Hitlers Marschall Vorwärts

Erwin Rommel im Lichte seiner Filmbiographie von 2012.

“Wir werden fechten, wo wir stehen, keinen Fußbreit Boden ohne Kampf aufgeben. Und wenn wir einen Fußbreit aufgeben, sofort wieder vorstoßen. Und wir sind ja so glücklich, es seit gestern zu wissen, dass unser Generaloberst Rommel …“

Weiter kommt Hitler in seiner Rede zum neunten Jahrestag der „Machtergreifung“ am 30. Januar 1942 im Berliner Sportpalast nicht. Tosender Beifall unterbricht den „Führer“. Der Name des hochdekorierten Truppenführers, der mit seiner Panzerarmee seit einem Dreivierteljahr die britischen Truppen in Nordafrika in Schach hält, reißt die Zuschauer zu Jubelstürmen hin. Rommel ist nicht nur ein General, er ist ein Phänomen, ein Mythos, der NS-Ritter ohne Fehl und Tadel, ein schwäbischer Biedermann in Epauletten und Schirmmütze, mit Pourle- Mérite und Ritterkreuz. Glühende Nationalsozialisten können sich ebenso mit ihm identifizieren wie nüchterne, „unpolitische“ Militärs und heimliche Gegner Hitlers.

Vor allem um Letztere geht es in den vergangenen Jahren immer wieder. Das Verhältnis von Johannes Eugen Erwin Rommel – letzter Dienstgrad Generalfeldmarschall, geboren am 15. November 1891 in Heidenheim an der Brenz, gestorben am 14. Oktober 1944 auf einer Autofahrt bei Herrlingen nahe Ulm – zum deutschen Widerstand gegen Adolf Hitler gehört zu den letzten ungelösten Rätseln des Dritten Reiches. Ein TV‑Dokudrama, das am 1. November im Abendprogramm der ARD ausgestrahlt wird, versucht nun, im 70. Jahr seines Bestehens, die Annäherung an den „Mythos Rommel“.

Es ist ein großer Film, sicherlich auch dank der umsichtigen Beratung durch den renommierten Widerstandsforscher Peter Steinbach, mittlerweile emeritierter Geschichtsprofessor an der Universität Mannheim. Wäre er in Hollywood gedreht worden, käme er in die Kinos, fürs Fernsehen ist er fast zu schade. Die Dialoge sind, von einigen wenigen offenbar unvermeidlichen Fehlerchen im historischen Detail abgesehen, präzise. Mit Geschick bedient man sich cineastischer Anleihen, vor allem aus dem US‑Epos The Longest Day von 1962, das hier quasi am laufenden Band zitiert wird. Johannes Silberschneider spielt Hitler um Längen besser als der geifernde Bruno Ganz in „Der Untergang“, trifft insbesondere dessen oberösterreichischen Tonfall, ohne dabei ständig wie ein Epileptiker schreien zu müssen, während die rassige Aglaia Szyszkowitz, auch eine Österreicherin, eindeutig die bessere Corinna Harfouch ist.

Den Marschall selber, dessen letzte Monate der Film erzählt und der als deutsche Schlüsselfigur des Jahres 1944 inszeniert wird, stellt Ulrich Tukur dar, der sich hierfür extra de Dialekt der Schwäbischen Alb, freilich in seiner bourgeoisen Version, antrainiert hat, und seine biedere, aber nicht unschneidige und vor allem hochaufgeschossene Gymnasialrektorenstatur bildet den Charakter und das Dilemma des Württemberger Mittelstandskindes Rommel tatsächlich ziemlich ideal ab.

An seiner Seite spielt Benjamin Sadler als Stabschef Hans Speidel den intellektuell soignierten Einflüsterer, gleichsam einen guten Mephisto, wie er ihn schon als Spalatin in “Luther” an der Seite des unvergessenen Peter Ustinov spielte. Der Generalleutnant – Spiritus Rector der deutschen Küstenverteidigung und nach dem Krieg Viersternegeneral der Bundeswehr und schließlich Oberbefehlshaber der Nato-Landstreitkräfte – ist der zweite Heldentenor in dieser Besetzung, und auch er ist ein gespaltener Charakter. Seinen unentschlossenen Oberbefehlshaber hält er erst aus der Schusslinie der NS‑Verfolger, nach dem Krieg modelt er ihn zum Widerstandshelden um. Er ist es, der beim Feldmarschall Oberstleutnant Cäsar von Hofacker einschleust, Emissär der Widerstandsgruppe um Stauffenberg in Berlin und nach dem 20. Juli verhaftet, gefoltert und schließlich in Berlin-Plötzensee gehenkt, der Rommel wahrscheinlich über die Attentatsplanungen informiert, ohne ihm allerdings eine eindeutige Stellungnahme gegen Hitler abzuringen. Dabei weiß Rommel inzwischen, dass der Krieg mit Hitler an der Spitze nur verloren werden kann; als deutscher Generalfeldmarschall im Jahr 1944 weiß er mit großer Sicherheit auch, dass im Osten Juden ermordet werden.

Auch wenn er mit dem Letzteren nichts zu tun haben will und es als Truppenführer in Frankreich, Nordafrika und Italien auch nicht musste, so hat er qua Amt mit Ersterem so viel zu tun, dass ihn sein nüchternes Tatsachenwissen um die himmelhohe Überlegenheit der Alliierten und den absehbaren Erfolg der Invasion bald in Opposition zu Hitler bringt. Die legendäre Lagebesprechung mit dem „Führer“ kurz nach der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 verlässt er als von der Hitler- Kamarilla misstrauisch beäugter Querulant. Vom Bombenattentat Stauffenbergs am 20. Juli erfährt er aus dem Radio, nachdem ihn ein Tieffliegerangriff drei Tage zuvor ans Krankenbett geworfen hat. Den Oberbefehl über die Heeresgruppe verliert er Anfang August, und bei den Verhören, die die Gestapo mit den verhafteten Verschwörern anstellt, fällt immer wieder sein Name als der eines möglichen Mitwissers.

Das genügt Hitler. Er schickt ihm die Generäle Burgdorf und Maisel nach Hause, die dem immer noch angeschlagenen Rommel die Giftampulle mit der Versicherung Hitlers überbringen, dass die Öffentlichkeit über die Umstände seines Todes nichts erfahren und er stattdessen, als „seinen Verletzungen erlegen“, ein Staatsbegräbnis erhalten und in das ehrende Gedächtnis Deutschlands als im Kampf tödlich verwundeter Truppenführer eingehen werde. Am 14. Oktober 1944 nimmt sich Rommel im Dienstwagen der beiden Generäle – SS und Polizei haben derweil sein Grundstück umstellt – das Leben. Es folgt der pompöse Staatsakt in Ulm, mit der Hakenkreuzfahne als Bahrtuch, Ordenskissen und Ehrenwachen im Generalsrang mit gezogenem Degen.

Das, was unmittelbar vor Rommels Tod geschah und was bis heute im Unklaren ist, steht im inhaltlichen Zentrum des Filmes. Hier müssen sich Drehbuch und Regie beweisen, und daran, wie sie das tun, werden sich fraglos heftige Kontroversen entzünden. Im Vorfeld, insbesondere aufseiten der Familie Rommel, haben sie das bereits getan. Rommels letzte Filmworte an Frau und Sohn Manfred Rommel – später der langjährige Oberbürgermeister Stuttgarts und, wie Albert Speer junior, trotz seiner Aszendenz eine feste Größe in der deutschen Hautevolée – lauten: Er sei „unschuldig“, er habe „das Attentat abgelehnt“.

Dieses Schlusswort ist ein eklatanter Bruch mit der gesamten Rommel-Tradition seit der ersten amerikanischen Verfilmung von 1951, als James Mason ihn mit straffer Mimik als geläuterten Helden verkörperte, der sich von Hitler klar distanziert hat. Rommel, war das nicht „unser Rommel“, und zwar nicht im Sinne Hitlers, sondern im Sinne der Hitler-Gegner, die ihn als moralisch lernbereiten, auf sein Gewissen hörenden, korrekten Heerführer erlebt haben wollen? Der zwar erst am Ende, aber dann entschieden auf die Seite des Widerstands getreten war und der sich dem ihm offerierten Hochverratsprozess vor dem Volksgerichtshof nur deshalb entzog, weil man ihm für diesen Fall Sippenhaft für Frau und Sohn angedroht hatte?

