ein Instrument aus dem Kalten Krieg, eine klassische Intervention, mit der der eine Global Player dem anderen zuvorzukommen suchte. Während Russland nach der chaotischen Ära Jelzin um die eigene wirtschaftliche und politische Stabilität kämpfte, öffnete sich den Strategen im Weißen Haus ein schmales Zeitfenster, die orientalische Frage ein weiteres Mal in der Richtung zu behandeln, die die weitere Versorgung der US-amerikanischen Wirtschaft mit den notwendigen fossilen Ressourcen gewährleistete, von denen man annahm, dass sie sonst in Hände fallen mochten, denen sie dann nicht mehr zu entwinden wären.

Ein weiteres Mal aber in der langen Kette westmächtlicher Interventionen seit dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916, worin England und Frankreich ihre Interessensphären auf dem Grund des zerfallenden osmanischen Reiches, und ganz ohne Einbeziehung des mitten in der Brussilow-Offensive feststeckenden und innerlich schon stark zerfressenen Zarenreiches, absteckten, ein weiteres Mal also hatte man auf westlicher Seite außer dem planen Schlagwort der Demokratisierung kein weiterreichendes Konzept, um die orientalische Frage ins Reine zu bringen. Ging und geht es in Afghanistan tatsächlich um die Erstickung des Brandherdes, den die USA unter Brzezinskis weise-verschlagener Regie in den Achtzigerjahren selbst entzündet hatten, „um der Sowjetunion ihr Vietnam zu bereiten“, so geht es westlich davon, im Irak und in Syrien, ums Öl allein und damit um das berechnete Herstellen von Instabilität, um die gezielte Produktion von Chaos.

Das Hauptproblem, das sich bei solch utilitaristischer Handhabung menschlicher Probleme stellt – denn menschliche Probleme sind es zuletzt ja alle –, ist immer das gleiche, und es ist erstaunlich simpel, so simpel, dass man sich leicht der Esoterik verdächtig macht, wenn man es beim Namen nennt: die betroffenen Völker merken, dass man sie nur als Mittel zum Zweck behandelt, sie spüren und wissen ganz genau, wie ernst oder nicht ernst man sie nimmt, und nimmt man sie nicht ernst, so werfen sie dies auf einen früher oder später zurück. Deutschland, dessen Geschichte seit der Schlacht bei Roßbach bis zur Offensive der Roten Armee östlich von Berlin im Frühjahr 1945 eine einzige Geschichte des nationalen Gekränktseins und der neurotischen Willensaufbietung zur „nationalen Auferstehung“ war, dieses Deutschland, einst so geschichtsversessen und nun nur noch geschichtsvergessen, sollte dies – eigentlich – am besten wissen. Denn dass Deutschland – und hier kommen wir zum eigentlichen Punkt – nach 1945, nach seiner Aufteilung in vier Besatzungszonen und schließlich zwei parallele Staaten und Gesellschaftssysteme nicht aufsässig wurde gegen das Regime der Sieger: dies lag ganz einfach daran, dass man in Deutschland, in der Bevölkerung, vor allem aber in den Eliten sehr wohl wusste und weiß, dass Deutschland nicht geschwächt, sondern gestärkt aus diesem katastrophalen Krieg hervorgegangen; dass es mit der Kapitulation, der Unterwerfung unter Besatzungsrecht nur ein Mäntelchen überzog, das camouflieren sollte, dass hier das mächtigste Land Kontinentaleuropas besetzt und aufgeteilt wurde. Dass es too big too fail sei, war stets die Überlebensdevise deutscher Staatlichkeit gewesen; nie war sie mehr als in der Epoche zwischen der Unterzeichnung des Viermächtestatuts und jener des Zwei-plus-vier-Vertrages, als in jenen bleiernen, Seele und Geist lähmenden, aber wirtschaftlich unglaublich prosperierenden fünfundvierzig Jahren zwischen 1945 und 1990.

To big to fail, zu groß zum Scheitern zu sein, taugt als Devise freilich nur in Zeiten der Passivität und der Unterwerfung. Entlassen in Unabhängigkeit, in Einheit und Souveränität, stellen sich dem wiedervereinigten Deutschland andere, neue Probleme, auf die es politisch bislang noch nicht definitiv reagiert hat. Europa und die Welt, insbesondere Russland, das sich seit ebenso langer Zeit wie Deutschland auf einem ähnlichen Weg des Aufstiegs befindet – hier wie dort begann er 1763 mit dem Frieden von Hubertusburg und der Rezipierung beider Mächte, wenn auch aus unterschiedlichen Ausgangspositionen heraus, in den Zirkel der europäischen Großmächte, und hier wie dort manifestierte er sich ein halbes Jahrhundert später erst faktisch auf dem Blutfeld von Leipzig, dann juristisch 1815 auf dem Wiener Kongress –, die Welt also schaut seit 1990 auf dieses junge, so gar nicht wider Erwarten und schon gar nicht irgendwie revolutionär aus seiner Erstarrung erwachte Deutschland und erwartet von ihm den Schiedsspruch, der das politische System von heute endlich ordne.

