Literatur, Rezension

Eine Biographie, die Maßstäbe setzt: Gunter Hofmann, Helmut Schmidt

„Keine der zahlreichen Biographien, die bereits über ihn zu Papier gebracht wurden, erfasse ihn ganz, kommentierte Helmut Schmidt [einmal] die Lektüre über ein langes Politikerleben, sein Leben. Wenig allerdings trug er selber dazu bei, aufzuklären, was er vermisste oder worin er sich getroffen fühlte und worin nicht.“

Mit Helmut Schmidt starb die letzte Heroengestalt der alten Bundesrepublik. Einen Tag nach seinem Tod annoncierte der Münchner Beck-Verlag das Erscheinen einer neuen Biographie. Das Vierhundert-Seiten-Opus des ZEIT-Journalisten Gunter Hofmann über die „nationale Weihefigur“ Helmut Schmidt wird Maßstäbe setzen. Mit dem Verstorbenen abgesprochen war die Veröffentlichung nicht, so heißt es, vielmehr sei der Autor schon länger mit der Arbeit beauftragt gewesen. Dass Beck in Schmidts Ableben den denkbar günstigsten Zeitpunkt für den Rollout des Titels sah, ist zwar perfekte PR, aber nicht zwingend pietätlos.

Hofmann schreibt Schmidts Lebensgeschichte nicht als bloßes Storytelling. Er will „Deutungen liefern“ und tut dies schon im Untertitel: „Soldat, Kanzler, Ikone“, durchaus im Sinne Schmidts, der zu Hofmann einmal sagte, seine acht wichtigsten politischen Jahre seien nicht die acht Jahre Kanzlerschaft von 1974 bis 82 gewesen, sondern seine acht Jahre als Soldat und Offizier von 1937 bis 45.

Dass Schmidts Auftritte, so Hofmann, stets „etwas seltsam Altmodisches“ ausgestrahlt hätten, liegt sicher an der intensiven Prägung durch das Erlebnis von Krieg und Diktatur. Dabei war Schmidts Lebenslauf denkbar typisch für das deutsche zwanzigste Jahrhundert: Kind sozialer Aufsteiger, das diesen Aufstieg in NS-Zeit und früher Bundesrepublik fortsetzte, dabei aber immer einen globalen politischen und ideologischen Horizont beibehielt.

In der Sehnsucht nach einem solchen Horizont in der phantasielosen Berliner Republik liegt für Hofmann sicherlich der tiefere Grund für jene „ungewöhnliche Affäre der Deutschen mit Helmut Schmidt“, die ja erst nach seiner Abwahl so richtig begann. Dabei war die Rolle des elder statesman, die der schneidige Hanseat dreißig Jahre lang spielte, sorgsam choreographiert:

 

„Er inszenierte sich und blieb Schmidt. Auf diese Mischung verstand er sich schon als Kanzler. Die Zeit der einfachen Erklärungen, der Übersichtlichkeit, der großen Politiker, der herausragenden Einzelstimmen, ist sie nicht vergangen? Mit Helmut Schmidt schien es noch einmal so, als könne einer alleine – eine Instanz in der Mitte – Ordnung ins Chaos, Vernunft in die Verhältnisse, Maßstäbe in maßstablose Zeiten bringen. […] Als ein Mann aus dem vorigen Jahrhundert erschien er, der in modernen Zeiten noch einmal Halt geben könnte. […]“

 

Schmidts Elemente waren das Heroische und das Sexuelle. Während man aber im Biedermeier der Berliner Republik nicht mehr heroisch sein darf, so durfte man zu Schmidts Zeiten das Sexuelle nicht zeigen. Dass Hofmann, der das Heroisch-Militärische so betont, sich an Schmidts zahlreichen Affären konsequent vorbeidrückt, ist der einzige Makel, den man seinem sehr gelungenen Buch ankreiden muss.

Anders als der Märchenprinz Kennedy wählte Schmidt die Rolle des nüchternen Steuermanns, der seine heroischen Ambitionen nach eigener Auskunft im Winter 1941/42 an der Ostfront aufgegeben hatte. Dass Hofmanns Biographie dennoch, ohne dabei in billige Hagiographie abzugleiten, Schmidts Leben als Heldengeschichte erzählt, ist um so verdienstvoller.

Verdienstvoll ist auch die straffe Gliederung des Buches in nur sechs Kapitel, von denen das vierte, das von Kanzlerschaft und Rücktritt handelt, das weitaus umfangreichste ist. Welche Leistung von Schmidt dauerhaft bleibe außer seiner Monumentalität? Hofmann beantwortet diese Frage, indem er einen Ausspruch von Golo Mann zitiert:

 

„Manchmal eine Art von Vermittlung zwischen beiden Weltmächten, obgleich man den Verdacht hat, dass die beiden Weltmächte einen Vermittler nicht eigentlich brauchen“

 

Diesen Verdacht freilich teilt Hofmann nicht. Für ihn ist es genau diese Vermittlerrolle Schmidts, die ihm weltgeschichtliche Größe verleiht.

Auch heute, ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges, da es um die Stabilität in Innereurasien geht, am Schnittpunkt US-amerikanischer und russischer Interessen mitten im Pulverfass des politischen Islam, wäre solch ein Vermittler, diesen Schluss kann man aus Hofmanns Buch ziehen, im deutschen Kanzleramt nötiger denn je. Und das gleiche gilt für Schmidts Konzept eines maßvollen, aber selbstbewussten Deutschlands.

 

Zum Buch: Guter Hofmann: Helmut Schmidt Soldat, Kanzler, Ikone. München: Beck 2015, 464 Seiten, € 24,95. 

Obiger Text wurde am 20. November 2015 im Format “Die Buchkritik” im SWR2 gesendet. © SWR2/Konstantin Sakkas

Header: Oberst Ulrich Wegener, Einsatzleiter bei der Erstürmung der “Landshut”, meldet Bundeskanzler Schmidt die angetretene GSG 9. Vermutlich Oktober 1977. Quelle: http://www.bundesregierung.de

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