500 Jahre Reformation

Der Katholizismus ist nur unehrlich; der Protestantismus aber ist unaufrichtig

Der berühmte Geist des Protestantismus ist vor allem ein Ungeist. Er hetzt Menschen gegeneinander auf im Namen der Competition, des Höher, Schneller, Weiter, des Immer mehr. Der Katholizismus, der seine orientalische Prägung nie verloren hat, stellt die Idee des Ordo, der einen, großen Weltordnung ins Zentrum. Der Ordo respektiert alles Sichtbare und auch Unsichtbare; er trennt nicht Moral und Ratio, sondern seine Ratio ist Moral.

Daher gab es vor der Reformation keine große nationalstaatliche Konkurrenz in Europa, so wie es ja überhaupt keine Nationalstaaten im neuzeitlichen Sinne gab. Alle Menschen waren wirklich Brüder und Schwestern, man würdigte in jedem und jeder das Göttliche, das Theion, den Götterfunken, den auch der ärmste Krüppel, der letzte Idiot abbekommen haben musste bei der großen Schöpfung.

Luther macht den Geist des Expansion salonfähig

Luther, die Reformation hat mit alldem radikal Schluss gemacht. Er hat den Geist der Expansion und der Exploitation salonfähig, ja: er hat ihn zum Taktgeber des modernen Lebens gemacht. Brave new world, Tribute von Panem, Jugend ohne Gott, Blade Runner sind im Grunde Beschreibungen der protestantischen Welt, in der es nur darum geht, wer wem am Ende die stärkere Ohrfeige verpasst. Explore and conquer: das hieß fünfhundert Jahre lang vor allem eines: destroy.

In Alejandro Iñarritus The Revenant ist es ein verfallenes spanisches Kloster, in dem Hugh Glass Zuflucht findet. Und es ist der Indianerhäuptling, der ihn, den zu Tode Erschöpften, am Ende verschont – nicht sein Kontrahent, der ihn um ein paar Silberlinge willen der Wildnis ausgeliefert und den Sohn umgebracht hat.

Geist des Kapitalismus ist Geist des Egoismus

Der Geist des Kapitalismus: das ist zuallererst der Geist des Egoismus, des pauschalen Alles-unter-Ideologieverdacht-Stellens, der permanenten Umwertung der Werte, die in jeder neuen Schraubendrehung kopiert wird. Die Linken wittern sofort Reaktion, wenn jemand Geschichte nicht strukturalistisch, sondern monumental oder, Gott bewahre: heroisch, betrachtet, und die Emanzen schreien Mansplaining, wenn jemand sagt, er tue dies und das “aufgrund seiner Werte” (OMG, wahrscheinlich patriarchalische Werte!).

Heute stehen wir vor diesem Scherbenhaufen: einem drohenden Atomkrieg, einem schon angelaufenen Klimadesaster – und die große Frage, die im christlichen Glaubensbekenntnis versteckt ist, haben wir trotz Voyager 2 und Erdkernbohrungen ja noch immer nicht beantwortet: was ist das Unsichtbare. Die Konzilsväter waren schlau: sie nannten Gott ja nicht etwa Schöpfer des Bekannten und des Unbekannten; sondern des Sichtbaren und Unsichtbaren, visibilium et invisibilium. Invisibilia wird es immer geben, selbst vor dem Tannhäusertor.

Protestantischer Geist heute: Sadomasochismus

Die heutige Version des protestantischen Ungeistes: Sadomasochismus als Ersatzreligion, Gewaltausübung als Spiel, Ideologieverdacht, wenn jemand sich auf Werte beruft. Nun, ich sehe 16jährige muslimische Jungs, die in der S-Bahn nicht auf den stinkenden Penner zeigen, sondern ihm 1 Euro geben, weil man ihnen beigebracht hat: Zakat heißt, du hilfst den Schwachen. Weil der Mensch nur Mensch ist in der Gemeinschaft, im Ordo, in dem alle den gleichen Rang vor Gott haben.

Den hat auch Luther nicht bestritten. Was ich ihm vorwerfe, ist: dass er Dasein zur Lotterie erklärt hat. Bist du unten, bist Du halt unten. Dom oder Sub, fertig. Nie war die Ständegesellschaft so brutal wie in den 3 Jahrhunderten nach Luther. In der katholischen Welt konnte immer ein Bauernbursche Priester werden, vom dritten in den ersten stand aufsteigen, und der Papst konnte wiederum Adlige und sogar Könige exkommunizieren.

Katholischer Ordo hieß auch Egalitarismus

Ordo heißt eben auch: Egalitarismus, so wie er eben auch Verausgabung hieß. Analer Anankasmus als raison d’être ist eine Lutherische Erfindung, sein später Nachklang die #aufschrei-Gesellschaft, in der dieselben “Netzfeministinnen”, die davon träumen, vergewaltigt zu werden, ein harmloses Kompliment am liebsten als Straftat einstufen würden; in der Gemeinschaft eingefordert, aber Tradition, die allein Gemeinschaft begründen kann, vehement und eliminatorisch bekämpft wird. Der Katholizismus war unehrlich; der Protestantismus aber ist unaufrichtig, was, wie jeder weiß, ein Unterschied ums Ganze ist.

Natürlich haben die Päpste geprasst und gelogen: aber jeder wusste es und man stand dazu. Seit Luther wird aber das Innerweltliche gepflegt mit einer brutalen Innigkeit, die zuvor nur dem Höchsten, dem Überweltlichen gebührte. Wer nicht ins Schema passt, für den gab es im orientalischen Glauben immer noch ein Plätzchen irgendwo; im Protestantismus gibt es für ihn thirteen reasons why – Wegtreten zum Weghängen.

Im orientalischen Glauben gibt es auch für den Außenseiter Platz

Luther? Luther hat all dies vermutlich – bestimmt, meine ich – nicht gewollt. Er folgte seinem Gewissen, was das Angenehmste – und zugleich Katholischste – an ihm ist. Wenn, dann deshalb sollte heute seiner gedacht werden.


© 2017, Konstantin Johannes Sakkas

Anton v. Werner (1843-1915), Luther vor dem Reichstag in Worms, 1877

Advertisements

Die Dritte Flandernschlacht

Selten hat sich Geschichte so oft wiederholt wie im Ersten Weltkrieg. Die Soldaten im Westen, sofern sie überlebten, kehrten immer wieder zu ihren Schlachtfeldern zurück. im Frühjahr 1917 waren dies der Pas-de-Calais und die Champagne gewesen. Im Sommer wurde es Flandern. Dort hatten sich Deutsche und Franzosen im Herbst 1914 einst den „Wettlauf zum Meer“ geliefert, um sich schließlich einzugraben und im bitteren Stellungskrieg zu verharren.

In Flandern wollten die Briten 1917 den Krieg beenden

Hier wollte Marschall Haig mit seinen Tommies nun den Durchbruch schaffen. Die letzte Großoffensive der Briten war 1915/16 vor Gallipoli auf der Chersonnes kläglich gescheitert, die Sommeschlacht 1916 war mehr ein Entlastungsangriff als eine eigenständige Offensive. In Flandern aber wollte die britische Heeresführung nun ihr Meisterstück liefern. Nach dem Vorspiel von Arras (April) und Messines (Mai/Juni) gingen am 31. Juli zwei britische Armeen auf breiter Front zum Angriff über, unterstützt von der französischen 1. Armee. Ihnen gegenüber lag die 4. deutsche Armee. Ziel der Briten war zuerst einmal, den Zugang zu den deutschen U-Boothäfen an der belgischen Küste abzuschneiden. Seit Monaten tobte in den Weltmeeren der uneingeschränkte U-Bootkrieg, mit dem sich die OHL aus den Fesseln der englischen Hungerblockade befreien wollte. In Reaktion hierauf waren die USA in den Krieg gegen die Mittelmächte eingetreten – das gab der Entente zusätzlichen Auftrieb, konnte sie nun doch hoffen, bald frische Truppen aus Übersee an ihrer Seite zu haben.

3000 Geschütze nahmen die deutschen Gräben unter massives Feuer, mittlerweile ein eingespieltes Ritual. Dann ging es los. Die angreifenden Infanteristen wurden von Maschinengewehrgarben empfangen, die Deutschen wehrten sich mit allen Mitteln, erstmals auch mit Senfgas, das nicht nur die Lunge schädigte, sondern auch die Haut furchtbar verätzte. Die 22 Mark IV-Panzer, der Stolz der britischen Rüstungsindustrie, kamen nur schwerfällig voran, etliche blieben in den unzähligen Granattrichtern stecken, mit denen das Schlachtfeld übersät war. Um Langemarck wurde, wie schon 1914 heftig gerungen, doch diesmal lagen hier keine unausgebildeten Abiturienten, sondern abgehärtete Frontschweine mit drei Jahren Fronterfahrung, die nichts mehr aus der Ruhe brachte.

Die Briten hatten alles gegeben, doch es war nicht genug

Haig wechselte seine Befehlshaber aus und ließ auf Poelkapelle vorrücken. Seine Männer nahmen das Dorf im Nordosten von Ypern unter schwersten Verlusten, doch es reichte nicht. Paschendaele, ein Flecken ein paar Kilometer weiter östlich, hieß das Ziel. Hier wollte Haig die Entscheidung erzwingen. Mitte Oktober begann hier das furchtbarste Gemetzel in der Geschichte des britischen Heeres nach der Somme.  Truppen aus Kanada, Australien und Neuseeland gaben alles für ihr Empire. Die erste Offensive wurde abgeschlagen, Ende Oktober folgte die zweite. Die Deutschen unter ihrem General Sixt v. Arnim – bald hieß er nur noch „Der Löwe von Flandern“ wehrten sich erbittert, doch am Ende waren die Kanadier siegreich. Paschendaele fiel. Doch es war ein teuer erkaufter Sieg. 16.000 Mann kostete die Einnahme des flämischen Dorfes. Und die deutsche Siegfriedlinie hielt noch immer. Die Briten hatten alles gegeben, doch es war immer noch nicht genug. Am 10. November stellte Haig die Offensive ein. Nun setzte er alles auf die bevorstehende Panzerschlacht, die er den Deutschen bei Cambrai liefern wollte Sie sollte den Übergang vom infanteristischen Stellungs- zum motorisierten Bewegungskrieg bringen.

Der junge Leutnant Ernst Jünger erlebte die Dritte Flandernschlacht, das das Jahr 1917 an der Westfront dominierte, als Führer eines Spähtrupps. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Da wir unsere Aufgabe als Späher mit Eifer betrieben, kamen wir oft an Orte, die eben noch unbeschreitbar gewesen waren. So taten wir einen Einblick in das Verborgene, das auf dem Schlachtfeld geschah. Überall stießen wir auf die Spuren des Todes; es war fast, als hause keine lebende Seele in dieser Wüste mehr. Hier lag hinter einer zerzausten Hecke ein Gruppe, die Körper noch von der frischen Erde bedeckt, die nach dem Einschlag auf sie heruntergerieselt war; dort waren zwei Meldeläufer neben einem Trichter, aus dem noch der stickige Dunst der Sprenggase schwelte, zu Boden gestreckt. An einer anderen Stelle fanden wir viele Leichen auf einer kleinen Fläche verstreut: ein in den Mittelpunkt eines Feuerwirbels geratener Trägertrupp oder ein verirrter Reservezug, der hier sein Ende gefunden hatte. Wir tauchten auf, umfassten die Geheimnisse dieser tödlichen Winkel mit einem Blick und verschwanden wieder im Rauch.“

Mythos Paschendaele

In England ist Paschendaele bis heute ein Mythos. Es war das letzte große Blutvergießen an der Westfront. 500.000 Mann, Deutsche und Briten, wurden verwundet, erkrankten oder blieben vermisst. 80.000 starben in der Schlacht, auf den Mohnfeldern Flanderns, die so ungeheures Leid sahen.

 

Der Text erschien 2014 in Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (München: Piper). © Konstantin Sakkas, 2014. Header: Schlussszene aus Blackadder, SE04E06 “Goodbyeee”, BBC 1989: Tim McInnerny, Hugh Laurie, Rowan Atkinson, Tony Ronbinson.

Die Verteidigung der Feigheit. Die deutschen Eliten und der 20. Juli 1944

Viel ist in den letzten Jahren über das Verhältnis des deutschen Widerstands zum NS-Regime geschrieben worden. Dass die konservativen und insbesondere adeligen Eliten des Landes dabei durchaus nicht schon immer gegen Hitler waren; dass es gerade für sie ein „langer Weg zum Zwanzigsten Juli“[1]war, haben gerade jüngere Veröffentlichungen gekonnt und eindrücklich bewiesen: etwa Stephan Malinowskis Dissertation Vom König zum Führer[2]oder Fabrice d’Almeidas Hakenkreuz und Kaviar[3], aber auch die im Oldenbourg-Verlag erschienene Reihe Wehrmacht in der NS-Diktatur[4], die vor allem den moralischen Zusammenbruch der deutschen Führungselite im Vernichtungskrieg thematisiert. Heute wissen wir: Dem viel gepriesenen Opfergang des deutschen Adels und Großbürgertums nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 ging eine lange und tiefe Kollaboration mit dem NS-Regime vorauf. Doch einwesentlicher Aspekt dieser Verstrickung ist bis heute kaum berührt worden: nämlich die historischenBedingungen in Gesellschaft und Mentalität, die diese verderbliche Verstrickung gerade für die deutschenEliten möglich gemacht haben.

Sebastian Haffner, der Vieles klarer und schärfer sah als seine Kollegen, stellte schon 1947, im Rückblick auf den Zwanzigsten Juli, zur Geschichte der konservativen Eliten fest:

„Es ist keine glanzvolle Geschichte. Der eine kurze Moment des Glanzes und der Tat, den sie enthält, führt unmittelbar zur Katastrophe und ist vielleicht, von einem möglichen Gesichtspunkt aus, nur das Ergebnis eines furchtbaren Fehlers. Es ist eine Geschichte des ‚Beinahe’ – quälend und tief unbefriedigend, herzbewegend und beunruhigend.“[5]

Doch woher kommt diese letztendliche politische Insuffizienz, gerade im Kampf gegen Hitler? Die Sozialgeschichte des Adels, in deren Tradition auch Malinowski steht, verweist in dieser Frage gern auf die ideologischeAffinität zwischen Eliten und Nazis; doch die Quellenlage gibt ihr hierin nur teilweise Recht. Zweifellos fanden manche von Untergangsängsten geplagte Adlige und Bourgeois in völkischer Bewegung und Rassenlehre verwandte Motive; dem gegenüber stehen indessen zahllose, durchaus glaubwürdige Äußerungen von Desinteresse, ja Belustigung über die theoretischen Inhalte der NS-Bewegung. Und tatsächlich: Für die meisten von ihnen war – nicht anders als für Hermann Göring, von dem das Zitat stammt – der Nationalsozialismus gerade in seinen wesentlichen Aspekten in Wahrheit nicht mehr als „ideologischer Kram“[6].

Die Gesellschaft sieht den Parvenü in Hitler – und freutsich doch, wenn ihre Söhne sein Ritterkreuz erhalten

Doch das hinderte nicht nur, nein: es begünstigtevielmehr gerade die unheilvolle Allianz der gesellschaftlich Einflussreichenmit den politisch Mächtigen, auf welche jene immer gerne herablächelten. Wie es Rolf Hochhuth in seinem Stellvertreter treffend ausdrückte:

„Die Gesellschaft […] sieht den Parvenüin Hitler– und freutsich doch, nicht wahr, wenn ihre Söhne sein Ritterkreuz erhalten.“[7]

Und wie sie sich freute! Denn die Elite konnte sich ja immer sagen: ‚Insgeheim haben wir mit denen daja gar nichts am Hut. Die gehören ja eh nicht zu uns.’ So sammelten die Ersten im Staat Jahrhunderte lang Auszeichnungen von Oberen, die sie selten leiden konnten: ob gerade Hohenzollern, Habsburger oder eben Nazis an der Macht waren. Dank dieser vermeintlichen Selbstentlastung aber verfielen gerade Adel und Bürgertum in eine viel schlimmere Komplizenschaft mit Hitler als dessen wahre Anhänger: Diese waren entweder Verbrecher oder naiv; für jene aber gelten die Verse Dantes:

“Ich war sogleich gewiß, auch hört’ ich sagen,
Dies sei der Schlechten jämmerliche Schaar,
Die Gott und seinen Feinden mißbehagen.“[8]

Sie wussten, was gut und was schlecht ist, und sie haben dennoch in ihrer Mehrheit nicht nach diesem Wissen gehandelt; dies aber ist viel schlimmer, denn von wem sonst muss man moralisches Handeln erwarten wenn nicht von denen, die kraft Herkunft und Selbstbewusstsein ein moralisches Verständnisbesitzen? Auch nach dem heutigen Strafrecht werden Kinder gar nicht, Verrückte aber nur bedingt bestraft; wer aber voll Bescheid weiß, dem wird auch nichts erlassen.

Es war nämlich im Gegenteil gerade seine fundamentale, über Jahrhunderte antrainierte und gewachsene ideologische Orientierungslosigkeit, die die Oberschichten, und zwar speziell die deutschen, für das Abenteuer Hitler geradezu prädestinierte. Wer sich ihrer Geschichte sozialanthropologischnähert, stellt fest: Früher und tiefer als woanders in Europa wurde hierzulande das politische Selbstbewusstsein der Führungsschicht im Interesse seiner sozialen Privilegiertheit gebrochen. Wesentlicher Gehalt dieser Privilegiertheit aber war das Recht auf Eigensinn, der aber eben nicht dasselbe ist wie Eigenständigkeit. Dieser Eigensinn, verstanden als Wille zur eigenen Meinung, war schon immer ein wesentliches Prädikat der europäischen und insbesondere deutschen Eliten, lange vor Hitler. Vergessen ist dagegen das praktische Korrelat, das diese Mentalität kompensieren sollte: nämlich die erhöhte Gehorsamspflicht gegenüber staatlicher Autorität, die vor allem im reformierten Deutschland seit dem Sechzehnten Jahrhundert mit seiner Welt- und Staatsfrömmigkeit[9]schnell zum obersten Dogma der Eliten wurde.