Es ist im deutschen kollektiven Bewusstsein – sicher eine späte Frucht der reeducation durch die amerikanische Kulturindustrie in der unmittelbaren Nachkriegszeit, auf deren Zug dann die neuen sozialen Bewegungen nach 1968 aufsprangen, ohne sich dessen auch nur im Ansatz bewusst zu sein –, es ist in diesem deutschen Bewusstsein kaum beziehungsweise gar nicht verankert, dass Deutschlands Aufstieg nicht 1945, auch nicht 1871 oder 1867 begonnen hat, sondern auf dem Wiener Kongress im Jahre 1815. Aus, nicht grundloser, Furcht vor immer neuer französischer Aggression schlug das intelligente, aber darum noch keineswegs intellektuelle Tandem Metternich-Castlereagh dem preußischen Biedermann,  Orgelspieler und Militärmusiker Friedrich Wilhelm III. seinen Herzenswunsch, die Annexion Kursachsens und damit die ersehnte Arrondierung seines Kernlandes im schlesisch-böhmischen Winkel, brüsk ab, entschädigte ihn dafür aber mit der Zusprechung der Rheinlande und Westfalens. Auf einmal lag das deutsche Kohlerevier auf preußischem Territorium, preußische Regimenter bezogen auf den Festungen zwischen Aachen und Koblenz Garnison, und die westdeutsche Finanzelite mit ihren sagenhaften Reichtümern geriet unter preußische Judikatur. Man könnte sagen, der Nibelungenschatz von Worms und Xanten, das alte Burgundenerbe ging in preußische Hände über, ging über in die Treuhänderschaft des zisterziensisch-calvinistischen Soldatenstaates. Es würde fünfzig Jahre brauchen, bis die Früchte der Turboindustrialisierung, die diese Annexion für das arme, ständig ausgeblutete Agrarland Preußen bedeutete, reif sein würden, und genau diese fünfzig Jahre brauchte es: 1865, ein halbes Jahrhundert nach Wien – der nunmehrige preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck-Schönhausen war „zufällig“ genauso alt wie dieses halbe Jahrhundert – unterzeichneten der Kaiser von Österreich und der König von Preußen im malerischen Luftkurort Bad Gastein in den Alpen jene Konvention, in der dem Königreich Preußen das Herzogtum Lauenburg zum lächerlichen Preis von 2,5 Millionen preußischen Talern überschrieben wurde: die erste Landerwerbung Preußens nach einem halben Jahrhundert der außenpolitischen Stagnation, der erste Gauner- oder Geniestreich des nicht mehr jungen, aber jugendlich aggressiven Ministerpräsidenten, der im Andenken daran zu seiner Entlassung fünfundzwanzig Jahre später passenderweise mit dem Rang eines Titularherzogs von Lauenburg belohnt werden sollte. Bis heute verblieb diese erste Bismarcksche Trophäe unter deutscher Hoheit, bis heute nennt sich der zugeordnete Landkreis, obzwar es längst keine Herzöge mehr gibt, „Herzogtum Lauenburg“. Die Geschichte kennt keine Zufälle.

Kein Jahr war seit Gastein vergangen, da standen preußische Kavalleriespitzen vor Wien, und der unglückliche Franz Joseph, der mit seiner „exzentrischen“ Sissi in mancher Weise das dekadent-mondäne Gegenpaar zum selig-bürgerlichen und natürlich auch etwas altfränkisch-verschlafenen Biedermeiertraumpaar Friedrich Wilhelm und Luise bildete, war gezwungen, in Prag, der alten deutschen Kaiserstadt, den Austritt seines Landes, aus dem ein halbes Jahrtausend lang dieser Kaiser hervorgegangen war, aus dem Deutschen Bund und konkludent damit das Ende dieses Bundes in aller Form zuzugeben. Nun war der Weg frei für Bismarck, ce barbare de génie, wie er am französischen Hof hieß: Aus dem Deutschen wurde der Norddeutsche Bund, und aus dem Norddeutschen Bund durch Beitritt der vier süddeutschen Staaten im Kriegsjahr 1870 – diesmal ging der Krieg nach Dänemark und Österreich gegen Frankreich – schließlich das Deutsche Reich.

Es war das erste seines Namens, das auch formaliter so hieß: sonst hatte der Erwählte Römische Kaiser, wie die Nachfolger Karls des Großen in kecker Herausforderung des griechischen Kaisers in Konstantinopel sich nannten, den „König in Germanien“ irgendwo an dritter oder vierter Stelle in seiner Titulatur geführt, mehr oder weniger gleichberechtigt mit sagenhaft, ja mystisch rauschenden Bezeichnungen, die sich auf Burgund, Italien oder gar Jerusalem bezogen. Die rheinische Industrie, der westdeutsche Kapitalismus hatten möglich gemacht, was der sprichwörtliche preußische Volksschullehrer, die preußische Felddienstordnung und die friderizianische Verwegenheit des preußischen Regierungschefs, eines pommerschen Corpsstudenten, auf dem Parkett der Weltgeschichte ins Werk setzten.

