Essay, Geschichte, Politik und Gesellschaft

Die europäische Frage und Deutschland. Gedanken zum dritten Oktober

Von Max Weber stammt der Satz, die deutsche Einigung sei ein Jugendstreich, den das Land auf seine alten Tage lieber unterlassen hätte, wenn diese Einheit nicht zugleich Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte. Die Einheit, von der Weber hier sprach, war natürlich die erste, Bismarcksche, jene Erklärung zweiundzwanzig deutscher Fürsten und sowie der Senate der drei souveränen Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck im Jahre 1870, miteinander einen ewigen Bund zu schließen. Der frühe Weber mag nach den Maßstäben der linken Bielefelder Schule ein glühender Nationalist gewesen sein; seiner Feststellung wohnte gleichwohl nichts Irrationales oder platt Voluntaristisches inne, wenn er in ihr implizit die Forderung aufstellte, das frisch gebackene deutsche Reich müsse entweder etwas in der Welt bewegen wollen, oder aber es hätte sich am besten gar nicht erst konstituiert.

Dem Bismarckschen Topos von der Saturiertheit des jungen Reiches, der hier gern als Konterthese angeführt wird, wohnte nämlich tatsächlich weniger Besinnung, als Resignation, ja Melancholie inne, die dann und wann die Grenze zur Selbstdestruktivität streifte. Es war zur Zeit des aufbrechenden Konflikts mit dem jungen Kaiser Wilhelm II., als der Isegrimm auf Schloss Friedrichsruh offen davon zu phantasieren begann, den Reichstag abzuschaffen und das Reich selbst in einen normalen Fürstenbund nach Art des 1866 auf dem Blutfeld von Königgrätz untergegangenen Deutschen Bundes zurückzuverwandeln. Saturiert wäre dieser neue Deutsche Bund dann allemal gewesen – aber ebenso politisch, das heißt außenpolitisch handlungsunfähig und historisch ein unglaublicher Anachronismus, eine fürstliche Eidgenossenschaft im Vergrößerungsglas, schlicht: ein politisches Unding.

Natürlich kam es anders. Die konstitutionelle Ordnung des Deutschen Reiches wurde nicht angetastet, aber Bismarck wurde entlassen, während sein Kaiser das Land in genau die Richtung zu treiben begann, die Weber, der der gleichen Generation wie der Kaiser angehörte, im Sinne gehabt. Von Wilhelm bis Hitler, von 1890 bis 1945, trieb Deutschland Politik, Weltpolitik, bewegte es etwas in der Welt – wohin freilich dies führte, ist uns allen bekannt. Die Stunde Null, das schicksalhafte Jahr 1945, markiert eine menschliche und moralische Katastrophe, ebenso wie, ja geradewegs indem sie das schuldvolle und schuldhafte Scheitern deutscher Weltpolitik markiert.

Dabei war 1945 weltpolitisch und universalgeschichtlich längst nicht die große Wendemarke, als welche sie die leider nach wie vor ziemlich provinzielle offiziöse deutsche Geschichtswissenschaft ihren Leser und Zuhörern nur allzu gern verkauft. Das war vielmehr 1914, vielleicht auch 1919 oder 1867, für einige auch 1878, das Jahr des Berliner Kongresses, oder 1923, das Jahr des Lausanner Vertrages; aber gewiss nicht 1945, das Jahr nicht „des“, sondern zweier separater Kriegsenden, nämlich des europäischen – oder vielmehr deutschen – 8. Mais und des japanisch-chinesischen, fernöstlichen 2. Septembers, die folgerichtig noch heute, in den USA genauso wie in Russland, als zwei separate Feiertage, begangen werden, der eine für den Sieg in Europa, der andere für den Sieg in Fernost.

Eine Wendemarke war 1945 aber ganz sicher für Deutschland, das damals aufhörte, das Reich zu sein, das sich zu nennen es gerade einmal runde siebzig Jahre gewohnt war, um von diesem Status jäh hinabzusinken auf den eines bloßen Landes, eines unter fremder Verwaltung stehenden Zonenstaates. Auf seinen ersten offiziellen Staatsbesuchen hörte der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer nicht selten anstelle einer Nationalhymne, die es offiziell nicht mehr beziehungsweise noch nicht wieder gab, das Lied „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“, einen damals beliebten Schlager, der jene Stimmung vorwegnahm, die fortan und bis ins nun siebenundsechzigste Jahr seines Bestehens das nationalkulturelle Markzeichen des Landes werden sollte, weithin vernehmbar in die fernsten Winkel der Erde: Ironie. Manchmal spielte das Musikkorps des Landes, dem der neue Kanzler seine Aufwartung machte, auch die Melodie zum Lied „Heidewitzka, Herr Kapitän“, die Erkennungsmelodie des neuen Rheinbundes, als den viele, allen voran der Kölner Katholik Adenauer selbst, die neue, junge Bundesrepublik betrachteten, ein Territorium etwa auf dem Gebiet jenes kurzlebigen Königreichs Westfalen, das der große Napoleon hundertfünfzig Jahre zuvor unter dem Regime seines überforderten, aber immer heiteren und etwas retardierten Bruders Jerôme errichtet hatte, zuzüglich der vier alten süddeutschen Staaten Hessen, Baden Württemberg und zuletzt Bayern, dem der Aufteilungsplan der großen Drei, auf Schloss Cecilienhof im Spätsommer 1945 beschlossen, so endlich die Chance gab, aus der auratischen Nähe zu Osteuropa, zum slawisch-habsburgisch-balkanischen Verbund auszuscheiden und eine westeuropäische Musterregion zu werden.

Der Status, ein besetztes Land zu sein, hat das Bewusstsein der Bundesrepublik in seiner Tiefe geprägt, und es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Psychologie wie der Völkerpsychologie, dass derlei Prägungen erst dann an die Oberfläche treten, wenn sie wenigstens de jure nicht mehr in Kraft sind. Der Antiamerikanismus unserer Zeit, meistens ein Projekt von Angehörigen der Babyboomer- und nachfolgender, also junger Generationen, reflektiert diesen Astralschmerz von Eltern und Großeltern, die aus der aktiven Partizipation am politischen Leben und also auch am Herumwälzen solcher Problematiken längst ausgestiegen sind. Tatsächlich handelt es sich bei ihm um nichts als ein verschlepptes Virus, um das Traktieren und Wiederkäuen der Kalter-Kriegs-Situation, die mit der Unterzeichnung des Einigungsvertrages und seinem Inkrafttreten am heutigen dritten Oktober vor fünfundzwanzig Jahren sein Ende, oder wenigstens die manifeste, unwiderrufliche Ankündigung dieses Endes, fand (endgültig zuende war er dann mit der Auflösung der Sowjetunion und der Transition Russlands unter der Regierung Jelzin Ende 1991). Amerikahass ist in einem Deutschland, in dem das Auswendiglernen von Schillers „Glocke“ verpönt ist und das seine Wehrpflicht abgeschafft hat, nur die Camouflage eines ihm tief innewohnenden Selbsthasses.

