Islam, Literatur, Rezension

Der Orient ist nicht der Islam. Gedanken zu Navid Kermanis “West-östlichen Erkundungen”

Navid Kermani, der deutsche Gelehrte mit persischen Eltern, verkörpert wie kein Zweiter jenen intellektuellen Islam, der “zu Deutschland gehört” – spätestens, seit er im vergangenen Mai die Rede zum fünfundsechzigjährigen Jubiläum des Grundgesetztes hielt. Nun erschien im Beck-Verlag mit “Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen” eine Anthologie von Essays und Reden – zweifellos ein Dokument großer und klarer Gelehrsamkeit, wie es im öffentlichen deutschen Geistesleben heute immer seltener wird. Auch wenn es in den 16 Reden und Essays, darunter auch die Bundestagesrede, ihren Titeln nach um Literatur und Literaten geht, haben seine Texte immer auch eine ausgesprochen politische Dimension. Sie handeln vom Koran und der Poesie, Shakespeare und dem Menschen, Lessing und dem Terror. In seinem Essay “Kafka und Deutschland”, auf den der Titel der Sammlung anspielt, wird sein Ansatz deutlich: weniger ums Literarische geht es ihm, als ums Biographische als Spiegel genereller geistesgeschichtlicher und sozialpsychologischer Tendenzen.
Bei Kafka ist es das Dilemma der Nationalität in seiner Biographie. Kaum verhohlen identifiziert sich Kermani mit dem deutsch-jüdisch-böhmischen Literaten, den der Erste Weltkrieg wurzellos machte:
“Kafka hatte, wovor man heute Migrantenkinder in Deutschland bewahren möchte: eine ausgesprochen multiple Identität. Als Staatsbürger gehörte er dem Habsburger Reich an, später der Tschechoslowakischen Republik. Für die Tschechen waren Kafka und die gesamte deutschsprachige Minderheit in Prag einfach Deutsche. Unter den Prager Deutschen wiederum galt jemand wie Kafka vor allem als Jude. Nicht einmal Kafka selbst konnte klar sagen, zu welchem Kollektiv er gehörte.”
Die Spannweite von Judentum, Christentum und Islam ist das eine Feld, in dem sich Kermani in seinen Texten bewegt. Das andere ist die Kluft zwischen geistiger Heimat und irdischer Stand- und Weltlosigkeit, die die Erbschaft und die Bürde des Weltbürgers ist. Und da ist er schnell bei Goethe und seiner Zeit, dem inneren Zentrum seiner Texte.
Die Goethezeit ist Kermanis großer Referenzpunkt: geistig, moralisch, und auch politisch, zumindest soweit es um religiöse Toleranz geht. Auch seine Feststellung:
“Das gelehrte Deutschland ist nicht identisch mit dem politischen.”
leitet sich aus der Goethezeit her, bezieht sie aber ebenso auf die Zeit Kafkas oder die Gegenwart. Denn darum geht es Kermani auf fast vierhundert Seiten: die Differenz zwischen geistiger und politischer Existenz – auch und gerade im Islam, der sich heute in Zeiten islamistischen Terrors so sehr wie nie dem Vorwurf ausgesetzt sieht, dass er im Kern eine politische Theologie sei.
Kermani widerspricht dem nicht. Stattdessen beschreibt er den Koran als wesenhaft ästhetisches Phänomen, seinen Offenbarungsinhalt versteht er deskripitiv, nicht normativ. So heißt es in “Der Koran und die Poesie”:
“Im muslimischen Selbstverständnis […] ist die ästhetische Faszination, die vom Koran ausgeht, konstitutiv für die eigene Glaubenstradition. […] Nur im Islam führte die Rationalisierung des ästhetischen Erlebens zu einer eigenen theologisch-poetologischen Doktrin. […] Ich glaube an den Koran, weil seine Sprache zu vollkommen ist, als dass sie von einem Menschen erdichtet worden sein könnte. Man kann das durchaus als einen ästhetischen Gottes- oder Wahrheitsbeweis verstehen. Eine Entsprechung in einem westlichen Kulturkreis lässt sich in der Sphäre der Religion kaum finden.”
Von diesem religiösen Ästhetentum zieht Kermani die Parallele zur deutschen Sattelzeit zwischen Aufklärung und Moderne, zum Idealismus Lessings und Goethes, die beide ein positives, aufgeschlossenes Verhältnis zum Orient, aber auch zum Islam hatten: denn damals schienen Lebenswelt und politische Praxis des Islam noch nicht so sehr voneinander getrennt wie heute.