Freilich war die Lawine, die hier ins Rollen zu kommen schien, in Wahrheit gar keine Lawine, sondern eine ganz reguläre Verfaltung in der Geologie der Staaten, vorhersehbar und im Lauf der europäischen Dinge beschlossen seit dem späten siebzehnten Jahrhundert, seitdem die habsburgische Monarchie, deren Oberhaupt in allmählich eingeschlichener Personalunion fast stets auch zum jeweiligen Römischen Kaiser gewählt wurde, sich im Abwehrkampf gegen die Türkengefahr, seit der glänzenden Kette von Siegen vom Kahlenberg über Zenta bis Belgrad als Vorwerk Europas im Osten etabliert, darob aber den Westen aus dem Auge verloren hatte. Die „Welt“ mochten unterdessen andere untereinander aufteilen, Frankreich, Britannien; der Kaiser „machte“ die Politik des europäischen Festlandes, und der preußische König Friedrich, der mit zweitem Namen nach dem letzten Habsburger Karl hieß und mit einer Nichte der Kaiserin die erzwungene Ehe einging – Elisabeth Christine hießen beide, und Braunschweigerinnen, Welfinnen waren sie, Sprossen des ältesten bestehenden Adelsgeschlechts Europas –, dieser Friedrich also, Schöngeist und Hypersensibler, den Wassermann in der Sonne und im Haus den Zwilling, ungreifbar und rätselhaft sie beide: er nun setzte sich, erst behutsam, dann unter ungeheurer, bis zur Auszehrung reichender Anstrengung, an die Stelle des Kaisers, der nun kein Habsburger, kein Österreicher mehr war, sondern Erbe und letzter Regent des ältesten noch souverän bestehenden karolingischen Staates: des Herzogs von Bar und Lothringen Franz Stephan, den das deutsche Kaiserregister als Franz I. führt.

Mit dem Avancement Brandenburg-Preußens und seines Friedrichs und der Abdrängung Österreichs aus Deutschland – sie begann definitiv 1756 mit dem dritten Krieg um Schlesien und endete 1866 mit dem Fiasko der Donaumonarchie bei Königgrätz – verlagerte sich zugleich der Schwerpunkt europäischer und überhaupt der Weltpolitik vom Süden in den Norden Eurasiens. Die Blockkonstellation von 1917, der Antagonismus zwischen Sankt Petersburg und der angloamerikanischen Kombination, wurde pünktlich hierzu 1762 auf dem Frieden von Paris geboren. Die englische Inbesitznahme der französischen Kolonien in Nordamerika war dabei nur Intermezzo, das die englische Bourgeoisie an der Ostküste nur einmal mehr in der Absicht bestärkte, mit dem Ancien Régime in Westminster zu brechen und einen eigenen, einen wirklichen Staat des europäischen Bürgertums zu errichten. Denn das, nichts anderes, sind ihrem Wesen und Ursprung nach zuallererst die Vereinigten Staaten von Amerika, deren Existenz in einem weiteren Pariser Frieden, 1783, bekräftigt wurde.

Diese epochale Verschiebung vom Süden in den Norden Eurasiens, von der islamischen zur russo-amerikanischen Frage also spielt sich zeitgleich ab zum Aufstieg Deutschlands über die brandenburgisch-preußische Schiene zur Macht und Großmacht: 1700 bis 1900, vom Frieden von Karlowitz bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches, reicht diese time range, in der an Stelle der türkischen die russische „Gefahr“ tritt und an Stelle Britanniens langsam, aber unaufhaltsam die USA. Immer aber im Herzzentrum dieser Bewegung steht Deutschland, von der schmerzlichen Jugend als friderizianische Streusandbüchse bis zur stolzen Reife als Bismarckisch-Wilhelminischer Fabriken- und Kanonenstaat. Deutschland, daran hat außer den Deutschen selbst nie jemand gezweifelt, war der heimlich-unheimliche Spiritus Rector dieser Bewegung, dieses gewaltigen geschichtlichen Flügelschlagens.

Nun stehen wir, zweihundert Jahre nach Wien und fünfundzwanzig Jahre nach der Einheit, vor einem weiteren Flügelschlag, dessen Richtung zugleich entscheiden wird über das Schicksal und die Zukunft Europas als Ganzes. Wenn durch das Heranwachsen Deutschlands die orientalische Frage, die die politische Figur Europas seit dem Tod Kaiser Justinians und der Geburt des Propheten Mohammed im Abstand von fünf Jahren, im sechsten Jahrhundert nach Christus, bis zu jenem Frieden von Karlowitz, den der griechische Graf Alexander Mavrokordatos in der Kaiserstadt Wien, dem neuen Konstantinopel, aushandelte – wenn also durch dieses Heranwachsen die orientalische Frage aus dem Bewusstsein Mitteleuropas für drei Jahrhunderte wich, um Platz zu machen für die Diskussion der neuen Frage, ob Deutschland zum westlichen oder zum östlichen Block gehören wolle: so stellt sich diese Frage nun, seit 1990/91 wiederum nicht mehr. Stattdessen ist die orientalische Frage aufs Tapet zurückgekehrt, und in sie invertiert die Frage nach dem Fortbestand Europas, des weiten und dunklen Kontinents, der einst sein Lebenselixier darin fand, die Weite zur Nähe und das Dunkel zu Licht zu machen.