Die Entlassung Deutschlands in Einheit und Souveränität durch die ehemaligen Sieger- und Besatzerstaaten wirkt universalgeschichtlich betrachtet als ein Akt von so überbordender Großzügigkeit, dass man unwillkürlich ins Fragen kommt, wie denn Deutschland, beziehungsweise die beiden Deutschlands, die es von 1949 bis eben 1990 unter diesem Namen gab, zu der Ehre gekommen sei; wie es sich diese Ehre, dieses unverhoffte Glück denn verdient habe. Tatsächlich hat es weder das eine noch das andere, und zwar ganz einfach darum, dass dieser Akt von Nahem betrachtet wenig von Großzügigkeit an sich hat. Die großen Fügungen in der Geschichte sind nie, oder doch höchst selten, Ergebnisse von Leistung oder Kraftanstrengungen; sondern es sind eben – Fügungen. Das Schwinden der Blocksituation, das sich, in den Siebzigerjahren bereits angekündigt, mit dem finalen Rüstungswettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion seit Beginn der Achtziger und dem Amtsantritt Gorbatschows 1986 unübersehbar bemerkbar machte, brachte die entscheidende, hinreichende Bedingung der Teilung Deutschlands, und damit seiner Negation als souveräner unitarischer Staat, in Fortfall. Die neue geopolitische Konstellation, das erkannte schon um 1970 der polnische Graf Brzezinski, seines Zeichens Sicherheitsberater unter Jimmy Carter und schon unter Kennedy und Johnson nicht ohne Einfluss, würde nicht die russisch-amerikanische sein, sondern die westlich-fernöstliche, mit dem Orient, also dem eigentlichen, klassischen Osten Europas, der sich von Adrianopel bis Kabul, vom ionischen Westen der Türkei bis an den Rand des Himalaya erstreckt und auf dessen Territorium von Zarathustra über Homer bis auf Jesus von Nazareth sich die gesamte europäische Mythologie verwirklicht hat, als Mittelfeld, als Länderschlauch, unendlich reich an fossilen und menschlichen Energien, aber ebenso unendlich arm an zivilisatorischer Struktur und Halt.

Inmitten dieser Konstellation, in dieser geopolitischen Lage stehen wir: steht die Welt heute, steht Europa und steht schließlich Deutschland als das Herzzentrum dieses Europas, das es seit den Tagen Friedrichs und Napoleons war, und zugleich als sein Wirtschaftsmotor, der er seit den Tagen Adenauers und Erhards ist. Paradoxerweise war es das planvoll-planlose Herunterwirtschaften Griechenlands, des ältesten und ärmsten europäischen Staates, das die Schleusen zu jener massenhaften Fluchtbewegung öffnete, die sich, durch alle Medien tausendfältig verbreitet, nunmehr seit Monaten über die Balkanhalbinsel hinweg nach Deutschland hinein ergießt. Schon handelt man die Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren ominöse Sphinxhaftigkeit, wie bei vielen Frauen ihrer Generation, vor allem Reflex früher Schnitte in der Biographie und daraus sich entwickelnder Asexualität ist, als Favoritin für den Friedensnobelpreis, und jedermann, der sein Leben in den letzten sieben Jahren nicht auf dem Mond verbracht hat, weiß, was mit einer solchen Auszeichnung intendiert und gemeint wäre: das formelle Zuschieben des Schwarzen Peters, der heute de facto schon längst bei Deutschland liegt.

So jedenfalls sieht es der Rest der Welt, von jenen unglücklichen Menschen abgesehen, die sich tagtäglich schrecklichen Imponderabilien aussetzen, um in das gelobte Land zu kommen, in dem zwar nicht Milch und Honig fließen, dessen wirtschaftliche und rechtliche Struktur aber die Befriedigung aller wesentlichen vitalen Bedürfnisse zu Bedingungen garantiert, die schon wenige hundert Kilometer weiter südlich, in Italien und Griechenland, zweifelsohne phantastisch genannt würden.

Deutschlands Stärke ist seine Wirtschaftlichkeit, das erkannten die Gründerväter der Bundesrepublik gleich nach dem Zusammenbruch mit Argusaugen. Sie erkannten, dass es viel leichter und gefälliger und dazu vor allem viel unauffälliger ist, die Weltherrschaft durch ökonomische Höchstleistungen zu erringen als durch die perniziöse und ewig unkalkulierbare Exposition auf dem Schlachtfeld. Das Volk Goethes, Schillers und Hölderlins, des Dichters von „Patmos“ und der „Schlacht“, der die zweite Hälfte seines Lebens in einem Irrenhaus in Tübingen verbrachte, um dort ganze zehn Jahre vor Ausbruch des Krimkrieges, des ersten modernen Krieges überhaupt, zu sterben, er selbst ein unglaubliches, wunderliches Relikt einer Zeit, die noch tief im Mittelalter steckte: dieses Volk, dem in dem einzigen Geniestreich, zu dem sie fähig war, die deutsche Nachkriegsliteratur mitsamt einigen Intellektuellen, die den Namen damals verdienen mochten, ein Denkmal setzte, erkannte nun, nach dem Zusammenbruch, messerscharf, dass es sich viel leichter nach der alten patrizischen Art leben lässt, die das Rheinland und den Süden, die Franken, Schwaben und Bayern vor der Geschichte gegenüber dem kriegerischen, agrarisch-industriellen Osten so lange so klein gehalten hatte, wie sie selbst nicht weltgeschichtliche Geltung hatte. Nun, da der westliche Kapitalismus und Individualismus auch in Deutschland endlich angekommen, hatte sie sie.

Doch 1945 markiert eben auch und vor allem den endgültigen eintritt der Geschichte ins Zeitalter des Wirtschaftlichen, und da, auf diesem Boden, ausgerechnet, erlebte jenes Land, das auf seine Weberschen alten Tage noch zwei Weltkriege angefangen und sich zweimal unendlich blamiert hatte, mit einem Mal und völlig mühelos seine Aristie. Das Pragma des Wirtschaftswunders, das nach den von Soziologen so genannten trente glorieuses, den dreißig fetten Jahren von 1950 bis 1980, alsbald in der Senke der Stagflation verschwand, wurde in der Fremdwahrnehmung zum Dogma, mit dem Deutschland, bis 1990 das Land der Scheckbuchdiplomatie, nach wie vor und heute noch mehr als früher identifiziert wird wie zwischen 1871 und 1918 mit dem Schreckbild des Potsdamer Premierlieutnants.

Genau dieses Dogma, das eben längst kein Pragma mehr ist (worüber unsere, meine Generation, die den vielsagenden Beinamen „Y“, sprich: „why“, also „warum“ trägt, trotz geschönter Arbeitsmarkt- und Exportzahlen sich keiner, aber auch wirklich keiner Illusion hingibt), dieses Dogma also droht nun Deutschland zum Verhängnis zu werden. Die Ära Schröder, so verheißungsvoll mit ihr der unattraktive Muff der spätbundesrepublikanischen Generation Kohl abgestreift und ausgeschlichen zu werden schien, diese Ära des Kriegskindes, vaterlos aufgewachsen im gesichtslosen Hannover, wo es sich aber, wie in allen gesichtslosen Städten, gut leben lässt, ist mit zwei Leistungen in die Geschichtsbücher eingegangen, und beide besitzen eine Strahlkraft, die weit über ihre unmittelbare politische Wirksamkeit hinausreicht: mit der Verweigerung der Teilnahme am Irakfeldzug der Administration Bush junior, und mit der Einführung der sogenannten Hartz-Reformen.

Mit beiden Projekten reagierte Schröder auf die Präponderanz des Wirtschaftlichen, die sich nach 1990/91, nach dem „Ende der Geschichte“, was Geschichte als Politik alten, klassischen Typs meinte, mit Macht einstellte und nach und nach alle Lebensbereiche durchdrang, in den letzten zehn Jahren dank der Revolution des Internets, maßgeblich vorangetrieben durch die Konzerne Apple und Samsung, auch Kultur und Bildung.

