Castel del Monte und Sanssouci oder Die beiden Friedriche. Historisches Fragment

Der Staufische und der Zollernsche Friedrich, Federico Secondo und der Große König, das Kind von Apulien und Europas verlorener Sohn: gegensätzlich nicht unbedingt, aber unterschiedlich, zueinander unbezogen scheinen diese beiden allerdings dazustehen, umso mehr, da die Geschichtswissenschaft, die deutsche wie die europäische, beide nie in den Kontext, in die Beziehungs zueinander gerückt, in welche sie gehören, sie dagegen stets separat und als Kinder ihres jeweils eigenen Zeitalters betrachtet. Zwischen der Geschichte des Mittelalters und jener der Neuzeit verläuft in der Geschichtswissenschaft, der deutschen, sehr strengen zumal, ein tiefer Graben, seit die moderne Geisteswissenschaft Abschied nahm von dem universellen und universalhistorischen Anspruch, mit dem sie einst in die Welt trat. Eine vergleichende Betrachtung, eine Parallelbiographik über die Zeitalter hinweg konnte so nie stattfinden, und wo sie es doch tat, zog sie sich den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit zu, der Illegitimität.

Derlei Vorbehalte interessieren hier freilich nicht. Uns geht es um Wahrheit. Hat die Postmoderne unter dem Diktat der Richtigkeit, welche ein Pragma, kein Dogma ist (denn ob ein elektrischer Anschluss richtig steckt, eine elektronische Datenübertragung richtig abläuft, bewahrheitet sich nicht, sondern zeigt sich schlicht), hat nun die Postmoderne unter jenem Diktat das Fragen nach Wahrheit auch verlernt; so ist darum die Wahrheit selbst nicht aus der Welt. Statt der Naturwissenschaft, der königlichen Wissenschaft, sinnlos nachzueifern, an deren Pragmatik der Richtigkeit sie stets wird scheitern müssen, sollte und müsste die Geistes- und ionsbesondere die Geschichtswissenschaft vielmehr wieder den weg der Wahrheit gehen, die Suche nach der Wahrheit annehmen. Das schließlich ist ihre Aufgabe bei der Vorbereitung politischer und religiöser Theorie, welche wiederum das Politische, gestern wie heute, bestimmen und welche durch die Arbeit von Presseagenturen, Think Tanks, Medien und Bloggern in die Welt hinein gegeben werden. –

Beide, der staufische wie der preußische Friedrich, waren Reizfiguren, Spalter, nicht Versöhner, zu ihrer Zeit und über ihren Tod hinaus. Beide waren zudem Heimatlose – eine Kondition, die der eine durch exzessives, wenn auch durch sein Regentenamt motiviertes Reisen zu temperieren suchte, während der andere, wiederum einer Gepflogenheit seiner Zeit folgend, sich für sein Herrscherleben auf das Territorium des ihm zugefallenen Königreichs zurückzog und dies nur, ausgerechnet, zu kriegerischen Zwecken dann und wann verließ. Des preußischen Friedrichs einzige Auslandsreise führte den frischgebackenen achtundzwanzigjährigen König im Sommer 1740, inkognito, versteht sich, nach Lothringen, das älteste und auch rangälteste Stammland des Heiligen Römischen Reichs, dessen Glied seine brandenburgische Markgrafschaft und damit auch er waren, ein Land freilich, das soeben den Regenten gewechselt hatte und nun, wenngleich für eine gewisse Dauer noch formaliter unabhängig, zu Frankreich gehörte.

Friedrich, der Staufer, das sagt schon sein „apulische“ Beiname, war nicht einmal dem Namen nach der Deutsche, als den man ihn politisch-historisch zweifelsohne ansehen darf und muss. Der Sohn eines schwäbischen Fürsten und einer italienisch-normannischen Prinzessin, der Tochter Rogers des Zweiten von Sizilien und somit Großnichte Robert Guiskard, jenes aus Frankreich nach der Halbinsel verschlagenen Desperados, der dem Kaiser Romanos IV. Bari, Byzantions letzten italienischen Stützpunkt, wegnahm, dieser Frau, Konstanzes von Sizilien Sohn also verbrachte die meiste Zeit seiner Herrschaft wiederum, trotz seines Deutschtums, außerhalb der Grenzen des Reiches, vorwiegend in Italien, wo er auch geboren war. Dessen Süden, der Mezzogiorno, Sizilien war damals das Phantasien, das Märchenland des Okzidents, in etwa jenes Land, welches später die beiden Amerikas werden sollte und von dem es im Zauberer von Oz heißt, es müsse irgendwo hinterm Regenbogen liegen.

In diesem phantastischen Landstrich, der siebenhundert Jahre lang, von jenem zweiten Roger bis zum Zug der Tausend Garibaldis im neunzehnten Jahrhundert, ein sonderbares eigenständiges Königreich bildete und der sich doch nie in eine reguläre Staatlichkeit nach nordeuropäischem Vorbild finden konnte, baute sich der Kaiser Friedrich sein eigenes Märchenschloss mit dem stolzen Namen Castel Del Monte, Bergschloss, was stets ein wenig wie Castel del Mondo klingt, wie Burg der Welt. Der Welt, dem Weltganzen Burg, Geborgenheit bieten, es bergen wollte der schwäbisch-fränkische Mischling, dessen Stammburg Hohenstaufen, im malerischen Filstal nahe Göppingen gelegen, noch innerhalb der Grenzen des alten Limes fiel, die zugleich die Grenze zwischen der alten römisch-keltischen und der neuen, slawisch-germanischen Zivilisation auf dem Gebiete Deutschlands markieren. Er, Friedrich, war noch ein Kind des Limes, war ein Schwabe, ein Sohn Roms, und indem es ihn nach Sizilien zog, zog es ihn an die äußerste Spitze des weströmischen Reiches, dessen Nachfolge sein Vorgänger auf dem Thron zu Aachen, der große Karl, Papst und Kaiser einst abgetrotzt hatte (genauer: der griechischen Kaiserin Irene der Athenerin, welcher sophistische westfränkische Hofgeistliche sinnigerweise die Befähigung zum Kaiseramt und zur Nachfolge Augustus’ und Konstantins absprachen).

Die Geschichte Siziliens ist die Geschichte eines geographisch-politischen Zwitters. Es nimmt während der klassischen Periode im Altertum die Stelle als Bindeglied zwischen Ost und West ein (wobei der Osten damals der zivilisierte, der Westen der wilde Teil des Mittelmeerbeckens war), die im Großen Kleinasien einnahm als Bindeglied zwischen dem Orient, dem Land Sumers, Babylons und Ägyptens, und dem minoisch-mykenischen Westen, aus dessen Anfängen nach dem Fall Trojas langsam erst eine Hochkultur herausschälte, wie sie im Osten bereits zweitausend Jahre lang bestanden hatte.

Dieses Sizilien behielt seine Mittlerrolle auch über den Fall Westroms, die gotische Landnahme, die Wiedereinsetzung der griechischen Herrschaft durch Justinian und Herakleios und schließlich die beginnende arabische Invasion hinaus. Früh, noch als Kleinkind, erbte Friedrich die Krone Siziliens, nach dem Tod seines Vaters Heinrich im Jahr 1197. Früh sah er sich zerrissen zwischen der deutschen Pflicht und dem italienischen Frohsinn, zwischen der mühseligen, kleinschrittigen Regentenarbeit im Reich und der leichtfüßigen, genialisch hingeworfenen, aber eben auch bequem vom großen Welttheater abgeschatteten Herrscherberuf auf der Insel.

Friedrich, ein großer Weltsüchtiger, früh Waise, früh isoliert, sofort hingeworfen auf Überlebenskampf, auf die Macht fixiert um des bloßen, physischen Fortbestandes willen, viele Frauen verbrauchend, war nun, wie alle Weltsüchtigen, zugleich ein großer Weltflüchtiger. Sein Oz war Sizilien, seine Insel der Seligen war es, sein Camelot.

Camelot! Überhaupt Camelot! Wenn es ein deutsches Camelot des Mittelalters gab, dann dies, Castel Del Monte, das Märchenschloss, in dem der Falkner und Briefeschreiber, in so vielen Sprachen gewandt wie kaum einer seiner barbarischen Zeitgenossen, seinen Traum vom eu zen, vom gut leben lebte, ihn auslebte und darüber sich mit der Welt, die ihn nicht verstand, nicht verstehen wollte und konnte in ihrer unendlichen, idiotischen Plattheit, zerkrachte. Zweimal exkommunizierten ihn ein alter, bärtiger Mann in Rom, dieser Kloake des Mittelalters, dieser zum Dorf heruntergewirtschafteten ewigen Stadt, die doch nur ein ewiges Ghetto war, zerrissen und zerschossen von den ewigen Sippenfehden seiner Patriziergeschlechter, die Raubritter im Gewande von Stadtbürgern waren! Zweimal warf der affige alte Mann, der sich in die Toga der Quiriten von einst kleidete und einen lustigen Hut mit drei statt, wie beim Kaiser, nur einem Reifen auf dem Haupt trug, den Bannstrahl auf ihn, auf Federico, den Herrn der Welt und stellte ihn auf eine Stufe mit Vogelfreien, mit Wilddieben, Häretikern und kräuterkundigen Huren, auf die Schandpfahl und Scheiterhaufen warteten. Das ihm, dem Kaiser, dem Herrn der Welt, dem stolzen, ja sogar einzigen Träger des Kaisertitels!