Das Schema, um das es hier geht, ist im Grunde uralt und ursprünglich auch keine deutsche Spezialität: Immer vertraten die Oberschichten, die sich ja eben nicht durch Genie oder Leistung, sondern durch Tradition definieren, den Vorbehalt der Distinguierten gegenüber der mal plumpen, mal schreiigen Exzentrik des Monarchen, der in Wesen und Haltung oft genug dem einfachen Volk vielmehr ähnelte als den hochgezüchteten Zelebritäten, die ihn bei Hof umgaben; ein genialischer Feuerkopf wie Friedrich der Große entsprach der elitären Zucht des Adels ebenso wenig wie der gutherzige Biedermann Ludwig XVI. Thomas Mann, der selber aus dem Großbürgertum stammte, hat die klassische Antipathie der Reichen und Schönen gegen die bloß Mächtigen in seinem Roman Königliche Hoheitmit seltener Einfühlung illustriert:

„Nein, es war klar, dass Klaus Heinrich mit Trümmerhauf“ – einem seiner adeligen Spielgefährten – „an Vornehmheit nicht wetteifern konnte. Seine rechte Hand war ziemlich breit, er hatte Backenknochen wie alles Volk, und geradezu stämmig kam er sich vor an Dagoberts Seite. […] Er […] war kein Aristokrat, war keiner, deutliche Tatsachen sprachen dagegen. Wie war es mit seinem Namen? Klaus Heinrich, so hießen die Schustersöhne im Land, und Herrn Stavenüters Kinder dort drüben, die die Finger zum Schneuzen gebrauchten, wurden wie er, wie seine Eltern, sein Bruder genannt. Aber die Adligen hießen Bogumil und Dagobert.“[10]

Die hier romanhaft skizzierte Kluft zwischen den Regierenden und der ersten Bevölkerungsklasse hatte freilich eine schwerwiegende Konsequenz: nämlich die Verurteilung der Oberschichten zur fortwährenden Selbstverleugnung. Über Jahrhunderte hinweg musste sich der Adel krampfhaft beherrschen, um Leuten zu dienen, die er eigentlich verachtete; ohne die er aber selber soziologisch nichtswar. Um diesen Zusammenhang voll zu begreifen, muss man sich die Rechtsstellungdes Adels vergegenwärtigen: noch 1903 galt in Preußen-Deutschland der Grundsatz, dass „alle Adelssachen reine Gnadensachen“[11]seien. Das hieß im Klartext, dass etwa ein altadeliger Graf, der noch dazu vielleicht Offizier in der preußischen Garde war, allein durch königlichen Machtspruch seine ganze gesellschaftliche Existenz mit einem Schlage verlieren konnte! Denn die beiden wesentlichen Domänen adeliger Selbstverwirklichung: der Militär- und Staatsdienst sowie sein juristischer Adelsstatus überhaupt, unterlagen noch in moderner Zeit keiner unabhängigen Judikative, sondern allein dem Gutdünken des Königs. Der König konnte, ohne sich überhaupt rechtfertigen zu müssen, einem Adeligen den Adel aberkennen, ihn aus der Armee ausstoßen, ihn seiner Ämter und Würden für verlustig erklären, ihm sogar die Pension streichen – alles mit einem Federstrich. Man sieht: Der Adel, der erste Stand im Staat, konnte jederzeit allesverlieren, seine gesellschaftliche Fallhöhe war beispiellos. Dagegen der Arbeiter, der einfache Bauer: sie hatten wenig oder gar nichts zu verlieren, also konnten sie sich viel leichter zur Rebellion entschließen, und entsprechend besserte sich auch ihre offizielle Rechtsstellung im Laufe der Moderne nach und nach, bis zur Sozialpolitik der 1880er und 90er Jahre. Selbst der letzte schlesische Industriearbeiter konnte gegen eine ungerechte Behandlung vor einem ordentlichen Gericht Klage erheben; Fürst Bismarck aber, der bewunderte Reichsgründer, Durchlaucht und Generalfeldmarschall, wäre 1891 vom erzürnten Kaiser Wilhelm II. um ein Haar auf die Festung Spandau geschickt worden[12]– und er hätte sich nicht dagegen wehren können.

Selbstverleugnung bildet nicht den Charakter – sie verdirbt ihn

Die Selbstverleugnung, die die unweigerliche Konsequenz dieser sozialen Zwitterstellung ist, bildetnicht den Charakter, auch wenn der Adel das bis heute gerne behauptet – nein, sie verdirbt ihn, und zwar gründlich. Sie war die eigentliche politische Tradition des deutschen, vor allem des preußischen Adels, und sie reicht lange zurück. Aus der Zeit Friedrichs des Großen, der beim Adel, dem er ungeheuerliche Opfer abverlangte, zu Lebzeiten alles andere als beliebt war, kennen wir einen bemerkenswerten Bericht aus seinem engsten Umfeld, der diese Sicht bestätigt:

„Im vierten und fünften Jahr des 7jährigen Krieges war Friedrich II. von seinen nahen und nächsten Umgebungen weder geliebt noch geschätzt noch sogar mehr gefürchtet. Ich sage dies, weil ich es mit Augengesehen habe. Während daß wir hinter ihm herritten, machte ein junger Polisson namens Wodtke, Brigade-Major von der Kavallerie, oft allerlei lächerliche Posituren hinter seinem Rücken, ahmte seine Stellung nach, wies auf ihn hin und dergleichen, um uns andere zu belustigen. Wodtke hatte Friedrichen auch den Beinamen Totengräber gegeben; der Kürze wegen nannte er ihn nur Gräber, und so hieß auch der Heldin unseren vertraulichen, scherzenden und spottenden Unterhaltungen.“[13]

Die Gründe dafür lagen nicht nur in den Strapazen, denen sich Adel und Offizierkorps fortwährend ausgesetzt sahen (kein anderer Stand hatte prozentual so hohe blutige Verluste im Krieg vorzuweisen wie der Adel); in ihre Empörung hinein spielte zudem vielfach das Bewusstsein herrschaftlicher Anciennität gegenüber den Hohenzollern, einem ursprünglich unbedeutenden süddeutschen Geschlecht, das ihnen im Fünfzehnten Jahrhundert der Kaiser als Statthalter in der Mark Brandenburg vor die Nase gesetzt hatte. Noch 1757, so ein Historiker, „als die Nachricht von Friedrichs Niederlage bei Kolin […] ins Magdeburgische kam, freuten sich die Herren, dass es nun ‚mit den Hohenzollern baldaus’ sein werde.“[14]Freilich blieb es bei stiller Rebellion, bei halblauten Unmutsbekundungen; offen wagte man schon damals seine Kritik nicht, oder nur sehr reduziert, zu äußern.

Niemand war von der Obrigkeit so abhängig wie der Adel

Denn niemand war von der Monarchie als Institution so sehr abhängig wie der Adel, und zwar der deutsche insbesondere. Als Gutsbesitzer, deren Existenzgrundlage die ländliche Scholle war, wussten die Adligen, dass jedes Aufbegehren gegen den König sofort vom nächstniederen Stand, nämlich Bauern und Bürgern, reflektiert und imitiert würde. Wenn – so die heimliche Überlegung, die jedem Aristokraten noch im Schlaf geläufig war – die Gutsbesitzer gegen die Krone rebellieren, so stellen sie automatisch deren übergesetzliche Legitimation infrage; damit aber die Legitimität von Herrschaft überhaupt, also auch die ihrer eigenen! Wenn ein Graf oder Baron einen König absetzen kann, warum dann nicht auch ein Leibeigener oder Bauer einen Baron oder Grafen? Dann aber wäre es mit dem Feudalismus bald aus gewesen. Und um den Feudalismus, um seine eigene materielle und gesellschaftliche Lebensgrundlage zu erhalten, wählte der Adel die Knechtschaft unter dem monarchischen Absolutismus, der ihm langsam, aber sicher das Kreuz brach.

Die speziellen Gegebenheiten von Reformation und Partikularismus haben den deutschen Adel, sofern er nicht selber souverän und reichsunmittelbar war, über Jahrhunderte zu einer ausgesprochenen Hörigkeit erzogen. Jener Partikularismus, der aus jedem Duodezherrn, sei es in Potsdam, Dresden oder Würzburg, einen kleinen Sonnenkönig machte, bewirkte für ihn innerhalb weniger Jahrzehnte einen massiven Verlust an politischer Teilhabe. Etwa in Brandenburg-Preußen schlugen sowohl der Große Kurfürst 1672 als auch sein Enkel, der Soldatenkönig, 1731 adelige Opposition, wo sie sich zaghaft regte, brutal nieder. Die Hinrichtung Kattes, des Jugendfreundes Friedrichs des Großen, nach dessen gescheitertem Fluchtversuch war auch als Exempel des Königs an seinem Adel zu verstehen; und wenn es in jener berühmten Kabinettsorder, die den Tod Kattes besiegelte, hieß: „Fiat justitia et pereat mundus“[15]: so meinte mundusdurchaus „le monde“, die große Welt der Reichen und Vornehmen, die in dem Irrglauben lebten, für siegelte Recht und Gesetz nicht, siekönnten sich alles erlauben. Eben nicht: Vor der königlichen Gewalt, so das Fanal des Königs, zählen weder Rang noch Herkunft. Und nicht von ungefähr war er es auch, der den preußischen Absolutismus auf die bekannte knallharte Formel brachte: „Ich ruinieredie Junkers ihre Autorität und stabilieredie Souveränität wie einen rocher de bronce“, wie einen Felsen von Erz[16].

Dagegen begünstigte ausgerechnet Frankreich, das Mutterland des europäischen Etatismus und Zentralismus, die Entwicklung einer selbständigen, nur zu oft unbequemen und rebellischen Elite. Fand man in Deutschland nach der kurzen und tragischen Episode der Bauernkriege rasch zu dem Kompromiss einer weitgehenden territorialen Autonomie, welche jeden kleinen Landesherrn faktisch in den gleichen Rang wie Kaiser und Könige erhob, so hatte die französische Krone im ganzen Sechzehnten Jahrhundert gleich von zwei Seiten mit dem Adel zu kämpfen: Da war einerseits die hugenottische Aristokratie, repräsentiert durch charismatische Persönlichkeiten wie den Admiral de Coligny, die der Regierung nach und nach weitreichende Zugeständnisse in der Religionsausübung abrang; da war andererseits die katholische Reaktion mit selbstbewussten Grandseigneurs wie den Herzögen von Guise an der Spitze, die sich selbst als kleine Könige gerierten und die eigene Überzeugung im Zweifel über die Dekrete aus Paris stellten. Das Selbstgefühl des französischen Adels erlitt zwar unter Ludwig XIV. erhebliche Einbußen; doch ganz verschwand es nie. Einen neuen Höhepunkt erreichte es dann in der französischen Revolution 1789, die in ihrer frühen Phase ganz maßgeblich von Aristokraten – man denke etwa an den Grafen Mirabeau – getragen wurde. Der aufklärerische Zirkel um den Herzog von Orléans, der sich bald Philippe Égalité nennen sollte, war geradezu das Zentrum der antiroyalen und antifeudalen Opposition im Reich des allerchristlichsten Königs. Lion Feuchtwanger hat in seinem Roman Narrenweisheitdem oft selbstlosen Einsatz des französischen Adels für Aufklärung und Revolution ein literarisches Denkmal gesetzt.

Ähnliches wäre auch von der englischenEntwicklung zu sagen. Die politischen Revolutionen auf der Insel, wenn man sie so bezeichnen will, wurden fast ausschließlich von der Aristokratie, später auch vom Großbürgertum getragen, und dies seit dem Mittelalter. Von der Magna Charta1215 bis zur Glorious Revolutionvon 1688 bewährte sich, mal mit guten, mal mit weniger guten Folgen, die britische Oberschicht als effektives (und nicht bloß theoretisches) Korrektiv monarchischer und gouvernementaler Entscheidungen. Und noch 1936 zwangen aristocracyund upper class den deroutierten Edward VIII., der sich als Bräutigam der kapriziösen Wallis Simpson unmöglich gemacht hatte, zur Abdankung. Nur zum Vergleich: Als – ungefähr zur gleichen Zeit, nämlich zwei Jahre zuvor – Hitler während der so genannten Röhm-Affäre in klar rechtsbrüchiger Weise die SA-Führung beseitigte und dabei noch gleich zwei adelige Reichswehrgeneräle in ihren Privatwohnungen ermorden ließ, rührten deren Standesgenossen keinen Finger. Stattdessen erließ der Reichswehrminister, General von Blomberg, einen Tagesbefehl, der den denkwürdigen Satz enthielt: „Die Wehrmacht dankt dem Führer durch Hingebung und Treue!“[17]

Selbstverleugnung und Selbstaufgabe gehörten seit Jahrhunderten zum Habitus des Adels

Aber das war – es sei wiederholt – eben keineneue Entwicklung. Selbstaufgabe, Unterwerfung, Kriechertum waren kein Produkt der besonderen Gegebenheiten des NS-Staates; sondern sie gehörten damals, ob man es hören will oder nicht, schon längst zum Habitusdes Adels und der konservativen deutschen Eliten. Wenn im Neunzehnten Jahrhundert der preußische General Julius von Hartmann in seinen Memoiren feststellte, es sei „von jeher sehr viel Liberalismus in dem Offizierskorps gewesen“[18], so meinte dies lediglich das hergebrachte Privileg des Adels, als einziger Stand im Staat eine eigene Meinunghaben zu dürfen, weil man diesen Staat am authentischsten verkörperte. Adeliger Liberalismus bezog sich auf das klassische Recht auf den Kasinowitz, etwa über die Homosexualität des Monarchen, die Fettleibigkeit seiner Gattin oder das Versagen der gerade amtierenden, vom Herrscher eingesetzten Regierung. Doch dieses Recht war rein gedanklich. Aber die Handlungsmoral der Elite war ihrer Gedankenmoral geradezu entgegengesetzt; sie durfte meckern, weil sie, wenn es praktisch wurde, auch als Erste gehorchen musste.

Besonders deutlich wurde dies in der Bismarckzeit, als, nach dem Sieg über die konservative Brudermacht Österreich 1866, der preußische Adel anfing, seinen entfremdeten Sprössling Bismarck zu hassen. Während seiner ganzen Kanzlerschaft war der „Eiserne Kanzler“ bei seinen Standesgenossen äußerst unbeliebt, wegen seiner vergleichsweise liberalen Politik ebenso wie wegen seiner persönlichen Erfolge, die den Rahmen des Gewohnten sprengten[19]. 1865 noch einfacher Freiherr, war er 1871 Fürst und General mit einem Millionenvermögen; dass nicht die wenigsten ostelbischen Junker in ihren Salongesprächen dem halbbürgerlichen Verräter an der konservativen Sache die Pest an den Hals wünschten, belegen einschlägige Passagen etwa in Fontanes Irrungen, Wirrungen. Und als Bismarck 1874 den rebellischen Grafen Harry Arnim wegen Landesverrats scharf maßregelte[20], war dies frisches Wasser auf die Mühlen seiner konservativen Opponenten. Freilich aufbegehrt haben sie nie.

Für den deutschen Adel war es nie ein Problem, eine eigene Meinung zu haben; wohl aber, nach ihr zu handeln

Das gleiche wiederholte sich dann unter dem vielgehassten Wilhelm II. Nicht die Arbeiter und Unterdrückten waren es, die über den kindischen Kaiser und seinen verkümmerten Arm spotteten; sondern die elitären, standesbewussten Offiziere der Potsdamer Garde. Sie waren es, die im Kasino nach dem ersten Glas Wein die Ordonnanzen wegtreten ließen, um ungestört und ohne Furcht vor Denunziation über ihren Obersten Kriegsherren lästern zu können[21]: über sein plärriges Auftreten, seine ödipale Sensibilität, seine homophilen Allüren. Sie waren es, die ihn „Guillaume le timide“, „Wilhelm den Ängstlichen“ schimpften. Und als der dann 1918 abdanken musste, waren sie wiederum die Ersten, die über ihn in ihren Memoiren herfielen; und auch hier zeigt sich die erstaunliche Doppelmoral der preußischen Elite: Als 1919 Paul Graf Hoensbroech die Führungsschwäche des Kaisers offen anprangerte, forderte ihn der pensionierte General von der Schulenburg zum Duell, obwohl der sich, allerdings privat, ganz genauso über Wilhelm II. geäußert hatte.[22]Für die deutschen Eliten, den Adel zumal, war es nie ein Problem, eine eigene Meinung zu entwickeln, wohl aber, sie auch zu verwirklichen. Die abstruse Kantische Maxime: „Räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!“[23], schien wie gemacht für eine Oberschicht, die ihre soziale Privilegiertheit über Jahrhunderte hinweg mit einer beispiellosen, entwürdigenden politischen Impotenz bezahlt hat. Symbolisch steht hier das Wort eines Flügeladjutanten aus der Entourage des letzten Hohenzollernherrschers: „Der Kaiser hat uns alle entmannt!“[24]

All das fand seine letzte, fatale Bestätigung im Dritten Reich. Wieder begegnen wir jener seltsamen moralischen Indifferenz, jener typisch elitären „Mischung aus Verdrängung, Disziplin und Lebenslüge“[25], die ausgerechnet Hitlers früheste Kritiker – und das waren ja gewiss die Konservativen! – zu seinen zuverlässigsten Stützen werden ließ. Man denke an all die schönen Planungen, wie man Hitler, den „tollwütigen Hund“[26], den „böhmischen Gefreiten“[27]umbringen wolle, um am Ende meistens dann doch wieder vor ihm strammzustehen, wie man schon vor Friedrich, vor Bismarck und Wilhelm strammgestanden hatte: 1938 während der Sudetenkrise, 1940 beim Einmarsch in Frankreich, 1943 an der Ostfront – Überlegungen, Pläne, und natürlich Versuche hat es viele gegeben, und ihr moralischer Wert steht außer Frage. Doch ihr Dilettantismuswar beispiellos und beschämend, und er kam ganz einfach daher, dass diese Elite seit Jahrhunderten keinen Schuss mehr abgegeben hatte, der ihr nicht von oben, von der Obrigkeitbefohlen worden war, von jener Obrigkeit, die Martin Luther einst heilig gesprochen hatte. Und so ließen Henning von Tresckow und seine Mitverschwörer Hitler 1943 aus dem Hauptquartier der Heeresgruppe Mitte in Smolensk nach dem obligatorischen Mittagessen unbehelligt ziehen, „weil es“, wie es die Journalistin Kerstin Decker zuletzt ausdrückte, „mit dem Ethos des deutschen Offizierskorps nicht zu vereinbaren [war], einen Mann bei Tisch zu erschießen“[28]. Stattdessen schmuggelte man eine Bombe ins Führerflugzeug, deren Zünder allerdings, wie man nachher feststellte, wegen der eisigen Kälte über Russland versagte. Auf so einen Fall hätten geschulte Generalstabsoffiziere mit Fronterfahrung eigentlich vorbereitet sein müssen.

