Die große Umwälzung. Friedrich der Große und die Epochenscheide 1763

Zum Ausklang des Geburtstages von Fridericus nach dem eher biografischen Beitrag gestern nun ein Text, der seinen universalgeschichtlichen Standort beleuchtet. Erschienen in Die Drei, Oktober 2013

misterdarcysblog

Ein Vierteljahrtausend liegt zwischen dem Ende des Siebenjährigen Krieges im Jahr 1763 und heute. In diesen 250 Jahren hat sich die Welt weiter entwickelt als jemals zuvor

In unserer jubiläenfrohen Zeit hat ein Datum erstaunlich wenig Beachtung gefunden: der Friede von Hubertusburg, mit dem vor zweihundertfünfzig Jahren, im Jahr 1763, der Siebenjährige Krieg zu ende ging. Damals endete nicht nur der Selbstbehauptungskampf Preußens und seines großen Königs; damals endete auch nicht nur die Auseinandersetzung zwischen England und Frankreich um die Vorherrschaft in den Kolonien und auf den Weltmeeren: nein, damals ging eine Epoche zu ende, damals begann ein neuer Zeitabschnitt, in dessen Schatten wir heute immer noch stehen. In diesem Vierteljahrtausend zwischen 1763 und 2013 hat sich die Welt radikaler verändert als in allen Jahrhunderten zuvor. In diesem Vierteljahrtausend werden die Grundlagen des modernen Staatensystems gelegt, die Grundlagen der modernen Wirtschaft, die Grundlagen unseres Denkens, unserer Moral, unserer Religion. Das…

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Europas verlorener Sohn. Das Schicksal Friedrichs des Großen

Zum morgigen Geburtstag des großen Königs gibt es eine Wiederveröffentlichung eines meiner besten Texte. Hier in der ungekürzten Fassung (eine gekürzte beziehungsweise verhunzte erschien Dezember 2011 im Cicero).

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Eine politische Geschichte ist immer auch eine Lebensgeschichte. Doch kein politisches Schicksal war so sehr vom persönlichen bestimmt wie das König Friedrichs II. von Preußen. Das wussten schon die Zeitgenossen, und der bekannte Vierzeiler, den die Flugblätter bei seinem Tod, am 17. August 1786, als Nachruf druckten, sagt eigentlich schon alles Wesentliche über diesen merkwürdigsten unter allen großen Monarchen der europäischen Neuzeit aus:

„Es sagen, Friedrich zu erhöhn,

Geschichte und Nachruhm viel zu wenig.

Von allen Menschen kann man hier den größten König,

Von allen Königen den größten Menschen sehn.“[1]

Der Nachwelt, unserer heutigen abgeklärten zumal, mögen diese Verse als einfältige Hagiographie erscheinen; beim genauen Lesen aber entbirgt sich gerade in ihnen das Geheimnis, das Friedrich bis heute umgibt und das schon Goethe zu der nachdenklichen Feststellung brachte, es sei „was Einziges um diesen Menschen“[2]: Denn Friedrich, ohne Zweifel einer der schärfsten und klügsten Geister seiner Epoche…

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Das Dritte Reich und die Drogen

Norman Ohler: Der totale Rausch

Norman Ohlers Buch über Drogen im Dritten Reich als Meisterwerk zu bezeichnen, ist keine Übertreibung. Sicher ist das Wissen um den Drogenkonsum in Wehrmacht und NS-Führungsclique längst kein Geheimwissen mehr; sicher ist der Siegeszug, den der Chrystal-Meth-Vorläufers Pervitin bei Usern wie Heinrich Böll oder Hitler selbst erlebte, mittlerweile gemeinhin bekannt. Aber ein umfassendes Werk, das fundiert und dabei ausgesprochen literarisch geschrieben (was ein Kompliment ist) die Rolle, die Rauschmittel im und für den Nationalsozialismus spielten, quantitativ und qualitativ bewertet, gab es bislang in deutscher Sprache noch nicht. Ohler, Jahrgang 1970 und bisher als Belletrist hervorgetreten, hat nun das einschlägige Referenzwerk hierzu geschaffen und damit ein wahrhaftes Desiderat befriedigt – volle siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur. Man sieht daran, wie sehr und wie lange Deutschland von dieser ganz speziellen Banalität dieses, seines Bösen nichts wissen wollte.

Ohler schreibt schneidig und elegant, nicht reißerisch und platt. Das verdient Erwähnung, denn klassische Geschichtsliteratur in Deutschland leidet traditionell an einem bräsigen, bemüht unspektakulären Stil, scheut den großen Bogen und liebt die Langeweile aus Angst, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Ohler lehnt sich aus dem Fenster – aber er fällt nicht heraus

Ohler lehnt sich aus dem Fenster, aber er fällt nicht aus ihm heraus. Seine faktizitären Erkenntnisse sind sauber recherchiert, belegt durch Archivfunde, die er seinem Text immer wieder im Faksimile anheftet; wo es sich aber um Behauptungen und Hypothesen handelt, da macht er dies auch kenntlich. Nur ein unaufmerksamer Leser – dergleichen soll es freilich geben – könnte dem Autor vorwerfen, er verkaufe pure Behauptungen als fraglos gesicherte Erkenntnisse.

Etwa anhand der Frage, ob und in welchem Maße Hitler 1944 und 45 vom Schmerzmittel Eukodal abhängig war, einem Heroin-Vorläufer, den Dr. Theo Morell, des Diktators vierschrötiger Leibarzt, immer wieder explizit verordnete, während er sich sonst, so Ohlers These, möglicherweise unter der ominösen Chiffre X verborgen habe, die sich seit Mitte des Krieges beinahe täglich in Morells minutiös geführtem Medikationstagebuch findet. Bis heute ist nicht ganz geklärt, in welchem Ausmaß Hitler dem Eukodal zusprach. Dass er aber mit der Droge, ebenso wie mit Kokain, vertraut war (womit übrigens auch der Mythos vom Abstinenzler Hitler flagrant widerlegt wäre), ist historisch sicher:

Kokain und Eukodal – die Führermischung, der Cocktail in Hitlers Blut, mutierte in diesen Wochen zum klassischen Speedball: Die sedierende Wirkung des Opioids glich der aufputschende Effekt des Kokains wieder aus. Enorme Euphorie und bis in die letzte Körperfaser empfundene Hochgefühle werden als Wirkung dieses pharmakologischen Zweifrontenangriffs beschrieben, bei dem zwei potente, sich biochemisch entgegenstehende Moleküle um die Vormachtstellung im Körper kämpfen.

Dr. Theo Morell war von 1936 bis April 1945 offizieller Leibarzt Hitlers und vermochte sich in dieser Stellung unentbehrlich zu machen. Parallel zu seiner Tätigkeit in der Entourage des Führers etablierte er sich als Pharmaunternehmer, sammelte Dotationen, Titel und Ehrenränge, darunter – natürlich – die Professur ehrenhalber. Seine Eigenschaft als Arzt verschaffte ihm unbeschränkten und vor allem täglichen Zugang zu Hitler – ein Privileg, in dessen Genuss selbst hohe und höchste politische Funktionsträger im Dritten Reich mit seinem notorischen Kompetenzchaos umso weniger mehr kamen, je länger der Krieg dauerte, von Goebbels und Bormann vielleicht abgesehen.

Unumstritten war Morells Position dabei zu keiner Zeit. Vor allem aus den Reihen der SS, vom “Reichsärzteführer” und SS-General Leonardo Conti bis zu Reichsführer Himmler höchstselbst, warf man dem promovierten Mediziner Morell, der sich früh auf die Verschreibung alternativer Präparate verlegte, immer wieder Quacksalbertum vor. Nach Kriegsende fand die Ansicht Verbreitung, Morell sei für Hitlers schlechten Gesundheitszustand verantwortlich gewesen und habe ihn überhaupt erst drogenabhängig gemacht – eine Meinung, die sich bis heute hält.

Diese geistig, moralisch und nervlich durch und durch defizitären Charaktere bedurften ständig der künstlichen Aufputschung, um sich bei Kräften und den von ihnen angezettelten Terror am Laufen zu halten

Ohler kehrt den Spieß um. Er fragt vielmehr danach, wie viele Anteile am Phänomen Hitler seinem politischen Charakter und wie viele seinem Drogenkonsum zuzuschreiben seien, und kommt zu dem Schluss, das Genie des Nationalsozialismus, um ein Wort Joachim Fests abzuwandeln, sei weder Vision, noch Kraft, sondern schlicht ein ungezügelter Drogenkonsum gewesen, der das in ihm angelegte Schlechte noch schlechter werden ließ. Damit freilich will er Hitler und seiner Helfer nicht von ihrer Verantwortung entlasten. Nein, Ohler will zeigen, wie primitiv diese Männer waren, wie wenig weit ihr Atem tatsächlich reichte, so wenig, dass diese geistig, moralisch und nervlich durch und durch defizitären Charaktere ständig der künstlichen Aufputschung bedurften, um sich bei Kräften und den von ihnen angezettelten Terror am Laufen zu halten.

Ohler geht weit zurück, bis auf Friedrich Sertürner, der im Jahr 1804 – Napoleon Bonaparte hatte sich gerade zum Kaiser proklamieren lassen, Europa steckte lebensweltlich noch tief im Mittelalter – in einer Offizin im frisch mediatisierten Hochstift Paderborn das Morphium entdeckte – ausgerechnet ein Deutscher, ausgerechnet ein Zeitgenosse Goethes, des Schöpfers des Homunculus, des ewig vom Rausch, vom Übernatürlichen in der Natur Faszinierten.