Bei den Hartz-Reformen ging es dabei weniger um Verschärfung der bestehenden Sozialhilfe­-Regelungen (diese waren immer sehr streng), sondern um zu erzielende Einsparungen beim Arbeitslosengeld I, das in seiner vorherigen Verfassung arbeitslos gewordenen Festangestellten gleichsam eine Leibrente auf unbestimmte, wenn nicht unbegrenzte Zeit zusicherte. Beim 2. Golfkrieg aber ging es um die Erhaltung der prekären Stabilität im Nahen Osten, dessen östliche Grenze das Land zwischen Euphrat und Tigris seit den Tagen Assurs ist, einer Stabilität, die sich nach den stürmischen Zeiten Nassers und Mossadeghs in der ganzen Levante, von Mesopotamien bis nach Libyen, eingestellt hatte, geschaffen und erhalten durch diktatorische Regime, deren Führer, von Ghadaffi bis Saddam, allesamt Männer fortgeschrittenen Alters waren, als man 2003 damit begann, einen nach dem anderen zu stürzen. Weil Amerika nun diese Stabilität, mühsam unter vielen Schlägen dem Schicksal abgetrotzt, in einem kühl kalkulierten, aber darum nicht minder erratischen Gewaltschlag einzureißen trachtete, sagte Schröder Nein – und sicherte sich selbst dadurch für eine weitere Legislatur die Regierungsgewalt.

Der Irakfeldzug unter Bush jr. war dabei durchaus noch ein Instrument aus dem Kalten Krieg, eine klassische Intervention, mit der der eine Global Player dem anderen zuvorzukommen suchte. Während Russland nach der chaotischen Ära Jelzin um die eigene wirtschaftliche und politische Stabilität kämpfte, öffnete sich den Strategen im Weißen Haus ein schmales Zeitfenster, die orientalische Frage ein weiteres Mal in der Richtung zu behandeln, die die weitere Versorgung der US-amerikanischen Wirtschaft mit den notwendigen fossilen Ressourcen gewährleistete, von denen man annahm, dass sie sonst in Hände fallen mochten, denen sie dann nicht mehr zu entwinden wären.

Ein weiteres Mal aber in der langen Kette westmächtlicher Interventionen seit dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916, worin England und Frankreich ihre Interessensphären auf dem Grund des zerfallenden osmanischen Reiches, und ganz ohne Einbeziehung des mitten in der Brussilow-Offensive feststeckenden und innerlich schon stark zerfressenen Zarenreiches, absteckten, ein weiteres Mal also hatte man auf westlicher Seite außer dem planen Schlagwort der Demokratisierung kein weiterreichendes Konzept, um die orientalische Frage ins Reine zu bringen. Ging und geht es in Afghanistan tatsächlich um die Erstickung des Brandherdes, den die USA unter Brzezinskis weise-verschlagener Regie in den Achtzigerjahren selbst entzündet hatten, „um der Sowjetunion ihr Vietnam zu bereiten“, so geht es westlich davon, im Irak und in Syrien, ums Öl allein und damit um das berechnete Herstellen von Instabilität, um die gezielte Produktion von Chaos.

Das Hauptproblem, das sich bei solch utilitaristischer Handhabung menschlicher Probleme stellt – denn menschliche Probleme sind es zuletzt ja alle –, ist immer das gleiche, und es ist erstaunlich simpel, so simpel, dass man sich leicht der Esoterik verdächtig macht, wenn man es beim Namen nennt: die betroffenen Völker merken, dass man sie nur als Mittel zum Zweck behandelt, sie spüren und wissen ganz genau, wie ernst oder nicht ernst man sie nimmt, und nimmt man sie nicht ernst, so werfen sie dies auf einen früher oder später zurück. Deutschland, dessen Geschichte seit der Schlacht bei Roßbach bis zur Offensive der Roten Armee östlich von Berlin im Frühjahr 1945 eine einzige Geschichte des nationalen Gekränktseins und der neurotischen Willensaufbietung zur „nationalen Auferstehung“ war, dieses Deutschland, einst so geschichtsversessen und nun nur noch geschichtsvergessen, sollte dies – eigentlich – am besten wissen. Denn dass Deutschland – und hier kommen wir zum eigentlichen Punkt – nach 1945, nach seiner Aufteilung in vier Besatzungszonen und schließlich zwei parallele Staaten und Gesellschaftssysteme nicht aufsässig wurde gegen das Regime der Sieger: dies lag ganz einfach daran, dass man in Deutschland, in der Bevölkerung, vor allem aber in den Eliten sehr wohl wusste und weiß, dass Deutschland nicht geschwächt, sondern gestärkt aus diesem katastrophalen Krieg hervorgegangen; dass es mit der Kapitulation, der Unterwerfung unter Besatzungsrecht nur ein Mäntelchen überzog, das camouflieren sollte, dass hier das mächtigste Land Kontinentaleuropas besetzt und aufgeteilt wurde. Dass es too big too fail sei, war stets die Überlebensdevise deutscher Staatlichkeit gewesen; nie war sie mehr als in der Epoche zwischen der Unterzeichnung des Viermächtestatuts und jener des Zwei-plus-vier-Vertrages, als in jenen bleiernen, Seele und Geist lähmenden, aber wirtschaftlich unglaublich prosperierenden fünfundvierzig Jahren zwischen 1945 und 1990.

To big to fail, zu groß zum Scheitern zu sein, taugt als Devise freilich nur in Zeiten der Passivität und der Unterwerfung. Entlassen in Unabhängigkeit, in Einheit und Souveränität, stellen sich dem wiedervereinigten Deutschland andere, neue Probleme, auf die es politisch bislang noch nicht definitiv reagiert hat. Europa und die Welt, insbesondere Russland, das sich seit ebenso langer Zeit wie Deutschland auf einem ähnlichen Weg des Aufstiegs befindet – hier wie dort begann er 1763 mit dem Frieden von Hubertusburg und der Rezipierung beider Mächte, wenn auch aus unterschiedlichen Ausgangspositionen heraus, in den Zirkel der europäischen Großmächte, und hier wie dort manifestierte er sich ein halbes Jahrhundert später erst faktisch auf dem Blutfeld von Leipzig, dann juristisch 1815 auf dem Wiener Kongress –, die Welt also schaut seit 1990 auf dieses junge, so gar nicht wider Erwarten und schon gar nicht irgendwie revolutionär aus seiner Erstarrung erwachte Deutschland und erwartet von ihm den Schiedsspruch, der das politische System von heute endlich ordne.

Es ist im deutschen kollektiven Bewusstsein – sicher eine späte Frucht der reeducation durch die amerikanische Kulturindustrie in der unmittelbaren Nachkriegszeit, auf deren Zug dann die neuen sozialen Bewegungen nach 1968 aufsprangen, ohne sich dessen auch nur im Ansatz bewusst zu sein –, es ist in diesem deutschen Bewusstsein kaum beziehungsweise gar nicht verankert, dass Deutschlands Aufstieg nicht 1945, auch nicht 1871 oder 1867 begonnen hat, sondern auf dem Wiener Kongress im Jahre 1815. Aus, nicht grundloser, Furcht vor immer neuer französischer Aggression schlug das intelligente, aber darum noch keineswegs intellektuelle Tandem Metternich-Castlereagh dem preußischen Biedermann,  Orgelspieler und Militärmusiker Friedrich Wilhelm III. seinen Herzenswunsch, die Annexion Kursachsens und damit die ersehnte Arrondierung seines Kernlandes im schlesisch-böhmischen Winkel, brüsk ab, entschädigte ihn dafür aber mit der Zusprechung der Rheinlande und Westfalens. Auf einmal lag das deutsche Kohlerevier auf preußischem Territorium, preußische Regimenter bezogen auf den Festungen zwischen Aachen und Koblenz Garnison, und die westdeutsche Finanzelite mit ihren sagenhaften Reichtümern geriet unter preußische Judikatur. Man könnte sagen, der Nibelungenschatz von Worms und Xanten, das alte Burgundenerbe ging in preußische Hände über, ging über in die Treuhänderschaft des zisterziensisch-calvinistischen Soldatenstaates. Es würde fünfzig Jahre brauchen, bis die Früchte der Turboindustrialisierung, die diese Annexion für das arme, ständig ausgeblutete Agrarland Preußen bedeutete, reif sein würden, und genau diese fünfzig Jahre brauchte es: 1865, ein halbes Jahrhundert nach Wien – der nunmehrige preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck-Schönhausen war „zufällig“ genauso alt wie dieses halbe Jahrhundert – unterzeichneten der Kaiser von Österreich und der König von Preußen im malerischen Luftkurort Bad Gastein in den Alpen jene Konvention, in der dem Königreich Preußen das Herzogtum Lauenburg zum lächerlichen Preis von 2,5 Millionen preußischen Talern überschrieben wurde: die erste Landerwerbung Preußens nach einem halben Jahrhundert der außenpolitischen Stagnation, der erste Gauner- oder Geniestreich des nicht mehr jungen, aber jugendlich aggressiven Ministerpräsidenten, der im Andenken daran zu seiner Entlassung fünfundzwanzig Jahre später passenderweise mit dem Rang eines Titularherzogs von Lauenburg belohnt werden sollte. Bis heute verblieb diese erste Bismarcksche Trophäe unter deutscher Hoheit, bis heute nennt sich der zugeordnete Landkreis, obzwar es längst keine Herzöge mehr gibt, „Herzogtum Lauenburg“. Die Geschichte kennt keine Zufälle.

