Weltkrieg der Mittelschichten

Künftige Konflikte werden weltweite Konflikte zwischen den Mittelklassen sein

400 Dollar. So viel kostet eine durchschnittliche Autoreparatur in den USA. Ein Betrag, den sich viele in der hochverschuldeten amerikanischen Mittelschicht nicht oder nur schwer leisten können. Amerikas Mittelklasse ächzt und stöhnt unter ihrer wachsenden Verschuldung und Verarmung.

400 Euro. So viel kostet bei uns in Deutschland der TÜV, ein neues Inlay, eine neue Winterjacke. Eine Summe, an der auch hier immer mehr Menschen zu knabbern haben. Wohlgemerkt nicht Arbeitslose und Ein-Euro-Jobber. Sondern Menschen aus der Mittelklasse. Akademiker, Angestellte, Selbstständige.

Was immer man über den französischen Ökonomen Thomas Piketty denken mag: mit seiner Analyse, dass den Mittelschichten der westlichen Industriestaaten eine gigantische Verarmungswelle bevorsteht, wird der Autor des Bestsellers „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ Recht behalten.

Zwischen 1950 und 2000 vollziehen die westlichen Gesellschaften einen gigantischen Aufstiegsprozess

Hinter uns liegen fünfzig erfolgreiche Jahre. Den „dreißig glorreichen Jahren“ des Wirtschaftswunders zwischen 1950 und 1980, in denen die Weichen für eine moderne Betriebsverfassung mitsamt Kündigungsschutz und großzügigen Rentenanpassungen gestellt wurden, folgten ab 1970 die dreißig glorreichen Jahre der Bildung.

Kinder von Arbeitern und kleinen Angestellten machten auf einmal Abitur, studierten, wurden Akademiker. Die gesamte Gesellschaft machte einen riesigen Aufstiegsprozess durch. Staat und Wirtschaft flankierten diesen Prozess durch breitangelegte Förderprogramme und eine großzügige Kreditpolitik. Der amerikanische Traum der Nachkriegszeit, wie wir ihn aus „Brokeback Mountain“ kennen, hielt Einzug in Europa: ein eigenes Haus oder Reihenhaus, mindestens ein Auto, Gymnasialbesuch und anschließend ein Hochschulstudium für die Kinder waren nicht länger ein Privileg der Oberschicht, sondern wurden zur Regel für fast alle.

Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft ist seit den 1980ern Realität

Bereits in den Sechzigern erfand der Soziologe Helmut Schelsky für diesen Prozess den Begriff der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“. Damals freilich war die Gesellschaft noch weit davon entfernt. Der eigentliche Durchbruch kam in den Achtzigerjahren. Im Schatten des Kalten Krieges und unter dem Schutzschirm der amerikanischen Containmentpolitik schien sich in Europa ein ewiger Sabbat des Friedens und Wohlstandes auszubreiten.

Verantwortlich waren dafür allerdings nicht nur die Marshall-Milliarden, die bald nach Kriegsende in die öffentlichen Kassen aller westlichen Länder und auch Jugoslawiens und der Türkei flossen. Der Zusammenhang ist ein viel größerer.

Vor einhundert Jahren stirbt die klassische europäische Oberschicht

Vor einhundert Jahren tobte in Europa der Erste Weltkrieg. Seine vielleicht wichtigste Folge war keine politische, sondern eine gesellschaftliche: der Tod der alten europäischen Oberschicht und zeitgleich die Geburt der Mittelschicht von heute. Von 1914 bis 1923 wütete in allen kriegführende Staaten eine verheerende Inflation. Das Deutsche Reich und Österreich waren als Kriegsverliere am stärksten davon betroffen, was bei uns bekanntlich in der Hyperinflation von 1923 gipfelte. Aber auch in England und Frankreich vernichteten die Geldabwertung sowie die immer erdrückendere Konkurrenz der USA auf dem Weltmarkt die Kapitalbasis der alten Oberschicht. Bis zu diesem Zeitpunkt war es in den höheren Gesellschaftsklassen üblich, von Kapitalerträgen zu leben, die mit schöner Regelmäßigkeit aus Fonds auf die Konten der Privatleute flossen. Der Romancier Marcel Proust etwa († 1923), Sohn eines reichen Pariser Bankiers, bezog umgerechnet 12.000 € Zinsen – damals vornehm auf Französisch Renten genannt – aus seinem Anlagevermögen– pro Monat, wohlgemerkt.