Der verspäteten Nation Deutschland fehlten mit eigenen Kolonien Tabak und Tee – Ersatz schufen Morphium und Pervitin

Deutschland, die verspätete Nation, kam auch als Kolonialmacht zu spät – Opium, Kaffee, Tabak und Tee bezogen Briten und Franzosen aus ihren Kolonien, während die Deutschen sie teuer einkaufen mussten, und nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurde die Genussmittel- und Rauschgift-Nachschublage für sie vollends katastrophal. Wie in so vielen Bereichen der Volkswirtschaft, hieß auch hier das Zauberwort: Ersatz.

Das Volk der Dichter und Denker, das längst eines der Ingenieure und Pharmazeuten geworden, kompensierte, wie so oft, sein geopolitisches Defizit durch Erfindergeist. Die Berliner Temmler-Werke patentierten im Oktober 1937 Methamphetamin, das unter dem Handelsnamen Pervitin zur deutschen Volksdroge werden sollte. Bis 1941 rezeptfrei, wurde das pillenförmige Präparat zum beliebten Aufputschmittel, gleichermaßen beliebt und konsumiert an der Heimatfront und in der Hauptkampflinie.

Treibende Kraft bei der militärischen Nutzbarmachung der Droge war der Militärarzt Otto Friedrich Ranke, der, ebenfalls im Jahr 1937, zum Leiter des Instituts für Wehrphysiologie an der Militärärztlichen Akademie in Berlin bestellt wurde. Unter der griffigen Oberzeile “Vom Graubrot zum Hirnfood”, die ihm in der traditionell besser durchlüfteten angloamerikanischen Historikerzunft einen Ruf als großartiger Stilist verdienen würde, beschreibt Ohler Rankes Impetus in drastischen Sätzen:

Als führender Wehrphysiologe des Dritten Reiches kannte Ranke einen Hauptfeind, und das waren nicht die Russen im Osten und auch nicht die Franzosen im Westen. Der Gegner, den er zur Strecke bringen wollte, hieß Müdigkeit.

Insgesamt 35 Millionen Dosierungen Pervitin wurden allein während des Frankreichfeldzuges 1940 von Ranke für die Wehrmacht bestellt. Der Fliegeroffizier Johannes Steinhoff, der nach dem Krieg als Inspekteur der Luftwaffe unter Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt berühmt wurde, schildert, wie sich Kampfpiloten im Einsatz aufputschten:

In der Knietasche steckt ein handlanger Leinenstreifen mit einem Zellophanüberzug, unter dem fünf oder sechs milchweiße Tabletten haften, groß wie Schokoladenriegel. Pervitin steht auf dem Streifen. Tabletten gegen Müdigkeit […] Ich öffne die Tasche und reiße erst zwei, dann drei dieser Plättchen von der Unterlage, nehme kurz die Atemmaske vom Gesicht und beginne, die Tabletten zu zerkauen. Sie schmecken abscheulich bitter und sind mehlig, aber zum Nachspülen habe ich nichts.

Leistungssteigerung und Weltflucht

Leistungssteigerung und – Weltflucht – beide Aspekte sind gestern wie heute drogensoziologisch nicht voneinander zu trennen. Das gilt auch für Deutschland, dessen politische Geschichte seit der wilhelminischen Zeit bis zum Untergang 1945 sich affekthistorisch als Wechselbad der Gefühle beschreiben ließe. Die gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen trending lines der Weimarer Zeit erlebten, wie auf so vielen Feldern, auch in puncto Drogenkonsum eine Kontinuität im Nationalsozialismus, mochte der sich auch nach außen steiflippig-abstinenzlerisch geben und Kokain und Morphium als “jüdische Infektion” des ach so natur- und jugendbewegten deutschen Volkskörpers brandmarken. Die politische Geschichte Deutschlands zwischen 1918 und 1945 kann, dies die Quintessenz, die man aus Ohlers Buch guten Gewissens ziehen kann, nicht gedacht noch geschrieben werden ohne eine Kultursoziologie des Drogenkonsums in dieser Zeit.

Die ersten Handreichungen dazu liefern uns die schreibenden und reimenden Zeitgenossen selbst, allen voran Fritz v. Ostini mit seinem heute fast vergessenen, aber damals enorm populären “Neuen Berliner Kommerslied” von 1919. Es erhält in the nutshell alles, was man vulgäranthroplogisch über den state of mind der Deutschen, der “rechten” wie der “linken”, in der Zwischenkriegszeit wissen muss:

Einst ward uns durch den Alkohol,
Das süße Ungeheuer,
Zu Zeiten kannibalisch wohl –
Doch jetzt kommt das zu teuer.
Und wir Berliner greifen drum
Zu Kokain und Morphium –
Mag’s donnern draußen und blitzen,
Wir schnupfen und wir spritzen!

Den Sekt, der so verlockend schäumt,
Genießt nur mehr der Schieber
Und auch vom edlen Rheinwein träumt
Ein Andrer nur im Fieber;
Das Bier, das ist so dünn und leer,
Mit dem bekneipt sich keiner mehr –
Drum, wenn uns Sorgen zupfen,
Wir spritzen und wir schnupfen!

Der Ober bringt im Restaurang
Das Kokadöschen gerne,
Dann lebt man ein paar Stunden lang
Auf einem besseren Sterne;
Das Morphium wirkt (subkutan)
Gar prompt auf das Zentralorgan,
Die Geister zu erhitzen –
Wir schnupfen und wir spritzen!

Die Mittelchen sind zwar verwehrt
Durch das Gesetz von oben,
Doch das was man offiziell entbehrt,
Wird heutzutag geschoben.
So kommt man leicht zur Euphorie –
Und wenn uns wie das liebe Vieh
Die bösen Feinde rupfen –
Wir spritzen und wir schnupfen!

Und spritzt man sich ins Irrenhaus
Und schnupft man sich zu Tode –
Du lieber Gott, was macht das aus
In dieser Weltperiode!
Ein Narrenhaus ist ohnedies
Europa und in’s Paradies
Mag einer gern heut schlupfen
Durch Spritzen und durch Schnupfen!

Rommel, der “Chrystal-Fuchs”

General Rommel, der sich als Kommandeur der 7. Panzerdivision im Frankreichfeldzug den Ruf eines tollkühnen Draufgängers erarbeitete, der mit seiner Truppe unglaubliche Tagesdistancen überwand, wird bei Ohler zum “Chrystal-Fuchs”. Ernst Udet, Flieger-Ass des Ersten Weltkriegs, aber als Generalluftzeugmeister im Reichsluftfahrtministerium heillos überfordert mit der Koordination der deutschen Luftrüstung und unsterblich geworden in der allzu anheimelnden Verschlüsselung als Genral Harras in Zuckmayers “Des Teufels General”, war nicht nur schwerer Alkoholiker, sondern, so Ohler, auch schwer methamphetaminabhängig – freilich eine Neben- bzw. Folgeabhängigkeit, die bei vielen berufstätigen Alkoholikern vorkommt. Und Udets Oberbefehlshaber Hermann Göring verfiel nach dem Morphium, dem klassischen Schmerz- und Betäubungsmittel der Frontkämpfergeneration, dem Kokain, und Ohler schildert in amüsanten Zitaten, wie sich der dicke Reichsmarschall in seiner weißen Uniform mithilfe des ebenso weißen Pulvers durch manch ermüdende Besprechung in seinem wuchtigen Ministeriumsbau, heute Sitz des Bundesfinanzministeriums, kämpfte:

Mitunter war auch das Gesicht des mächtigen Ministers geschminkt, die Fingernägel waren rot lackiert. Häufig kam es bei Besprechungen vor, dass Göring, wenn der Opiatgehalt seines Blutes gesunken war, sich derart derangiert fühlte, dass er abrupt und ohne ein erklärendes Wort den Saal verließ und erst ein paar Minuten später wiederkehrte – in deutlich frischerer Verfassung.

Methamphetamin und Kokain, die Lieblingsdrogen der Jobholder- und Fungesellschaft von heute, waren auch erprobte und beliebte Aufputschmittel des ersten und des letzten Aufgebots in Wehrmacht und Waffen-SS. Die Besatzungen der Kleinst-U-Boote, mit denen Großadmiral Dönitz 1944/45 die Wende im längst verlorenen Atlantikkrieg herbeizwingen wollte, wurden mit einem speziell für sie entwickelten Mix aus Kokain und Methamphetamin ausgestattet.

Drogenerprobung im KZ und Vernichtung durch Arbeit

Getestet wurde das Medikament im berüchtigten Schuhläuferkommando im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg, nördlich von Berlin. Kein Geringerer als Vizeadmiral Hellmuth Heye, nachmals CDU-Abgeordneter und Wehrbeauftragter im Deutschen Bundestag, war verantwortlich für die Erprobung des Drogencocktails in einem der schlimmsten Strafkommandos im nationalsozialistischen KZ-System, in dem Tag für Tag zwanzig oder auch mehr stark unterernährte Häftlinge, gepäckbeladen, in frischem, uneingelaufenem Schuhwerk auf schwer gangbarem, “naturechtem” Untergrund marschierend, zu Tode geschunden wurden, wenn sie nicht vorher unter der unmenschlichen Last zusammenbrachen, woraufhin sie der Schäferhund, den der brutale Aufsichtsführende, ein Beamter des Reichswirtschaftsministeriums, dann auf sie hetzte, zerriss.

Dass die KZ-Insassen zugleich als Versuchskaninchen für hochdosiertes Rauschgift missbraucht wurden, dürfte so noch der harmloseste Teil ihrer Tortur gewesen sein:

Vom 17. bis 20. November 1944 mietete die Marine […] das Schuhläuferkommando an. Am ersten Abend um Punkt halb neun erhielten die Häftlinge von Marinearzt Richert ihre hoch dosierten Drogen: die enorm große Menge von fünfzig bis einhundert Milligram reines Kokain in Pillenform, zwanzig Milligram im Kaugummi oder zwanzig Milligram Pervitin, ebenso als Kaugummi (die etwa siebenfache Dosierung einer herkömmlichen Temmler-Tablette).