Der Film spart, was nicht ganz unproblematisch ist, diese letzte Konfrontation mit dem seiner Familie angedrohten Schicksal aus. Aber hat er damit so sehr Unrecht? Sippenhaft, das war nach dem 20. Juli für die Familien der Widerstandskämpfer und ihrer Mitwisser, wie schon für Millionen Namenlose in ganz Europa, ein alltägliches Schicksal. Natürlich steht es den Nachgeborenen nicht zu, als Unbeteiligte eine moralische Haltung in einer solchen Grenzsituation einzufordern. Aber es ist ein legitimer Zugriff auf das Phänomen Rommel, dass man diese Frage zurücktreten lässt hinter die viel drängendere, gewichtigere Frage, ob Rommel anders hätte handeln können, als er gehandelt hat.

Hannah Arendt, die zum konservativen deutschen Widerstand in ihrem „Eichmann“-Buch von 1963 harte, aber kluge Worte fand, hat das Wesen der Moral in einem Satz zusammengefasst, den sie in der Lehre und im Schicksal des Sokrates vorgefunden hatte: dass es besser sei, Böses zu erleiden, als Böses zu tun. Rommel hat, als General des Massenmörders Hitler, der ihm im Westen die Stange halten sollte und auch bis zuletzt hielt, am Bösen zweifellos mitgewirkt, und je näher das Ende rückte, desto klarer muss ihm dies geworden sein. Wie Ernst Udet, der in den Selbstmord getriebene Chef der Luftwaffenrüstung, war auch er „des Teufels General“. Selbst wenn er sich wie auch Udet weniger zuschulden kommen ließ als seine Generalskameraden, die, wie die Möchtegern-Spätpreußen Gerd von Rundstedt und Erich von Manstein, im Osten die Einsatzgruppen der SS morden ließen oder, wie der Musternazi Walter von Reichenau, zu diesem Morden sogar noch anfeuerten, so verschafft ihm das nicht zugleich mildernde Umstände. Im Gegenteil: Von ihm als einem von den „Guten“, diesem chevalier sans peur et sans reproche, der sich an den Verbrechen des Regimes nie beteiligt hat, erwartet man doch gerade volles Engagement, wenigstens ein klares Bekenntnis für den Widerstand und gegen den Teufel, dessen Marschall er zuletzt ohnehin nur mehr sorgenvoll und voller Zweifel spielte. Von wem denn sonst, wenn nicht von ihm?

Von diesem Rommel dachten wir doch alle, er sei letztendlich doch ein Saubermann und Hitler-Gegner gewesen – und die geduldige Lobbyarbeit der konservativen Widerstandsforschung, mit seinen Nachfahren an der Spitze, hat uns darin stets bestärkt. Und nun soll er, als man ihm auf Befehl Hitlers die Giftkapsel überbrachte – sie wirkte in drei Sekunden, der Volksgerichtshof hätte ihn zu einem qualvollen Tod durch den Strang verurteilt – gesagt haben, er sei „unschuldig“ am Attentat? Ein letztes Bekenntnis zum „Führer“, von ihm, dem „Wüstenfuchs“, den Churchill und Montgomery als ritterlichen Gegner respektierten? Der als Sinnbild eines besseren Deutschen in Uniform ins kollektive Gedächtnis eingegangen war?

Man muss einige hermeneutische Volten schlagen, um diese Unterstellung zu begreifen, um sie nicht zu eng, aber auch nicht zu weit auszulegen. Nur wer sich dieser Mühe – es ist eine – unterwirft, geht mit der nötigen Nachdenklichkeit, aber auch dem ebenso nötigen Gefühl der Befreiung aus diesem Film. Der nämlich sorgt mit dem eindringlichen Narrativ von Rommels quecksilbriger Unverbindlichkeit, Unentschlossenheit und Unverantwortlichkeit, seinem typisch deutschen Für-alles- und-nichts-zu-haben-sein für starke Beklemmungen.

Rommel war in seiner Art ein typischer Deutscher des Jahres 1944, ein Bilderbuchrepräsentant der nivellierten Mittelstandsgesellschaft des Nationalsozialismus. Er konnte sich nicht entscheiden. Man darf seinem Schlusswort nicht allzu viel Gewicht beimessen. Letztlich ist es genauso Kolportage wie die Anti-Hitler-Bekenntnisse, die ihm im Zuge der Reinwaschung der Wehrmacht durch die auf die deutsche Wiederbewaffnung lauernden Westalliierten in der Nachkriegszeit in den Mund gelegt wurden. Als Deutungsversuch aber spiegelt es in denkbar knapper Verdichtung das Dilemma der deutschen Gutbürgerlichkeit wider, die sich mit einem Sturz Hitlers zugleich um ihre Privilegien, ihr protestantisches Wohlleben, ihre Beamtenpensionen, Dividenden und Landhäuser betrogen sah; die mit dem Ende des „Führers“ zugleich das Ende ihres spätromantischen Traumes von Ordnung, Macht und Geborgenheit fürchtete und die ihm auch deshalb bis zuletzt, in kümmerlicher innerer Zerknirschung, die Treue hielt.

Wer heute durchs Schwabenland fährt, begegnet einer Welt der scheinbaren Sekurität, einer Welt der Bausparverträge, der abbezahlten Mittelklassewagen und sorgsam gepflegten Vorgärten; einer Welt, in der die Welt noch in Ordnung zu sein scheint, aber eben nur scheint, wie jeder weiß, der diese Provinz von innen kennt. Aus den Vorläufern dieser Welt stammte Erwin Rommel. Die historischen Ereignisse führten ihn ins Epizentrum einer Entwicklung, die mit mephistophelischer Eindringlichkeit Ruhm versprach, alexandrinische Eroberungszüge, Nennungen im Wehrmachtsbericht, das Ritterkreuz mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten. Doch der Preis, um den dieses Versprechen eingelöst wird, ist die Teilnahme am Verbrechen, die Einweihung in düstere Geheimnisse, der Sturz in den Dreck.

Sein Schlussbekenntnis für Hitler und gegen das Attentat hat eine tiefere Schlüsselfunktion. Denn das eigentlich Schlimme an ihm ist nicht, dass es ein Bekenntnis zu Hitler und gegen die Widerständler war, die bis zuletzt um den „Wüstenfuchs“ als Galionsfigur gebuhlt hatten, sondern dass auch dieses letzte Bekenntnis unaufrichtig und falsch war. Das wissen auch die Macher des Filmes, und auf diese Wirkung haben sie dieses letzte Bekenntnis dramaturgisch berechnet. Rommel war weder ein fanatischer Nazi noch ein überzeugter Widerstandskämpfer. Er war moralisch letztlich ein Niemand, ein Nichts. Am Ende weigerte er sich, wie es bei Hannah Arendt heißt, „Person zu sein“, sich wenigstens zu irgendetwas, und sei es zum Bösen, ehrlich zu bekennen. Er, der große, starke Mann, der mit seinen Panzermännern erst die Franzosen und dann die Engländer vor sich her getrieben hatte, entpuppte sich in seiner letzten Seelenhäutung, im Angesicht des Todes, als zu klein für die Titanenaufgabe, die das Schicksal und das Gewissen ihm am Ende einer so steilen Karriere als Abschlussprüfung gestellt hatten. Freilich: damit stand Erwin Rommel nicht allein.

Header: Adolf Hitler und Generalmajor Erwin Rommel, hier Kommandeur der 7. Panzerdivision. Zwischen Mai 1940 und Februar 1941. 

Obiger Text erschien unter dem Titel “Der Held, der keiner war“ mit leichten Textvarianten im Oktober 2012 im Magazin “Cicero”.

Eine Biographie, die Maßstäbe setzt: Gunter Hofmann, Helmut Schmidt

„Keine der zahlreichen Biographien, die bereits über ihn zu Papier gebracht wurden, erfasse ihn ganz, kommentierte Helmut Schmidt [einmal] die Lektüre über ein langes Politikerleben, sein Leben. Wenig allerdings trug er selber dazu bei, aufzuklären, was er vermisste oder worin er sich getroffen fühlte und worin nicht.“

Mit Helmut Schmidt starb die letzte Heroengestalt der alten Bundesrepublik. Einen Tag nach seinem Tod annoncierte der Münchner Beck-Verlag das Erscheinen einer neuen Biographie. Das Vierhundert-Seiten-Opus des ZEIT-Journalisten Gunter Hofmann über die „nationale Weihefigur“ Helmut Schmidt wird Maßstäbe setzen. Mit dem Verstorbenen abgesprochen war die Veröffentlichung nicht, so heißt es, vielmehr sei der Autor schon länger mit der Arbeit beauftragt gewesen. Dass Beck in Schmidts Ableben den denkbar günstigsten Zeitpunkt für den Rollout des Titels sah, ist zwar perfekte PR, aber nicht zwingend pietätlos.