Diese orientalische Frage lässt sich aber nur lösen, wenn Europas den tieferen Sinn der Orientalität dieses Orients begreift, einen Sinn, der sich merkwürdig einfach erschließt, behilft man sich mit ein wenig Etymologie: denn wessen Osten ist der Orient, der ja dem Namen nach ein Osten ist, wenn nicht Europas? Sind Europa und der „Nahe“ Osten nicht schon historisch, mythologisch und politogenetisch zwei Flügel einunddesselben Körpers, die beiden Schwingen des geheimnisvollen, zuerst in Sumer als Symboltier aufgetretenen Doppeladlers, dessen eines Haupt zur Linken auf die europäischen Wälder, das andre aber zur Rechten auf die orientalische Wüste schaut, und den vom griechischen König der Rhomäer über den Erwählten Römischen Kaiser deutscher Nation bis zum Zaren und Selbstherrscher aller Reußen stets die Nachfolger dieser mesopotamischen Urzelle europäisch-orientalischer Staatlichkeit im Wappen führten?

Es gehört zu den schmerzhaften Fehldeutungen des gegenwärtigen politischen Diskurses in einem Land, dessen Bürgern auf den Schulen und Hochschulen jedes tiefere Verständnis für historische und ethnische Zusammenhänge systematisch aberzogen wurde und wird, dass man das orientalische Projekt gemeinhin für ein amerikanisches hält. Richtig ist daran nur so viel, dass die USA, ein Inselstaat in einer insularen Lage wie vormals Britannien, freilich in unheimlicher Vergrößerung und deshalb auch in vergrößerter Bedürftigkeit und vergrößerter Daseinsangst; dass diese USA also nichts mehr fürchten als das Versiegen ihrer Energiequellen, ein Versiegen, das zugleich das Ende des amerikanischen Traumes bedeuten und das Land zurückkatapultieren würde in die Zeit, ehe der erste europäische Seefahrer aus dem europäischen Mittelalter, aus der düsteren, schwerlippigen Welt Matthias Grünewalds und Hieronymus Boschs heraus, den Fuß setzte auf den Boden dieses gelobten, von der ausbeuterischen Zivilisiertheit Eurasiens unberührten Landes. Was der Schweiz, diesem Amerika Europas und gelobten Land jedes Individualisten, soweit Individualismus prioritär in den Dimensionen körperlicher und wirtschaftlicher Unversehrtheit sich auslebt, was der Schweiz ihre seit Marignano, seit dem Jahr 1515 und also einem genauen halben Jahrtausend peinlich gepflegte und behütete Neutralität ist: das ist den USA der Primat des Wirtschaftlichen, der ihnen den ungebrochenen Zufluss von Material und Menschen garantiert, ohne den der gesellschaftliche Aufstieg des Einzelnen in einem kompetitiven System nicht gedacht werden kann.

Territoriales Arrondissement ist für einen Inselstaat keine Option. Diese Erfahrung machte England, das daraufhin ja erst in die Phase des maritimen Kapitalismus eintrat, in der angevinischen Zeit auf bittere Weise, bis es durch das Mädchen von Orléans endgültig aus Frankreich und so aus dem europäischen Festland insgesamt hinausgeworfen wurde. Dem Insulaner bleibt als Alternative zur Existenzsicherung nur das Errichten von überseeischen Handelspositionen und die stets neue listenreiche Befestigung und Legitimierung derselben. Der hierdurch gestiftete Unfriede ist der Preis, der hierfür gezahlt, die zu seiner Beseitigung erbachten Menschenopfer die rituelle Reinigung, die hierfür vollzogen werden muss. Doch eben weil dieses System keinen dauerhaften Frieden, keine dauerhafte Stabilität verheißt: eben darum sind die Opfer auch nie ausreichend, und niemals wiegen sie, ideologisch jedenfalls, jene auf, die auf der Gegenseite erbracht werden, deren erzwungene Passivität erst das Equilibrium herstellt für die Hyperaktivität des von jenseits des Meeres her Einfallenden.

Fatal am amerikanischen Interventionismus, der wie im Merkantilen, so im Politischen das direkte Erbe des britischen und mit Abstrichen des französischen antrat – der Nahe Osten wurde als Erbmasse 1917 unter den beiden Ententestaaten aufgeteilt, ausgerechnet in dem Jahr, in dem das zaristische Russland als Bündnispartner, den man hätte berücksichtigen müssen und der die Idee vom Dritten Rom und der Wiederrichtung eines christlichen Kaiserreiches im Orient als Staatsmythos und Staatsauftrag auffasste (und dies, obzwar nicht mehr zaristisch, unter Wladimir Putin wieder tut), ausfiel, und die Amerikaner traten erst mit dem Abzug des letzten britischen Hochkommissars von Palästina und der Errichtung des israelischen Staates im Jahr 1948 auf den nahöstlichen Plan –; fatal an diesem Interventionismus ist die Weltlosigkeit, mit der er gezwungenermaßen auftritt in Weltgegenden, die im siebten Jahrhundert nach Christus von jener europäischen – und damit auch von der US-amerikanischen! – Entwicklung, deren Motor sie selbst bis dahin gewesen, mit Gewalt abgeschnitten wurden. Der Orient sehnt sich nach nichts mehr als danach, gleichsam heim ins Reich Europa geholt zu werden; Amerika, selbst ein Emancipatum Europas, ein aus der prärevolutionären Stände- und Kirchturmgesellschaft mit Blutzehntem, Schandpranger und ius primae noctis Freigelassener, der darum in seiner Staatlichkeit umso mehr in den Maschen des Ancien Régimes festhängt (Polizeigewalt, Stand-your-ground-Exzesse und ein latenter De-facto-Bürgerkrieg zwischen Schwarzen, Hispanics und der WASP-Oberschicht sind die politische Realität in diesem Wirtschaftswunderland): dieses Amerika kann Künder und Verbreiter der europäischen Idee in jenem Länder- und Völkerschlauch zwischen Marokko und Afghanistan unmöglich sein. Die vergangenen fünfzehn Jahre zwischen der Intifada von Ramallah und der Zerstörung Palmyras durch den Islamischen Staat haben es mit brutaler Eindrücklichkeit bewiesen.

