500 Jahre Reformation

Der Katholizismus ist nur unehrlich; der Protestantismus aber ist unaufrichtig

Der berühmte Geist des Protestantismus ist vor allem ein Ungeist. Er hetzt Menschen gegeneinander auf im Namen der Competition, des Höher, Schneller, Weiter, des Immer mehr. Der Katholizismus, der seine orientalische Prägung nie verloren hat, stellt die Idee des Ordo, der einen, großen Weltordnung ins Zentrum. Der Ordo respektiert alles Sichtbare und auch Unsichtbare; er trennt nicht Moral und Ratio, sondern seine Ratio ist Moral.

Daher gab es vor der Reformation keine große nationalstaatliche Konkurrenz in Europa, so wie es ja überhaupt keine Nationalstaaten im neuzeitlichen Sinne gab. Alle Menschen waren wirklich Brüder und Schwestern, man würdigte in jedem und jeder das Göttliche, das Theion, den Götterfunken, den auch der ärmste Krüppel, der letzte Idiot abbekommen haben musste bei der großen Schöpfung.

Luther macht den Geist des Expansion salonfähig

Luther, die Reformation hat mit alldem radikal Schluss gemacht. Er hat den Geist der Expansion und der Exploitation salonfähig, ja: er hat ihn zum Taktgeber des modernen Lebens gemacht. Brave new world, Tribute von Panem, Jugend ohne Gott, Blade Runner sind im Grunde Beschreibungen der protestantischen Welt, in der es nur darum geht, wer wem am Ende die stärkere Ohrfeige verpasst. Explore and conquer: das hieß fünfhundert Jahre lang vor allem eines: destroy.

In Alejandro Iñarritus The Revenant ist es ein verfallenes spanisches Kloster, in dem Hugh Glass Zuflucht findet. Und es ist der Indianerhäuptling, der ihn, den zu Tode Erschöpften, am Ende verschont – nicht sein Kontrahent, der ihn um ein paar Silberlinge willen der Wildnis ausgeliefert und den Sohn umgebracht hat.

Geist des Kapitalismus ist Geist des Egoismus

Der Geist des Kapitalismus: das ist zuallererst der Geist des Egoismus, des pauschalen Alles-unter-Ideologieverdacht-Stellens, der permanenten Umwertung der Werte, die in jeder neuen Schraubendrehung kopiert wird. Die Linken wittern sofort Reaktion, wenn jemand Geschichte nicht strukturalistisch, sondern monumental oder, Gott bewahre: heroisch, betrachtet, und die Emanzen schreien Mansplaining, wenn jemand sagt, er tue dies und das “aufgrund seiner Werte” (OMG, wahrscheinlich patriarchalische Werte!).

Heute stehen wir vor diesem Scherbenhaufen: einem drohenden Atomkrieg, einem schon angelaufenen Klimadesaster – und die große Frage, die im christlichen Glaubensbekenntnis versteckt ist, haben wir trotz Voyager 2 und Erdkernbohrungen ja noch immer nicht beantwortet: was ist das Unsichtbare. Die Konzilsväter waren schlau: sie nannten Gott ja nicht etwa Schöpfer des Bekannten und des Unbekannten; sondern des Sichtbaren und Unsichtbaren, visibilium et invisibilium. Invisibilia wird es immer geben, selbst vor dem Tannhäusertor.

Protestantischer Geist heute: Sadomasochismus

Die heutige Version des protestantischen Ungeistes: Sadomasochismus als Ersatzreligion, Gewaltausübung als Spiel, Ideologieverdacht, wenn jemand sich auf Werte beruft. Nun, ich sehe 16jährige muslimische Jungs, die in der S-Bahn nicht auf den stinkenden Penner zeigen, sondern ihm 1 Euro geben, weil man ihnen beigebracht hat: Zakat heißt, du hilfst den Schwachen. Weil der Mensch nur Mensch ist in der Gemeinschaft, im Ordo, in dem alle den gleichen Rang vor Gott haben.

Den hat auch Luther nicht bestritten. Was ich ihm vorwerfe, ist: dass er Dasein zur Lotterie erklärt hat. Bist du unten, bist Du halt unten. Dom oder Sub, fertig. Nie war die Ständegesellschaft so brutal wie in den 3 Jahrhunderten nach Luther. In der katholischen Welt konnte immer ein Bauernbursche Priester werden, vom dritten in den ersten stand aufsteigen, und der Papst konnte wiederum Adlige und sogar Könige exkommunizieren.

Katholischer Ordo hieß auch Egalitarismus

Ordo heißt eben auch: Egalitarismus, so wie er eben auch Verausgabung hieß. Analer Anankasmus als raison d’être ist eine Lutherische Erfindung, sein später Nachklang die #aufschrei-Gesellschaft, in der dieselben “Netzfeministinnen”, die davon träumen, vergewaltigt zu werden, ein harmloses Kompliment am liebsten als Straftat einstufen würden; in der Gemeinschaft eingefordert, aber Tradition, die allein Gemeinschaft begründen kann, vehement und eliminatorisch bekämpft wird. Der Katholizismus war unehrlich; der Protestantismus aber ist unaufrichtig, was, wie jeder weiß, ein Unterschied ums Ganze ist.

Natürlich haben die Päpste geprasst und gelogen: aber jeder wusste es und man stand dazu. Seit Luther wird aber das Innerweltliche gepflegt mit einer brutalen Innigkeit, die zuvor nur dem Höchsten, dem Überweltlichen gebührte. Wer nicht ins Schema passt, für den gab es im orientalischen Glauben immer noch ein Plätzchen irgendwo; im Protestantismus gibt es für ihn thirteen reasons why – Wegtreten zum Weghängen.

Im orientalischen Glauben gibt es auch für den Außenseiter Platz

Luther? Luther hat all dies vermutlich – bestimmt, meine ich – nicht gewollt. Er folgte seinem Gewissen, was das Angenehmste – und zugleich Katholischste – an ihm ist. Wenn, dann deshalb sollte heute seiner gedacht werden.


© 2017, Konstantin Johannes Sakkas

Anton v. Werner (1843-1915), Luther vor dem Reichstag in Worms, 1877

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