Das Dritte Reich und die Drogen

Norman Ohler: Der totale Rausch

Norman Ohlers Buch über Drogen im Dritten Reich als Meisterwerk zu bezeichnen, ist keine Übertreibung. Sicher ist das Wissen um den Drogenkonsum in Wehrmacht und NS-Führungsclique längst kein Geheimwissen mehr; sicher ist der Siegeszug, den der Chrystal-Meth-Vorläufers Pervitin bei Usern wie Heinrich Böll oder Hitler selbst erlebte, mittlerweile gemeinhin bekannt. Aber ein umfassendes Werk, das fundiert und dabei ausgesprochen literarisch geschrieben (was ein Kompliment ist) die Rolle, die Rauschmittel im und für den Nationalsozialismus spielten, quantitativ und qualitativ bewertet, gab es bislang in deutscher Sprache noch nicht. Ohler, Jahrgang 1970 und bisher als Belletrist hervorgetreten, hat nun das einschlägige Referenzwerk hierzu geschaffen und damit ein wahrhaftes Desiderat befriedigt – volle siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur. Man sieht daran, wie sehr und wie lange Deutschland von dieser ganz speziellen Banalität dieses, seines Bösen nichts wissen wollte.

Ohler schreibt schneidig und elegant, nicht reißerisch und platt. Das verdient Erwähnung, denn klassische Geschichtsliteratur in Deutschland leidet traditionell an einem bräsigen, bemüht unspektakulären Stil, scheut den großen Bogen und liebt die Langeweile aus Angst, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Ohler lehnt sich aus dem Fenster – aber er fällt nicht heraus

Ohler lehnt sich aus dem Fenster, aber er fällt nicht aus ihm heraus. Seine faktizitären Erkenntnisse sind sauber recherchiert, belegt durch Archivfunde, die er seinem Text immer wieder im Faksimile anheftet; wo es sich aber um Behauptungen und Hypothesen handelt, da macht er dies auch kenntlich. Nur ein unaufmerksamer Leser – dergleichen soll es freilich geben – könnte dem Autor vorwerfen, er verkaufe pure Behauptungen als fraglos gesicherte Erkenntnisse.

Etwa anhand der Frage, ob und in welchem Maße Hitler 1944 und 45 vom Schmerzmittel Eukodal abhängig war, einem Heroin-Vorläufer, den Dr. Theo Morell, des Diktators vierschrötiger Leibarzt, immer wieder explizit verordnete, während er sich sonst, so Ohlers These, möglicherweise unter der ominösen Chiffre X verborgen habe, die sich seit Mitte des Krieges beinahe täglich in Morells minutiös geführtem Medikationstagebuch findet. Bis heute ist nicht ganz geklärt, in welchem Ausmaß Hitler dem Eukodal zusprach. Dass er aber mit der Droge, ebenso wie mit Kokain, vertraut war (womit übrigens auch der Mythos vom Abstinenzler Hitler flagrant widerlegt wäre), ist historisch sicher:

Kokain und Eukodal – die Führermischung, der Cocktail in Hitlers Blut, mutierte in diesen Wochen zum klassischen Speedball: Die sedierende Wirkung des Opioids glich der aufputschende Effekt des Kokains wieder aus. Enorme Euphorie und bis in die letzte Körperfaser empfundene Hochgefühle werden als Wirkung dieses pharmakologischen Zweifrontenangriffs beschrieben, bei dem zwei potente, sich biochemisch entgegenstehende Moleküle um die Vormachtstellung im Körper kämpfen.

Dr. Theo Morell war von 1936 bis April 1945 offizieller Leibarzt Hitlers und vermochte sich in dieser Stellung unentbehrlich zu machen. Parallel zu seiner Tätigkeit in der Entourage des Führers etablierte er sich als Pharmaunternehmer, sammelte Dotationen, Titel und Ehrenränge, darunter – natürlich – die Professur ehrenhalber. Seine Eigenschaft als Arzt verschaffte ihm unbeschränkten und vor allem täglichen Zugang zu Hitler – ein Privileg, in dessen Genuss selbst hohe und höchste politische Funktionsträger im Dritten Reich mit seinem notorischen Kompetenzchaos umso weniger mehr kamen, je länger der Krieg dauerte, von Goebbels und Bormann vielleicht abgesehen.

