Zeitenwende 1913. Das Geburtsjahr der Moderne

1913 schließt sich das Tor zur Vergangenheit Alt-Europas und öffnet sich zugleich die Tür zu einer neuen Zeit – es ist das Jahr, in dem sich zwei Epochen in finaler Verdichtung berühren. Blicken wir darauf zurück, sehen wir ein Bild, das unserer heutigen Welt erstaunlich ähnelt
Noch nie in der Geschichte hat sich die Welt in so kurzer Zeit so radikal verändert wie in den 100 Jahren zwischen 1913 und 2013. 1913 war das letzte Jahr des Ancien Régime: Die europäischen Großmächte waren, mit Ausnahme Frankreichs, monarchisch verfasst. Lediglich in England hatte das Parlament weitergehende Kompetenzen, aber selbst dort war das Königshaus einflussreich, wie sich in der Julikrise am Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 zeigte.

Die Gesellschaft war, zumindest oberflächlich, vor allem noch ständisch gegliedert, noch immer bestimmte weitgehend die Geburt, ob man zu den privilegierten Kreisen aus Adel und Bürgertum zählte oder nicht. Unterbürgerlich – das waren 85 Prozent der Gesellschaft; die Eliten, insbesondere in Deutschland, rekrutierten sich aus einem Reservoir adliger und großbürgerlicher Familien, das sich zwar stetig, aber nur langsam erweiterte.

Die große Weltpolitik wurde von den fünf Großmächten England, Deutschland, Frankreich, Russland und Österreich-Ungarn bestimmt; die USA waren zwar damals schon, vor dem Deutschen Reich und Großbritannien, die Wirtschaftsmacht Nummer eins, pflegten aber ihre splendid isolation, die sie erst 1917, mit dem Eintritt in den Weltkrieg aufseiten der Entente, aufgeben sollten – dann aber, um im Handumdrehen die erste und lange Zeit einzige Supermacht der Welt zu werden.

Asien spielte damals als Subjekt von Politik keine Rolle. Indien, heute eine kommende Weltmacht, war britische Kolonie, 1911 hatte sich Georg V in einer bombastischen und sündhaft teuren Zeremonie zum Kaiser von Indien gekrönt. Japan machte seit dem 19. Jahrhundert ehrgeizige Versuche, in der Weltpolitik eine Rolle zu spielen, arbeitete sich aber vorerst an Russland ab, dem größten Staat der Erde, der, unterstützt durch die panslawistische Ideologie in Osteuropa, ein eurasisches Großreich ansteuerte, dessen innenpolitische Probleme aber dem Land keine Ruhe ließen und 1917 schließlich zur kommunistischen Revolution führten. Das kaiserliche China erwachte erst mit der Revolution 1911 aus seinem jahrhundertelangen Dornröschenschlaf, und es sollte weitere 50 Jahre brauchen, bis es auf der Bühne der Weltpolitik als vollwertiger Player auftreten konnte; dennoch sprach man vorausahnend schon damals von der „gelben Gefahr“.

In den europäischen Hauptstädten ahnte man, dass es mit der politischen Dominanz der Alten Welt bald vorbei sein würde. Nach außen freilich schien die alte Ordnung, die sich im 19. Jahrhundert vom Wiener Kongress 1815 über die bürgerlichen Revolutionen 1848 bis zur deutschen Reichseinigung 1871 eingepegelt hatte, fest und unerschütterlich. „Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen“, hatte Deutschlands Kaiser Wilhelm II bei seinem Regierungsantritt 1888 verkündet, meinte damit aber eigentlich die „guten alten Zeiten“, von denen ganz Europa insgeheim hoffte, dass sie ewig dauern würden. Seit 1871 hatte zwischen den europäischen Mächten kein Krieg mehr stattgefunden; stattdessen Wirtschaftswachstum, langsame Öffnung der gesellschaftlichen Schranken, steigender Wohlstand auch für die klein- und unterbürgerlichen Schichten. Europa erlebte 1913 seine halkyonischen Tage.

