100 Jahre Schlacht um Verdun

Am 21. Februar 1916 begann die Schlacht um Verdun. Sie wurde zum Inbegriff des Ersten Weltkriegs, von Stellungskrieg und Materialschlacht, von ungeheuren Verlustziffern und sinnlosem Massensterben. „Blutpumpe“, „Knochenmühle“ – diese Begriffe wurden zu Synonymen für die bis dahin längste und blutigste Schlacht in Europa. Insgesamt 317.000 Soldaten starben, bis die Schlacht am 19. Dezember ohne wesentliches Ergebnis abgebrochen wurde. Dazu kamen fast 400.000 Verwundete, Kranke und Vermisste.Die OHL unter General v. Falkenhayn plante nach den vergeblichen Versuchen in Flandern und Nordostfrankreich, die französische Frontlinie im Süden in Lothringen anzugreifen, dort durchzubrechen und die Front dann „aufzurollen“. Die Festung Verdun, seit dem Mittelalter ein ewiger Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich, hatte eine besondere strategische Bedeutung. Unter Ludwig XIV. hatten die Franzosen ihre Ostgrenze mit einem breiten „Festungsgürtel“ versehen. Diese Festungen wurden nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 ausgebaut. Im Kriegsfall spielten sie eine zentrale Rolle.

Falkenhayns Plan, der im Dezember 1915 unter dem Codenamen „Chi 45“/Operation „Gericht“ von Kaiser Wilhelm II. abgesegnet wurde, sah vor, die Festungsanlagen rund um Verdun unter Ausnutzung des Überraschungseffekts einzunehmen. Dabei sollten die Soldaten auf dem Ostufer der Maas vorrücken, nicht jedoch auf dem Westufer, was von Historikern als schwerer Anfangsfehler angesehen wird.

Am 21. Februar 1916 begann der Angriff. Der französische Oberbefehlshaber Joffre war vorgewarnt worden und hatte um Verdun, das in der Kalkulation des französischen Hauptquartiers eher eine ungeordnete Rolle spielte, Truppen zusammengezogen. In den ersten fünf Tagen machten die Deutschen unter Kronprinz Wilhelm, der dem Projekt Verdun skeptisch gegenüberstand, große Fortschritte. Am 26. Februar kam der Vormarsch ins Stocken. In den nächsten Monaten entbrannten heftige Kämpfe von bis dahin nicht gekannter Brutalität und Verbissenheit. Besonders schwer gerungen wurde um die Forts Douaumont und Vaux, die mehrmals den Besitzer wechselten.

Gesamtstrategisch gab es für die Deutschen während der Kämpfe um Verdun, die sich bis zum 20. Dezember 1916 hinzogen, zwei gewichtige Einschnitte. Im Mai eröffnete der österreichisch-ungarische Generalstabschef Feldmarschall Conrad eine wenig sinnvolle Offensive gegen die Italiener. Die Russen nutzten dies aus und starten im Juni die Brussilow-Offensive im Osten. Infolgedessen musste Falkenhayn vier Divisionen von Verdun abziehen, um den Österreichern zu Hilfe zu kommen.

Am 1. Juli eröffneten die Briten unter Feldmarschall Haig an der Somme nördlich von Verdun eine große Offensive, um die Franzosen zu entlasten. Auch diese neue Offensive zog deutsche Kräfte von Verdun ab. Währenddessen fanden die Kämpfe um die Forts Douaumont und Vaux kein Ende. Der Oberbefehlshaber der 5. Armee, Kronprinz Wilhelm, der von Anfang an gegen die Verdun-Offensive gewesen war, drängte immer mehr auf einen Abbruch der Schlacht.

Inzwischen war am 28. August unter dem Eindruck der russischen Erfolge gegen Österreich Rumänien auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten. Endlich erkannte man im Großen Hauptquartier, dass Falkenhayns strategische Mittel erschöpft waren, und berief ihn ab. An seine Stelle trat Generalfeldmarschall Paul v. Hindenburg, der Sieger von Tannenberg. Ihm zur Seite stand sein Stabschef General Ludendoff als „Erster Generalquartiermeisters“. Als erste Amtshandlung stellten sie die Offensive ein.

Im Oktober begann die französische Gegenoffensive. Erst fiel Fort Douaumont, dann Vaux. Das französische Oberkommando hatte inzwischen den umsichtigen Pétain, den „Helden von Verdun“, durch General Robert Nivelle ersetzt. Nivelle setzte voll auf Offensive, ohne Rücksicht auf die ihm anvertrauten Soldaten. Am 20. Dezember endeten die Kämpfe. Die Deutschen gingen mit einem geringen Geländegewinn aus der Schlacht, viel wesentlicher war aber der Rückzug (Codename „Alberich“) auf die „Siegfriedstellung“, den Ludendorff im Anschluss an Verdun vollzog.