An den Parolen, mit denen die westliche Welt 2001, pünktlich zu Beginn des dritten Jahrtausends, in den „Krieg gegen den Terror“, der zuvörderst ein Krieg gegen Afghanistan war, zog, war weniger ihre Verlogenheit problematisch (über diese machte kein vernünftiger Mensch zwischen San Francisco und Wladiwostok jemals sich ernsthafte Illusionen), als ihre wesenhafte Insuffizienz: man gewinnt kein Volk und kein Land mit der bloßen Verkündigung von „Werten“. Napoleon, der das vielleicht grandioseste Konzept für den eurasischen Block im Sinne hatte seit Alexander und Cäsar, dieser Napoleon scheiterte mit diesem Konzept, weil es nicht genügt, eroberte Reichsgraf- und -ritterschaften umzuwandeln von spätmittelalterlichen Zwingstätten in Präfekturen einer modernen Administration mit konstitutionell verbrieften Freiheits- und Gleichheitsrechten, wenn man mit der Gleichheit und Freiheit zugleich nicht auch eine Idee, eine Vision verkündet, womit die Eroberten sich selbst originär identifizieren können.

Ein erobertes oder kolonisiertes Volk will vom Kolonisator das eine Wort hören: „Ihr gehört zu uns“, oder noch besser: „wir gehören zu Euch“. Schon die deutsche Einheit krankt und hinkt, gestern wie heute, an der mangelnden geistigen Integration von Ost- und Westbevölkerung, was sich darin ausdrückt, dass der durchschnittliche westdeutsche Bourgeois mit McDonalds und den Billboard Top 40, der ostdeutsche Arbeiter aber nicht selten mit heimischen Goethelesungen und selbstproduzierten Lebensmitteln sozialisiert wurde (etwas, was man seit den Neunzigern nun gesamt-, das heißt westdeutsch mit hitzigen Exzellenzprogrammen und einer übertriebenen Biologisierung der Agrarwirtschaft auszugleichen sucht, beides relativ erfolglos, beschaut man allein die politisch-ideelle Dimension). Wenn schon aber auf solch kleiner Ebene, wie wirkt sich die Kluft zwischen redemptorischem ideellem Anspruch und kraftlosem, weil rein aufs Materielle gestelltem materiellem Auftritt (denn Werte sind eben „Werte“, keine Ideen) dann erst auf globaler Ebene aus? Wenn Europa nicht bald mit einem geschlossenen weltpolitischen Konzept auf die Bühne tritt, dann wird es diese Bühne womöglich gar nicht mehr betreten, dann wird vielleicht tatsächlich irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft eine Gotteskriegerin auf dem Kanzlerstuhl sitzen, wie es sich einige bereits ausmalen, während sich das, was vom europäischen Bürgertum übrig bleibt, verzweifelt um die Plätze auf den Einbürgerungslisten der Schweiz und der skandinavischen Staaten reißen wird. Bizarr mag diese Vision fraglos erscheinen; unrealistisch ist sie darum noch lange nicht.

Die deutsche Einheit war deshalb ein so mühelos erhaltenes Geschenk, weil sie, weil die Frage nach der territorialen Integrität Deutschlands seit der Ära Reagan schon längst nicht mehr auf der Agenda der Tagespolitik stand. Dass die Sowjetunion nach den planwirtschaftlichen und rüstungspolitischen Fehlentscheidungen der Ära Breschnew den Vorposten Ostdeutschland nicht mehr lange würde halten können, war so vorhersehbar, dass ein hellsichtiger Publizist wie der Westberliner Historiker Wolfgang Venohr schon Anfang der Achtziger ohne Weiteres ein Buch mit dem Titel „Die deutsche Einheit kommt bestimmt“ veröffentlichen konnte. Als Otto Habsburg-Lothringen sein österreichisch-ungarisches Grenzzaun-Picknick veranstaltete und ostdeutsche Touristen im Garten der bundesdeutschen Botschaft in Prag ihre Lagerplätze aufschlugen, hatte die Welt gerade zwei schwere Kriege hinter sich, die anzeigten, worum es wirklich gehen würde in der Zeit nach dem Kalten Krieg: die Kriege zwischen Iran und Irak und zwischen Afghanistan und der Sowjetunion.