Andererseits ist 1913 ein vorweggenommenes 2013. Die Wirtschaft war damals international so sehr verflochten, wie es erst nach dem Ende des Kalten Krieges in den neunziger Jahren wieder der Fall sein sollte. Die weltweite familiäre und institutionelle Verflechtung vieler Industriellendynastien stammt aus eben jener Zeit; darin taten sie es den Monarchen gleich, deren Häuser untereinander heirateten und die durch dieses Konnubium die internationale Stabilität zu sichern schienen. Die ehemals stand- und rechtlosen Massen emanzipierten sich, die Arbeiterbewegung, 1913 genau ein halbes Jahrhundert alt, hatte, anstatt blind gegen den Staat zu rebellieren, die Unterschicht behutsam an eben diesen Staat herangeführt, und der Erfolg der Sozialdemokratie bei der Reichstagswahl 1912 bewies eindrucksvoll, dass die Arbeiter zum Staat gehörten und Mitsprache bei der Leitung dieses Staates verlangten. Bismarcks Sozialgesetzgebung, in den 1880er Jahren als Reaktion auf die erstarkende Sozialdemokratie begonnen, ebnete den Weg in den modernen Sozialstaat. Zum 1. Januar 1900 war das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft getreten; es gilt noch heute.

Vielleicht am deutlichsten werden die Gemeinsamkeiten von 1913 und 2013 am Beispiel der technischen Entwicklung. 1913 ist die Zeitscheide, der Dreh- und Angelpunkt in den 200 Jahren zwischen 1813, dem Jahr der Befreiungskriege, und 2013, dem Jahr der Eurokrise. 1813 schlief Europa noch den Schlaf der Gerechten; man heizte mit Holz, leuchtete mit Kerzen, reiste in der Postkutsche auf meistens schlecht oder gar nicht gepflasterten Straßen. Das Impfwesen stand ganz an seinem Anfang, Kindersterblichkeit und Unterernährung waren gang und gäbe.

1913 dagegen war Europa von einem dichten Netz aus Eisenbahnlinien durchzogen, das Reisen mit dem Dampfzug war längst kein Privileg der Wohlhabenden mehr, in der Holzklasse saßen Arbeiter und einfache Soldaten auf dem Weg in ihre Garnison. 1813, nach der Völkerschlacht bei Leipzig, waren die siegreichen Monarchen zu Pferde in die eroberte Stadt eingeritten; 1913 ließ sich Kaiser Wilhelm II, ein Techniknarr wie alle großen Herren seiner Zeit, in der Mercedeslimousine chauffieren, auf dem Grill freilich nicht der Stern, sondern das Hohenzollernwappen.

Die Medizin hatte ungeheure Fortschritte gemacht, schon Rudolf Virchow hatte die erste erfolgreiche Herz-OP durchgeführt, Impfungen und eine immer professionellere Anästhesie verlängerten Jahr für Jahr die durchschnittliche Lebenserwartung. Der Tod im Wochenbett wurde seltener, es gab keine Epidemien mehr, und die Arbeiter verdienten zwar in der Regel immer noch schlecht, hatten aber wenigstens genug zu essen und konnten sich anständig kleiden. 1813 hatte man noch die Nachttöpfe in den Gassen ausgekippt, 1913 gab es großflächig funktionierende Kanalisationen und in immer mehr Wohnungen fließendes Wasser. Hungerperioden, die wie 1816, im „Jahr ohne Sommer“, noch ganz Europa heimgesucht hatten, gehörten nun der grauen Vorzeit an. Der europäische Mensch, der 1789 mit seiner Lebenswelt noch tief im Mittelalter gesteckt hatte, war 1913 in der Moderne angekommen.

Längst fuhr man in den Städten nicht mehr mit der Pferdedroschke, sondern mit der „Elektrischen“; überhaupt war Elektrizität die Technologie der Zukunft. Gaslaternen und Petroleumlampen verschwanden, bald erhellte elektrisches Licht die Straßen, Plätze und öffentlichen Gebäude. „Glühwürmchen, Glühwürmchen flimm’re“ – der Schlager von Paul Lincke tönte aus dem Grammofon in Tanzlokalen und Betrieben. Fotografie und Film waren die Medien der Zeit, und die Monarchen, allen voran der deutsche Kaiser, waren die ersten Medienstars.