Dem einzigen, ja. Friedrich war keine zehn Jahre alt, da stürmten deutsche und französische Ritter das schöne, stolze Konstantinopel, dieses prächtige und zugleich irgendwie doch wunderliche Relikt einer längst vergangenen, untergegangenen Zeit, plünderten es aus und trieben, angestachelt vom venezianischen Dogen Enrico Dandolo, einem hasserfüllten alten Männlein, ihren Mutwillen mit den reichen Gütern und den stolzen Menschen dieser Stadt, der Kapitale der christlichen Welt. Einen Kaiser, der tatsächlich regierte, hatte dieses Kaiserreich der Römer, das erst eine spätere Zeit Byzanz nannte, da schon nicht mehr, und so konnten sich die fränkischen Herren dort installieren und ein eigenes, das lateinische Kaiserreich ausrufen.

Es gehört zu jenen Zufällen der Geschichte, die eben keine Zufälle im herläufigen, idiomatischen Verständnis des Wortes sind, dass Friedrichs des Zweiten Regierungszeit ausgerechnet in jene Epoche, jenes halbe Jahrhundert fällt, in dem der byzantinische Thron vakant war. Von 1205 – da war der kleine König von Sizilien gerade elf Jahre alt – bis 1261 – da war er gerade elf Jahre tot – regierte im einst so stolzen Konstantinopel der Graf von der Champagne und seine Verwandten und deren Nachkommen, während die byzantinischen Geschlechter sich neue, kleine Reiche, freilich mit den alten wohlklingenden Titeln installierten, die Laskariden in Nizäa, die Komnenen in Trapezunt. Ein Ostrom gab es in dieser Zeit, trotzdem der Kaiser in Nizäa als sein Prätendent auftrat, faktisch nicht, und so konnte der Staufer sich in der Tat als Herr von Osten und Westen, als Kaiser des gesamten Römischen Reiches fühlen.

Das hatte es seit Justinian, der das alte Reich durch die schwererrungenen, blutigen Siege über die Goten im sechsten Jahrhundert nochmals, das letzte Mal, geeint, der sogar Nordafrika wieder an dieses Reich herangeführt hatte, nicht mehr gegeben. Der italienische Westen ging dem byzantinischen Kaisertum in den nächsten Jahrhunderten verloren, und Karls des Großen Kaiserkrönung durch Papst Leo am Weihnachtstage des Jahrs 800 vollendete beziehungsweise remanifestierte, was mit dem Fall Westroms an die Thüringer vierhundert, oder auch schon mit der Diokletianischen Reichsteilung fünfhundert Jahre zuvor schon eingetreten. Ohne es direkt beabsichtigt zu haben, ohne darin eingebunden zu sein, ein Kind, das er damals war, hat der König-Kaiser Friedrich geschafft, ja: bereits fertig vorgefunden, wovon die Kaiser vor ihm, die Kaiser der Kreuzzugszeit stets nur geträumt hatten: ein legitimes Gesamtkaisertum über Okzident und Orient, von Lothringen und dem Arelat tief im heutigen Frankreich bis hin nach Anatolien und Jerusalem.

Friedrich war es denn auch, der den Jerusalemer Königstitel, der bei der Familie Montferrat gelegen, über deren Erbin Jolanda von Brienne, seine zweite Frau, ins Titelregister der römisch-deutschen Könige und Kaiser hineinholte. Über ihn, den Staufer, über seine Ehe mit der jungen, hübschen Königin ging dieser höchste Titel der Christenheit über ins Erbe der habsburgischen, dann bourbonischen Könige von Spanien und der habsburgisch-lothringischen Kaiser von Österreich.

Die Herrscherjahre Friedrichs sind wie ein Vakuum zwischen hohem, „klassischem“, und spätem Mittelalter, wie ein Zwischenakt zwischen der alten Ritter- und der jungen Städtezeit, zwischen dem ungeschliffenen, aber mythenumrankten Barbarentum der romanischen und dem immer feineren, aber auch schwermütigeren und neurotischeren Chiliasmus der gotischen Epoche. Der Renaissance des zwölften Jahrhunderts ließ der Staufer seine eigene Renaissance folgen. Die Bücher der antiken Weisheit, der durch die Griechen gesammelte und konservierte Schatz des alten Orients, dieser Gral des europäischen Geistes lag offen und entsiegelt vor ihm, dem Gebieter über Trinakria, die alte Magna Graecia, das Einfallsgebiet der Sarazenen und verlorene Exarchat der Byzantiner, von wo aus er, im unmittelbaren Umfeld jäh und mühelos durchregierend mit harter Hand und brutalem, aber packendem Griff, Schriftverkehr pflegte mit dem Kaiser, dem andern Kaiser, den es ja doch irgendwie gab, in Nizäa, der alten, ehrwürdigen Konzilsstadt, Geburtsstätte der christlichen Riten, und mit dem arabischen Sultan. Mit letzterem, dem Ayyubiden Al-Kamil (die osmanischen Türken traten erst ein halbes Jahrhundert nach Friedrichs Tod die Herrschaft an), schloss Friedrich gar einen Friedensvertrag, zu Jaffa im Jahr 1234, was ihn in den Augen der beharrenden, phantasielosen römischen Kirche vollends zum Antichristen stempelte.

Weltlos wirkt er auf uns, viel weltloser als sein Großvater, der erste Friedrich, der den Enkel auf vorhersehbare Weise im neunzehnten, geschichts- und weltbewussten Jahrhundert aus der kollektiven Erinnerung, aus der staufischen Mythe verdrängte. Der da im Kyffhäuser im Thüringer Sachsenwald, hoch über der Bauernkriegsstadt Frankenhausen thronend sitzt und der Wiederkehr harrt: den zweiten, andern Friedrich meinten sie ursprünglich damit, nicht den ersten, rotbärtigen, den teutschen Biedermann, der, obwohl auch gebannt und Begründer des staufischen Kampfes gegen die Kirche, pflichtschuldig, wenn auch nicht heldenhaft den Kreuzfahrertod starb, als er 1190 im Kalykadnos ertrank, dem kleinasiatischen Strom, in dem badend sich einst schon der große Alexander beinahe den Erkältungstod geholt hätte. Bis dahin, bis zur Moderne, die mit dem ungreifbaren, unnachweisbaren Mittelalter ihre Schwierigkeiten hatte, meinte das Volk nicht diesen, sondern jenen, den Halbitaliener, den Apulier und Normannen, hellhaarig vielleicht auch er, aber ganz anders in seiner Art und seinem Wesen, wenn es vom großen Kaiser sprach, der wiederkehren würde, das Reich aufzurichten, das es nicht mehr gab.

Gegenüber diesem großen Weltlosen, diesem Napoleon des dreizehnten Jahrhunderts, dessen Leben eines Stendhal würdig gewesen, nimmt sich der Chevalier de Brandenbourg, Frédéric le philosophe, langweilig und bieder aus. Das ist freilich nicht dem Menschen Friedrich geschuldet, nicht seinem Charakter, sondern seinem Schicksal. Der Geschichtsgang Europas hatte die Schwelle zu Resignation und zu Schwermut bereits überschritten, als Prinz Friedrich von Preußen an einem Sonntag im Jahr 1712 zur Welt kam. Er hatte im Haus den Wassermann, der Staufer den Steinbock. Noah und Amalthea, der Weltertränker und die Götteramme, hier Luft, dort Erde in der Sonne: widersprüchlich, gegensätzlich sind beide Typen einander, und doch verbindet sie das Nervöse und Unstete, die Unruhe und die Hast: äußerlich diese beim Preußen, innerlich beim Staufer. Dieser ein Getriebener, der sich mit den Grenzen, die sein Zeitalter ihm mannigfaltig zog, nicht abfand und sein gewalttätiges Genie darein investierte und darin verbrauchte, diese Grenzen niederzureißen; jener ein Gehetzter, der sich gern mit der bequemen Rolle des Prinzgemahls und englischen Statthalters im ruhigen, beschaulichen und damals schon sehr aristokratischen Hannover beschieden hätte, dem aber durch das Zeugungsorgan des Vaters und den vorzeitigen Tod zweier älterer Bruder das Schicksal vorschrieb, König zu werden, und zwar König eines kleinen, schwachen und noch aufstrebenden Staates, eines Staates, der ganz am Anfang stand und dessen Mission es war, das römische Kaisertum, das in der Hand des Erzherzogs Karl, seines Namens der sechste Erwählte Römische Kaisers, lag, zu beerben. Dieser Karl übrigens war – eine eigenartige Form, wie translatio imperii sich manifestiert – der Taufpate des Prinzen Friedrich, der mit vollem Namen Friedrich Karl, nicht, wie sein Vater, Friedrich Wilhelm hieß, und sein Tod am 20. Oktober im Jahr des Heils 1740 leitete die Epoche Friedrichs ein und die Epoche der Großen Politik in Deutschland.

Friedrich heißen wollte dabei der eine so wenig wie der andere. Federico und Frédéric, so hießen sie sich selbst und ihrem nahen und fernen Umfeld ein Leben lang, und in ihrer beider Fall war es erst die glorifizierende Nachwelt, genauer: die Nachwelt des neunzehnten Jahrhunderts und des aufkommenden deutschen Nationalgefühls, die aus Federico il falconiere und Frédéric le philosophe, die aus dem Welschen und dem Französling deutsche Helden machten.