Verdun wurde zum Inbegriff der Grausamkeit des modernen, industrialisierten Krieges. In Frankreich wurde die Schlacht zum nationalen Mythos, in Deutschland zum Symbol sinnlosen Blutvergießens. Die Soldaten der Wehrmacht im II. Weltkrieg fürchteten nichts mehr, als in ein „zweites Verdun“ zu geraten.

Einen Platz in der gesamteuropäischen Erinnerungskultur erhielt Verdun 1984, als Helmut Kohl und François Mitterand einander über den Soldatengräbern von Verdun die Hand reichten. Verdun, das einen Höhepunkt in der jahrhundertealten „Erbfeindschaft“ zwischen beiden Ländern markiert hatte, wurde so umgewandelt zum Symbol der Versöhnung und der europäischen Einigung.
Obiger Text findet sich gedruckt in: Ralf-Georg Reuth (mit Konstantin Sakkas): Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München 2014. © Konstantin Sakkas



Header: Staatspräsident Mitterand und Bundeskanzler Kohl reichen einander vor dem Beinhaus von Douaumont die Hand. Verdun, 22. September 1984. Rechte: Corbis Images 

Zeitenwende 1913. Das Geburtsjahr der Moderne

1913 schließt sich das Tor zur Vergangenheit Alt-Europas und öffnet sich zugleich die Tür zu einer neuen Zeit – es ist das Jahr, in dem sich zwei Epochen in finaler Verdichtung berühren. Blicken wir darauf zurück, sehen wir ein Bild, das unserer heutigen Welt erstaunlich ähnelt
Noch nie in der Geschichte hat sich die Welt in so kurzer Zeit so radikal verändert wie in den 100 Jahren zwischen 1913 und 2013. 1913 war das letzte Jahr des Ancien Régime: Die europäischen Großmächte waren, mit Ausnahme Frankreichs, monarchisch verfasst. Lediglich in England hatte das Parlament weitergehende Kompetenzen, aber selbst dort war das Königshaus einflussreich, wie sich in der Julikrise am Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 zeigte.

Die Gesellschaft war, zumindest oberflächlich, vor allem noch ständisch gegliedert, noch immer bestimmte weitgehend die Geburt, ob man zu den privilegierten Kreisen aus Adel und Bürgertum zählte oder nicht. Unterbürgerlich – das waren 85 Prozent der Gesellschaft; die Eliten, insbesondere in Deutschland, rekrutierten sich aus einem Reservoir adliger und großbürgerlicher Familien, das sich zwar stetig, aber nur langsam erweiterte.

Die große Weltpolitik wurde von den fünf Großmächten England, Deutschland, Frankreich, Russland und Österreich-Ungarn bestimmt; die USA waren zwar damals schon, vor dem Deutschen Reich und Großbritannien, die Wirtschaftsmacht Nummer eins, pflegten aber ihre splendid isolation, die sie erst 1917, mit dem Eintritt in den Weltkrieg aufseiten der Entente, aufgeben sollten – dann aber, um im Handumdrehen die erste und lange Zeit einzige Supermacht der Welt zu werden.

Asien spielte damals als Subjekt von Politik keine Rolle. Indien, heute eine kommende Weltmacht, war britische Kolonie, 1911 hatte sich Georg V in einer bombastischen und sündhaft teuren Zeremonie zum Kaiser von Indien gekrönt. Japan machte seit dem 19. Jahrhundert ehrgeizige Versuche, in der Weltpolitik eine Rolle zu spielen, arbeitete sich aber vorerst an Russland ab, dem größten Staat der Erde, der, unterstützt durch die panslawistische Ideologie in Osteuropa, ein eurasisches Großreich ansteuerte, dessen innenpolitische Probleme aber dem Land keine Ruhe ließen und 1917 schließlich zur kommunistischen Revolution führten. Das kaiserliche China erwachte erst mit der Revolution 1911 aus seinem jahrhundertelangen Dornröschenschlaf, und es sollte weitere 50 Jahre brauchen, bis es auf der Bühne der Weltpolitik als vollwertiger Player auftreten konnte; dennoch sprach man vorausahnend schon damals von der „gelben Gefahr“.

In den europäischen Hauptstädten ahnte man, dass es mit der politischen Dominanz der Alten Welt bald vorbei sein würde. Nach außen freilich schien die alte Ordnung, die sich im 19. Jahrhundert vom Wiener Kongress 1815 über die bürgerlichen Revolutionen 1848 bis zur deutschen Reichseinigung 1871 eingepegelt hatte, fest und unerschütterlich. „Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen“, hatte Deutschlands Kaiser Wilhelm II bei seinem Regierungsantritt 1888 verkündet, meinte damit aber eigentlich die „guten alten Zeiten“, von denen ganz Europa insgeheim hoffte, dass sie ewig dauern würden. Seit 1871 hatte zwischen den europäischen Mächten kein Krieg mehr stattgefunden; stattdessen Wirtschaftswachstum, langsame Öffnung der gesellschaftlichen Schranken, steigender Wohlstand auch für die klein- und unterbürgerlichen Schichten. Europa erlebte 1913 seine halkyonischen Tage.