Als es dann so weit war; als Weizsäcker und Kohl ihre polierten, aber schwunglosen Reden gehalten und Schäuble, der ewige fleißige Arbeiter im Weinberg des Herrn, sein unermüdliches Verhandlungswerk zum Abschluss geführt hatte, wofür die Geschichte ihn, wie einst der Teufel die brückenbauenden Bauern und Bürger im Mittelalter, einen bitteren Preis zahlen ließ: da flackerten schon ganz andere, den Deutschen seltsam fremde Fragen und Probleme auf am Bildschirm der internationalen Politik: der Kroatienkrieg, in dem das morgenländische Schisma, weltgeschichtlich weitaus bedeutungsvoller als die mitteleuropäische Reformation, sich am alten Konflikt zwischen griechisch-orthodoxen Serben und lateinischen Kroaten neu entzündete, dann der Bosnien- und schließlich der Kosovokrieg, in dem, was in keinem deutschen Geschichtsbuch auch nur die Rolle einer Fußnote spielt, mit umso größerer Gewalt ins deutsche öffentliche Bewusstsein trat (Peter Handke war vielleicht der einzige deutsche Intellektuelle, in dessen Bewusstsein es trat beziehungsweise der dies öffentlich machte – Sympathien hat es ihm freilich keine eingetragen, ihn vielmehr die letzten gekostet): das Pragma der islamischen Bedrohung Europas, das das christliche Zeitalter weit über 1453 hinaus dominierte und heute wieder dominiert, es südlich der Vojvodina aber, des Teils von Serbien, der Österreich nach dem Frieden von Belgrad 1739 blieb, auch in der Zeit dazwischen stets dominiert hat.

Wenn es im Jahr des Heils 1990 auf europäischem Boden genau einen islamisch geprägten Staat, nämlich das blockfreie Albanien, gab, dessen prominenteste Tochter ausgerechnet die katholische Ordensschwester Agnes Gonxha Bojaxhiu war; so gibt es seit dem Ende des Kosovokrieges, den ausgerechnet ein grüner Außenminister in der deutschen Öffentlichkeit hoffähig machte, nunmehr drei: das Kosovo selbst, Bosnien und eben Albanien. Man verstand – und versteht bis heute nicht – die Emphase, mit der die jugoslawischen Völker, die vom frühbyzantinischen Kaiser Herakleios dem Großen einst auf die illyrische Halbinsel geholt wurden, um die dorthin vom Schwarzen Meer her einfallenden Awaren abzuwehren, sich gegen jeden Anschein, jede noch so zaghafte Andeutung einer möglichen Islamisierung ihres Landes mit Händen und Füßen, und manchmal eben auch mit Exzessen der Gewalt und des Hasses, wehrten und heute, in Mazedonien, wieder wehren. Man versteht bis heute nicht, worin, jenseits von Platon und Themistokles, die politische und geopolitische Bedeutung Griechenlands liegt, das sich der Turkifizierung über vierhundert Jahre hinweg eisern widersetzt hat; das im Westen, wohin die konstantinopolitanische Intelligenz im späten Mittelalter flüchtete, die Renaissance in Gang setzte und nun heute unter Aufbietung aller Kräfte darum kämpf, in eigenem Interesse, das zugleich aber das Interesse ganz Europas ist, seine Stellung als Bindeglied zwischen Europa und dem Orient, die aber eben zugleich das Bollwerk der christlichen Welt gegen den politischen Islam ist, zu behaupten. Man wünschte sich, dort auf dem Balkan wie in Westeuropa, Deutschland möge zwischen den eigenen nationalen und den gesamteuropäischen Interessen jene Übereinstimmung herstellen, die in einem Land wie Griechenland oder Italien oder auch nur Kroatien und Serbien wie selbstverständlich besteht. Man wünscht sich, von Deutschland, dem man seine Einheit auf einem Tablett solidesten Silbers serviert hat, möge endlich seine europäische Verantwortung entschlossen ergreifen, möge den Platz einnehmen, um dessen Zuweisung, nämlich in der front row des europäischen Mächtekonzerts, es dreihundert Jahre lang so verbissen und hysterisch gekämpft hat. Parolen wie „Der Islam gehört zu Deutschland“ senden denen, die es wünschen, von Michel Houellebecq bis Yanis Varoufakis, das eindeutig falsche Signal.

So wie die Zukunft des einigen Deutschlands 1990 in Europa lag, so liegt die Zukunft des einigen Europa im Orient. Was von den normannischen Kreuzfahrerheeren bis zu den Bataillonen des ANZAC vor Gallipoli wechselnden Koalitionen europäischer Staaten nicht gelang: einem einigen Europa unter der wirtschaftlichen und damit politischen Führung Deutschlands, das einer Allianz mit Russland unter seinem belorussischen, in deutscher Literatur geschulten Präsidenten offen gegenüberstünde, sollte und muss es gelingen.

Die Perspektive für den Fall, dass es nicht gelingt, liegt offen zutage: das Ausbluten des Orients, das Überlaufen der reichen europäischen Staaten durch Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten – in den armen wie Griechenland oder Italien will ja niemand von ihnen bleiben – und damit die Katalysierung des sozialstaatlichen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs, der ja schon intrinsisch seit den Achtzigerjahren sich bei uns abzeichnet; der mit der wirtschaftspolitisch verpatzten Wiedervereinigung weiter an Fahrt aufgenommen hat und dem Remedur zu schaffen ausgerechnet der Arbeitersohn Schröder die unseligen Hartz-Gesetze promulgierte, deren Umsetzung wiederum anders als eine gigantische Verhunzung nicht zu nennen ist.

