It’s the economy, stupid. Warum deutsche Hochschulen im internationalen Vergleich hinterherhinken

Philip Kovce: Von Bologna nach Berlin und wieder zurück. Über die Verfassung der Universität. Eine Bildungsreise

Eine Buchkritik

Philip Kovce hat ein neues Buch veröffentlicht. In „Von Bologna nach Berlin und wieder zurück. Eine Bildungsreise“ widmet sich der noch nicht dreißigjährige Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler aus Berlin der Verfassung der Universität aus deutscher Sicht. Neben wertvollen historischen Einblicken bietet das Buch auch wichtiges Zahlenmaterial, das insbesondere bei der Frage nach „mehr“ oder „weniger Staat“ in der Bildung von Bedeutung ist.

Kovce ist Alumnus der Universität Witten/Herdecke, der, wie er mehrfach hervorhebt, ersten deutschen Hochschule in privater Trägerschaft, und er lässt keinen Zweifel daran, auf wessen Seite seine Sympathien liegen. Kovce wünscht sich mehr private Initiative und weniger staatliche Intervention im Hochschulsektor.

Das Alleinstellungsmerkmal an Kovces Abhandlung liegt in der Verbindung von historischer und ökonomischer Perspektive. Die staatliche Hoheit über den Bildungssektor ist ein kontinentaleuropäisches Phänomen, und ein historisch junges dazu. Bis in die Neuzeit hinein war Bildung Sache der Kirchen, seit der Reformation wurde es dann Usus, dass protestantische Landesherren eigene Hochschulen errichteten.

Die große Wende in der deutschen Bildungsgeschichte kam mit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Bis heute steht der Name Wilhelm von Humboldt als Chiffre für das deutsche Bildungssystem. Dabei – das weist Kovce nach – war Humboldts faktischer Einfluss auf die Organisation der preußischen Universitäten eher gering. Haften geblieben ist dafür das Zauberwort vom „Forschen in Einsamkeit und Freiheit“.

Nun sind Einsamkeit und Freiheit Topoi des deutschen Idealismus, die mit der heutigen universitären Realität wenig bis gar nichts zu tun haben. Gleichwohl bekennt Kovce sich zu ihnen, setzt sich aber mit ihnen nicht bloß romantisch-philosophisch, sondern praktisch-ökonomisch auseinander. Er erkennt einen faktischen und historischen Zusammenhang zwischen Freiheit der Bildung und Wirtschaftlichkeit. Zum Beweis unternimmt er eine vergleichende Hochschulgeschichte der USA und Deutschlands im 19. Jahrhundert.

Die deutschen Universitätsgründungen von damals gingen sämtlich auf den Staat zurück, und schon damals sprachen Kritiker von Massenuniversitäten, nichtsahnend, welche Dimensionen dieser Begriff einhundert Jahre später annehmen würde. Ins gleiche Zeitfenster fällt die Gründung der großen US-amerikanischen Hochschulen, von denen bekanntlich die wichtigsten in privater Hand sind und die heute die internationalen Hochschulrankings regelmäßig anführen. Während die Massenuniversität also ein staatliches Phänomen ist, stehen Eliteuniversitäten meistens in privater Trägerschaft, zumindest in der angelsächsischen Welt.

Dass Deutschland, übrigens entgegen Humboldts Vorstellungen, den entgegengesetzten Weg ging, hängt ohne Zweifel damit zusammen, dass sich die Reformpolitiker in allen deutschen Staaten zu Beginn des 19. Jahrhunderts am französischen Vorbild mit seinem strengen Etatismus orientierten. Und noch im Jahr 2007 befanden sich laut Statistik fast 80 Prozent der deutschen Hochschulen in staatlicher Trägerschaft.

Dass die deutsche Bildungsmisere mit diesem staatlichen Fokus zu tun hat, ist für Kovce unbestreitbar. Private Trägerschaft dagegen zeige umgekehrt, dass ein niedriger Betreuungsschlüssel und eine intimere Studienatmosphäre Freiräume schaffen können, die sowohl einer freieren Intellektualität, als auch späteren Karriereperspektiven der Absolventen förderlich sein können – natürlich immer unter der Prämisse, dass die mehr oder weniger hohen Studiengebühren sozial austariert werden können. Auch Probleme wie Verschulung und Zeitdruck, zwei besonders bittere Früchte der Bolognareform, stellen sich, so Kovce, an einer privaten Hochschule ganz anders: Denn dort sind die Studierenden nicht mehr Subjekte einer staatlichen, sondern Geschäftspartner einer privaten Institution.

Kovces „Bildungsreise“ ist ein emphatisches Plädoyer für eine Reform unseres Bildungssystems, in der Privatisierung und Freiheit einander nicht mehr ausschließen, sondern bedingen. Mit Blick auf die amerikanische Situation, aber auch auf die steigende Unzufriedenheit von Lehrenden und Studierenden mit der deutschen Hochschulverfassung kann ich ihm nur Recht geben.

 

Philip Kovce: Von Bologna nach Berlin und wieder zurück. Über die Verfassung der Universität. Eine Bildungsreise. Metropolis 2016, 124 Seiten, 14,80 €.

Header: Portal der Humboldt-Universität zu Berlin, Symbol des deutschen Hochschulsystems. Quelle: Wikipedia.