Andererseits ist 1913 ein vorweggenommenes 2013. Die Wirtschaft war damals international so sehr verflochten, wie es erst nach dem Ende des Kalten Krieges in den neunziger Jahren wieder der Fall sein sollte. Die weltweite familiäre und institutionelle Verflechtung vieler Industriellendynastien stammt aus eben jener Zeit; darin taten sie es den Monarchen gleich, deren Häuser untereinander heirateten und die durch dieses Konnubium die internationale Stabilität zu sichern schienen. Die ehemals stand- und rechtlosen Massen emanzipierten sich, die Arbeiterbewegung, 1913 genau ein halbes Jahrhundert alt, hatte, anstatt blind gegen den Staat zu rebellieren, die Unterschicht behutsam an eben diesen Staat herangeführt, und der Erfolg der Sozialdemokratie bei der Reichstagswahl 1912 bewies eindrucksvoll, dass die Arbeiter zum Staat gehörten und Mitsprache bei der Leitung dieses Staates verlangten. Bismarcks Sozialgesetzgebung, in den 1880er Jahren als Reaktion auf die erstarkende Sozialdemokratie begonnen, ebnete den Weg in den modernen Sozialstaat. Zum 1. Januar 1900 war das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft getreten; es gilt noch heute.

Vielleicht am deutlichsten werden die Gemeinsamkeiten von 1913 und 2013 am Beispiel der technischen Entwicklung. 1913 ist die Zeitscheide, der Dreh- und Angelpunkt in den 200 Jahren zwischen 1813, dem Jahr der Befreiungskriege, und 2013, dem Jahr der Eurokrise. 1813 schlief Europa noch den Schlaf der Gerechten; man heizte mit Holz, leuchtete mit Kerzen, reiste in der Postkutsche auf meistens schlecht oder gar nicht gepflasterten Straßen. Das Impfwesen stand ganz an seinem Anfang, Kindersterblichkeit und Unterernährung waren gang und gäbe.

1913 dagegen war Europa von einem dichten Netz aus Eisenbahnlinien durchzogen, das Reisen mit dem Dampfzug war längst kein Privileg der Wohlhabenden mehr, in der Holzklasse saßen Arbeiter und einfache Soldaten auf dem Weg in ihre Garnison. 1813, nach der Völkerschlacht bei Leipzig, waren die siegreichen Monarchen zu Pferde in die eroberte Stadt eingeritten; 1913 ließ sich Kaiser Wilhelm II, ein Techniknarr wie alle großen Herren seiner Zeit, in der Mercedeslimousine chauffieren, auf dem Grill freilich nicht der Stern, sondern das Hohenzollernwappen.

Die Medizin hatte ungeheure Fortschritte gemacht, schon Rudolf Virchow hatte die erste erfolgreiche Herz-OP durchgeführt, Impfungen und eine immer professionellere Anästhesie verlängerten Jahr für Jahr die durchschnittliche Lebenserwartung. Der Tod im Wochenbett wurde seltener, es gab keine Epidemien mehr, und die Arbeiter verdienten zwar in der Regel immer noch schlecht, hatten aber wenigstens genug zu essen und konnten sich anständig kleiden. 1813 hatte man noch die Nachttöpfe in den Gassen ausgekippt, 1913 gab es großflächig funktionierende Kanalisationen und in immer mehr Wohnungen fließendes Wasser. Hungerperioden, die wie 1816, im „Jahr ohne Sommer“, noch ganz Europa heimgesucht hatten, gehörten nun der grauen Vorzeit an. Der europäische Mensch, der 1789 mit seiner Lebenswelt noch tief im Mittelalter gesteckt hatte, war 1913 in der Moderne angekommen.

Längst fuhr man in den Städten nicht mehr mit der Pferdedroschke, sondern mit der „Elektrischen“; überhaupt war Elektrizität die Technologie der Zukunft. Gaslaternen und Petroleumlampen verschwanden, bald erhellte elektrisches Licht die Straßen, Plätze und öffentlichen Gebäude. „Glühwürmchen, Glühwürmchen flimm’re“ – der Schlager von Paul Lincke tönte aus dem Grammofon in Tanzlokalen und Betrieben. Fotografie und Film waren die Medien der Zeit, und die Monarchen, allen voran der deutsche Kaiser, waren die ersten Medienstars.