Es liegt hier eine Besonderheit des deutschen Geschichtsgangs, der zugleich verweist auf die Besonderheit der deutschen Territorialität, dass nämlich seine Größten der eigenen Nation, um die so viel Aufhebens gemacht wurde in unserer, in der deutschen Geschichte, entweder nicht ganz angehörten, oder sich ihr nicht ganz angehörig fühlten. Karl der Große war vielleicht mehr Deutscher als Franzose, aber vor allem anderen Franke (dies so sehr, dass die regimekonforme Geschichtswissenschaft des Nationalsozialismus, wie etwa Wolfgang Venohr in seinen Memoiren berichtet, ihn explizit als „Karl den Franken“ oder „Karl den Sachsenschlächter“ verschrie). Karl der Fünfte wurde in Gent geboren, hatte eine spanische Mutter und verstand sich zeitlebens als Burgunder, was schon damals keiner validen staatlichen Kategorie mehr entsprach. Schon er sprach, obzwar der Staat der Valois damals noch in der Kinderschuhen steckte und mehr als einmal um ein Haar vom großen Gegner im Süden und Osten geschluckt worden wäre, das französische Idiom besser als Deutsch und übrigens auch Spanisch. Rudolf der Andere, das verrückte Genie auf dem Hradschin, das der eigene Bruder hochverräterisch, aber unbeanstandet durch Hof und Klerus das letzte Jahr seines Lebens auf seiner eigenen Burg, ins einer eigenen Residenz in schmählichem Hausarrest hielt, fühlte als Böhme und sprach lieber Tschechisch und Spanisch als das zopfige, unorganisierte Deutsch seiner Epoche, Grenzgänger er selber zwischen dem großen, weiten und tiefen europäischen Osten und dem atlantischen Flügel des Kontinents, wie Mark Aurel stets im Sattel, die drohenden Türken zu bekämpfen, und wie jener eigentlich ein Geistesmensch, Tagträumer und Melancholiker, dabei ungeheurer sinnlich und von Geistesgaben so mannigfaltig, das das Zeitalter, wie bei Federico, nicht ausreichte, ihm Möglichkeiten zu ihrer Erschöpfung zu gewähren. Albrecht Waldstein schließlich, den Grillparzer im Bruderzwist unhistorisch auf Rudolf treffen lässt, liebte den italienischen Stil, fiel ins Italienische, sobald er, soweit er dies konnte, sein Innerstes auftat, und lebte auf seinem Friedland das Leben eines italienischen Renaissancefürsten mehr als das als eines deutschen Duodezpotentaten. Deutsch fühlte von diesen exemplarischen Deutschen keiner sich.

Auch die Preußenkönige waren erst schwäbische Fremdlinge im fränkischen Nürnberg, dann fränkische Fremdlinge in der Brandenburgischen Mark, mit der Kaiser Sigismund den Burggrafen Friedrich den Sechsten 1417 – da war die Mark wieder einmal als erledigtes Reichslehen an den Kaiser gefallen – belehnte, und später, seit dem Großen Kurfürsten, überwiegte in ihnen die welfisch-oranische Tradition, der sich im neunzehnten Jahrhundert viel wettinisches Blut beimischte. Beide, der Soldatenkönig und sein großer Sohn, hatten welfische Mütter, die in sich das Blut burgundischer, vielleicht sogar italienischer Vorfahren des späten ersten Jahrtausends trugen. Louise Henriette, die große Landesmutter des siebzehnten Jahrhunderts, war Oranierin und brachte mit der protestantischen Wirtschaftsethik auch das Orange des Schwarzen Adlerordens ins Land, das so gar nicht passen will zum martialischen Schwarzweiß des Zollernwappens, noch zum gediegenen Blau der preußischen Infanterie. Vor allem aber waren die Brandenburger und Preußen, wie alle hohen Herren ihrer Zeit, Frankophile oder doch Frankophone. Alle, auch der deutschtümelnde Friedrich Wilhelm I., sprachen sie das Idiom der Ludwige, Racines und Corneilles besser als die eigene Muttersprache. Friedrich Wilhelm IV., der verrückte Romantiker auf dem Thron, war der Erste, der öffentliches und sauberes Reden in der deutschen Sprache hoffähig machte (bis dahin war es höchstens salonfähig gewesen). Er regierte von 1840 bis 1861.

Bei Friedrich, dem Wassermann, ging die Frankophilie über ins Manische. Nichts verband den Jüngling mit dem kärglichen Vaterhaus, dem bescheidenen Dominium, das der liebe Gott seiner Familie zu Herrschaft anvertraut. Nahm der Staufer, in Jesi beim italienischen Ancona geboren und als italienischer Prinz erzogen, es bestenfalls als sportliche Herausforderung, auch in seine deutschen Länder Ordnung zu bringen (was ihm freilich nicht gelingen konnte), so war es beim Hohenzollern brennende Sehnsucht, auszubrechen aus der quetschenden Enge der lächerlich „Schloss“ geheißenen väterlichen Jagdhütten zu Caputh und Wusterhausen und englischer Prinz zu werden. Vierzehn Jahre, zwei Jahrsiebte lang zog sich der erbitterte Streit hin zwischen der welfischen, probritischen Mutter und dem brandenburgischen, Österreich und damit dem Reich zuneigenden Vater, der die Lösung der Frage am Ende mit Gewalt durchsetzte: Friedrich, sein Bruder August Wilhelm und die jüngere Schwester Charlotte Philippine heirateten Kinder des Fürsten von Bevern, Nichten und Neffen der Kaiserin-Gemahlin Elisabeth Christine. Friedrichs, des Kronprinzen, Schicksal und Zukunft als deutscher Fürst war besiegelt.

Man sieht hier bereits den entscheidenden Unterschied aufleuchten zwischen dem einen und dem andern Friedrich, zwischen Federico und Frédéric, dem Falkner und dem Hundeliebhaber, Schriftsteller sie beide, wenngleich aus gegensätzlicher Haltung heraus: den Kaiser Friedrich zwang die Unreife seiner Zeit, unter den Möglichkeiten zu bleiben, die ihm das Zeitalter der entstehenden Nationalstaaten zweifelsohne geboten haben würde. Den König Friedrich dagegen zwang genau dieses Zeitalter, in das er nämlich hineingeboren wurde, eine Rolle zu spielen und einen Platz einzunehmen, die er sich nicht wünschte und denen er sich, wie seine brieflichen und literarischen Zeugnisse mannigfach belegen, nicht gewachsen fühlte. Friedrich, dem Schiller nachsagte, von seinem Throne sei die deutsche Dichtung „schutzlos, ungeehrt“ gegangen, wäre wohl sicher ein Maecenas und Musenfürst geworden, hätte die eigene Stellung dies zugelassen. Goethes Herzog Karl August, dessen politischer Rang sich einzig ausdrückte in dem militärischen, den er nämlich beim preußischen Heer besaß (er machte als Generalleutnant den Ersten Koalitionskrieg im Gefolge Friedrich Wilhelms II. mit), konnte sich gar nichts anderes leisten als einen Musenhof, an dem das Geld gerade einmal zur mehr oder weniger auskömmlichen Bestallung klassischer und romantischer Kapazitäten reichte, aber zu mehr auch nicht. Friedrich, hineingepresst und geprügelt in die Rolle des Rektors der nordostdeutschen Streusandbüchse, musste König sein, musste ein Konzept entwickeln und dieses auch durchsetzen. Ohne es bei seinem Intellekt natürlich jemals zu sein, ging dieser König doch hinein in seine politische Biographie als ein Naivling, der für seine Naivität einen hohen Preis zahlen sollte. Dass er mit dem Einmarsch in Schlesien das Rendezvous des Ruhms gesucht habe, dessen Beiprodukt es wurde „de donner une figure à la Prusse“, seinem abgewrackten Preußen eine Gestalt, eine Rolle zu geben: diese Behauptung war, bei allem Kalkül, gewiss, weniger Mascerade, als man glauben mag.

Ein Naivling nun war der andere, staufische Friedrich nun gerade nicht. Aber, wir deuteten es schon an, seine Zeit war in gewisser Weise zu naiv, zu sehr jenseitsbezogen in dem starren, hämmernden Bewusstsein ihrer Kurzlebigkeit, ihrer Verfallenheit an Armut, Krankheit und Tod, als dass sie die Bögen und Sprünge hätte ermessen können, die der jugendliche Kaiser-König mit der Zeit und der Welt vorhatte. Friedrichs Dominium war die alte griechische Kolonie Sizilien, wo noch heute in manchen Gegenden ein griechischer Dialekt gesprochen wird, und ein Grieche, das heißt ein Orientale – denn dies ist einunddaselbe – war er im Herzen. Begierig nach der Wissenschaft und den Frauen, sog er das Wissen des Altertums, ob durch arabische Vermittlung oder in seiner reinen, griechischen Form in sich auf. Sein auratischer Lebensraum war die Levante, das östliche Mittelmeer, das alte oströmische Reich, dem er ein zweiter Justinian hätte sein können, der, gleich dem ersten, in Melfi und Capua seine Konstitutionen erließ, der Recht und Gesetz schuf, wo vorher Chaos und Willkür um sich griffen, und der im freien Walten des lebendigen Geistes in den Naturreichen den höchsten edelsten Beleg der Größe und des Genies Gottes des Allmächtigen erblickte.