Drogenerprobung und Vernichtung durch Arbeit: auch dieses Kapitel lässt Ohler nicht aus, im Gegenteil. Bei allem Potenzial zum Sensationismus, den der Stoff (sic) haben mag, hat man nie, oder nur ganz selten, das Gefühl bei der Lektüre, einen SPIEGEL-Artikel zu lesen. Dafür ist Ohler zu sehr Profi. Und es ist eben kein Argument gegen den Ernst seines Anspruches und seiner Darstellung, wenn er die Haltungen und Handlungen, die kriminellen wie die wunderlichen, zu denen ihr Konsum die decision-makers des Dritten Reiches trieb, immer wieder mit teils fantastisch anmutenden, aber korrekt belegten Anekdoten illustriert:

Am Abend des 6. Juni [1944, K.S.] glaubte Hitler immer noch nicht, dass die Invasion an der Nordatlantikküste tatsächlich stattfand, sondern begnügte sich mit der Vorstellung, dies sei nur ein Scheinangriff […] Doch das traf nicht zu. Wahrhaftig waren die Alliierten gegen Mitternacht auf einer Frontbreite von 50 Kilometern eingebrochen und hatten die Deutschen komplett überrumpelt. Die Westfront war damit eröffnet. Militärisch hatte das Deutsche Reich nun keinerlei Aussichten mehr. Doch gab es da etwas, das Hitler dieser Tage freudig stimmte: Goebbels hatte endlich mit dem Rauchen aufgehört.

 

Auch die Terrorwelle, die nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli desselben Jahres über das Reich schwappte, und sogar den Entschluss zur Ardennenoffensive, technisch und logistisch a priori ein aussichtsloses Unterfangen, führt Ohler auf Hitlers gesteigerten Konsum von Pervitin und Eukodal in diesem Abschnitt des Krieges zurück. Mit großem, fast erheiterndem Realismus und, wenn wir die Wochenschau- und Privataufnahmen von Hitler, die wir im Kopf haben, damit vergleichen, durchaus historisch glaubwürdig illustriert Ohler, wie wir uns den “Führer auf Crack” vorstellen können:

Was die künstlichen Paradiese anging‚ schöpfte der Diktator in diesem letzten Herbst des Krieges und seines Lebens aus dem Vollen. Wenn Patient A in der Lagebesprechung seinen pharmakologisch kreierten Olymp durchschritt, den Hacken dabei zuerst aufsetzte, die Knie durchdrückte, mit der Zunge schnalzte und mit den Händen schlenkerte, kristallklar denken zu können glaubte und sich die Welt so  zurechtlegte‚ wie es sich für sein Führer-High geziemte, war es für die von der bedruckenden Frontsituation mehr als ernüchterten Generäle unmöglich, zu ihm durchzudringen. Die Medikamentierung hielt den Oberbefehlshaber stabil in seinem Wahn, errichtete einen uneinnehmbaren Wall, eine lückenlose Verteidigung, durch die nichts und niemand mehr dringen konnte. Jedes Bedenken wurde von der artifiziell herbeigeführten Zuversicht hinweggewischt.

Freilich: die Quellenlage hierzu ist wenigstens abschnittsweise immer wieder lückenhaft. Doch Ohler weiß seine Mutmaßungen gut zu begründen. Morell verabreichte Hitler wöchentlich zahllose Präparate, teils Inkjektionen, teils Tabletten: neben Vitaminbomben, die er unter dem zeittypisch pompösen Namen “Vitamultin” neben dem Führer über seine eigene Firma auch an gewöhnliche Volksgenossen vertrieb, auch tierische Extrakte zur Nahrungsergänzung, Potenzmittel (sic) und eben – Aufputsch- und Schlafmittel. Gespritzt wurde sowohl intravenös, als auch intramuskulär.

Hitler: ein durch und durch kaputter Charakter, der seine Kaputtheit mit Heroin und Amphetamin am Leben hielt, bis ihm schließlich der Nachschub ausging.

Für den Leistungsabfall, den die meisten Historiker bei Hitler ab der Jahreswende 1944/45 feststellen, hat Ohler eine besondere Erklärung parat. Aufgrund der kriegsbedingt immer prekäreren Versorgungslage konnte der Dealer Morell seinen Kunden Hitler (in den Unterlagen des Leibarztes stets als “Patient A.” paraphiert) nicht mehr mit frischem Stoff versorgen.

Morell passierte nun das Einzige, was einem Dealer nie passieren darf, die Kardinalssünde (sic) der Versorger: den gewohnten Stoff plötzlich nicht mehr zu Verfügung zu haben. ‘Seit 4-5 Tagen ist der Patient äußerst nachdenklich und macht einen müden, unausgeschlafenen Eindruck. Er will versuchen, ohne Beruhigungsmittel auszukommen’, kommentierte Morell den Engpass und fügte beunruhigt hinzu: ‘Führer ist etwas eigenartig zu mir, kurz und in verärgerter Stimmung.’ All dies ist noch kein Beweis, aber es sind Indizien, dass Hitler im letzten Quartal 1944 süchtig geworden war nach Eukodal – und das Betäubungsmittel nun weiterhin ersehnte. […] Das Ende des Endkampfes nahte, und Hitler hatte sein High, seinen Führerrausch unwiederbringlich verloren.

In dieses Bild, wenn es denn wahr ist, fügte sich, dass Hitler einen seiner fatalsten Wutausbrüche ausgerechnet am 22. April erlitt – einen Tag, nachdem er Morell schroff und formlos aus seinen Diensten entlassen hatte. Es war jener durch die Darstellung Bruno Ganz’ in Eichingers “Untergang” unsterblich gewordene Anfall, mit dem der völlig erschöpfte Diktator auf die Meldung reagierte, der ominöse “Angriff Steiner” sei “nicht erfolgt”. Ohler führt diesen finalen Nervenzusammenbruch auf den Wegfall der gewohnten chemischen Stabilisatoren zurück.

Auch Hitlers vermeintliche Leistungsfähigkeit war am Ende so unecht wie alles an dieser verderblichsten Unperson der jüngeren Geschichte

Wie gesagt: man kann diese Darstellung für übertrieben, für zu literarisch oder auch glattweg für unprofessionell halten. In meinen Augen jedoch wahrt Norman Ohler das durch die Gesetze der Wissenschaft vorgeschriebene Dekorum zu jeder Zeit – wohl kaum auch hätte er sich sonst ein Nachwort von einer so unbestrittenen Kapazität wie Hans Mommsen verdient, der nur wenige Monate nach Erscheinen des Buches verstarb.

Mommsen, der einst in den Siebzigerjahren, in Abgrenzung von den kaum verhohlenen Glorifizierungstendenzen der Bullock, Fest und Haffner, die These von Hitler als “schwachem Führer” prägte, ist auch inhaltlich die denkbar beste Referenz, auf die Ohler sich stützen kann. Denn er teilt mit ihm die unemphatische und unpathetische Sicht auf das politische und affektive Phänomen Hitler. Weit davon entfernt, großer Visionär oder auch nur genialischer Stratege und Feldherr zu sein, war Hitler in seinem Handeln, politisch und privat, vor allem dies: ein Verbrecher und ein Drogensüchtiger, ein durch und durch kaputter Charakter, der seine Kaputtheit mit Heroin und Amphetamin auch noch am Leben hielt, bis ihm schließlich der Nachschub ausging. Sogar seine viel beschworene Leistungsfähigkeit, sein vermeintliches Durchhaltevermögen waren am Ende unecht wie so vieles an dieser verderblichsten Unperson der jüngeren Geschichte.

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2015.

Header: Ausschnitt Cover Ohler, Der totale Rausch.

Rassismus statt Geopolitik: Köln und die Folgen

Jetzt hat auch Deutschland seinen Bataclan. Zumindest scheint es so, wenn man sich die Nachrichten der vergangenen Tage und deren Rezeption in den Social Media anschaut. Da sollen in der Silvesternacht Frauen von einem ausländischen Mob in westdeutschen Innenstädten, insbesondere am Kölner Hauptbahnhof, umzingelt, angegriffen und sexuell belästigt beziehungsweise missbraucht worden sein. Über hundert Strafanzeigen seien inzwischen eingegangen, und deutschlandweit übt man sich in Empörung, beteuert, derlei Taten müssten mit der ganzen Härte des Gesetzes verfolgt und bestraft und straffällig gewordene Asylbewerber je nach Strafmaß in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden.

Rassismus als Kompensation außenpolitischer Impotenz

Wir haben es hier mit einer Stimmung zu tun, die typisch ist für Länder, die zu groß sind, um das beschauliche Leben einer Schweiz unter den Völkern zu führen, aber zu klein, um aktiv Weltpolitik zu betreiben wie die USA, Russland oder die Volksrepublik China. Man spürt die eigene Ohnmacht auf dem geopolitischen Parkett, spürt den Mangel an politischer Identität, insbesondere bei uns in Deutschland, dessen Geschichte als geeinter Staat erst vor eineinhalb Jahrhunderten begann und die nach gerade einmal der Hälfte dieser Zeit schon einen so empfindlichen Einschnitt erlitt, dass sich heute gleichsam niemand mehr traut, laut “Deutschland” zu sagen – und kompensiert diese schlechte Gefühl, dieses Empfinden der politischen Impotenz und Indolenz im Großen mit der Pflege von Ressentiments im eigenen kleinen Kosmos, mit der gewaltsamen Exklusion “anderer”, “Fremder” aus dem urplötzlich als politische Entität entdeckten eigenen “Volkskörper”.

Es gibt keinen “Volkskörper”. Es gibt nur Kulturräume

Nun gibt es einen solchen Volkskörper natürlich gar nicht. Es gibt Menschen, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Glaubensbekenntnisses, unterschiedlicher Weltanschauung und, natürlich, unterschiedlicher kultureller Prägung – aber Menschen sind sie nun einmal alle.