Die große Inflation machte damit Schluss. Wirtschaftshistoriker sprechen in dem Zusammenhang vom Tod der Rentiers. Auf einmal war arbeiten gehen keine Frage des Status oder des Vergnügens mehr, sondern bittere Not. Der Film „Just a Gigolo“ (1979) mit David Bowie und Marlene Dietrich in ihrer letzten Leinwandrolle sing genau davon ein Lied. Die frühere Oberschicht bröckelte ab und vermischte sich mit Aufsteigern aus der Arbeiterklasse, die ebenfalls der Erste Weltkrieg hervorgebracht hatte, zu einer neuen Mitteklasse.

Diese neue Mittelklasse musste versorgt werden: mit sicheren und vor allem ausreichenden Arbeitsplätzen, mit großzügigen Bankkrediten, mit sozialer Absicherung. Der Tod des Rentiers war zugleich die Geburt der heutigen Mittelschicht.

Der Tod des Rentiers war zugleich die Geburt der Mittelschicht von heute

Sowohl Europa als auch die USA stehen in den Dreißigerjahren ganz im Zeichen dieser neuen Mittelschichtpolitik. Roosevelts von John Maynard Keynes inspirierter New Deal und Hitlers kreditfinanzierte Wohlfahrts- (und Rüstungs-) Politik sind die bekanntesten Beispiele hierfür.

Dieser Trend setzte sich nach dem Krieg fort: in Deutschland sowie in der ganzen westlichen Welt. Die USA als tonangebende westliche Siegermacht hatten ein Ziel: die Förderung einer möglichst wohlhabenden Mittelschicht in ganz Westeuropa, um so einen Abfall zum Kommunismus (wie er vor allem in Klassengesellschaften wie Italien und Griechenland drohte), aber auch einen Rückfall in kontinentale Alleingänge wie den Nationalsozialismus (denn als solcher wurde er jenseits des Atlantiks wahrgenommen) zu verhindern.

Der Zweite Weltkrieg vollendete wirtschaftspolitisch, was der Erste begonnen hatte

Der Zweite Weltkrieg vollendete so gesellschafts- und wirtschaftspolitisch, was der Erste begonnen hatte. Die westlichen Gesellschaften vermittelschichteten. Viele Söhne der Unterklasse waren 1918 als Unteroffiziere, deren Söhne dann 1945 als Offiziere nach Hause gekommen. Ihre Familien strebten in die unternehmerische Selbstständigkeit und ins Akademikertum. Studieren war kein Privileg abgesicherter Bürgerskinder mehr, sondern wurde zum Volkssport.

Achtundsechzig tat dann das Übrige. Seine wichtigste Folge war weniger die Politisierung der Studentenschaft, als vielmehr die Akademisierung der Nichtakademiker. Viele von ihnen wollten nun auch Studenten sein – um mitreden zu können und um dazuzugehören. Die neuen sozialen Bewegungen als politische Folge von Achtundsechzig schufen hierzu die Grundlagen: es wurde Mode, das Abendgymnasium zu besuchen, die Universitäten erhielten immer mehr Zulauf und lockten durch ein de facto kostenloses Studienangebot, das direkt in bessere Beschäftigungsverhältnisse zu führen versprach, BAFÖG und Sozialhilfe gewährleisteten die Freiheit von extremer Not und Armut während und nach dem Studium. In den 1980er Jahren war aus Deutschland die perfekte Mittelschichtgesellschaft geworden.