Kein Jahr war seit Gastein vergangen, da standen preußische Kavalleriespitzen vor Wien, und der unglückliche Franz Joseph, der mit seiner „exzentrischen“ Sissi in mancher Weise das dekadent-mondäne Gegenpaar zum selig-bürgerlichen und natürlich auch etwas altfränkisch-verschlafenen Biedermeiertraumpaar Friedrich Wilhelm und Luise bildete, war gezwungen, in Prag, der alten deutschen Kaiserstadt, den Austritt seines Landes, aus dem ein halbes Jahrtausend lang dieser Kaiser hervorgegangen war, aus dem Deutschen Bund und konkludent damit das Ende dieses Bundes in aller Form zuzugeben. Nun war der Weg frei für Bismarck, ce barbare de génie, wie er am französischen Hof hieß: Aus dem Deutschen wurde der Norddeutsche Bund, und aus dem Norddeutschen Bund durch Beitritt der vier süddeutschen Staaten im Kriegsjahr 1870 – diesmal ging der Krieg nach Dänemark und Österreich gegen Frankreich – schließlich das Deutsche Reich.

Es war das erste seines Namens, das auch formaliter so hieß: sonst hatte der Erwählte Römische Kaiser, wie die Nachfolger Karls des Großen in kecker Herausforderung des griechischen Kaisers in Konstantinopel sich nannten, den „König in Germanien“ irgendwo an dritter oder vierter Stelle in seiner Titulatur geführt, mehr oder weniger gleichberechtigt mit sagenhaft, ja mystisch rauschenden Bezeichnungen, die sich auf Burgund, Italien oder gar Jerusalem bezogen. Die rheinische Industrie, der westdeutsche Kapitalismus hatten möglich gemacht, was der sprichwörtliche preußische Volksschullehrer, die preußische Felddienstordnung und die friderizianische Verwegenheit des preußischen Regierungschefs, eines pommerschen Corpsstudenten, auf dem Parkett der Weltgeschichte ins Werk setzten.

Freilich war die Lawine, die hier ins Rollen zu kommen schien, in Wahrheit gar keine Lawine, sondern eine ganz reguläre Verfaltung in der Geologie der Staaten, vorhersehbar und im Lauf der europäischen Dinge beschlossen seit dem späten siebzehnten Jahrhundert, seitdem die habsburgische Monarchie, deren Oberhaupt in allmählich eingeschlichener Personalunion fast stets auch zum jeweiligen Römischen Kaiser gewählt wurde, sich im Abwehrkampf gegen die Türkengefahr, seit der glänzenden Kette von Siegen vom Kahlenberg über Zenta bis Belgrad als Vorwerk Europas im Osten etabliert, darob aber den Westen aus dem Auge verloren hatte. Die „Welt“ mochten unterdessen andere untereinander aufteilen, Frankreich, Britannien; der Kaiser „machte“ die Politik des europäischen Festlandes, und der preußische König Friedrich, der mit zweitem Namen nach dem letzten Habsburger Karl hieß und mit einer Nichte der Kaiserin die erzwungene Ehe einging – Elisabeth Christine hießen beide, und Braunschweigerinnen, Welfinnen waren sie, Sprossen des ältesten bestehenden Adelsgeschlechts Europas –, dieser Friedrich also, Schöngeist und Hypersensibler, den Wassermann in der Sonne und im Haus den Zwilling, ungreifbar und rätselhaft sie beide: er nun setzte sich, erst behutsam, dann unter ungeheurer, bis zur Auszehrung reichender Anstrengung, an die Stelle des Kaisers, der nun kein Habsburger, kein Österreicher mehr war, sondern Erbe und letzter Regent des ältesten noch souverän bestehenden karolingischen Staates: des Herzogs von Bar und Lothringen Franz Stephan, den das deutsche Kaiserregister als Franz I. führt.

Mit dem Avancement Brandenburg-Preußens und seines Friedrichs und der Abdrängung Österreichs aus Deutschland – sie begann definitiv 1756 mit dem dritten Krieg um Schlesien und endete 1866 mit dem Fiasko der Donaumonarchie bei Königgrätz – verlagerte sich zugleich der Schwerpunkt europäischer und überhaupt der Weltpolitik vom Süden in den Norden Eurasiens. Die Blockkonstellation von 1917, der Antagonismus zwischen Sankt Petersburg und der angloamerikanischen Kombination, wurde pünktlich hierzu 1762 auf dem Frieden von Paris geboren. Die englische Inbesitznahme der französischen Kolonien in Nordamerika war dabei nur Intermezzo, das die englische Bourgeoisie an der Ostküste nur einmal mehr in der Absicht bestärkte, mit dem Ancien Régime in Westminster zu brechen und einen eigenen, einen wirklichen Staat des europäischen Bürgertums zu errichten. Denn das, nichts anderes, sind ihrem Wesen und Ursprung nach zuallererst die Vereinigten Staaten von Amerika, deren Existenz in einem weiteren Pariser Frieden, 1783, bekräftigt wurde.

Diese epochale Verschiebung vom Süden in den Norden Eurasiens, von der islamischen zur russo-amerikanischen Frage also spielt sich zeitgleich ab zum Aufstieg Deutschlands über die brandenburgisch-preußische Schiene zur Macht und Großmacht: 1700 bis 1900, vom Frieden von Karlowitz bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches, reicht diese time range, in der an Stelle der türkischen die russische „Gefahr“ tritt und an Stelle Britanniens langsam, aber unaufhaltsam die USA. Immer aber im Herzzentrum dieser Bewegung steht Deutschland, von der schmerzlichen Jugend als friderizianische Streusandbüchse bis zur stolzen Reife als Bismarckisch-Wilhelminischer Fabriken- und Kanonenstaat. Deutschland, daran hat außer den Deutschen selbst nie jemand gezweifelt, war der heimlich-unheimliche Spiritus Rector dieser Bewegung, dieses gewaltigen geschichtlichen Flügelschlagens.

