Die Dritte Flandernschlacht

Selten hat sich Geschichte so oft wiederholt wie im Ersten Weltkrieg. Die Soldaten im Westen, sofern sie überlebten, kehrten immer wieder zu ihren Schlachtfeldern zurück. im Frühjahr 1917 waren dies der Pas-de-Calais und die Champagne gewesen. Im Sommer wurde es Flandern. Dort hatten sich Deutsche und Franzosen im Herbst 1914 einst den „Wettlauf zum Meer“ geliefert, um sich schließlich einzugraben und im bitteren Stellungskrieg zu verharren.

In Flandern wollten die Briten 1917 den Krieg beenden

Hier wollte Marschall Haig mit seinen Tommies nun den Durchbruch schaffen. Die letzte Großoffensive der Briten war 1915/16 vor Gallipoli auf der Chersonnes kläglich gescheitert, die Sommeschlacht 1916 war mehr ein Entlastungsangriff als eine eigenständige Offensive. In Flandern aber wollte die britische Heeresführung nun ihr Meisterstück liefern. Nach dem Vorspiel von Arras (April) und Messines (Mai/Juni) gingen am 31. Juli zwei britische Armeen auf breiter Front zum Angriff über, unterstützt von der französischen 1. Armee. Ihnen gegenüber lag die 4. deutsche Armee. Ziel der Briten war zuerst einmal, den Zugang zu den deutschen U-Boothäfen an der belgischen Küste abzuschneiden. Seit Monaten tobte in den Weltmeeren der uneingeschränkte U-Bootkrieg, mit dem sich die OHL aus den Fesseln der englischen Hungerblockade befreien wollte. In Reaktion hierauf waren die USA in den Krieg gegen die Mittelmächte eingetreten – das gab der Entente zusätzlichen Auftrieb, konnte sie nun doch hoffen, bald frische Truppen aus Übersee an ihrer Seite zu haben.

3000 Geschütze nahmen die deutschen Gräben unter massives Feuer, mittlerweile ein eingespieltes Ritual. Dann ging es los. Die angreifenden Infanteristen wurden von Maschinengewehrgarben empfangen, die Deutschen wehrten sich mit allen Mitteln, erstmals auch mit Senfgas, das nicht nur die Lunge schädigte, sondern auch die Haut furchtbar verätzte. Die 22 Mark IV-Panzer, der Stolz der britischen Rüstungsindustrie, kamen nur schwerfällig voran, etliche blieben in den unzähligen Granattrichtern stecken, mit denen das Schlachtfeld übersät war. Um Langemarck wurde, wie schon 1914 heftig gerungen, doch diesmal lagen hier keine unausgebildeten Abiturienten, sondern abgehärtete Frontschweine mit drei Jahren Fronterfahrung, die nichts mehr aus der Ruhe brachte.

Die Briten hatten alles gegeben, doch es war nicht genug

Haig wechselte seine Befehlshaber aus und ließ auf Poelkapelle vorrücken. Seine Männer nahmen das Dorf im Nordosten von Ypern unter schwersten Verlusten, doch es reichte nicht. Paschendaele, ein Flecken ein paar Kilometer weiter östlich, hieß das Ziel. Hier wollte Haig die Entscheidung erzwingen. Mitte Oktober begann hier das furchtbarste Gemetzel in der Geschichte des britischen Heeres nach der Somme.  Truppen aus Kanada, Australien und Neuseeland gaben alles für ihr Empire. Die erste Offensive wurde abgeschlagen, Ende Oktober folgte die zweite. Die Deutschen unter ihrem General Sixt v. Arnim – bald hieß er nur noch „Der Löwe von Flandern“ wehrten sich erbittert, doch am Ende waren die Kanadier siegreich. Paschendaele fiel. Doch es war ein teuer erkaufter Sieg. 16.000 Mann kostete die Einnahme des flämischen Dorfes. Und die deutsche Siegfriedlinie hielt noch immer. Die Briten hatten alles gegeben, doch es war immer noch nicht genug. Am 10. November stellte Haig die Offensive ein. Nun setzte er alles auf die bevorstehende Panzerschlacht, die er den Deutschen bei Cambrai liefern wollte Sie sollte den Übergang vom infanteristischen Stellungs- zum motorisierten Bewegungskrieg bringen.

Der junge Leutnant Ernst Jünger erlebte die Dritte Flandernschlacht, das das Jahr 1917 an der Westfront dominierte, als Führer eines Spähtrupps. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Da wir unsere Aufgabe als Späher mit Eifer betrieben, kamen wir oft an Orte, die eben noch unbeschreitbar gewesen waren. So taten wir einen Einblick in das Verborgene, das auf dem Schlachtfeld geschah. Überall stießen wir auf die Spuren des Todes; es war fast, als hause keine lebende Seele in dieser Wüste mehr. Hier lag hinter einer zerzausten Hecke ein Gruppe, die Körper noch von der frischen Erde bedeckt, die nach dem Einschlag auf sie heruntergerieselt war; dort waren zwei Meldeläufer neben einem Trichter, aus dem noch der stickige Dunst der Sprenggase schwelte, zu Boden gestreckt. An einer anderen Stelle fanden wir viele Leichen auf einer kleinen Fläche verstreut: ein in den Mittelpunkt eines Feuerwirbels geratener Trägertrupp oder ein verirrter Reservezug, der hier sein Ende gefunden hatte. Wir tauchten auf, umfassten die Geheimnisse dieser tödlichen Winkel mit einem Blick und verschwanden wieder im Rauch.“

Mythos Paschendaele

In England ist Paschendaele bis heute ein Mythos. Es war das letzte große Blutvergießen an der Westfront. 500.000 Mann, Deutsche und Briten, wurden verwundet, erkrankten oder blieben vermisst. 80.000 starben in der Schlacht, auf den Mohnfeldern Flanderns, die so ungeheures Leid sahen.

 

Der Text erschien 2014 in Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (München: Piper). © Konstantin Sakkas, 2014. Header: Schlussszene aus Blackadder, SE04E06 “Goodbyeee”, BBC 1989: Tim McInnerny, Hugh Laurie, Rowan Atkinson, Tony Ronbinson.