Unumstritten war Morells Position dabei zu keiner Zeit. Vor allem aus den Reihen der SS, vom “Reichsärzteführer” und SS-General Leonardo Conti bis zu Reichsführer Himmler höchstselbst, warf man dem promovierten Mediziner Morell, der sich früh auf die Verschreibung alternativer Präparate verlegte, immer wieder Quacksalbertum vor. Nach Kriegsende fand die Ansicht Verbreitung, Morell sei für Hitlers schlechten Gesundheitszustand verantwortlich gewesen und habe ihn überhaupt erst drogenabhängig gemacht – eine Meinung, die sich bis heute hält.

Diese geistig, moralisch und nervlich durch und durch defizitären Charaktere bedurften ständig der künstlichen Aufputschung, um sich bei Kräften und den von ihnen angezettelten Terror am Laufen zu halten

Ohler kehrt den Spieß um. Er fragt vielmehr danach, wie viele Anteile am Phänomen Hitler seinem politischen Charakter und wie viele seinem Drogenkonsum zuzuschreiben seien, und kommt zu dem Schluss, das Genie des Nationalsozialismus, um ein Wort Joachim Fests abzuwandeln, sei weder Vision, noch Kraft, sondern schlicht ein ungezügelter Drogenkonsum gewesen, der das in ihm angelegte Schlechte noch schlechter werden ließ. Damit freilich will er Hitler und seiner Helfer nicht von ihrer Verantwortung entlasten. Nein, Ohler will zeigen, wie primitiv diese Männer waren, wie wenig weit ihr Atem tatsächlich reichte, so wenig, dass diese geistig, moralisch und nervlich durch und durch defizitären Charaktere ständig der künstlichen Aufputschung bedurften, um sich bei Kräften und den von ihnen angezettelten Terror am Laufen zu halten.

Ohler geht weit zurück, bis auf Friedrich Sertürner, der im Jahr 1804 – Napoleon Bonaparte hatte sich gerade zum Kaiser proklamieren lassen, Europa steckte lebensweltlich noch tief im Mittelalter – in einer Offizin im frisch mediatisierten Hochstift Paderborn das Morphium entdeckte – ausgerechnet ein Deutscher, ausgerechnet ein Zeitgenosse Goethes, des Schöpfers des Homunculus, des ewig vom Rausch, vom Übernatürlichen in der Natur Faszinierten.

Der verspäteten Nation Deutschland fehlten mit eigenen Kolonien Tabak und Tee – Ersatz schufen Morphium und Pervitin

Deutschland, die verspätete Nation, kam auch als Kolonialmacht zu spät – Opium, Kaffee, Tabak und Tee bezogen Briten und Franzosen aus ihren Kolonien, während die Deutschen sie teuer einkaufen mussten, und nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurde die Genussmittel- und Rauschgift-Nachschublage für sie vollends katastrophal. Wie in so vielen Bereichen der Volkswirtschaft, hieß auch hier das Zauberwort: Ersatz.

Das Volk der Dichter und Denker, das längst eines der Ingenieure und Pharmazeuten geworden, kompensierte, wie so oft, sein geopolitisches Defizit durch Erfindergeist. Die Berliner Temmler-Werke patentierten im Oktober 1937 Methamphetamin, das unter dem Handelsnamen Pervitin zur deutschen Volksdroge werden sollte. Bis 1941 rezeptfrei, wurde das pillenförmige Präparat zum beliebten Aufputschmittel, gleichermaßen beliebt und konsumiert an der Heimatfront und in der Hauptkampflinie.

