Bündnis zwischen Mob und Elite. Alexander Graus “Hypermoral”

Nie seit 1933 war Hannah Arendts Wort vom Bündnis zwischen Mob und Eliten passender als heute, da nunmehr eine rechtsradikale Partei an der Gesetzgebung Deutschlands beteiligt ist. Ohne publizistische Begleitmusik wäre es freilich schwerlich so weit gekommen. Die erste Geige spielte dabei das Magazin CICERO, aus dem Chefredakteur Christoph Schwennicke, klassischer Funktionärsjournalist ohne intellektuelles Profil und in der Szene berüchtigt für seine Verhaltensauffälligkeiten, wohl in einer Art nachgeholtem Sturm und Drang ein nationalkonservatives Blatt mit eindeutig neurechter Tendenz zimmerte.

Zu Schwennickes ergebenen Skribenten zählt Alexander Grau, nicht mehr junger Vertreter einer nicht mehr neuen deutschen Intelligenz, die irgendwo bei Botho Strauß und Tristesse Royale ihren Ursprung hat, auf Hinterzimmertreffen gern darüber klagt, dass es bisher „ausschließlich sozialdemokratische Bundeskanzler gegeben habe“, und deren Säulenheilige Carl Schmitt, Oswald Spengler und – falls sie nicht, wie Grau, evangelischer Konfession sind – Joseph Ratzinger heißen. Seit Henryk M. Broders „Hurra, wir kapitulieren“, dem One-Hit-Wonder des nach jäher Blüte liquidierten wjs-Verlages aus dem Jahr 2006, produziert das neurechte Milieu regelmäßig Publikationen, die sich gegen einen vermeintlichen linksgrünen Meinungskonsens richten. In diese Riege stellt sich nun Alexander Grau mit seinem Buch „Hypermoral“.

Grau hat sich mit dem Buch keinen Gefallen getan

Grau, unter anderem mit einer Stilkolumne im „Manager Magazin“ hervorgetreten, hat sich mit diesem Buch keinen Gefallen getan. Seine Kernthese: Moral habe mit Ethos ursprünglich nichts zu tun, sondern sei eine Erfindung von 1789. In vormodernen Gesellschaften sei es nicht darum gegangen, abstrakt „gut“ zu sein, sondern einem summum bonum, einem höchsten Gut zu folgen, das konkret definiert, sakrosankt und Inbegriff von Legitimität war. Diese Idee hieß Gott. Der moderne Pluralismus hingegen habe dieses höchste Gut delegitimiert und verwässert und an seine Stelle viele kleine Ersatzgüter gesetzt, an die seriell geglaubt werde: Klimawandel, Gleichberechtigung etc. Das Ganze heißt bei ihm „Hypermoral“.

Daran ist so viel richtig, dass die Welt vor 1789 um einiges übersichtlicher war als nachher, insbesondere als die Welt nach 1918, 1945 oder gar 1990. Richtig ist auch, dass eine offene Gesellschaft – und globalisierte Gesellschaften sind per se offen – nicht mehr oder nur schwer an tradierten Paradigmata festhalten kann. Und wahr ist schließlich, dass die Glaubenskrise, in der wir uns befinden, beileibe nicht gelöst ist. Alejandro Iñarritus Hugh Glass findet auf seinem Kreuzweg durchs eisige Louisiana Zuflucht und Hoffnung in einem verfallenen katholischen Kloster aus spanischer Zeit: auch eine Parabel auf den postmodernen, aufgeklärten, „amerikanischen“ Menschen, weltlos in den Raum geworfen, der sich nach dem Mutterschoß einer klaren, wärmenden Weltordnung sehnt.

Gespaltenes Verhältnis zur Moderne

„Ich habe kein gespaltenes Verhältnis zur Moderne, ich lehne die Moderne ab“, sagte einst eine befreundete Charlottenburger Szenegröße in abendlicher Runde zu Grau und mir. Der Satz eines stumpfen Reaktionärs, so könnte man meinen. Doch derselbe Satz könnte auch von Lady Gaga (und wahrscheinlich sogar von Gwyneth Paltrow) stammen.

Von alldem freilich, vom real existierenden Unbehagen in der Postmoderne, erfahren wir bei Grau nichts. Stattdessen liefert er eine Philippika gegen „Moralismus“, die so durchschaubar ist wie schales Oettinger. Wie sähe denn der real existierende Antimoralismus aus? Nicht etwa so wie eine große Weltkoalition von Alt-Right und AfD? Die aber kann niemand wollen, am allerwenigsten, wer die von Grau so hoch und heilig gehaltenen Werte des Glaubens und der Religiosität wahrhaftig ernst nimmt.

Nur die Dunkelheit behauptet, das Licht sei der Schatten

Um nur die wichtigste der Prämissen des promovierten Philosophen Grau zu widerlegen: die Vormoderne kannte sehr wohl das abstrakt Gute. Was ist mit Platons idea tou agathou, der Idee des Guten, die er Sokrates in der „Politeia“ aussprechen lässt und die zum Leitbild der abendländischen Philosophie wurde? Was mit der Idee der Gerechtigkeit, die sein Schüler Aristoteles zum Maß der Dinge erhebt? Man kann einzelne Moralen mit gutem Recht unter Ideologieverdacht stellen, ohne zugleich, wie Graus (heimliches?) Vorbild Carl Schmitt, das Moralische in toto zu delegitimieren. Das genau aber tut Grau und begeht damit denselben Fehler wie jene, die etwa auf die Auswüchse des Feminismus (und die gibt es) mit Frauenhass und einem kruden Maskulismus reagieren.

Im Zeitalter der Technik gibt es eine Krise des Menschlichen. Doch die Antwort auf diese Krise, wie immer sie lauten mag, liegt woanders als im Kampf gegen das so genannte Gutmenschentum. Zu diesem Kampf blasen in aller Regel nämlich – schlechte Menschen. Die Frage, woher das Licht der Sonne ursprünglich komme, haben weder Newton noch Einstein beantwortet noch gar Yuval Harari. Gut möglich, dass es von Gott kommt. Doch nur die Dunkelheit würde behaupten, dass dieses Licht eigentlich Schatten sei.

Alexander Grau: Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung. München: Claudius 2017, 128 S., 12 €.

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