Das Wesen des Islams und der Westen, Islam

Das Wesen des Islams und der Westen. Teil 2: Das Wesen des Westens in seiner Entwicklung 1453 bis 1974

Der Prozess des Kapitalismus, der – möglicherweise paradoxerweise, aber dazu später mehr – ein Produkt, jedenfalls eine Folge der europäischen Renaissance und des Humanismus ist, ist ein Prozess der Zunahme des Abstands des Menschen von der Erde, ein Prozess der fortschreitenden Überwindung von Grenzen, kurz: ein Prozess der Enterdlichung. Er begann mit der Überquerung des Atlantischen Meeres durch die Pioniere der Seefahrt im kolumbianischen Zeitalter, die in den Augen des hierin klassisch denkenden Mittelalters ein Sakrileg darstellte (die Säulen des Herakles, also Gibraltar, zu überschreiten, galt den Alten als Herausforderung des Schicksals, die man nicht ungestraft wagte); er erreichte seinen Höhepunkt mit der Durchbrechung der Erdatmosphäre, mit dem Start erst in die unbemannte, dann die bemannte Raumfahrt und schließlich mit jenem great step for mankind, der ersten Landung von Menschen auf dem Mond im Jahr 1969; und er wird fortgesponnen und fortgelebt mit den oben genannten Plänen, Mond und Mars in absehbarer Zeit zu kolonisieren und der Erde somit ein außerirdisches, dem Leben ein unlebendiges Reservoir zu schaffen.

Vom kapitalistischen, und das heißt im weiteren Sinne: vom westlichen, auch vom individualistischen Standpunkt aus sind diese Planungen, ist diese Entwicklung logisch und nachvollziehbar. Wir müssen uns das alte Europa, um das es uns hier geht, vorstellen als einen geschlossenen Kessel, unter dessen Deckel im Mittelalter ein furchtbarer Druck lastete. Das alte, starre, menschen- und lebensfeindliche christliche Weltbild, das vielerorts selbst heute noch in der Ersten Welt eine erstaunliche Fortgeltung besitzt, schnürte die Menschen ein und ließ ihnen keine Luft zur Entfaltung. Alles, was das Leben des Menschen lebenswert macht: Sexualität, freies Denken und Forschen, Freizügigkeit der Person, Unverletzlichkeit des Leibes, soziale und konnubiale Mobilität und Fluktuation: all dies war verpönt, war strengsten Regularien unterworfen, bei deren Übertretung grausame Strafen drohten.

So das Europa des Mittelalters, und so auch das Europa der Frühen Neuzeit, im Wesentlichen auch der Moderne bis zum Jahr 1945, bis zur Ankunft Amerikas auf dem europäischen Kontinent. Anders als 1917 – Lafayette, wir sind da! – blieben 1945 die Amerikaner in Europa, finanzierten den Wiederaufbau des zerstörten und geschundenen Kontinents von Schottland bis nach Thrazien und ließen in die Köpfe und Herzen der Menschen Rock ’n’ Roll einziehen, den Geist der swingenden Fünfziger, der rockenden Sechziger und schließlich der poppigen Siebziger. Und im Strahlungsfeld dieses Geistes stehen wir heute, steht ganz und gar die Generation Y, deren Beginn von der demographischen Statistik auf das Jahr 1974 festgesetzt wird: das Jahr, in dem in den USA unter der Federführung Spielbergs, Coppolas und Scorceses New Hollywood begann; das Jahr nach der Ölkrise, mit der die grüne Bewegung ihren Gründungsimpuls erhielt; das Jahr nach Jom Kippur, das den Nahostkonflikt in seiner enervierenden Iterativität für die kommenden Jahrzehnte präjudizierte; das Jahr der Abwahl Brandts, mit welcher zugleich das alte rheinische Adenauerdeutschland abgewählt wurde und das spätrepublikanische Biedermeier begann; das Jahr, in dem vorerst zum letzten Mal Menschen den Mond betraten in froher Erwartung künftiger Missionen, die das damals Erreichte weit in den Schatten stellen würden; kurz: das Schwellenjahr der Siebzigerjahre, in denen die moderne Informationstechnologie, die moderne materielle und idelle Kultur von unseren Essgewohnheiten bis zu Pornographie erfunden wurden. 1974 ist das Befreiungsjahr schlechthin, das Jahr, in dem der Westen und die Westlichkeit strahlend aus dem Muff und dem Schutt von Jahrhunderten der Tristesse, der Eintönigkeit und Negativität aufstanden.