Unfähig zu selbständigem, entschlossenem Handeln

Der Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944 ist ohne Frage das große moralische Ereignis in der Geschichte der konservativen Elite Deutschlands; doch es steht nicht in Konsequenz, sondern im krassen Gegensatzzu dieser Geschichte. Und die groben handwerklichen Fehler in seiner Ausführung sprechen für sich: der leichtsinnige Gedanke, ausgerechnet einen halb verkrüppelten Offizier wie Stauffenberg mit einem Bombenattentat zu betrauen; die pessimistische Trägheit des Generals Fellgiebel, der noch nach der Explosion in der „Wolfsschanze“ Hitler mit der Pistole hätte erschießen können, es aber nicht tat; die zögerliche Nervosität General Olbrichts, der drei Stunden lang in Berlin die Hände in den Schoß legte, während Stauffenberg mit Müh und Not ein Flugzeug bekam; schließlich die aberwitzige Naivität, die es bedeutete, einem einwandfreien Nazi wie dem Major Remer die Verhaftung von Goebbels anzuvertrauen: All dies zeigt, wie ungeeignet, wie unfähig diese Männer zu selbständigem, entschlossenem Handeln waren, mochten ihre Grundsätze und Überzeugungen auch noch so richtig und gut sein. Und so versteht man auch den bissigen Kommentar des Hitlergegners Friedrich Reck-Malleczewen, der am Tag danach in sein Tagebuch notierte:

„Ein wenig spät, ihr Herren, die ihr diesen Erzzerstörer Deutschlandsgemacht habt, die ihr ihm nachliefet, solange alles gut zu gehen schien, die ihr, alle Offiziere der Monarchie, unbedenklich jeden von euch gerade verlangten Treueid schworet, die ihr euch zu armseligen Mamelucken des mit hunderttausend Morden, mit dem Jammer und dem Fluch der Welt belastetenVerbrechers erniedrigt habt und ihn jetzt verratet, wie ihr vorgestern die Monarchie und gestern die Republik verraten habt.“[29]

So sah es auch Joachim Fest, dessen eigener Vater einst lieber Amt und Würden aufgegeben hatte, als jene Zwitterstellung zwischen innerer Rebellion und äußerem Konformismus zu wählen, in der man allein schon dadurch zum Täter werden kann, indem man es nur unterlässt, das Richtige zu tun.[30] Oft geschieht das schlimmste Tun durch Unterlassen, durch Abwarten – solange, bis es zu spät ist. Beispielhaft hier der Vergleich zwischen deutschem und italienischem Widerstand, den Fest anstellt:

„Als Dino Grandi sich am 25. Juli 1943 zur Sitzung des faschistischen Großrats begab, auf der Mussolini gestürzt werden sollte, hatte er zwei Handgranaten bei sich.Am Eingang des Saales zum Palazzo Venezia war das erste Mitglied des Rates, auf das er stieß, Cesare de Vecchi. Da Grandi fürchtete, Mussolini werde sich zur Wehr setzen und auf ihn schießen, fragteer kurz entschlossen de Vecchi, ob ereine der Granaten übernehmen und notfalls auf den Duce werfen wolle, und de Vecchi willigte augenblicklich und ohne irgendeine Gegenfrage ein. Es war die Schwäche des deutschen Widerstands, dass er keinen Grandi hatteund selbst einen de Vecchinicht.“[31]

Freilich, die deutschen Widerstandskämpfer durften für sich in Anspruch nehmen, es wenigstens versucht zu haben, und diesen Ruhm kann ihnen niemand nehmen; gleichwohl gibt es eine bedenkliche Nähe zwischen ihnen, die immerhin etwas taten, und jener großen Mehrheit, die zwar über Hitler grummelte, aber nichts tat. Gerade in Militär und Diplomatie fanden sich viele Mitwisser der Attentatspläne. Sie alle wären nach einem erfolgreichen Staatsstreich mit fliegenden Fahnen zu den neuen Machthabern übergegangen, denn mit Hitler verband sie meistens nichts, und das spricht ja auch für sie; doch stattdessen igelten sie sich ein in einem Gehäuse aus Hoffnung, Fatalismus und so genannter Pflichterfüllung – eine Haltung, die noch im Jahr 2009 ausgerechnet Richard von Weizsäcker prononcierte, als er in einem Interview versuchte, seinen Vater Ernst, Staatssekretär bei Außenminister von Ribbentrop und früh eingeweiht in die Judenvernichtung, von den Vorwürfen der Nachwelt mit geradezu aggressiver Apologetik freizusprechen.[32]Wenn der deutsche Adel je eine Ideologie hatte, dann jene dumpfe, schwerfällige und einfallslose Ideologie des „Auf-dem-Posten-Bleibens“.

Das Problem der konservativen Eliten in Preußen-Deutschland lag nicht in Ideologie, sondern in Opportunismus

Das Problem der konservativen Eliten in Preußen-Deutschland lag nicht in ideologischer Verführung; eher schon, wie Stephan Malinowski richtig betont, in ihrer mentalitären Depravation seit dem Ersten Weltkrieg mit seiner ungeheuerlichen Brutalisierung von Haltungen und Meinungen[33]; vor allem aber in ihrem tief eingewurzelten politischen Opportunismus. Dieses Problem aber ist keines der Ideologie, sondern des Habitus. Und dieser Habitus, dessen Konstanten Anpassung, Selbstverleugnung, Gehorsam und Resignation sind, wirkt viel verderblicher als jede Überzeugung, auch die schlechteste, es je könnte, nämlich weil er unfreimacht. Beide, der Nazi wie der NS-Gegner, wussten, was sie taten, und taten es aus freien Stücken; die Eliten aber gingen 1933 die alten, eingetretenen Pfade durch die Institutionen weiter, die sie schon zweihundert Jahre lang gegangen waren. Sie wurden Generale und Staatssekretäre, manche auch SS-Führer, so wie ihre Väter und Ahnen eben Obristen, Kammerherren oder Botschafter geworden waren, und bildeten sich noch ein, sie könnten sich die Abzeichen des neuen Regimes wie Modeartikel an den Rock heften und trotzdem rein bleiben von seinen Verbrechen.

Gerade so, durch diese Unentschlossenheit, wurden nicht wenige von ihnen Mitwisser, ja Mittäter Hitlers. Es stimmt, sie waren in der Masse keine Nazis; doch dafür waren sie etwas viel Schlimmeres: sie waren ideologisch gar niemand, mit dem Wort Hannah Arendts: sie waren „Niemande“, sie „weigerten sich, Personen zu sein“[34]. Und genau dies macht die Schwere ihres Versagens und ihrer Schuld aus: Sie

„folgten keinem Idealismus, auch nicht dem falschesten. Sie waren Getriebene, zutiefst unsichere und unselbstständige Charaktere, die an gar nichts glaubten. Nicht brutaler Voluntarismus oder imperialistischer Ehrgeiz, sondern Gedankenlosigkeit und moralische Indifferenz degradierten sie zu den willenlosen Vollstreckern der Unmenschlichkeit.“[35]

Der Historiker Christian Gerlach wies vor einigen Jahren nach, dass die Einsatzmeldungen der SS-Mordkommandos im Russlandfeldzug 1941 auch über die Schreibtische Tresckows und seines Adlaten Rudolf-Christoph von Gersdorff gingen.[36]Hier zeigt sich das moralische Dilemma in voller Schärfe: Denn natürlich ist dieser Nachweis ja kein Beleg für eine Mittäterschaft; aber allein schon das bloße Mitwissen macht jemanden in einer solchen Position, wie Tresckow und Gersdorff sie innehatten, schon mitschuldig. Ab einer bestimmten sozialen Stellung entsteht Schuld schon aus der bloßen Zeugenschaft (wir erleben das heute in anderem Format in der internationalen Finanzkrise). Und gerade Gersdorffs Karriere – Tresckow nahm sich nach dem gescheiterten Attentat 1944 das Leben – zeigt exemplarisch die Realitätsblindheit dieses konservativen Widerstands: Da steht einer eindeutig gegen Hitler, riskiert mehrmals sein Leben bei Attentats- und Umsturzversuchen, entgeht knapp der Verhaftung – und bleibt dennoch bis zum letzten Kriegstag auf seinem Posten, wird General, Stabschef einer Armee, Ritterkreuzträger, alles unter dem Oberbefehl von Adolf Hitler, kurz: Er tut nach außen hin so, als wäre nichts gewesen, mag er im Inneren auch noch so sehr in „Opposition“ stehen. Weiter konnte man die Selbstverleugnung in der Tat nicht treiben![37]

Auf diesen Habitus passt musterhaft, was Hannah Arendt über die so genannte „innere Emigration“ sagte, über

„alle jene, die im Dritten Reich Stellungen, und oft genug hohe Stellungen, innehatten und dann nach dem Kriege sich selbst und der Welt erklärten, sie seien jederzeit ‚innerlichGegner des Regimes’ gewesen. Nicht, ob sie die Wahrheit sagen oder nicht, ist hier die Frage; entscheidend ist, dass es in der ganzen geheimnisverseuchten Atmosphäre des Hitlerregimes kein besser gehütetes Geheimnis gegeben hat als solche ‚innere Opposition’. Das war unter den Bedingungen des Naziterrors fast eine Selbstverständlichkeit; wie mir einmal ein sehr bekannter ‚innerer Emigrant’ […] versichert hat, mussten sie ‚nach außen’ sogar nazistischer auftreten als gewöhnliche Nazis, um ihr Geheimnis zu wahren.“[38]

Man macht niemandem eine Szene – nicht der eigenen Ehefrau, und auch nicht dem Führer

Wirklicher Widerstand wäre entweder klarer, freilich sehr wahrscheinlich hoffnungsloser Kampf gewesen, den man gewiss, noch dazu ex post, von niemandem abfordern kann, da wir wissen, welche Risiken er für den Betreffenden mit sich brachte; oder aber – und dies ist hier interessant – Nicht-Handeln, konsequenter Rückzug aus dem gesellschaftlichen Organismus überhaupt, so wie Hans Fest ihn beispielhaft vorgelebt hat. Wieder Hannah Arendt:

„In Wahrheit gab es nur einen Weg, im Dritten Reich zu leben, ohne sich als Nazi zu betätigen, nämlich, überhaupt nicht in Erscheinung zu treten: sich aus dem öffentlichen Leben nach Möglichkeit ganz und gar fernzuhalten war die einzige Möglichkeit, in die Verbrechen nicht verstrickt zu werden, und dies Nichtteilnehmen war das einzige Kriterium, an dem wir heute Schuld und Schuldlosigkeit des Einzelnen messen können.“[39]

Zu diesem Nicht-Handeln aber gehörte, wie Arendt sagte, dass man „nicht Wir sagt, sondern dass man Ich sagt“[40]; dass man sich vom Spiel des Gesellschaftlichen, das nur allzu schnell bitterer, schmutziger und verbrecherischer Ernst werden kann, freiwillig isoliert; dass man auf all die charmanten Accessoires, die das Leben so schön und so gemütlich machen, verzichtet: auf sichere Posten und glatte Lebensläufe, auf schmucke Orden und hohe Ränge. Doch gerade dazu fehlte der Elite: den Adligen, den Militärs, auch den Managern[41], der Wille und der Mut. Sie waren es zwar gewohnt, auf der Bühne zu stehen; aber als Statisten, wenn auch mit hoher Gage. Sie lebten, mit Heideggers Wort, im „Man“[42], und dies wurde ihnen zum Verhängnis: „Man“ tritt ins Heer ein; „man“ tut seine so genannte Pflicht; „man“ erhält das System aufrecht, um Schlimmeres – etwa den vielbeschworenen Bürgerkrieg! – zu verhüten; „man“ macht niemandem eine Szene, nicht der eigenen Ehefrau und auch nicht dem Führer, und wenn die Ehe noch so eine Farce und das Regime noch so eine Mörderbande ist. Dasmachte sie zu Komplizen Hitlers, und auch die wenigen, die dann wirklich zur Tat vom 20. Juli schritten und dafür mit dem Leben bezahlten, waren in ihrer Haltung immer noch so sehr vom „man“ bestimmt, dass sie in dem Augenblick, in dem sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte wirklich handeln und nicht gehorchen sollten, bitter und tragisch versagten.

© Konstantin Johannes Sakkas, 2009-2019. 

Obiger Beitrag wurde in geringfügig gekürzter Form am 24.7.2011 im Deutschlandfunk in der Sendung “Essays und Diskurs” ausgestrahlt:

https://www.deutschlandfunk.de/die-verteidigung-der-feigheit.1184.de.html?dram:article_id=185458

Es kam daraufhin zu heftigen persönlichen Angriffen auf den Autor durch mehrheitlich adelige Hörer, die ihre Kreise bis in die Führungsebene des Deutschlandfunk zogen.

Nachweise

[1]Vgl. Joachim Fest, Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli, Berlin 1994.

[2]Berlin 2003/Frankfurt/Main 2004. – Vgl. auch ders., Es war kein Aufstanddes Adels, in: Cicero, Juli 2004.

[3]Düsseldorf 2007.

[4]Vgl. zusammenfassend  Christian Hartmann et. al. (Hrsg.), Der deutsche Krieg im Osten 1941-1944, München 2009.

[5]Sebastian Haffner, Beinahe, nachgedruckt in: Der Tagesspiegel, 12.07.2009.

[6]Zit. n. Joachim Fest, Das Gesicht des Dritten Reiches, München 1963, S. 105.

[7]Rolf Hochhuth, Der Stellvertreter, Reinbek 1963, S. 96.

[8]Dante, Göttliche Komödie(dt. v. Carl Streckfuß), InfernoIII, Vers 61 ff.

[9]Vgl. Helmuth Plessner, Die verspätete Nation, Stuttgart ²1959, S. 58.

[10]Thomas Mann, Königliche Hoheit(= Gesammelte Werke, Bd. 2), Frankfurt/Main 1960,  S. 79.

[11]So Stephan Kekulé v. Stradonitz, Ueber die Zuständigkeit des preussischen Heroldsamts, in: Archiv für öffentliches RechtBd. 18 (1903), S. 195.

[12]Vgl. John Röhl, Wilhelm II. Der Aufbau der persönlichen Monarchie, 1888-1890, München 2001, S. 960.

[13]AusdemNachlassevonGeorgHeinrichvonBerenhorst(hrsg. v. Eduard v. Bülow), Dessau 1845, S. 180 f.

[14]Vgl. Hans Bleckwenn, Unter dem Preußenadler, München 1978, S. 58.

[15]Zit. n. Theodor Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg, München ³1987, Bd. 2, S. 843.

[16]Zit. n. Wilhelm Dilthey, Zur preußischen Geschichte(=Gesammelte Schriften, Bd. 12, Stuttgart 1960), S. 176.

[17]Zit. n. Max Domarus, Hitler. Reden und Proklamationen 1932-1945, Bd. I 1, München 1965, S. 405.

[18]Julius v. Hartmann, Lebenserinnerungen, Bd. 2, Berlin 1882, S. 164.

[19]Vgl. etwa Otto v. Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, Stuttgart 1959, S. 388.

[20]Vgl. Bismarck, a.a.O., S. 399 ff.

[21]Vgl. etwa Harry Graf Kessler, Gesichter und Zeiten, Bd. 1, Frankfurt/Main 1988, S. 326.

[22]Vgl. Malinowski, a.a.O., S. 249.

[23]Immanuel Kant, Was ist Aufklärung?, in: Werke in 6 Bänden, Darmstadt 1964, Bd. 6, S. 55.

[24]Vgl. Ernst Graf zu Reventlow, Von Potsdam nach Doorn, Berlin 1940, S. 467.

[25]Vgl. Christian Hartmann, Massensterben oder Massenvernichtung?, in: ders. et al. (Hrsg.), a.a.O., S. 334.

[26]So Henning v. Tresckow 1943 zu Feldmarschall v. Manstein, zit. n. Rudolf-Christoph v. Gersdorff, Soldat im Untergang, Frankfurt/Main 1977,  S. 129.

[27]Vgl. Konrad Heiden, Hitler, Bd. 1: Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit, Zürich 1936, S. 288.

[28]Vgl. Kerstin Decker, Gebt alles!, in: Der Tagesspiegel, 13.01.2009.

[29]Friedrich Reck-Malleczewen, Tagebuch eines Verzweifelten, Stuttgart 1966, S. 182 (21. Juli 1944).

[30]Vgl. hierzu Fest, Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend, Reinbek 2006.

[31]Vgl. Fest, a.a.O., S. 137 f.

[32]Vgl. „Es war grauenhaft“. Gespräch mit Richard v. Weizsäcker, in: Der SpiegelNr. 35/2009, S. 70 ff.

[33]Vgl. Malinowski, a.a.O., S. 209 ff.

[34]Vgl. Hannah Arendt, Über das Böse, München 2003, S. 101.

[35]Vgl. Konstantin Sakkas, „Ziehen Sie die Vorhänge zu!“, in: Der Tagesspiegel, 4.12.2007.

[36]Vgl. Gerlach, Hitlergegner bei der Heeresgruppe Mitte und die „verbrecherischen Befehle“, in: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.), NS-Verbrechen und der militärische Widerstand gegen Hitler, Darmstadt 2000, S. 62 ff.

[37]Zu Gersdorffs Lebenslauf vgl. ders., a.a.O.

[38]Vgl. Arendt,Eichmann in Jerusalem, Neuausgabe München 1986, S. 163 f.

[39]Vgl. Arendt , a.a.O., S. 164.

[40]Vgl. Hannah Arendt im Gespräch mit Joachim Fest, in: http://www.hannaharendt.net3/2007, S. 8.

[41]Vgl. Sakkas, „Bereichert Euch!“, in: Der Tagesspiegel, 29.08.2007.

[42]Vgl. Joachim Ritter, Karlfried Gründer (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Basel 1971-2007, Bd. 5, s.v. „Man“, Sp. 706 f.

In Auschwitz gab es kein Happy End

László Nemes’ “Son of Saul”, ausgezeichnet mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film 2016

Die brutalste Szene spielt sich gleich zu Anfang ab. Die Gaskammer in Auschwitz-Birkenau. Gerade wurde ein ungarischer Transport vergast. Die Türen springen auf, das Sonderkommando macht sich an die Arbeit. Blut, Kot und Urin überall, man sieht die nackten, blutverschmierten Brüste von Frauen. Zum Sonderkommando gehört auch Saul Ausländer (dass er so heißt erfahren wir erst später im Film). Auf einmal hört er ein Röcheln. Was unmöglich scheint, und doch durch die Akten der Lager-SS selbst historisch verbürgt ist (auch Rolf Hochhuth erwähnt diese Vorkommnisse im Schlussakt seines 1962 uraufgeführten Stellvertreters): ein Junge, vielleicht gerade in die Pubertät gekommen, hat die Vergasung überlebt, erwacht, schwer atmend, gerade aus seiner Bewusstlosigkeit.