Hafis und der Diwan, die sinnliche Freude am Schönen und die Schönheit der puren Sinnlichkeit, die ins Pantheistische weist, aber auch die Topoi von Mitleid, Erbarmen und Gnade: nicht zufällig und in nicht bloß einem Text beschwört Kermani Lessings Menschheitsethik und Goethes Weltbürgertum, die den Islam nicht nur mit einschlossen, sondern ihn sogar in ein ausgesprochen positives Licht rückten. Damit will er das Wesen des Islam, wie er ihn sieht, verteidigen, er will aber zugleich Europa und Deutschland an das Band erinnern, das sie mit dem Orient und der orientalischen Kultur verbindet, deren Ab- und manchmal Zerrbild bloß der Islam ist – so in dem Essay “Lessing und der Terror”.
Bezeichnenderweise geht es Kermani in dieser Hermeneutik von Lessings “Nathan” und seinem Toleranzideal nicht um den islamistischen, sondern um den deutschen Terror, um den Nationalsozialistischen Untergrund – der wohl größte deutsche Skandal seit der Wiedervereinigung. Dem NSU ging es ja nicht um Islamismus oder den Nahostkonflikt, sondern um den schlichten, brutalen Hass auf das “Ausländische”, ja: um das Orientalische als Archetyp des Fremden, das vermeintlich nicht in die westliche Welt passt. Und hier entdeckt Kermani Tendenzen, die er im ganz normalen Zivilisationshochmut des Westens wiederfindet, auch und gerade in seinen Toleranz- und Betroffenheitsriten:
“Tatsächlich ist Nathan genauso ein Orientale wie Saladin und hat Lessing einzig den Tempelherrn, also just den Vertreter seiner eigenen, der christlichen Religion, als religiösen Fanatiker dargestellt. Wo Lessing gegen die Intoleranz des Westens anschrieb, wird im heutigen Theater die Toleranz verwestlicht. Träger ist keiner von denen, wie bei Lessing, sondern einer von uns: Nathan der Weiße.”
Freilich ließe sich diese Kulturkritik am Westen ebenso als Kritik am Islamismus lesen, der sich in seinem blutigen Kampf um die Anerkennung seiner Ursprünglichkeit eben von diesem Ursprung immer weiter entfernt, und damit auch von den westlichen Gesellschaften, die vielleicht niemals seit dem Fall von Byzanz “orientalischer” im Sinne Kermanis waren – also toleranter, gelassener, auch bequemer – als nach 1945 beziehungsweise 1990.
Im Wissen um diese Verbindung liegt für Kermani die Chance auf eine Versöhnung von Orient und Okzident auf der Hand. Dass sie heute indessen vital bedroht ist, liegt für ihn daran, dass der Westen um seine geistige Verbindung mit dem Orient viel zu wenig weiß, und dass er die historischen Wurzeln des Nahostkonflikts fundamental verkennt. Denn – darauf weist er in seinem Essay “Hannah Arendt und die Revolution” sehr kenntnisreich hin – der Nahostkonflikt ist wesentlich ein Phänomen des Postkolonialismus und der nicht bewältigten Vergangenheit des Orients unter westlicher Mandatsherrschaft seit dem Ersten Weltkrieg. Nicht so sehr der Gegensatz zwischen Israel – ein uraltes orientalisches Land – und seinen arabischen Nachbarn, als der zwischen dem islamischen Orient im Ganzen und dem Westen, durch den jener sich politisch verraten und wirtschaftlich ausgebeutet fühlt, ist für ihn Keimzelle der Gewalt im nahen Osten. Darauf gelte es zu reagieren.
“Was die arabischen Völker jetzt am dringendsten benötigen, ist nicht die Aufklärung über ihre Rechte, es ist ein handfester Beitrag zum Abbau der Massenarmut.”
So versteht sich Kermanis Buch als ein Appell an den Westen, sich auf seine orientalischen Wurzeln zu besinnen und entsprechend zu handeln. Von diesem, geistigen und historischen, Standpunkt aus allein, so sein Plädoyer, kann die politische Krise, die zum Weltenbrand zu werden droht, gelöst werden – nicht vom religiösen aus, dessen der politische Furor in seiner Wut und Hoffnungslosigkeit sich je nur bedient.
Der Text wurde am 15.9.2014 im SWR2, “Buch der Woche”, gesendet. 


Header: Eine kurdische Soldatin zerstört eine öffentliche Bekanntmachung des “Islamischen Staates” über die Vollverschleierung von Frauen. Nordostsyrien, November 2015. Quelle: Twitter. 

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One thought on “Der Orient ist nicht der Islam. Gedanken zu Navid Kermanis “West-östlichen Erkundungen”

  1. Welcher orientalischer Wurzeln soll sich der Westen erinnern? Was wären den die 2,3 – 5 orientalischen Wurzeln?

    Die akademischen Tradition der alten Geisteszentren, ohne deren Arbeit uns die griechische Kultur nicht überliefert wäre?
    Der Monotheismus im Gegensatz zu der griechischen Göttervielfalt.

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