Überhaupt, die Medien: Wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch fleißig zensiert, so waren Zeitungen und Zeitschriften am Vorabend des Ersten Weltkriegs in der Unabhängigkeit angekommen. Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte wurden Meinungen „gemacht“, Verleger waren nicht nur schwerreich und gehörten selbstverständlich zum Establishment, sondern konnten mit ihren Erzeugnissen Regierungen stürzen oder wenigstens – wie Maximilian Harden, der mit seiner „Zukunft“ 1906 die Eulenburg-Affäre auslöste und damit Kaiser Wilhelm II an den Rand der Abdankung brachte – in arge Bedrängnis versetzen. Das Analphabetentum war im Zuge der Industrialisierung so gut wie verschwunden, und so gab es zum ersten Mal wirklich so etwas wie eine öffentliche Meinung. Klassische Kabinettspolitik, wie Bismarck sie in seinen ersten Jahren als preußischer Ministerpräsident noch gemacht hatte, wurde da unmöglich. Auch deshalb geriet der Weltkrieg zum ersten modernen „Volkskrieg“: Die Massen waren informiert und wollten mitreden.
Längst fuhr der reiche Landadel in Wien, Berlin und London im Sommer mit dem eigenen Automobil „auf die Länder“, die Industriellenfamilien von heute, ob Großkonzerne oder Mittelstand, legten vielfach in der Hochkonjunktur von 1900 das Fundament für ihren Reichtum. Das Geld, das heute die Welt regiert, ob in den USA oder in Europa, ist oft fünf oder sechs Generationen alt, seine Ursprünge liegen in jener Zeit des aggressiven Wirtschaftswachstums, zwischen 1815 und 1914 flankiert von einer Politik der „balance of power“ ohne größere kriegerische Zwischenfälle. Übrigens etablierte sich auch die Schweiz, um 1850 noch ein bitterarmes Land, als Nibelungenhort der Reichen und Mächtigen, die dort ihr Vermögen vor dem kommenden Gewitter in Sicherheit brachten; Österreichs schöne Kaiserin Elisabeth, die 1898 einem Mordanschlag zum Opfer fiel, war eine der Ersten, die in der Schweiz mit sicherem Instinkt ihre Millionen anlegte.

Der Weltkrieg schließlich, der 1914 überraschend und zugleich von allen erwartet ausbrach, offenbarte vollends, dass man nicht mehr im 19. Jahrhundert lebte. Schon lange war das Telefon als erste Wahl in der Telekommunikation in den Ämtern und Kontoren, aber auch in den Häusern der Wohlhabenden angekommen. Im Krieg schlug dann die Stunde der drahtlosen Kommunikation. Wovon Leonardo da Vinci 400 Jahre zuvor geträumt hatte, war nun Realität: Man kämpfte nicht nur zu Wasser und zu Lande, sondern auch in der Luft und unter Wasser. Luft- und U‑Boot-Waffe entschieden zwar nicht den Krieg, aber sie läuteten das Zeitalter der modernen Kriegstechnologien ein. Ihre kriegerische Nutzung wirkte, wie immer, als gewaltiger Katalysator auf die Entwicklung der Luftfahrt.

Marcel Proust beschrieb in seinem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mit gruseliger Faszination die ersten deutschen Bombenangriffe auf Paris. Die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs durch das Deutsche Reich 1917 rief die USA auf den Plan und legte so eigentlich den Grundstein zur Weltmachtstellung, die Amerika, einmal aus seinem Isolationismus erwacht, in kürzester Zeit erringen sollte. Zugleich schuf er die Voraussetzung für die politische Entwicklung der kommenden 30 Jahre: Was den verbündeten Engländern und Franzosen auf den Schlachtfeldern zwischen Kanalküste und Schweizer Grenze in drei Jahren nicht gelungen war, schafften sie mit Hilfe der materiell himmelhoch überlegenen Amerikaner in sechs Monaten: Deutschland bat um Waffenstillstand, verlor seinen Kaiser und seine Landesfürsten und, wie sich zeigen sollte, seine innere Stabilität. Die Geburtsstunde des „Politikers“ Adolf Hitler hatte geschlagen.
1913 ist das Jahr, in dem alte und neue Zeit einander in finaler Verdichtung berühren. Als am 24. Mai in der Reichshauptstadt Berlin, die sich längst von der niedlichen biedermeierlichen Residenz zur Wirtschafts- und Kulturmetropole von internationalem Rang entwickelt hat, die Hochzeit der Kaisertochter Prinzessin Viktoria Luise mit dem braunschweigischen Thronprätendenten Prinz Ernst August von Hannover gefeiert wird, feiert sich zugleich das alte, monarchische Europa – es sollte die letzte glänzende Zusammenkunft der europäischen Fürsten sein, an ihrer Spitze Wilhelm II und seine beiden Cousins, König Georg V von England und Zar Nikolaus II von Russland. Anlässlich dieses Ereignisses entstand übrigens der erste Farbfilm und lieferte Bilder von Berlins festlich geschmücktem Prachtboulevard Unter den Linden, aufgesessenen Gardekürassieren in schimmernder Rüstung und mit schwarz-weißen Wimpelchen an ihren Paradelanzen.
Auch da also eine Begegnung von Tradition und Moderne, genauso wie bei der Verkündung der Mobilmachung ein Jahr später: Mit altmodisch gesetzten Worten sprach der Kaiser, der den Krieg, genauso wie seine royalen Vettern, nicht wirklich gewollt hatte, zur Bevölkerung vor dem Berliner Stadtschloss: „Wir werden kämpfen bis zum letzten Atemzug von Mann und Ross“ – doch die Rede wurde mithilfe modernster Technik aufgezeichnet und ist als Tondokument bis heute überliefert. Und nicht mehr Rösser sollten im folgenden Krieg die Entscheidung bringen, sondern motorisierte Einheiten, Panzer und Giftgas.