Des Westens wahre Werte

Eine Fernsehserie, deren Protagonist erst seinen depressiven Parteifreund, dann eine kleine Journalistin heimtückisch ermordet und anschließend durch Lügen und Intrigen Präsident der USA wird, wird weltweit als höchster Ausdruck der westlichen politischen Kultur gefeiert, und ein Film, dessen Protagonist, ein reicher Unternehmer, seine – von ihm wirtschaftlich abhängige – Geliebte mit dem Gürtel verprügelt, gilt als erhabenster Ausdruck von Liebe und Selbstbestimmung.

Merkt eigentlich niemand, wie tief wir schon im Dreck stecken? Sieht niemand, dass unsere westliche Kultur längst ihren Bankrott erklärt hat? Die Rede von den westlichen Werten ist längst nur noch Gerede, ist nur noch dünne Tünche über einer biopolitischen Realität, in der nur mehr Sozialdarwinismus, Dominanz und Ausbeutung zählen. Seit je definiert sich der Westen als Antipode zum vermeintlich barbarischen Orient; doch nicht das Orientalische, sondern das Westliche ist heute das eigentlich Barbarische.

Der Westen ist barbarisch, nicht der Orient

Dass es so kam, war freilich nicht zwangsläufig. Es ist Folge davon, dass der Westen seine eigenen Werte nicht mehr ernst nimmt. Der Geist des Neoliberalismus hat in den vergangenen dreißig Jahren einen tiefgreifenden Gesinnungswandel bewirkt, dem sich niemand, der am öffentlichen Leben irgendwie teilhabt, mehr entziehen kann. Die westliche Kultur befindet sich auf einem dauernden Drogentrip, der in krassem Widerspruch zu dem steht, was bei uns offiziell an Respekt, Toleranz und Menschlichkeit gelehrt wird.

„Zakat heißt: Du hilfst den Schwachen“ – so wirbt ein islamischer Verein in der Berliner U-Bahn. Im Westen heute wird dagegen gelehrt: ist einer schwach, tritt ihm nochmal ins Kreuz, schlag ihn nochmal ins Gesicht. Stürze den, der fällt, anstatt ihn zu stützen. Unter Hohngelächter wird Suizidalen in deutschen Innenstädten zugerufen: „spring doch, spring doch“! Man „hat nicht“ schwach zu sein. Schwäche ist eine Schande, ist die eigene Schuld. Und schuldig bist du auch, wenn Dir ein anderer Deine Ehre – huch, gibt es das überhaupt? – nimmt. Selbst schuld, Du Opfer. Eine westliche Institution, die offen dafür werben würde, „den Schwachen zu helfen“, würde sich hoffnungslos lächerlich machen.

Sadomasochismus als Leitideologie des Westens

Dieses sadomasochistische Meisternarrativ ist der eigentliche westliche Wert von heute, und es ist die große Lebenslüge des Westens, dass er zwar „Voltaire“ sagt, aber eigentlich „Sade“ meint. Durch diese Delegitimierung des Menschlichen aber – und sie geschieht systematisch und planvoll – beraubt sich der Westen seiner eigenen Legitimation. Man schaue sich einmal eine „ehrliche“ Serie über den Westen an wie, immer noch, Homeland oder neuerdings Designated Survivor, und man weiß, was gemeint ist.

Die westlichen Narrative von heute folgen allesamt einem gewaltpornographischen Grundmuster: noch eine Steigerung, noch eine Grenzüberschreitung, noch ein Exzess. An den Menschen und seine Würde, auf die sich der Westen seit der atlantischen Revolution vor zweihundert Jahren beruft, denkt man nicht mehr.

Mit den westlichen Werten ist es wie mit des Kaisers neuen Kleidern: alle reden über sie, aber niemand hat sie wirklich „gesehen“. Doch wie im Märchen, so ist es auch in der Geschichte nur eine Frage der Zeit, bis dem Westen seine Menschheits- und Menschlichkeitsvergessenheit irgendwann um die Ohren fliegt. Aber: wollen wir wirklich zulassen, dass es so weit kommt?

 

Vorstehender Text wurde von der Redaktion des Deutschlandfunk Kultur im Juni 2017 als Beitrag in der Sendung “Politisches Feuilleton” abgelehnt. © 2017, Konstantin Sakkas

Header: Brody und Issa. Szenenfoto aus Homeland, Season 1, Episode 9 (“Crossfire”). Rechte: Showtime

Die Verteidigung der Feigheit. Die deutschen Eliten und der 20. Juli 1944

Viel ist in den letzten Jahren über das Verhältnis des konservativen deutschen Widerstands zum NS-Regime geschrieben worden. Dass es für die deutschen Eliten, insbesondere den Adel, ein “langer Weg zum 20. Juli” war, hat die jüngere Forschung eindrücklich bewiesen, insbesondere Stephan Malinowski mit seiner bahnbrechenden Studie “Vom König zum Führer. Deutscher Adel und Nationalsozialismus”. Heute steht fest: Dem viel gepriesenen Opfergang des deutschen Adels und Großbürgertums nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 ging eine lange und tiefe Kollaboration mit dem NS-Regime voraus. Doch ein wesentlicher Aspekt wurde bis heute kaum thematisiert: nämlich die Bedingungen in Sozialcharakter und Habitus, die die Verstrickung der deutschen Eliten mit der NS-Diktatur erst möglich machten. Und diese Bedingungen reichen weit in die Geschichte vor Hitler zurück.

Sebastian Haffner stellte 1947 zur Geschichte der konservativen Eliten fest:

Es ist keine glanzvolle Geschichte. Der eine kurze Moment des Glanzes und der Tat, den sie enthält, führt unmittelbar zur Katastrophe und ist vielleicht, von einem möglichen Gesichtspunkt aus, nur das Ergebnis eines furchtbaren Fehlers. Es ist eine Geschichte des ‘Beinahe’ – quälend und tief unbefriedigend, herzbewegend und beunruhigend.

Doch woher kommt dieses politische Versagen im Widerstand gegen Hitler? Die Sozialgeschichte verweist hier gern auf die ideologische Affinität der Eliten zum Nationalsozialismus; die wahren Gründe liegen aber woanders. Zweifellos fanden zwar manche von Untergangsängsten geplagte Adlige und Großbürger in völkischer Bewegung und Rassenlehre verwandte Motive; dem gegenüber stehen indessen zahllose, durchaus glaubwürdige Äußerungen von Desinteresse, ja Belustigung über die theoretischen Inhalte der NS-Bewegung. Und tatsächlich: Für die meisten von ihnen war – nicht anders als für Hermann Göring, von dem das Zitat stammt – der Nationalsozialismus gerade in seinen wesentlichen Aspekten in Wahrheit nicht mehr als “ideologischer Kram”.