Die Großeltern des Autors dieser Zeilen waren einfache griechische und bayrische Landleute, hart arbeitend, ehrlich lebend, hineingezogen in die Malströme ihrer Zeit durch den Ratschluss der großen Politik, zu der ihnen soziologisch und womöglich auch intellektuell jeder realistische Zugang fehlte. Wenig deutete darauf hin, dass ihr Enkel das Kommentieren dieser großen Politik, die sie zu Opfern und Tätern wider Willen in Kriegen und Bürgerkriegen machte,  einmal zu seinem Beruf, zu seinem Broterwerb machen würde. Die Sprache, derer ich mich bediene: dieses hochgezüchtete, phrasenreiche und selbstgefällige akademische Idiom der deutschen Bildungsoberschicht, das ich mir in meinem öffentlichen und privaten Umfeld angeeignet habe, würden sie vermutlich gar nicht verstehen. Gott und der Welt gefällige Menschen waren es, ob sie ihren Trost nun im Kommunistischen Manifest fanden oder in der katholischen Liturgie. Ihre Prägungen waren die ihrer Zeit und ihrer Gesellschaftsschicht, aber es waren sicherlich nicht die ihres Enkels, der in einem Westberliner Villenviertel aufwuchs und den seine Eltern auf so genannte Eliteschulen schickten, auf denen er die Werte der westlichen Welt der Neunzigerjahre kennen und leben lernte.

Diese Werte gab es um 1950 nicht. Überhaupt gab es um 1950 die westliche Welt in ihrem heutigen Verständnis nicht, in Neuilly-sur-Seine oder München-Bogenhausen so wenig wie eben in Zentralgriechenland oder in Niederbayern. Und deshalb ist es falsch und verderblich, historisch gewachsene Unterschiede in Kultur und Mentalität zu ontologisieren, sie ins Rassische oder, wie es heute politisch korrekt heißt: ins Ethnische hin zu rationalisieren.

Ein Akt der Provokation, um die Bevölkerung aufzustacheln?

Wenn Männer nordafrikanischer oder orientalischer Herkunft in einer Silvesternacht am Hauptbahnhof einer mitteleuropäischen Großstadt wirklich in großem Stil Sexualstraftaten unternommen haben sollen, während die Polizei dem tatenlos zusah, um im Anschluss die deutsche Flüchtlingspolitik zu kritisieren und lauthals Abschiebungen, ein “Ende der Flüchtlingspolitik” und dergleichen mehr zu fordern: dann haben wir es nicht mehr bloß mit einem Gegenstand des Strafrechts zu tun, sondern mit einer gezielten Provokation. Es sollen Tatsachen geschaffen werden, die einen rassistischen, fremdenfeindlichen Turnaround in der deutschen Politik legitimieren und die zudem – man hört es schon läuten – den Weg zu mehr Überwachung des öffentlichen und privaten Raums ebnen.

Weil man unfähig ist, Europa nach Außen eine Gestalt zu geben, höhlt man im Innern die europäische Freiheitlichkeit aus

Immer seit dem Revolutionszeitalter war Rassismus die Medizin, die Regierungen dem Volk verabreichten, um es abzulenken von ihrem Versagen oder Nichtgenügen auf dem großen Welttheater, über das der Zeitungsleser gestern wie heute ohnehin nach Tunlichkeit im Unklaren gelassen wird. Anstatt selbst eine europäische Agenda aufzulegen und die große Politik im Nahen Osten, der nichts anderes ist als Europas Osten, als unser geistiges Homeland, aus dem Homer und Jesus von Nazareth kamen und wo Alexander und Napoleon ihre Schlachten schlugen, nicht länger oder wenigstens nicht mehr ausschließlich den USA und Russland zu überlassen, schafft unsere Politik, so scheint es doch, künstliche Anlässe, um Verschärfungen des materiellen öffentlichen Rechts durchzusetzen, die in letzter und schärfster Konsequenz uns selber treffen werden. Weil man unfähig ist, Europa eine nach außen sichtbare Gestalt zu geben, höhlt man im Innern den Liberalismus, höhlt man jene Freiheitlichkeit aus, die Europa so schön und so groß und so lebenswert macht.

Ich möchte nicht in einem Deutschland leben, in dem ein pornografischer Rassismus wieder auf den Titelseiten ausgelebt werden darf

Ich möchte nicht in einem Deutschland leben, in dem bald wieder in Streicherscher Manier ein pornografischer Rassismus auf den Titelseiten ausgelebt werden darf. Ich möchte nicht in einem Deutschland leben, in dem Woche für Woche Mordanschläge auf die Bewohner von Flüchtlingsheimen verübt werden, darunter zahllose wehrlose Frauen und ihre kleinen Kinder. Ich möchte nicht in einem Deutschland leben, in dem ein rassistischer Mob vielleicht bald wieder Ausländer durch die Straßen vor sich hertreibt, denen Schilder mit Aufschriften wie “Ich nehm’ als Flüchtlingsjunge immer nur deutsche Mädchen mit aufs Zimmer” oder dergleichen krankem Unsinn um den Hals gehängt sind. Ich wünsche mir ein starkes Deutschland, kein rassistisches.

Tausend Grünwalder Mädels werden vermutlich Jahr für Jahr auf der Toilette des P 1 von blonden, blauäugigen Jungs aus ihrer Nachbarschaft vergewaltigt, ohne dass es in der Presse darüber einen Aufschrei gibt. Tausend deutsche, oder jedenfalls nicht-nordafrikanische und nicht-orientalische, Familienväter vergehen sich, ob in Stuttgart-Bad Canstatt oder in Berlin-Marzahn, Jahr für Jahr an ihren minderjährigen Töchtern und Söhnen, Nichten und Neffen, ohne dass diese Taten aufgeklärt würden. Es gibt in Deutschland, wie in allen westlichen Staaten, eine eklatant hohe Rate unaufgeklärter Fälle physischer und psychischer Gewalttaten, die Mütter an ihren Kindern begehen und über die so gut wie nicht berichtet wird.

Sexuelle Gewalt hat per se nichts mit Immigration zu tun

Wenn mir als Polizeipräsident einer deutschen Großstadt gemeldet wird, dass sich irgendwo eine Massenvergewaltigung anbahnt, dann schicke ich dort meine Einsatzkräfte hin, stelle die öffentliche Sicherheit und Ordnung wieder her und nehme die Opfer, die tatsächlichen wie die potenziellen, in meine Obhut. Wenn mich als bevollmächtigten Beamten der Ausländerbehörde die örtliche Staatsanwaltschaft über ein laufendes Strafverfahren gegen einen Asylbewerber oder Geduldeten informiert, das womöglich mit einer Bestrafung enden könnte, die dem Gesetz nach die Ausweisung aus Deutschland nach sich zu ziehen hätte: dann werde ich dies als gesetzestreuer Beamter veranlassen und durchführen, wenn der Betreffende denn nun rechtskräftig bestraft wird. Dazu brauche ich kein rassepornografisches Gejaule.

“Die Ausländer” können nichts dafür, dass die großen Konzerne seit einem Vierteljahrhundert ihre Gewinne thesaurieren, während die westliche Bevölkerung verarmt

Wir haben in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren unsere Armee faktisch abgeschafft. Wir haben durch unsere Griechenlandpolitik Europa gespalten. Wir haben bis heute keinen valablen Vorschlag zur Reform unseres Wirtschaftslebens vorgelegt, mit der Folge, dass die Bevölkerung rasant verarmt, was nun – natürlich – “den Ausländern” in die Schuhe geschoben werden soll. Aber “die Ausländer” können gewiss nichts dafür, dass die großen westlichen Blue Chips seit fünfundzwanzig Jahren ihre Gewinne thesaurieren, während sowohl die Lohnsumme als auch die Beschäftigtenquote konstant sinken. “Die Ausländer” können nichts dafür, dass die Bewohner Ostdeutschlands fünfundzwanzig Jahre nach der Einheit immer noch wie Deutsche zweiter Klasse behandelt werden. Und “die Ausländer” können auch nichts dafür, dass einige der Ihren Unziemlichkeiten oder Gewalttaten gegen Frauen begehen (seien es “deutsche” Frauen oder andere).

Was uns zu interessieren hat, ist die Weltpolitik, ist die Frage nach der Rolle des Orients zwischen Fernost (China) und europäischem Stammland, ist die Frage nach einer orientalischen EU-Erweiterung, ist die Frage nach Stabilität im Nahen Osten. Syrien, der Irak und Ägypten waren unter Assad, Saddam und Mubarak blühende Länder, in ihnen herrschte nach jahrhundertelanger Unterdrückung wieder der Geist Assurs und Babylons, der Geist der Pharaonen. Der Islam war dort immer eingefärbt und abgemildert durch das spezielle Kolorit der heiteren, weltzugewandten und kulturell produktiven levantinischen Mentalität. Auch haben Juden und Muslime dort über tausend Jahre lang ungestört nebeneinander gelebt, während es den Rhein entlang das ganze Mittelalter hindurch blutige Pogrome gab, die mit der Vertreibung der Juden nach Polen endeten und die nach den polnischen Teilungen im späten achtzehnten Jahrhundert, als die Nachfahren dieser Juden wieder Untertanen deutscher Staaten wurden, und dem Erwachen des deutschen Nationalgefühls im neunzehnten eine traurige Renaissance erlebten mit einem Gipfelpunkt, der allseits bekannt ist.