So schließt sich 1913 das Tor zur Vergangenheit Alt-Europas und öffnet sich zugleich die Tür zu einer neuen Zeit, einer Zeit, wie es der Historiker Christian Graf von Krockow formulierte, die nicht mehr „Neuzeit“ ist, sondern eine neue, noch unbekannte und unbenannte Zeit. 1990 war nicht, wie Francis Fukuyama schrieb, das Ende der Geschichte, aber 1914 war der Abschluss der Neuzeit, die mit der Reformation und dem Einzug von Nationalstaat und Kapitalismus begonnen hatte – und gleichzeitig Beginn eines neuen Zeitalters, auf dessen Namen man sich wohl erst in den kommenden Generationen festlegen wird. Wenn wir Heutige auf 1913 schauen, so sehen wir ein Bild, das unserer Welt erstaunlich ähnelt, während die Jahrzehnte und Jahrhunderte davor verblassen, als gehörten sie zu einem anderen, längst vergangenen und vergessenen Strom in der Weltgeschichte.

Doch die Gemeinsamkeiten zwischen heute und gestern reichen noch tiefer. 1913 ist das Abschlussjahr des „fin de siècle“, jener geistigen Strömung, die tief im 19. Jahrhundert, im früh modern gewordenen Paris erwachte und sich nach und nach über das ganze zivilisierte Europa ausbreitete. 1913 ist auch das eigentliche Geburtsjahr einer echten Weltliteratur: Oscar Wilde und Marcel Proust, Musil, Kafka und der junge Brecht, Schnitzler und Kraus, Rilke und Trakl, Stefan Zweig sowie, als melancholischer Nachklang, Joseph Roth – sie zusammen haben das neue Testament der mitteleuropäischen Literatur geschrieben, in einer Verdichtung von Stil, Ausdruck und philosophischem Gestus, die niemals wieder erreicht wurde und die die große Literatur bis in unsere Tage geprägt hat.

Dasselbe gilt von Bildender Kunst und Musik. Der Expressionismus öffnete das Tor zu unserer heutigen Wahrnehmung von Kunst, die sich von der gefälligen Abbildung der Realität verabschiedet hat, um in die Tiefen der Seele zu steigen mit ihren Schlacken und ihrer unharmonischen Verbogenheit. Arnold Schönberg verabschiedete sich mit der Zwölftonmusik vom klassischen Ideal der Diatonik, wie es seit den Tagen Bachs bis zu Bruckner und Mahler unerschütterlich gegolten hatte. Wer immer vom 20. Jahrhundert spricht, bezieht sich auf 1913 und die Vorarbeiten, die damals die geistige Situation der Zeit prägten und eine Strömung lostraten, die noch heute, noch nach 100 Jahren, aktiv und mächtig ist. 1913 ist das eigentliche Geburtsjahr der Moderne.

Alles, was den europäischen Menschen von heute prägt und verstört – die ideologische Orientierungslosigkeit, das Gefühl von (wie es Hannah Arendt nannte) Weltlosigkeit, von absoluter Freiheit des Geistes, die aber eben zugleich völlige Halt- und Hilf­losigkeit bedeutet, ist in jenem Schicksalsjahr 1913 angelegt. Unter ihrem Pionier Sigmund Freud, auf dessen Couch in Wien sich das halbe Großbürgertum „Kakaniens“ behandeln ließ, etablierte sich damals die Psychologie, die irrlichternde Wissenschaft von der menschlichen Seele, die sich bekanntlich keiner Wissenschaft erschließt, als Leitdisziplin der Moderne.

Die Philosophie Friedrich Nietzsches, die keine Philosophie gewesen war, sondern ein einziger Hilfeschrei des erwachsen und damit standlos gewordenen modernen Menschen nach Orientierung und Halt, nach Glauben und Erlösung, beherrschte das europäische Denken in allen seinen Schattierungen und warf in seinen militanten, rassistischen Verhärtungen, die langsam, oben wie unten, in Mode kamen, erste dunkle Schatten. Und die Lehre von Karl Marx breitete sich mit unheimlicher Geschwindigkeit in der ganzen Welt aus, mit der Parole Schillers, die sie zur geschichtlichen Wirklichkeit erhob: „Zu was Besserem sind wir geboren!“

Aber nicht in Europa zündete der bestrickende Gedanke von der Gleichheit aller Menschen, sondern in den Randmächten Russland und China – und genau diese Mächte sind es, die heute, nach 100-jährigem, strammem Aufstieg, nach etlichen Verwerfungen und ungeheuren Opfern, immer mehr den Ton in der Weltpolitik angeben. Gemeinsam mit dem Islam, der mit dem Zerbrechen des Osmanischen Reiches zu seinem geschichtlichen Selbstbewusstsein gelangte, das heute mit unheimlicher Macht seine Stimme erhebt. An diesem Zerbrechen aber, das in der Zeit Napoleons, 100 Jahre zuvor, seinen Anfang genommen hatte und dann schließlich auf dem Balkan seinen Kulminationspunkt erreichte, entzündete sich wiederum 1914 der Erste Weltkrieg – auch hier schließt sich der Kreis zwischen damals und heute, da der Orient durch die arabische Revolution endgültig das postkoloniale Zeitalter hinter sich lässt.

