Schluss mit lustig. Eine Antwort auf Mathias Döpfners offenen Brief an Jan Böhmermann

 

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, hat einen offenen Brief an Jan Böhmermann geschrieben, in dem er seine volle Solidarität mit dem ZDF-Satiriker betont. Ein Coup. Ein Fanal. Eine gelungene Überraschung. Der Chef des Springerkonzerns Seit an Seite mit dem Liebling der linken Großstadtintelligenz. So weit, so gut.

Satire als kulturelle Form der Scheckbuchdiplomatie

Der Haken bei der Sache: es ist wohlfeil, für Satire zu sein. Satire ist die kulturelle Form der Scheckbuchdiplomatie. Ironie, das der Satire eigene Stilmittel, ist das liebste kulturelle und interkulturelle Zahlungsmittel der Deutschen. Das Problem dabei: seine Beliebigkeit. Satire lässt sich schlechterdings gegen alles und jeden kehren. Man kann die Griechen bedauern für das Leid, das die Schuldenkrise über sie gebracht hat, und trotzdem über ihren Nationalismus oder ihre Unfähigkeit zu administrativer Organisation kichern. Man kann die Türken toll finden für ihren Döner und ihre Gastlichkeit und sich trotzdem über ihren Präsidenten beölen.

Den Deutschen in ihrer Ironiebubble täte ein Blick über den Tellerrand gut

Was den Deutschen in ihrer Ironiebubble einmal gut täte, wäre weniger Ironie und mehr Blick über den Tellerrand. Erdogan zelebriert sein Amt mit imperialem, pahtetischem Gestus. Das tun alle Staaten und Präsidenten auf der Welt von Rang mit einer Ausnahme: Deutschland. Wenn die Air Force One irgendwo landet, wird ein Zeremoniell veranstaltet, würdig, von einer Leni Riefenstahl auf 35 Millimeter festgehalten zu werden. Ich persönlich liebe das übrigens, wie wahrscheinlich die heimliche Mehrheit der Zuschauerinnen und Zuschauer. Wenn Putin eine Pressekonferenz gibt, stehen Gardesoldaten mit ihren Tschakos in Habtachtstellung an den Türflügeln im Kreml. Über Duchess Catherine und ihre herrlichen Tangablitzer beim Abschreiten irgendeiner Ehrenkompanie brauche ich nichts weiter zu sagen, auch nicht über die französische Regierung mit ihren Gardekürassieren in ihren napoleonischen Uniformen. Dasselbe gilt von den kleineren und weniger mächtigen Staaten in- und außerhalb Europas. Deutschland ausgenommen. Psst, aber die anderen halten uns dafür für spießig.

Wo ist der deutsche Brzezinski?

So viel zum Zeremoniell. What about politics? Wo ist der deutsche Intellektuelle, der Heartland, das Standardwerk der internationalen Geopolitik, in dem Halford Mackinder die eurasische Geopolitik schon vor einhundert Jahren gescripted hat, aus deutscher Sicht schriebe? Und wo die Zeitung, die seine Schriften abdruckte? Wo ist das deutsche Homeland? Wo bleibt der deutsche Brzezinski, der der Politik mal einen Tritt in den Hintern gäbe, sich klar und deutlich zur orientalischen Problematik zu äußern? Sieht hier eigentlich niemand, dass Deutschland sich aus der internationalen Außenpolitik längst verabschiedet hat?

Natürlich ist Erdogan ein Problem, so wie die Türkei geopolitisch immer ein Problem war. Doch was lernen deutsche Gymnasiasten im Geschichtsunterricht eigentlich über Byzanz und den Fall Konstantinopels, das Osmanische Reich und das great game zwischen England und Russland um den Vorderen und Mittleren Orient im neunzehnten Jahrhundert? Richtig: so gut wie gar nichts.

Wann erwacht Deutschland endlich aus dem Ironiemodus?

Sich auf Dschungelcamp-Niveau oder darunter über ein machtvoll auftretendes Staatsoberhaupt lustig zu machen, reicht nicht, um auf der großen politischen Bühne zu bestehen. Als ich neulich im Deutschlandradio dafür eintrat, dass sich die Großmächte Amerika und Russland aus dem Nahen Osten zurückziehen und die Macht dort wieder den regionalen säkularen Kräften überlassen sollten, die dort Jahrzehnte lang für Ordnung gesorgt und dabei mehr oder weniger strikte religiöse Toleranz geübt haben, wurde ich von Henryk M. Broder, Kolumnist der „Welt“, öffentlich dafür ausgelacht.

Damit kann ich leben. Die Frage ist nur, wie lange noch Deutschland und mit ihm Europa politisch überleben kann, wenn es nicht endlich aus seinem Ironiemodus erwacht, der nicht weniger präpotent ist als das Gebaren des türkischen Präsidenten. Wer anderen ständig zeigen muss, dass er sie nicht ernst nimmt, beweist dadurch am Ende vor allem, dass er sich selbst als ernstzunehmende Person längst aufgegeben hat.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Jan Böhmenmann verliest seine Schmähkritik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Quelle: ZDF

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