Nicht nur die byzantinische Sedisvakanz, auch die Tatsache, dass Friedrich noch die arabische Herrschaft im Orient erlebte, die ihm keine ernsthafte Bedrohung war, begünstigte sein Wirken. Im Grunde zielte darauf der Bann der Päpste, erst Gregors des Neunten, der den Inquisitionsprozess einführte, dann Innozenz’ des Vierten, mit dem sich das Drama des Investiturstreits, mit dem letzten Salier einst gütlich beigelegt, wiederholte: was Friedrich der Zweite im Auge hatte, war nichts weniger als die Wiederherstellung eines kohärenten westöstlichen Reiches, von Deutschland über Reichsitalien und Sizilien reichend über Griechenland und Anatolien hinweg bis hin nach Syrien und Palästina, hinüber zu den Kreuzfahrerstaaten. Der Traum Alexanders und Cäsars und später Napoleons war auch Federicos Traum: das alte okzidentalisch-orientalische Reich wieder einigen, Europa zu ihren Wurzeln an der levantinischen Küste zurückführen, die Feuersbrunst, die von Troia, das nun Byzantion hieß, immer noch lodernd aufstieg seit zweieinhalbtausend Jahren, endlich löschen und Frieden einkehren lassen in die Länder rings um das große Becken zwischen Gibraltar, wo die Mauren einst den ersten Schritt auf europäischem Boden getan, bis hinüber nach Ägypten, von wo Prinz Moses einst nach dem gelobten Land Kanaan aufgebrochen.

Die Wiedervereinigung des lateinischen Westens mit dem griechischen Osten, dessen wiederum östlicher Teil unter der schon wankenden Herrschaft der Araber stand (wieder einmal tat sich ein Zeitfenster auf, Schluss zu machen ein für allemal mit der Bedrohung des Orients und Europas altes Vaterland heimzuholen ins Europäische Reich): das war Federicos großer Traum. Kaum begriffen vom überspannten und kurzatmigen deutschen Stefan-George-Nationalismus, der, zwischen Römerverehrung und Germanenstolz schwankend, nicht das feinste politische Gespür besaß, stand dieser Mann in Zeitströmen, die weit zurückreichten hinter den Bann, den das bieder-spießige Sacerdotium Romanum vor dem Geschichtsbewusstsein seiner Gläubigen errichtet hatte. Dieser Friedrich wusste, dass der Westen sich stets aus dem Orient heraus erneuert hat, so wie der Makedone Alexander nach Hyrkanien und Persien fuhr, um sich mit Roxane und Stateira zu paaren; so wie Caesar nach Ägypten ging, Kleopatra unterwarf und mit ihr die größte, berauschendste Wonne erlebte, die ein König und eine Königin wohl je miteinander erlebten. Und noch die späten Römer der Gotenzeit riefen in ihrer Not – Felix Dahn und der deutsche Professorenroman wollten es freilich anders haben – den Kaiser in Konstantinopel, der Nova Roma, zu Hilfe, der ihnen Belisarius und Narses schickte, die sie endlich von der Pest aus dem Norden befreiten. Friedrich von Sizilien wollte das alte Eurasien, wollte Asien und Europa einen. Den Titel Römischer Kaiser nahm er ernster, radikaler als alle seine Vorgänger und Nachfolger, den schwermütig-genialischen Karl den Fünften und seinen vollends indolenten, aber genialen Großneffen Rudolf vielleicht ausgenommen.

Derlei Pläne trug Frédéric le Pfilosophe, wie der Sechzehnjährige in hübscher orthographischer Unbeholfenheit gegenüber der drei Jahre älteren Schwester notifizierte, nicht mit sich herum. Es war nicht mehr die Zeit der gekrönten Theokraten – der erste staufische Friedrich hatte gar noch Karl den Großen durch den von ihm eingesetzten Gegenpapst heilig sprechen lassen –, sondern die der Philosophenkönige. Ein Männerbund war im dreizehnten Jahrhundert nur möglich als Brieffreundschaft wie die zwischen dem Kaiser und seinen arabischen Freunden, im Zeitalter des Barock aber sammelte man sich in Fruchtbringenden Gesellschaften, bald sogar in Freimaurerlogen, die bewusst an die große Zeit des Mittelalters, eben die Epoche Federicos, anknüpften und die neben Fürstlichkeiten, auf welche die Gesellschaften der Renaissance und des siebzehnten Jahrhunderts noch beinahe ausschließlich ausgerichtet gewesen, auch gewöhnliche Adlige, ja sogar schlichte Bürgersleute wie Monsieur Arouet immer häufiger in ihre Kreise rezipierten.

Mit der Demokratisierung des Denkens und des gegenseitigen Austausches wurde aber zugleich das, worauf dieser Austausch sich bezog: wurden die Leiber demokratisiert: die der Menschen und die der Staaten. Es ist vielleicht ein notwendiges Erzübel der Geschichte, dass die Höhepunkte der Geistigkeit nicht eben zusammenfallen mit passenden territoriellen Bedingungen. Die Griechen der attischen Demokratie, die wir uns als ein Volk von Hochbegabten vorstellen mögen, wären vielleicht dazu berufen gewesen, mit ihrem Geist den Erdkreis zu beherrschen; allein dieser Erdkreis, jedenfalls Griechenland, mit dem es ja hätte beginnen müssen, war in seiner Struktur nicht ausgelegt auf kohärente Herrschaft. Die intellektuellen Zirkel des frühen und mittleren achtzehnten Jahrhunderts, die die Sattelzeit in Deutschland, das Empire in Frankreich, die Regency in England vorbereiteten, diese drei fruchtbarsten Kulturepochen der neueren europäischen Geschichte: sie hatten alle geistigen und moralischen Mittel und Eignungen an der Hand, aus dieser Welt eine bessere zu machen, Prinz Friedrich mit seinem heißblütigen, emphatischen Antimachiavel war der beste Proband hierfür; jedoch, diese Welt hatte sich lange schon, seit den Erschütterungen zwischen der großen Pest im vierzehnten Jahrhundert und den Türkenkriegen zweihundert Jahre darauf, darauf eingestellt, sich selbst verbessern zu müssen, von einzelnen großen Individuen oder ihrer Peergroup nichts erwarten zu können und nichts erwarten zu dürfen. Die Länder und Völker, genauer: ihre Seelen – denn auch das Unbeseelte hat seine eigene Animalität, wie der tote Putz, der dennoch von den Wänden bröckelt –, sie hatten längst ihre eigene Dynamik entwickelt. Den großen Herrschern, die sie, die Völker, im Mittelalter gehabt haben mögen – Federico war der größte unter ihnen, für die abgeklärte Postpostmoderne ohnehin nicht mehr fassbar –, war die Zeit damals nicht reif; nun, fünfhundert Jahre später, waren die Herrscher, war das Herrschertum der Zeit nicht mehr reif. Es hatte sie überlebt.

Friedrich von Brandenburg, dem es mit seinem Antimachiavel ja genau darum gegangen war: zu zeigen, dass er die Welt mitgestalten konnte und wollte, und weniger darum, moralische Grundsätze auszudiskutieren, spürte dies, die Überreife von seinesgleichen, als Erster und mit der ganzen tragischen Härte, die den Schicksalen Zuspätgekommener eignet. Sein politisches Leben war denn auch wenig anderes als der späte Nachvollzug eines altertümlich-mittelalterlichen, heroischen und sich aufstemmenden Heerkönigtums, das in seiner Zeit längst überholt war und das er in einer Mischung aus Narzissmus und Melancholie ein letztes Mal verewigte in den Büsten der Adoptivkaiser, fein säuberlich herumgruppiert um sein Landschlösschen Sanssouci, ein eingeschossiges, architektonisch eigentlich unmögliches (die Frontfassade ist eher eine Farce), dabei höchst charmantes bauliches Zeugnis aus der Spätzeit des heroischen Zeitalters. Unter dem Druck und Eindruck einer fatalen Erziehung zur Selbstverleugnung und Selbstüberwindung stürzte er sich in das schlesische Abenteuer, von dem er nicht ahnen mochte, dass es Herzstück zweier ganz anderer Abenteuer werden sollte, die das Schicksal Europas und der Welt verändern sollten: des Österreichischen Erbfolgekrieges zwischen Frankreich und Österreich und des Siebenjährigen Krieges zwischen England und Russland.

Es ist ein zwischen heroischem männlichem Aufbäumen und trotziger pueriler Verweigerung changierendes Schicksal, das sie beide, Frédéric und Federico, miteinander verbindet und wiederum voneinander scheidet. Die Verweigerung des Staufers war Resistenz gegen Kritik, die des Zollern Resistenz gegen das Politische selbst. Und wo dieser sich aufbäumte gegen das, was er als Leid empfand („Quando avrà fine il mio tormento?“) und was die patriotische Schule der Fontane, Molo und Venohr folgsam als Passion erzählten, da bäumte jener sich auf gegen Prinzipien, die er als unsinnig, falsch oder unangemessen betrachtete. Friedrich von Hohenzollern hätte überhaupt darauf verzichtet, irgendein Prinzip zu haben, hätte man ihn dafür von der Bürde des Königtums, diesem überholten Tand, erlöst. Es war schon damals die Zeit der Kriege und Epopöen nicht mehr, und nur die Ohnmacht der Völker duldete fürstliches und dann diktatoriales Heroentum noch für eine Weile, bis 1945 auch damit Schluss war. Ein hoher Bundeswehrgeneral illustrierte einen Vortrag, den er 2003 in der Berliner Preußischen Gesellschaft zur Lage im Kosovo hielt, mit dem in Jugoslawien aufgenommenen Screenshot eines Graffitos, das die Liedzeile zeigte: We don’t need another hero. Eine bittere Pointe an einem selbsternannten Hort des Heroischen.