Die Gesellschaft sah den Parvenü in Hitler – und freute sich doch über sein Ritterkreuz

Doch das hinderte nicht nur, nein: Es begünstigte vielmehr gerade die Allianz der gesellschaftlich Einflussreichen mit den politisch Mächtigen. Denn die gesellschaftliche Elite, übrigens nicht nur in Deutschland, blickte schon immer gern auf die politischen Machthaber herab – und folgte trotzdem willig ihren Befehlen, auch unter Hitler. Rolf Hochhuth drückt dies in seinem “Stellvertreter” unvergleichlich treffend aus:

Die Gesellschaft [ … ] sieht den Parvenü in Hitler – und freut sich doch, nicht wahr, wenn ihre Söhne sein Ritterkreuz erhalten.

Immer in der Geschichte vertraten die Oberschichten, die sich ja eben nicht durch Genie und Leistung, sondern durch Tradition definieren, den Vorbehalt der Distinguierten gegenüber der Staatsgewalt. Oft genug ähnelte der Monarch mit seiner mal plumpen, mal kreischigen Exzentrik viel mehr dem einfachen Volk als den Aristokraten, die seinen Hofstaat bildeten; ein genialischer Feuerkopf wie Friedrich der Große entsprach der elitären Zucht des Adels ebenso wenig wie der gutherzige Biedermann Ludwig XVI. Die klassische Antipathie der Reichen und Schönen gegenüber den Mächtigen hat Thomas Mann in seinem Roman “Königliche Hoheit” einfühlsam illustriert:

Nein, es war klar, dass [Prinz] Klaus Heinrich mit Trümmerhauf” – einem seiner adeligen Spielgefährten – “an Vornehmheit nicht wetteifern konnte. Seine rechte Hand war ziemlich breit, er hatte Backenknochen wie alles Volk, und geradezu stämmig kam er sich vor an Dagoberts Seite. [ … ] Er [ … ] war kein Aristokrat, war keiner, deutliche Tatsachen sprachen dagegen. Wie war es mit seinem Namen? Klaus Heinrich, so hießen die Schustersöhne im Land, und Herrn Stavenüters Kinder dort drüben, die die Finger zum Schneuzen gebrauchten, wurden wie er, wie seine Eltern, sein Bruder genannt. Aber die Adligen hießen Bogumil und Dagobert.

Die hier skizzierte Kluft zwischen den Regierenden und der ersten Bevölkerungsklasse hatte eine schwerwiegende Konsequenz: nämlich die Verurteilung der Oberschichten zur fortwährenden Selbstverleugnung. Über Jahrhunderte hinweg musste sich der Adel krampfhaft beherrschen, um Leuten zu dienen, die er eigentlich verachtete; ohne die er aber soziologisch betrachtet nichts war. Und das war geltendes Recht: Noch 1903 galt in Preußen-Deutschland, dass “alle Adelssachen reine Gnadensachen” seien. Der Adelsstatus an sich unterlag noch in moderner Zeit keiner unabhängigen Judikative, sondern allein dem Gutdünken des Königs. Ohne jede Rechtfertigung konnte der König einem Adeligen den Adel aberkennen, ihn aus der Armee ausstoßen, ihn seiner Ämter und Würden für verlustig erklären, ihm die Pension streichen.

Der erste Stand im Staat konnte jederzeit alles verlieren; seine soziale Fallhöhe war beispiellos; das einfache Volk dagegen hatte wenig zu verlieren, entschloss sich leichter zur Rebellion und erreichte auf diese Weise nach und nach bedeutende Verbesserungen seiner Rechtsstellung. Der letzte schlesische Industriearbeiter hätte gegen eine ungerechte Behandlung vor einem ordentlichen Gericht klagen können; Fürst Bismarck aber, der bewunderte Reichsgründer, wäre 1891 wegen Majestätsbeleidigung von Kaiser Wilhelm II. um ein Haar auf die Festung Spandau geschickt worden – wogegen er sich kaum hätte wehren können.

Selbstverleugnung verdirbt den Charakter

Die Selbstverleugnung, die unweigerliche Konsequenz der Zwitterstellung zwischen sozialem Prestige und politischer Ohnmacht, bildet nicht den Charakter, auch wenn der Adel das bis heute gern behauptet; nein, sie verdirbt ihn. Sie war die eigentliche politische Tradition des deutschen, vor allem des preußischen Adels, und sie reicht lange zurück. Ausgerechnet über Friedrich den Großen, der vom Adel, dem er ungeheuere Opfer abverlangte, zu Lebzeiten nie geliebt wurde, kennen wir einen bemerkenswerten Bericht:

Im vierten und fünften Jahr des Siebenjährigen Krieges war Friedrich II. von seinen nahen und nächsten Umgebungen weder geliebt noch geschätzt noch sogar mehr gefürchtet. Ich sage dies, weil ich es mit Augen gesehen habe. Während dass wir hinter ihm herritten, machte ein junger Polisson namens Wodtke, Brigademajor von der Kavallerie, oft allerlei lächerliche Posituren hinter seinem Rücken, ahmte seine Stellung nach, wies auf ihn hin und dergleichen, um uns andere zu belustigen. Wodtke hatte Friedrichen auch den Beinamen Totengräber gegeben; der Kürze wegen nannte er ihn nur Gräber, und so hieß auch der Held in unseren vertraulichen, scherzenden und spottenden Unterhaltungen.

Die Gründe dafür lagen nicht nur in den Strapazen, denen sich Adel und Offizierkorps in Friedrichs Kriegen fortwährend ausgesetzt sahen (kein anderer Stand hatte prozentual so hohe blutige Verluste im Krieg vorzuweisen wie der Adel); in ihre Empörung hinein spielte zudem vielfach das Bewusstsein herrschaftlicher Anciennität gegenüber den Hohenzollern, einem ursprünglich unbedeutenden süddeutschen Geschlecht, das ihnen im 15. Jahrhundert der Kaiser als Statthalter in der Mark Brandenburg vor die Nase gesetzt hatte. Und als 1757 “die Nachricht von Friedrichs Niederlage bei Kolin ins Magdeburgische kam, freuten sich die Herren [gar], dass es nun ‘mit den Hohenzollern bald aus’ sein werde.” Nach außen freilich drang nichts davon. Man fluchte innerlich – und gehorchte.