Ein pöbelhafter Neorassismus ist ein Verbrechen und ein Fehler

Dieser Orient wartet nur darauf, dass Europa mit dem reichen und noch mächtigen Deutschland an der Spitze sich in die große Politik einschaltet und ordnend eingreift ins Chaos. Er wartet nur darauf, befreit zu werden aus der türkisch-arabischen Umklammerung und wieder frei atmen zu können, politisch souverän, wirtschaftlich autonom. Er wartet auf ein geopolitisch agierendes Europa, denn dieses, Europa, hat im Orient credibility, nicht die USA, nicht Russland – nicht, weil diese nicht auch Teile Europas wären, denn natürlich sind sie das; aber weil sie territorial, geistig und geschichtlich mit dem Orient nicht so eng verbunden sind wie eben Kontinentaleuropa. Als West- und Ostrom waren Europa und der Orient einst die beiden Flügel einunddesselben Körpers, versinnbildlicht im byzantinischen Doppeladler. Europa aber, und das heißt: Deutschland muss außenpolitisch wieder attraktiv werden. Und genauso wie das schlichte “Refugees welcome” hierzu nicht ausreichend war, genauso ist die rassistische Hetze heute, ein halbes Jahr später, der falsche Weg.

Ein pöbelhafter Neorassismus, akklamiert von rechts und mehr und mehr auch von links, ist menschenfeindlich und apolitisch in einem. Er wäre un crime et une faute, ein Verbrechen und ein Fehler, um es mit den Worten Fouchés, des Polizeiministers Napoleons, zu sagen. Ein Staat aber, der das Land den Interessen schwerreicher Minoritäten ausliefert; der von Geopolitik nichts wissen will; der die eigene Armee faktisch abgeschafft und damit die außenpolitische Wehrkraft des Landes geschwächt hat; der aber andererseits mithilfe eines billigen Tricks die Leserinnen der Emma und die Leser des Spiegel ins Boot eines pornografisch angeheizten Rassismus holen will, um unter diesem Mäntelchen Freiheitsrechte peu à peu außer Kraft zu setzen: ein solcher Staat handelte weder deutsch noch europäisch, weder kraftvoll noch konservativ, sondern eben – fehlerhaft und kriminell.

 

Header: Gedenktafel an der Bushaltestelle “Zehlendorf Eiche”, Berlin-Zehlendorf: “Im Mai 1732 begrüßte König Friedrich Wilhelm I. in Zehlendorf aus Salzburg vertriebene Protestanten. “Mir neue Söhne – Euch ein mildes Vaterland!” An diesem Ort verbrachte der Autor während seiner Schulzeit viele Stunden seines Lebens beim Warten auf den Bus.

Tatort-Nachlese: Der große Schmerz Teil 1 mit Til Schweiger, Neujahr 2016

Alle seine unerledigten Triebe, so scheint es, legt das öffentliche Bewusstsein dieses Landes in den Tatort. Regiert von Merkel-Mutti, schafft man sich eine russische Catwoman, die sich nicht hat “totficken” lassen (wie es bei solcher Wortwahl wohl um das Sexualleben der Drehbuchautoren ausschaut?), sondern “hart” geworden ist, der nuschelnde Hauptdarsteller Typ Hamburger Werbefuzzi darf wie die Ghostbusters um sich knallen und am Ende gar noch Gespür fürs Tragische zeigen, als wäre er ein ernstzunehmender Schauspieler, und die deutsche Polizei, eine der bräsigsten und unbeliebtesten Behörden überhaupt, wird glorifiziert, als handele es sich um den Stab Eisenhowers kurz vor der Landung in der Normandie, während Scheckbuch-Deutschland selber bei jedem internationalen Konflikt die klassische Wegduck-Strategie fährt (offizielle Nicht-Teilnahme, aber “heimlich” Drohnen und Folterhäftlinge durchfliegen lassen – Hauptsache keine Farbe bekennen, keine stringente Haltung zeigen). Die einzige politische Figur in der Personnage, der schneidige, koksende und verboten gutaussehende Hamburger Senator wiederum von einer weltläufigen Coolness, mit der kein Politiker es heutzutage auch nur zum OV-Vorsitz in der westdeutschen Provinz bringen würde. Hier verstecken die Autoren ihre heimlichen politischen Sehnsüchte.

Die offene politische Aussage dabei ein einziger Seitenhieb auf den Liberalismus (der Senator eben, als der ein bekannter FDP-Politiker nu notdürftig verschlüsselt ist) und auf “die Russen”, die offenbar nur Mädchenhandel und Waffenschmuggel kennen (Moment… hatten wir das nicht schon mal…?).

Um es mit Bruno Ganz in seiner Paraderolle als “böhmischer” Gefreiter zu sagen: Man müsste die ganze ARD-Unterhaltungsabteilung sofort in die HKL nach Aleppo schicken, anstatt dass sie ihren Thanatos-Trieb in so billig-präpubertär aufgemachtem und dabei sündhaft teurem (Helene Fischer war wahrscheinlich so teuer wie der restliche Cast zusammen) TV-Klamauk ausleben, den wir dann noch bezahlen dürfen (“dank Ihrer Gebühren”)!

Header: Til Schweiger und Arnd Klawitter in “Der große Schmerz”, Szenenfoto. Rechte: ARD/Das Erste

Die Krise als Normalfall – Das Drama unserer Gegenwart

Auf dem Kirchentag in Dresden hat der Ratsvorsitzende der Evangelisch Kirche Deutschland, Nikolaus Schneider, vor dem Fetisch Wachstum gewarnt: Man benötige endlich eine neue Definition dieses Begriffs, weil eine endliche Erde kein unendliches Wachstum vertrage. 2 SWR2 Aula vom 12.06.2011 Die Krise als Normalfall – Das Drama unserer Gegenwart Von Konstantin Sakkas 2 Genau um diese Kritik geht es heute auch in der SWR2 Aula.

Konstantin Sakkas ist Journalist und Philosoph aus Berlin. Er fordert angesichts der ökonomischen Katastrophe – siehe Börsencrash, siehe Verschuldung von Griechenland, angesichts der ökologischen Katastrophe – siehe Fukushima, eine radikale Umkehr: Weg vom unendlichen Wachstum, weg von der Expansion, weg vom Aktivismus hin zum …? Wohin es gehen soll, das erklärt er in seinem Vortrag.

Expansion, Aktivismus, Selbstverwirklichung – all diese Werte sind fraglich geworden. So stellt uns das Katastrophenjahr 2011, das gerade zur Hälfte um ist, nicht nur vor die Aufgabe, des humanitären, materiellen und ökonomischen Unglücks Herr zu werden, das mit unglaublicher Rasanz über uns kommt; sondern noch viel mehr stellt es uns vor die Frage, mit welcher inneren Haltung wir in Zukunft leben sollen, wenn wir nicht das Leben selbst irgendwann aufgeben.

In seinem Trauerspiel Ein Bruderzwist in Habsburg legt Franz Grillparzer dem melancholischen Habsburger-Kaiser Rudolf II. die Verse in den Mund:

„Drum ist in Sternen Wahrheit, im Gestein,

In Pflanze, Tier und Baum, im Menschen nicht.

Und wer’s verstünde still zu sein wie sie,

Gelehrig fromm, den eignen Willen meisternd,

Ein aufgespanntes, demutvolles Ohr,

Ihm würde leicht ein Wort der Wahrheit kund,

Die durch die Welten geht aus Gottes Munde.“1

Die wenigsten Bürger Europas, Nordamerikas oder Japans werden, “offiziell” zumindest, in diesen Zeilen etwas finden, was ihrer aktuellen Lebenshaltung verwandt oder auch nur sympathisch wäre. Franz Grillparzer gilt als Dichter der österreichischen Reaktion, seine politische Haltung als hoffnungslos vormärzlich und altmodisch, verspätetes achtzehntes Jahrhundert; und doch verbirgt sich in seinen Versen ein Gedanke von geheimnisvoller Aktualität: der Gedanke der Ruhe.

Wollte man das Kennzeichen unseres Zeitalters in einem Wort bestimmen, so wäre es zweifellos die Unruhe. Ein fieberhafter, „hysterisch-destruktiver Aktivismus“2 waltet über unserer Zeit wie über keiner Epoche zuvor. Es ist, als wäre Hegels prophetisches Wort von der „Furie des Verschwindens“3 , das er über die Französische Revolution gebrauchte, erst heute wahr geworden. Unser nach außen hin so rationales, berechnendes Zeitalter orientiert sich in Wahrheit wie kaum eines zuvor an der irrationalen Größe schlechthin: am Gefühl. Das Gefühl ist das Unsicherste und Wechselhafteste am Menschen überhaupt. Auch Gefühl und Verantwortung – man hört es nicht gerne – sind einander diametral entgegengesetzt: denn Verantwortung zielt auf Beständigkeit; Gefühl aber auf den ständigen Wechsel, die zur Regel gewordene Unregelmäßigkeit, die dauernde Bereitschaft zur Umkehrung der Verhältnisse. Dieses Pragma der Umkehrung bestimmt unser Zeitalter. In ihrem Buch Vita activa, das 1960 erschien, hat es die Philosophin Hannah Arendt geistesgeschichtlich beschrieben:

„Die περιαγωγή, die Umkehr, die Plato[n] von dem Philosophen verlangt, läuft im Grunde auf eine Umstülpung der homerischen Weltordnung hinaus. Nicht das Leben körperloser Seelen nach dem Tode, wie in dem homerischen Hades, sondern das Leben an einen Körper gebundener Seelen auf der Erde spielt sich in der Höhle einer Unterwelt ab, und die Seele ist nicht der Schatten des Körpers, sondern der Körper ist der Schatten der Seele; verglichen mit Himmel und Sonne ist die Erde ein Hades [, also eine Unterwelt], und das Treiben der in Unwissenheit und Sinnlosigkeit gebannten Körper der Menschen auf dieser Erde entspricht genau der schattenlosen, substanzlosen, sinnlosen Bewegtheit der homerischen ‚Seelen’, die der Tod […] in die unterirdische Höhle gebannt hat.“ 4

