Corona ist nicht das Ende der EU

Dass die Corona-Pandemie ein historischer Einschnitt sei, ist inzwischen eine Binsenweisheit. Aber gefährdet sie auch den europäischen Zusammenhalt? Kündigt sie gar das Ende der Europäischen Union an? 

In seinem neuen Buch orakelt der europaskeptische bulgarische Intellektuelle Ivan Krastev, die Corona-Pandemie sei der Anfang vom Ende der EU. Grund hierfür sei der Mangel an innereuropäischer Solidarität: so habe das reiche Deutschland zu Beginn der Pandemie die Ausfuhr von Schutzmasken verboten, was unter anderem die vom Virus besonders getroffenen Italiener schwer enttäuscht habe.

Zur gleichen Zeit ergibt eine Umfrage, dass die Deutschen gute Beziehungen zu China inzwischen für genauso wichtig halten wie ein gutes Verhältnis zu den USA. Die Sympathiewerte der westlichen Ordnung sind am Bröckeln, so scheint es. Doch ist der Westen, ist die EU wirklich am Ende?

Noch bevor Krastevs neues Buch – es heißt „Ist heute schon morgen? – erscheint, haben Angela Merkel und Emmanuel Macron ein Hilfspaket für die besonders geschwächten EU-Mitgliedsstaaten angekündigt, in Höhe von 500 Milliarden Euro. Fünfhundert Milliarden Euro, eine halbe Billion. Diese Summe muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Sie straft all jene Lügen, die von mangelnder europäischer Solidarität sprechen.

Natürlich gibt es ein Missverhältnis zwischen den reichen und den weniger reichen EU-Mitgliedstaaten. Aber dieses Missverhältnis ist quasi naturgegeben. Die EU ist ein Miniatur-Imperium, und wie jedes Imperium funktioniert sie nach dem Nabe-Speiche-Prinzip: um ein starkes Zentrum schart sich eine mehr oder weniger fragile Peripherie, die von diesem Zentrum nach Bedarf gestützt wird. Aber noch nie in der Geschichte hatte die Peripherie etwas davon, wenn sich das Zentrum selber mutwillig schwächt. Solidarität lebt davon, dass ein Partner so stark ist, dass er es sich leisten kann, mit den anderen solidarisch zu sein. Jeder Familienverband funktioniert nach diesem Prinzip.

Die Europäische Union mit den USA als Bündnispartner hat dieses Prinzip perfektioniert. Das zeigt sich übrigens auch an den drei vorherigen großen Krisen: am Krieg gegen den Terror seit 2001, der Finanzkrise 2008 und der so genannten Flüchtlingskrise 2015. Der Krieg gegen den Terror, den viele zum Anlass nahmen, sich von den ungeliebten USA abzuwenden, wird in Wahrheit von Anfang an fast ausschließlich von den USA allein ausgefochten. Die Finanzkrise hat zwar vor allem die ärmeren EU-Mitgliedsstaaten hart getroffen; aber selbst in Griechenland konnte sie den Trend zum langfristigen Wachstum nicht umkehren. Als Halbgrieche weiß ich gut, wie das Land noch Anfang der Neunzigerjahre aussah. Die Flüchtlingskrise schließlich, die vor allem die osteuropäischen Staaten auf die Barrikaden brachte, wurde und wird zum überwiegenden Teil von Deutschland gestemmt, dem reichsten Land Europas, das es sich leisten kann, einige Hunderttausend Geflüchtete zu integrieren.

Wir sollten aufhören, die EU schlechtzureden, und wir sollten aufhören, die westliche Ordnung schlechtzureden. Und auch wenn die USA gerade von einem halbverrückten Präsidenten regiert werden, so hat sich dieser Präsident doch immerhin klar gegen den neuen chinesischen Imperialismus positioniert, der mit seiner Seidenstraßeninitiative unaufhaltsam Richtung Westen drängt. Corona ist nicht der Untergang Europas, im Gegenteil. Corona hat gezeigt, zu welcher Solidarität Europa und zu welcher Solidarität vor allem das reiche Deutschland fähig ist. Ja, Corona hat uns die menschliche Vergänglichkeit in fast vergessener Radikalität wieder vor Augen geführt; aber Corona führt uns, wie schon die vorangegangenen Krisen, auch die Resilienz unserer europäischen und der westlichen Ordnung vor Augen; und das sollten wir nicht leichtfertig ignorieren, weder in noch außerhalb Deutschlands.

 

© Konstantin Johannes Sakkas, 2020

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