Das Wesen des Islams und der Westen, Islam

Das Wesen des Islam und der Westen. Teil 1

Keine der drei monotheistischen Religionen ist so sehr pure Kraft und so sehr pure Bewegung wie der Islam. Während die Geschichtswissenschaft von der Christianisierung des Römischen Reiches spricht und damit semantisch den Vorgang der Christianisierung ihrem Objekt, nämlich dem Römischen Reich, unterordnet, so spricht sie dagegen von der islamischen Expansion.
Der Islam war von seinem Anbeginn an eine politische Bewegung, ein politischer Anspruch. Mohammed befand sich auf der Flucht vor politischen Gegnern (und vermutlich auch vor Gläubigern), als er erstmals – da war er bereits über fünfzig Jahre alt – Stimmen vernahm, die ihm sagten, was er zu tun habe. Seit diesem Augenblick hatte das Leben dieses Mannes ein Ziel, eine Richtung.

Bereits dieses Ursprungsnarrativ des Islam folgt einem bestimmten Schema: das Religiöse, Apokalyptische folgt dem Politischen, nicht umgekehrt. Und noch mehr: mit dem Eintritt des Religiösen ins Politische, des Esoterischen ins Exoterische beginnt erst die persönliche „Erfolgsgeschichte“, beginnt der Aufstieg Mohammeds vom sinnlos umherziehenden und umhergejagten Trommler und Aufrüttler, der seinen Mitmenschen mächtig auf die Nerven gefallen sein muss, zum Propheten, zur politischen, religiösen und schließlich historischen Instanz.

Im Christentum haben wir einen umgekehrten Verlauf: das Politische folgt dem Religiösen, die Realität der Offenbarung. Jesus von Nazareth ist ein religiös Erweckter, der mit der Politik nichts am Hut haben will. Schon lange ist er als wundertätiger und aufklärerischer Wanderprediger in Galiläa bekannt, ehe er am Palmsonntag in Jerusalem einzieht und sich aufs glatte und dornige, gefährliche Plateau der Politik begibt. Es dauert keine Woche, da steht der kühne, aber eben auch naive junge Mann vor Gericht in der römischen Statthalterei. Der Vorwurf: Hochverrat. Die Strafe so grausam wie absehbar: Tod am Kreuz. Wo Mohammed mit dem Eintritt ins Politische erst sein Ziel und seine Bestimmung findet, da verliert der Nazarener sie. Bis jetzt war er glücklich und zufrieden; nun, da er sich einmal auf das Terrain der Politik begeben, kommt er auch schon darauf um. Der Tod Jesu ist, anders, als die christlichen Dogmen es gern weismachen wollten und wollen, kein Triumph und keine Erlösung, sondern das denkbar schlimmste, grässlichste und blamabelste Scheitern, das sich denken lässt. Umgedeutet zum Akt des Sieges und der Überwindung wird dieser Akt der Folter und der brutalen Brechung des menschlichen Willens und der menschlichen Individualität lange, lange nach dem Tod des jugendlichen Aufrührers, des Hochverräters wider Willen, den die Wucht der Ereignisse zu sehr traf, als dass er sich auf den krummen, unsauberen Deal eingelassen hätte, welchen der Statthalter ihm im Angesicht des Kreuzes und der klassischen Besatzerstrategie des divide, et impera folgend wohl anbot („weißt Du nicht, dass ich Macht habe, Dich freizugeben, und Macht, Dich zu kreuzigen?“).

Der Islam bezieht seine Macht, und auch seine Attraktivität, seit eintausendfünfhundert Jahren daher, dass seine Geschichte nicht mit einem Akt der Niederlage, sondern mit einem Akt des Sieges beginnt. Mohammed siegt über seine Gegner, er setzt sich durch im harten Wettbewerb unter den arabischen Nomadenführern, diesem Getto des orientalisch-abendländischen Komplexes, und er vererbt seinen Kampfgeist und seine Unbeugsamkeit auf seine Jünger und deren Nachfolger. Der Prophet ist keine fünfzig Jahre tot, da steht ein arabisches Heer vor den Toren Konstantinopels, damals die Hauptstadt der zivilisierten Welt, die prächtigste Metropole zwischen Atlantikküste und Innerasien, und nur eine platte, aber wirksame List des regierenden griechischen Kaisers, vor allem aber der Gebrauch des auch auf Wasser unlöschbaren griechischen Feuers verhindern, dass erst jetzt, und nicht erst achthundert Jahre später, die Hauptstadt der christlich-europäischen Welt in die Hände der Sarazenen fällt.