Überhaupt, die Medien: Wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch fleißig zensiert, so waren Zeitungen und Zeitschriften am Vorabend des Ersten Weltkriegs in der Unabhängigkeit angekommen. Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte wurden Meinungen „gemacht“, Verleger waren nicht nur schwerreich und gehörten selbstverständlich zum Establishment, sondern konnten mit ihren Erzeugnissen Regierungen stürzen oder wenigstens – wie Maximilian Harden, der mit seiner „Zukunft“ 1906 die Eulenburg-Affäre auslöste und damit Kaiser Wilhelm II an den Rand der Abdankung brachte – in arge Bedrängnis versetzen. Das Analphabetentum war im Zuge der Industrialisierung so gut wie verschwunden, und so gab es zum ersten Mal wirklich so etwas wie eine öffentliche Meinung. Klassische Kabinettspolitik, wie Bismarck sie in seinen ersten Jahren als preußischer Ministerpräsident noch gemacht hatte, wurde da unmöglich. Auch deshalb geriet der Weltkrieg zum ersten modernen „Volkskrieg“: Die Massen waren informiert und wollten mitreden.
Längst fuhr der reiche Landadel in Wien, Berlin und London im Sommer mit dem eigenen Automobil „auf die Länder“, die Industriellenfamilien von heute, ob Großkonzerne oder Mittelstand, legten vielfach in der Hochkonjunktur von 1900 das Fundament für ihren Reichtum. Das Geld, das heute die Welt regiert, ob in den USA oder in Europa, ist oft fünf oder sechs Generationen alt, seine Ursprünge liegen in jener Zeit des aggressiven Wirtschaftswachstums, zwischen 1815 und 1914 flankiert von einer Politik der „balance of power“ ohne größere kriegerische Zwischenfälle. Übrigens etablierte sich auch die Schweiz, um 1850 noch ein bitterarmes Land, als Nibelungenhort der Reichen und Mächtigen, die dort ihr Vermögen vor dem kommenden Gewitter in Sicherheit brachten; Österreichs schöne Kaiserin Elisabeth, die 1898 einem Mordanschlag zum Opfer fiel, war eine der Ersten, die in der Schweiz mit sicherem Instinkt ihre Millionen anlegte.

Der Weltkrieg schließlich, der 1914 überraschend und zugleich von allen erwartet ausbrach, offenbarte vollends, dass man nicht mehr im 19. Jahrhundert lebte. Schon lange war das Telefon als erste Wahl in der Telekommunikation in den Ämtern und Kontoren, aber auch in den Häusern der Wohlhabenden angekommen. Im Krieg schlug dann die Stunde der drahtlosen Kommunikation. Wovon Leonardo da Vinci 400 Jahre zuvor geträumt hatte, war nun Realität: Man kämpfte nicht nur zu Wasser und zu Lande, sondern auch in der Luft und unter Wasser. Luft- und U‑Boot-Waffe entschieden zwar nicht den Krieg, aber sie läuteten das Zeitalter der modernen Kriegstechnologien ein. Ihre kriegerische Nutzung wirkte, wie immer, als gewaltiger Katalysator auf die Entwicklung der Luftfahrt.