Am Exemplum der Flüchtlingskrise, die in der urbanen, aber wenig metropolitanen Regionalstruktur Deutschlands ihre eigene Wirkung entfaltet (in einer vergleichsweise kleinen Stadt wie München wird das tagtägliche massenhafte Ankommen von Flüchtlingen ganz anders wahrgenommen, wirkt es sich strukturell viel unmittelbarer aus als etwa in Berlin mit seiner schieren Ausdehnung und seiner für eine Großstadt eher dünnen Besiedlung – nur ist Berlin auch die einzige Stadt ihrer Art in ganz Deutschland); an diesem Exempel vollzieht die alte historische Gesetzmäßigkeit neuerlich ihre Erprobung, wonach Probleme, die im Außenverhältnis eines Staates nicht rechtzeitig gelöst werden, sodann auf sein Inneres zurückschlagen. Schon die Griechenlandkrise war ein Annoncement, gleichsam die Präambel dieses Gesetzes und seines neuerlichen Eintritts; die Flüchtlingskrise, pünktlich im Sieben-Jahres-Abstand zu jener aufgetreten, wird nicht mehr nur Präambel sein.

Wenn Weber, als bürgerlicher Intellektueller unbehaftet von der naiven nationalistischen Trunkenheit der frühen Jahre der Kaiserzeit, das Deutsche Reich des Mangels an weltpolitischem Ehrgeiz schelten konnte, so kann der Intellektuelle von heute das Deutschland von heute dessen mit gleichem Recht schelten. Die faktischen und auch formellen Zwänge, denen dieses Deutschland auch nach seiner Einigung vor einem Vierteljahrhundert unterliegt, sind das eine; das andere sind die Notwendigkeiten, die die Eliten des Landes entweder nicht erkennen können oder nicht erkennen wollen. Der Aufstieg des Kapitalismus in den vergangenen sechs Jahrhunderten hat die Frage nach der Organisation politischer Einheit ja nicht aus der Welt geschafft oder sie ad absurdum geführt; der Kapitalismus hat lediglich die Wirtschaftlichkeit der Menschheit auf einen neuen Boden gestellt. Doch die zarte Pflanze des Überflusses verwandelt sich so rasch in ein fleischfressendes Monstergewächs wie die Flamme des Lagerfeuers in einen Feuersturm; das Mitsein mit anderen, das Stehen in einer Umwelt, biologisch genauso verstanden wie anthropologisch, ist eine elementare Kondition des In-der-Welt-Seins, welche nicht von Ungefähr Philosophie und Psychologie, die eine die Tochterdisziplin der anderen, zu Anfang unserer modernen Zeitrechnung, um die Wirren des Ersten Weltkrieges herum, der europäischen Menschheit mit mahnerischer Geste ins Bewusstsein gerufen haben. Da reicht es nicht, gleichsam das Pferd vom Schweife aufzuzäumen und als Bürgerbewegung für Naturschutz und Menschenrechte auf die Straßen zu gehen, wenn andererseits die Führung des mächtigsten Landes Europas jedes tragfähige Konzept, jedes Konzept überhaupt für eine europäische Zukunft vermissen lässt.

Kein Volk Europas, das wenigstens ist die Haltung aller übrigen europäischen Völker, lässt eine europäische Haltung derzeit dringlicher vermissen als das deutsche, obwohl es der deutsche Dichter Friedrich von Hardenberg war, der am Scheitelpunkt der deutschen Sattelzeit, die eine europäische Sattelzeit war, der an der Zeitscheide zwischen dem friderizianischen Ancien Régime und der napoleonischen Moderne einen kleinen Traktat mit dem großen Titel „Die Christenheit oder Europa“ veröffentlichte.

Ein Deutschland, das nichts weiter als ein kontinentales, ein europäisches US-Amerika sein will, wird nur zu rasch an seine Grenzen stoßen. Zu gering und zu schwach sind die möglichen Absicherungen gegen eine Welt von Feinden, die sich ihm dabei in den Weg stellen würde. Grenzzäune entlang des Bayrischen Waldes und des Bodensees wären genauso falsch und genauso fatal wie ein blöde-emphatisches „Refugees Welcome“-Schönwettermachen. Längst sind die USA vom Bürgerrechtsstaat, der sie unter Kennedy einmal zu werden schienen, zum vormärzlichen Maßnahmenstaat zurückgeschrumpft, in dem ein schrankenloser Klassismus waltet in Verbindung mit der verbissenen Behauptung ihrer überseeischen neokolonialen Interessen (TTIP und die Farbenrevolutionen sind zwei Instrumente aus demselben Baukasten). Auf dieser Ebene wird Deutschland nicht mithalten können.

Zu den äußeren Bedrohungen kommen die inneren in einem Land, über das seit Beginn des neuen Jahrhunderts eine beispiellose Welle der Prekarisierung und Pauperisierung hineinbricht, in einem Land, das von seinen letzten beiden Führungsgenerationen politisch, sozial und kulturell in Grund und Boden gewirtschaftet wurde und dessen junge Führungsgeneration aus Angst vor Verarmung keine Kinder mehr in die Welt setzt. Thomas Piketty, David Graeber, zuletzt auch der deutsche Professor Christoph Türcke haben in ihrer jeweils eigenen Sprache das Ungleichgewicht, in dem unsere westliche Wirtschafts- und Sozialordung sich befindet, in so deutlichen Farben und mit so dicken Strichen gezeichnet, dass nur ein Blinder ihre darin ausgesprochene Warnung nicht vernähme. Das hindert die Eliten freilich nicht daran, den Rest der Bevölkerung für Blinde zu halten, ebenso wenig wie es sie selbst daran hindert, sich blind zu stellen.