Niemand war von der Obrigkeit so abhängig wie der Adel

Denn niemand war von der Monarchie als Institution so sehr abhängig wie der Adel, der deutsche ganz besonders. Als Gutsbesitzer, deren Existenzgrundlage die ländliche Scholle war, wussten die Adligen, dass jedes Aufbegehren gegen den König sofort vom nächstniederen Stand, nämlich Bauern und Bürgern, reflektiert und imitiert würde. Wenn – so die heimliche Überlegung, die jedem Aristokraten noch im Schlaf geläufig war – die Gutsbesitzer gegen die Krone rebellieren, so stellen sie automatisch deren übergesetzliche Legitimation infrage; damit aber die Legitimität von Herrschaft überhaupt, also auch ihre eigene!

Wenn ein Adliger einen König absetzen kann, warum dann nicht auch ein Leibeigener seinen adligen Gutsherrn? Dann wäre es wohl mit dem Feudalismus vorbei gewesen. Um seine eigene materielle und gesellschaftliche Lebensgrundlage zu erhalten, wählte der Adel die Knechtschaft unter dem monarchischen Absolutismus, der ihm freilich moralisch das Genick brach.

Der deutsche Partikularismus, der aus jedem Duodezherrn im Heiligen Römischen Reich einen kleinen Sonnenkönig machte, hat den deutschen niederen Adel über Jahrhunderte zu einer ausgesprochenen Hörigkeit erzogen. Anfangs freilich nicht ohne Widerstände: Etwa in Brandenburg-Preußen schlugen der Große Kurfürst 1672 und sein Enkel, der Soldatenkönig, 1731 adelige Opposition brutal nieder.

Die Hinrichtung Kattes, des Jugendfreundes Friedrichs des Großen, nach dessen gescheitertem Fluchtversuch war auch ein Exempel des Königs gegenüber seinem Adel; und wenn es in jener berühmten Kabinettsorder, die den Tod Kattes besiegelte, hieß: “fiat justitia et pereat mundus”, also: “Die Gerechtigkeit soll leben, und wenn die Welt dabei untergeht” – so meinte “Mundus” auch “Le Monde”, also die große Welt der Schönen und Reichen, die glaubten, für sie gelte Recht und Gesetz nicht. Eben doch: Vor der Staatsgewalt, so das Fanal des Königs, zählen weder Rang noch Herkunft. Und der Soldatenkönig brachte auch den preußischen Absolutismus auf die berühmte Formel: “Ich ruiniere die Junkers ihre Autorität und stabilisiere die Souveränität wie einen “rocher de bronce”, wie einen Felsen von Erz.

Ausgerechnet im etatistischen Frankreich entwickelte sich dagegen eine recht selbstständige, unbequeme und rebellische Elite. Im ganzen 16. Jahrhundert kämpfte die französische Krone gleich an zwei Seiten mit dem Adel: einerseits mit der hugenottische Aristokratie, repräsentiert durch charismatische Persönlichkeiten wie den Admiral de Coligny; andererseits mit der katholischen Reaktion und selbstbewussten Grandseigneurs wie den Herzögen von Guise an der Spitze.

Das Selbstgefühl des französischen Adels erlitt zwar unter Ludwig XIV. erhebliche Einbußen; doch ganz verschwand es nie. Einen neuen Höhepunkt erreichte es dann in der Französischen Revolution 1789, die in ihrer frühen Phase ganz maßgeblich von Aristokraten – man denke etwa an den Grafen Mirabeau – getragen wurde. In seinem Roman Narrenweisheit hat Lion Feuchtwanger dem oft selbstlosen Einsatz des französischen Adels für Aufklärung und Revolution ein Denkmal gesetzt.

Ähnliches gilt für die englische Entwicklung. Die politischen Revolutionen auf der Insel gingen fast ausschließlich von der Oberschicht aus, die sich von der Magna Charta 1215 bis zur Glorious Revolution 1688, mal mit guten, mal mit weniger guten Folgen, als effektives Korrektiv monarchischer Entscheidungen bewährte. Noch 1936 zwang die englische aristocracy den deroutierten Edward VIII. zur Abdankung, nachdem dieser sich als Bräutigam der kapriziösen Wallis Simpson unmöglich gemacht hatte.

Zum Vergleich: Als zwei Jahre zuvor Hitler während der RöhmAffäre die SA-Führung liquidieren ließ, waren am Ende auch zwei adelige Reichswehrgeneräle in ihren Privatwohnungen unter den Ermordeten. Doch deren Standesgenossen rührten keinen Finger; Reichswehrminister General von Blomberg erließ sogar einen Tagesbefehl, in dem es hieß: “Die Wehrmacht dankt dem Führer durch Hingebung und Treue!”

Selbstverleugnung und  Selbstaufgabe gehörten seit Jahrhunderten zum Habitus des Adels

Aber das war – es sei wiederholt – eben keine neue Entwicklung. Selbstverleugnung und Selbstaufgabe waren kein Produkt der besonderen Gegebenheiten des NS-Staates; sondern sie gehörten schon seit Jahrhunderten zum politischen Habitus des Adels. Wenn im 19. Jahrhundert der preußische General Julius von Hartmann in seinen Memoiren behauptete, es sei “von jeher sehr viel Liberalismus in dem Offizierskorps gewesen”, so meinte dies lediglich das hergebrachte Privileg des Adels, ein besonderes Standesbewusstsein im Staat haben zu dürfen, weil man diesen Staat exemplarisch verkörperte. Adeliger Liberalismus bezog sich auf das klassische Recht auf den Kasinowitz über den Monarchen, mehr nicht. Der Adel durfte meckern und Witze machen, weil er, wenn es ernst wurde, auch als Erster gehorchen musste.