Schon ist der SS-Arzt zur Stelle. Der Junge wird auf eine Bahre gelegt. Der SSler tastet ihn erst ab, überprüft die Vitalfunktionen. Er setzt beide Hände auf den Leib des Jungen auf. Dann erstickt er ihn, leise, “fachmännisch”, unaufgeregt. Die Männer des Sonderkommandos, unter ihnen der jüdische Arzt, stehen neben ihm. Es gibt keine Emotionen, kein Geschrei, keinen expliziten Gewaltexzess. Der SSler tötet den Jungen, wie man seine Schnürsenkel bindet, wie man ein Auto betankt oder eine Klingel drückt. Dem jüdischen Arzt neben ihm sagt er am Ende nur trocken: “aufschneiden”. Der dem Tod vergeblich entronnene Knabe soll in die Autopsie, physiologisch interessant ist das Phänomen ja allemal.

Auschwitz: ein Arbeitsplatz des Grauens

“Son of Saul”, erst mit dem Grand Prix von Cannes, dann mit zahlreichen weiteren internationalen Filmpreisen, darunter dem Golden Globe und dem Critics Choice Award, und schließlich mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film 2016 ausgezeichnet, ist eine einzige Vergewaltigung, Hundertsieben Minuten lang. Er zeigt kein Erbarmen, er zeigt aber auch keinen offenen Hass, weder bei den Tätern noch bei den Opfern. Er zeigt nur pure, nackte, kalte Gewalt. Unaufgeregt, weil selbstverständlich. “Son of Saul” zeigt Auschwitz als das, was es wirklich und vor allem anderen war: als einen Arbeitsplatz des Grauens.

Beklemmung beherrscht den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute an diesem Abend im “Delphi Filmpalast” in Berlin-Charlottenburg. Mit Bedacht hat die ausrichtende Jewish Claims Conference den Vorabend des internationalen Holocaustgedenktags für die in Fachkreisen langersehnte Voraufführung des Films ausgewählt. Es gibt keine Höhepunkte und keine Tiefpunkte. Alles ist in einen schmutzigen grau-braunen Schimmer getaucht. Eine farblose Farbe, weltlos wie die Farben eines Alptraums. Es gibt keine Hoffnung, keine Entspannung, keinen Lichtblick. Schmutz, Dreck, überall. Der biographische Horizont des Films sind die wenigen Wochen und Monate, die den Männern des Sonderkommandos zum Überleben bleiben, bis sie selber ermordet werden, aber es ist ein biologischer Horizont, kein existenzieller. Die Negativität dieses Auschwitz’ ist absolut, so sehr, dass die Absolutheit zur Abstraktheit wird.

Papst Johannes Paul II. soll, als man ihm Gibsons “Passion of the Christ” zeigte, gesagt haben: “It is, as it was.” Dieselben Worte lassen sich über “Son of Saul” sagen. Kein Spielberg, kein Polanski, auch kein Theodor Kotulla (“Aus einem deutschen Leben”) oder Stefan Rutzowitzky, dessen “Fälscher” 2008 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielten, haben das, was Auschwitz und die Shoa wirklich waren, so brutal ehrlich eingefangen wie dieser Film, mit dem sich der nicht einmal vierzigjährige Regisseur László Nemes als wahrhafter Zauberlehrling entpuppt hat.

Blick in die Hölle durchs Schlüsselloch

Der Film ist auf 35 Millimeter gedreht, die Sprachen historisch original und unsynchronisiert (jiddisch und deutsch, seltener ungarisch und polnisch), die Kamera filmt permanent aus Sauls Blickwinkel, wenn sie nicht ihn selbst zeigt. Wir schauen in die Hölle durchs Schlüsselloch. Das zischende Ankommen der Deportationszüge, das Ausziehen in der Umkleide, begleitet teils durch aufmunternde Lügen (“wir brauchen Handwerker hier”, “nach dem Bad gibt es erstmal eine warme Suppe”, “merken Sie sich Ihren Kleiderhaken”), teils durch Drohungen und offene Gewalt. Das Hineinpressen der Häftlinge, einer steht auf den Füßen des andern, in die Gaskammer, das Zuschnappen der eisernen Türriegel. Sofort beginnen die Männer des Sonderkommandos – “stoisch” wäre das falsche Wort hierfür – mit dem Einsammeln der Kleidungsstücke. Dann das Schreien und Trommeln der Deportierten in der Kammer. Nichts ist so gewaltsam wie dieses Schreien, dieses Trommeln, denn man weiß, während man im Kinosessel sitzt, dass dieses Schreien und Trommeln vergeblich, sinnlos, ja: lächerlich ist. Sie sollen ja sterben, sie sollen ja ausgeliefert und hilflos sein. Ihnen wird niemand helfen, ihr Schicksal ist beschlossene Sache. Das ist Gewalt: Auslieferung. Keinen-Ausweg-lassen. Ver-nichtung: jemanden ins Nichts stellen, in die – wie fehl am Platz ein solch hochgestochener Ausdruck hier – Aporie, die Ausweglosigkeit.

Doppelt Opfer: die Männer des jüdischen Sonderkommandos

Ausgeliefert sind auch die Männer da draußen, von denen der Film handelt. Lange Zeit war das Schicksal der Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau und den anderen Vernichtungslagern der blinde Fleck in der Shoa-Forschung, auch im kollektiven Gedächtnis, dem der Täter und auch der Opfer. Einige unglückliche Formulierungen Hannah Arendts ließen es lange Zeit so aussehen, als seien diese Männer Mittäter gewesen. Dabei waren sie nicht nur genauso Opfer wie die anderen, sondern waren es sogar in doppelter Weise.

Die Männer des Sonderkommandos, unter ihnen überdurchschnittlich viele Griechen (wegen deren sowohl in West- als auch in Osteuropa ungeläufiger Sprache schien der SS bei ihnen der Geheimhaltungsaspekt am besten gewahrt), hatten die Opfer, unter Bewachung des SS, in die Gaskammern einzuschleusen, und sie hatten nach jedem Vergasungsvorgang die Leichen aus den Gaskammern zu holen und in den Krematorien zu verbrennen – nicht ohne ihnen vorher Goldzähne aus dem Gebiss zu brechen und etwa mitgeführte Wertgegenstände aus den Körperöffnungen zu holen. Der Ungar Géza Röhrig, dessen schönen, weichen Gesichtszügen man seine 48 Jahre nicht ansieht und der selber zahlreiche Familienangehörige in der Shoa verlor, spielt die Hauptfigur, Saul Ausländer.

Saul, Zeuge der eingangs geschilderten Szene, glaubt in dem Jungen seinen Sohn zu erkennen (später wird sich herausstellen, dass er entweder überhaupt keinen Sohn hat, oder aber dies jedenfalls nicht sein Sohn ist – leiblich nicht ist, denn im Geiste hat er ihn adoptiert in dem Augenblick, da er ihn leben sah inmitten der Toten). Er bedrängt den jüdischen Arzt, die Leiche der Autopsie zu entziehen und vor der SS zu verstecken. Das, und die Vorbereitung und Durchführung des Sonderkommando-Aufstands vom 7. Oktober 1944, sind die Storylines des Films. Sie geben ihm die narrative Halterung – jedoch, Halt geben können, ja: sollen sie nicht.

Die Shoa kannte keine Rationalität

Ausländer gelingt es tatsächlich, den Leichnam vor der Schändung durch das Skalpell zu bewahren. Er will ihn, seinen, Sauls Sohn, rituell bestatten und braucht dazu einen Rabbi, den er mit geradewegs manischer Unbeirrbakeit, aber letztlich erfolglos unter den neuankommenden Deportierten sucht. Immer wieder bringt er damit sein Kommando in Gefahr – und mit ihm den historisch verbürgten Plan, sich gegen die SS-Peiniger zu erheben, die Krematorien zu sprengen und aus dem Lager zu fliehen.

Das Kommando: das sind vor allem zwei Männer: Abraham (Levente Molnár) und Biedermann, letzterer Oberkapo und damit Leiter des Sonderkommandos. Es sind ungleiche Brüder, dieser der aktive, jener der passive Part, der eine versonnen und auf sein Ziel fixiert, der andere illusionslos, aber voll heimlichen Mitleids. Biedermann, verkörpert von Urs Rechn,  ist die unausgesprochene Vaterfigur, für Saul wie für das ganze Kommando. Er leitet, so weit Leitung und damit Verantwortung möglich ist in der Hölle, die kein System ist, sondern blankes Chaos, pure Hässlichkeit.

Vor allem die Figur des Biedermann widerlegt das gängige Klischee, wonach die Kapos – dass dies außerhalb der Sonderkommandos, also in den Arbeitslagern, übrigens niemals Juden waren, sondern in der Regel “arische” Kriminelle, wird in diesem Diskurs immer noch gern unterschlagen – “schlimmer als die SS” gewesen seien. Vielmehr waren sie zweifach Verdammte, ausgeliefert der unmöglichen Zwitterposition, Opfer zu sein und zugleich den Tätern zuarbeiten zu müssen. Ums eigene Überleben ging es dabei nur scheinbar, denn die Shoa kannte keine Rationalität, kannte keine kausale Logik. Man war ausgeliefert, so oder so. Die Zuarbeit für die Täter bedeutete tatsächlich Überlebenshilfe: indem der Kapo, die Faust der SS im Nacken, aussortierte, rettete er diejenigen, die er übrig ließ. Das Warum dieses Übriglassens steht in diesem existenziellen Umfeld nicht mehr zur Debatte; das Dass, seine Faktizität allein genügt.

Rechns Stimme ist stets dem Brechen nah, wenn er mit den “Vorgesetzten” sprechen muss, immer zitternd, wie durchlöchert, vollgesogen mit dem Bewusstsein, es nur falsch machen zu können, keine Sicherheit haben zu können, so wie die Stimme eines missbrauchten Kindes, das sich seinen gewalttätigen Eltern gegenüber zu rechtfertigen hat und doch genau weiß, dass es diesen Dialog nur verlieren kann, weil es einen Dialog, zu dem dem Worte nach stets zwei gehören, hier nicht gibt. Die Szene, in der der wurstige Oberscharführer Voss, gespielt von Uwe Lauer, ihm befiehlt, eine Liste mit siebzig Männern seines Kommandos, “die er entbehren kann”, zusammenzustellen, gehört zu den furchtbarsten Bildern des ganzen Films. Gegen Ende, kurz bevor der Aufstand dann tatsächlich losbricht, wird auch er zur Vergasung wegselektiert, und der entsetzte Schrei seiner Männer “Das gehörte Biedermann!”, als sie wieder einmal die Habseligkeiten der Vergasten in der Umkleide aufzusammeln haben, ist das Startsignal zur Revolte.

Jeder Versuch zum Untergang verurteilt

Auch die Geschichte dieser Revolte ist eine Geschichte des Scheiterns. Die Gruppe um Saul, der kein Kämpfertyp ist und von den sowjetischen Kriegsgefangenen unter den Kommandoleuten gleichsam zum Gefecht getragen werden muss, bricht zwar aus dem Lager aus, fügt auch der SS Verluste zu. Doch das Krematorium bleibt intakt, hat doch Saul zuvor das Bündel Sprengstoff, das er von einem weiblichen Mithäftling hatte abholen sollen, auf dem Rückweg zu seinem Kommando verloren. Wie immer war er auch hier auf der Suche nach einem Rabbi, der dem toten Jungen, der immer noch im Kühlraum liegt, das Kaddisch sprechen soll.

Am Ende – die Gruppe verschnauft gerade in einem Holzverschlag in den Wäldern um Auschwitz – werden auch sie aufgespürt von einem SS-Trupp. Ein kleiner polnischer Junge, vielleicht zehn Jahre alt, hat sie entdeckt, visiert sie ein paar Augenblicke lang unsicher an – der einzige retardierende Moment im Film. Vielleicht eine halbe Minute lang weiß der Zuschauer nicht, wie es weitergeht. Gehört der Junge zu den Häftlingen? Ist er Jude? Wird er den Flüchtigen helfen? Saul schaut ihn an, lächelt zum ersten Mal im ganzen Film, es ist das erste Lächeln überhaupt in dieser brutalen, weltlosen Welt. Man weiß nicht, wieso, aber etwas wie Entspannung macht sich breit.

Dann freilich, und nur zu vorhersehbar, beginnt der Junge zu laufen, direkt in die Arme des SS-Trupps, der ihn vermutlich ausgesandt hat. Ein Mann hält dem Kleinen den Mund zu, nicht brutal, das ist auch gar nicht nötig in dieser Welt, in der die Rollen von Beherrscher und Beherrschtem so klar und unerbittlich verteilt sind, nur so lange, bis seine Kameraden an dem Holzverschlag sind. Gleich hört man Karabiner- und Maschinenpistolenfeuer, während der SSler den Jungen davonlaufen lässt. Und da läuft und hüpft er tatsächlich davon, über Stock und Stein, während das Gewehrfeuer im Hintergrund knattert.

Erniedrigung und Demütigung sind allgegenwärtig in “Son of Saul”

Nie war der Kinobesucher dem Grauen von Auschwitz so nah wie hier. Im Saal ist es totenstill, immer wieder gehen einige Zuschauer hinaus, weil sie es nicht mehr ertragen. Wir sehen weibliche Häftlinge im “Effektenlager Kanada”, angetrieben und beschimpft von Aufseherinnen. “Komm her, Du Schlampe.” Gewalt, Erniedrigung und Demütigung sind allgegenwärtig in “Son of Saul”. Es muss nicht geschossen oder getötet werden, um die Seele zu töten. Es gibt keine Action, es gibt keinen positiven story twist, kein love interest wie in “Schindlers Liste”, kein glückliches Entkommen wie in “Das Leben ist schön”Kein Oberscharführer Holst, der, trotzdem er die ganzen “Fälscher” hindurch mordet, doch hier und da ein brutal-“nettes” Wort für “seine” Häftlinge hat. Kein Amon Göth, der in einer existenzialistischen Pointe aus der Laune heraus einer Schindler-Jüdin das Leben rettet (“Du bist gesund. Du kannst arbeiten.”). Hier ist, wie es bei Kavafis heißt, wirklich “jeder Deiner Versuche zum Untergang verurteilt”.

Und doch gibt es einen heimlichen Pulsschlag, der diese Handlung, die ja bewusst als Nicht-Handlung inszeniert ist (was bereits manche Kritiker im Blätterwald hermeneutisch spürbar überfordert), antreibt. Es ist das pure Überlebenwollen, sich vermeintlich nicht scherend um die Hässlichkeit, die es Minute für Minute peinigt und bedroht. Da schleicht sich Saul einmal ins “Krankenrevier”, um nach dem Leichnam seines Sohnes zu sehen, und gerät in eine Besprechung der SS-Sanitätsoffiziere. Was er hier wolle, wird er mit gespielter Höflichkeit gefragt. “Putzen” antwortet er und gestikuliert gespielt linkisch mit den Händen, um davon abzulenken, dass er gar kein Putzzeug bei sich hat, und der SSler macht seine Sprache und seine Gestik höhnisch nach: “Put-zen, put-zen”. Der Jude will sein Leben retten in diesem Moment, und noch dafür wird er ausgelacht von den Bestien, die ihn in diesem Moment zwar leben lassen, aber nur deshalb, weil er in ihren Augen schon gar nicht mehr zu den Lebenden gehört, sein physisches Ende ohnehin von vorneherein festgeschrieben ist. Aber das Ausgelachtwerden hat Saul mit einberechnet. Es gibt keine Tortur, nicht körperlich und nicht seelisch, der er sich nicht unterzöge, um weiterzuleben und – um sein Ziel, den Leichnam des Jungen würdig zu bestatten, zu erreichen.

Das Überlebenwollen ist der heimliche Pulsschlag des Films

Zwar gelingt auch dies am Ende nicht – aber: auch die SS bekommt die Leiche des Jungen nicht zu fassen. Mit auf die Flucht aus dem Lager am Tag des Aufstands schleppt Saul auf den Körper des Toten, den er als seinen Sohn ansieht und den er aus der Autopsie geschmuggelt hat. Am Fluss angelangt, will er ihn bestatten, ein französischer Jude soll das Kaddisch sprechen, weiß aber nach ein paar Worten nicht weiter – es wird klar: er ist gar kein Rabbi. Also nimmt Saul den Jungen wieder auf seine Schultern und wirft sich in den Fluss. Da entreißt die Strömung ihm das Bündel. der eingewickelte Tote wird fortgetragen von den Wellen, während Saul ans Ufer, von dem er losgeschwommen, zurückkehrt. Die letzten Bilder zeigen ihn mit den Kameraden in jenem Holzverschlag. Biedermann und Abraham sind da schon tot, und Saul wird ihnen gleich nachfolgen.

Das Schicksal des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz wurde lange Zeit vom kulturellen Gedächtnis in Deutschland ignoriert. Mit dieser hässlichen omertà bricht der Film endgültig – anschließend an eine Tendenz der vergangenen zwanzig Jahre, die dieses Kapitel endlich gebührend und auch öffentlich resonant “aufarbeitete”. Der Einsatz im Sonderkommando mag die, die ihn überlebten (tatsächlich konnten sich einige der Aufständischen vom 7. Oktober 1944 anschließend unter die normalen Häftlinge mischen und bis zur Befreiung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 durchhalten), gerettet haben; ihre Seelen hat er nachhaltig beschädigt. Die Bilder und Erlebnisse in den Gaskammern und Krematorien wurden die Betroffenen ihr Leben lang nicht mehr los.

Als letzter Überlebender des Sonderkommandos gilt Dario Gabbai, ein sephardischer Jude aus Thessaloniki, das über Jahrhunderte, unter byzantinischer, türkischer und dann wieder griechischer Herrschaft, eine der größten jüdischen Diaspora-Gemeinden beherbergte, ehe die Nazis aus der Vielvölkerstadt eine “city of ghosts” (Mark Mazower) machten. Sein Name – der Dreiundneunzigjährige lebt in Kalifornien – fällt mehrmals an diesem Abend im “Delphi”, und ihm verdanken wir auch eines der bewegendsten Zeugnisse dessen, wozu der Mensch noch im schlimmsten Leid fähig ist:

“Unter den an diesem Tag vergasten Opfern waren auch zehn Bekannte von uns und Familienangehörige aus Griechenland. Als wir da mit dem Verbrennen der 390 Körper fertig waren, verbrannten wir von unseren Freunden und Bekannten jeden einzeln, nahmen die Asche eines jeden und taten sie in eine Büchse, schrieben den Namen drauf, das Geburtsdatum und den Todestag. Wir begruben sie und sagten sogar Kaddisch.”

(Zit. n. Gideon Greif, Wir weinten tränenlos. Augenzeugenberichte des jüdischen “Sonderkommandos” in Auschwitz. Dt.: Köln 1995.)

Das Schweigen der Medien

“Son of Saul” hat in den deutschen Medien, anders als im Rest der Welt, bislang kaum beachtenswerte Resonanz gefunden. Die großen Zeitungen und Anstalten drückten sich mit wenigen Ausnahmen an einer großflächigen Berichterstattung bislang konsequent vorbei. Eine Rolle spielt sicherlich, dass der Film den beliebten Mythos von den “bösen Sonderkommandos” gründlich zerstört, mit dem viele Deutsche sich bzw. ihre Vorfahren immer noch von der Schuld der Shoa heimlich exkulpieren.