1974, so lässt sich sagen, ist das Jahr, in dem die Weltgeschichte über die Schwelle geht. Es ist das Jahr, in dem der Westen sich endgültig herausschält aus der Verpuppung, in der er sich seit Anhub der Frühen Neuzeit, seit den Tagen Magellans, Kolumbus’ und Kopernikus’ befand; das Jahr, in dem wir definitiv anfangen, „modern“ zu werden. Wenn wir die historische Kontraposition, in der wir uns heute befinden und die seit dem elften September 2001 die politische Realität dieser Erde beschreibt, wenn wir diese Kontraposition also in die Allegorie zweier Epochenjahre setzen wollen, so sind die die Jahre 1453 und 1974. 1453, das Jahr des Falls von Konstantinopel, des Fanals, das das alte Europa des Mittelalters mit Gewalt aus seinem Dornröschenschlaf riss und buchstäblich anfeuerte und anspornte zu dem steilen, überragenden Flug, zu dem es also ansetzte, vom Vor-Anker-Gehen der Santa Maria in der Karibik bis zum militärischen Gruß, den Neill Armstrong dem Star sprangled banner auf dem Mond erwies. Und 1974, das Jahr, in dem die letzte Spannung von „uns“, das heißt von uns Westlern abfiel und das die Hochphase des Individualismus einleitete.

Wir haben weiter oben von den Menschen gesprochen, die aus dem Druckkessel des alten Europa ausbrachen, um anderswo Entfaltung erleben zu können, die Entfaltung, die ihnen auf dem alten Kontinent versagt wurde. Diese Menschen waren die ersten Seefahrer und die ersten Kapitalisten, heute sind es Investmentbanker und IT-Spezialisten, die überall auf der Erdkugel zu potenziell jedem beliebigen Zeitpunkt neue Mittel und Methoden entwickeln, Grenzen zu überschreiten, es seien physische, materielle oder finanzielle Grenzen (nur die idellen Grenzen, die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens, bleiben durch die bloße gegenständliche Technik vorläufig unangetastet; sie aufzubrechen oder zu verschieben, kann Aufgabe einer neuen, einheitlichen westlichen Philosophie sein, die es freilich vorläufig nicht gibt). Die Theorien einer so genannten Dialektik der Aufklärung, die von der reaktionären Philosophie des späten neunzehnten Jahrhunderts über Heidegger und die anthropologisch-existenzphilosophische Schule bis Adorno und Hannah Arendt insbesondere in der deutschen Philosophie gute Tradition hat: diese Lehren von der Dialektik, das heißt der Negativität und “eigentlichen” moralischen Defizienz der Moderne (was hier die Frühe Neuzeit miteinbegreift) überbieten einander gern darin, die ersten Entdecker und Kapitalisten, nicht anders als ihre späten Nachfahren heute, abzuqualifizieren und zu verurteilen als Abenteurer, als wurzel- und charakterlose Desperados und Zerstörer einer vermeintlich guten alten Zeit, eines vermeintlich schönen alten Raumes, eines raumzeitlichen Kontinuums, das im Unterschied zu seinem heutigen Substrat nicht sinnleer, sondern sinnerfüllt gewesen sei. In dieser Verurteilung wissen linker und rechter Jargon sich seit je miteinander eins, und sowohl Marx als auch Heidegger pflegten die arbiträre Rede von einer angeblichen „Idylle des Mittelalters“ und von der Verderbnis, welche die Neuzeit, die „Zeit des Weltbildes“, über uns gebracht habe. Hannah Arendt sah die Massenvernichtungen unter Hitler und Stalin in der Tradition von Kapitalismus und Kolonialismus und phantasierte in ihrem Werk Vita activa von 1955 von einer „Weltlosigkeit“, die mit der Neuzeit über uns gekommen sei und welche „ohnegleichen“ sei. Die normative Schule in der Politikwissenschaft, vertreten von Persönlichkeiten wie dem nicht weniger brillanten Eric Voegelin, schloss sich Arendt darin weitgehend an. Nirgendwo ist der Westen, ist die Westlichkeit so sehr verschrien wie im Westen selbst, und das meint insbesondere: in Europa. –