Seit den Achtzigern geht es bergab

Seitdem geht es bergab. Zur Überflutung der Universitäten, die längst keine individuelle Betreuung mehr gewährleisten, kommt eine immer erdrückendere Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Sozialer Status hat sich längst vom Einkommen entkoppelt. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse betreffen nicht nur den ungelernten Arbeiter, der von Zeit- und Leiharbeitsfirmen ausgebeutet wird, sondern auch den Mittelschichtler mit Hochschulabschluss, der sich von Job zu Job hangelt, mal schlechter, mal besser bezahlt, immer mit dem Damoklesschwert des finanziellen Absturzes und der Altersarmut über dem Kopf. Angestellte gehen mit hohen Abschlägen in die Rente, Immobilien sind keine Wertanlage, sondern reine Wohnobjekte, die oft entweder noch verschuldet an die Kinder vererbt, oder von diesen im Wege der Erbteilung veräußert werden. Dabei spielt elterliches Vermögen bei der sozialen Absicherung der Generation Y und der Millennials, also der zwischen 1970 und 2000 Geborenen, in demselben Maße eine immer größere Rolle, wie es immer kleiner wird.

Das Prekariat ist längst ein Mittelschichtenphänomen

Die Krise der Mittelschichten ist ein weltweites Phänomen. Die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA werden am Ende nichts anderes als ein Referendum über die Zukunft der amerikanischen Mittelklasse sein. Einer Mittelklasse, die längst vom Fortschritt abgehängt wurde und als deren Sprecher aller Voraussicht nach Donald Trump ins Rennen gegen Hillary Clinton gehen wird.

Auch die Krise in Syrien, dem Irak und Ägypten ist eine Krise der dortigen Mittelklassen. Die Flüchtlinge, die bei uns ankommen, sind längst nicht mehr nur ungelernte Arbeiter mehr, die sich mit einem 400-Euro-Job hinter er McDonald’s-Theke abspeisen lassen. Sondern Ärzte, Anwälte und Ingenieure, die im reichen Europa den Standard wieder erreichen wollen, den sie in ihrer vom Krieg geplagten Heimat einst innehatten.

In Europa aber treffen sie auf eine Mittelschicht, die selber ums Überleben kämpft. Im längst verarmten Südeuropa ebenso wie in Frankreich, Österreich und Deutschland. Osteuropa, das seit dem Ende des Kalten Krieges 1990 verzweifelt den Anschluss an den reichen Westen sucht und seit je scharf an der Überschuldung entlangsegelt, war von vorneherein ein Gegner der deutschen Flüchtlingspolitik. Der wirtschaftliche Absturz, der den Mittelschichten auf dem ganzen Kontinent droht, wird die Länder des früheren Ostblocks als erste treffen.

Für die Mittelschicht gilt die Parole: rette sich, wer kann

Längst gilt für die Mittelklasse in Europa: rette sich, wer kann. Jobmigration ist schon lange nicht mehr das Unterschichtenphänomen, das es früher einmal war, zuletzt während des europäischen Wirtschaftswunders, als Millionen unqualifizierter Gastarbeiter aus Italien und der Türkei, später auch aus Ostasien und dem Orient nach Europa strebten. Hochqualifizierte Expatriates migrieren aus Industriestaaten in andere Industriestaaten wie die USA, oder ins aufstrebende China.

Noch suggerieren die Politiker der reichen EU-Staaten, es könne alles so weitergehen wie bisher. Doch öffentliche und private Verschuldung werden früher oder später das traditionelle Gefüge von Tariflöhnen und öffentlichen Leistungen aufgefressen haben. Was folgt, ist nicht Hunger – aber Verschuldung, Armut und der Tod der Mittelklasse. Leinwandepen wie die „Hunger Games“-Trilogie oder auch Serien wie „Orange ist the new black“, die den sozialen Absturz von westlichen Mittelschichtlern erzählen, bereiten ihre Zuschauer auf genau dieses Szenario vor

Im Westen wird fieberhaft an alternativen Modellen der sozialen Absicherung gearbeitet

Schon arbeiten Think Tanks und Bürgerinitiativen in der ganzen westlichen Welt fieberhaft an alternativen Einkommensmodellen. Anfang Juni findet in der Schweiz das erste landesweite Referendum über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens statt. In den USA wird bereits eine negative Einkommenssteuer auf Niedriglöhne erhoben, die als Zuschuss auf diese Löhne ausgezahlt wird.