Und natürlich spielt die künstlerische Qualität des Films eine Rolle, die deutsche Sehgewohnheiten überfordern mag: die Schonungslosigkeit der Darstellung und vor allem der Erzählung. Das deutsche Geschichtskino, das seit Eichingers “Untergang” auf den Spuren einer klandestinen positiven Wiederaneignung seiner jüngsten Vergangenheit wandelt, als deren stilistisch und moralisch bedenklichstes Zeugnis Nico Hofmanns “Unsere Mütter, unsere Väter” gelten dürfte, möchte schlicht nicht mehr an die “Moralkeule Auschwitz” erinnert werden. Und in den großen Blättern von der ZEIT bis zur FAZ, die sich ihre intellektuelle credibility einst genau durch die Auseinandersetzung mit solchen Stoffen erwarben, diskutiert man derweil lieber, ob man Flüchtlinge vom Besuch öffentlicher Schwimmbäder ausschließen soll, als sich mit den genozidalen Konsequenzen auseinanderzusetzen, die ein real existierender Rassismus im Handumdrehen haben kann.

Den Finger in diese Wunde legt dafür Géza Röhrig, der an diesem Abend in Berlin gleichsam spokesperson für Cast und Crew ist (Regisseur Nemes ist nicht dabei). Emphatisch und aufrüttelnd erinnert er an die massiven Repressionen, denen Sinti und Roma im heutigen Ungarn ausgesetzt sind. Aber seine mahnenden Worte gelten beileibe nicht allein seiner Heimat Ungarn und der Rechtsregierung unter Viktor Orbán. Immerhin wurde der Film, mit angeblich 900.000 Euro denkbar knapp budgetiert, neben dem Sponsoring durch die Jewish Claims Conference auch durch staatliche ungarische Gelder gefördert.

Doch ausgerechnet Deutschland wollte sich an seiner Realisierung nicht beteiligen – obwohl es das Land der Täter ist, obwohl vier Deutsche in “Son of Saul” in Haupt- und Nebenrollen zu sehen sind, neben Rechn und Lauer Björn Freiberg und Christian Harting, der als süßlich-sadistischer Oberscharführer Busch christophwaltzsches Format beweist. Die deutsche Filmbranche und, bislang zumindest, auch die deutsche Medienbranche müssen sich die Frage gefallen lassen, wieso ihnen anspruchslos-gefällige (und oftmals nicht einmal mehr das) TV-Unterhaltung immer noch wichtiger ist als ein solches Meisterwerk.

Géza Röhrig: This didn’t start with Hitler

Auf dem Podium im Anschluss an die Vorführung fällt auch der entscheidende Satz des Abends: “This didn’t start with Hitler. It started with the middle ages.” Unverdautes Mittelalter, ein passiv-aggressives Zurückscheuen vor der Moderne grassieren immer noch im kollektiven Bewusstsein des alten Europas, in Deutschland insbesondere, verbunden mit einer gleichsam staatlich geförderten Unklarheit über den eigenen historischen Standort. “Son of Saul” wird, wenn er am 10. März in die deutschen Kinos kommt, für Aufregung sorgen – und, so ist zu hoffen, vielleicht auch für Besinnung.

© Konstantin Sakkas, 2016. Abdruck und Zweitverwertung, auch auszugsweise, nur nach vorheriger Genehmigung des Autors. 

 

“Saul fia / Son of Saul”. Ungarn 2014. Regie: László Nemes. Drehbuch: László Nemes, Clara Royer. Mit: Géza Röhrig, Urs Rechn, Levente Molnár. Produktion: Gábor Rajna, Gábor Sipos. Rechte: Sony Pictures Releasing GmbH, Berlin. Filmstart in Deutschland: 10. März 2016. Grand Prix de Cannes 2015, Golden Globe 2016, Critics Choice Award 2016, Academy Award 2016.

 

Header: Christian Harting und Geza Röhrig in Son of Saul. Szenenfoto. Rechte: Sony Pictures Releasing GmbH.

“Son of Saul” in der Internet Movie Database

Der Kriegseintritt der USA

Der Eintritt der USA entschied den Ersten Weltkrieg. Schon zur Jahrhundertwende waren die Vereinigten Staaten die stärkste Wirtschaftsmacht der Erde. Anders als in Europa, wo der Feudalismus auch lange nach der Französischen Revolution 1789 intakt blieb, herrschten in den USA Liberalismus und Demokratie. Dies sorgte, gemeinsam mit den reichen Ressourcen des Landes, für ein beispielloses Wirtschaftswachstum im 19. Jahrhundert, insbesondere nach dem Bürgerkrieg von 1861 bis 1865. In dem „goldenen Zeitalter“ zwischen 1877 und der Jahrhundertwende, das zusätzlich Millionen von Einwanderern aus dem Alten Europa in die Neue Welt führte, wurden die USA zur größten Wirtschaftsmacht der Welt.
Neben den gesellschaftlichen gab es hierfür auch politische Gründe. Seit der „Monroe-Doktrin“ von 1823 verfolgte die amerikanische Politik das Konzept einer strikten Nichteinmischung. In den europäischen Mächtekonstellationen spielten die USA folglich keine Rolle, an den Kriegen auf dem Kontinent zwischen Wiener Kongress (1814) und Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1914) nahmen sie nicht teil, entsprechende Rüstungsausgaben entfielen. Aufgrund dessen konnte Amerika im 19. Jahrhundert gewaltige Überschüsse erzielen.

Fast zwangsläufig stellte sich so zur Jahrhundertwende die Frage, welche internationale Stellung die USA einnehmen sollten. Theodore Roosevelt, der von 1901 bis 1909 Präsident der USA war, vollzog schließlich die offizielle Abkehr von der Monroe-Doktrin, indem er in seinem „Corollarium“ die Schaffung einer US-amerikanischen Hegemonie in der westlichen Hemisphäre als Ziel der amerikanischen Außenpolitik statuierte. Diese Hegemonie sollte nicht durch Eroberungen, sondern durch wirtschaftliche Dominanz erreicht werden.

Bereits im Russisch-Japanischen Krieg von 1905/6 vermittelte Roosevelt zwischen den verfeindeten Parteien. 1913 wurde mit Woodrow Wilson ein Verfechter der traditionellen Nichtintervention Präsident. 1914 war er zunächst darauf bedacht, die USA aus dem Krieg herauszuhalten. Doch Roosevelts Plan war bei den amerikanischen Eliten nach wie vor aktuell.

Als am 7. Mai 1915 das britische Passagierschiff „Lusitania“ durch das deutsche U-Boot U 20 im Rahmen einer Transatlantikfahrt vor Irland versenkt wurde, befanden sich unter den Toten auch 128 US-Bürger. Die USA protestierten scharf, die deutsche Seekriegsleitung schränkte daraufhin den U-Boot-Krieg ein. Künftig durften Passagierschiffe und Frachter nicht mehr ohne Vorwarnung versenkt werden. Das hieß aber zugleich, dass deutsche U-Boote nun gezwungen waren, vor einem Angriff aufzutauchen und das entsprechende Schiff zu durchsuchen. Dadurch verrieten sie zwangsläufig ihren eigenen Standort und machten sich angreifbar. Die Wiedereröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges auf Druck General Ludendorffs im Jahr 1917 entsprang so einem strategischen Dilemma auf deutscher Seite.

Dem Kriegseintritt der USA voraus ging das Scheitern der Friedensbemühungen im Dezember 1916. Wilson hatte allen am Krieg beteiligten Staaten einen Vermittlungsvorschlag zugesandt. Bereits damit verließ er den Kurs der Nichtintervention und stellte eine Doktrin auf, wonach die USA das Selbstbestimmungsrecht der Völker sowie den Ausbau der Demokratisierung der europäischen Staaten durchzusetzen hätten. Er stellte sich und sein Land damit in die Tradition der US-amerikanischen Gründerväter, die an eine historische, göttlich legitimierte Mission der USA als Verbreiter von Fortschritt und Wohlstand in aller Welt glaubten.

Das bedeutete allerdings einen immanenten Widerspruch zum Selbstbestimmungsrecht. In Wahrheit ebneten die USA sich so den Weg zur informellen Hegemonialmacht in der atlantischen Sphäre. Großbritannien, dessen dominierende Stellung dadurch besonders getroffen wurde, opponierte dagegen so wenig wie Frankreich, da beide Länder nach dem Stocken ihrer Offensiven im Westen dringend auf die amerikanische Hilfe angewiesen waren. Deutschland dagegen, dass, solange es nicht besiegt war, nach wie vor die Zentralmacht Europas war, wurde durch diesen Anspruch Amerikas, eine neue Weltordnung („novus ordo seclorum“) einzuführen, vital bedroht.

Der Kriegseintritt Amerikas im April 1917 setzte die deutsche Führung unter enormen Zugzwang. Ab Herbst 1917 setzten die USA Truppen in Frankreich an Land. Bereits im Juni erschien der amerikanische Oberbefehlshaber, General John J. Pershing, am Grabe Lafayettes, jenes französischen Heerführers, der im 18. Jahrhundert den Unabhängigkeitskampf der Amerikaner gegen England unterstützt hatte. Sein Adjutant, Colonel Stanton, sprach die historischen Worte: „Lafayette, nun sind wir da!“

Dieser Text erschien 2014 in Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (Piper: München). Header: Werbungsplakat für die US-Streitkräfte, 1917/18. Quelle: Deutsches Historisches Museum, Berlin. 

8. August 1918 – Der schwarze Tag des deutschen Heeres 

Am 21. März 1918 begann die letzte deutsche Offensive: die „Große Schlacht um Frankreich“. Nach 1916, dem bisher schwersten Jahr des Krieges, hatte sich das Blatt 1917 durch die russische Revolution, den Sieg über Rumänien und das Scheitern der alliierten Offensiven im Westen für Deutschland gewendet. Allerdings waren im selben Jahr die USA auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten. Man rechnete damit, dass 1918 ihre Truppen in voller Stärke auf dem europäischen Festland angekommen würden. Gegen diese Übermacht würde Deutschland keine Chance haben.
Die Oberste Heeresleitung, die längst die faktische Macht im Deutschen Reich ausübte, sah sich unter Zugzwang. Durch den Frieden von Brest-Litowsk, der am 3. März 1918 zwischen Mittelmächten und bolschewistischem Russland geschlossen wurde, wurde eine Million deutsche Soldaten für die Westfront frei. Mit ihnen wollten Hindenburg und Ludendorff eine schnelle Entscheidung herbeizwingen. Ziel war ein Verständigungsfrieden. Es ging nicht mehr um Annexionen, wie sie einst im Septemberprogramm 1914 vor allem von den nationalistischen Alldeutschen lautstark gefordert worden waren, sondern nur noch um die Sicherung Deutschlands als souveräne Macht in Europa.

Keine Woche war seit der Ratifizierung des Brest-Litowsker Friedens vergangen, da gingen zweihundert deutsche Divisionen mit 3,5 Millionen Mann zum Angriff über. „Operation Michael“ war die erste von insgesamt fünf Offensiven im letzten Kriegsjahr. Drei deutsche Armeen griffen an der Aisne an, um einen Keil zwischen Briten und Franzosen zu treiben. Nach großen Anfangserfolgen geriet die Offensive ins Stocken. Nach der vergeblichen Belagerung von Amiens Anfang April wurde sie abgebrochen.

Unmittelbar im Anschluss ließ Ludendorff seine Truppen in Flandern vorrücken. Hier wollte er die britischen Truppen getrennt von ihren französischen Verbündeten zu stellen und zu schlagen. „Operation Georgette“, in deren Verlauf besonders heftig um den Kemmelberg bei Ypern gerungen wurde, verlief zwar erfolgreicher als „Michael“, wurde aber am 29. April auf Befehl Ludendorffs ebenfalls eingestellt. Er brauchte Soldaten für den entscheidenden Durchbruch, und der sollte, wie schon 1914, auf Paris zielen.

So begann am 27. Mai die Operation „Blücher-Yorck“. 42 deutsche Divisionen gingen an der Marne vor. Dank der flexiblen Stoßtrupptaktik drangen sie in den ersten Tagen tatsächlich 30 Kilometer weit vor, nahm 60.000 Franzosen gefangen und näherte sich Paris bis auf 92 Kilometer. Das „Paris-Geschütz“ feuerte mitten in die Stadt hinein. Parallel dazu griffen deutsche Einheiten an der Matz weiter nördlich an („Operation Gneisenau“), um Paris in einer Zangenbewegung einzunehmen. Doch inzwischen erhielten die Franzosen monatlich mehrere Hunderttausend amerikanische Soldaten Verstärkung, während die Deutschen ihre Verluste nicht ausgleichen konnten. Denn trotz der Friedensschlüsse mit Russland und Rumänien stand immer noch eine halbe Million Mann im Osten, um die eroberten Gebiete zu sichern. Schließlich verrieten deutsche Kriegsgefangene die Pläne ihrer Führung an die Franzosen. So konnte General Mangin den deutschen Vormarsch am 11. Juni bei Compiègne zurückschlagen. Gegen seine 150 Renault-Panzer waren die mangelhaft motorisierten deutschen Infanteristen machtlos.

Ludendorff unternahm einen letzten Anlauf. Seine fünfte Offensive, „Operation Marneschutz-Reims“, begann am 15. Juli. Sie zielte auf Reims, die alte französische Krönungsstadt in der Champagne. Doch auch diesmal machte ihm ein französischer Gegenangriff unter großem Panzeraufgebot einen Strich durch die Rechnung. Zudem war die deutsche Front um 130 Kilometer überdehnt, längst hatte sich das Kräfteverhältnis zugunsten der Westmächte verschoben. Am 6. August wurde die Offensive eingestellt.

Nur zwei Tage später gingen die Alliierten mit voller Wucht zum Gegenangriff über. Ihre „Hunderttageoffensive“ begann bei Amiens, wo sie die deutschen Linien durchbrachen und mehrere Kilometer tief vorstießen. Allein der 8. August 1918 kostete die Deutschen 30.000 Mann Verluste. Er ging als „schwarzer Tag des Deutschen Heeres“ in die Geschichte ein. Woche für Woche rückten die Alliierten nun vor, während es auf deutscher Seite immer häufiger zu Befehlsverweigerungen und Waffenniederlegungen kam. Vorrückende Soldaten wurden von ihren Kameraden als „Streikbrecher“ beschimpft. Die Offiziere waren nicht mehr Herr ihrer Mannschaften. Schließlich lag die Hauptkampflinie wieder auf der „Siegfriedstellung“ zwischen Arras im Artois und Soissons in der Champagne. Am 27. September 1918 wurde sie von drei alliierten Armeen bei Ypern durchbrochen. Nun war der Weg nach Deutschland frei. Die Oberste Heeresleitung, eben noch siegesgewiss, alarmierte die Regierung in Berlin und verlangte einen sofortigen Waffenstillstand. Der Krieg war verloren.

© Konstantin Sakkas, Ralf-Georg Reuth, 2016

Dieser Text erschien in Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München 2014.

Header: Frontverlauf Westfront September/November 1918. Quelle: Wikipedia

The age of the cyborg and us

Reflections on the present state of human history

Yuval Harari, professor at the University of Jerusalem and worldwide renowned author of best selling popular history books as ‘Sapiens. A brief history of mankind’, recently has stated that the ‘age of the cyborg has begun’. What however does this mean to us as men and as historic creatures? And: which age actually has ended, yielding ground to the beginning of the new age of the cyborg?

My answer is that nothing less has ended – or is in the process of ending right now – than what I am calling the ‘age of politics’. For the coming of age of the cyborg does not mean anything less than the beginning of a completely new age in human history at all. The common differentiation into the three big ages – antiquity, middle ages, modern period – with this historical turnaround definitely becomes obsolete. Those three ages all together form just what I am calling the age of politics.

I set the beginning of this political age at the turnaround from prehistory to ‘regular’ history, i.e. the beginning of fixed tribal settlement and agriculture at about 10.000 BC. Some millennia after this turnaround, the neolithic period fades out into the bronze age wich is marked by the rise of the first big empires in all over Eurasia, from China to Sumer and finally Egypt at about 3.000 BC. All historical processes in whose light we stand are basically initiated by this historical landmark about five thousand years ago. That is what I call the ‘age of politics’.

The age of politics after a 5.000 years rule has finally ended

This political age now seems to have come eventually to an end. Globalization fundamentally has transformed the common view and understanding of politics. Once an instrument of antagonism between tribes and nations living on different territories and fighting each other for the possession of the most prosperous and best accessible settling places, politics completely have changed their essentials during the 20th century. The epoch of world wars and nuclear warfare has led to a general stalemate of international political competition in the classical sense.

Due to the global network of men implemented by the digital shift, people in all over the world more and more are regarding themselves as children of just one and only tribe, i.e. of mankind at all. Frontiers more and more do no longer exist but on paper, territorial and economic obstacles which once conditioned human existence lose their importance to daily life and by this to humans self regard and see conscience at all.

The age of politics was the age of negativity

The age of politics was dictated by the principles of necessity and violence. Men regarded themselves as surrounded by numerous – physical and political – obstacles on whose overcoming they put most of their intellectual, physical and emotional force. All myths of the occident in particular were myths of violence and fighting, of suffering and its final overcoming.

The unsafe and unstable condition human existence was submitted to in this age not only determined politics, but even more the emotional access of men towards world and living. Challenges mainly were considered as insuperable obstacles imposed on men by god or higher powers which were to overcome only by miraculous power in return. The intellectual experience of negativity which stands at the beginning of ‘modern’, post-neolithic nation building thus romanticized man’s entire view of the world. The age of politics thus became the age of romanticism, too.

The age of politics was the age of romanticism, too

Romanticism soon infiltrated all spheres of human life and culture. From the Gilgamesh epos to Romeo & Juliet, romanticism dominated human imagination of both politics and love, i.e. the two essential areas of human self-development. Life was considered as an endless struggle against incalculable and imponderable powers, in political as in private life. Thus, the figure of the tragic hero became the role model of this entire age, from Gilgamesh himself to the late period of 19th century manliness with its specific mixture of mightiness and depression.

The industrial shift of the past 200 years which was originated by the rise of sciences during the early modern period the two centuries before transformed this disposition of human mind to the ground. Mankind slowly but continuously left the stage of romanticism and negativism and stepped forward towards the level of its full emancipation. Fear and doubt, two basic sentiments of human mind which had been enormously vivid during the history of ideas from the late middle ages until the pre world war 1 era, successively ceased to exert their domination on human mind. Instead, man started to expand economically and scientifically beyond the bounds until then seemingly fix and insuperable nature had set.