Besonders deutlich wurde dies in der Bismarck-Zeit, als, nach dem Sieg über die konservative Brudermacht Österreich 1866, der preußische Adel anfing, seinen entfremdeten Standesgenossen Bismarck zu hassen, der überdies eine bürgerliche Mutter hatte Während seiner ganzen Reichskanzlerschaft war dann der “Eiserne Kanzler” nirgends so unbeliebt wie beim Adel: wegen seiner prinzipienlosen Politik, seines rauen Stils in Personalfragen und seiner persönlichen Erfolge, die den Rahmen des Gewohnten sprengten.

1865 noch einfacher Freiherr und Reserveoffizier, war er 1871 Fürst und General mit einem Millionenvermögen; dass manch ostelbischer Junker in seinen Salongesprächen Bismarck vor Neid, aber auch aus ideologischen Gründen die Pest an den Hals wünschte, belegen einschlägige Passagen in Theodor Fontanes “Irrungen, Wirrungen”. Als Bismarck schließlich 1874 den Grafen Harry Arnim wegen Landesverrats vor Gericht stellen ließ, bestätigte das nur die Vorurteile seiner konservativen Kritiker. Freilich: Aufbegehrt haben sie nicht.

Das Gleiche wiederholte sich dann unter dem viel gehassten Wilhelm II. Nicht die Arbeiter spotteten über den Kaiser und seinen verkümmerten Arm; sondern die elitären Offiziere der Potsdamer Garde. Sie ließen im Kasino nach dem ersten Glas Wein die Ordonnanzen wegtreten, um ohne Furcht vor Denunziation über den Obersten Kriegsherrn lästern zu können; sie verunglimpften ihn als “Guillaume le timide”, “Wilhelm den Ängstlichen”, weil ihnen seine Politik nicht offensiv genug erschien; und sie fielen als Erste über ihn in ihren Memoiren her, als Wilhelm 1918 schließlich abdankte und ins Exil ging. Und auch hier zeigt sich wieder ihre Doppelmoral: Als nämlich 1919 Paul Graf Hoensbroech die Führungsschwäche des Kaisers öffentlich anprangerte, forderte ihn der pensionierte General von der Schulenburg zum Duell, obwohl der sich ganz genauso über Wilhelm II. geäußert hatte – allerdings privat!

Für den deutschen Adel war es nie ein Problem, eine eigene Meinung zu haben; wohl aber, nach ihr zu handeln

Für den deutschen Adel war es nie ein Problem, eine eigene Meinung zu haben; wohl aber, nach ihr zu handeln. Die abstruse Maxime Kants: “Räsonniert, soviel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!”, passt ideal auf die preußisch-deutsche Oberschicht, die sich ihre soziale Privilegiertheit über Jahrhunderte hinweg mit einer beispiellosen politischen Impotenz erkauft hat. Symbolisch steht hier das Wort eines Flügeladjutanten aus der Entourage des letzten Hohenzollernherrschers: “Der Kaiser hat uns alle entmannt!”

Dies fand seine fatale Fortsetzung im Dritten Reich. Wieder begegnen wir jener seltsamen moralischen Indifferenz und typisch elitären “Mischung aus Verdrängung, Disziplin und Lebenslüge”, die ausgerechnet Hitlers früheste Kritiker – und das waren ja gewiss die Konservativen – zu seinen zuverlässigsten Stützen werden ließ.

Erinnert sei nur an die obskuren Planungen, wie man Hitler, den “tollwütigen Hund”, den “böhmischen Gefreiten” umbringen wolle, um am Ende meistens doch wieder vor ihm strammzustehen, wie man schon vor Friedrich, vor Bismarck und vor Wilhelm strammgestanden hatte: 1938 während der Sudetenkrise, 1940 beim Einmarsch in Frankreich, 1943 an der Ostfront – Überlegungen, Pläne, und Versuche hat es viele gegeben, und ihr moralischer Wert steht außer Frage; doch ihr Dilettantismus war beispiellos und Gott sei’s geklagt beschämend.

Jener Dilettantismus aber kam auch daher, dass diese Elite seit Jahrhunderten keinen Schuss mehr abgegeben hatte, der ihr nicht von oben, will sagen von der Obrigkeit befohlen worden war, von jener Obrigkeit, die Martin Luther einst heiliggesprochen hatte. Was geschehen konnte, wenn die Elite wenigstens einmal gegen diese Obrigkeit handelte, zeigte sich beim Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944.

Unfähig zu selbständigem, entschlossenem Handeln

Nirgends kam ihr indolenter, passiver Habitus so deutlich zum Vorschein wie an jenem so bitter erfolglos endenden Tag: Der leichtsinnige Gedanke, ausgerechnet einen halb verkrüppelten Offizier wie Stauffenberg mit einem Bombenattentat zu betrauen; die Trägheit des Generals Fellgiebel, der noch nach der Explosion in der “Wolfsschanze” Hitler mit der Pistole hätte erschießen können, es aber nicht tat; die Nervosität General Olbrichts, der drei Stunden lang in Berlin die Hände in den Schoß legte, während Stauffenberg mit Müh und Not ein Flugzeug bekam; schließlich die aberwitzige Naivität, mit der man ausgerechnet Major Remer, einem notorischen Nationalsozialisten, die Verhaftung von Goebbels anvertraute: All dies zeigt, wie ungeeignet und unfähig diese Männer zu selbstständigem, entschlossenem Handeln waren, mochten ihre Grundsätze und Überzeugungen moralisch noch so aufrichtig gewesen sein.

So versteht man auch den bissigen Kommentar des Hitler-Gegners Friedrich Reck-Malleczewen, der am Tag nach dem Attentat in sein Tagebuch notierte:

Ein wenig spät, ihr Herren, die ihr diesen Erzzerstörer Deutschlands gemacht habt, die ihr ihm nachliefet, solange alles gut zu gehen schien, die ihr, alle Offiziere der Monarchie, unbedenklich jeden von euch gerade verlangten Treueid schworet, die ihr euch zu armseligen Mamelucken des mit hunderttausend Morden, mit dem Jammer und dem Fluch der Welt belasteten Verbrechers erniedrigt habt und ihn jetzt verratet, wie ihr vorgestern die Monarchie und gestern die Republik verraten habt.