Das Wesen des Westens – wir können, dies der Grund dieses Exkurses, nicht über das des Islam schreiben, ohne nicht auch ein Wort über jenes des Westens verloren zu haben -, das Wesen des Westens also ist Partikularisierung, Individualisierung, Spezifikation und Spezialisierung, und all dies sind Ausprägungen von Freiheit. Eine späte Explikation dieses Wesens mag man zum Beispiel darin erkennen, dass es bei Facebook deutlich mehr als zwei Optionen gibt, das eigene Geschlecht zu bestimmen. Der Dampf aus dem Kessel, der Europa war, der es vor allem in den eineinhalb Jahrtausenden zwischen der Passion Christi und dem Fall Konstantinopels und dem Schlachtentod des letzten legitimen Kaisers der Römer Konstantins des Elften war: der Dampf aus diesem Kessel ist entwichen, entweicht seit fünfhundertfünfzig Jahren, und niemand, keine Macht der Welt wird es fertig bringen, diesen Dampf wieder zurückzustauen in den Kessel, der Europa einmal war. Was aber geschehen kann, ist, dass der Dampf, nachdem er einige Zeit aufgestiegen ist, sich ablagern wird in der Stratosphäre, Wolken bilden und schließlich abregnen wird auf die Gefilde, aus denen er einst emporgestiegen, und dann wird sich fragen, wo, wann und wie dieses aus dem entwichenen Dampf der Jahrhunderte kondensiertes Wasser abregnen soll. Die Abläufe in der Geschichte sind strukturell die gleichen wie die Abläufe in der Natur. Die Abläufe als solche, mögen wir sie auch selbst geschaffen haben, können wir nicht beeinflussen; was wir beeinflussen können aber, ist die Art, wie wir in diese Abläufe eingreifen.

Entfaltung und Freiheit sind Wechselbegriffe. All das, was die westliche Kulturkritik gern als dekadent bezichtigt und was der Islamische Staat, der sich auf dem Gebiet des alten griechisch-römischen Kaiserreiches breit macht, mit aller Brutalität bekämpft und bekriegt, ist Ausfluss und Wirkung von Freiheit. Pornographie ist Freiheit. Promiskuität ist Freiheit. Mobilität und Tourismus sind Freiheit. Die universelle Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, die Universalität von Kommunikation, die freie Verfügbarkeit fast aller möglichen Daten und Gegenstände in einer globalisierten Welt ist Freiheit. Niedrigpreise für Dienstleistungen, die vor einem halben Jahrhundert noch ein halbes Vermögen kosteten und für die Mehrheit der Menschen unerschwinglich und also unvorstellbar waren: etwa fürs Flugreisen oder für wertvolle Kleidung oder Gebrauchtwagen: auch dies Freiheit. Und all diese Freiheit im Gegenständlichen: der erlöste, befreite Zustand des Leiblichen und der Leiber, die Möglichkeit, mit einem Smartphone das Weltwissen seit der Schöpfung dieser Welt abzurufen oder mit jeder beliebigen Person über das Internet in eine intime Kommunikation zu treten: diese Befreiung des Leiblichen ist es, was sich der europäische Geist, was sich unser Geist erträumt hat, seit es eine abendländisch-orientalische Geistesgeschichte gibt.

Das Wesen des Westens ist Freiheit. Das Wesen des Islam ist Kraft. Kraft ist Freiheit, die noch nicht frei geworden ist, die noch nicht zu sich gefunden hat.

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One thought on “Das Wesen des Islams und der Westen. Teil 2: Das Wesen des Westens in seiner Entwicklung 1453 bis 1974

  1. Salahuddin says:

    Der Islam ist Kraft und Gewissheit, kein Glaube und als Lebensordnung des Schöpfers für die Menschheit herabgesandt, die wahre Freiheit, die, wenn sie sich auf ihr Fundament beruft, zu sich in schnelle zurückfindet. Sie befreit die Menschheit vor dem übel des Kapitalismus, der den Menschen an Ketten des Konsums und als Sklave der eigenen Gelüste gelegt hat. Diese werden von Jahrzehnt zu Jahrzehnt durch Übersättigung immer krankhafter. Bei der Aufzählung befürchtete man, dass “Pädophilie ist Freiheit” als nächstes kommt. Bei der zu Grunde gelegten Logik und den Ideen dahinter, wäre es zu erwarten.
    Ich mag ihren Schreibstil auch wenn Ihnen nicht entgangen ist, dass wir ideologisch gesehen bisher auf unterschiedlichen Fundamenten stehen.
    Das Bisher benutze ich nicht nur, weil man nicht wissen kann, was die Zukunft bereit hält, sondern weil sie über das Wesen des Islam erhebliche Defizite und grundlegende Fehlkonzeptionen haben, trotz ihres überdurchschnittlichen Wissensniveaus. Wenn sich dieser Defizit beseitigt, und ein aufrichtiges Herz hinter diesen Worten steckt, kann das wackelige Fundament zerbröseln und die unwiderlegbare Überzeugung mit vorhandener Beweisführung für diesen Anspruch den Platz im Leben eines nachsinnenden Geistes nehmen.

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