Treibende Kraft bei der militärischen Nutzbarmachung der Droge war der Militärarzt Otto Friedrich Ranke, der, ebenfalls im Jahr 1937, zum Leiter des Instituts für Wehrphysiologie an der Militärärztlichen Akademie in Berlin bestellt wurde. Unter der griffigen Oberzeile “Vom Graubrot zum Hirnfood”, die ihm in der traditionell besser durchlüfteten angloamerikanischen Historikerzunft einen Ruf als großartiger Stilist verdienen würde, beschreibt Ohler Rankes Impetus in drastischen Sätzen:

Als führender Wehrphysiologe des Dritten Reiches kannte Ranke einen Hauptfeind, und das waren nicht die Russen im Osten und auch nicht die Franzosen im Westen. Der Gegner, den er zur Strecke bringen wollte, hieß Müdigkeit.

Insgesamt 35 Millionen Dosierungen Pervitin wurden allein während des Frankreichfeldzuges 1940 von Ranke für die Wehrmacht bestellt. Der Fliegeroffizier Johannes Steinhoff, der nach dem Krieg als Inspekteur der Luftwaffe unter Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt berühmt wurde, schildert, wie sich Kampfpiloten im Einsatz aufputschten:

In der Knietasche steckt ein handlanger Leinenstreifen mit einem Zellophanüberzug, unter dem fünf oder sechs milchweiße Tabletten haften, groß wie Schokoladenriegel. Pervitin steht auf dem Streifen. Tabletten gegen Müdigkeit […] Ich öffne die Tasche und reiße erst zwei, dann drei dieser Plättchen von der Unterlage, nehme kurz die Atemmaske vom Gesicht und beginne, die Tabletten zu zerkauen. Sie schmecken abscheulich bitter und sind mehlig, aber zum Nachspülen habe ich nichts.

Leistungssteigerung und Weltflucht

Leistungssteigerung und – Weltflucht – beide Aspekte sind gestern wie heute drogensoziologisch nicht voneinander zu trennen. Das gilt auch für Deutschland, dessen politische Geschichte seit der wilhelminischen Zeit bis zum Untergang 1945 sich affekthistorisch als Wechselbad der Gefühle beschreiben ließe. Die gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen trending lines der Weimarer Zeit erlebten, wie auf so vielen Feldern, auch in puncto Drogenkonsum eine Kontinuität im Nationalsozialismus, mochte der sich auch nach außen steiflippig-abstinenzlerisch geben und Kokain und Morphium als “jüdische Infektion” des ach so natur- und jugendbewegten deutschen Volkskörpers brandmarken. Die politische Geschichte Deutschlands zwischen 1918 und 1945 kann, dies die Quintessenz, die man aus Ohlers Buch guten Gewissens ziehen kann, nicht gedacht noch geschrieben werden ohne eine Kultursoziologie des Drogenkonsums in dieser Zeit.

Die ersten Handreichungen dazu liefern uns die schreibenden und reimenden Zeitgenossen selbst, allen voran Fritz v. Ostini mit seinem heute fast vergessenen, aber damals enorm populären “Neuen Berliner Kommerslied” von 1919. Es erhält in the nutshell alles, was man vulgäranthroplogisch über den state of mind der Deutschen, der “rechten” wie der “linken”, in der Zwischenkriegszeit wissen muss:

Einst ward uns durch den Alkohol,
Das süße Ungeheuer,
Zu Zeiten kannibalisch wohl –
Doch jetzt kommt das zu teuer.
Und wir Berliner greifen drum
Zu Kokain und Morphium –
Mag’s donnern draußen und blitzen,
Wir schnupfen und wir spritzen!

Den Sekt, der so verlockend schäumt,
Genießt nur mehr der Schieber
Und auch vom edlen Rheinwein träumt
Ein Andrer nur im Fieber;
Das Bier, das ist so dünn und leer,
Mit dem bekneipt sich keiner mehr –
Drum, wenn uns Sorgen zupfen,
Wir spritzen und wir schnupfen!

Der Ober bringt im Restaurang
Das Kokadöschen gerne,
Dann lebt man ein paar Stunden lang
Auf einem besseren Sterne;
Das Morphium wirkt (subkutan)
Gar prompt auf das Zentralorgan,
Die Geister zu erhitzen –
Wir schnupfen und wir spritzen!

Die Mittelchen sind zwar verwehrt
Durch das Gesetz von oben,
Doch das was man offiziell entbehrt,
Wird heutzutag geschoben.
So kommt man leicht zur Euphorie –
Und wenn uns wie das liebe Vieh
Die bösen Feinde rupfen –
Wir spritzen und wir schnupfen!

