Rassismus statt Geopolitik: Köln und die Folgen

Jetzt hat auch Deutschland seinen Bataclan. Zumindest scheint es so, wenn man sich die Nachrichten der vergangenen Tage und deren Rezeption in den Social Media anschaut. Da sollen in der Silvesternacht Frauen von einem ausländischen Mob in westdeutschen Innenstädten, insbesondere am Kölner Hauptbahnhof, umzingelt, angegriffen und sexuell belästigt beziehungsweise missbraucht worden sein. Über hundert Strafanzeigen seien inzwischen eingegangen, und deutschlandweit übt man sich in Empörung, beteuert, derlei Taten müssten mit der ganzen Härte des Gesetzes verfolgt und bestraft und straffällig gewordene Asylbewerber je nach Strafmaß in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden.

Rassismus als Kompensation außenpolitischer Impotenz

Wir haben es hier mit einer Stimmung zu tun, die typisch ist für Länder, die zu groß sind, um das beschauliche Leben einer Schweiz unter den Völkern zu führen, aber zu klein, um aktiv Weltpolitik zu betreiben wie die USA, Russland oder die Volksrepublik China. Man spürt die eigene Ohnmacht auf dem geopolitischen Parkett, spürt den Mangel an politischer Identität, insbesondere bei uns in Deutschland, dessen Geschichte als geeinter Staat erst vor eineinhalb Jahrhunderten begann und die nach gerade einmal der Hälfte dieser Zeit schon einen so empfindlichen Einschnitt erlitt, dass sich heute gleichsam niemand mehr traut, laut “Deutschland” zu sagen – und kompensiert diese schlechte Gefühl, dieses Empfinden der politischen Impotenz und Indolenz im Großen mit der Pflege von Ressentiments im eigenen kleinen Kosmos, mit der gewaltsamen Exklusion “anderer”, “Fremder” aus dem urplötzlich als politische Entität entdeckten eigenen “Volkskörper”.

Es gibt keinen “Volkskörper”. Es gibt nur Kulturräume

Nun gibt es einen solchen Volkskörper natürlich gar nicht. Es gibt Menschen, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Glaubensbekenntnisses, unterschiedlicher Weltanschauung und, natürlich, unterschiedlicher kultureller Prägung – aber Menschen sind sie nun einmal alle.

Die Großeltern des Autors dieser Zeilen waren einfache griechische und bayrische Landleute, hart arbeitend, ehrlich lebend, hineingezogen in die Malströme ihrer Zeit durch den Ratschluss der großen Politik, zu der ihnen soziologisch und womöglich auch intellektuell jeder realistische Zugang fehlte. Wenig deutete darauf hin, dass ihr Enkel das Kommentieren dieser großen Politik, die sie zu Opfern und Tätern wider Willen in Kriegen und Bürgerkriegen machte,  einmal zu seinem Beruf, zu seinem Broterwerb machen würde. Die Sprache, derer ich mich bediene: dieses hochgezüchtete, phrasenreiche und selbstgefällige akademische Idiom der deutschen Bildungsoberschicht, das ich mir in meinem öffentlichen und privaten Umfeld angeeignet habe, würden sie vermutlich gar nicht verstehen. Gott und der Welt gefällige Menschen waren es, ob sie ihren Trost nun im Kommunistischen Manifest fanden oder in der katholischen Liturgie. Ihre Prägungen waren die ihrer Zeit und ihrer Gesellschaftsschicht, aber es waren sicherlich nicht die ihres Enkels, der in einem Westberliner Villenviertel aufwuchs und den seine Eltern auf so genannte Eliteschulen schickten, auf denen er die Werte der westlichen Welt der Neunzigerjahre kennen und leben lernte.

Diese Werte gab es um 1950 nicht. Überhaupt gab es um 1950 die westliche Welt in ihrem heutigen Verständnis nicht, in Neuilly-sur-Seine oder München-Bogenhausen so wenig wie eben in Zentralgriechenland oder in Niederbayern. Und deshalb ist es falsch und verderblich, historisch gewachsene Unterschiede in Kultur und Mentalität zu ontologisieren, sie ins Rassische oder, wie es heute politisch korrekt heißt: ins Ethnische hin zu rationalisieren.

Ein Akt der Provokation, um die Bevölkerung aufzustacheln?

Wenn Männer nordafrikanischer oder orientalischer Herkunft in einer Silvesternacht am Hauptbahnhof einer mitteleuropäischen Großstadt wirklich in großem Stil Sexualstraftaten unternommen haben sollen, während die Polizei dem tatenlos zusah, um im Anschluss die deutsche Flüchtlingspolitik zu kritisieren und lauthals Abschiebungen, ein “Ende der Flüchtlingspolitik” und dergleichen mehr zu fordern: dann haben wir es nicht mehr bloß mit einem Gegenstand des Strafrechts zu tun, sondern mit einer gezielten Provokation. Es sollen Tatsachen geschaffen werden, die einen rassistischen, fremdenfeindlichen Turnaround in der deutschen Politik legitimieren und die zudem – man hört es schon läuten – den Weg zu mehr Überwachung des öffentlichen und privaten Raums ebnen.