Hofmann schreibt Schmidts Lebensgeschichte nicht als bloßes Storytelling. Er will „Deutungen liefern“ und tut dies schon im Untertitel: „Soldat, Kanzler, Ikone“, durchaus im Sinne Schmidts, der zu Hofmann einmal sagte, seine acht wichtigsten politischen Jahre seien nicht die acht Jahre Kanzlerschaft von 1974 bis 82 gewesen, sondern seine acht Jahre als Soldat und Offizier von 1937 bis 45.

Dass Schmidts Auftritte, so Hofmann, stets „etwas seltsam Altmodisches“ ausgestrahlt hätten, liegt sicher an der intensiven Prägung durch das Erlebnis von Krieg und Diktatur. Dabei war Schmidts Lebenslauf denkbar typisch für das deutsche zwanzigste Jahrhundert: Kind sozialer Aufsteiger, das diesen Aufstieg in NS-Zeit und früher Bundesrepublik fortsetzte, dabei aber immer einen globalen politischen und ideologischen Horizont beibehielt.

In der Sehnsucht nach einem solchen Horizont in der phantasielosen Berliner Republik liegt für Hofmann sicherlich der tiefere Grund für jene „ungewöhnliche Affäre der Deutschen mit Helmut Schmidt“, die ja erst nach seiner Abwahl so richtig begann. Dabei war die Rolle des elder statesman, die der schneidige Hanseat dreißig Jahre lang spielte, sorgsam choreographiert:

 

„Er inszenierte sich und blieb Schmidt. Auf diese Mischung verstand er sich schon als Kanzler. Die Zeit der einfachen Erklärungen, der Übersichtlichkeit, der großen Politiker, der herausragenden Einzelstimmen, ist sie nicht vergangen? Mit Helmut Schmidt schien es noch einmal so, als könne einer alleine – eine Instanz in der Mitte – Ordnung ins Chaos, Vernunft in die Verhältnisse, Maßstäbe in maßstablose Zeiten bringen. […] Als ein Mann aus dem vorigen Jahrhundert erschien er, der in modernen Zeiten noch einmal Halt geben könnte. […]“

 

Schmidts Elemente waren das Heroische und das Sexuelle. Während man aber im Biedermeier der Berliner Republik nicht mehr heroisch sein darf, so durfte man zu Schmidts Zeiten das Sexuelle nicht zeigen. Dass Hofmann, der das Heroisch-Militärische so betont, sich an Schmidts zahlreichen Affären konsequent vorbeidrückt, ist der einzige Makel, den man seinem sehr gelungenen Buch ankreiden muss.

Anders als der Märchenprinz Kennedy wählte Schmidt die Rolle des nüchternen Steuermanns, der seine heroischen Ambitionen nach eigener Auskunft im Winter 1941/42 an der Ostfront aufgegeben hatte. Dass Hofmanns Biographie dennoch, ohne dabei in billige Hagiographie abzugleiten, Schmidts Leben als Heldengeschichte erzählt, ist um so verdienstvoller.

Verdienstvoll ist auch die straffe Gliederung des Buches in nur sechs Kapitel, von denen das vierte, das von Kanzlerschaft und Rücktritt handelt, das weitaus umfangreichste ist. Welche Leistung von Schmidt dauerhaft bleibe außer seiner Monumentalität? Hofmann beantwortet diese Frage, indem er einen Ausspruch von Golo Mann zitiert:

 

„Manchmal eine Art von Vermittlung zwischen beiden Weltmächten, obgleich man den Verdacht hat, dass die beiden Weltmächte einen Vermittler nicht eigentlich brauchen“

 

Diesen Verdacht freilich teilt Hofmann nicht. Für ihn ist es genau diese Vermittlerrolle Schmidts, die ihm weltgeschichtliche Größe verleiht.

Auch heute, ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges, da es um die Stabilität in Innereurasien geht, am Schnittpunkt US-amerikanischer und russischer Interessen mitten im Pulverfass des politischen Islam, wäre solch ein Vermittler, diesen Schluss kann man aus Hofmanns Buch ziehen, im deutschen Kanzleramt nötiger denn je. Und das gleiche gilt für Schmidts Konzept eines maßvollen, aber selbstbewussten Deutschlands.

 

Zum Buch: Guter Hofmann: Helmut Schmidt Soldat, Kanzler, Ikone. München: Beck 2015, 464 Seiten, € 24,95. 

Obiger Text wurde am 20. November 2015 im Format “Die Buchkritik” im SWR2 gesendet. © SWR2/Konstantin Sakkas

Header: Oberst Ulrich Wegener, Einsatzleiter bei der Erstürmung der “Landshut”, meldet Bundeskanzler Schmidt die angetretene GSG 9. Vermutlich Oktober 1977. Quelle: http://www.bundesregierung.de

Mehr Mut zur Deutung, bitte! Michaela und Karl Vocelkas Biographie Kaiser Franz Josephs I.

Bei wenigen historischen Persönlichkeiten driften innere und äußere Bedeutung so weit auseinander wie bei Kaiser Franz Joseph I. von Österreich, dessen Todestag im kommenden Jahr sich zum hundertsten Mal jährt.
Franz Joseph war ein durchschnittlicher Mensch, sein geistiger Horizont begrenzt, seine politische Grundhaltung reaktionär und phantasielos. Dennoch prägte der Mann, der achtundsechzig Jahre lang, vom Revolutionsjahr 1848 bis zum Kriegsjahr 1916, ein Reich von Tirol bis nach Galizien, von Krakau bis nach Bosnien als semiabsolutistischer Herrscher regierte, seine Epoche wie sonst nur Queen Victoria und Kaiser Wilhelm II. Sein politisches und privates Leben hat das österreichische Historikerpaar Michaela und Karl Vocelka nun in der ersten zeitgemäßen wissenschaftlichen Biographie verewigt.

Die große Stärke dieser flüssig lesbaren und reich bebilderten Lebenserzählung ist ohne Frage ihr monumentalischer Charakter. Wir lesen gleichsam einen wissenschaftlich fundierten Kostümschinken. Die großen Linien freilich treten hierbei kaum hervor, ebenso bleibt die intuitive Frage des Lesers, worin denn nun eigentlich Franz Josephs weltgeschichtliche Bedeutung, seine historische Größe im Sinne Jacob Burckhardts bestanden habe, unbeantwortet. Wenn das Buch besticht, dann durch die Darstellung von Fakten, jedoch kaum durch deren Einordnung.

Lob verdienen vor allem die ersten beiden Kapitel, die Kindheit und Jugend des Kaisers und seinen Regierungsantritt im Sturmjahr 1848 schildern. Sie zeigen, wie sehr der „rothosige Leutnant“ ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts, des Absolutismus und des Metternichschen Systems war. Erzogen von seiner dominanten, aber nicht besonders klarsichtigen Mutter Sophie, fand der achtzehnjährige Kaiser eine Welt vor, auf die er nur unzureichend vorbereitet war.

Das zeigt sich insbesondere in den Fünfzigerjahren, in denen Franz Joseph im Innern absolutistisch durchregiert und außenpolitisch das Ordnungssystem der Heiligen Allianz zerstört, indem er sich im Krimkrieg ohne Not auf Seiten der Westmächte schlägt. Seine Schaukelpolitik sät den Samen des österreichisch-russischen Gegensatzes, der sechzig Jahre später zum Ersten Weltkrieg führt, hindert aber Frankreich unter Napoleon III. nicht daran, drei Jahre später die Einigung Italiens mit Soldaten und Geld zu unterstützen und der Donaumonarchie die Lombardei und Venetien zu entreißen.

Die Ehe mit der kindlichen Herzogin Elisabeth in Bayern, die als Sisi unsterblich wird, beschreiben die Autoren so nüchtern und illusionslos, wie sie entgegen allen Romantisierungslegenden war. Gut geraten ist das Kapitel „Seitensprünge“, das die intensive, aber traditionell gern lieber beschwiegene sexuelle Aktivität des Kaisers schildert. Die Wege der beiden Eheleute, die beide mit ihrem Rang und ihrer sozialen Stellung sichtlich überfordert sind, trennen sich früh.