Man muss diesen Abschnitt sehr genau lesen: Die Rede von der „schattenlosen, substanzlosen, sinnlosen Bewegtheit“ (wobei „schattenlos“ soviel meint wie spurlos oder folgenlos) passt nämlich exakt auf die Lebenshaltung der heutigen Gesellschaft – und zwar im Öffentlichen wie im Privaten, politisch und wirtschaftlich ebenso wie emotional und erotisch. Nicht nur, dass wir das Prinzip der Relativität längst zum Dogma erhoben haben, das sonderbarerweise nicht hinterfragt wird; viel wichtiger noch ist, dass wir unsere politische, wirtschaftliche und biographische Ordnung diesem Dogma komplett unterworfen haben. Unter dem Tarnbegriff der Selbstverwirklichung pflegen wir in Wahrheit einen Lebensstil, der uns konsequent vom eigenen Selbst entfremdet. Wer immer sich den politischen Entscheidungsprozess – man denke an die Pirouetten, die derzeit in puncto Atomkraft gedreht werden –, die Börsenkurse oder unser Paarungsverhalten in Ruhe anschaut, muss den Eindruck haben, dass er es hier nicht mit rationalen, erwachsenen Menschen zu tun hat; sondern mit lauter Verrückten. Um wieder Goethe zu zitieren:

„Ach, so viele tausend Menschen kennen,

Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz,

Schweben zwecklos hin und her und rennen

Hoffnungslos in unversehnem Schmerz;

Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden

Unerwart’te Morgenröte tagt […].“ 5

„Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ – eine phlegmatische Sinnlichkeit und eine aggressive Emotionalität durchwalten unseren angeblich aufgeklärten Zeitgeist. Das Private selbst ist Beruf geworden, und Normen aus der Emotionalsphäre werden rücksichtslos dem Berufsleben oktroyiert. Niemals wurde karrieristische Selbstentfaltung so sehr als das höchste Lebensziel, als die Erfüllung aller Träume, als Garantie der individuellen Glückseligkeit angepriesen wie im so genannten weiblichen Zeitalter. Umgekehrt aber hat der Furor des Politikmachens von unserer Privatsphäre erbarmungslos Besitz ergriffen: In einer gnadenlosen Verfälschung der Idee der Selbstverwirklichung, die eigentlich Selbsterkenntnis, also einen geistigen Vorgang, meint, deuten sich Menschen aller Altersstufen die eigene Lebensfrist in einer seltsamen Mischung aus Naivität und Rohheit zur erotisch-beruflichen Frontbewährung um: von der Schülerin, die Depressionen hat, weil sie vielleicht als Sechzehnjährige noch nicht mit einem Jungen geschlafen hat, über den dreißigjährigen Hochschulabsolventen, der, zerrissen zwischen großen Plänen und Minderwertigkeitskomplexen, als ewiger Praktikant und ständig pleitebedroht durch den Arbeitsmarktdschungel irrt, bis zum endlich und unter unsäglichen Mühen erfolgreich gewordenen Fünfzigjährigen, dessen Lebensbahn sich nun aber nur mehr zwischen lauter wild gewachsenen Lebenslügen hinzieht. Man lebt nicht mehr; man wird gelebt. Man macht „Politik“, Lebenspolitik.

„Tantae molis erat Romanam condere gentem“, „Also mühevoll war’s, das römische Volk zu begründen“6 – diesen pathetischen Leitspruch des Alten Roms, der eine blutige, hektische und im Grunde chaotische Gewaltherrschaft mythologisch legitimieren sollte, hat die westliche Gesellschaft zweitausend Jahre später als Leitspruch von Existenz überhaupt adaptiert: man ist, so scheint es, nachgerade vernarrt in die Vorstellung von einem Leben, das sich hinzieht zwischen orgasmushaften Aufschwüngen und katastrophalen Abstürzen, ob auf dem Börsenparkett oder im Schlafzimmer; zwischen dümmlicher Euphorie und billiger Verzweiflung; zwischen naiver Illusion und erwartbarer Enttäuschung. Es ist sicher kein Zufall, dass die Volkskrankheit unserer Epoche der Krebs ist; jene Krankheit, deren wirres, planloses und gefräßiges Wachstum wie ein grausiges Abbild unserer verkrampften, pseudoekstatischen Lebenshaltung wirkt; ein wahrhaftes Ebenbild unseres beschädigten Lebens.

An die Stelle der Terrorisierung durch den Staat ist die Terrorisierung durchs Private getreten. Heute bedarf es keiner monströsen Autorität mehr, die junge Männer in den Krieg schickt und junge Frauen einer falschen Regulierung ihres emotionalen und sexuellen Haushalts unterwirft; nein, die Unterwerfung vollziehen wir selber qua der sinnlosen Hetzjagd nach dem so genannten individuellen Glück, hinter dem sich tatsächlich meist die Chimäre eines ungesunden und ephemeren Genusses verbirgt. Alle paar Augenblicke den Partner, den Beruf, den Aufenthaltsort zu wechseln, gilt nicht als anstrengend, krankhaft und psychopathisch, was es eigentlich ist; sondern als chic, zeitgemäß und menschengerecht. Es herrscht geradezu ein Kult der Labilität.

Diese Labilität hat ihre Wurzel zum einen in der modernen Wirtschaftsordnung; zum anderen aber in den modernen Territorialstrukturen mit ihren Abermillionen von Einwohnern, wo der Einzelne nur mehr die Wahl hat: entweder mitzumachen in dem hysterischen Kampf um Geld, Anerkennung und „Erfolg“; oder aber unterzugehen in der Masse und abgedrängt zu werden an den Rand. Die Möglichkeit, bescheiden und trotzdem auskömmlich und „gut“, das heißt ungestört und friedvoll zu leben, fehlt in unseren aufgeblähten Flächenstaaten, die wir ausgerechnet vom fürstlichen Absolutismus der frühen Neuzeit übernommen haben. Der europäische Territorialstaat, an dem sich die USA in ihrem nation building im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert ein Beispiel nahmen, ist ein Überbleibsel des dynastischen Zentralismus, der im späten Mittelalter seinen Ausgang nahm. Damals verloren Regionen, Städte und viele kleine Bauern und Hintersassen unter dem brutalen Druck monarchischer Konsolidierungsbemühungen ihre Selbständigkeit und wurden zwangsweise in den frühmodernen Staatsverband eingegliedert. Die moderne Standes- und Klassengesellschaft, deren traumatisierende Wirkung bis heute anhält, nahm hier ihren Anfang; erst damals wurden aus den Hunderttausenden kleinen, mehr oder weniger selbständigen Bauern mehr oder weniger rechtlose Leibeigene.

Unsere bürokratische Staatsorganisation, aber auch der Oligopolismus, der die heutige kapitalistische Wirtschaft auf vielen Feldern, etwa in der Energiebranche, bestimmt, sind Ausläufer dieser Entwicklung, die ein halbes Jahrtausend alt ist. Der existenzielle Alpdruck, den Staatsverwaltung und Wirtschaft auf den gewöhnlichen Bürger jeder Einkommensklasse ausüben, erklärt sich historisch aus der Akkumulation von Territorium unter gleichzeitiger Annullation persönlicher Freiheit seit dem vierzehnten Jahrhundert. Von dieser zwanghaften territorialen Enge des Absolutismus haben uns auch die Revolution von 1918, die demokratische Neuordnung von 1945 und ’49 und schließlich die Umwälzung von 1990 noch nicht befreit. So kommt es, dass heute noch Millionen Menschen eingepfercht in ein einziges Staatswesen leben, dessen Administration mit dieser Masse an Bewohnern natürlich absolut überfordert ist.

Die Wirkung dieser historischen Bedingung wurde durch formale Neuerungen nicht einfach aufgehoben: „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden“7 , schrieb Karl Marx in seinem Achtzehnten Brumaire. Dieser Satz ist so bedeutsam, weil er die Konvergenz von Exoterik und Esoterik so eindrücklich aufzeigt: Die gegenständliche, äußere Entwicklung, also der politische und wirtschaftliche Prozess, hinterlassen ihren Abdruck in der Seele des Menschen, und zwar individuell und kollektiv. Auch wenn der juristische Status sich längst geändert hat, bleiben innere Dispositionen nach wie vor bestehen; sie ändern sich erst unter therapeutischem Einfluss.

Doch Bedingung von Therapie ist Einsicht. So haben die Ereignisse in Japan viele Menschen zu einer grundlegenden Einsicht über die Risiken der Nutzung von Atomenergie geführt; grundsätzliche Zweifel an unserer Wirtschaftsordnung sind gleichwohl kaum laut geworden. Dabei gehört aber das Nuklearproblem in einen Zusammenhang mit jenen Problemen, die uns ohnehin seit einem Jahrzehnt vermehrt zu schaffen machen: die Aufblähung der Finanzmärkte, die gigantische Verschuldung aller Industriestaaten – etwa Japan und die USA sind faktisch bankrott –, die schleichende Inflation, die die wirtschaftliche Basis der Mittelschichten in allen entwickelten Ländern sukzessive zerstört sowie infolgedessen das enorme Verarmungsrisiko in unserer Gesellschaft überhaupt. Die ökologische Problematik steht also nicht allein im Raum; sondern sie gehört in und verweist auf einen höheren, größeren Zusammenhang: nämlich die kapitalistische Wirtschaftsordnung und ihre wesentlichen Elemente: Überproduktion, Ausbeutung von Ressourcen, sowie die Bindung realer Faktoren – nämlich Lebensqualität, Grund und Boden, Solidität des Staatshaushalts – an eine irreale Bedingung: nämlich das Geld.