Weil man unfähig ist, Europa nach Außen eine Gestalt zu geben, höhlt man im Innern die europäische Freiheitlichkeit aus

Immer seit dem Revolutionszeitalter war Rassismus die Medizin, die Regierungen dem Volk verabreichten, um es abzulenken von ihrem Versagen oder Nichtgenügen auf dem großen Welttheater, über das der Zeitungsleser gestern wie heute ohnehin nach Tunlichkeit im Unklaren gelassen wird. Anstatt selbst eine europäische Agenda aufzulegen und die große Politik im Nahen Osten, der nichts anderes ist als Europas Osten, als unser geistiges Homeland, aus dem Homer und Jesus von Nazareth kamen und wo Alexander und Napoleon ihre Schlachten schlugen, nicht länger oder wenigstens nicht mehr ausschließlich den USA und Russland zu überlassen, schafft unsere Politik, so scheint es doch, künstliche Anlässe, um Verschärfungen des materiellen öffentlichen Rechts durchzusetzen, die in letzter und schärfster Konsequenz uns selber treffen werden. Weil man unfähig ist, Europa eine nach außen sichtbare Gestalt zu geben, höhlt man im Innern den Liberalismus, höhlt man jene Freiheitlichkeit aus, die Europa so schön und so groß und so lebenswert macht.

Ich möchte nicht in einem Deutschland leben, in dem ein pornografischer Rassismus wieder auf den Titelseiten ausgelebt werden darf

Ich möchte nicht in einem Deutschland leben, in dem bald wieder in Streicherscher Manier ein pornografischer Rassismus auf den Titelseiten ausgelebt werden darf. Ich möchte nicht in einem Deutschland leben, in dem Woche für Woche Mordanschläge auf die Bewohner von Flüchtlingsheimen verübt werden, darunter zahllose wehrlose Frauen und ihre kleinen Kinder. Ich möchte nicht in einem Deutschland leben, in dem ein rassistischer Mob vielleicht bald wieder Ausländer durch die Straßen vor sich hertreibt, denen Schilder mit Aufschriften wie “Ich nehm’ als Flüchtlingsjunge immer nur deutsche Mädchen mit aufs Zimmer” oder dergleichen krankem Unsinn um den Hals gehängt sind. Ich wünsche mir ein starkes Deutschland, kein rassistisches.

Tausend Grünwalder Mädels werden vermutlich Jahr für Jahr auf der Toilette des P 1 von blonden, blauäugigen Jungs aus ihrer Nachbarschaft vergewaltigt, ohne dass es in der Presse darüber einen Aufschrei gibt. Tausend deutsche, oder jedenfalls nicht-nordafrikanische und nicht-orientalische, Familienväter vergehen sich, ob in Stuttgart-Bad Canstatt oder in Berlin-Marzahn, Jahr für Jahr an ihren minderjährigen Töchtern und Söhnen, Nichten und Neffen, ohne dass diese Taten aufgeklärt würden. Es gibt in Deutschland, wie in allen westlichen Staaten, eine eklatant hohe Rate unaufgeklärter Fälle physischer und psychischer Gewalttaten, die Mütter an ihren Kindern begehen und über die so gut wie nicht berichtet wird.

Sexuelle Gewalt hat per se nichts mit Immigration zu tun

Wenn mir als Polizeipräsident einer deutschen Großstadt gemeldet wird, dass sich irgendwo eine Massenvergewaltigung anbahnt, dann schicke ich dort meine Einsatzkräfte hin, stelle die öffentliche Sicherheit und Ordnung wieder her und nehme die Opfer, die tatsächlichen wie die potenziellen, in meine Obhut. Wenn mich als bevollmächtigten Beamten der Ausländerbehörde die örtliche Staatsanwaltschaft über ein laufendes Strafverfahren gegen einen Asylbewerber oder Geduldeten informiert, das womöglich mit einer Bestrafung enden könnte, die dem Gesetz nach die Ausweisung aus Deutschland nach sich zu ziehen hätte: dann werde ich dies als gesetzestreuer Beamter veranlassen und durchführen, wenn der Betreffende denn nun rechtskräftig bestraft wird. Dazu brauche ich kein rassepornografisches Gejaule.