Ähnlich sah es auch Joachim Fest, dessen Vater Hans einst lieber Amt und Würden aufgegeben hatte, als jene Zwitterstellung zwischen innerer Rebellion und äußerem Konformismus zu wählen, in der man allein schon dadurch zum Täter werden kann, indem man es unterlässt, das Richtige zu tun. Beispielhaft hier der Vergleich zwischen deutschem und italienischem Widerstand, den Fest anstellt:

Als Dino Grandi sich am 25. Juli 1943 zur Sitzung des faschistischen Großrats begab, auf der Mussolini gestürzt werden sollte, hatte er zwei Handgranaten bei sich. Am Eingang des Saales zum Palazzo Venezia war das erste Mitglied des Rates, auf das er stieß, Cesare de Vecchi. Da Grandi fürchtete, Mussolini werde sich zur Wehr setzen und auf ihn schießen, fragte er kurz entschlossen de Vecchi, ob er eine der Granaten übernehmen und notfalls auf den Duce werfen wolle, und de Vecchi willigte augenblicklich und ohne irgendeine Gegenfrage ein. Es war die Schwäche des deutschen Widerstands, dass er keinen Grandi hatte und selbst einen de Vecchi nicht.

Freilich: Die deutschen Widerstandskämpfer durften für sich in Anspruch nehmen, es wenigstens versucht zu haben, und diesen Ruhm kann ihnen niemand nehmen. Gleichwohl gibt es eine bedenkliche Nähe zwischen ihnen, die immerhin etwas taten, und jener großen Mehrheit, die zwar über Hitler grummelte, aber nichts tat. Gerade in Militär und Diplomatie fanden sich viele Mitwisser der Attentatspläne.

Sie alle wären nach einem erfolgreichen Staatsstreich mit fliegenden Fahnen zu den neuen Machthabern übergegangen, denn mit Hitler verband sie kaum etwas; doch sie leisteten nach wie vor brav ihren Dienst und igelten sich ein in ein Gehäuse aus Hoffnung, Fatalismus und sogenannter Pflichterfüllung – eine Haltung, die noch im Jahr 2009 ausgerechnet Richard von Weizsäcker prononcierte, als er in einem Interview mit dem SPIEGEL versuchte, seinen Vater Ernst, Staatssekretär bei Außenminister von Ribbentrop und früh eingeweiht in die Judenvernichtung, von den Vorwürfen der Nachwelt mit ziemlich aggressiver Apologetik freizusprechen. Wenn der deutsche Adel je eine Ideologie hatte, dann jene dumpfe, schwerfällige und einfallslose Ideologie des “Auf-dem-Posten-Bleibens”.

Das Problem der konservativen Eliten in Preußen-Deutschland lag nicht in ideologischer Verführung, sondern in ihrem politischen Opportunismus

Das Problem der konservativen Eliten in Preußen-Deutschland lag nicht in ideologischer Verführung; eher schon, wie Stephan Malinowski richtig betont, in ihrer mentalen Depravation seit dem Ersten Weltkrieg, ihrer ungeheuerlichen Brutalisierung von Haltungen und Meinungen; vor allem aber in ihrem tief verwurzelten politischen Opportunismus. Dieses Problem gründet sich nicht auf eine Ideologie, sondern auf den unfreien Habitus. Dessen Konstanten Anpassung, Selbstverleugnung, Gehorsam und Resignation wirken viel verderblicher als manche Überzeugung.

Nazis und NS-Gegner wussten, was sie taten, und taten es aus freien Stücken; die Eliten aber gingen 1933 die alten, eingetretenen Pfade durch die Institutionen weiter, die sie schon zweihundert Jahre lang gegangen waren. Sie wurden Generäle und Staatssekretäre, manche auch SS-Führer, so wie ihre Väter und Ahnen eben Obristen, Kammerherren oder Botschafter geworden waren, und bildeten sich noch ein, sie könnten sich die Abzeichen des neuen Regimes wie Modeartikel an den Rock heften und trotzdem rein bleiben von seinen Verbrechen.

Gerade durch diese Unentschlossenheit und Trägheit aber wurden viele von ihnen schuldig. Gewiss waren die meisten von ihnen keine Nazis; doch waren sie moralisch deshalb besser? Sie waren ideologisch gar niemand, mit dem Wort Hannah Arendts: Sie waren “Niemande”, sie “weigerten sich, Personen zu sein”. Und genau dies macht die Schwere ihres Versagens aus:

Sie folgten keinem Idealismus, auch nicht dem falschesten. Sie waren Getriebene, zutiefst unsichere und unselbstständige Charaktere, die an gar nichts glaubten. Nicht brutaler Voluntarismus oder imperialistischer Ehrgeiz, sondern Gedankenlosigkeit und moralische Indifferenz degradierten sie zu den willenlosen Vollstreckern der Unmenschlichkeit.

Der Historiker Christian Gerlach wies vor einigen Jahren nach, dass die Einsatzmeldungen der SS-Mordkommandos im Russlandfeldzug 1941 auch über die Schreibtische Tresckows und seines Adlaten Rudolf-Christoph von Gersdorff gingen. Hier zeigt sich das moralische Dilemma in voller Schärfe: Denn natürlich ist dieser Nachweis ja kein Beleg für eine Mittäterschaft; aber allein schon das bloße Mitwissen macht jemanden in einer Position wie Tresckow und Gersdorff schon mitschuldig. Gerade Gersdorffs Karriere – Tresckow nahm sich nach dem gescheiterten Attentat 1944 das Leben – zeigt exemplarisch die Realitätsblindheit des konservativen Widerstands:

Da steht einer eindeutig gegen Hitler, riskiert mehrmals sein Leben bei Attentats- und Umsturzversuchen, entgeht knapp der Verhaftung – und bleibt dennoch bis zum letzten Kriegstag auf seinem Posten, wird General, Stabschef einer Armee, Ritterkreuzträger, alles unter dem Oberbefehl von Adolf Hitler, kurz: Er tut nach außen hin so, als wäre nichts gewesen, mag er im Inneren auch noch so sehr in Opposition stehen. Kann man sich eine schlimmere Form der Selbstverleugnung vorstellen?