Es ist gewiss kein Zufall, dass der Wortstamm der beiden wichtigsten Vokabeln unserer Zeit, Ökonomie und Ökologie, das griechische οἴκος ist, was übersetzt „Haus“ bedeutet. Wer also dem Wortsinne nach ökonomisch beziehungsweise ökologisch denken wollte, der denkt in den Kategorien von Häuslichkeit und Behausung. Häuslichkeit beziehungsweise Behaust-sein ist das Wesen des In-derWelt-seins. Das Wesen aber der heutigen Politik und insbesondere der modernen Wirtschaft ist zutiefst weltlos, das heißt: unbehaust, unbeheimatet, ungreifbar. Diese Unbehaustheit spiegelt sich in der tieferen Ideenlosigkeit, die sich bei jeder Nachfrage nach dem höheren Ziel eines Projekts sogleich offenbart: Die Vergeblichkeit so genannter großer Entwürfe, ob im Öffentlichen oder im Privaten, ist allgegenwärtig; die Hilflosigkeit unserer Politiker in der „Bewältigung“ von Ereignissen wie Fukushima, der Mangel an ideologischer Orientierung und die hieraus unweigerlich resultierende Entschlussschwäche sind offenkundig. Doch sie sind kein individuell vorwerfbares Versagen; sondern die logische Konsequenz aus der Bewusstseinslage unseres Zeitalters. Wenn man heute überhaupt etwas vorwerfen kann, dann ist es nicht ein Falsch-Handeln; sondern überhaupt das Handeln. Die wahre Alternative zum falschen Handeln wäre nämlich nicht das richtige; sondern das Nicht-Handeln. Das Nicht-Handeln ist die wahre Ethik des οἴκος.

Nicht-Handeln, wu wei – in diesem Gedanken fand der sagenhafte chinesische Denker Laotse Ursprung und Wesen des Seins und zugleich Maxime seiner Ethik. Selten war man weiter von diesem Gedanken entfernt als heute; denn der aktionistische Wahn des Machens und Wachsens, den einst nur eine schmale Oberschicht von Fürsten, Regierenden und Besitzenden auslebte, hält heute ganze Bevölkerungen in seinem Bann. Auch die ostasiatischen Völker, einst bekannt für ihren Quietismus und ihre Introvertiertheit, tun es uns längst gleich; welch ein Symbol für diesen Wandel, dass ausgerechnet in Japan sich die Katastrophe abspielt, die zum Fanal für ein energiepolitisches, ja überhaupt ein politisches Umdenken geworden ist; dass ausgerechnet in China diktatoriale Repression und Turbokapitalismus längst in einer unheiligen Allianz miteinander leben. Die unsägliche, primitive und pseudologische Wachstumsgeilheit, das geistes- und kulturgeschichtliche Markzeichen der europäischen Geschichte der vergangenen fünfhundert Jahre, hat im zwanzigsten Jahrhundert auch von China, dem alten Reich der Mitte, der Ruhe und der Introversion, Besitz ergriffen. Und während Europa sich vielleicht langsam von seiner alten Besessenheit erholt und heilt, kommen die jungen Wachstumstriebe in der Weltmacht China erst so richtig zum Blühen. Doch auch diese, nicht ungefährliche, Entwicklung darf Europa in seinem Erkenntnisprozess nicht hemmen.

Unseren pseudologischen, künstlichen Wachstumsbegriff, der eine rationalistische, aber nicht rationale Projektion archetypischer menschlicher Allmachts- und Befriedigungsphantasien ist, hat der Philosoph Bernhard Taureck kürzlich in dieser Sendung einer fundamentalen Kritik unterzogen. Es heißt dort unter anderem:

„Ein Mensch ist etwa mit zwanzig Jahren ausgewachsen. Ein Hund etwa mit einem Jahr. Ein Baum braucht länger. Menschen, Pflanzen und Tiere wachsen nur eine gewisse Zeit, dann gilt: Sie sind ausgewachsen.“ 8

Wachstum ist in seinem Wesen etwas Beschränktes. Es trägt sein Ziel, wie Aristoteles sagt: sein τέλος, in sich. Ja, man kann den Gedanken weiterspinnen und sagen: Beschränkung selbst ist das Wesen der Ausdehnung. Es ist die Aufgabe des Menschen, inmitten der universellen Grenzen- und Bodenlosigkeit, in die er hineingestellt ist, sein innerstes Selbst, sein Wesen zu finden und festzuhalten. Der Weg dorthin führt aber nicht über die Eroberung des buchstäblichen Welt-Raums, also die ideelle, materielle und sexuelle Inbesitznahme der menschlichen und natürlichen Umwelt; sondern über die freiwillige, einsichtige Beschränkung des Individuums auf das Nötige: auf sich selbst. So erst wird der Einzelne wirklich und eigentlich frei: „Non coerceri maximo, contineri tamen a minimo divinum est“ – Nicht vom Größten beeindruckt, sondern vom Geringsten getragen werden, ist das wahrhaft Göttliche.“9

Diese Beschränkung hat auch eine politische Dimension. Tatsächlich leben wir ja in einer Periode des rasanten Machtverlustes der Staatsorgane, und paradoxerweise nehmen diesen Machtverlust gerade kritische Medien und Öffentlichkeit nicht nur als selbstverständlich, sondern auch als gerecht hin. Alle Welt empörte sich über die Biegsamkeit eines Staatsapparates, der etwa einem AKW-Betreiber seine Unzuverlässigkeiten in Sicherheitsfragen geduldig nachsah, bis es zur Katastrophe kam und jeder regulierende Eingriff zu spät war; auch in Deutschland regt sich im Gefolge des Fukushima-Unfalls gewaltiger Unmut gegenüber dem Energielobbyismus und den Risiken, die er unbesonnen eingeht; doch Stimmen, die einen stärkeren Staat fordern würden, werden kaum laut.

Dabei wäre es an der Zeit, dass die Regierungen der mächtigen Staaten gemeinsam über ihre Neugestaltung nachdächten: Auflösung der großen Flächenstaaten in regionale und lokale Territorien; Gewährleistung von Grund und Boden oder eines Grundeinkommens für jeden Einwohner; genossenschaftliche Beteiligung aller mündigen Bürger an der Energieversorgung, an der Verkehrsverwaltung sowie an allen weiteren wesentlichen öffentlichen Institutionen: das könnten Elemente einer künftigen politischen Lebensordnung sein, die sich von den Macht- und Wachstumsphantasien der Vergangenheit endgültig verabschiedet hat; die jedem Menschen den Anteil am Ganzen gibt, den er braucht; und in der nicht mehr die öffentlichen Angelegenheiten Spielwiese menschlicher Triebhaftigkeit sind, sondern diese Triebhaftigkeit aufgehoben wird in eine Kultur der Innerlichkeit und der Schönheit.

Alles in unserer Zeit ruft nach einer Besinnung auf die natürlichen und vernünftigen Grenzen persönlicher und institutioneller Expansion. Das „Reich der Naturbegriffe“ und das „Reich des Freiheitsbegriffs“ 10: also die Sphäre der natürlich-tierhaften Beschränkung und die der existenziell-menschlichen Überschreitung, stehen zueinander nicht so sehr im Gegensatz; tatsächlich liegt die wahre Transzendenz im Rückzug, in der bewussten, sich notwendig ergebenden Beschränkung des Menschen auf sich selbst, in seiner politischen, wirtschaftlichen und emotionalen Introversion. Den aporetischen Punkt, an welchem wir heute mit unserem Politikmachen und unserem Wirtschaften angelangt sind, hat Hannah Arendt schon vor einem halben Jahrhundert hellsichtig beschrieben:

„Es ist uns gelungen, die dem Lebensprozess innewohnende Mühe und Plage so weit auszuschalten, dass man den Moment voraussehen kann, an dem auch die Arbeit und die ihr erreichbare Lebenserfahrung aus dem menschlichen Erfahrungsbereich ausgeschaltet sein wird. Dies zeichnet sich deutlich in den fortgeschrittensten Ländern der Erde bereits ab, in denen das Wort Arbeit für das, was man tut oder zu tun glaubt, gleichsam zu hoch gegriffen ist. In ihrem letzten Stadium verwandelt sich die Arbeitsgesellschaft in eine Gesellschaft von Jobholders.“11

Das „Wesen“ dieser blind fluktuierenden Jobholdergesellschaft, die sich in der seriellen Monogamie in unserem Privatleben abbildet, ist ihre Unnatürlichkeit. Falsche Bedürfnisse, eingebildete Notwendigkeiten regieren unser Dasein, schaffen aber echte Not: gegenständliche, wie in Japan, die zugleich aber eine geistige Konsequenz hat, nämlich die Ablenkung des menschlichen Intellekts von der Suche nach dem Sinn seines Lebens, deren Voraussetzung ja gerade die Befreiung von jener urzeitlichen existenziellen Bedrohtheit ist, die ein unverantwortliches Handeln wie in Fukushima wiederherstellt.

Aber nur „die wenigsten Menschen bringen die Kraft auf, jene abstrakte Frage nach dem Sinn des Lebens wirklich und ernsthaft zu stellen; statt dessen lassen sie sich gehen im fieberhaften Wahn der Expansion und des Wachstums, politisch, wirtschaftlich, körperlich. Doch wohin dieser existenzielle Expansionismus führt, konnte man in Japan sehen, wo die atomare Katastrophe noch die schrecklichsten Wirkungen von Erbeben und Tsunami in den Hintergrund treten ließ. In einer solchen existenziellen Grenzsituation aber fragt man nur noch, wie unsere prähistorischen Vorfahren, ganz konkret: wie kann ich mich retten, wie kann ich überleben? In seinem zivilisatorischen Wahn fällt der Mensch gerade hinter die Zivilisation zurück und verspielt so das Privileg, das ihn vom Tier unterscheidet: nämlich nicht ums nackte Überleben kämpfen zu müssen, sondern frei nachdenken zu können.“12

Dieses Frei-nachdenken-können ist die wesentliche Auszeichnung des Menschseins. Seine Konsequenz für das praktische Leben sind aber nicht nur Zurückhaltung im Konsum und Beschränkung in der gesellschaftlichen Selbstdarstellung; sondern auch eine gewisse Untätigkeit, Langeweile und Einsamkeit. Nun ist zwar kein Mensch gerne einsam; aber dennoch ist Einsamkeit, entgegen aller Dogmatik des life style, sein innerstes Wesen: „Jeder Mensch ist doch völlig allein“13 , schreibt Marcel Proust an einer berühmten Stelle in seinem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Der Mensch ist – anders, als es unsere vulgärromantische Kulturindustrie mit Telenovelas und Partnerbörsen uns weismachen will – kein Herdentier, sondern Einzelgänger.