The 20th century thus became the age of space travel and computer technology. Shadowed by the vicissitudes of world war 2, both technologies spread their wings and turned out to be the decisive culture techniques of our time. Man started to leave behind the state of dependency and weakness and lifted up to new, unknown spheres, inside himself as well as outside, regarding his affective household likewise his grip on political relations and economic and scientific opportunities.

The age of the cyborg already starts in the middle of the 20th century

Thus, the triumph march of the cyborg is scripted already in the middle of the 20th century, immediately in the aftermath of the age of world wars. Besides classical politics which continue to play their traditional role, economy gains an until then unknown weight. Nowadays, it’s economy and no longer politics which most determines human self-development and human self-positioning in the world. Globalization and digital change have unleashed an unrestrained sense of personal freedom in each of us. In consequence, there are no more nations, but only one common and consistent mankind split up on different territorial positions – positions which can more and more easily be overcome by the means of modern tourism and job migration.

Our traditional – and particular european – view on history is fundamentally transformed. Sooner or later we will get used to look on history no longer as on a chain starting in the antiquity and leading via the middle ages to the so called modern period. Quite differently, we will start to differentiate between the prehistoric age (which widely is coincident with the stone age, i.e. the age of man as hunter-gatherer), the age of politics with a total duration of ca. 5.000 years staring with the big empires and ending with the cold war and the age of the cyborg whose birth process we are just witnessing.

Our view on history will be redefined

The age of the cyborg politically will no longer be determined by inner-earth relations, but by relations between earth and the extraterrestrial sphere as well as by relations between the global population and the globe itself. The real and most essential meaning of globalization is that whatever is concerned, is – or will be – concerned in the light of the entire globe, of earth and of mankind itself, and no longer in the light of a particular part of this mankind.

The green wave which is rooted politically in the civil right movements of the mid-20th century, ideologically though in the progressive movements of the early 20th century, has given the process of globalization the decisive drive and necessary framework. Economy soon will succeed with the redefinition of work and income, a process which, too, has already been kicked off and is getting the faster the faster working life, production chains and supply channels themselves are transformed by globalization and digital shift.

Bio-logic replacing onto-logic

We therefore are entering an entirely new age, an age where politics will no longer be determined by the pursuit of advantages in the access to survival resources, but where politics will be ‘bio politics’, as Michael Hardt and Antonio Negri have called it in ‘Empire’, however not in the original negative meaning, but in affirmative sound, referring to the bio-logic as the logic of the new age.

This bio-logic will – or rather already has – successively replace the traditional, negativitarian onto-logic which had been dominating the age of politics, i.e. human history for the last five thousand years. The age of existentialist negativity has come to an end. The age of active re-creating nature by man as natures’s most extravagant creature is about to start.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: http://www.bigthink.com

 

 

 

 

Castel del Monte und Sanssouci oder Die beiden Friedriche. Historisches Fragment

Der Staufische und der Zollernsche Friedrich, Federico Secondo und der Große König, das Kind von Apulien und Europas verlorener Sohn: gegensätzlich nicht unbedingt, aber unterschiedlich, zueinander unbezogen scheinen diese beiden allerdings dazustehen, umso mehr, da die Geschichtswissenschaft, die deutsche wie die europäische, beide nie in den Kontext, in die Beziehungs zueinander gerückt, in welche sie gehören, sie dagegen stets separat und als Kinder ihres jeweils eigenen Zeitalters betrachtet. Zwischen der Geschichte des Mittelalters und jener der Neuzeit verläuft in der Geschichtswissenschaft, der deutschen, sehr strengen zumal, ein tiefer Graben, seit die moderne Geisteswissenschaft Abschied nahm von dem universellen und universalhistorischen Anspruch, mit dem sie einst in die Welt trat. Eine vergleichende Betrachtung, eine Parallelbiographik über die Zeitalter hinweg konnte so nie stattfinden, und wo sie es doch tat, zog sie sich den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit zu, der Illegitimität.

Derlei Vorbehalte interessieren hier freilich nicht. Uns geht es um Wahrheit. Hat die Postmoderne unter dem Diktat der Richtigkeit, welche ein Pragma, kein Dogma ist (denn ob ein elektrischer Anschluss richtig steckt, eine elektronische Datenübertragung richtig abläuft, bewahrheitet sich nicht, sondern zeigt sich schlicht), hat nun die Postmoderne unter jenem Diktat das Fragen nach Wahrheit auch verlernt; so ist darum die Wahrheit selbst nicht aus der Welt. Statt der Naturwissenschaft, der königlichen Wissenschaft, sinnlos nachzueifern, an deren Pragmatik der Richtigkeit sie stets wird scheitern müssen, sollte und müsste die Geistes- und ionsbesondere die Geschichtswissenschaft vielmehr wieder den weg der Wahrheit gehen, die Suche nach der Wahrheit annehmen. Das schließlich ist ihre Aufgabe bei der Vorbereitung politischer und religiöser Theorie, welche wiederum das Politische, gestern wie heute, bestimmen und welche durch die Arbeit von Presseagenturen, Think Tanks, Medien und Bloggern in die Welt hinein gegeben werden. –

Beide, der staufische wie der preußische Friedrich, waren Reizfiguren, Spalter, nicht Versöhner, zu ihrer Zeit und über ihren Tod hinaus. Beide waren zudem Heimatlose – eine Kondition, die der eine durch exzessives, wenn auch durch sein Regentenamt motiviertes Reisen zu temperieren suchte, während der andere, wiederum einer Gepflogenheit seiner Zeit folgend, sich für sein Herrscherleben auf das Territorium des ihm zugefallenen Königreichs zurückzog und dies nur, ausgerechnet, zu kriegerischen Zwecken dann und wann verließ. Des preußischen Friedrichs einzige Auslandsreise führte den frischgebackenen achtundzwanzigjährigen König im Sommer 1740, inkognito, versteht sich, nach Lothringen, das älteste und auch rangälteste Stammland des Heiligen Römischen Reichs, dessen Glied seine brandenburgische Markgrafschaft und damit auch er waren, ein Land freilich, das soeben den Regenten gewechselt hatte und nun, wenngleich für eine gewisse Dauer noch formaliter unabhängig, zu Frankreich gehörte.

Friedrich, der Staufer, das sagt schon sein „apulische“ Beiname, war nicht einmal dem Namen nach der Deutsche, als den man ihn politisch-historisch zweifelsohne ansehen darf und muss. Der Sohn eines schwäbischen Fürsten und einer italienisch-normannischen Prinzessin, der Tochter Rogers des Zweiten von Sizilien und somit Großnichte Robert Guiskard, jenes aus Frankreich nach der Halbinsel verschlagenen Desperados, der dem Kaiser Romanos IV. Bari, Byzantions letzten italienischen Stützpunkt, wegnahm, dieser Frau, Konstanzes von Sizilien Sohn also verbrachte die meiste Zeit seiner Herrschaft wiederum, trotz seines Deutschtums, außerhalb der Grenzen des Reiches, vorwiegend in Italien, wo er auch geboren war. Dessen Süden, der Mezzogiorno, Sizilien war damals das Phantasien, das Märchenland des Okzidents, in etwa jenes Land, welches später die beiden Amerikas werden sollte und von dem es im Zauberer von Oz heißt, es müsse irgendwo hinterm Regenbogen liegen.

In diesem phantastischen Landstrich, der siebenhundert Jahre lang, von jenem zweiten Roger bis zum Zug der Tausend Garibaldis im neunzehnten Jahrhundert, ein sonderbares eigenständiges Königreich bildete und der sich doch nie in eine reguläre Staatlichkeit nach nordeuropäischem Vorbild finden konnte, baute sich der Kaiser Friedrich sein eigenes Märchenschloss mit dem stolzen Namen Castel Del Monte, Bergschloss, was stets ein wenig wie Castel del Mondo klingt, wie Burg der Welt. Der Welt, dem Weltganzen Burg, Geborgenheit bieten, es bergen wollte der schwäbisch-fränkische Mischling, dessen Stammburg Hohenstaufen, im malerischen Filstal nahe Göppingen gelegen, noch innerhalb der Grenzen des alten Limes fiel, die zugleich die Grenze zwischen der alten römisch-keltischen und der neuen, slawisch-germanischen Zivilisation auf dem Gebiete Deutschlands markieren. Er, Friedrich, war noch ein Kind des Limes, war ein Schwabe, ein Sohn Roms, und indem es ihn nach Sizilien zog, zog es ihn an die äußerste Spitze des weströmischen Reiches, dessen Nachfolge sein Vorgänger auf dem Thron zu Aachen, der große Karl, Papst und Kaiser einst abgetrotzt hatte (genauer: der griechischen Kaiserin Irene der Athenerin, welcher sophistische westfränkische Hofgeistliche sinnigerweise die Befähigung zum Kaiseramt und zur Nachfolge Augustus’ und Konstantins absprachen).

Die Geschichte Siziliens ist die Geschichte eines geographisch-politischen Zwitters. Es nimmt während der klassischen Periode im Altertum die Stelle als Bindeglied zwischen Ost und West ein (wobei der Osten damals der zivilisierte, der Westen der wilde Teil des Mittelmeerbeckens war), die im Großen Kleinasien einnahm als Bindeglied zwischen dem Orient, dem Land Sumers, Babylons und Ägyptens, und dem minoisch-mykenischen Westen, aus dessen Anfängen nach dem Fall Trojas langsam erst eine Hochkultur herausschälte, wie sie im Osten bereits zweitausend Jahre lang bestanden hatte.

Dieses Sizilien behielt seine Mittlerrolle auch über den Fall Westroms, die gotische Landnahme, die Wiedereinsetzung der griechischen Herrschaft durch Justinian und Herakleios und schließlich die beginnende arabische Invasion hinaus. Früh, noch als Kleinkind, erbte Friedrich die Krone Siziliens, nach dem Tod seines Vaters Heinrich im Jahr 1197. Früh sah er sich zerrissen zwischen der deutschen Pflicht und dem italienischen Frohsinn, zwischen der mühseligen, kleinschrittigen Regentenarbeit im Reich und der leichtfüßigen, genialisch hingeworfenen, aber eben auch bequem vom großen Welttheater abgeschatteten Herrscherberuf auf der Insel.

Friedrich, ein großer Weltsüchtiger, früh Waise, früh isoliert, sofort hingeworfen auf Überlebenskampf, auf die Macht fixiert um des bloßen, physischen Fortbestandes willen, viele Frauen verbrauchend, war nun, wie alle Weltsüchtigen, zugleich ein großer Weltflüchtiger. Sein Oz war Sizilien, seine Insel der Seligen war es, sein Camelot.

Camelot! Überhaupt Camelot! Wenn es ein deutsches Camelot des Mittelalters gab, dann dies, Castel Del Monte, das Märchenschloss, in dem der Falkner und Briefeschreiber, in so vielen Sprachen gewandt wie kaum einer seiner barbarischen Zeitgenossen, seinen Traum vom eu zen, vom gut leben lebte, ihn auslebte und darüber sich mit der Welt, die ihn nicht verstand, nicht verstehen wollte und konnte in ihrer unendlichen, idiotischen Plattheit, zerkrachte. Zweimal exkommunizierten ihn ein alter, bärtiger Mann in Rom, dieser Kloake des Mittelalters, dieser zum Dorf heruntergewirtschafteten ewigen Stadt, die doch nur ein ewiges Ghetto war, zerrissen und zerschossen von den ewigen Sippenfehden seiner Patriziergeschlechter, die Raubritter im Gewande von Stadtbürgern waren! Zweimal warf der affige alte Mann, der sich in die Toga der Quiriten von einst kleidete und einen lustigen Hut mit drei statt, wie beim Kaiser, nur einem Reifen auf dem Haupt trug, den Bannstrahl auf ihn, auf Federico, den Herrn der Welt und stellte ihn auf eine Stufe mit Vogelfreien, mit Wilddieben, Häretikern und kräuterkundigen Huren, auf die Schandpfahl und Scheiterhaufen warteten. Das ihm, dem Kaiser, dem Herrn der Welt, dem stolzen, ja sogar einzigen Träger des Kaisertitels!

Dem einzigen, ja. Friedrich war keine zehn Jahre alt, da stürmten deutsche und französische Ritter das schöne, stolze Konstantinopel, dieses prächtige und zugleich irgendwie doch wunderliche Relikt einer längst vergangenen, untergegangenen Zeit, plünderten es aus und trieben, angestachelt vom venezianischen Dogen Enrico Dandolo, einem hasserfüllten alten Männlein, ihren Mutwillen mit den reichen Gütern und den stolzen Menschen dieser Stadt, der Kapitale der christlichen Welt. Einen Kaiser, der tatsächlich regierte, hatte dieses Kaiserreich der Römer, das erst eine spätere Zeit Byzanz nannte, da schon nicht mehr, und so konnten sich die fränkischen Herren dort installieren und ein eigenes, das lateinische Kaiserreich ausrufen.

Es gehört zu jenen Zufällen der Geschichte, die eben keine Zufälle im herläufigen, idiomatischen Verständnis des Wortes sind, dass Friedrichs des Zweiten Regierungszeit ausgerechnet in jene Epoche, jenes halbe Jahrhundert fällt, in dem der byzantinische Thron vakant war. Von 1205 – da war der kleine König von Sizilien gerade elf Jahre alt – bis 1261 – da war er gerade elf Jahre tot – regierte im einst so stolzen Konstantinopel der Graf von der Champagne und seine Verwandten und deren Nachkommen, während die byzantinischen Geschlechter sich neue, kleine Reiche, freilich mit den alten wohlklingenden Titeln installierten, die Laskariden in Nizäa, die Komnenen in Trapezunt. Ein Ostrom gab es in dieser Zeit, trotzdem der Kaiser in Nizäa als sein Prätendent auftrat, faktisch nicht, und so konnte der Staufer sich in der Tat als Herr von Osten und Westen, als Kaiser des gesamten Römischen Reiches fühlen.

Das hatte es seit Justinian, der das alte Reich durch die schwererrungenen, blutigen Siege über die Goten im sechsten Jahrhundert nochmals, das letzte Mal, geeint, der sogar Nordafrika wieder an dieses Reich herangeführt hatte, nicht mehr gegeben. Der italienische Westen ging dem byzantinischen Kaisertum in den nächsten Jahrhunderten verloren, und Karls des Großen Kaiserkrönung durch Papst Leo am Weihnachtstage des Jahrs 800 vollendete beziehungsweise remanifestierte, was mit dem Fall Westroms an die Thüringer vierhundert, oder auch schon mit der Diokletianischen Reichsteilung fünfhundert Jahre zuvor schon eingetreten. Ohne es direkt beabsichtigt zu haben, ohne darin eingebunden zu sein, ein Kind, das er damals war, hat der König-Kaiser Friedrich geschafft, ja: bereits fertig vorgefunden, wovon die Kaiser vor ihm, die Kaiser der Kreuzzugszeit stets nur geträumt hatten: ein legitimes Gesamtkaisertum über Okzident und Orient, von Lothringen und dem Arelat tief im heutigen Frankreich bis hin nach Anatolien und Jerusalem.

Friedrich war es denn auch, der den Jerusalemer Königstitel, der bei der Familie Montferrat gelegen, über deren Erbin Jolanda von Brienne, seine zweite Frau, ins Titelregister der römisch-deutschen Könige und Kaiser hineinholte. Über ihn, den Staufer, über seine Ehe mit der jungen, hübschen Königin ging dieser höchste Titel der Christenheit über ins Erbe der habsburgischen, dann bourbonischen Könige von Spanien und der habsburgisch-lothringischen Kaiser von Österreich.

Die Herrscherjahre Friedrichs sind wie ein Vakuum zwischen hohem, „klassischem“, und spätem Mittelalter, wie ein Zwischenakt zwischen der alten Ritter- und der jungen Städtezeit, zwischen dem ungeschliffenen, aber mythenumrankten Barbarentum der romanischen und dem immer feineren, aber auch schwermütigeren und neurotischeren Chiliasmus der gotischen Epoche. Der Renaissance des zwölften Jahrhunderts ließ der Staufer seine eigene Renaissance folgen. Die Bücher der antiken Weisheit, der durch die Griechen gesammelte und konservierte Schatz des alten Orients, dieser Gral des europäischen Geistes lag offen und entsiegelt vor ihm, dem Gebieter über Trinakria, die alte Magna Graecia, das Einfallsgebiet der Sarazenen und verlorene Exarchat der Byzantiner, von wo aus er, im unmittelbaren Umfeld jäh und mühelos durchregierend mit harter Hand und brutalem, aber packendem Griff, Schriftverkehr pflegte mit dem Kaiser, dem andern Kaiser, den es ja doch irgendwie gab, in Nizäa, der alten, ehrwürdigen Konzilsstadt, Geburtsstätte der christlichen Riten, und mit dem arabischen Sultan. Mit letzterem, dem Ayyubiden Al-Kamil (die osmanischen Türken traten erst ein halbes Jahrhundert nach Friedrichs Tod die Herrschaft an), schloss Friedrich gar einen Friedensvertrag, zu Jaffa im Jahr 1234, was ihn in den Augen der beharrenden, phantasielosen römischen Kirche vollends zum Antichristen stempelte.

Weltlos wirkt er auf uns, viel weltloser als sein Großvater, der erste Friedrich, der den Enkel auf vorhersehbare Weise im neunzehnten, geschichts- und weltbewussten Jahrhundert aus der kollektiven Erinnerung, aus der staufischen Mythe verdrängte. Der da im Kyffhäuser im Thüringer Sachsenwald, hoch über der Bauernkriegsstadt Frankenhausen thronend sitzt und der Wiederkehr harrt: den zweiten, andern Friedrich meinten sie ursprünglich damit, nicht den ersten, rotbärtigen, den teutschen Biedermann, der, obwohl auch gebannt und Begründer des staufischen Kampfes gegen die Kirche, pflichtschuldig, wenn auch nicht heldenhaft den Kreuzfahrertod starb, als er 1190 im Kalykadnos ertrank, dem kleinasiatischen Strom, in dem badend sich einst schon der große Alexander beinahe den Erkältungstod geholt hätte. Bis dahin, bis zur Moderne, die mit dem ungreifbaren, unnachweisbaren Mittelalter ihre Schwierigkeiten hatte, meinte das Volk nicht diesen, sondern jenen, den Halbitaliener, den Apulier und Normannen, hellhaarig vielleicht auch er, aber ganz anders in seiner Art und seinem Wesen, wenn es vom großen Kaiser sprach, der wiederkehren würde, das Reich aufzurichten, das es nicht mehr gab.