Nun stehen wir, zweihundert Jahre nach Wien und fünfundzwanzig Jahre nach der Einheit, vor einem weiteren Flügelschlag, dessen Richtung zugleich entscheiden wird über das Schicksal und die Zukunft Europas als Ganzes. Wenn durch das Heranwachsen Deutschlands die orientalische Frage, die die politische Figur Europas seit dem Tod Kaiser Justinians und der Geburt des Propheten Mohammed im Abstand von fünf Jahren, im sechsten Jahrhundert nach Christus, bis zu jenem Frieden von Karlowitz, den der griechische Graf Alexander Mavrokordatos in der Kaiserstadt Wien, dem neuen Konstantinopel, aushandelte – wenn also durch dieses Heranwachsen die orientalische Frage aus dem Bewusstsein Mitteleuropas für drei Jahrhunderte wich, um Platz zu machen für die Diskussion der neuen Frage, ob Deutschland zum westlichen oder zum östlichen Block gehören wolle: so stellt sich diese Frage nun, seit 1990/91 wiederum nicht mehr. Stattdessen ist die orientalische Frage aufs Tapet zurückgekehrt, und in sie invertiert die Frage nach dem Fortbestand Europas, des weiten und dunklen Kontinents, der einst sein Lebenselixier darin fand, die Weite zur Nähe und das Dunkel zu Licht zu machen.

Diese orientalische Frage lässt sich aber nur lösen, wenn Europas den tieferen Sinn der Orientalität dieses Orients begreift, einen Sinn, der sich merkwürdig einfach erschließt, behilft man sich mit ein wenig Etymologie: denn wessen Osten ist der Orient, der ja dem Namen nach ein Osten ist, wenn nicht Europas? Sind Europa und der „Nahe“ Osten nicht schon historisch, mythologisch und politogenetisch zwei Flügel einunddesselben Körpers, die beiden Schwingen des geheimnisvollen, zuerst in Sumer als Symboltier aufgetretenen Doppeladlers, dessen eines Haupt zur Linken auf die europäischen Wälder, das andre aber zur Rechten auf die orientalische Wüste schaut, und den vom griechischen König der Rhomäer über den Erwählten Römischen Kaiser deutscher Nation bis zum Zaren und Selbstherrscher aller Reußen stets die Nachfolger dieser mesopotamischen Urzelle europäisch-orientalischer Staatlichkeit im Wappen führten?

Es gehört zu den schmerzhaften Fehldeutungen des gegenwärtigen politischen Diskurses in einem Land, dessen Bürgern auf den Schulen und Hochschulen jedes tiefere Verständnis für historische und ethnische Zusammenhänge systematisch aberzogen wurde und wird, dass man das orientalische Projekt gemeinhin für ein amerikanisches hält. Richtig ist daran nur so viel, dass die USA, ein Inselstaat in einer insularen Lage wie vormals Britannien, freilich in unheimlicher Vergrößerung und deshalb auch in vergrößerter Bedürftigkeit und vergrößerter Daseinsangst; dass diese USA also nichts mehr fürchten als das Versiegen ihrer Energiequellen, ein Versiegen, das zugleich das Ende des amerikanischen Traumes bedeuten und das Land zurückkatapultieren würde in die Zeit, ehe der erste europäische Seefahrer aus dem europäischen Mittelalter, aus der düsteren, schwerlippigen Welt Matthias Grünewalds und Hieronymus Boschs heraus, den Fuß setzte auf den Boden dieses gelobten, von der ausbeuterischen Zivilisiertheit Eurasiens unberührten Landes. Was der Schweiz, diesem Amerika Europas und gelobten Land jedes Individualisten, soweit Individualismus prioritär in den Dimensionen körperlicher und wirtschaftlicher Unversehrtheit sich auslebt, was der Schweiz ihre seit Marignano, seit dem Jahr 1515 und also einem genauen halben Jahrtausend peinlich gepflegte und behütete Neutralität ist: das ist den USA der Primat des Wirtschaftlichen, der ihnen den ungebrochenen Zufluss von Material und Menschen garantiert, ohne den der gesellschaftliche Aufstieg des Einzelnen in einem kompetitiven System nicht gedacht werden kann.

Territoriales Arrondissement ist für einen Inselstaat keine Option. Diese Erfahrung machte England, das daraufhin ja erst in die Phase des maritimen Kapitalismus eintrat, in der angevinischen Zeit auf bittere Weise, bis es durch das Mädchen von Orléans endgültig aus Frankreich und so aus dem europäischen Festland insgesamt hinausgeworfen wurde. Dem Insulaner bleibt als Alternative zur Existenzsicherung nur das Errichten von überseeischen Handelspositionen und die stets neue listenreiche Befestigung und Legitimierung derselben. Der hierdurch gestiftete Unfriede ist der Preis, der hierfür gezahlt, die zu seiner Beseitigung erbachten Menschenopfer die rituelle Reinigung, die hierfür vollzogen werden muss. Doch eben weil dieses System keinen dauerhaften Frieden, keine dauerhafte Stabilität verheißt: eben darum sind die Opfer auch nie ausreichend, und niemals wiegen sie, ideologisch jedenfalls, jene auf, die auf der Gegenseite erbracht werden, deren erzwungene Passivität erst das Equilibrium herstellt für die Hyperaktivität des von jenseits des Meeres her Einfallenden.

Fatal am amerikanischen Interventionismus, der wie im Merkantilen, so im Politischen das direkte Erbe des britischen und mit Abstrichen des französischen antrat – der Nahe Osten wurde als Erbmasse 1917 unter den beiden Ententestaaten aufgeteilt, ausgerechnet in dem Jahr, in dem das zaristische Russland als Bündnispartner, den man hätte berücksichtigen müssen und der die Idee vom Dritten Rom und der Wiederrichtung eines christlichen Kaiserreiches im Orient als Staatsmythos und Staatsauftrag auffasste (und dies, obzwar nicht mehr zaristisch, unter Wladimir Putin wieder tut), ausfiel, und die Amerikaner traten erst mit dem Abzug des letzten britischen Hochkommissars von Palästina und der Errichtung des israelischen Staates im Jahr 1948 auf den nahöstlichen Plan –; fatal an diesem Interventionismus ist die Weltlosigkeit, mit der er gezwungenermaßen auftritt in Weltgegenden, die im siebten Jahrhundert nach Christus von jener europäischen – und damit auch von der US-amerikanischen! – Entwicklung, deren Motor sie selbst bis dahin gewesen, mit Gewalt abgeschnitten wurden. Der Orient sehnt sich nach nichts mehr als danach, gleichsam heim ins Reich Europa geholt zu werden; Amerika, selbst ein Emancipatum Europas, ein aus der prärevolutionären Stände- und Kirchturmgesellschaft mit Blutzehntem, Schandpranger und ius primae noctis Freigelassener, der darum in seiner Staatlichkeit umso mehr in den Maschen des Ancien Régimes festhängt (Polizeigewalt, Stand-your-ground-Exzesse und ein latenter De-facto-Bürgerkrieg zwischen Schwarzen, Hispanics und der WASP-Oberschicht sind die politische Realität in diesem Wirtschaftswunderland): dieses Amerika kann Künder und Verbreiter der europäischen Idee in jenem Länder- und Völkerschlauch zwischen Marokko und Afghanistan unmöglich sein. Die vergangenen fünfzehn Jahre zwischen der Intifada von Ramallah und der Zerstörung Palmyras durch den Islamischen Staat haben es mit brutaler Eindrücklichkeit bewiesen.

An den Parolen, mit denen die westliche Welt 2001, pünktlich zu Beginn des dritten Jahrtausends, in den „Krieg gegen den Terror“, der zuvörderst ein Krieg gegen Afghanistan war, zog, war weniger ihre Verlogenheit problematisch (über diese machte kein vernünftiger Mensch zwischen San Francisco und Wladiwostok jemals sich ernsthafte Illusionen), als ihre wesenhafte Insuffizienz: man gewinnt kein Volk und kein Land mit der bloßen Verkündigung von „Werten“. Napoleon, der das vielleicht grandioseste Konzept für den eurasischen Block im Sinne hatte seit Alexander und Cäsar, dieser Napoleon scheiterte mit diesem Konzept, weil es nicht genügt, eroberte Reichsgraf- und -ritterschaften umzuwandeln von spätmittelalterlichen Zwingstätten in Präfekturen einer modernen Administration mit konstitutionell verbrieften Freiheits- und Gleichheitsrechten, wenn man mit der Gleichheit und Freiheit zugleich nicht auch eine Idee, eine Vision verkündet, womit die Eroberten sich selbst originär identifizieren können.