Denn nicht nur Sisi, auch der Kaiser richtet sich ein in einer Parallelwelt aus Zeremoniell und Schreibtischroutine und überlässt wichtige Entscheidungen seinen Ministern, die überwiegend aus dem alten österreichischen und ungarischen Adel stammen und kaum über zeitgemäße Konzepte und Ideen verfügen.

Einen Anflug von Größe zeigt er dort, wo er repräsentiert, das große Ganze darstellt und manchmal auch gegen extreme Standpunkt verteidigt: So weigert er sich in den Neunzigerjahren dreimal, den demokratisch gewählten Wiener Bürgermeister Karl Lueger, einen radikalen Antisemiten und Wegbereiter Hitlers, in seinem Amt zu bestätigen.

Am Beispiel der Julikrise 1914 und der Beteiligung Österreichs am Ersten Weltkrieg versuchen die Vocelkas eine Ehrenrettung Franz Josephs, indem sie dessen Worte aus dem Juli 1916, fünf Monate vor seinem Tod, zitieren:

 

„Es steht schlecht um uns, vielleicht schlechter, als wir ahnen. Die hungernde Bevölkerung des Hinterlandes kann auch nicht mehr weiter. Wir werden sehen, ob und wie wir noch den Winter übertauchen können. Im nächsten Frühjahr mache ich aber unbedingt Schluss mit dem Krieg. Ich will nicht, dass wir ganz und rettungslos zugrunde gehen!“

 

Ingesamt bleibt trotz großen Fleißes das Bild Franz Josephs blass und unbestimmt, was gar nicht einmal an inhaltlichen Mängeln liegt, sondern vor allem an der passiven und schwunglosen Darstellung. Mehr Mut zur Deutung und Wertung hätte man den Autoren zweifellos gewünscht. Freilich: dass sie dies: Deutung und Wertung, respektvoll dem Leser überlassen, kann auch eine Tugend sein.

 

 

Michaela und Karl Vocelka: Franz Joseph I. Kaiser von Österreich und König von Ungarn. München: C. H. Beck 2015, 456 Seiten, 26,95 €.


Header: Trauerkondukt Franz Josephs I. am 30.11.1916, Wien: Kaiser Karl und Kaiserin Zita, an ihrer Hand Kronprinz Erzherzog Otto. 

Bedrohung und Heimat

Bild: Ausblick aus meinem Elternhaus, November 2015.

 

Die französische Fahne, aufgezogen nach den Attentaten von Paris vom vergangenen Samstag, erinnert mich an meine Kindheit: Damals liefen jeden Samstag und Sonntag die Soldaten der US-amerikanischen Garnison, die nur ein paar hundert Meter von uns entfernt und nur wenige Meter vor der südwestlichen Berliner Stadtgrenze, die damals zugleich Staatsgrenze war, lag, durch die Straßen unserer Wohngegend, in Marschordnung, zur Seite den Führer der Teileinheit, und sangen dabei ihre, späterhin aus “Full Metal Jacket” wohlbekannten, Gesänge.

Jeden Abend zur gleichen Zeit ertönte von der Garnison, den McNair Barracks, her die Melodie des “Taps”, des Zapfenstreichs der US-amerikanischen Streitkräfte, die mir so zu einer der vertrautesten Melodien überhaupt geworden. Es war ein unbeschreibliches Gefühl von Welt, von Heimat und Geborgenheit, das hierdurch vermittelt wurde und das in der Erinnerung geblieben ist noch nach fast dreißig Jahren.

Freilich eben nicht das Gefühl, unbedroht zu sein! Im Gegenteil! Erst die Tatsache, dass es da draußen in der Welt Bedrohungen gab, und die Art und Weise, wie diese Bedrohung positiv, nämlich im Modus des Beschütztwerdens, widergespiegelt wurde: erst diese doppelte Bedingtheit, jene durch die Gefahr und jene durch den Schutz, gab mir, gab uns, so behaupte ich, überhaupt erst das Gefühl der Einbettung, des In-der-Welt-seins, das Gefühl, das unbedeutende eigene, kleine Leben stehe in einem merkwürdigen, mystischen Zusammenhang mit der großen Welt, dem großen Leben da draußen, das nur durch die Nachrichten im Fernsehen, die man in ihrem tieferen, historischen Sinn ohnehin kaum begriff,  oder höchstens einmal durch die Gespräche der Eltern in die eigene Lebenswelt drang.

Dass es Amerikaner waren und nicht etwa Russen, die uns beschützten und die da Woche für Woche um unser Haus patrouillierten, die mit ihren Panzern und Lastkraftwagen die Straße vor unserem Haus hinunterdonnerten und die sich mit dem zu Tränen rührenden Signal ihres Zapfenstreiches in mein Herz spielten, war unwesentlich.

Meine Generation wurde noch im Kalten Krieg geboren, aber sie erlebte ihn nicht mehr. Wesentlich war die Tatsache, dass es überhaupt etwas wie einen historischen Kontext gab, in den die eigene Biographie eingebettet war, einen “großen” Überbau, der sich über der Partikularität der eigenen kleinen Existenz wölbte; der  zwar konkrete Gefährdungen bereithalten mochte, an sich aber, als er selbst, die große, weite Affirmation bedeutete, die Bejahung und Bestätigung der Faktizität des eigenen Daseins.

Der Orient ist nicht der Islam. Gedanken zu Navid Kermanis “West-östlichen Erkundungen”