Der Expansionsdrang des neuen Glaubens freilich ist darum nicht etwa gebrochen. Allein Konstantinopel wird zwischen dem siebten und dem fünfzehnten Jahrhundert gut zehnmal durch muslimische Truppen belagert, das Aufkommen einer modernen Artillerie besiegelt im Jahr 1453 schließlich das Schicksal der „goldenen Stadt“, die den Glanz und das Wohlleben der Antike über die Epochenbrüche der Völkerwanderung und der justinianischen Pest ein weiteres Jahrtausend lang hinweggerettet hat. Inzwischen breitet sich der Islam in rasender Hast aus über das gesamte innere Gebiet Eurasiens, das Gebiet der so genannten eurasischen Steppe zwischen Kaspischem Meer und westlicher Mongolei, und weiter westlich bis hin nach Spanien, das die reconquista, die Rückeroberung islamisierter Gebiete erst im Jahr 1492 abschließen kann. Die Geschichte der nachchristlichen eurasischen Zivilisation, also der Geschichtsabschnitt, der uns, unser Leben im engeren Sinne dominiert, kennt keine vergleichbare Welle der Inbesitznahme fremden Landes durch eine einzige Macht.

Die Kernlande dieser Macht sind die Länder des Mittelmeerraumes, also die alten Kernlande des Römischen Reiches. Dessen östlicher Teil, das byzantinische, griechische Kaiserreich, stellte sich, wir sagten es bereits, dem islamischen Expansionsdrang für tausend Jahre einstweilen in den Weg. Doch der Islam fand immer wieder neue Wege, Nebenwege und Umwege, um sein expansives Werk fortzusetzen.

Keine vierzig Jahre nach jener ersten Belagerung Konstantinopels im siebten Jahrhundert schlug das Heer des umayyadischen Kalifen am Rio Guadalete die Goten und vernichtet anschließend deren Reich, auch dies ein Reservat der Römerzeit auf westeuropäischem Boden. Wiederum zwanzig Jahre später stand ein sarazenisches Reiterheer bei Tours und Poitiers, keine zwei Tagesritte vor Paris, und nur das Glück und Geschick des fränkischen Hausmeiers Karl Martell, dessen Dynastie, die Karolinger, die europäische Landkarte neu gestalten und den Schwerpunkt europäischer Machtpolitik von Konstantinopel nach Norden, an den Rhein verlegen sollten, nur das Eingreifen dieses Karl Martell also brachte den arabischen Vormarsch auf das Frankenreich zum Erliegen. Syrien, Ägypten, die Levante, die alten Kernlande des Römischen Reiches, dessen Expansion in den keltischen Westen erst verhältnismäßig spät einsetzte, während es im Orient mehr oder weniger nur die Rechtsnachfolge des Alexanderreiches und seiner Nachfolgestaaten anzutreten brauchte: all dies war bereits erobert.
Der Islam ist Kraft, nicht Verstand, ist Glaube nicht Wissen. Er stößt heute zusammen mit dem Westen, über den sich in gewisser Weise Ähnliches sagen ließe. Die westliche Politik ist ähnlich strukturiert, ähnlich uneinheitlich wie die islamische Welt. So wie es keinen Papst der Muslime gibt, so gibt es keinen Kaiser von Europa,, und so wie der Islam auf die Kraft des Glaubens baut, so baut der Westen auf die Kraft des Geldes. Beiden eigen ist der unstillbare, gargantueske Drang nach Vermehrung, nach Ausdehnung um ihrer selbst willen. Der Ordo-Gedanke der klassischen großen Reiche ist ihnen unbekannt. So wie der Westen davon träumt, auf dem Mond und dem Mars Kolonien zu errichten und dort Wasser und andere Rohstoffe zu erbeuten, die die schwindenden irdischen Ressourcen ersetzen sollen, so träumt der Islam davon, die Hauptstädte des Westens, Berlin, Paris, London und Washington, zu besetzen und umzuwandeln in mohammedanische Metropolen.

Wir haben es hier mit einer klassischen Ungleichzeitigkeit zu tun. Während die islamische Welt, ökonomisch unterentwickelt und strukturschwach, noch tief im Zeitalter der Territorialpolitik steckt, ist der Westen längst voll im postterritorialen bzw. postterrestrischen Individualismus angekommen. Was zählt, ist nicht mehr die feste Scholle, der manifeste, gegenständliche Besitz, sondern das bloße Vermögen, die reine Potenz: nicht Gold, sondern Fiat-Geld als Währung, nicht haptische, anfassbare Speicher, sondern virtuelle Datenräume, Cloud Computing.
Header: Der “eurasische Balkan”, zugleich territoriales Wirkungszentrum des Islam. Quelle: Zbiginiew Brzezinski, The Grand Chessboard. New York 1997, S. 124. 

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