Ein erobertes oder kolonisiertes Volk will vom Kolonisator das eine Wort hören: „Ihr gehört zu uns“, oder noch besser: „wir gehören zu Euch“. Schon die deutsche Einheit krankt und hinkt, gestern wie heute, an der mangelnden geistigen Integration von Ost- und Westbevölkerung, was sich darin ausdrückt, dass der durchschnittliche westdeutsche Bourgeois mit McDonalds und den Billboard Top 40, der ostdeutsche Arbeiter aber nicht selten mit heimischen Goethelesungen und selbstproduzierten Lebensmitteln sozialisiert wurde (etwas, was man seit den Neunzigern nun gesamt-, das heißt westdeutsch mit hitzigen Exzellenzprogrammen und einer übertriebenen Biologisierung der Agrarwirtschaft auszugleichen sucht, beides relativ erfolglos, beschaut man allein die politisch-ideelle Dimension). Wenn schon aber auf solch kleiner Ebene, wie wirkt sich die Kluft zwischen redemptorischem ideellem Anspruch und kraftlosem, weil rein aufs Materielle gestelltem materiellem Auftritt (denn Werte sind eben „Werte“, keine Ideen) dann erst auf globaler Ebene aus? Wenn Europa nicht bald mit einem geschlossenen weltpolitischen Konzept auf die Bühne tritt, dann wird es diese Bühne womöglich gar nicht mehr betreten, dann wird vielleicht tatsächlich irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft eine Gotteskriegerin auf dem Kanzlerstuhl sitzen, wie es sich einige bereits ausmalen, während sich das, was vom europäischen Bürgertum übrig bleibt, verzweifelt um die Plätze auf den Einbürgerungslisten der Schweiz und der skandinavischen Staaten reißen wird. Bizarr mag diese Vision fraglos erscheinen; unrealistisch ist sie darum noch lange nicht.

Die deutsche Einheit war deshalb ein so mühelos erhaltenes Geschenk, weil sie, weil die Frage nach der territorialen Integrität Deutschlands seit der Ära Reagan schon längst nicht mehr auf der Agenda der Tagespolitik stand. Dass die Sowjetunion nach den planwirtschaftlichen und rüstungspolitischen Fehlentscheidungen der Ära Breschnew den Vorposten Ostdeutschland nicht mehr lange würde halten können, war so vorhersehbar, dass ein hellsichtiger Publizist wie der Westberliner Historiker Wolfgang Venohr schon Anfang der Achtziger ohne Weiteres ein Buch mit dem Titel „Die deutsche Einheit kommt bestimmt“ veröffentlichen konnte. Als Otto Habsburg-Lothringen sein österreichisch-ungarisches Grenzzaun-Picknick veranstaltete und ostdeutsche Touristen im Garten der bundesdeutschen Botschaft in Prag ihre Lagerplätze aufschlugen, hatte die Welt gerade zwei schwere Kriege hinter sich, die anzeigten, worum es wirklich gehen würde in der Zeit nach dem Kalten Krieg: die Kriege zwischen Iran und Irak und zwischen Afghanistan und der Sowjetunion.

Als es dann so weit war; als Weizsäcker und Kohl ihre polierten, aber schwunglosen Reden gehalten und Schäuble, der ewige fleißige Arbeiter im Weinberg des Herrn, sein unermüdliches Verhandlungswerk zum Abschluss geführt hatte, wofür die Geschichte ihn, wie einst der Teufel die brückenbauenden Bauern und Bürger im Mittelalter, einen bitteren Preis zahlen ließ: da flackerten schon ganz andere, den Deutschen seltsam fremde Fragen und Probleme auf am Bildschirm der internationalen Politik: der Kroatienkrieg, in dem das morgenländische Schisma, weltgeschichtlich weitaus bedeutungsvoller als die mitteleuropäische Reformation, sich am alten Konflikt zwischen griechisch-orthodoxen Serben und lateinischen Kroaten neu entzündete, dann der Bosnien- und schließlich der Kosovokrieg, in dem, was in keinem deutschen Geschichtsbuch auch nur die Rolle einer Fußnote spielt, mit umso größerer Gewalt ins deutsche öffentliche Bewusstsein trat (Peter Handke war vielleicht der einzige deutsche Intellektuelle, in dessen Bewusstsein es trat beziehungsweise der dies öffentlich machte – Sympathien hat es ihm freilich keine eingetragen, ihn vielmehr die letzten gekostet): das Pragma der islamischen Bedrohung Europas, das das christliche Zeitalter weit über 1453 hinaus dominierte und heute wieder dominiert, es südlich der Vojvodina aber, des Teils von Serbien, der Österreich nach dem Frieden von Belgrad 1739 blieb, auch in der Zeit dazwischen stets dominiert hat.

Wenn es im Jahr des Heils 1990 auf europäischem Boden genau einen islamisch geprägten Staat, nämlich das blockfreie Albanien, gab, dessen prominenteste Tochter ausgerechnet die katholische Ordensschwester Agnes Gonxha Bojaxhiu war; so gibt es seit dem Ende des Kosovokrieges, den ausgerechnet ein grüner Außenminister in der deutschen Öffentlichkeit hoffähig machte, nunmehr drei: das Kosovo selbst, Bosnien und eben Albanien. Man verstand – und versteht bis heute nicht – die Emphase, mit der die jugoslawischen Völker, die vom frühbyzantinischen Kaiser Herakleios dem Großen einst auf die illyrische Halbinsel geholt wurden, um die dorthin vom Schwarzen Meer her einfallenden Awaren abzuwehren, sich gegen jeden Anschein, jede noch so zaghafte Andeutung einer möglichen Islamisierung ihres Landes mit Händen und Füßen, und manchmal eben auch mit Exzessen der Gewalt und des Hasses, wehrten und heute, in Mazedonien, wieder wehren. Man versteht bis heute nicht, worin, jenseits von Platon und Themistokles, die politische und geopolitische Bedeutung Griechenlands liegt, das sich der Turkifizierung über vierhundert Jahre hinweg eisern widersetzt hat; das im Westen, wohin die konstantinopolitanische Intelligenz im späten Mittelalter flüchtete, die Renaissance in Gang setzte und nun heute unter Aufbietung aller Kräfte darum kämpf, in eigenem Interesse, das zugleich aber das Interesse ganz Europas ist, seine Stellung als Bindeglied zwischen Europa und dem Orient, die aber eben zugleich das Bollwerk der christlichen Welt gegen den politischen Islam ist, zu behaupten. Man wünschte sich, dort auf dem Balkan wie in Westeuropa, Deutschland möge zwischen den eigenen nationalen und den gesamteuropäischen Interessen jene Übereinstimmung herstellen, die in einem Land wie Griechenland oder Italien oder auch nur Kroatien und Serbien wie selbstverständlich besteht. Man wünscht sich, von Deutschland, dem man seine Einheit auf einem Tablett solidesten Silbers serviert hat, möge endlich seine europäische Verantwortung entschlossen ergreifen, möge den Platz einnehmen, um dessen Zuweisung, nämlich in der front row des europäischen Mächtekonzerts, es dreihundert Jahre lang so verbissen und hysterisch gekämpft hat. Parolen wie „Der Islam gehört zu Deutschland“ senden denen, die es wünschen, von Michel Houellebecq bis Yanis Varoufakis, das eindeutig falsche Signal.