Navid Kermani, der deutsche Gelehrte mit persischen Eltern, verkörpert wie kein Zweiter jenen intellektuellen Islam, der “zu Deutschland gehört” – spätestens, seit er im vergangenen Mai die Rede zum fünfundsechzigjährigen Jubiläum des Grundgesetztes hielt. Nun erschien im Beck-Verlag mit “Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen” eine Anthologie von Essays und Reden – zweifellos ein Dokument großer und klarer Gelehrsamkeit, wie es im öffentlichen deutschen Geistesleben heute immer seltener wird. Auch wenn es in den 16 Reden und Essays, darunter auch die Bundestagesrede, ihren Titeln nach um Literatur und Literaten geht, haben seine Texte immer auch eine ausgesprochen politische Dimension. Sie handeln vom Koran und der Poesie, Shakespeare und dem Menschen, Lessing und dem Terror. In seinem Essay “Kafka und Deutschland”, auf den der Titel der Sammlung anspielt, wird sein Ansatz deutlich: weniger ums Literarische geht es ihm, als ums Biographische als Spiegel genereller geistesgeschichtlicher und sozialpsychologischer Tendenzen.
Bei Kafka ist es das Dilemma der Nationalität in seiner Biographie. Kaum verhohlen identifiziert sich Kermani mit dem deutsch-jüdisch-böhmischen Literaten, den der Erste Weltkrieg wurzellos machte:
“Kafka hatte, wovor man heute Migrantenkinder in Deutschland bewahren möchte: eine ausgesprochen multiple Identität. Als Staatsbürger gehörte er dem Habsburger Reich an, später der Tschechoslowakischen Republik. Für die Tschechen waren Kafka und die gesamte deutschsprachige Minderheit in Prag einfach Deutsche. Unter den Prager Deutschen wiederum galt jemand wie Kafka vor allem als Jude. Nicht einmal Kafka selbst konnte klar sagen, zu welchem Kollektiv er gehörte.”
Die Spannweite von Judentum, Christentum und Islam ist das eine Feld, in dem sich Kermani in seinen Texten bewegt. Das andere ist die Kluft zwischen geistiger Heimat und irdischer Stand- und Weltlosigkeit, die die Erbschaft und die Bürde des Weltbürgers ist. Und da ist er schnell bei Goethe und seiner Zeit, dem inneren Zentrum seiner Texte.
Die Goethezeit ist Kermanis großer Referenzpunkt: geistig, moralisch, und auch politisch, zumindest soweit es um religiöse Toleranz geht. Auch seine Feststellung:
“Das gelehrte Deutschland ist nicht identisch mit dem politischen.”
leitet sich aus der Goethezeit her, bezieht sie aber ebenso auf die Zeit Kafkas oder die Gegenwart. Denn darum geht es Kermani auf fast vierhundert Seiten: die Differenz zwischen geistiger und politischer Existenz – auch und gerade im Islam, der sich heute in Zeiten islamistischen Terrors so sehr wie nie dem Vorwurf ausgesetzt sieht, dass er im Kern eine politische Theologie sei.
Kermani widerspricht dem nicht. Stattdessen beschreibt er den Koran als wesenhaft ästhetisches Phänomen, seinen Offenbarungsinhalt versteht er deskripitiv, nicht normativ. So heißt es in “Der Koran und die Poesie”:
“Im muslimischen Selbstverständnis […] ist die ästhetische Faszination, die vom Koran ausgeht, konstitutiv für die eigene Glaubenstradition. […] Nur im Islam führte die Rationalisierung des ästhetischen Erlebens zu einer eigenen theologisch-poetologischen Doktrin. […] Ich glaube an den Koran, weil seine Sprache zu vollkommen ist, als dass sie von einem Menschen erdichtet worden sein könnte. Man kann das durchaus als einen ästhetischen Gottes- oder Wahrheitsbeweis verstehen. Eine Entsprechung in einem westlichen Kulturkreis lässt sich in der Sphäre der Religion kaum finden.”
Von diesem religiösen Ästhetentum zieht Kermani die Parallele zur deutschen Sattelzeit zwischen Aufklärung und Moderne, zum Idealismus Lessings und Goethes, die beide ein positives, aufgeschlossenes Verhältnis zum Orient, aber auch zum Islam hatten: denn damals schienen Lebenswelt und politische Praxis des Islam noch nicht so sehr voneinander getrennt wie heute.
Hafis und der Diwan, die sinnliche Freude am Schönen und die Schönheit der puren Sinnlichkeit, die ins Pantheistische weist, aber auch die Topoi von Mitleid, Erbarmen und Gnade: nicht zufällig und in nicht bloß einem Text beschwört Kermani Lessings Menschheitsethik und Goethes Weltbürgertum, die den Islam nicht nur mit einschlossen, sondern ihn sogar in ein ausgesprochen positives Licht rückten. Damit will er das Wesen des Islam, wie er ihn sieht, verteidigen, er will aber zugleich Europa und Deutschland an das Band erinnern, das sie mit dem Orient und der orientalischen Kultur verbindet, deren Ab- und manchmal Zerrbild bloß der Islam ist – so in dem Essay “Lessing und der Terror”.
Bezeichnenderweise geht es Kermani in dieser Hermeneutik von Lessings “Nathan” und seinem Toleranzideal nicht um den islamistischen, sondern um den deutschen Terror, um den Nationalsozialistischen Untergrund – der wohl größte deutsche Skandal seit der Wiedervereinigung. Dem NSU ging es ja nicht um Islamismus oder den Nahostkonflikt, sondern um den schlichten, brutalen Hass auf das “Ausländische”, ja: um das Orientalische als Archetyp des Fremden, das vermeintlich nicht in die westliche Welt passt. Und hier entdeckt Kermani Tendenzen, die er im ganz normalen Zivilisationshochmut des Westens wiederfindet, auch und gerade in seinen Toleranz- und Betroffenheitsriten:
“Tatsächlich ist Nathan genauso ein Orientale wie Saladin und hat Lessing einzig den Tempelherrn, also just den Vertreter seiner eigenen, der christlichen Religion, als religiösen Fanatiker dargestellt. Wo Lessing gegen die Intoleranz des Westens anschrieb, wird im heutigen Theater die Toleranz verwestlicht. Träger ist keiner von denen, wie bei Lessing, sondern einer von uns: Nathan der Weiße.”
Freilich ließe sich diese Kulturkritik am Westen ebenso als Kritik am Islamismus lesen, der sich in seinem blutigen Kampf um die Anerkennung seiner Ursprünglichkeit eben von diesem Ursprung immer weiter entfernt, und damit auch von den westlichen Gesellschaften, die vielleicht niemals seit dem Fall von Byzanz “orientalischer” im Sinne Kermanis waren – also toleranter, gelassener, auch bequemer – als nach 1945 beziehungsweise 1990.
Im Wissen um diese Verbindung liegt für Kermani die Chance auf eine Versöhnung von Orient und Okzident auf der Hand. Dass sie heute indessen vital bedroht ist, liegt für ihn daran, dass der Westen um seine geistige Verbindung mit dem Orient viel zu wenig weiß, und dass er die historischen Wurzeln des Nahostkonflikts fundamental verkennt. Denn – darauf weist er in seinem Essay “Hannah Arendt und die Revolution” sehr kenntnisreich hin – der Nahostkonflikt ist wesentlich ein Phänomen des Postkolonialismus und der nicht bewältigten Vergangenheit des Orients unter westlicher Mandatsherrschaft seit dem Ersten Weltkrieg. Nicht so sehr der Gegensatz zwischen Israel – ein uraltes orientalisches Land – und seinen arabischen Nachbarn, als der zwischen dem islamischen Orient im Ganzen und dem Westen, durch den jener sich politisch verraten und wirtschaftlich ausgebeutet fühlt, ist für ihn Keimzelle der Gewalt im nahen Osten. Darauf gelte es zu reagieren.
“Was die arabischen Völker jetzt am dringendsten benötigen, ist nicht die Aufklärung über ihre Rechte, es ist ein handfester Beitrag zum Abbau der Massenarmut.”
So versteht sich Kermanis Buch als ein Appell an den Westen, sich auf seine orientalischen Wurzeln zu besinnen und entsprechend zu handeln. Von diesem, geistigen und historischen, Standpunkt aus allein, so sein Plädoyer, kann die politische Krise, die zum Weltenbrand zu werden droht, gelöst werden – nicht vom religiösen aus, dessen der politische Furor in seiner Wut und Hoffnungslosigkeit sich je nur bedient.
Der Text wurde am 15.9.2014 im SWR2, “Buch der Woche”, gesendet. 


Header: Eine kurdische Soldatin zerstört eine öffentliche Bekanntmachung des “Islamischen Staates” über die Vollverschleierung von Frauen. Nordostsyrien, November 2015. Quelle: Twitter. 

Die Schlacht an der Somme

Am 1. Juli 1916 begannen die Briten unter ihrem Oberbefehlshaber, dem späteren Feldmarschall Douglas Haig, eine große Entlastungsoffensive an der Somme. Sie wurde zur blutigsten Schlacht an der Westfront im Ersten Weltkrieg.