Und spritzt man sich ins Irrenhaus
Und schnupft man sich zu Tode –
Du lieber Gott, was macht das aus
In dieser Weltperiode!
Ein Narrenhaus ist ohnedies
Europa und in’s Paradies
Mag einer gern heut schlupfen
Durch Spritzen und durch Schnupfen!

Rommel, der “Chrystal-Fuchs”

General Rommel, der sich als Kommandeur der 7. Panzerdivision im Frankreichfeldzug den Ruf eines tollkühnen Draufgängers erarbeitete, der mit seiner Truppe unglaubliche Tagesdistancen überwand, wird bei Ohler zum “Chrystal-Fuchs”. Ernst Udet, Flieger-Ass des Ersten Weltkriegs, aber als Generalluftzeugmeister im Reichsluftfahrtministerium heillos überfordert mit der Koordination der deutschen Luftrüstung und unsterblich geworden in der allzu anheimelnden Verschlüsselung als Genral Harras in Zuckmayers “Des Teufels General”, war nicht nur schwerer Alkoholiker, sondern, so Ohler, auch schwer methamphetaminabhängig – freilich eine Neben- bzw. Folgeabhängigkeit, die bei vielen berufstätigen Alkoholikern vorkommt. Und Udets Oberbefehlshaber Hermann Göring verfiel nach dem Morphium, dem klassischen Schmerz- und Betäubungsmittel der Frontkämpfergeneration, dem Kokain, und Ohler schildert in amüsanten Zitaten, wie sich der dicke Reichsmarschall in seiner weißen Uniform mithilfe des ebenso weißen Pulvers durch manch ermüdende Besprechung in seinem wuchtigen Ministeriumsbau, heute Sitz des Bundesfinanzministeriums, kämpfte:

Mitunter war auch das Gesicht des mächtigen Ministers geschminkt, die Fingernägel waren rot lackiert. Häufig kam es bei Besprechungen vor, dass Göring, wenn der Opiatgehalt seines Blutes gesunken war, sich derart derangiert fühlte, dass er abrupt und ohne ein erklärendes Wort den Saal verließ und erst ein paar Minuten später wiederkehrte – in deutlich frischerer Verfassung.

Methamphetamin und Kokain, die Lieblingsdrogen der Jobholder- und Fungesellschaft von heute, waren auch erprobte und beliebte Aufputschmittel des ersten und des letzten Aufgebots in Wehrmacht und Waffen-SS. Die Besatzungen der Kleinst-U-Boote, mit denen Großadmiral Dönitz 1944/45 die Wende im längst verlorenen Atlantikkrieg herbeizwingen wollte, wurden mit einem speziell für sie entwickelten Mix aus Kokain und Methamphetamin ausgestattet.

Drogenerprobung im KZ und Vernichtung durch Arbeit

Getestet wurde das Medikament im berüchtigten Schuhläuferkommando im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg, nördlich von Berlin. Kein Geringerer als Vizeadmiral Hellmuth Heye, nachmals CDU-Abgeordneter und Wehrbeauftragter im Deutschen Bundestag, war verantwortlich für die Erprobung des Drogencocktails in einem der schlimmsten Strafkommandos im nationalsozialistischen KZ-System, in dem Tag für Tag zwanzig oder auch mehr stark unterernährte Häftlinge, gepäckbeladen, in frischem, uneingelaufenem Schuhwerk auf schwer gangbarem, “naturechtem” Untergrund marschierend, zu Tode geschunden wurden, wenn sie nicht vorher unter der unmenschlichen Last zusammenbrachen, woraufhin sie der Schäferhund, den der brutale Aufsichtsführende, ein Beamter des Reichswirtschaftsministeriums, dann auf sie hetzte, zerriss.