Die Welt von 1913 war, wie der Heilige Augustinus 1500 Jahre zuvor, an einem anderen Epochenbruch, geschrieben hatte, „wie in einem Kelter“: Alles wurde infrage gestellt, alles durcheinandergewirbelt, Stabilität gab es nur noch äußerlich, in den wankenden Machtgebilden, die das 19. Jahrhundert hinterlassen hatte, die aber keinen wirklichen Halt mehr gaben, was die Eliten dieser Mächte am besten wussten. Der Sturm, der damals in den Höhlen hauste, um im Jahr des Kriegsausbruchs 1914 loszubrechen, fegt auch heute noch durch die Welt, freilich mit anderer Richtung und mäßiger Geschwindigkeit. Doch die Ungewissheit von damals ist geblieben, mitsamt jenem brisanten, krisenhaften Gefühlscocktail aus Nervosität und Lethargie, aus Selbstbewusstsein und Angst, aus Aufklärung nach außen und Hilflosigkeit nach innen. Das abgeklärte Wissen um die Souveränität des Menschen in einer Weltgeschichte ohne göttliche Eingriffe, dieses Erbteil des 19. Jahrhunderts, haben wir bezahlt mit dem bangen Nichtwissen, wohin uns diese Geschichte führen wird – 1913 wie 2013.

Dieser Text erschien im Januar 2013 im Magazin CICERO. 

Header: Kronprinz Wilhelm des Deutschen Reiches und von Preußen auf dem Weg zur Hochzeit seiner Schwester Prinzessin Viktoria Luise. Berlin, 24.  Mai 1913. Rechte: picture-alliance / akg-images. 

Der Philhellenismus lebt! Hans-Werner Kroesingers “Graecomania 200 years” im Hebbel am Ufer

Bericht von der Premiere von Hans-Werner Kroesingers Graecomania 200 years am HAU, Berlin, 30. Januar 2016

Der deutsche Philhellenismus lebt. Wer daran Zweifel hatte, dürfte sie nach der Premiere von Hans-Werner Kroesingers “Graecomania 200 years” im Berliner HAU am vergangenen Samstagabend nicht mehr haben. Das Stück, dokumentarisch im Stil, aber literarisch in der Aufführung, ist ein eineinhalbstündiger Parforceritt durch die Geschichte der griechisch-deutschen Beziehungen seit dem griechischen Unabhängigkeitskrieg 1821-1830, als sich Tausende deutscher Männer freiwillig zu den Waffen meldeten, um das Mutterland Europas von der türkischen Fremdherrschaft zu befreien, bis zur aktuellen deutschen Medienhetze gegen die “Pleitegriechen”.

Der deutsche Philhellenismus lebt

Der Autor und sein Werk lassen keinen Zweifel daran, auf wessen Seite ihre Sympathien sind. Vor einer Leinwand, auf die Filmaufnahmen der Akropolis geworfen werden, gruppiert um bzw. auf vier Liegestühlen, die verknappt ein strandtouristisches Setting bedeuten sollen, rezitieren die vier jungen Schauspieler Sina Martens, Mila Dargies, Lajos Talamonti und Niels Heuser die im Programmheft zusammengestellten Texte: aber ihre Rezitation lebt, ist mal emphatisch-bewegt, mal verhalten-statuarisch.

Sina Martens ist der heimliche Star des Abends

Vor allem die umwerfende Sina Martens mit ihrer ansteckend frischen Art und ihrem herrlichen Dutt, der – was für eine Pointe! – Berliner 2.0-Sexiness und das erotische  Ideal der alten Griechen miteinander vereint (bzw. ineinander zusammensteckt), ist der heimliche Star des Abends. Überhaupt ist das Spiel der vier bei dieser Premiere sehr präsent. Das Schöne: sie packen durch Sprache, nicht durch inszenatorische Exzesse.

Während es draußen im schon nächtlichen Berlin in Strömen regnet, erleben wir drinnen – der Saal ist ausverkauft – ein Feuerwerk der philhellenischen Emphase. Von romantisch tenorierenden Zeitungsannoncen aus den frühen 1820er Jahren, die “teutsche Jünglinge” zur Teilnahme am griechischen Befreiungskampf aufrufen, bis zu einem von Martens deklamierten Interview mit Thomas Piketty, worin der französische Starökonom mit den Mythen um die internationale Finanzkrise abrechnet, die planmäßig zu einer Existenzkrise der griechischen Wirtschaft und des griechischen Staates ausgeweitet wurde: alle wesentlichen Aspekte dieser zweihundertjährigen amour fou zwischen Deutschland und Griechenland, diesen zwei verspäteten Nationen, werden in diesem feurigen Parcours berührt.

