Für eine Scientocracy                       

Ein Gespenst geht in um in Deutschland: das Gespenst der Scientocracy. Wir würden, heißt es, inzwischen von Virologen regiert, die Pressekonferenzen des Robert-Koch-Instituts seien die neuen Regierungserklärungen, die Macht in Deutschland habe die Wissenschaft übernommen.

Doch ist eine Scientocracy wirklich so schlimm? Wissenschaftler, ob Natur- oder Geisteswissenschaftler, sind gewohnt, objektiv zu denken. Ihre Leitkategorie ist nicht der persönliche Nutzen, sondern die Wahrheit. Wer eine Laufbahn in der Wissenschaft einschlägt, tut das nicht primär, um reich und mächtig zu werden; sondern um die Menschheit voranzubringen. Natürlich kann man auf diesem Weg auch Klinikdirektor oder Institutsleiter werden, aber das ist nur ein Nebeneffekt. Dem Wissenschaftler geht es je um die Menschheit, um die Gesellschaft, um das große Ganze.

Damit steht der Wissenschaftler in natürlicher Opposition zum Wirtschaftsbürger. Das Wirtschaftsbürgertum ist der genuine Treiber des Kapitalismus, vom internationalen Großkonzern bis zur Würstchenbude. Der ständige, idealerweise regellose, oftmals rücksichtslose Wettbewerb um persönlichen Vorteil ist sein Lebenselixier.

Das ist nicht illegitim, denn ohne Wettbewerb käme die menschheitliche Entwicklung zum Stillstand; Deutschland kommt auch deshalb so gut durch die Corona-Krise, weil es ein starkes und gesundes kapitalistisches Wirtschaftsleben hat. Aber Wettbewerb ist nicht alles. In der Wissenschaft ist persönlicher Ehrgeiz idealerweise immer nur Mittel zum Zweck: die Ware, die der Wissenschaftler verkauft, ist immer ein höheres Gesetz, entweder ein Naturgesetz oder eine philosophische Maxime. Das Gleichheitsprinzip ist jeder Wissenschaft und jedem wissenschaftlichen Arbeiten von Grund auf eingeschrieben.

Wie wertvoll wissenschaftliches Denken ist, merken viele erst jetzt, in der Krise. Wirtschaftsunternehmen sind auf einmal gezwungen, gemeinwohlorientiert zu arbeiten, und stellen ihre Produktion auf Atemschutzmasken und Beatmungsgeräte um. Der Staat hat gigantische Soforthilfeprogramme ins Leben gerufen, die de facto nach dem Prinzip des bedingungslosen Grundeinkommens funktionieren. Fußballmillionäre verzichten auf Gehalt. Der Egoismus in der Gesellschaft, der uns jahrzehntelang als das Höchste der Dinge verkauft wurde, geht spürbar zurück.

Die Unkenrufe, die vor einer Scientocracy warnen, kommen wenig überraschend aus der Ecke des Wirtschaftsbürgertums – aus der berechtigten Angst vor der Einschränkung von Freiheitsrechten; aber auch aus einem tiefsitzenden Komplex des Wirtschaftsbürgertums gegenüber der intellektuell hochnäsigen, aber weltfremden Wissenschaft, die von der egoistischen Welt des Geldverdienens und der ausgefahrenen Ellenbogen nichts verstünde.

Doch jetzt ist eben nicht die Zeit der ausgefahrenen Ellenbogen; jetzt ist die Zeit der Objektivität. Dabei geht es nicht um Gleichmacherei; die Welt der Wissenschaft ist selber höchst elitär. Und ja: die Wissenschaft war – und ist – in viele Ungerechtigkeiten und Verbrechen verstrickt; denken wir nur an die Medizin im Nationalsozialismus, an den Contergan-Skandal oder auch an Monsanto heute.

Aber: ihrem Wesen nach ist Wissenschaft um Gerechtigkeit und Wahrheit bemüht. Und eine Pandemie – und übrigens auch den Klimawandel – besiegt man nur mit wissenschaftlicher Wahrheit und mit politischer Gerechtigkeit. Der Egoismus des Einzelnen muss sich dem unterordnen. Und vielleicht erweist sich ja die Scientocracy der Virologen als Modell für die Zeit nach dem Virus: als Modell für eine Politik, die sich ihre Inspirationen nicht mehr von Lobbyverbänden holt, sondern von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

 

© Konstantin Johannes Sakkas, 2020

Ein Gedanke zu “Für eine Scientocracy                       

  1. Wir brauchen nach wie vor gestandene Politiker, die gesellschaftlich global denken, Interessen und Werte abwägen, Entscheidungen treffen, natürlich auch beraten durch Experten, aber nicht nur von einer Fachrichtung. Wissenschaftler wie Drosten können das nicht leisten, zu fachidiotisch, zu analytisch, zu entscheidungsschwach, zu scheu. Philosophekönige sind schon in der Antike gescheitert. Diese Szientokratiegerede ist mir zu antidemokratisch. Herrschaft von Expertengremien war im Faschismus auch schon angedacht als Nachfolge der Führerherrschaft.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s