Zum Nicht-Handeln gehört, dass man nicht Wir sagt, sondern dass man Ich sagt

Auf diesen Habitus passt musterhaft, was Hannah Arendt in ihrem Buch “Eichmann in Jerusalem” über die so genannte “innere Emigration” sagte:

Über alle jene, die im Dritten Reich Stellungen, und oft genug hohe Stellungen, innehatten und dann nach dem Kriege sich selbst und der Welt erklärten, sie seien jederzeit ‘innerlich Gegner des Regimes’ gewesen. Nicht, ob sie die Wahrheit sagen oder nicht, ist hier die Frage; entscheidend ist, dass es in der ganzen geheimnisverseuchten Atmosphäre des Hitlerregimes kein besser gehütetes Geheimnis gegeben hat als solche ‘innere Opposition’. Das war unter den Bedingungen des Naziterrors fast eine Selbstverständlichkeit; wie mir einmal ein sehr bekannter ‘innerer Emigrant’ [ … ] versichert hat, mussten sie ‘nach außen’ sogar nazistischer auftreten als gewöhnliche Nazis, um ihr Geheimnis zu wahren.

Wirklicher Widerstand wäre entweder ein klarer, sehr wahrscheinlich ein hoffnungsloser Kampf gewesen, den man freilich niemandem abfordern kann, da wir wissen, welche Risiken er für den Betreffenden mit sich brachte; oder aber Nicht-Handeln, konsequenter Rückzug aus dem gesellschaftlichen Organismus überhaupt, freiwillige Isolation und Einsamkeit, so wie der Vater Hans von Joachim C. Fest sie beispielhaft vorlebte. Hannah Arendt:

In Wahrheit gab es nur einen Weg, im Dritten Reich zu leben, ohne sich als Nazi zu betätigen, nämlich, überhaupt nicht in Erscheinung zu treten: sich aus dem öffentlichen Leben nach Möglichkeit ganz und gar fernzuhalten war die einzige Möglichkeit, in die Verbrechen nicht verstrickt zu werden, und dies Nicht-Teilnehmen war das einzige Kriterium, an dem wir heute Schuld und Schuldlosigkeit des Einzelnen messen können.

Zu diesem Nicht-Handeln aber gehört, in Arendts Worten, dass man “nicht Wir sagt, sondern dass man Ich sagt”; dass man sich vom Spiel des Gesellschaftlichen, das nur allzu schnell bitterer, schmutziger und verbrecherischer Ernst werden kann, freiwillig isoliert; dass man auf sichere Posten und glatte Lebensläufe, auf schmucke Orden und hohe Ränge verzichtet hätte.

Man macht niemandem eine Szene: nicht der eigenen Ehefrau und auch nicht dem Führer

Doch gerade dazu fehlten der Elite: Adel und Militär, aber auch der Wirtschaftselite, der Wille und der Mut. Sie waren es zwar gewohnt, auf der Bühne zu stehen; aber als Statisten, wenn auch gut betucht. Sie lebten, mit Heideggers Wort, im “man”, und dies wurde ihnen zum Verhängnis: “Man” tritt ins Heer ein; “man” tut seine sogenannte Pflicht; “man” erhält das System aufrecht, um Schlimmeres – etwa den viel beschworenen Bürgerkrieg! – zu verhüten; “man” macht niemandem eine Szene, nicht der eigenen Ehefrau und auch nicht dem Führer, auch wenn die Ehe eine Farce und das Regime eine Mörderbande ist.

Das machte sie zu Komplizen Hitlers, und auch die wenigen, die dann wirklich am 20. Juli zur Tat schritten und dafür mit dem Leben bezahlten, waren in ihrer Haltung immer noch so sehr vom “man” bestimmt, dass sie in jenem Augenblick, in dem sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte wirklich handeln und nicht gehorchen sollten, bitter und tragisch versagten.

 

Obiger Beitrag wurde am 24. Juli 2011 im Rahmen der Sendung “Essay und Diskurs” im Deutschlandfunk ausgestrahlt. Nach der Veröffentlichung kam es zu heftigen Kontroversen im Sender sowie zu persönlichen Angriffen auf den Autor durch Hörer. © Konstantin Sakkas, 2011. Beitragsbild: Claus Graf Schenk von Stauffenberg als Hauptmann, ca. 1940. © Alamy.

Nähe, nicht Fremdheit. Der Islam und wir.

Durch seine behauptete Voraussetzungslosigkeit schneidet sich der Westen selbst von seinen orientalischen Wurzeln ab