Zweihundertjährige Amour fou zwischen Deutschland und Griechenland

Besonders skandalös: der Umgang der Adenauerregierung mit der Schuld und den Schulden, die das Deutsche Reich während der dreijährigen Besatzung des Landes angehäuft hat und die ihm, wie von neunundsechzig weiteren Staaten, so auch vom ausgehungerten Griechenland (die Prokopf-Kosten der deutschen Besatzung waren außerhalb Osteuropas nirgends so hoch wie dort) auf dem Londoner Schuldenabkommen von 1953 überwiegend erlassen wurden. Kroesinger, sonst bekannt für einen strikt dokumentarischen Stil in seinen Stücken, lässt bei aller Dichte des Stoffs das darstellerische Element nicht zu kurz kommen und sichert sich so die Aufmerksamkeit der Zuschauer: mal reihen sich die grauen Styroporkisten zum epidaurischen Theater, mal zur antiken Tempelkulisse, und am Ende balanciert die grazile Sina Martens, nachdem sie sich zuvor noch ein paar Euro-Cent-Münzen aus ihren Pumps geholt hat (die Münzen rieselt und regnet es nämlich das ganze Stück hindurch von überallher und überallhin, finden sich, natürlich, auch in den ominösen Kisten zuhauf, und manchmal hat man Angst, die Darsteller möchten damit einander gegenseitig wehtun), einen Turm aus vielleicht zehn solcher Kisten, Sinnbild des Schuldenbergs, für den die Spekulationssucht der geldgebenden Großbanken – daran lassen Stück und Aufführung keinen Zweifel – hauptverantwortlich ist.

Kroesinger rüttelt nicht durch Blut, Schweiß und Tränen auf, sondern durch Worte

Kroesinger rüttelt nicht durch Blut, Schweiß und Tränen auf, sondern durch Worte. Das ist seine Stärke, eine Stärke, deren Wert und Kraft man in Zeiten, die das Regietheater fast schrankenlos dominiert, erst wieder schätzen lernen muss. Tatsächlich ist das Wort, ist das Verbale an diesem Ort die schärfere Waffe, insbesondere da es um den Zwiespalt der beiden wohl wortgewaltigsten Völker Europas geht, des alten und des neuen Gründervolkes europäischer Kultur. Der alte Goethe schrieb am Frauenplan noch Lobeshymnen auf Kanaris und Kolokotronis, zwei Heroen des griechischen Befreiungskampfes, und dies mit deutlich mehr Herzblut, als der notorische Franzosenfreund zehn Jahre zuvor die Befreiungskriege gegen Napoleon kommentiert hatte (bekanntlich verbot er Sohn August die Teilnahme daran).

Doch schon die beiden Londoner Protokolle, unterzeichnet 1830 und 32, suchten den Idealismus und die Aufbruchstimmung, die von Griechenland ausgehend ganz Europa wie ein Lauffeuer durchliefen, einzuhegen, soweit es ging. Die Ermordung des Grafen Ioannis Kapodistrias im September 1831, neben Ypsilantis, der bereits 1828 in österreichischer Festungshaft starb, und dem außerhalb Griechenlands gern vergessenen Rhegas Velestinlis (1757-1798) der wichtigste Kopf der griechischen Unabhängigkeit und ein emphatischer Befürworter einer engeren Bindung Griechenlands an Russland, ist bis heute ein Stachel im kollektiven Gedächtnis Griechenlands; dieser weichenstellende Moment in der neuesten Geschichte des Landes fehlt im Skript. Das ist aber, neben der durchweg sehr “deutschen” Aussprache aller griechischen Eigennamen, auch das einzige Monitum an diesem politisch aufklärenden, literarisch hochwertigen und ästhetisch, das darf man sagen, sehr gelungenen Abend.

Land deutscher Sehnsüchte vom Wittelsbachischen König bis zum Pauschaltouristen

Gräcomanie ist eigentlich ein Schlagwort aus der Kulturgeschichte. Es beschreibt die politische und weltanschauliche Grundhaltung der deutschen Intelligenz zwischen etwa 1770 und 1830 – dies nicht nur die Eckdaten dessen, was der Historiker Reinhart Koselleck als die “Sattelzeit” des deutschen Geistes und Blüte des zweiten Humanismus benannte, sondern zugleich zwei Eckdaten des modernen griechischen nation building: der von Sankt Petersburg aus gesteuerten Orloff-Aufstand, der im Jahr 1770 schnell aufflammte und ebenso schnell scheiterte, und eben die in Griechenland bis heute als solche bezeichnete Revolution, die zwar auch von Russland ausging – in einer legendären Szene, die jedes griechische Kind kennt, überschreitet Prinz Ypsilanti, der Schwarm der Wiener Salonièren der Biedermeierzeit, die Fahne mit dem aus den Flammen auferstehenden Phönix im Arm, den Pruth, damals Grenzfluss zwischen der russischen Ukraine und dem osmanischen Rumänien, das ursprünglich ebenfalls befreit werden sollte -; die 1830 aber schließlich in eine Art Semiprotektorat der beiden Westmächte Frankreich und England über dem neuen Staat mündete, das wider Willen zum absolutistischen Königreich hingemodelt wurde, unter der Regierung freilich des ausgesprochenen Philhellenen Otto von Bayern, dessen Vater Ludwig München in ein Athen an der Isar verwandelte.