Bei alldem verwundert es umso mehr, dass der Preuße, nicht der Staufer der Wirksamere von beiden war. Friedrichs des Andern, des Erwählten Römischen Kaisers Reichsidee scheiterte, kaum dass er ihre Verwirklichung unternommen hatte. Sein eigenes, deutsches Reich erlitt unter seiner Regierung den entscheidenden Knick in seiner Verfassungsgeschichte, festgeschrieben in den beiden Staatsgrundgesetzen, der Konföderation mit den geistlichen Fürsten, erlassen in Stellvertretung des Kaisers durch seinen Sohn Heinrich, 1231, und dem Statutum in favorem principum ein Jahr darauf. „Übergang des Reiches vom Stammes- zum Territorialverband“, ist die lexikalische Standardformel hierfür. Tatsächlich markierten sie den Beginn des deutschen Sonderweges und den partikularistisch, heute sagte man: liberal motivierten Verzicht darauf, die große, glänzende weltpolitische und weltgeschichtliche Rolle zu spielen, die dem Land zwischen Rhein und Oder zugedacht gewesen und die sein italienischer Kaiser mehr als jeder andere vor und nach ihm vor Augen und im Sinn hatte.

Das Reich zerfiel zum Partikularstaat, das ostwestliche Imperium, das europäisch-asiatische Großreich wurde nicht verwirklicht; stattdessen traten westmongolische Reiterhorden anstelle der derweil gräcisierten, verfeinerten levantinisch-ägyptischen Araber, mit denen der Kaiser sich so gut verstand. Das Papsttum distancierte sich weiter vom Kaisertum und manövrierte sich selbst damit in the long run ins Schisma (Friedrichs Epoche war auch die Epoche der aufkommenden großen spätmittelalterlichen Häresien, der Katharer und Waldenser und der ritterschaftlichen Geheimbünde, der Deutschordensherren, der Johanniter und der Templer, und sie alle waren nach Osten gerichtet: die Templer in Jerusalem, die Johanniter auf Rhodos, die Deutschen in Kurland und Semgallen). Sizilien fiel achtzehn Jahre nach Friedrichs Tod an die Franzosen, kam allerdings später über den aragonesisch-habsburgischen Umweg an Kaiser und Reich zurück, bis es ihm das nunmehr bourbonische Spanien 1735 endgültig entriss.

In einem allerdings war Friedrich politisch auf weite Sicht ungeheuer wirksam: als er 1226 die goldene Bulle von Rimini erließ, worin er den Deutschen Orden einsetzte in die Herrschaft über das Land der heidnischen Prußen, das Land, das nachmals „Preußen“ heißen, nach Tannenberg in einen polnischen und einen deutschordensherrlichen Teil zerfallen, welch 1618 an Kurbrandenburg kam, bis das Ganze 1772 wiedervereint an die nunmehrige preußische Krone fiel, die ihre Münzen nun nicht mehr auf den rex Borussorum, sondern den rex Borussiae prägen ließ. Die Geburtsstunde Preußens fand im friderizianischen Rimini statt, und es war, wie sich zeigen sollte, die Geburtsstunde des modernen Deutschland. Dass dieses alte heidnische, dann durch ärarische Zisterziensermönche und abgehärtete ritterliche Geheimbündler preußische Land an der Weichselmündung heute nicht etwa zu Polen, sondern, garantiert durch die Verträge von 1945 und 1990, zu Russland gehört, ist dabei keine Ironie, sondern ein Fingerzeig der Geschichte: so wie Federico Secondo auf Byzanz als nicht mehr leuchtendes, aber strahlendes Vorbild, so blickt das heutige Deutschland auf und nach Russland.

Eine kleine genealogische Anekdote illustriert die doppelte, byzantinisch-preußische Dimension dieses geistig-politischen Erbganges: es war der Neffe des Kaisers aus seiner Ehe mit der schönen Jolante von Brienne, Philippe von Courtenay, über dessen Tochter Katharina der Titel des Lateinischen Kaisers von Konstantinopel, dem semisalischen Recht folgend, sich durcherbte über die Häuser Valois, Burgund und Kleve bis zu jener schicksalhaften Ehe zwischen Maria von Jülich und Berg mit dem armen, von Gott und der Welt verlassenen Herzog Albrecht Friedrich von Preußen, dem sie vier Töchter schenkte, darunter Anna, die Gemahlin des Kurfürsten von Brandenburg Johann Sigismund wurde und so den einst so glorreichen, märchenhaften Titel des Kaisers von Byzanz, den höchsten Rang, den die fränkischen Kreuzfahrer seit den Tagen Gottfried von Bouillons errungen haben, in die Familie der Kurfürsten von Brandenburg, Könige in Preußen und schließlich Deutschen Kaiser brachte. Als sein Vater am 31. Mai, schon in Agonie, aber geistig klar bis zuletzt, auf dem Sterbebett, zitternd und schweißnass, die eigene Abdankung unterschrieb und mit brechender Stimme seinem Sohn Friedrich, dem einst so sehr gehassten und nun so sehr geliebten, die unsterblichen Worte entgegenhauchte: „Jetzt bin ich nicht mehr König!“ – da erbte dieser junge, schöne, vielgedemütigte und doch vielgeliebte Mann, hochsensibel und im Herzen voll Hochmut, mit dem preußischen Königsamt auch das längst erloschene des – Kaisers von Konstantinopel lateinischen Glaubens.

Es war ein friderizianischer Moment im doppelten Sinne. Der alte und der junge Friedrich, Federico und Frédéric, der stolze, gesund-arrogante Italiener, der eigentlich ein Normanne war, abgehärtet und doch zivilisiert durch die Mutter und den Geist der Zeit, und der weiche, schwäbische Französling, Zartheit im Herzen und gestählt erst durch die Faustschläge des Vaters, durch die Brutalität seiner häuslichen und dann politischen Erziehung, von dem Manöver in Dresden, als der Alte ihn vor Hoheiten und Exzellenzen blutig schlug wie einen Stalljungen, bis zur Nacht auf den Altarstufen von Elsnig: hier fanden sie in einem mystischen Akt der Translation zusammen, zueinander. Dass das byzantinische Regiment während seiner Herrschaft bei westlichen Geschlechtern lag – erst Lothringern, dann Kapetingern –, war mehr als nur eine passende Pointe auf Friedrichs von Hohenstaufen Römisches Kaisertum: er war der Kaiser des Ostens und des Westens, er verkörperte mit seinem Weltenschloss, dem er ungeniert einen eigentlich völlig übertriebenen, hier aber gerade einmal angemessenen Namen gab, verkörperte mit seinen Falken, diesen Symbolvögeln der Freiheit, des todverachtenden Individualismus, deren Dressur niemals ohne ihr schweigendes Einverständnis geschieht: er verkörperte die union sacrée, den heiligen Bund zwischen Levante und Westen , zwischen Griechen- und Lateinertum, zwischen dem Land der aufgehenden Sonne, in dem das Griechische auch nach Mohammed stets präsent war, und dem der untergehenden. Er, Federico Secondo, antizipierte in seinem Sein, dem politischen und dem privaten, die große, reißende, die ausgetrockneten Äcker benetzende Sturm- und Glückswelle der Renaissance, die zweihundert Jahre nach seinem Tod mit Macht auf Westeuropa zubranden sollte:

 

Vertrieben von Barbarenheeren,

Entrisset ihr den letzten Opferbrand

Des Orients entheiligten Altären

Und brachtet ihn dem Abendland.

Da stieg der schöne Flüchtling aus dem Osten,

Der junge Tag, im Westen neu empor,

Und auf Hesperiens Gefilden sprossten

Verjüngte Blüten Ioniens hervor.

 

Fridericus, der preußische Schlachtenlenker, der in Wahrheit ein mäßiger Taktiker, aber ein großer Konnetabel war und ein, paradox an diesem Schöngeist, noch größerer Soldatenvater („Alter Fritz auch gerade! Und die Stiefeln in die Höhe gezogen!“), wollte von der deutschen Literatur, zu deren Blüte er bei Rossbach, dem Hippokrene Deutschlands, den Samen aussäte, nichts wissen, und unverewigt bliebt er durch Schillers, des größten Dichters deutscher Zunge, Feder. Dabei war er selber Denker und Dichter, mehr als jeder schreibende deutsche Fürst es seit der Renaissance war, ein echter Poet und ein echter Intellektueller auf dem Thron, der mit ungespielter Wehmut dachte an seinen verfehlten Beruf:

 

Als ich geboren ward, ward ich der Kunst geboren,

die heiligen neun Schwestern reichten mir die Brust.

 

Auf und an ihn, den Künstler, hätten Schillers Verse gerichtet sein können, auch wenn er der Nachwelt nichts so Ikonisches hinterlassen hat wie Federico ihr sein Buch über die Falkenjagd. Aber das Schicksal wollte, das der Schriftsteller Friedrich vergessen ward, während die Welt, seit Stefan George und seinem Kreis spätestens, den Künstler Federico feiert:

 

Vor allen aber strahlte von der Staufischen  

Ahnmutter aus dem süden her zu gast

Gerufen an dem arm des schönen Enzio

Der Grösste Friedrich · wahren volkes sehnen ·

Zum Karlen- und Ottonen-plan im blick

Des Morgenlandes ungeheuren traum ·  

Weisheit der Kabbala und Römerwürde

Feste von Agrigent und Selinunt.