Marcel Proust beschrieb in seinem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mit gruseliger Faszination die ersten deutschen Bombenangriffe auf Paris. Die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs durch das Deutsche Reich 1917 rief die USA auf den Plan und legte so eigentlich den Grundstein zur Weltmachtstellung, die Amerika, einmal aus seinem Isolationismus erwacht, in kürzester Zeit erringen sollte. Zugleich schuf er die Voraussetzung für die politische Entwicklung der kommenden 30 Jahre: Was den verbündeten Engländern und Franzosen auf den Schlachtfeldern zwischen Kanalküste und Schweizer Grenze in drei Jahren nicht gelungen war, schafften sie mit Hilfe der materiell himmelhoch überlegenen Amerikaner in sechs Monaten: Deutschland bat um Waffenstillstand, verlor seinen Kaiser und seine Landesfürsten und, wie sich zeigen sollte, seine innere Stabilität. Die Geburtsstunde des „Politikers“ Adolf Hitler hatte geschlagen.
1913 ist das Jahr, in dem alte und neue Zeit einander in finaler Verdichtung berühren. Als am 24. Mai in der Reichshauptstadt Berlin, die sich längst von der niedlichen biedermeierlichen Residenz zur Wirtschafts- und Kulturmetropole von internationalem Rang entwickelt hat, die Hochzeit der Kaisertochter Prinzessin Viktoria Luise mit dem braunschweigischen Thronprätendenten Prinz Ernst August von Hannover gefeiert wird, feiert sich zugleich das alte, monarchische Europa – es sollte die letzte glänzende Zusammenkunft der europäischen Fürsten sein, an ihrer Spitze Wilhelm II und seine beiden Cousins, König Georg V von England und Zar Nikolaus II von Russland. Anlässlich dieses Ereignisses entstand übrigens der erste Farbfilm und lieferte Bilder von Berlins festlich geschmücktem Prachtboulevard Unter den Linden, aufgesessenen Gardekürassieren in schimmernder Rüstung und mit schwarz-weißen Wimpelchen an ihren Paradelanzen.
Auch da also eine Begegnung von Tradition und Moderne, genauso wie bei der Verkündung der Mobilmachung ein Jahr später: Mit altmodisch gesetzten Worten sprach der Kaiser, der den Krieg, genauso wie seine royalen Vettern, nicht wirklich gewollt hatte, zur Bevölkerung vor dem Berliner Stadtschloss: „Wir werden kämpfen bis zum letzten Atemzug von Mann und Ross“ – doch die Rede wurde mithilfe modernster Technik aufgezeichnet und ist als Tondokument bis heute überliefert. Und nicht mehr Rösser sollten im folgenden Krieg die Entscheidung bringen, sondern motorisierte Einheiten, Panzer und Giftgas.

So schließt sich 1913 das Tor zur Vergangenheit Alt-Europas und öffnet sich zugleich die Tür zu einer neuen Zeit, einer Zeit, wie es der Historiker Christian Graf von Krockow formulierte, die nicht mehr „Neuzeit“ ist, sondern eine neue, noch unbekannte und unbenannte Zeit. 1990 war nicht, wie Francis Fukuyama schrieb, das Ende der Geschichte, aber 1914 war der Abschluss der Neuzeit, die mit der Reformation und dem Einzug von Nationalstaat und Kapitalismus begonnen hatte – und gleichzeitig Beginn eines neuen Zeitalters, auf dessen Namen man sich wohl erst in den kommenden Generationen festlegen wird. Wenn wir Heutige auf 1913 schauen, so sehen wir ein Bild, das unserer Welt erstaunlich ähnelt, während die Jahrzehnte und Jahrhunderte davor verblassen, als gehörten sie zu einem anderen, längst vergangenen und vergessenen Strom in der Weltgeschichte.

Doch die Gemeinsamkeiten zwischen heute und gestern reichen noch tiefer. 1913 ist das Abschlussjahr des „fin de siècle“, jener geistigen Strömung, die tief im 19. Jahrhundert, im früh modern gewordenen Paris erwachte und sich nach und nach über das ganze zivilisierte Europa ausbreitete. 1913 ist auch das eigentliche Geburtsjahr einer echten Weltliteratur: Oscar Wilde und Marcel Proust, Musil, Kafka und der junge Brecht, Schnitzler und Kraus, Rilke und Trakl, Stefan Zweig sowie, als melancholischer Nachklang, Joseph Roth – sie zusammen haben das neue Testament der mitteleuropäischen Literatur geschrieben, in einer Verdichtung von Stil, Ausdruck und philosophischem Gestus, die niemals wieder erreicht wurde und die die große Literatur bis in unsere Tage geprägt hat.

Dasselbe gilt von Bildender Kunst und Musik. Der Expressionismus öffnete das Tor zu unserer heutigen Wahrnehmung von Kunst, die sich von der gefälligen Abbildung der Realität verabschiedet hat, um in die Tiefen der Seele zu steigen mit ihren Schlacken und ihrer unharmonischen Verbogenheit. Arnold Schönberg verabschiedete sich mit der Zwölftonmusik vom klassischen Ideal der Diatonik, wie es seit den Tagen Bachs bis zu Bruckner und Mahler unerschütterlich gegolten hatte. Wer immer vom 20. Jahrhundert spricht, bezieht sich auf 1913 und die Vorarbeiten, die damals die geistige Situation der Zeit prägten und eine Strömung lostraten, die noch heute, noch nach 100 Jahren, aktiv und mächtig ist. 1913 ist das eigentliche Geburtsjahr der Moderne.