Dass die KZ-Insassen zugleich als Versuchskaninchen für hochdosiertes Rauschgift missbraucht wurden, dürfte so noch der harmloseste Teil ihrer Tortur gewesen sein:

Vom 17. bis 20. November 1944 mietete die Marine […] das Schuhläuferkommando an. Am ersten Abend um Punkt halb neun erhielten die Häftlinge von Marinearzt Richert ihre hoch dosierten Drogen: die enorm große Menge von fünfzig bis einhundert Milligram reines Kokain in Pillenform, zwanzig Milligram im Kaugummi oder zwanzig Milligram Pervitin, ebenso als Kaugummi (die etwa siebenfache Dosierung einer herkömmlichen Temmler-Tablette).

Drogenerprobung und Vernichtung durch Arbeit: auch dieses Kapitel lässt Ohler nicht aus, im Gegenteil. Bei allem Potenzial zum Sensationismus, den der Stoff (sic) haben mag, hat man nie, oder nur ganz selten, das Gefühl bei der Lektüre, einen SPIEGEL-Artikel zu lesen. Dafür ist Ohler zu sehr Profi. Und es ist eben kein Argument gegen den Ernst seines Anspruches und seiner Darstellung, wenn er die Haltungen und Handlungen, die kriminellen wie die wunderlichen, zu denen ihr Konsum die decision-makers des Dritten Reiches trieb, immer wieder mit teils fantastisch anmutenden, aber korrekt belegten Anekdoten illustriert:

Am Abend des 6. Juni [1944, K.S.] glaubte Hitler immer noch nicht, dass die Invasion an der Nordatlantikküste tatsächlich stattfand, sondern begnügte sich mit der Vorstellung, dies sei nur ein Scheinangriff […] Doch das traf nicht zu. Wahrhaftig waren die Alliierten gegen Mitternacht auf einer Frontbreite von 50 Kilometern eingebrochen und hatten die Deutschen komplett überrumpelt. Die Westfront war damit eröffnet. Militärisch hatte das Deutsche Reich nun keinerlei Aussichten mehr. Doch gab es da etwas, das Hitler dieser Tage freudig stimmte: Goebbels hatte endlich mit dem Rauchen aufgehört.

 

Auch die Terrorwelle, die nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli desselben Jahres über das Reich schwappte, und sogar den Entschluss zur Ardennenoffensive, technisch und logistisch a priori ein aussichtsloses Unterfangen, führt Ohler auf Hitlers gesteigerten Konsum von Pervitin und Eukodal in diesem Abschnitt des Krieges zurück. Mit großem, fast erheiterndem Realismus und, wenn wir die Wochenschau- und Privataufnahmen von Hitler, die wir im Kopf haben, damit vergleichen, durchaus historisch glaubwürdig illustriert Ohler, wie wir uns den “Führer auf Crack” vorstellen können:

Was die künstlichen Paradiese anging‚ schöpfte der Diktator in diesem letzten Herbst des Krieges und seines Lebens aus dem Vollen. Wenn Patient A in der Lagebesprechung seinen pharmakologisch kreierten Olymp durchschritt, den Hacken dabei zuerst aufsetzte, die Knie durchdrückte, mit der Zunge schnalzte und mit den Händen schlenkerte, kristallklar denken zu können glaubte und sich die Welt so  zurechtlegte‚ wie es sich für sein Führer-High geziemte, war es für die von der bedruckenden Frontsituation mehr als ernüchterten Generäle unmöglich, zu ihm durchzudringen. Die Medikamentierung hielt den Oberbefehlshaber stabil in seinem Wahn, errichtete einen uneinnehmbaren Wall, eine lückenlose Verteidigung, durch die nichts und niemand mehr dringen konnte. Jedes Bedenken wurde von der artifiziell herbeigeführten Zuversicht hinweggewischt.

Freilich: die Quellenlage hierzu ist wenigstens abschnittsweise immer wieder lückenhaft. Doch Ohler weiß seine Mutmaßungen gut zu begründen. Morell verabreichte Hitler wöchentlich zahllose Präparate, teils Inkjektionen, teils Tabletten: neben Vitaminbomben, die er unter dem zeittypisch pompösen Namen “Vitamultin” neben dem Führer über seine eigene Firma auch an gewöhnliche Volksgenossen vertrieb, auch tierische Extrakte zur Nahrungsergänzung, Potenzmittel (sic) und eben – Aufputsch- und Schlafmittel. Gespritzt wurde sowohl intravenös, als auch intramuskulär.