“Die Ausländer” können nichts dafür, dass die großen Konzerne seit einem Vierteljahrhundert ihre Gewinne thesaurieren, während die westliche Bevölkerung verarmt

Wir haben in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren unsere Armee faktisch abgeschafft. Wir haben durch unsere Griechenlandpolitik Europa gespalten. Wir haben bis heute keinen valablen Vorschlag zur Reform unseres Wirtschaftslebens vorgelegt, mit der Folge, dass die Bevölkerung rasant verarmt, was nun – natürlich – “den Ausländern” in die Schuhe geschoben werden soll. Aber “die Ausländer” können gewiss nichts dafür, dass die großen westlichen Blue Chips seit fünfundzwanzig Jahren ihre Gewinne thesaurieren, während sowohl die Lohnsumme als auch die Beschäftigtenquote konstant sinken. “Die Ausländer” können nichts dafür, dass die Bewohner Ostdeutschlands fünfundzwanzig Jahre nach der Einheit immer noch wie Deutsche zweiter Klasse behandelt werden. Und “die Ausländer” können auch nichts dafür, dass einige der Ihren Unziemlichkeiten oder Gewalttaten gegen Frauen begehen (seien es “deutsche” Frauen oder andere).

Was uns zu interessieren hat, ist die Weltpolitik, ist die Frage nach der Rolle des Orients zwischen Fernost (China) und europäischem Stammland, ist die Frage nach einer orientalischen EU-Erweiterung, ist die Frage nach Stabilität im Nahen Osten. Syrien, der Irak und Ägypten waren unter Assad, Saddam und Mubarak blühende Länder, in ihnen herrschte nach jahrhundertelanger Unterdrückung wieder der Geist Assurs und Babylons, der Geist der Pharaonen. Der Islam war dort immer eingefärbt und abgemildert durch das spezielle Kolorit der heiteren, weltzugewandten und kulturell produktiven levantinischen Mentalität. Auch haben Juden und Muslime dort über tausend Jahre lang ungestört nebeneinander gelebt, während es den Rhein entlang das ganze Mittelalter hindurch blutige Pogrome gab, die mit der Vertreibung der Juden nach Polen endeten und die nach den polnischen Teilungen im späten achtzehnten Jahrhundert, als die Nachfahren dieser Juden wieder Untertanen deutscher Staaten wurden, und dem Erwachen des deutschen Nationalgefühls im neunzehnten eine traurige Renaissance erlebten mit einem Gipfelpunkt, der allseits bekannt ist.

Ein pöbelhafter Neorassismus ist ein Verbrechen und ein Fehler

Dieser Orient wartet nur darauf, dass Europa mit dem reichen und noch mächtigen Deutschland an der Spitze sich in die große Politik einschaltet und ordnend eingreift ins Chaos. Er wartet nur darauf, befreit zu werden aus der türkisch-arabischen Umklammerung und wieder frei atmen zu können, politisch souverän, wirtschaftlich autonom. Er wartet auf ein geopolitisch agierendes Europa, denn dieses, Europa, hat im Orient credibility, nicht die USA, nicht Russland – nicht, weil diese nicht auch Teile Europas wären, denn natürlich sind sie das; aber weil sie territorial, geistig und geschichtlich mit dem Orient nicht so eng verbunden sind wie eben Kontinentaleuropa. Als West- und Ostrom waren Europa und der Orient einst die beiden Flügel einunddesselben Körpers, versinnbildlicht im byzantinischen Doppeladler. Europa aber, und das heißt: Deutschland muss außenpolitisch wieder attraktiv werden. Und genauso wie das schlichte “Refugees welcome” hierzu nicht ausreichend war, genauso ist die rassistische Hetze heute, ein halbes Jahr später, der falsche Weg.

Ein pöbelhafter Neorassismus, akklamiert von rechts und mehr und mehr auch von links, ist menschenfeindlich und apolitisch in einem. Er wäre un crime et une faute, ein Verbrechen und ein Fehler, um es mit den Worten Fouchés, des Polizeiministers Napoleons, zu sagen. Ein Staat aber, der das Land den Interessen schwerreicher Minoritäten ausliefert; der von Geopolitik nichts wissen will; der die eigene Armee faktisch abgeschafft und damit die außenpolitische Wehrkraft des Landes geschwächt hat; der aber andererseits mithilfe eines billigen Tricks die Leserinnen der Emma und die Leser des Spiegel ins Boot eines pornografisch angeheizten Rassismus holen will, um unter diesem Mäntelchen Freiheitsrechte peu à peu außer Kraft zu setzen: ein solcher Staat handelte weder deutsch noch europäisch, weder kraftvoll noch konservativ, sondern eben – fehlerhaft und kriminell.

 

Header: Gedenktafel an der Bushaltestelle “Zehlendorf Eiche”, Berlin-Zehlendorf: “Im Mai 1732 begrüßte König Friedrich Wilhelm I. in Zehlendorf aus Salzburg vertriebene Protestanten. “Mir neue Söhne – Euch ein mildes Vaterland!” An diesem Ort verbrachte der Autor während seiner Schulzeit viele Stunden seines Lebens beim Warten auf den Bus.

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