Alles, was den europäischen Menschen von heute prägt und verstört – die ideologische Orientierungslosigkeit, das Gefühl von (wie es Hannah Arendt nannte) Weltlosigkeit, von absoluter Freiheit des Geistes, die aber eben zugleich völlige Halt- und Hilf­losigkeit bedeutet, ist in jenem Schicksalsjahr 1913 angelegt. Unter ihrem Pionier Sigmund Freud, auf dessen Couch in Wien sich das halbe Großbürgertum „Kakaniens“ behandeln ließ, etablierte sich damals die Psychologie, die irrlichternde Wissenschaft von der menschlichen Seele, die sich bekanntlich keiner Wissenschaft erschließt, als Leitdisziplin der Moderne.

Die Philosophie Friedrich Nietzsches, die keine Philosophie gewesen war, sondern ein einziger Hilfeschrei des erwachsen und damit standlos gewordenen modernen Menschen nach Orientierung und Halt, nach Glauben und Erlösung, beherrschte das europäische Denken in allen seinen Schattierungen und warf in seinen militanten, rassistischen Verhärtungen, die langsam, oben wie unten, in Mode kamen, erste dunkle Schatten. Und die Lehre von Karl Marx breitete sich mit unheimlicher Geschwindigkeit in der ganzen Welt aus, mit der Parole Schillers, die sie zur geschichtlichen Wirklichkeit erhob: „Zu was Besserem sind wir geboren!“

Aber nicht in Europa zündete der bestrickende Gedanke von der Gleichheit aller Menschen, sondern in den Randmächten Russland und China – und genau diese Mächte sind es, die heute, nach 100-jährigem, strammem Aufstieg, nach etlichen Verwerfungen und ungeheuren Opfern, immer mehr den Ton in der Weltpolitik angeben. Gemeinsam mit dem Islam, der mit dem Zerbrechen des Osmanischen Reiches zu seinem geschichtlichen Selbstbewusstsein gelangte, das heute mit unheimlicher Macht seine Stimme erhebt. An diesem Zerbrechen aber, das in der Zeit Napoleons, 100 Jahre zuvor, seinen Anfang genommen hatte und dann schließlich auf dem Balkan seinen Kulminationspunkt erreichte, entzündete sich wiederum 1914 der Erste Weltkrieg – auch hier schließt sich der Kreis zwischen damals und heute, da der Orient durch die arabische Revolution endgültig das postkoloniale Zeitalter hinter sich lässt.

Die Welt von 1913 war, wie der Heilige Augustinus 1500 Jahre zuvor, an einem anderen Epochenbruch, geschrieben hatte, „wie in einem Kelter“: Alles wurde infrage gestellt, alles durcheinandergewirbelt, Stabilität gab es nur noch äußerlich, in den wankenden Machtgebilden, die das 19. Jahrhundert hinterlassen hatte, die aber keinen wirklichen Halt mehr gaben, was die Eliten dieser Mächte am besten wussten. Der Sturm, der damals in den Höhlen hauste, um im Jahr des Kriegsausbruchs 1914 loszubrechen, fegt auch heute noch durch die Welt, freilich mit anderer Richtung und mäßiger Geschwindigkeit. Doch die Ungewissheit von damals ist geblieben, mitsamt jenem brisanten, krisenhaften Gefühlscocktail aus Nervosität und Lethargie, aus Selbstbewusstsein und Angst, aus Aufklärung nach außen und Hilflosigkeit nach innen. Das abgeklärte Wissen um die Souveränität des Menschen in einer Weltgeschichte ohne göttliche Eingriffe, dieses Erbteil des 19. Jahrhunderts, haben wir bezahlt mit dem bangen Nichtwissen, wohin uns diese Geschichte führen wird – 1913 wie 2013.

Dieser Text erschien im Januar 2013 im Magazin CICERO. 

Header: Kronprinz Wilhelm des Deutschen Reiches und von Preußen auf dem Weg zur Hochzeit seiner Schwester Prinzessin Viktoria Luise. Berlin, 24.  Mai 1913. Rechte: picture-alliance / akg-images. 

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