Hitler: ein durch und durch kaputter Charakter, der seine Kaputtheit mit Heroin und Amphetamin am Leben hielt, bis ihm schließlich der Nachschub ausging.

Für den Leistungsabfall, den die meisten Historiker bei Hitler ab der Jahreswende 1944/45 feststellen, hat Ohler eine besondere Erklärung parat. Aufgrund der kriegsbedingt immer prekäreren Versorgungslage konnte der Dealer Morell seinen Kunden Hitler (in den Unterlagen des Leibarztes stets als “Patient A.” paraphiert) nicht mehr mit frischem Stoff versorgen.

Morell passierte nun das Einzige, was einem Dealer nie passieren darf, die Kardinalssünde (sic) der Versorger: den gewohnten Stoff plötzlich nicht mehr zu Verfügung zu haben. ‘Seit 4-5 Tagen ist der Patient äußerst nachdenklich und macht einen müden, unausgeschlafenen Eindruck. Er will versuchen, ohne Beruhigungsmittel auszukommen’, kommentierte Morell den Engpass und fügte beunruhigt hinzu: ‘Führer ist etwas eigenartig zu mir, kurz und in verärgerter Stimmung.’ All dies ist noch kein Beweis, aber es sind Indizien, dass Hitler im letzten Quartal 1944 süchtig geworden war nach Eukodal – und das Betäubungsmittel nun weiterhin ersehnte. […] Das Ende des Endkampfes nahte, und Hitler hatte sein High, seinen Führerrausch unwiederbringlich verloren.

In dieses Bild, wenn es denn wahr ist, fügte sich, dass Hitler einen seiner fatalsten Wutausbrüche ausgerechnet am 22. April erlitt – einen Tag, nachdem er Morell schroff und formlos aus seinen Diensten entlassen hatte. Es war jener durch die Darstellung Bruno Ganz’ in Eichingers “Untergang” unsterblich gewordene Anfall, mit dem der völlig erschöpfte Diktator auf die Meldung reagierte, der ominöse “Angriff Steiner” sei “nicht erfolgt”. Ohler führt diesen finalen Nervenzusammenbruch auf den Wegfall der gewohnten chemischen Stabilisatoren zurück.

Auch Hitlers vermeintliche Leistungsfähigkeit war am Ende so unecht wie alles an dieser verderblichsten Unperson der jüngeren Geschichte

Wie gesagt: man kann diese Darstellung für übertrieben, für zu literarisch oder auch glattweg für unprofessionell halten. In meinen Augen jedoch wahrt Norman Ohler das durch die Gesetze der Wissenschaft vorgeschriebene Dekorum zu jeder Zeit – wohl kaum auch hätte er sich sonst ein Nachwort von einer so unbestrittenen Kapazität wie Hans Mommsen verdient, der nur wenige Monate nach Erscheinen des Buches verstarb.

Mommsen, der einst in den Siebzigerjahren, in Abgrenzung von den kaum verhohlenen Glorifizierungstendenzen der Bullock, Fest und Haffner, die These von Hitler als “schwachem Führer” prägte, ist auch inhaltlich die denkbar beste Referenz, auf die Ohler sich stützen kann. Denn er teilt mit ihm die unemphatische und unpathetische Sicht auf das politische und affektive Phänomen Hitler. Weit davon entfernt, großer Visionär oder auch nur genialischer Stratege und Feldherr zu sein, war Hitler in seinem Handeln, politisch und privat, vor allem dies: ein Verbrecher und ein Drogensüchtiger, ein durch und durch kaputter Charakter, der seine Kaputtheit mit Heroin und Amphetamin auch noch am Leben hielt, bis ihm schließlich der Nachschub ausging. Sogar seine viel beschworene Leistungsfähigkeit, sein vermeintliches Durchhaltevermögen waren am Ende unecht wie so vieles an dieser verderblichsten Unperson der jüngeren Geschichte.

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2015.

Header: Ausschnitt Cover Ohler, Der totale Rausch.

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