Seit Februar tobte die Schlacht um Verdun. Die Franzosen hatten dort bereits zahlreiche wichtige Stellungen aufgeben müssen und brauchten dringend Hilfe. Ende Juni begannen die Briten ein siebentägiges Bombardement an dem Fluss Somme nordwestlich von Verdun, um die deutschen Stellungen sturmreif zu schießen. Die britische Führung wollte so erreichen, dass ihre Infanteristen am Tag des Angriffs das Niemandsland „nur mit dem Spazierstock bewaffnet“ würden überqueren können. Entscheidender Nachteil dieses Dauerfeuers war allerdings, dass es den Deutschen den Ort des bevorstehenden Angriffs verriet.
Im Vorfeld des Angriffs wurden auch erstmals in diesem Krieg gigantische Sprengungen vorgenommen. In monatelanger Arbeit hatten britische Pioniere die deutsche Stellung „Schwabenhöhe“ bei dem Weiler La Boisselle unterminiert und Sprengstoff im Umfang von 27 Tonnen angebracht. Am 1. Juli um 7 Uhr 28 brachten sie die Höhe zur Explosion. Erdbrocken und Trümmerteile wurden einen Kilometer und höher in die Luft geschleudert, es gab Hunderte von Toten. Der Knall der Explosion war so laut, dass er noch in London zu hören gewesen sein soll. Die Briten gaben dem entstandenen Krater den Namen „Lochnagar-Krater“, in Anlehnung an die schottischen Regimenter, die hier lagen.
Zwei Minuten später traten dann 120.000 britische Soldaten zum Sturm auf die deutschen Stellungen an. Sie wurden sofort von heftigem MG-Feuer empfangen. Entgegen der Annahme der englischen Führung waren die deutschen Gräben nämlich zwar stark beschädigt, aber dennoch intakt geblieben. Es kam zu einem furchtbaren Blutbad: 20.000 britische Soldaten starben an diesem Tag, allein achttausend in der ersten halben Stunde. Es war der verlustreichste Tag in der britischen Militärgeschichte.
Besonders schlimm traf es die „Ulster Division“, in der nordirische Soldaten dem Vereinigten Königreich dienten. Bis heute gilt für sie der 1. Juli 1916 als Opfergang für Großbritannien. Um halb acht Uhr morgens griffen sie bei dem Dörfchen Thiepval an und stießen auf den fanatischen Widerstand württembergischer Truppen. Captain Wilfred Spencer, der dem Divisionsstab angehörte, sagte nach der Schlacht in einem Interview:
„Die Ulster Division hat mehr als die Hälfte ihrer Männer beim Angriff verloren und sich dadurch für das Empire geopfert, das sie nicht immer gut behandelt hat. Ihre Hingabe, die zweifelsohne das Ihre zum Vormarsch an den anderen Abschnitten beitrug, hat den Dank des ganzen Britischen Empire verdient. Diesen braven Jungs ist es zu verdanken, wenn ihre geliebte Heimat gut behandelt wird.“
Aus der Entlastungsoffensive wurde schnell ein eigener Kampfplatz, der bis dahin ungekannte Mengen an Menschen und Material verschlang. Bis in den November hinein rangen Deutsche und Briten, unterstützt von der 6. Französischen Armee unter General Fayolle, und verwandelten die idyllische Landschaft in eine Trichterwüste. Den britischen Hauptstoß führte die 4. Armee unter General Henry Rawlinson. Haig, der Oberbefehlshaber, versteifte sich so wie auf deutscher Seite ein halbes Jahr zuvor Falkenhayn auf eine Strategie der „Abnutzung“ und des „Weißblutens“. Tatsächlich kam dabei aber, wie der britische Militärhistoriker Basil Lidell Hart, der selber an der Schlacht teilnahm, später festhielt, nur „dummes, massenweises gegenseitiges Abschlachten“ heraus. Nirgends trat die geistige Unbeweglichkeit von im 19. Jahrhundert sozialisierten Truppenführern angesichts der Dimensionen des modernen Materialkrieges deutlicher zutage wie an der Somme.
Ernst Jünger, der an der Schlacht als Leutnant teilnahm, beschreibt die schreckliche Wirkung des Artilleriefeuers in seinem Buch „In Stahlgewittern“:
„Der Hohlweg erschien nur noch als eine Reihe riesiger, mit Uniformstücken, Waffen und toten gefüllter Trichter; das umliegende Gelände war, soweit der Blick reichte, völlig von schweren Granaten umgewälzt. Nicht ein einziger armseliger Grashalm zeigte sich dem suchenden Blick. Der zerwühlte Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die toten. Beim Ausgraben von Deckungslöchern bemerkten wir, dass sie in Lagen übereinandergeschichtet waren. Eine Kompanie nach der anderen war, dicht gedrängt im Trommelfeuer ausharrend, niedergemäht, dann waren die Leichen durch die von Geschossen hochgeschleuderten Erdmassen verschüttet worden, und die Ablösung war an den Platz der Gefallenen getreten.“
Einen weiteren Einschnitt in dieser Schlacht stellte der erstmalige Einsatz von Panzern dar. Am 15. September griffen die Engländer mit 32 „Tanks“ bei Flers nahe der Stadt Bapaume an. Der Name war bewusst gewählt, um den Gegner über den wahren Zweck der neuartigen, gepanzerten Fahrzeuge irrezuführen. Tatsächlich war die Verwirrung unter den Deutschen groß, entscheidende Wirkung konnte die Panzerwaffe aber noch nicht erzielen, zudem verspielten die Engländer durch den beschränkten Einsatz das Überraschungsmoment. Die Hauptlast des Angriffs lag nach wie vor bei der Infanterie, das Nahziel der alliierten Offensive, die Einnahme von Bapaume, wurde nicht erreicht. Auch bei Verdun wurde die deutsche Linie gehalten. Am 18. November wurde die Offensive eingestellt.
Die Schlacht an der Somme war neben Verdun die blutigste des ganzen Krieges. Gemessen an ihrer Dauer war sie die verlustreichste. Haig wurde zwar Anfang 1917 zum Feldmarschall befördert, doch der Ruf als „Schlächter von der Somme“, der einem veralteten Schlachtplan Hunderttausende Soldaten blind opferte, blieb an ihm haften. Der Historiker Jörn Leonhard schreibt:
„Nach der Somme-Schlacht war das Missverhältnis zwischen Raumgewinn und Opferzahlen unübersehbar. In etwa 150 Tagen hatten die deutschen Truppen auf 35 Kilometern Frontbreite etwa zehn Kilometer Gelände eingebüßt. Mit dem Rückzug auf die stark befestigte Siegfried-Linie Anfang 1917 konnten sie aber die Front insgesamt stabilisieren. Die Briten und die Empire-Truppen verloren insgesamt 420.000 Mann, die Franzosen 204.000 Mann, insgesamt hatten die Alliierten 146.000 Tote oder Vermisste zu beklagen. Dem standen 465.000 Mann deutsche Verluste gegenüber, darunter 164.000 Tote und Vermisste.“
Der Text erschien in: Ralf Georg Reuth, Im großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München: Piper 2014. © Konstantin Sakkas

Header: Die Schlacht an der Somme ist, wie der I. Weltkrieg insgesamt, bis heute fester Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses in der englischsprachigen Welt insbesondere natürlich im Vereinigten Königreich selbst. Im Bild die “eingefrorene” Schlussszene der letzten Staffel der BBC-Sitcom “Blackadder”, “Goodbyeee”, von 1989 mit den beiden späteren Weltstars Hugh Laurie und Rowan Atkinson (2. und 3. v.l.)

Der Zusammenbruch Österreich-Ungarns im I. Weltkrieg 

Der Weltkrieg war auf österreichischem Territorium ausgebrochen. Österreich verlangte nach Rache an Serbien, Deutschland leistete ihm dabei bereitwillig Hilfe. Erst dadurch wurde der Krieg ein Weltkrieg. Doch Österreich war von Anfang an Deutschlands Juniorpartner, der k. u. k.-Kriegsschauplatz ein ständiges Zuschussgeschäft für das deutsche Heer.
Die österreichisch-ungarische Monarchie selber geriet durch den Krieg in die schwerste Krise seit ihrem Bestehen. Das Heer war rüstungstechnisch auf den Krieg nicht vorbereitet, die Kampfmoral der Truppe war miserabel. Generale und Offiziere waren in der Regel Deutsche oder Ungarn, die Mannschaften aber entstammten zum erheblichen Teil der armen slawischen Landbevölkerung des Vielvölkerreiches. Sie strebten nach Unabhängigkeit und eigenen Nationalstaaten. Die oftmals erniedrigende Behandlung durch ihre Vorgesetzten steigerte noch diesen Wunsch. Immer wieder gingen ganze Truppenteile mit slawischer Mehrheit geschlossen zu den Russen über oder verweigerten zumindest den Gehorsam.

Im Kampf erlitt die k. u. k. Armee fast durchweg Niederlagen. Sowohl gegen Serbien als auch gegen Rumänien und insbesondere Russland rettete sie jeweils erst das Eingreifen der Deutschen vor einer Katastrophe. Zudem verübten österreichische Einheiten vor allem in Galizien und auf dem Balkan schwere Kriegsverbrechen. Nur gegen Italien konnten die Alpentruppen, darunter besonders die legendären Kaiserjäger, Erfolge erzielen. Am Grenzfluss Isonzo im heutigen Slowenien wurde seit 1915 unaufhörlich gekämpft. In der zwölften und letzten Isonzoschlacht bei Karfreit/Caporetto im Oktober 1917 wurden die Italiener tatsächlich entscheidend geschlagen, wobei sich ein junger deutscher Kompanieführer namens Erwin Rommel den Pour-le-Mérite erwearb. Die Österreicher stießen bis zum Piave nach.

Dort endete allerdings ihr Siegeszug. Mit Unterstützung der Engländer und Amerikaner stabilisierten die Italiener ihre Front und konnten so später bei den Pariser Friedensverträgen nach den drei Westmächten als vierte große Siegermacht auftreten. 

In Österreich-Ungarn, dessen Kriegswirtschaft ohne deutsche Hilfsleistungen nicht überlebensfähig war, wuchs derweil die Unzufriedenheit, Soldaten und Zivilbevölkerung litten Armut und Hunger. Der Separatismus blühte und die Völker der Monarchie planten bereits für die Zeit nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches, so die drei südslawischen Nationen in der Deklaration von Korfu im Juli 1917. 

Um dieser Entwicklung vorzubeugen, erließ Kaiser Karl I., der im November 1916 dem greisen Franz Joseph I. auf dem Thron gefolgt war, am 16. Oktober 1918 sein „Völkermanifest“. Er versprach darin insbesondere den Slawen eine begrenzte politische Autonomie. Doch sein Ruf verhallte ungehört. Am 29. Oktober 1918 wurde der südslawische SHS-Staat, bestehend aus Serbien, Kroatien und Slowenien, ausgerufen. Am 31. erklärte die amtierende ungarische Regierung das Ausscheiden Ungarns aus dem Reichsverband mit Österreich. Das Habsburgerreich in seiner seit dem 16. Jahrhundert bestehenden Ausdehnung hatte aufgehört zu existieren.