 

Stefan Georges Siebenter Ring, so sehr er sich müht, in der eidetischen Annäherung an seinen Kaiser aufzugehen, verrät doch ganz die kraftlose Dekadenz des Jugendstils, die unglaubliche Geschichtsblindheit, die damals schon in Deutschland Mode war und die zu unsinnigen politischen Konzepten wie dem Bündnis mit der Türkei 1914 führte oder dem vorsätzlich herbeigeführten Bruch mit Russland. „Volkes Sehnen“ ist ein Mann wie Federico nie, so wenig wie ein Mann wie Frédéric de Brandenbourg. Schöngeister und Gewaltmenschen, wie sie beide waren, eigenen sich vielleicht für den Thron, aber nicht für die Tribüne, schon gar nicht für die völkische. Volkstümlich jedenfalls war keiner von ihnen im eigentlichen Sinne. Die Nachwelt bestrickten sie beide mehr als ihre blasse Gegenwart, die sie als Quälgeister und Antichristen wahrnahm, besessen vom Bataillieren, von edlen Hunden und Greifvögeln und vom Bau stolzer, kostspieliger Kastelle, auf denen sie dann im vertrauten Kreis über Gott und die Welt philosophierten, sich mühsam entspannend bei rassigen italienischen Frauen der eine, bei adligen preußischen Zöglingen der andere:

 

Potsdam, o Du verfluchtes Loch!

Führst Du doch heut in die Hölle noch,

Und nähmst ihn mit, mitsamt seinen Hunden,

Da wär der auch gleich mit abgefunden.

Schont nicht Fremde, nicht Landeskinder,

Immer derselbe Menschenschinder,

Immer dieselbe, verfluchte Ravage,

Potsdam, o Du große Blamage!

 

Sicher liegt hierin das tiefere Dilemma in der Rezeption beider Männer, der populären wie der wissenschaftlichen, die insbesondere in Deutschland nach dem Muster vorgeht, das Otto von Bismarck in das lustige Bild eines Menschen fasste, der, indem er einen engen Waldweg entlanggehe, eine lange Stange der Breite nach im Mund trage. Während der Staufer so weit von uns entfernt ist, dass seine Figur für allerlei Romantizismus herangezogen wurde, so ist uns der Hohenzoller zu nah, als dass man nicht der Verführung erläge, sein Wirken und seine Persönlichkeit einzuordnen in die Kontexte von Aufklärung, Revolution und Reformen. Hier wie dort führen derlei Einordnungen nicht weiter: Beide Männer folgten einer Reichsidee, beide scheiterten an ihr. Federico wollte Camelot ins Politische übersetzen, und hatte sich als Standort dieses Camelot die alte Magna Graecia, Kornkammer des Mittelmeeres, Gefechtsstand und Beobachtungsposten ausgesucht, Trinakria, die insulare Dreifaltigkeit, auf der Griechentum, Italität und Orientalität einander die Hand reichten (dass das Griechische etwa in Georges Federico-Rezeption keine Rolle von Gewicht spielt, zeigt, wie sehr dem deutschen lyrischen Nationalismus zur Kraft die Kultur, zur stählernen Faust der Feinschliff fehlte, um in der Welt zu wirken). Frédéric dagegen wollte das Politische nach Camelot zurückführen, wollte die Büchse der Pandora der großen Politik aufgehoben wissen in seiner Gralsburg Ohnesorge auf dem Weinberg zu Potsdam, wo das Brackwasser des Titanenkampfes, der doch nur ein blutiges und schmutziges Ränkespiel ist, zurückverwandelt würde in funkelnden Wein. Doch wie dem Staufer am Ende nur mehr sein Kastell blieb, nur die Liebhaberei statt der tatsächlichen Macht: so blieb dem Preußen am Schluss statt der geliebten Liebhaberei nur die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, blieb ihm nur noch der schäbige blaue Rock, in den der Vater ihn einst gesteckt, der Sterbekittel, der durch ihn schließlich zum Symbol wurde, fortlebend noch im immer etwas bläulich schimmernden Feldgrau vom Kaiserlichen Heer des Weltkriegs bis zu den Armeen der beiden deutschen Staaten.

Königsberg und Konstantinopel: zwischen diesen beiden Polen spielt sich die Geschichte dieser beiden Männer ab. Wäre Federico als Angehöriger der Komnenen oder Laskariden geboren worden, er hätte, von der anderen Seite des Meeres kommend, vielleicht das Riesenwerk der Einigung Eurasiens vollbracht, an dem der deutsche Kaiser als geistlicher Untertan des Bischofs von Rom scheiterte, scheitern musste. Und Frédéric? Wäre als Herzog von Preußen, bis zum Großen Kurfürsten noch Lehnsmann des Königs von Polen und so verwurzelt im alten Reich und im „neuen“, östlichen Europa gleichermaßen, vielleicht glücklicher geworden, hätte das Leben eines Tempelherrn, Vorstehers eines musisch-ritterlichen Männergeheimbundes geführt, das ihm so sehr stand, ihm, dem Freimaurer und Geheimgesellschafter zu Rheinsberg, das er romantisch-antikisierend nur „Remusberg“ nannte, da hier der erschlagene Bruder des Romulus, der offenbar doch nicht erschlagen, weitab vom Mittelmeer der Legende nach ein eigenes Reich, gleichsam ein askanisches Hyperboreia begründet habe. Der Prinz von Remusberg zu Königsberg (was für ein passender Name für ein friderizianisches Camelot!), Senior des Ordens der geistigen und weltlichen Erneuerung, und der Kaiser des Ostens und des Westens, in Personalunion Patriarch der einen unierten Kirche, Gebieter über das ganze Mittelmeer von Spanien und dem Arelat bis nach Syrien und Ägypten und Erneuerer aller Reiche, von denen die europäische Menschheit je geträumt: was wäre dies für ein Gespann, was wären dies für anders große, erfüllte und märchenhafte Leben geworden!

Das Schicksal wollte es anders. So wenig Federico das europäische Reich retten konnte, das in der wackeligen Kohabitation von Aachen und Byzanz vierhundert Jahre lang bestanden hatte, so wenig vermochte der Chevalier von Brandenburg die Idee des Königtums zu retten. Drei Jahre, nachdem er auf Sanssouci den letzten Hauch tat, stürmte das Volk in Paris, das immer die Stadt seiner Träume gewesen, die Bastille, rutschte ausgerechnet Frankreich, das bewunderte Vorbild, die Krone der Staatskunst, dessen größten Sohn Arouet er, Flüchtling und Spion dieser zugleich, drei Jahre lang auf Ohnesorge beherbergt hatte, ins Chaos, in den Dreck, und sein Retter, der Griechenjüngling aus Korsika, Hauptmann Bonaparte, führte es nur aus diesem Chaos, um nach vollzogener Transition in die neue Zeit selbst wieder schmählich abzutreten vom Parkett der Weltbühne, ausgeschlossen, ausgestoßen auf das schwüle Eiland vor Afrika. Geliebt wurden sie beide, der Korse und der Preuße, aber die Liebe rettete sie nicht vor dem politischen Tod.

Das brauchte sie freilich auch nicht, denn die Liebe ist ewig, nicht nur die Liebe im Privaten, sondern auch die Liebe in der Politik. Was sehnte der kleine Prinz Frédéric sich nach Liebe, der hochbegabte, hochsensible, blutig geschlagene, gedemütigte und verfemte Princillon, als Jüngling schon vom grausamen Vater aus irgendeiner grausamen Laune heraus vom Obristen zum Fähndrich degradiert, als Erwachsener vom Reichstag zu Regensburg in die schändliche Acht getan, zur Fahndung ausgerufen wie ein Wilddieb und Brunnenvergifter, notifiziert offiziell als reichsrebellischer Markgraf, nicht als der König, der er war! Wie reich, wie überschäumend wurde sie ihm zuteil, diese Liebe, nach der er sich immer brennend verzehrt hat, er, der Weiche, Zarte, dessen Weg zum Manne ein so dornenreicher war; der diesen Weg, Taminos Ganz durchs Feuer, so krüpppelhaft und so glorreich beschritt und zuende schritt:

 

Fridericus, mein König, den der Lorbeerkranz ziert,

Ach, hättest Du nur öfters zu plündern permittiert…

Fridericus Rex, mein König und Held,

Wir schlügen den Teufel für Dich aus der Welt.