So wie die Zukunft des einigen Deutschlands 1990 in Europa lag, so liegt die Zukunft des einigen Europa im Orient. Was von den normannischen Kreuzfahrerheeren bis zu den Bataillonen des ANZAC vor Gallipoli wechselnden Koalitionen europäischer Staaten nicht gelang: einem einigen Europa unter der wirtschaftlichen und damit politischen Führung Deutschlands, das einer Allianz mit Russland unter seinem belorussischen, in deutscher Literatur geschulten Präsidenten offen gegenüberstünde, sollte und muss es gelingen.

Die Perspektive für den Fall, dass es nicht gelingt, liegt offen zutage: das Ausbluten des Orients, das Überlaufen der reichen europäischen Staaten durch Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten – in den armen wie Griechenland oder Italien will ja niemand von ihnen bleiben – und damit die Katalysierung des sozialstaatlichen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs, der ja schon intrinsisch seit den Achtzigerjahren sich bei uns abzeichnet; der mit der wirtschaftspolitisch verpatzten Wiedervereinigung weiter an Fahrt aufgenommen hat und dem Remedur zu schaffen ausgerechnet der Arbeitersohn Schröder die unseligen Hartz-Gesetze promulgierte, deren Umsetzung wiederum anders als eine gigantische Verhunzung nicht zu nennen ist.

Am Exemplum der Flüchtlingskrise, die in der urbanen, aber wenig metropolitanen Regionalstruktur Deutschlands ihre eigene Wirkung entfaltet (in einer vergleichsweise kleinen Stadt wie München wird das tagtägliche massenhafte Ankommen von Flüchtlingen ganz anders wahrgenommen, wirkt es sich strukturell viel unmittelbarer aus als etwa in Berlin mit seiner schieren Ausdehnung und seiner für eine Großstadt eher dünnen Besiedlung – nur ist Berlin auch die einzige Stadt ihrer Art in ganz Deutschland); an diesem Exempel vollzieht die alte historische Gesetzmäßigkeit neuerlich ihre Erprobung, wonach Probleme, die im Außenverhältnis eines Staates nicht rechtzeitig gelöst werden, sodann auf sein Inneres zurückschlagen. Schon die Griechenlandkrise war ein Annoncement, gleichsam die Präambel dieses Gesetzes und seines neuerlichen Eintritts; die Flüchtlingskrise, pünktlich im Sieben-Jahres-Abstand zu jener aufgetreten, wird nicht mehr nur Präambel sein.

Wenn Weber, als bürgerlicher Intellektueller unbehaftet von der naiven nationalistischen Trunkenheit der frühen Jahre der Kaiserzeit, das Deutsche Reich des Mangels an weltpolitischem Ehrgeiz schelten konnte, so kann der Intellektuelle von heute das Deutschland von heute dessen mit gleichem Recht schelten. Die faktischen und auch formellen Zwänge, denen dieses Deutschland auch nach seiner Einigung vor einem Vierteljahrhundert unterliegt, sind das eine; das andere sind die Notwendigkeiten, die die Eliten des Landes entweder nicht erkennen können oder nicht erkennen wollen. Der Aufstieg des Kapitalismus in den vergangenen sechs Jahrhunderten hat die Frage nach der Organisation politischer Einheit ja nicht aus der Welt geschafft oder sie ad absurdum geführt; der Kapitalismus hat lediglich die Wirtschaftlichkeit der Menschheit auf einen neuen Boden gestellt. Doch die zarte Pflanze des Überflusses verwandelt sich so rasch in ein fleischfressendes Monstergewächs wie die Flamme des Lagerfeuers in einen Feuersturm; das Mitsein mit anderen, das Stehen in einer Umwelt, biologisch genauso verstanden wie anthropologisch, ist eine elementare Kondition des In-der-Welt-Seins, welche nicht von Ungefähr Philosophie und Psychologie, die eine die Tochterdisziplin der anderen, zu Anfang unserer modernen Zeitrechnung, um die Wirren des Ersten Weltkrieges herum, der europäischen Menschheit mit mahnerischer Geste ins Bewusstsein gerufen haben. Da reicht es nicht, gleichsam das Pferd vom Schweife aufzuzäumen und als Bürgerbewegung für Naturschutz und Menschenrechte auf die Straßen zu gehen, wenn andererseits die Führung des mächtigsten Landes Europas jedes tragfähige Konzept, jedes Konzept überhaupt für eine europäische Zukunft vermissen lässt.

Kein Volk Europas, das wenigstens ist die Haltung aller übrigen europäischen Völker, lässt eine europäische Haltung derzeit dringlicher vermissen als das deutsche, obwohl es der deutsche Dichter Friedrich von Hardenberg war, der am Scheitelpunkt der deutschen Sattelzeit, die eine europäische Sattelzeit war, der an der Zeitscheide zwischen dem friderizianischen Ancien Régime und der napoleonischen Moderne einen kleinen Traktat mit dem großen Titel „Die Christenheit oder Europa“ veröffentlichte.

Ein Deutschland, das nichts weiter als ein kontinentales, ein europäisches US-Amerika sein will, wird nur zu rasch an seine Grenzen stoßen. Zu gering und zu schwach sind die möglichen Absicherungen gegen eine Welt von Feinden, die sich ihm dabei in den Weg stellen würde. Grenzzäune entlang des Bayrischen Waldes und des Bodensees wären genauso falsch und genauso fatal wie ein blöde-emphatisches „Refugees Welcome“-Schönwettermachen. Längst sind die USA vom Bürgerrechtsstaat, der sie unter Kennedy einmal zu werden schienen, zum vormärzlichen Maßnahmenstaat zurückgeschrumpft, in dem ein schrankenloser Klassismus waltet in Verbindung mit der verbissenen Behauptung ihrer überseeischen neokolonialen Interessen (TTIP und die Farbenrevolutionen sind zwei Instrumente aus demselben Baukasten). Auf dieser Ebene wird Deutschland nicht mithalten können.

Zu den äußeren Bedrohungen kommen die inneren in einem Land, über das seit Beginn des neuen Jahrhunderts eine beispiellose Welle der Prekarisierung und Pauperisierung hineinbricht, in einem Land, das von seinen letzten beiden Führungsgenerationen politisch, sozial und kulturell in Grund und Boden gewirtschaftet wurde und dessen junge Führungsgeneration aus Angst vor Verarmung keine Kinder mehr in die Welt setzt. Thomas Piketty, David Graeber, zuletzt auch der deutsche Professor Christoph Türcke haben in ihrer jeweils eigenen Sprache das Ungleichgewicht, in dem unsere westliche Wirtschafts- und Sozialordung sich befindet, in so deutlichen Farben und mit so dicken Strichen gezeichnet, dass nur ein Blinder ihre darin ausgesprochene Warnung nicht vernähme. Das hindert die Eliten freilich nicht daran, den Rest der Bevölkerung für Blinde zu halten, ebenso wenig wie es sie selbst daran hindert, sich blind zu stellen.