Gegenüber diesem großen Weltlosen, diesem Napoleon des dreizehnten Jahrhunderts, dessen Leben eines Stendhal würdig gewesen, nimmt sich der Chevalier de Brandenbourg, Frédéric le philosophe, langweilig und bieder aus. Das ist freilich nicht dem Menschen Friedrich geschuldet, nicht seinem Charakter, sondern seinem Schicksal. Der Geschichtsgang Europas hatte die Schwelle zu Resignation und zu Schwermut bereits überschritten, als Prinz Friedrich von Preußen an einem Sonntag im Jahr 1712 zur Welt kam. Er hatte im Haus den Wassermann, der Staufer den Steinbock. Noah und Amalthea, der Weltertränker und die Götteramme, hier Luft, dort Erde in der Sonne: widersprüchlich, gegensätzlich sind beide Typen einander, und doch verbindet sie das Nervöse und Unstete, die Unruhe und die Hast: äußerlich diese beim Preußen, innerlich beim Staufer. Dieser ein Getriebener, der sich mit den Grenzen, die sein Zeitalter ihm mannigfaltig zog, nicht abfand und sein gewalttätiges Genie darein investierte und darin verbrauchte, diese Grenzen niederzureißen; jener ein Gehetzter, der sich gern mit der bequemen Rolle des Prinzgemahls und englischen Statthalters im ruhigen, beschaulichen und damals schon sehr aristokratischen Hannover beschieden hätte, dem aber durch das Zeugungsorgan des Vaters und den vorzeitigen Tod zweier älterer Bruder das Schicksal vorschrieb, König zu werden, und zwar König eines kleinen, schwachen und noch aufstrebenden Staates, eines Staates, der ganz am Anfang stand und dessen Mission es war, das römische Kaisertum, das in der Hand des Erzherzogs Karl, seines Namens der sechste Erwählte Römische Kaisers, lag, zu beerben. Dieser Karl übrigens war – eine eigenartige Form, wie translatio imperii sich manifestiert – der Taufpate des Prinzen Friedrich, der mit vollem Namen Friedrich Karl, nicht, wie sein Vater, Friedrich Wilhelm hieß, und sein Tod am 20. Oktober im Jahr des Heils 1740 leitete die Epoche Friedrichs ein und die Epoche der Großen Politik in Deutschland.

Friedrich heißen wollte dabei der eine so wenig wie der andere. Federico und Frédéric, so hießen sie sich selbst und ihrem nahen und fernen Umfeld ein Leben lang, und in ihrer beider Fall war es erst die glorifizierende Nachwelt, genauer: die Nachwelt des neunzehnten Jahrhunderts und des aufkommenden deutschen Nationalgefühls, die aus Federico il falconiere und Frédéric le philosophe, die aus dem Welschen und dem Französling deutsche Helden machten.

Es liegt hier eine Besonderheit des deutschen Geschichtsgangs, der zugleich verweist auf die Besonderheit der deutschen Territorialität, dass nämlich seine Größten der eigenen Nation, um die so viel Aufhebens gemacht wurde in unserer, in der deutschen Geschichte, entweder nicht ganz angehörten, oder sich ihr nicht ganz angehörig fühlten. Karl der Große war vielleicht mehr Deutscher als Franzose, aber vor allem anderen Franke (dies so sehr, dass die regimekonforme Geschichtswissenschaft des Nationalsozialismus, wie etwa Wolfgang Venohr in seinen Memoiren berichtet, ihn explizit als „Karl den Franken“ oder „Karl den Sachsenschlächter“ verschrie). Karl der Fünfte wurde in Gent geboren, hatte eine spanische Mutter und verstand sich zeitlebens als Burgunder, was schon damals keiner validen staatlichen Kategorie mehr entsprach. Schon er sprach, obzwar der Staat der Valois damals noch in der Kinderschuhen steckte und mehr als einmal um ein Haar vom großen Gegner im Süden und Osten geschluckt worden wäre, das französische Idiom besser als Deutsch und übrigens auch Spanisch. Rudolf der Andere, das verrückte Genie auf dem Hradschin, das der eigene Bruder hochverräterisch, aber unbeanstandet durch Hof und Klerus das letzte Jahr seines Lebens auf seiner eigenen Burg, ins einer eigenen Residenz in schmählichem Hausarrest hielt, fühlte als Böhme und sprach lieber Tschechisch und Spanisch als das zopfige, unorganisierte Deutsch seiner Epoche, Grenzgänger er selber zwischen dem großen, weiten und tiefen europäischen Osten und dem atlantischen Flügel des Kontinents, wie Mark Aurel stets im Sattel, die drohenden Türken zu bekämpfen, und wie jener eigentlich ein Geistesmensch, Tagträumer und Melancholiker, dabei ungeheurer sinnlich und von Geistesgaben so mannigfaltig, das das Zeitalter, wie bei Federico, nicht ausreichte, ihm Möglichkeiten zu ihrer Erschöpfung zu gewähren. Albrecht Waldstein schließlich, den Grillparzer im Bruderzwist unhistorisch auf Rudolf treffen lässt, liebte den italienischen Stil, fiel ins Italienische, sobald er, soweit er dies konnte, sein Innerstes auftat, und lebte auf seinem Friedland das Leben eines italienischen Renaissancefürsten mehr als das als eines deutschen Duodezpotentaten. Deutsch fühlte von diesen exemplarischen Deutschen keiner sich.

Auch die Preußenkönige waren erst schwäbische Fremdlinge im fränkischen Nürnberg, dann fränkische Fremdlinge in der Brandenburgischen Mark, mit der Kaiser Sigismund den Burggrafen Friedrich den Sechsten 1417 – da war die Mark wieder einmal als erledigtes Reichslehen an den Kaiser gefallen – belehnte, und später, seit dem Großen Kurfürsten, überwiegte in ihnen die welfisch-oranische Tradition, der sich im neunzehnten Jahrhundert viel wettinisches Blut beimischte. Beide, der Soldatenkönig und sein großer Sohn, hatten welfische Mütter, die in sich das Blut burgundischer, vielleicht sogar italienischer Vorfahren des späten ersten Jahrtausends trugen. Louise Henriette, die große Landesmutter des siebzehnten Jahrhunderts, war Oranierin und brachte mit der protestantischen Wirtschaftsethik auch das Orange des Schwarzen Adlerordens ins Land, das so gar nicht passen will zum martialischen Schwarzweiß des Zollernwappens, noch zum gediegenen Blau der preußischen Infanterie. Vor allem aber waren die Brandenburger und Preußen, wie alle hohen Herren ihrer Zeit, Frankophile oder doch Frankophone. Alle, auch der deutschtümelnde Friedrich Wilhelm I., sprachen sie das Idiom der Ludwige, Racines und Corneilles besser als die eigene Muttersprache. Friedrich Wilhelm IV., der verrückte Romantiker auf dem Thron, war der Erste, der öffentliches und sauberes Reden in der deutschen Sprache hoffähig machte (bis dahin war es höchstens salonfähig gewesen). Er regierte von 1840 bis 1861.

Bei Friedrich, dem Wassermann, ging die Frankophilie über ins Manische. Nichts verband den Jüngling mit dem kärglichen Vaterhaus, dem bescheidenen Dominium, das der liebe Gott seiner Familie zu Herrschaft anvertraut. Nahm der Staufer, in Jesi beim italienischen Ancona geboren und als italienischer Prinz erzogen, es bestenfalls als sportliche Herausforderung, auch in seine deutschen Länder Ordnung zu bringen (was ihm freilich nicht gelingen konnte), so war es beim Hohenzollern brennende Sehnsucht, auszubrechen aus der quetschenden Enge der lächerlich „Schloss“ geheißenen väterlichen Jagdhütten zu Caputh und Wusterhausen und englischer Prinz zu werden. Vierzehn Jahre, zwei Jahrsiebte lang zog sich der erbitterte Streit hin zwischen der welfischen, probritischen Mutter und dem brandenburgischen, Österreich und damit dem Reich zuneigenden Vater, der die Lösung der Frage am Ende mit Gewalt durchsetzte: Friedrich, sein Bruder August Wilhelm und die jüngere Schwester Charlotte Philippine heirateten Kinder des Fürsten von Bevern, Nichten und Neffen der Kaiserin-Gemahlin Elisabeth Christine. Friedrichs, des Kronprinzen, Schicksal und Zukunft als deutscher Fürst war besiegelt.

Man sieht hier bereits den entscheidenden Unterschied aufleuchten zwischen dem einen und dem andern Friedrich, zwischen Federico und Frédéric, dem Falkner und dem Hundeliebhaber, Schriftsteller sie beide, wenngleich aus gegensätzlicher Haltung heraus: den Kaiser Friedrich zwang die Unreife seiner Zeit, unter den Möglichkeiten zu bleiben, die ihm das Zeitalter der entstehenden Nationalstaaten zweifelsohne geboten haben würde. Den König Friedrich dagegen zwang genau dieses Zeitalter, in das er nämlich hineingeboren wurde, eine Rolle zu spielen und einen Platz einzunehmen, die er sich nicht wünschte und denen er sich, wie seine brieflichen und literarischen Zeugnisse mannigfach belegen, nicht gewachsen fühlte. Friedrich, dem Schiller nachsagte, von seinem Throne sei die deutsche Dichtung „schutzlos, ungeehrt“ gegangen, wäre wohl sicher ein Maecenas und Musenfürst geworden, hätte die eigene Stellung dies zugelassen. Goethes Herzog Karl August, dessen politischer Rang sich einzig ausdrückte in dem militärischen, den er nämlich beim preußischen Heer besaß (er machte als Generalleutnant den Ersten Koalitionskrieg im Gefolge Friedrich Wilhelms II. mit), konnte sich gar nichts anderes leisten als einen Musenhof, an dem das Geld gerade einmal zur mehr oder weniger auskömmlichen Bestallung klassischer und romantischer Kapazitäten reichte, aber zu mehr auch nicht. Friedrich, hineingepresst und geprügelt in die Rolle des Rektors der nordostdeutschen Streusandbüchse, musste König sein, musste ein Konzept entwickeln und dieses auch durchsetzen. Ohne es bei seinem Intellekt natürlich jemals zu sein, ging dieser König doch hinein in seine politische Biographie als ein Naivling, der für seine Naivität einen hohen Preis zahlen sollte. Dass er mit dem Einmarsch in Schlesien das Rendezvous des Ruhms gesucht habe, dessen Beiprodukt es wurde „de donner une figure à la Prusse“, seinem abgewrackten Preußen eine Gestalt, eine Rolle zu geben: diese Behauptung war, bei allem Kalkül, gewiss, weniger Mascerade, als man glauben mag.

Ein Naivling nun war der andere, staufische Friedrich nun gerade nicht. Aber, wir deuteten es schon an, seine Zeit war in gewisser Weise zu naiv, zu sehr jenseitsbezogen in dem starren, hämmernden Bewusstsein ihrer Kurzlebigkeit, ihrer Verfallenheit an Armut, Krankheit und Tod, als dass sie die Bögen und Sprünge hätte ermessen können, die der jugendliche Kaiser-König mit der Zeit und der Welt vorhatte. Friedrichs Dominium war die alte griechische Kolonie Sizilien, wo noch heute in manchen Gegenden ein griechischer Dialekt gesprochen wird, und ein Grieche, das heißt ein Orientale – denn dies ist einunddaselbe – war er im Herzen. Begierig nach der Wissenschaft und den Frauen, sog er das Wissen des Altertums, ob durch arabische Vermittlung oder in seiner reinen, griechischen Form in sich auf. Sein auratischer Lebensraum war die Levante, das östliche Mittelmeer, das alte oströmische Reich, dem er ein zweiter Justinian hätte sein können, der, gleich dem ersten, in Melfi und Capua seine Konstitutionen erließ, der Recht und Gesetz schuf, wo vorher Chaos und Willkür um sich griffen, und der im freien Walten des lebendigen Geistes in den Naturreichen den höchsten edelsten Beleg der Größe und des Genies Gottes des Allmächtigen erblickte.

Nicht nur die byzantinische Sedisvakanz, auch die Tatsache, dass Friedrich noch die arabische Herrschaft im Orient erlebte, die ihm keine ernsthafte Bedrohung war, begünstigte sein Wirken. Im Grunde zielte darauf der Bann der Päpste, erst Gregors des Neunten, der den Inquisitionsprozess einführte, dann Innozenz’ des Vierten, mit dem sich das Drama des Investiturstreits, mit dem letzten Salier einst gütlich beigelegt, wiederholte: was Friedrich der Zweite im Auge hatte, war nichts weniger als die Wiederherstellung eines kohärenten westöstlichen Reiches, von Deutschland über Reichsitalien und Sizilien reichend über Griechenland und Anatolien hinweg bis hin nach Syrien und Palästina, hinüber zu den Kreuzfahrerstaaten. Der Traum Alexanders und Cäsars und später Napoleons war auch Federicos Traum: das alte okzidentalisch-orientalische Reich wieder einigen, Europa zu ihren Wurzeln an der levantinischen Küste zurückführen, die Feuersbrunst, die von Troia, das nun Byzantion hieß, immer noch lodernd aufstieg seit zweieinhalbtausend Jahren, endlich löschen und Frieden einkehren lassen in die Länder rings um das große Becken zwischen Gibraltar, wo die Mauren einst den ersten Schritt auf europäischem Boden getan, bis hinüber nach Ägypten, von wo Prinz Moses einst nach dem gelobten Land Kanaan aufgebrochen.

Die Wiedervereinigung des lateinischen Westens mit dem griechischen Osten, dessen wiederum östlicher Teil unter der schon wankenden Herrschaft der Araber stand (wieder einmal tat sich ein Zeitfenster auf, Schluss zu machen ein für allemal mit der Bedrohung des Orients und Europas altes Vaterland heimzuholen ins Europäische Reich): das war Federicos großer Traum. Kaum begriffen vom überspannten und kurzatmigen deutschen Stefan-George-Nationalismus, der, zwischen Römerverehrung und Germanenstolz schwankend, nicht das feinste politische Gespür besaß, stand dieser Mann in Zeitströmen, die weit zurückreichten hinter den Bann, den das bieder-spießige Sacerdotium Romanum vor dem Geschichtsbewusstsein seiner Gläubigen errichtet hatte. Dieser Friedrich wusste, dass der Westen sich stets aus dem Orient heraus erneuert hat, so wie der Makedone Alexander nach Hyrkanien und Persien fuhr, um sich mit Roxane und Stateira zu paaren; so wie Caesar nach Ägypten ging, Kleopatra unterwarf und mit ihr die größte, berauschendste Wonne erlebte, die ein König und eine Königin wohl je miteinander erlebten. Und noch die späten Römer der Gotenzeit riefen in ihrer Not – Felix Dahn und der deutsche Professorenroman wollten es freilich anders haben – den Kaiser in Konstantinopel, der Nova Roma, zu Hilfe, der ihnen Belisarius und Narses schickte, die sie endlich von der Pest aus dem Norden befreiten. Friedrich von Sizilien wollte das alte Eurasien, wollte Asien und Europa einen. Den Titel Römischer Kaiser nahm er ernster, radikaler als alle seine Vorgänger und Nachfolger, den schwermütig-genialischen Karl den Fünften und seinen vollends indolenten, aber genialen Großneffen Rudolf vielleicht ausgenommen.

Derlei Pläne trug Frédéric le Pfilosophe, wie der Sechzehnjährige in hübscher orthographischer Unbeholfenheit gegenüber der drei Jahre älteren Schwester notifizierte, nicht mit sich herum. Es war nicht mehr die Zeit der gekrönten Theokraten – der erste staufische Friedrich hatte gar noch Karl den Großen durch den von ihm eingesetzten Gegenpapst heilig sprechen lassen –, sondern die der Philosophenkönige. Ein Männerbund war im dreizehnten Jahrhundert nur möglich als Brieffreundschaft wie die zwischen dem Kaiser und seinen arabischen Freunden, im Zeitalter des Barock aber sammelte man sich in Fruchtbringenden Gesellschaften, bald sogar in Freimaurerlogen, die bewusst an die große Zeit des Mittelalters, eben die Epoche Federicos, anknüpften und die neben Fürstlichkeiten, auf welche die Gesellschaften der Renaissance und des siebzehnten Jahrhunderts noch beinahe ausschließlich ausgerichtet gewesen, auch gewöhnliche Adlige, ja sogar schlichte Bürgersleute wie Monsieur Arouet immer häufiger in ihre Kreise rezipierten.

Mit der Demokratisierung des Denkens und des gegenseitigen Austausches wurde aber zugleich das, worauf dieser Austausch sich bezog: wurden die Leiber demokratisiert: die der Menschen und die der Staaten. Es ist vielleicht ein notwendiges Erzübel der Geschichte, dass die Höhepunkte der Geistigkeit nicht eben zusammenfallen mit passenden territoriellen Bedingungen. Die Griechen der attischen Demokratie, die wir uns als ein Volk von Hochbegabten vorstellen mögen, wären vielleicht dazu berufen gewesen, mit ihrem Geist den Erdkreis zu beherrschen; allein dieser Erdkreis, jedenfalls Griechenland, mit dem es ja hätte beginnen müssen, war in seiner Struktur nicht ausgelegt auf kohärente Herrschaft. Die intellektuellen Zirkel des frühen und mittleren achtzehnten Jahrhunderts, die die Sattelzeit in Deutschland, das Empire in Frankreich, die Regency in England vorbereiteten, diese drei fruchtbarsten Kulturepochen der neueren europäischen Geschichte: sie hatten alle geistigen und moralischen Mittel und Eignungen an der Hand, aus dieser Welt eine bessere zu machen, Prinz Friedrich mit seinem heißblütigen, emphatischen Antimachiavel war der beste Proband hierfür; jedoch, diese Welt hatte sich lange schon, seit den Erschütterungen zwischen der großen Pest im vierzehnten Jahrhundert und den Türkenkriegen zweihundert Jahre darauf, darauf eingestellt, sich selbst verbessern zu müssen, von einzelnen großen Individuen oder ihrer Peergroup nichts erwarten zu können und nichts erwarten zu dürfen. Die Länder und Völker, genauer: ihre Seelen – denn auch das Unbeseelte hat seine eigene Animalität, wie der tote Putz, der dennoch von den Wänden bröckelt –, sie hatten längst ihre eigene Dynamik entwickelt. Den großen Herrschern, die sie, die Völker, im Mittelalter gehabt haben mögen – Federico war der größte unter ihnen, für die abgeklärte Postpostmoderne ohnehin nicht mehr fassbar –, war die Zeit damals nicht reif; nun, fünfhundert Jahre später, waren die Herrscher, war das Herrschertum der Zeit nicht mehr reif. Es hatte sie überlebt.