 

Größere Liebe erfuhr keiner in der neueren Geschichte der Könige und großen Männer, ausgenommen nur Kennedy, der letzte Märchenprinz auf dem Stuhl einer großen europäischen Macht (denn Kennedys Amerika war noch ein europäisches Amerika). Was hätten seine Grenadiers und Musketiers, stinkend, schwitzend, hungernd und elendiglich verreckend in Schnee und Eis, in Schlamm und Matsch ihm, dem großen Benützer, dem rasenden Egoisten und Egozentriker nicht alles vorwerfen können! Den Hunger und den Durst, die Hitze und den Frost, der ihre Hände und Füße verstümmelte, die verpesteten Pfützen, aus denen sie ihren Durst stillten, und das verschimmelte graue Brot, das sorgfältig mit den Ratten sie sich teilten, die Bajonettstiche in den Bauch, die Lungenschüsse und zerfetzten Gedärme, die zerrissenen Hoden und abgehackten Gliedmaßen, das Blut, das sie spieen, den verdorbenen Stuhl, den sie ausschieden unter höllischen Krämpfen, die zehntausend Kilometer, die sie hin- und hermarschierten in schlechten, zerrissenen Stiefeln, ohne Mantel im Winter, die nackten Hände auf dem blanken, vor Kälte klirrenden Gewehrlauf, in den sieben endlosen Jahren des Entscheidungskampfes um Schlesien, ihre Witwen endlich, die sich zergrämten, alleingelassen in der Blüte des Lebens und ausgeliefert einer harten, brutalen Welt, die Waisen, greinend und hilflos ohne den liebenden Vater, all das vergossene Blut, die bitteren Tränen, die Wut, die Verzweiflung, die Angst und den ekligen, hässlichen Tod, den sie für ihn starben!

Aber nein: das einzige, was sie ihm, dem geliebten, schnöseligen Prinzen mit seiner Flöte, seinen unsinnig teuren Tabatièren und französischen Gilets, seinen angeberischen, hochgezüchteten Windhunden und seiner verschnörkelten, klassizistischen Sprache vorwarfen, war dies eine: dass er, der korrekte General, sie nicht genügend hat plündern lassen. Es ist die schönste, rührendste und tiefste Pointe der jüngeren Weltgeschichte: es ist das Lächeln der masochistischen Geliebten, ausgepeitscht bis zur Folterung durch den arroganten, selbstsüchtigen Liebhaber, der sie dominiert und den sie nur „den Prinzen“, „den Schönen“ nennt, dieses schönste, herrlichste Lächeln überhaupt, das es gibt in dieser Menschenwelt, das Lächeln der absoluten Hingabe: der absoluten Selbstaufgabe, das stolz und bekennend sich lagert über das Weinen vor Schmerz, ihr Weinen, deren Rücken schon blutig ist und deren Geschlecht schmerzt von der Heftigkeit des Verkehrs: I let you set the pace, ’cause I’m not thinkin’ straight. Geduldig lässt sie das Werk über sich ergehen, nimmt seine Schläge und harten Stöße freudig auf, und als er fertig ist und er sie fragt, ob es ihr auch wehgetan habe, lächelt sie ihn strahlend an und sagt: „ja“. Und auch jetzt noch, jetzt erst recht schlüge sie und schlügen sie den Teufel für ihn aus der Welt. Denn sie liebt ihn, der sie achtlos behandelt als Besitz, und sie, die Soldaten, lieben ihn, den Vielgeliebten, der ihr Herr ist und verfügt über ihre Leiber und ihre Seelen, ce beau prince sans merci. Es ist das Todeslächeln, das seine Grenadiere in der Agonie ihrem Fridericus, ihrem roi charmant schenkten, dem Märchenprinzen von Charlottenburg, dem Kavalier von Brandenburg:

 

I once had sons, but now have none,

I bred them toiling sairly,

And I would bear them all again

And loose them all for Chairlie –

 

So sang die schottische Mutter, die unter Blut und Schmerzen ihre Söhne gebar, die einen nach dem andern sterben sah und die alle noch einmal austragen, noch einmal gebären und noch einmal hergeben würde, wie die Heilige Jungfrau, die Venus von Nazareth, ihren eingeborenen Sohn hingab, damit er, Prince Charlie, lebe! Und so gäben sie alle ihre Leben noch einmal und wieder und wieder, damit er, König Friedrich, der Jüngling-Vater, lebe:

 

Da lächeln all vier, und der eine spricht:

‚Nee, Freund Budiker, so geht es nicht!

Du kannst mal zuhören, wenn wir fluchen,

Aber du darfst es nicht selber versuchen.

Wir dürfen frech sein und schimpfen und schwören,

Weil wir selber dazu gehören

Wir dürfen reden vom Menschenschinder,

Dafür sind wir ja seine Kinder.

Potsdam, o Du verfluchtes Loch –

Aber er ist unser König doch,

Unser großer König! Gott soll mich verderben,

Wollt’ ich nicht gleich für den Fritzen sterben!

 

Dem Stauferkaiser blieben solch heiße Liebesschwüre versagt. Nicht freilich, weil er ihrer nicht würdig gewesen, sondern weil er ihrer nicht bedurfte, oder: nicht zu bedürfen schien, vor allem aber, natürlich, weil es nicht die Zeit war für die große Aufbietung von Gefühlen. Gefühle, überhaupt! Wenn es die überhaupt gab im Mittelalter, dann richteten sie sich aufs Jenseits, auf Gott und die andere Welt, l’altra vita, in dem der Sohn Gottes Gerichtstag halten würde zu richten die Lebenden und die Toten. Ein expliziter Diesseitsbezug in Denken und Fühlen tauchte erst auf, als man merket, wie gefährlich und gefährdet dieses Diesseits war: als die große Pest, die zuletzt zu Zeiten Justinians und des Herakleios gewütet und in deren giftiger Winde Schatten die Araber die Festung Europa, deren Grenze damals noch in Syrien verlief, berannten und stürmten, als die Pest nun nach sechs Jahrhunderten mit Gewalt wiederkehrte, inmitten des nervösen vierzehnten Jahrhunderts. Da besannen sie sich auf einmal auf sich selbst, so sichtbar und eindeutig konfrontiert mit der Unerbittlichkeit Gottes, die in einigen das Gefühl entstehen ließ, dieser Gott sei vielleicht deshalb so unerbittlich, weil die Bitten der Erdenkinder gar nicht zu ihm drängen, weil es diesen Gott womöglich gar nicht gebe? Da bestieg Petrarca, der erste Verliebte der neuen Zeit, den Mons ventosus, eine unerhörte, so gar nicht christlich-bescheidene Eigenmächtigkeit, und Boccaccio schrieb seinen Decamerone, die erste moderne Beschreibung einer Sexparty, hastig und mit erstaunlicher, ganz ungewohnter Entschlossenheit ausgerichtet von Menschen, die fühlten, dass „über ihnen der Tod schon die knochigen Hände kreuzte“ und dass er vielleicht besser sei, das Leben, das, immerhin, einem im Wege des schicksalhaften Zufallens geschenkt worden, einfach zu leben, so lange es noch sei. Eine neue Ordnung der Zeiten führte sich ein.

Unter den Gestalten des Mittelalters wirkt er statuarisch wie Napoleon und Caesar, nicht quecksilbrig wie Fridericus und Alexander. Nervös waren beide Friedriche, der Schwabe wie der Brandenburger, doch bei diesem kam zum Nerv die Emotion, bei jenem dagegen der Trieb. Erblickte Friedrich Hohenzollern im Tier den Spiegel der eignen geschundenen Seele – ein Erblicken, das ihn zu seinem Windspiel Arsinoe bald vor seinem sagen ließ: „Sie sagen, Du habest keine Seele, mein Liebling, aber siehe! Du hast eine, gewiss.“ –, so sah Federico im Falken kein Objekt der Trauer über die Härte und Gemeinheit der Welt, sondern vielmehr die ultimative Bestätigung der Herrlichkeit des Daseins durch die Naturreiche, der Kraft, zu welcher der Mensch fähig, durch das Tier, dem Logos und Ethos nicht im Wege.

Aus beiden Friedrichen strahlt Herrlichkeit und eine ungeheure Männlichkeit. Um dieser Männlichkeit willen wurden beide von falschen Elternfiguren erbittert und mit aller körperlichen und seelischen Brutalität und Grausamkeit bekämpft: der eine durch das Papsttum, das seine Schergen und Bannprediger losließ auf den stolzen Löwen Federico; der andere durch den Proletenvater und dann durch die Betschwester in ihrer Hofburg, diesem klösterlichen Gemäuer, und ihre Gefährtinnen in Paris und Sankt Petersburg. Es waren ins Politische versetzte Eltern-Sohn-Konflikte, diese beiden Schicksale, es war abgrundtiefer, bodenloser Hass auf Individuation, auf Individualität, den beide sich zuzogen, der beiden die Biographie, die politische und auch die private, ruinierte und verhunzte. War nicht der stolze sizilianische Prinz, der Sohn der Konstanze und Gatte der schönen Jolanda, eingezogen in die Grabeskapelle zu Jerusalem, das Haupt in Demut gesenkt, so demütig, wie nur ein Stolzer es sein kann? Hatte nicht der Preußenprinz die schlesischen Stände, die Schönaichs und Hatzfeldts, die Hochbergs und Gersdorffs, die Geistlichkeit und das Patriziat, nachdem das alte, stolze Breslau kampflos genommen ward, den Untertaneneid auf den eigenen Degen statt auf das in Berlin in der Rumpelkammer vergessene Reichsschwert leisten lassen? Waren sie nicht Dichter und Krieger, Literaten und Feldherrn in einem gewesen, Beispiele der höchsten, schönsten Blüte, die Männlichkeit auf dem Thron erreichen kann? Und hatte die Umwelt, die Epoche, in der sie lebten, zu leben verdammt waren, nicht alles daran gesetzt, diese Blüte welk zu machen, nicht alles daran gesetzt, das zarte Pflänzchen zu vernichten, das da emporwuchs, unaufhaltsam, treibend noch in der größten Dürre, noch in der übelsten Vernachlässigung? Wunder an Kraft, Wunder an Schöpferkraft und an Überlebenswillen sind diese beiden, Federico Secondo und Frédéric II. Söhne eines Zeitabschnitts sogar, wenn man, wie die französische Geschichtswissenschaft, das Mittelalter nicht mit der Reformation, sondern erst mit der Revolution enden lässt, Kinder der Renaissance auch, desselben Äons, der eine ihr Gebärer, der andere ihr Vollender.