Dass zu politischen Jubiläen Sonntagsreden geschwungen werden, ist kein deutsches Unikum. Es ist historisch bewährt wie die Rituale am sonntäglichen Familientisch. Was bedenklich stimmt, ist das völlige Fehlen jeder Stärke, die gänzliche Abwesenheit von Kraft in diesen Zeremonien, die keine sein wollen. Die schiere Impotenz dringt dem politischen Deutschland von heute aus jeder Pore. Seine beispiellose Unschneidigkeit und Unsmartheit, sie mag sich noch so sehr als vorausschauendes Managertum deklarieren, ist Indiz nicht seiner Schlagkraft, sondern seiner Indolenz – und seiner Unaufrichtigkeit. Die große Krise steht in Flammenzeichen am Horizont der Epoche geschrieben. Nicht in fünf, auch nicht in zehn, aber in zwanzig, vielleicht in fünfundzwanzig Jahren, zum nächsten runden Einheitsjubiläum, wird sie da sein. Kiew, wo seit einem halben Jahrzehnt ein blutiger Bürgerkrieg tobt, ist keine eineinhalbtausend Kilometer von Berlin entfernt, die gleiche Strecke wie von hier in die Emilia-Romagna oder an die Atlantikküste. Zwischen der Türkei und Griechenland herrscht ein gefährlicher Schwebezustand, seit sechzig Jahren, als die letzten schweren, furchtbaren türkischen Massaker an der griechischen Minorität in Konstantinopel stattfanden, temperiert nur durch die gemeinsame Mitgliedschaft in der NATO. Nordafrika ist, was es seit der Ausrottung der barbaresken Piraterie im achtzehnten Jahrhundert nicht mehr war, zum Pulverfass geworden, nachdem die diktatorialen, aber Stabilität sichernden Föderaten-Regimes von Libyen bis Syrien, entlang des aufgehenden Mondes im östlichen Mittelmeerbecken, nacheinander dethronisiert wurden. Europa ist nicht mehr Schauplatz eines Wettkampfes zweier außereuropäischer Hegemonialmächte; Europa ist jetzt die target range eines clash of civilizations, dessen Epizentrum die arabische Halbinsel und dessen Peripherie der levantinisch-orientalische Komplex ist.

Zugute halten kann, ja muss man der deutschen Indolenz, dass die Einheit und damit die, zumindest offizielle (hierüber kann an dieser Stelle weiter nichts gesagt werden), Handlungsfähigkeit als souveränes Land noch keine dreißig Jahre, noch kein Menschenalter alt sind. Deutschland muss erst wieder laufen lernen, beziehungsweise es muss es recht eigentlich überhaupt erst lernen, klammern wir die neunzehn oder, je nach Lesart, dreiundzwanzig Jahre des ersten unitarischen deutschen Staates aus, in denen unter der ruhevollen Ägide des allseits respektierten Riesen aus dem Sachsenwald in die traditionelle Unruhe des europäischen politischen Theaters so etwas wie eine vorübergehende, erholsame Windstille eingetreten war.

Doch die Geschichte kennt, wie das Leben, keine Schonfrist, die große Politik keinen Welpenschutz. Deutschland, dieses ewig von Identitätsproblemen heimgesuchte Stück Erde zwischen Rhein und Oder, dessen Unklarheit über den eigenen Standpunkt sich in seiner unpersönlichen Selbstbezeichnung so schön offen ausspricht (denn „deutsch“ oder althochdeutsch „tiusk“ bedeutet ja schlicht „volksmäßig“, „volkhaft“, meint mithin keinen besonderen Stamm wie etwa France die Franken oder Ellada die Hellenen), dieses Deutschland hat heute, was es in den ersten hundertzwanzig Jahren seiner Existenz als Nationalstaat nicht hatte: das übrige Europa als Bundesgenossen, zuzüglich Russlands, das unter seinem Zar-Präsidenten Putin wieder jene Politik aufgenommen hat, die das kaiserliche Russland von Peter dem Großen über Peter III. bis Alexander II. einst betrieb und die dem Deutschland Bismarcks durch seine Politik der wohlwollenden Neutralität und des Den-Rücken-Freihaltens überhaupt erst gestattete, Deutschland zu werden. So schnell, so unerwartet und unverhofft aber dieses Deutschland diesen Kranz alter und ehrwürdiger großer und kleiner Staaten als Bundesgenossen gewann: so schnell kann es sie auch wieder verlieren. Die Folgen aber dieses Verlustes, für es selbst und für Europa oder die Christenheit, wären nicht abzuschätzen.
Header: Antoine-Jean Gros (1771-1835), Zusammentreffen Kaiser Franz II. und Napoleons nach der Schlacht bei Austerlitz, 4.12.1805. Öl auf Leinwand, 1812. Standort: Louvre. Quelle: Wikimedia Commons. Filter: Instagram 

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4 thoughts on “Die europäische Frage und Deutschland. Gedanken zum dritten Oktober

  1. Dem Text würden mehr Absätze und Überschriften gut tun – brillant und überzeugend zusammengetragen, bedenkenswert. Großes DANK.

    Deutschland sollte sich 25 Jahre nach der Wiedervereinigung neuerlich im europäischen Kontext definieren, in seinem Verhältnis zum Westen und Osten.

    Was ist die tonangebende Melodie, was Begleitung? Gehört Russland zu Europa – wenn nicht, was heißt das und geht das überhaupt? Russland auszugrenzen und links bzw. rechts liegen zu lassen: Trägt das in die Zukunft?

    Der Orient gehört zu Europa – der für mich herausstechendste Satz, nicht der wichtigste..

    Heute stellt sich der Islam als zweistärkste Religionsgemeinschaft Europas vor, mit einem klaren Anspruch – vielleicht sogar mit dem Anspruch, nicht nur der Dritte im Bunde sein zu wollen, sondern primus inter pares sein zu wollen.

    Europa muss sich neu erfinden, zwischen losem Staatenbund souveräner Nationen und den Vereinigten Staaten von Europa – letzteres wird aber wohl nicht ohne einen Sezessionskrieg vollzogen werden, um die Frage der Dominanz bestimmter Werte zu klären – dar katholischen oder der protestantischen Sozial-und Wirtschaftslehre. Dominiert der Norden den Süden oder der Westen den Osten? Wie tickt Europa – wird auch hier Polen Wegweiser sein, Vorreiter, wie im 18 Jahrhundert?

    Das Jahr geht zur Neige und Houellebecqs Vision ist im Laufe des Jahres nicht unwahrscheinlicher geworden. Was wir beobachten sind soziale und wirtschaftliche Verwerfungen, die keinen Bereich des europäischen Gesellschaftslebens verschont.

    Mit dem neuen Papst verliert das Christentum an politischem Gewicht, in dem Maße, wie es das Gewicht mit dem polnischen Papst gewann – Das Christentum gewinnt mit Franziskus an Barmherzigkeit und die Barmherzigkeit wird politisch, ob es als Gegengewicht taugt, für den politischen Islam saudischer bzw. neoosmanischer Prägung, wird die Zukunft zeigen.

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  2. Wenn sie gefragt würden, lieber Autor: wie sehe ihr 10 Punkte Plan der zukünftigen deutschen Außenpolitik aus? Was würden Sie antworten?

    Mir drängen sich die folgenden Fragen auf:

    Wie kann Deutschland eine Führungsrolle in Europa übernehmen, ohne in den anderen Ländern Ressentiments, gegenüber der deutschen Vorreiterrolle zu wecken?

    War nicht der Alleingang der Kanzlerin in der Flüchtlingskrise ein handwerklicher Fehler, der die Deutschen teuer zu stehen kommt?

    Der Orient, von dem Sie sprechen, ist ein heterogenes Gebilde.
    Da die Theokraten in Teheran, der neo-osmanische Präsident in Ankara, das absolutistisch-wahabistische Herrscherhaus in Riad und dort die Europa zugewandt Parlamentsdemokratie Israels. Unter einem Hut ist das Gebilde nicht denkbar – was bleibt übrig vom historischen Orient in der heutigen Zeit, wie viele Hüte trägt es?

    Was halten Sie von Ulrike Guérots & Robert Manesses Thesen der Redifinition Europas, über die Gründung einer Europäischen Republik?
    (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/zukunft-europas-es-lebe-die-europaeische-republik-12126084.html)

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