Und auch in Deutschland werden solche Überlegungen immer populärer. Manager wie dm-Gründer Götz Werner oder Telekom-CEO Timotheus Höttges erwarten für die nächsten Jahrzehnte einen massiven Wegfall von Arbeitsplätzen durch die weitere Automatisierung von Produktionsvorgängen. Beide Manager gehören zu den Befürwortern eines Grundeinkommens.

Grundeinkommensmodelle werden überall im Westen diskutiert

Die Industrialisierung der Landwirtschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat den uralten Feind der Menschheit, Hunger, in den Industriestaaten faktisch ausgerottet. Die digitale Revolution, in der wir uns befinden, macht nun auch Millionen Arbeitsplätze überflüssig. Mit Hochdruck forschen Wissenschaftler in aller Welt an künstlicher Intelligenz. Schon experimentiert die Deutsche Post mit Paketzustellungen per Drohne. Skandale wie der um manipulierte Abgaswerte bei VW und Mitsubishi zeigen, dass nicht mehr Maschinenbau, sondern Softwareentwicklung die wirtschaftliche Kernkompetenz der Industriestaaten ist. Internetkonzerne wie Google, Apple oder Facebook dominieren folglich schon jetzt die Aktienmärkte und bauen diese Position weiter aus. Ihre Stärke rührt auch daher, dass sie mit weitaus weniger Beschäftigten auskommen als ein klassischer Industriekonzern.

Jeder sucht den Statuserhalt

Aus der Industriegesellschaft ist längst eine Dienstleitungsgesellschaft geworden. Nun geht es auch dem Dienstleistungssektor an den Kragen. Die Folge: viele klassische Karrierepfade der Mittelschicht führen ins Leere. Die Politik sucht nach neuen Konzepten der sozialen Absicherung. Der Einzelne aber sucht den Statuserhalt. Auch ein Grundeinkommen wird nicht den ewigen Drang des Menschen nach Distinktion und Wettbewerb beseitigen. Wir werden einen kalten Weltkrieg der Mittelschichten erleben, einen Weltkrieg um Statuserhalt und Statusgewinn.

Europa wird Schauplatz des kalten Kriegs der Mittelschichten sein

Europa ist in diesem Kampf besonders gefährdet. Durch seine geopolitische Lage und durch seine politische Uneinigkeit. Die Großmächte Russland und China verfolgen längst eine Politik der gesellschaftlichen Abschottung und ziehen bewusst eine ehrgeizige und expansive Mittelschicht heran. Die Supermacht USA erkennt – das zeigt der Wahlkampf –, dass sie wieder ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten für die eigene middle class werden muss, will sie im internationalen Wettbewerb nicht zurückfallen. In Europa sind die Mittelschichten überall im Wanken, am schwersten im Süden, aber immer mehr auch im reichen und bisher stabilen Mitteleuropa. Nun kommt Konkurrenz aus dem Orient dazu, der immer im Windschatten Europas fuhr.

Es wird spannend. Niemand kann vorhersagen, wo sich Europa und die Europäische Union in zwanzig Jahren befinden werden. Gut möglich, dass die derzeitige Krise den Kontinent wieder enger zusammenrücken und erstarken lässt. Genauso gut aber ist es möglich, dass der Doppeldruck der geopolitischen Situation und der digitalen Transformation des Arbeits- und Wirtschaftslebens Europa dauerhaft schwächen wird. Eine neue Unterschicht wird entstehen, die mit vielen gefallenen Mittelschichtlern gefüllt werden wird. Und politisch könnte Europa nach tausend Jahren der weltpolitischen Dominanz endgültig durch die Flügelmächte USA im Westen und China im Osten marginalisiert werden.

© Konstantin Sakkas, 2016

 

 

 

 

 

 

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