Dass zu politischen Jubiläen Sonntagsreden geschwungen werden, ist kein deutsches Unikum. Es ist historisch bewährt wie die Rituale am sonntäglichen Familientisch. Was bedenklich stimmt, ist das völlige Fehlen jeder Stärke, die gänzliche Abwesenheit von Kraft in diesen Zeremonien, die keine sein wollen. Die schiere Impotenz dringt dem politischen Deutschland von heute aus jeder Pore. Seine beispiellose Unschneidigkeit und Unsmartheit, sie mag sich noch so sehr als vorausschauendes Managertum deklarieren, ist Indiz nicht seiner Schlagkraft, sondern seiner Indolenz – und seiner Unaufrichtigkeit. Die große Krise steht in Flammenzeichen am Horizont der Epoche geschrieben. Nicht in fünf, auch nicht in zehn, aber in zwanzig, vielleicht in fünfundzwanzig Jahren, zum nächsten runden Einheitsjubiläum, wird sie da sein. Kiew, wo seit einem halben Jahrzehnt ein blutiger Bürgerkrieg tobt, ist keine eineinhalbtausend Kilometer von Berlin entfernt, die gleiche Strecke wie von hier in die Emilia-Romagna oder an die Atlantikküste. Zwischen der Türkei und Griechenland herrscht ein gefährlicher Schwebezustand, seit sechzig Jahren, als die letzten schweren, furchtbaren türkischen Massaker an der griechischen Minorität in Konstantinopel stattfanden, temperiert nur durch die gemeinsame Mitgliedschaft in der NATO. Nordafrika ist, was es seit der Ausrottung der barbaresken Piraterie im achtzehnten Jahrhundert nicht mehr war, zum Pulverfass geworden, nachdem die diktatorialen, aber Stabilität sichernden Föderaten-Regimes von Libyen bis Syrien, entlang des aufgehenden Mondes im östlichen Mittelmeerbecken, nacheinander dethronisiert wurden. Europa ist nicht mehr Schauplatz eines Wettkampfes zweier außereuropäischer Hegemonialmächte; Europa ist jetzt die target range eines clash of civilizations, dessen Epizentrum die arabische Halbinsel und dessen Peripherie der levantinisch-orientalische Komplex ist.

Zugute halten kann, ja muss man der deutschen Indolenz, dass die Einheit und damit die, zumindest offizielle (hierüber kann an dieser Stelle weiter nichts gesagt werden), Handlungsfähigkeit als souveränes Land noch keine dreißig Jahre, noch kein Menschenalter alt sind. Deutschland muss erst wieder laufen lernen, beziehungsweise es muss es recht eigentlich überhaupt erst lernen, klammern wir die neunzehn oder, je nach Lesart, dreiundzwanzig Jahre des ersten unitarischen deutschen Staates aus, in denen unter der ruhevollen Ägide des allseits respektierten Riesen aus dem Sachsenwald in die traditionelle Unruhe des europäischen politischen Theaters so etwas wie eine vorübergehende, erholsame Windstille eingetreten war.

Doch die Geschichte kennt, wie das Leben, keine Schonfrist, die große Politik keinen Welpenschutz. Deutschland, dieses ewig von Identitätsproblemen heimgesuchte Stück Erde zwischen Rhein und Oder, dessen Unklarheit über den eigenen Standpunkt sich in seiner unpersönlichen Selbstbezeichnung so schön offen ausspricht (denn „deutsch“ oder althochdeutsch „tiusk“ bedeutet ja schlicht „volksmäßig“, „volkhaft“, meint mithin keinen besonderen Stamm wie etwa France die Franken oder Ellada die Hellenen), dieses Deutschland hat heute, was es in den ersten hundertzwanzig Jahren seiner Existenz als Nationalstaat nicht hatte: das übrige Europa als Bundesgenossen, zuzüglich Russlands, das unter seinem Zar-Präsidenten Putin wieder jene Politik aufgenommen hat, die das kaiserliche Russland von Peter dem Großen über Peter III. bis Alexander II. einst betrieb und die dem Deutschland Bismarcks durch seine Politik der wohlwollenden Neutralität und des Den-Rücken-Freihaltens überhaupt erst gestattete, Deutschland zu werden. So schnell, so unerwartet und unverhofft aber dieses Deutschland diesen Kranz alter und ehrwürdiger großer und kleiner Staaten als Bundesgenossen gewann: so schnell kann es sie auch wieder verlieren. Die Folgen aber dieses Verlustes, für es selbst und für Europa oder die Christenheit, wären nicht abzuschätzen.
Header: Antoine-Jean Gros (1771-1835), Zusammentreffen Kaiser Franz II. und Napoleons nach der Schlacht bei Austerlitz, 4.12.1805. Öl auf Leinwand, 1812. Standort: Louvre. Quelle: Wikimedia Commons. Filter: Instagram