Der Einzelgänger aber strebt nicht nach der vermeintlich „großen“ Erfüllung; dafür ist er zu klug. Die großen Einzelgänger in der Tierwelt, etwa der Wolf, der Tiger, haben alle ihr fest umrissenes Revier, ihren Bezirk, ihren οἴκος, den sie benötigen, den sie aber auch nicht überschreiten. Nun ragt der Mensch zwar aus der Tierwelt heraus, steht aber mit seiner Körperlichkeit tief in ihr verwurzelt. Andererseits ragt er qua seines Geistes hinein in die Geisterwelt, das heißt also: die Welt jenseits der sichtbaren Welt. Aber auch hier gibt es keine erratische Expansion, kein wühlerisches, süchtiges Suchen mehr; sondern nur noch die Unbewegtheit und Klarheit, die aus der gelungenen Selbsterkenntnis kommt. Was ihm das Tier unbewusst vorlebt, steht dem Menschen als fernes zwar, aber wesentliches Ziel im Leben nach dem Tod vor Augen: Gott, dem Göttlichen näher zu kommen, um ihm schließlich, am Ende der Zeiten, gleich zu werden:

„Drum ist in Sternen Wahrheit, im Gestein,

In Pflanze, Tier und Baum, im Menschen nicht.

Und wer’s verstünde still zu sein wie sie,

Gelehrig fromm, den eignen Willen meisternd,

Ein aufgespanntes, demutvolles Ohr,

Ihm würde leicht ein Wort der Wahrheit kund,

Die durch die Welten geht aus Gottes Munde.“1

Nur die Furcht vor der vermeintlichen Langweiligkeit eines introvertierten und unpathetischen Lebens verleitet uns zu jenen vermeintlich großen Entwürfen, welche dann in Katastrophen enden, die uns ernüchtern, weil sie sinnlos und unnötig waren. Das war so in der politischen Geschichte, und es ist auch heute so, wo das Private, wo Ökonomie und Sexualität die Herrschaft über den öffentlichen Raum an sich gerissen haben. Auch unsere moderne Populärkultur, assistiert von Wirtschaft und Medien, folgt einer hysterischen, sich „existenzialistisch“ dünkenden Lebensethik; aber nicht im Sich-veräußern an die Dinge, im Erobern- und Besitzenwollen, sondern in der Ruhe und im Rückzug liegen der wahre Individualismus und die wahre „Erfüllung der Zeiten“. Die lächerliche Lebensphilosophie des „Ich will alles, und zwar sofort“ beweist keinen Fortschritt außer den der äußersten Verkümmerung des menschlichen Denkvermögens. Was wir dagegen brauchen, ist eine Lebensphilosophie der Ruhe.

Die Ruhe steht übrigens auch „im Zentrum des Christentums und der Christologie. Der Kirchenlehrer Augustinus etwa stellte sich das Leben im Paradies vor wie einen ‚ewigen Sabbat’, also einen ewigen Ruhetag. Heute spricht man zwar lieber von ‚Frieden’ als von ‚Ruhe’; doch die Friedensbotschaft, die etwa zu Weihnachten routiniert verkündet wird, meint weniger den äußeren, politischen Frieden […]; sondern vielmehr den inneren Frieden, also die Ruhe, die wir alltäglich durch sinnlose, unüberlegte und triebhafte Begehrlichkeiten gefährden und ruinieren. Ein nervöses Karrierepathos durchzittert unser berufliches wie privates Leben.“14 Dieses Pathos zittert fort in der physikalischen Erschütterung, deren Zeuge wir in diesem Frühjahr geworden sind; jedes Naturunglück ist auch ein Warnruf an den menschlichen Geist, und entsprechend sollten und müssen wir die Zeichen dieses Jahres 2011 deuten.

Das Zeitalter des Wachstums und der Expansion ist vorbei, öffentlich wie privat. Die westliche Menschheit, die dem Rest der Erdkugel zweitausend Jahre lang diese „Werte“ vorgelebt hat, hat nun die Aufgabe, ihr die neuen Werte der Selbstbeschränkung, der Innerlichkeit und der Ruhe vorzuleben. Denn hierin, und nirgends sonst, liegt die Zukunft des Menschengeschlechts. Zwei Erblasten sind es, die die atlantische Welt mit sich herumträgt: der römische Kult der Gewalt; und die, wie Hannah Arendt betonte, götzenhafte christliche Stilisierung des physischen Lebens zu „der Güter höchstem“15, die aber ihre Wurzel gerade in der ungeheuerlichen, brutalen und ignoranten Vergewaltigung des Menschseins durch den römischen Machtstaat hatte; von beidem, von der Idolatrie des Todes und der Idolatrie des Lebens und der Liebe, müssen wir uns befreien, vorbehaltlos und gründlich. Und: von beidem wussten das antike Judentum und Griechentum übrigens nichts; für sie zählte nur das lebendige Wort Gottes und die ewige Schönheit und Ordnung des Welt-Alls.

Die Ethik der Zukunft wird eine „Ethik der Entsagung sein. […] In einer Zeit, der die Unwägbarkeit menschlicher Existenz im Zeichen von Terrorismus, Umweltkatastrophe und weltweiter Verarmung immer klarer vor Augen steht, führt wahre Erkenntnis zurück auf das eigene Leben, die eigene Individualität und die Frage, wie sie zu behüten sei. Auch das bestangelegte Kapital wird irgendwann wertlos; wahren, absoluten Wert hat nur das Menschsein selbst.“16 Dieses Menschsein – es ist eine schwere, aber notwendige Einsicht – lässt sich nicht einholen in hektischer Aktivität, in jener aufgeheizten Lebens- und Liebesgeilheit, die das Kennzeichen unseres Privatlebens und unserer gesellschaftlichen Ordnung ist und die unsere Werbeindustrie in einer fortwährenden, sehr selbstgewissen und doch unsäglich dummen Stereotypie proklamiert; das Menschsein erschließt sich je nur dem Ruhigen, Besonnenen und Nachdenklichen. Jeder sollte sich fragen, was er wirklich in seinem Leben braucht; sei es an Besitz, an Partnerschaft oder an Prestige; und schnell wird man sehen, dass man selber sich wirklich genug ist. Die Auswirkungen einer solchen Selbstbescheidung wären heilsam nicht nur für den Einzelnen; sondern auch für die Gesellschaft und letztlich auch für die internationale Politik.

Hannah Arendt, die ein Leben in höchster, erzwungener Aktivität hinter sich hatte, stellte diese Einsicht an den Schluss ihres Buches Vita activa, das noch heute, nach fünfzig Jahren, aktueller ist als alle lebensgierige und lebensverherrlichende, aber im Grunde flache und uneinsichtige Modephilosophie und Modebelletristik unserer Zeit:

„Numquam se plus agere quam nihil cum ageret, numquam minus solum esse quam cum solus esset“ – „Niemals ist man tätiger, als wenn man dem äußeren Anschein nach nichts tut, niemals ist man weniger allein, als wenn man in der Einsamkeit mit sich allein ist.“17

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1 F. Grillparzer, Ein Bruderzwist in Habsburg, III. Aufzug, in: Sämtliche Werke. Hrsg. v. P. Frank und K. Pörnbacher, München 1960-65, Bd. 2, S. 362.

2 K. Sakkas, Sieg der Entsagung Leben und Sterben mit Schopenhauer. Deutschlandfunk, 19.09.2010: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/essayunddiskurs/1275126/.

3 G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes (= Gesammelte Werke, Bd. 3), Frankfurt/Main 1986, S. 435 f.

4 H. Arendt, Vita activa. Vom tätigen Leben, Stuttgart 1960, S. 284.

5 Goethe, An Frau von Stein, in: Weimarer Ausgabe, Abt. I, Bd. 4, S. 97.

6 Vergil, Aeneis I 33, dt. v. J. Götte.

7 K. Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: K. Marx, F. Engels, Werke (MEW), Berlin 1956 ff., Bd. 8, S. 115.

8 B. H. F. Taureck, Wachstum über alles – Die Karriere einer Metapher. SWR 2, 24.09.2009, S. 3: http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/- /id=4737462/property=download/nid=660374/pj46hw/swr2-wissen-20090524.pdf.

9 Diesen Grabspruch des Hl. Ignatius von Loyola (1491-1556) stellte F. Hölderlin seinem Hyperion voran. © für die dt. Übersetzung: Konstantin Sakkas.

10 I. Kant, Kritik der Urteilskraft, in: Werke in sechs Bänden, hrsg. v. W. Weischedel, Darmstadt 1957, Bd. 5, S. 242 ff.

11 Arendt, S. 314.

12 Vgl. K. Sakkas, Was soll ich tun? Anmerkungen zur menschlichen Existenz. Deutschlandradio Kultur, 29.4.2011: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1445386/

13 M. Proust, Guermantes (= Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Bd. 3), dt. v. E. Rechel-Mertens, Frankfurt/Main 2004, S. 446.

14 Vgl. K. Sakkas, Zur Besinnung kommen Gedanken zu Hannah Arendts “Vita activa”. Deutschlandradio Kultur, 24.12.2010: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1349376/.

15 Arendt, S. 306.

16 Vgl. Sakkas, Sieg der Entsagung.

17 So Scipio d. J. nach dem Zeugnis Ciceros, zit. n. Arendt, S. 317.

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Obiger Text erschien erstmals im Rahmen der Sendung Aula im SWR 2, 12. Juni 2011.

Header: Kaiser Rudolf II. und Tycho Brahe. Gemälde von Eduard Ender, 1855.