Kurz darauf wurde die österreichische Armee in der dritten Piaveschlacht bei Vittorio Veneto von den Italienern geschlagen. Das Armeeoberkommando musste den Waffenstillstand von Villa Giusti unterzeichnen. Am 11. November, dem Tag des deutschen Waffenstillstands im Westen, erklärte Kaiser Karl schließlich seinen Thronverzicht und verließ das Land. Eine formelle Abdankung war es allerdings nicht: diese hielt er, darin bestärkt von seiner Gattin Zita, für unvereinbar mit dem Gedanken des Gottesgnadentums. Doch die über sechshundertjährige Herrschaft der Dynastie über die österreichischen Erblande war vorbei. 

In Österreich brach die Revolution aus. Am 12. November riefen die Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung Franz Dinghofer und Karl Seitz vor dem Parlamentsgebäude in Wien die “Republik Deutschösterreich” aus. Im Land kam es zu tiefgreifenden Reformen. Der Adel wurde abgeschafft. Aus dem „Oberhaus Europas“ mit seinen strengen Standesschranken wurde unter dem neuen Staatskanzler, dem Sozialdemokraten Karl Renner, eine Republik. Die neue territoriale Ordnung aber wurde von den Siegermächten in den Verträgen von Saint-Germain-en-Laye (September 1919) und Trianon (Juni 1920) festgelegt: Das Königreich Böhmen ging in der Tschechoslowakei auf, Ungarn wurde selbständig, allerdings in weitaus engeren Grenzen als vorher, Siebenbürgen ging an Rumänien, die Balkanländer, darunter auch Bosnien-Herzegowina, gingen im Königreich Jugoslawien unter serbischer Führung auf, Tirol und Istrien fielen an Italien, das weißrussische Galizien teils an Polen, teils an die spätere Sowjetunion. Dem Reststaat Österreich selber wurde die Bezeichnung „Deutschösterreich“ sowie der Anschluss an das Deutsche Reich verboten, obwohl er von den demokratisch gewählten Regierungen beider Länder beschlossen worden war.

Mit Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich gingen jene Vielvölkerimperien unter, die sich in den vorangegangenen tausend Jahren in Südosteuropa auf dem Gebiet des alten byzantinischen Reiches etabliert hatten. An ihrer Stelle  entstanden nun Nationalstaaten, in denen freilich Spannungen zwischen ethnischer Majorität und Minoritäten vorprogrammiert waren. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das der amerikanische Präsident Woodrow Wilson vor dem Ende des Weltkrieges in seinem Vierzehn-Punkte-Plan so emphatisch beschworen hatte, unterlag letztlich der Auslegung und Anwendung durch die Sieger.
Header: Thronvezichtserklärung Kaiser Karls I., 11.11.1918 (oben). Ausrufung der Republik Deutschösterreich vor dem Parlamentsgebäude in Wien, 12.11.1918 (unten). Quelle: Wikimedia Commons
Der Text erschien in: Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München 2014. © Konstantin Sakkas

R.I.P. Helmut Schmidt

Helmut Schmidt ist tot. Im neuesten Buch meines Freundes Alexander von Schönburg, “Smalltalk”, findet sich der vielleicht schönste Nachruf, den der Alte von Blankenese sich hätte wünschen können:
“In der Flut von Interviews, Reportagen und Dokus, die über Schmidt gesendet werden, seit ich einen Fernseher besitze, und die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so konstant gut ankommen wie sonst nur Fußballländerspiele, Guido-Knopp-TV und Florian Silbereisen, gibt es eine einzige Szene, in der er uns kurz hinter die eisgraue Fassade des bundesrepublikanischen Übermenschen blicken lässt. Es ist eine Episode aus der Schlussphase des Krieges, in der sein Kommandierender General den jungen Oberleutnant Schmidt kriegsrechtswidrig – die Fronten sind zusammengebrochen, jeder Mann wird gebraucht – auf Urlaub von Bremen nach Ostdeutschland fahren lässt, um gemeinsam mit seiner Frau Loki den nur wenige Monate alten Sohn zu bestatten, der an einer Hirnhautentzündung gestorben war. Die ihn auch in dieser Sendung interviewende Sandra Maischberger versäumte als gute Journalistin natürlich nicht, den Altkanzler zu fragen, wie er sich damals denn «gefühlt» habe. Schmidts Antwort: «Ich habe nicht die Absicht, darüber zu sprechen.»”

(Alexander von Schönburg: Smalltalk. Die Kunst des stilvollen Mitredens. Reinbek 2014, S. 207 f.)
Header: Helmut und Loki Schmidt. Hochzeitsfoto, 1942.

Der Wettlauf zum Meer und die Schlacht bei Langemarck

Die Marneschlacht war gescheitert. Die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) unter ihrem neuen Chef General Erich v. Falkenhayn setzte nun alles daran, die Franzosen im Norden zu umgehen und sie zugleich von den heraneilenden britischen Interventionstruppen (BEF=British Expedition Forces) abzuschneiden, die vom Ärmelkanal aus den Franzosen zur Hilfe kamen. Zugleich galt es, die belgische Armee niederzuwerfen. Vom 14. September bis zum 19. Oktober vollzog sich zwischen dem Fluss Aisne nordöstlich von Paris und der belgischen Nordseeküste das, was als „Wettlauf zum Meer“ in die Geschichtsbücher einging.

Es begann mit der Schlacht an der Aisne, nordöstlich der Marne. Die frisch eingetroffenen Briten unter ihrem Oberbefehlshaber General French wollten die deutschen Linien in einem schnellen Vorstoß durchbrechen, scheiterten aber damit. Die Deutschen reagierten, indem sie ihre Verbände nach Norden warfen, um so den Gegner einzukreisen und nach Süden zu drücken. Doch auch dieses Manöver war erfolglos. So verschoben sich die beiden Frontlinien in dem Versuch, einander gegenseitig zu umgehen, immer mehr nach Norden, erst durch Nordostfrankreich, dann über belgisches Territorium: Arras, La Bassée, Ypern, und schließlich Ostende und Zeebrügge. Über fast 200 Kilometer hinweg lagen sich die Gegner hier parallel gegenüber, manchmal keine hundert Meter voneinander entfernt.

Im Rahmen dieser Bewegung gelang es den Deutschen bis Mitte Oktober, erst Lille, dann das im Hinterland gelegene Antwerpen einzunehmen, beides wichtige Knotenpunkte. Am 15. Oktober kapitulierte die Küstenstadt Ostende. Dies bedeutete das Ende eines nennenswerten Widerstandes der belgischen Streitkräfte gegen die deutschen Invasoren. Die Kämpfe verlegten sich nunmehr direkt an die Nordseeküste. An der Mündung des Flusses Yser entbrannten im Oktober heftige Gefechte zwischen Engländern und Deutschen. Die erste Flandernschlacht begann.
Hier spielten sich am 10. November 1914 auch die Kämpfe bei Langemarck ab. Soldaten des XXIII. Reservekorps sowie des XV. Armeekorps, unter ihnen vorwiegend Gymnasiasten und Studenten, die sich freiwillig gemeldet hatten, rückten westlich des Ortes, der im Umkreis der hart umkämpften Stadt Ypern lag, unter Absingen des Deutschlandliedes gegen die Franzosen vor und erlitten dabei schwere Verluste. Der verantwortliche Kommandiere General, Berthold v. Deimling, erhielt für diese Aktion den wenig schmeichelhaften Beinamen „Schlächter von Ypern“, der Angriff selber brachte keinen nennenswerten Geländegewinn.
Dennoch wurde Langemarck schnell zum nationalen Mythos stilisiert. Die Oberste Heeresleitung meldete:

„Westlich Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesange ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie. Etwa 2.000 Mann französischer Linieninfanterie wurden gefangengenommen und sechs Maschinengewehre erbeutet.“
In der Weimarer Zeit, noch mehr im Nationalsozialismus verklärte man den Opfergang von Langemarck zum nationalen Mythos. Tatsächlich aber war der Angriff bei Langemarck aus deutscher Sicht militärisch und moralisch wenig sinnvoll. Vergessen werden darf aber nicht, dass Dasselbe für ähnliche Aktionen auf alliierter Seite galt. Langemarck fand gleichwohl Eingang ins kollektive Gedächtnis der Deutschen, auch jenseits der Glorifizierung vor 1945. So finden die Kämpfe auch in dem berühmten Antikriegsbuch „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque Erwähnung.