Leider sind wir pleite!

Der neue Staat, ausgezehrt durch die vierhundertjährige Fremdherrschaft, ausgeblutet vom Krieg und bitter angewiesen auf die 60 Millionen Franc, die man ihm in London bewilligte, begann seine Schuldnerkarriere im Augenblick seiner juristischen Gründung. Sechzig Jahre später sprach Charilaos Trikoupis sein ikonisches “Leider sind wir pleite” im griechischen Parlament, und auch dieses epische Zitat transponieren die vier auf der Bühne lässig, aber mit der nötigen Gravität vom griechischen ins deutsche kulturelle Bewusstsein, das gern vergisst, dass es die bekannt billigen Urlaubskonditionen von Korfu bis Rhodos auch diesem chronischen Pleitesein verdankt.

Ehrenrettung des deutschen Bildungsbürgertums

Die Nonchalance und Bravour, mit der Kroesinger und sein Cast dem Theaterpublikum Nachhilfeunterricht in Sachen modernes Griechenland erteilen, täuschen zugleich nicht darüber hinweg, welche politische Brisanz dem Thema innewohnt, und zwar gestern wie heute. Einst war es der deutsche Sprachprofessor Fallmerayer, der im neunzehnten Jahrhundert die These aufwarf, die Griechen seien im ersten Jahrtausend nach Christus durch die bulgarische Landnahme und orientalische Einwanderung restlos ausgestorben (was erwiesenermaßen falsch ist). Dann kam 1941 der deutsche Feldwebel Erhart Kästner ins Land und fabulierte von den alten Griechen als Ariern (nach dem Krieg machte er, was Kroesinger nur streift, in seinen Büchern einiges wieder gut), während Wehrmacht und SS von 1941 bis 44 ein brutales, menschenverachtendes und ausbeuterisches Besatzungsregime über das Land mit Hunderttausenden Hungertoten, Zehntausenden Ermordeten und zahllosen zerstörten Ortschaften ausübten, das hier eindringlich dokumentiert wird. Und heute? Heute hetzen deutsche Mainstreammedien gegen den “Pleitestaat Griechenland”, während die EU-Troika schlimmste Erinnerungen an Besatzungsterror und Fremdherrschaft wiederaufleben lässt und das Land immer noch unter einer schweren Rezession ächzt, die Hunderttausende menschliche Tragödien hervorbringt.

Aber Griechenland ist nicht totzukriegen. Das ist die Botschaft, die an diesem Abend ausstrahlt von dieser Bühne im verregneten Berlin-Kreuzberg, wo einst der Eiserne Vorhang verlief, an dessen eurasischer Schnittstelle “das Land, wo die Zitronen blühn” (eine wundervolle Parodie auf Goethes Gesang des Harfners liefern Martens und Dargies im Stück) sich befindet, seit im Mythos der kretische Stier die phönizische Prinzessin entführte. Wer sich mit dieser Botschaft intellektuell auseinandersetzen will, dem sei wärmstens das Programmheft empfohlen, das mit seiner Selection der vorgetragenen Texte eine perfekte und bemerkenswert professionelle Handreichung zum griechisch-deutschen Komplex bietet. Hans-Werner Kroesinger aber verdanken wir mit “Graecomania 200 years” nichts weniger als die Ehrenrettung des deutschen Bildungsbürgertums, das schon viel zu lange vor dem schändlichen Umgang der westlichen Welt und insbesondere Deutschlands mit Griechenland seine Augen und Münder verschließt.

 

Graecomania 200 years. HAU 3, Berlin-Kreuzberg. Regie: Hans-Werner Kroesinger. Mit: Mila Dargies, Niels Heuser, Sina Martens, Lajos Talamonti. Raum/Video: Rob Moonen. Ton: Daniel Dorsch/Hanns Narva. Licht: Thomas Schmidt. Konzept/Dramaturgie: Regine Dura. Mitarbeit Bühne: Dominik von Stillfried. Regieassistenz: Chiara Galesi. Produktionsleitung: Maria Kusche. Weitere Vorstellungen: 1.2., 4.-6.2.2016, jw. 20 Uhr.

Header: Der heimliche Star des Abends: Sina Martens, ab der nächsten Spielzeit am Schauspiel Frankfurt, hier mit Niels Heuser, Lajos Talamonti, Mila Dargies (v.l.), in der Premierenaufführung von Graecomania 200 years, 30. Januar 2016, HAU 3, Berlin. Bildrechte: David Baltzer