Freilich, der preußische Friedrich lebte in kleineren Dimensionen, und kleiner waren auch die Dimensionen, kleinteiliger die Verhältnisse, in denen er dachte und wirkte. Längst hatte das Papsttum seine Rolle als hemmender, lähmender und einschläfernder Dominator des westlichen Europa eingebüßt, längst überflügelt durch die Gewalt des Sturmwelle Luthers, welche Britannien weitertrug, hinaus auf die Weltmeere, ein neues Reich, eine neue Welt, und zwar eine innere und äußere, zu schaffen. Links von Rom lag nun Amerika, das Ziehkind Englands, und rechts von ihm Russland, seit der Ehe der Prinzessin Zoe Palaiologina mit dem Zaren Iwan III., zwanzig Jahre nach dem Fall Konstantinopels, der Statthalter Europas an der mohammedanischen Front. Nicht die Welt an sich, die Große Politik waren kleiner geworden, im Gegenteil: in den Vereinigten Staaten, die ihren ersten völkerrechtlichen Vertrag mit Friedrichs Preußen im Jahr 1785 schlossen, kündigte sich eine Kultur des selbstverständlichen think big an, die auch den großen europäischen Mächten, von Spanien einmal abgesehen, das indessen seit der bourbonischen Machtübernahme in die Bedeutungslosigkeit versunken war, nicht geläufig war, geschweige denn dem armen Mittelstaat Preußen. Aber die Rolle Deutschlands und damit Europas, die Rolle der römischen Welt schrumpfte von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Das Deutschland der Reformation, also Preußen, dessen König seit dem Großen Kurfürsten und dem Edikt von Potsdam als supremum caput reformatae religonis galt (auf merkwürdige Weise verband dies Preußen geistig-politisch zugleich mit Großbritannien und Russland, denn es rückte es jedenfalls aus dem alten, präreformatorischen Kontext der europäischen Machtpolitik mit zwei katholischen Souveränen als Antagonisten): dieses Deutschland stieg in der preußischen Persona auf zu Macht, Geltung und Bedeutsamkeit, als links und rechts von ihm, geschieden durch einen Ozean und ein Faltengebirge, durch den Atlantik und den Ural, zwei neue, ganz andere, unglaublich leibliche, physisch potente Mächte emporstiegen, vor denen selbst das mächtige Frankreich nichts mehr galt.

Friedrich, der Schöngeist und Freidenker, stand so vor einer doppelten Herausforderung: sich selbst eine politische Figur und seinem Staat eine weltpolitische Figur geben zu sollen. In gewisser Weise verband ihn dies wieder mit Friedrich Hohenstaufen: so wie der zwischen deutscher und orientalischer Frage stand und zwischen ihnen zerrissen wurde: so stand Friedrich zwischen Ost und West und traf bis zuletzt keine Entscheidung für einen von beiden. Die Franzosen liebte er, ohne sie, die sich bei Rossbach aus dem Krieg verabschiedet hatten, achten zu können; auf die Russen blickte er herab, ohne sie, die ihm die Krone, das Reich und das Leben gerettet, doch zugleich geringschätzen zu können. An ihrer Seite machte der schon vergreisende König in den Siebzigerjahren überhaupt erst den ersten Schritt in die richtige, großdimensionierte Machtpolitik: die Annexion Preußens königlichen Anteils, die Einverleibung des im Thorner Frieden dreihundert Jahre zu vor einst an das mächtige Polen-Litauen verlorengegangenen kompletten Stammlandes seiner Preußen, die Heimholung des Deutschordenslandes durch den Freimaurer. Zur selben Zeit geschah dies, als die Kaiserin Jekaterina die Krim und Novorossija eroberte, das alte Stammland der Kiewer Großfürsten, aus denen das moskowitische Zarentum hervorging.

Friedrich Hohenstaufen hatte die zerstrittenen deutschen Fürsten im Rücken, deren Länder er, obwohl sämtlich formaliter Reichslehen, nicht in der Weise akkumulieren konnte, wie es im Westfrankenreich bereits vor Karl dem Großen geschehen. Hier wie da fehlten Deutschland vierhundert Jahre Rückstand, dem Staufer gegenüber Frankreich, dem Preußen gegenüber Europa. In einem Europa des frühen dreizehnten Jahrhunderts hätte ein Friedrich der Große Deutschland konsolidieren und damit die Voraussetzung für eine staufische Weltpolitik fünf Jahrhunderte später schaffen können. Federico Secondo, hätte er im achtzehnten Jahrhundert gelebt, wäre ein Napoleon avant la lettre geworden, unbelastet vom Odium der Revolution, das es vermochte, sogar die Erzfeinde Russland und England, den Sultan noch an ihrer Seite, gegen ihn aufzubringen, hätte, Italiener wie der Korse, doch ungleich mehr credibility besessen als legitimer Erbkönig und als Deutscher, aus der Mitte Europas kommend und nicht seiner keltisch-fränkischen Peripherie, deren siècle d’or zu Zeiten des Empire lange vorbei war.

Ein wesentlicher Unterschied liegt zwischen dem Staufer und dem Preußen, und er liegt in ihrem Verhältnis zur Väterlichkeit. Der Staufer als Originalgenie, das den Vater nie verlor und ewig am übermenschlichen Großvater gemessen wurde, den es nie kennen lernte, wurde aufgezogen in dem Bewusstsein, sein eigener Vater zu sein. Als Kind schon erhielt er die sizilianische Krone, keine zwanzig war er, als er im Kampf um die römisch-deutsche Krone obsiegte, und dem Sechsundzwanzigjährigen setzte der Papst in Rom die Kaiserkrone auf. Ohne Willen, ohne allergrößte Kraftanstrengung ist dieser Lebenslauf nicht vorstellbar. Früh wurde Federico in die Rolle hineinerzogen, der Welt, die ihm zu Füßen lag, Vater zu sein, früh musste er indes feststellen, dass diese Rolle ihm mit Gewalt und monströser Zähigkeit bestritten wurde durch den, der sich qua Amt zum Vater, zum Hirten der Völker bestellt sah.

Ganz anders dagegen Frédéric le Philosophe. Sein Leben war diktiert nicht von physischer Vaterlosigkeit, aber von dem melancholischen Schmerz dessen, der sich früh bewusst ist, den „falschen“ Vater zu haben, und der viel Lebenskraft darein investiert, sich an dieser Fehldisposition, die strenggenommen keine, jedenfalls keine irdische, ist, abzuarbeiten. Man hat gute Gründe, Friedrichs des Großen Heldenreise zu erzählen als eine Suche nach dem verlorenen Vater. In Wahrheit aber war es, das weiß die Psychologie, viel eher die Suche nach der Mutter, und zwar nach der guten, bejahenden Mutter. Das Böse als Vater, als Mann: das war nur äußere Hülle, war nur die Gestalt, die das Inkarnat des Archetypus der böse,n verschlingenden Mutter, der Kali annahm, welcher der Prinz Aphrodite als ersehntes und verfehltes Ideal entgegensetzte. Und so sehnte Friedrich der Einzige, der Jüngere, im Grunde sich nach Friedrich dem Apulier, dem Älteren, den er anrief in seinen grellen Alpträumen, die ihn heimsuchten seit der terrorisierten Kindheit, seitdem der Vater ihn morgens mit der Vorhangskordel zu erdrosseln drohte, und noch in jenen bitterkalten oder süßlichschwülen Nächten, in denen „auf einer Trommel der Held saß“, wie es die biedermeierliche Legende wissen wollte, seiner Schlacht denkend, während ihm in Wahrheit doch einfach nur kalt ums Herz war, um das Herz, das, des liebenden, mütterlichen, umgebenden Schoßes beraubt, auf den Vater, den Retter in der Not, den deus ex machina den Blick voll Angst und Sehnsucht wandte:

 

„Aber selbst mit den Adlern als Bundesgenossen waren sie noch an Zahl unterlegen. Und in dieser letzten Stunde erschien Beorn. Keiner wusste, wie und woher er kam. Er kam allein und in Bärengestalt. Ja, er schien in seiner Wut zu einem riesigen Untier geworden zu sein. Sein Gebrüll klang wie Paukendröhnen und Kanonendonner. Er fegte Wölfe und Orks wie Strohhalme und Federn aus dem Weg. Dann fiel er über die Nachhut her und brach wie ein Donnerschlag durch den Ring, den die Orks um die Zwerge geschlossen hatten. Auf einer niedrigen Hügelkuppe hatten sich die Zwerge um ihre Fürsten geschart. Beorn hielt inne und hob Thorin auf, der von Speeren getroffen war, und er trug ihn aus dem Tumult. Rasch kehrte Beorn zurück. Sein Zorn hatte sich verdoppelt, nichts widerstand ihm, keine Waffe schien gegen ihn etwas zu nützen. Erjagte die Leibwache auseinander, fasste Bolg und zermalmte ihn. Da überfiel Entsetzen die Orks und sie flohen nach allen Richtungen.“ 

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s