Flandern aber, also der nördliche Teil Belgiens, wurde nun für die kommenden eineinhalb Jahre zum Hauptaustragungsort der Kampfhandlungen im Westen. Daran wird auch deutlich, wie zentral die Rolle der britischen Intervention auf französischer Seite für den Verlauf des Krieges war: Denn erst durch das Eingreifen der Engländer wurde der Schwerpunkt der Kämpfe nach Norden verlegt. Nach dem Scheitern des Schlieffenplans und dem Rückzug auf Marne und Aisne war es nun Ziel der Deutschen, Calais in Besitz zu nehmen und dort die britische Nachschublinie zu durchtrennen.
Zugleich markiert die Erste Flandernschlacht den Übergang vom Bewegungskrieg zum Stellungskrieg. Die Truppenführer erkannten, dass sie den Gegner operativ nicht überflügeln konnten, und verlegten sich stur darauf, Vorstöße der Gegenseite mit schwerem Artillerie- und Maschinengewehrfeuer abzufangen und dann ihrerseits vorzugehen, in der Hoffnung, dann einen erschöpften Gegner vorzufinden, der weniger Widerstand leisten würde.
Das aber erwies sich als Trugschluss. Die Zeit des Stellungskrieges, des schrecklichen, aufreibenden Lebens in den Gräben und Unterständen begann.

Header: Fritz Grotemeyer, Soldaten der Infanterie ziehen singend in die Schlacht bei Langemarck am 10. November 1914 (nach 1914). © Preußischer Kulturbesitz

Obiger Text erschien in: Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (München 2014). © Konstantin Sakkas

Novemberevolution und Waffenstillstand in Deutschland 1918

 Am 9. November 1918 trat der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Philipp Scheidemann auf den Balkon des Reichstages und verkündete der wartenden Menschenmenge: „Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen, es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik.”Bis dahin war es ein weiter Weg. Das Deutsche Reich von 1871 war zwar eine konstitutionelle Monarchie, doch in den einzelnen Bundesstaaten, die hauptsächlich die Staatsgewalt ausübten, wurden die Parlamente überwiegend nach einem Zensuswahlrecht gewählt, das die besitzlosen Schichten benachteiligte. In Preußen war dies das Dreiklassenwahlrecht, das der König in der oktroyierten Verfassungscharta von 1850 den männlichen Untertanen gewährt hatte.  Auch die Reichsleitung, bestehend aus dem Reichskanzler und den Staatssekretären als Ressortchefs, war dem Kaiser, nicht dem Reichstag verantwortlich. Im Ersten Weltkrieg, der anders als die drei Bismarckschen Kabinettskriege 1864, 1866 und 1870/71 als “Volkskrieg” unter totaler Mobilisierung aller menschlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Ressourcen geführt wurde, wurde der Ruf nach politischer Mitsprache und nach parlamentarischer Verantwortlichkeit der Regierung unüberhörbar. Nach der Niederlage des mit dem Deutschen Reich verbündeten Königreichs Bulgarien in der Schlacht bei Dobro Polje und dem Durchbruch der alliierten Orientarmee bei Saloniki Ende September 1918, als General Ludendorff mit einem Mal Hals über Kopf die Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen forderte, konnte sich auch Kaiser Wilhelm II. diesem Ruf nicht mehr entziehen. Unter dem neuen Reichskanzler, dem liberalen Prinzen Max von Baden, kam es zu den „Oktoberreformen“. Erstmals wurden auch Abgeordnete aus Zentrum und SPD in die Reichsleitung berufen. Seit dem 28. Oktober schließlich war das Reich eine parlamentarische Monarchie.

Doch bereits vier Tage zuvor hatte der Chef der Marineleitung, Admiral v. Hipper, ohne Rücksprache mit der Regierung an die deutsche Hochseeflotte den Befehl zu einer letzten Entscheidungsschlacht herausgegeben. Seit der Skagerrak-Schlacht 1916 hatte der Großteil der Flotte untätig vor Anker gelegen. Nach dem Zusammenbruch der Salonikifront und dem alliierten Durchbruch an der Westfront bei Amiens wollte man in einem letzten Kraftakt dem Krieg doch noch eine siegreiche Wendung geben. Die deutschen Matrosen hatten sich allerdings schon auf einen baldigen Friedensschluss eingestellt und wollten sich nicht mehr in einer sinnlosen Seeschlacht verheizen lassen. Es kam zum Matrosenaufstand in Kiel und Wilhelmshaven. Soldaten verweigerten ihren Offizieren den Gehorsam und rissen ihnen die Schulterstücke herunter. Arbeiter- und Soldatenräte übernahmen die zivile und militärische Macht. Kaum ein Truppenteil wurde mehr als kaisertreu eingestuft, nicht einmal mehr die traditionsreichen Garderegimenter.

Schnell breitete sich die Revolte von der Küste ins ganze Land aus. Alle politischen Kräfte erkannten, dass die Herrschaft des Kaisers nicht mehr zu retten war. Sowohl die Oberste Heeresleitung unter Feldmarschall von Hindenburg und General Groener, der an die Stelle Ludendorffs als Erster Generalquartiermeister getreten war, als auch die Führung der Sozialdemokraten drängten Wilhelm II., entweder den Tod an der Front zu suchen, oder aber abzudanken und das Land zu verlassen. Damit wollte man eine kommunistische Revolution nach russischem Vorbild verhindern. Während Wilhelm sich noch sträubte, gab Reichskanzler Prinz Max am 9. November eigenmächtig folgenden Erlass heraus: „Seine Majestät der Kaiser und König haben sich entschlossen, dem Throne zu entsagen.“ In allen deutschen Teilstaaten wurden die Könige, Großherzöge Herzöge und Fürsten gestürzt. Aus der Matrosenrevolte war die Novemberrevolution geworden. Der Kaiser verließ das Große Hauptquartier im belgischen Spa und ging ins Exil in die neutralen Niederlande. Von dort aus erklärte er am 28. November formell seine Abdankung. Kronprinz Wilhelm verzichtete auf seine Thronfolgerechte.

Die Angst von Prinz Max und der SPD-Führung vor einem kommunistischen Umsturz – dies zeigten die weiteren Ereignisse am 9. November – war nicht unberechtigt. Schon 1917 hatte sich die SPD in einen gemäßigten Mehrheitsflügel unter Friedrich Ebert und Scheidemann (MSPD) und einen radikalen unabhängigen Flügel (USPD) unter Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gespalten. Kurz nach Scheidemanns Auftritt proklamierte Liebknecht vom Balkon des Stadtschlosses aus vor einer Menschenmenge im Lustgarten die „sozialistische deutsche Republik“ nach dem Vorbild der russischen Bolschewiken. Dennoch konnten sich MSPD und USPD auf einen vorläufigen Kompromiss einigen. Je drei ihrer Vertreter bildeten den „Rat der Volksbeauftragten“, der die Regierungsgeschäfte übernahm. Max von Baden, dem der Kaiser und seine Anhänger die eigenmächtige Abdankungserklärung äußert verübelten, trat noch am Abend zurück und übergab das Kanzleramt an Ebert.

Zwei Tage später, am 11. November, unterzeichnete eine deutsche Delegation unter Leitung des Zentrumspolitikers Matthias Erzberger bei Compiègne im Salonwagen des französischen Oberbefehlshabers Marschall Foch unter großem Druck den Waffenstillstand. Aufgrund der verzweifelten Lage des deutschen Heeres und der Tatsache, dass kein Soldat mehr weiterkämpfen würde, nahm die deutsche Abordnung alle alliierten Bedingungen an: Räumung der französischen und belgischen Gebiete, Internierung der deutschen Flotte, Einziehung von schweren Waffen und Flugzeugen, Besetzung des linken Rheinufers durch Frankreich, Lieferung von Reparationen, sofortige Annullierung des im März mit Russland geschlossenen Friedens von Brest-Litowsk. Der Krieg war vorbei, Deutschland eine Republik.
Header: Philipp Scheidemann ruft am 9. November 1918 in Berlin die deutsche Republik aus (links). Am Tag darauf: Kaiser Wilhelm II. und sein Gefolge auf dem Bahnsteig von Ejisden an der belgischen Grenze kurz vor dem Übertritt auf niederländischen Boden (rechts). Quelle: ZDF/Wikimedia Commons. 


Der Text erschien 2014 in: Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (München 2014).  © Konstantin Sakkas