Seit 2001, eigentlich schon seit Huntington – an dessen Buch ich immer wieder “gescheitert” bin, weil mir der Inhalt gegenüber den durch den Titel evozierten Erwartungen bei jedem Versuch schlicht zu banal vorkam – wurden wir – sofern nicht ausdrücklich links sozialisiert – erzogen, den Islam als gefährlich, expansionistisch und radikal, jedenfalls aber dem Westen fremd und dazu historisch überholt abzulehnen. Mein erster journalistischer Beitrag, in der Schülerzeitung meines Gymnasiums, ging ebenso in diese Richtung. Heute schäme ich mich der hochtrabend daherkommenden Naivität des Achtzehnjährigen.
In den Schulen nimmt man zwar Nathan den Weisen und vielleicht Mozarts Entführung durch, seit meiner Jugend auch das Leben des Malcom X und das Schicksal von Pakistanis im postkolonialen England. Carrie Mathison, die blonde, grünäugige Madonna des Westens, empfing eine Tochter mit dem schönen, germanischsten aller Mädchennamen, Frances, von einem Muslim, und sie half Abu Nazir dabei, Rache zu nehmen für den grausamen Tod seines Sohnes Issa an ihrem eigenen Oberbefehlshaber Walden, in dessen Figur man unschwer George W. Bush wiedererkannte (oder Trump antezipieren konnte).
Doch selbst heute erfährt man viel zu wenig – hier kann ich nur für Deutschland sprechen – über die enge Wesensverwandtschaft zwischen orientalisch-islamischer und christlich-europäischer Welt. Etwa darüber dass Maria, die Mutter Jesu, auch im Islam als Jungfrau gilt. Auch bei der Schilderung der beiden großen islamischen Fremdherrschaften in Europa, der in Spanien und der in Griechenland, wird gern geflissentlich unterschlagen, dass diese niemals so lange hätten Bestand haben können, wären sie nicht auch irgendwann gerecht und ertragbar geworden (insgeheim wissen die Spanier und Griechen das natürlich ganz genau).
Man zieht wieder gern eine imaginäre Trennlinie zwischen christlich-jüdischer und islamischer Kultur. Was für eine Idiotie! sage ich mir, nachdem ich neulich erst einem muslimischen Freund Schinkels Mausoleum der Königin Luise zeigte und selber zum wiederholten Mal darüber erstaunte, dass im Blickzentrum der Apsis doch nicht die vier mitteleuropäischen Sarkophage, auch nicht der der schönen Königin, stehen, sonder der Syrer am Kreuz, umgeben von in den Marmor gemeißelten Zitaten altorientalischer Prediger und Fürsten.
Was für eine Idiotie, sage ich mir auch, wo doch das Hebräische und Arabische einander ähnlicher sind als die romanische der germanischen Sprachfamilie. Von den 25 Propheten des Islam sind 24 Juden, Jesus übrigens inbegriffen. Das kultur- und geschichtsblinde exklusionistische Pochen aufs Christliche ist kein christlicher, auch kein abendländischer (was, wie Joschka Fischer erstaunlich klug klarstellte, im engeren Sinne ein mediterraner, kein atlantischer ist) Zug, sondern etwas Germanisches, Barbarisches, Seefahrerisch-Reitervölkisches.
Kein Wort darüber, dass der Orient nie einer Renaissance bedurfte, weil er kulturell niemals ein Mittelalter durchlaufen hat. In Nordeuropa musste man, über lange Umwege, die Tempel der Antike schlicht und einfach deshalb nachbauen, weil dort nie welche gestanden hatten. Die schöne Luise kam aus einem Landstrich, in dem noch im zweiten Jahrtausend das germanische Heidentum geherrscht hatte. Ihr, der Carrie Mathison von Mecklenburg-Strelitz, inmitten der barbarischen brandenburgischen Streusandbüchse mit ihren aus jedem Orts- und Adelsnamen Bände sprechenden heidnischen Überbleibseln ein christlich-jüdisches Grabmal in Form eines griechischen Monopteros zu setzen, entsprach der, schon damals verleugneten, weil nicht begriffenen, Orientalität dieser christlich-jüdischen Tradition selbst, aber insbesondere dem Bildungswillen und Bildungshunger des Germanentums, das Brücken zu etwas schlagen musste und wollte, mit dem das islamische Kernland immer verbunden gewesen war. Seine eigene Brücke, nämlich Byzanz, hatte Westeuropa längst aufgegeben,  bevor sie an die islamische Welt fiel.
In der Levante aber wuchs und wächst man seit je inmitten der Antike auf. Hier gab es kein finsteres Mittelalter, das mühsam abzuschütteln gewesen wäre. Dass die Griechen jemals aufgehört hätten, Griechisch zu sprechen, glauben nur Nordeuropäer, die mit dem Griechischen erst im sechzehnten Jahrhundert in Kontakt kamen. Im Orient funktionierte die Amalgamierung jüdisch-altarabischer Mythe (die, wie wir wissen, starke Einschläge in der griechisch-römischen Mythologie hinterließ), hellenistischer Gelehrtheit, mediterraner Stadt- und Handelsbürgerlichkeit und vorderasiatischer Staatslehre anstrengungslos.
Die Kreuzfahrer schauten sich dort ihre diesseitige Grals-Sex-Minne-und-Seefahrer-Eschatologie ab, die heute den common sense unserer gesamten Populär- und Hochkultur darstellt, und die Fürsten und Könige Europas den zentralisierten und rationalisierten Ordnungs- und Obrigkeitsstaat, mitsamt der, fürs Sultanat schon immer typischen, Abschaffung der Standesunterschiede, die in Europa jedoch so sehr in Stein gemeißelt dastanden, dass man dafür sage und schreibe mehr als achthundert Jahre brauchte. Auch dies ist eins der ungeschriebenen Ruhmesblätter Europas: dass sich Friedrich von Hohenstaufen und der Heilige Ludwig den modernen Staat (und mit ihm die moderne Toleranz und die strikte Trennung von Staat und Kirche) ebenso bei der islamisch-orientalischen Überlieferung abschauten wie die Gelehrten von Schottland bis Ungarn erst ihre Philosophie und dann ihre Naturwissenschaft.
Religion als Hingabe, als schwärmerisches Sich-ins-Meer-der-Liebe-Versenken und zugleich als kraftvoller, nicht redender, sondern handelnder Aufschlag, als jenes “Im Anfang war die Tat”, wonach der Germane sich immerzu sehnt: sie ist keine etwa immanent widersprüchliche und folgerichtig politisch neurotische Kreation des Islam, sondern tief in Geschichte und Charakter des Orient veranlagt.
Maria, die Gott-Mutter, in der wir die hundertbrüstige Artemis von Ephesos wiedererkennen, und Christos Pantokrator, Jesus nicht als Gemarterter mit Dornenkrone, sondern als imperialer, majestätischer All-Herrscher mit goldenem Heiligenschein: das Weibliche und das Männliche in reiner Vollkommenheit, in stolzer Ungebrochenheit: sie sind die Archetypen des Orientalischen. Nicht sie, nicht Judentum und Islam haben sich vom Christentum entfernt; sondern das Christentum, sich den ungepflegten, kulturlosen Barbarenheeren aus dem kalten Norden und Osten adaptierend, hat sich von seiner orientalischen Wurzel entfernt.
Das Christentum ist antiheroisch und antiintellektuell zugleich. Leiden, Selbstopfer, Demütigen und Gedemütigtwerden sind seine Konstanten, die ihm den freien Blick auf seine eigene Orientalität verstellen. Den Bezug zur frei waltenden Kraft und Schönheit hat es verloren. Er kann nicht wiederhergestellt werden, solange der Wunsch nach Erlösung überlagert wird von dem Komplex, überhaupt unerlöst zu sein. Das Dogma der eigenen Voraussetzungslosigkeit ist die erste Hürde, die fallen muss, will der europäische Westen jemals zu einer wirklichen Verständigung mit dem Orient kommen.
Header: “Sehet das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.” Carrie Mathison, die amerikanische Madonna des Westens, empfängt den Leib des Herrn. Ein orientalischer Ritus und eine orientalische Mythologik – im katholischen Christentum wie im Islam, konvertiert in die westlich-atlantische Sehnsucht nach Erlösung im und durch das Orientalische, verkörpert in der Inkarnation Jesu. Szenenfoto mit der Hauptdarstellerin Claire Danes aus der Serie Homeland, Season 5, Episode 1, © Showtime 2015.
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