Friedrich von Brandenburg, dem es mit seinem Antimachiavel ja genau darum gegangen war: zu zeigen, dass er die Welt mitgestalten konnte und wollte, und weniger darum, moralische Grundsätze auszudiskutieren, spürte dies, die Überreife von seinesgleichen, als Erster und mit der ganzen tragischen Härte, die den Schicksalen Zuspätgekommener eignet. Sein politisches Leben war denn auch wenig anderes als der späte Nachvollzug eines altertümlich-mittelalterlichen, heroischen und sich aufstemmenden Heerkönigtums, das in seiner Zeit längst überholt war und das er in einer Mischung aus Narzissmus und Melancholie ein letztes Mal verewigte in den Büsten der Adoptivkaiser, fein säuberlich herumgruppiert um sein Landschlösschen Sanssouci, ein eingeschossiges, architektonisch eigentlich unmögliches (die Frontfassade ist eher eine Farce), dabei höchst charmantes bauliches Zeugnis aus der Spätzeit des heroischen Zeitalters. Unter dem Druck und Eindruck einer fatalen Erziehung zur Selbstverleugnung und Selbstüberwindung stürzte er sich in das schlesische Abenteuer, von dem er nicht ahnen mochte, dass es Herzstück zweier ganz anderer Abenteuer werden sollte, die das Schicksal Europas und der Welt verändern sollten: des Österreichischen Erbfolgekrieges zwischen Frankreich und Österreich und des Siebenjährigen Krieges zwischen England und Russland.

Es ist ein zwischen heroischem männlichem Aufbäumen und trotziger pueriler Verweigerung changierendes Schicksal, das sie beide, Frédéric und Federico, miteinander verbindet und wiederum voneinander scheidet. Die Verweigerung des Staufers war Resistenz gegen Kritik, die des Zollern Resistenz gegen das Politische selbst. Und wo dieser sich aufbäumte gegen das, was er als Leid empfand („Quando avrà fine il mio tormento?“) und was die patriotische Schule der Fontane, Molo und Venohr folgsam als Passion erzählten, da bäumte jener sich auf gegen Prinzipien, die er als unsinnig, falsch oder unangemessen betrachtete. Friedrich von Hohenzollern hätte überhaupt darauf verzichtet, irgendein Prinzip zu haben, hätte man ihn dafür von der Bürde des Königtums, diesem überholten Tand, erlöst. Es war schon damals die Zeit der Kriege und Epopöen nicht mehr, und nur die Ohnmacht der Völker duldete fürstliches und dann diktatoriales Heroentum noch für eine Weile, bis 1945 auch damit Schluss war. Ein hoher Bundeswehrgeneral illustrierte einen Vortrag, den er 2003 in der Berliner Preußischen Gesellschaft zur Lage im Kosovo hielt, mit dem in Jugoslawien aufgenommenen Screenshot eines Graffitos, das die Liedzeile zeigte: We don’t need another hero. Eine bittere Pointe an einem selbsternannten Hort des Heroischen.

Bei alldem verwundert es umso mehr, dass der Preuße, nicht der Staufer der Wirksamere von beiden war. Friedrichs des Andern, des Erwählten Römischen Kaisers Reichsidee scheiterte, kaum dass er ihre Verwirklichung unternommen hatte. Sein eigenes, deutsches Reich erlitt unter seiner Regierung den entscheidenden Knick in seiner Verfassungsgeschichte, festgeschrieben in den beiden Staatsgrundgesetzen, der Konföderation mit den geistlichen Fürsten, erlassen in Stellvertretung des Kaisers durch seinen Sohn Heinrich, 1231, und dem Statutum in favorem principum ein Jahr darauf. „Übergang des Reiches vom Stammes- zum Territorialverband“, ist die lexikalische Standardformel hierfür. Tatsächlich markierten sie den Beginn des deutschen Sonderweges und den partikularistisch, heute sagte man: liberal motivierten Verzicht darauf, die große, glänzende weltpolitische und weltgeschichtliche Rolle zu spielen, die dem Land zwischen Rhein und Oder zugedacht gewesen und die sein italienischer Kaiser mehr als jeder andere vor und nach ihm vor Augen und im Sinn hatte.

Das Reich zerfiel zum Partikularstaat, das ostwestliche Imperium, das europäisch-asiatische Großreich wurde nicht verwirklicht; stattdessen traten westmongolische Reiterhorden anstelle der derweil gräcisierten, verfeinerten levantinisch-ägyptischen Araber, mit denen der Kaiser sich so gut verstand. Das Papsttum distancierte sich weiter vom Kaisertum und manövrierte sich selbst damit in the long run ins Schisma (Friedrichs Epoche war auch die Epoche der aufkommenden großen spätmittelalterlichen Häresien, der Katharer und Waldenser und der ritterschaftlichen Geheimbünde, der Deutschordensherren, der Johanniter und der Templer, und sie alle waren nach Osten gerichtet: die Templer in Jerusalem, die Johanniter auf Rhodos, die Deutschen in Kurland und Semgallen). Sizilien fiel achtzehn Jahre nach Friedrichs Tod an die Franzosen, kam allerdings später über den aragonesisch-habsburgischen Umweg an Kaiser und Reich zurück, bis es ihm das nunmehr bourbonische Spanien 1735 endgültig entriss.

In einem allerdings war Friedrich politisch auf weite Sicht ungeheuer wirksam: als er 1226 die goldene Bulle von Rimini erließ, worin er den Deutschen Orden einsetzte in die Herrschaft über das Land der heidnischen Prußen, das Land, das nachmals „Preußen“ heißen, nach Tannenberg in einen polnischen und einen deutschordensherrlichen Teil zerfallen, welch 1618 an Kurbrandenburg kam, bis das Ganze 1772 wiedervereint an die nunmehrige preußische Krone fiel, die ihre Münzen nun nicht mehr auf den rex Borussorum, sondern den rex Borussiae prägen ließ. Die Geburtsstunde Preußens fand im friderizianischen Rimini statt, und es war, wie sich zeigen sollte, die Geburtsstunde des modernen Deutschland. Dass dieses alte heidnische, dann durch ärarische Zisterziensermönche und abgehärtete ritterliche Geheimbündler preußische Land an der Weichselmündung heute nicht etwa zu Polen, sondern, garantiert durch die Verträge von 1945 und 1990, zu Russland gehört, ist dabei keine Ironie, sondern ein Fingerzeig der Geschichte: so wie Federico Secondo auf Byzanz als nicht mehr leuchtendes, aber strahlendes Vorbild, so blickt das heutige Deutschland auf und nach Russland.

Eine kleine genealogische Anekdote illustriert die doppelte, byzantinisch-preußische Dimension dieses geistig-politischen Erbganges: es war der Neffe des Kaisers aus seiner Ehe mit der schönen Jolante von Brienne, Philippe von Courtenay, über dessen Tochter Katharina der Titel des Lateinischen Kaisers von Konstantinopel, dem semisalischen Recht folgend, sich durcherbte über die Häuser Valois, Burgund und Kleve bis zu jener schicksalhaften Ehe zwischen Maria von Jülich und Berg mit dem armen, von Gott und der Welt verlassenen Herzog Albrecht Friedrich von Preußen, dem sie vier Töchter schenkte, darunter Anna, die Gemahlin des Kurfürsten von Brandenburg Johann Sigismund wurde und so den einst so glorreichen, märchenhaften Titel des Kaisers von Byzanz, den höchsten Rang, den die fränkischen Kreuzfahrer seit den Tagen Gottfried von Bouillons errungen haben, in die Familie der Kurfürsten von Brandenburg, Könige in Preußen und schließlich Deutschen Kaiser brachte. Als sein Vater am 31. Mai, schon in Agonie, aber geistig klar bis zuletzt, auf dem Sterbebett, zitternd und schweißnass, die eigene Abdankung unterschrieb und mit brechender Stimme seinem Sohn Friedrich, dem einst so sehr gehassten und nun so sehr geliebten, die unsterblichen Worte entgegenhauchte: „Jetzt bin ich nicht mehr König!“ – da erbte dieser junge, schöne, vielgedemütigte und doch vielgeliebte Mann, hochsensibel und im Herzen voll Hochmut, mit dem preußischen Königsamt auch das längst erloschene des – Kaisers von Konstantinopel lateinischen Glaubens.

Es war ein friderizianischer Moment im doppelten Sinne. Der alte und der junge Friedrich, Federico und Frédéric, der stolze, gesund-arrogante Italiener, der eigentlich ein Normanne war, abgehärtet und doch zivilisiert durch die Mutter und den Geist der Zeit, und der weiche, schwäbische Französling, Zartheit im Herzen und gestählt erst durch die Faustschläge des Vaters, durch die Brutalität seiner häuslichen und dann politischen Erziehung, von dem Manöver in Dresden, als der Alte ihn vor Hoheiten und Exzellenzen blutig schlug wie einen Stalljungen, bis zur Nacht auf den Altarstufen von Elsnig: hier fanden sie in einem mystischen Akt der Translation zusammen, zueinander. Dass das byzantinische Regiment während seiner Herrschaft bei westlichen Geschlechtern lag – erst Lothringern, dann Kapetingern –, war mehr als nur eine passende Pointe auf Friedrichs von Hohenstaufen Römisches Kaisertum: er war der Kaiser des Ostens und des Westens, er verkörperte mit seinem Weltenschloss, dem er ungeniert einen eigentlich völlig übertriebenen, hier aber gerade einmal angemessenen Namen gab, verkörperte mit seinen Falken, diesen Symbolvögeln der Freiheit, des todverachtenden Individualismus, deren Dressur niemals ohne ihr schweigendes Einverständnis geschieht: er verkörperte die union sacrée, den heiligen Bund zwischen Levante und Westen , zwischen Griechen- und Lateinertum, zwischen dem Land der aufgehenden Sonne, in dem das Griechische auch nach Mohammed stets präsent war, und dem der untergehenden. Er, Federico Secondo, antizipierte in seinem Sein, dem politischen und dem privaten, die große, reißende, die ausgetrockneten Äcker benetzende Sturm- und Glückswelle der Renaissance, die zweihundert Jahre nach seinem Tod mit Macht auf Westeuropa zubranden sollte:

 

Vertrieben von Barbarenheeren,

Entrisset ihr den letzten Opferbrand

Des Orients entheiligten Altären

Und brachtet ihn dem Abendland.

Da stieg der schöne Flüchtling aus dem Osten,

Der junge Tag, im Westen neu empor,

Und auf Hesperiens Gefilden sprossten

Verjüngte Blüten Ioniens hervor.

 

Fridericus, der preußische Schlachtenlenker, der in Wahrheit ein mäßiger Taktiker, aber ein großer Konnetabel war und ein, paradox an diesem Schöngeist, noch größerer Soldatenvater („Alter Fritz auch gerade! Und die Stiefeln in die Höhe gezogen!“), wollte von der deutschen Literatur, zu deren Blüte er bei Rossbach, dem Hippokrene Deutschlands, den Samen aussäte, nichts wissen, und unverewigt bliebt er durch Schillers, des größten Dichters deutscher Zunge, Feder. Dabei war er selber Denker und Dichter, mehr als jeder schreibende deutsche Fürst es seit der Renaissance war, ein echter Poet und ein echter Intellektueller auf dem Thron, der mit ungespielter Wehmut dachte an seinen verfehlten Beruf:

 

Als ich geboren ward, ward ich der Kunst geboren,

die heiligen neun Schwestern reichten mir die Brust.

 

Auf und an ihn, den Künstler, hätten Schillers Verse gerichtet sein können, auch wenn er der Nachwelt nichts so Ikonisches hinterlassen hat wie Federico ihr sein Buch über die Falkenjagd. Aber das Schicksal wollte, das der Schriftsteller Friedrich vergessen ward, während die Welt, seit Stefan George und seinem Kreis spätestens, den Künstler Federico feiert:

 

Vor allen aber strahlte von der Staufischen  

Ahnmutter aus dem süden her zu gast

Gerufen an dem arm des schönen Enzio

Der Grösste Friedrich · wahren volkes sehnen ·

Zum Karlen- und Ottonen-plan im blick

Des Morgenlandes ungeheuren traum ·  

Weisheit der Kabbala und Römerwürde

Feste von Agrigent und Selinunt.

 

Stefan Georges Siebenter Ring, so sehr er sich müht, in der eidetischen Annäherung an seinen Kaiser aufzugehen, verrät doch ganz die kraftlose Dekadenz des Jugendstils, die unglaubliche Geschichtsblindheit, die damals schon in Deutschland Mode war und die zu unsinnigen politischen Konzepten wie dem Bündnis mit der Türkei 1914 führte oder dem vorsätzlich herbeigeführten Bruch mit Russland. „Volkes Sehnen“ ist ein Mann wie Federico nie, so wenig wie ein Mann wie Frédéric de Brandenbourg. Schöngeister und Gewaltmenschen, wie sie beide waren, eigenen sich vielleicht für den Thron, aber nicht für die Tribüne, schon gar nicht für die völkische. Volkstümlich jedenfalls war keiner von ihnen im eigentlichen Sinne. Die Nachwelt bestrickten sie beide mehr als ihre blasse Gegenwart, die sie als Quälgeister und Antichristen wahrnahm, besessen vom Bataillieren, von edlen Hunden und Greifvögeln und vom Bau stolzer, kostspieliger Kastelle, auf denen sie dann im vertrauten Kreis über Gott und die Welt philosophierten, sich mühsam entspannend bei rassigen italienischen Frauen der eine, bei adligen preußischen Zöglingen der andere:

 

Potsdam, o Du verfluchtes Loch!

Führst Du doch heut in die Hölle noch,

Und nähmst ihn mit, mitsamt seinen Hunden,

Da wär der auch gleich mit abgefunden.

Schont nicht Fremde, nicht Landeskinder,

Immer derselbe Menschenschinder,

Immer dieselbe, verfluchte Ravage,

Potsdam, o Du große Blamage!

 

Sicher liegt hierin das tiefere Dilemma in der Rezeption beider Männer, der populären wie der wissenschaftlichen, die insbesondere in Deutschland nach dem Muster vorgeht, das Otto von Bismarck in das lustige Bild eines Menschen fasste, der, indem er einen engen Waldweg entlanggehe, eine lange Stange der Breite nach im Mund trage. Während der Staufer so weit von uns entfernt ist, dass seine Figur für allerlei Romantizismus herangezogen wurde, so ist uns der Hohenzoller zu nah, als dass man nicht der Verführung erläge, sein Wirken und seine Persönlichkeit einzuordnen in die Kontexte von Aufklärung, Revolution und Reformen. Hier wie dort führen derlei Einordnungen nicht weiter: Beide Männer folgten einer Reichsidee, beide scheiterten an ihr. Federico wollte Camelot ins Politische übersetzen, und hatte sich als Standort dieses Camelot die alte Magna Graecia, Kornkammer des Mittelmeeres, Gefechtsstand und Beobachtungsposten ausgesucht, Trinakria, die insulare Dreifaltigkeit, auf der Griechentum, Italität und Orientalität einander die Hand reichten (dass das Griechische etwa in Georges Federico-Rezeption keine Rolle von Gewicht spielt, zeigt, wie sehr dem deutschen lyrischen Nationalismus zur Kraft die Kultur, zur stählernen Faust der Feinschliff fehlte, um in der Welt zu wirken). Frédéric dagegen wollte das Politische nach Camelot zurückführen, wollte die Büchse der Pandora der großen Politik aufgehoben wissen in seiner Gralsburg Ohnesorge auf dem Weinberg zu Potsdam, wo das Brackwasser des Titanenkampfes, der doch nur ein blutiges und schmutziges Ränkespiel ist, zurückverwandelt würde in funkelnden Wein. Doch wie dem Staufer am Ende nur mehr sein Kastell blieb, nur die Liebhaberei statt der tatsächlichen Macht: so blieb dem Preußen am Schluss statt der geliebten Liebhaberei nur die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, blieb ihm nur noch der schäbige blaue Rock, in den der Vater ihn einst gesteckt, der Sterbekittel, der durch ihn schließlich zum Symbol wurde, fortlebend noch im immer etwas bläulich schimmernden Feldgrau vom Kaiserlichen Heer des Weltkriegs bis zu den Armeen der beiden deutschen Staaten.

Königsberg und Konstantinopel: zwischen diesen beiden Polen spielt sich die Geschichte dieser beiden Männer ab. Wäre Federico als Angehöriger der Komnenen oder Laskariden geboren worden, er hätte, von der anderen Seite des Meeres kommend, vielleicht das Riesenwerk der Einigung Eurasiens vollbracht, an dem der deutsche Kaiser als geistlicher Untertan des Bischofs von Rom scheiterte, scheitern musste. Und Frédéric? Wäre als Herzog von Preußen, bis zum Großen Kurfürsten noch Lehnsmann des Königs von Polen und so verwurzelt im alten Reich und im „neuen“, östlichen Europa gleichermaßen, vielleicht glücklicher geworden, hätte das Leben eines Tempelherrn, Vorstehers eines musisch-ritterlichen Männergeheimbundes geführt, das ihm so sehr stand, ihm, dem Freimaurer und Geheimgesellschafter zu Rheinsberg, das er romantisch-antikisierend nur „Remusberg“ nannte, da hier der erschlagene Bruder des Romulus, der offenbar doch nicht erschlagen, weitab vom Mittelmeer der Legende nach ein eigenes Reich, gleichsam ein askanisches Hyperboreia begründet habe. Der Prinz von Remusberg zu Königsberg (was für ein passender Name für ein friderizianisches Camelot!), Senior des Ordens der geistigen und weltlichen Erneuerung, und der Kaiser des Ostens und des Westens, in Personalunion Patriarch der einen unierten Kirche, Gebieter über das ganze Mittelmeer von Spanien und dem Arelat bis nach Syrien und Ägypten und Erneuerer aller Reiche, von denen die europäische Menschheit je geträumt: was wäre dies für ein Gespann, was wären dies für anders große, erfüllte und märchenhafte Leben geworden!

Das Schicksal wollte es anders. So wenig Federico das europäische Reich retten konnte, das in der wackeligen Kohabitation von Aachen und Byzanz vierhundert Jahre lang bestanden hatte, so wenig vermochte der Chevalier von Brandenburg die Idee des Königtums zu retten. Drei Jahre, nachdem er auf Sanssouci den letzten Hauch tat, stürmte das Volk in Paris, das immer die Stadt seiner Träume gewesen, die Bastille, rutschte ausgerechnet Frankreich, das bewunderte Vorbild, die Krone der Staatskunst, dessen größten Sohn Arouet er, Flüchtling und Spion dieser zugleich, drei Jahre lang auf Ohnesorge beherbergt hatte, ins Chaos, in den Dreck, und sein Retter, der Griechenjüngling aus Korsika, Hauptmann Bonaparte, führte es nur aus diesem Chaos, um nach vollzogener Transition in die neue Zeit selbst wieder schmählich abzutreten vom Parkett der Weltbühne, ausgeschlossen, ausgestoßen auf das schwüle Eiland vor Afrika. Geliebt wurden sie beide, der Korse und der Preuße, aber die Liebe rettete sie nicht vor dem politischen Tod.

Das brauchte sie freilich auch nicht, denn die Liebe ist ewig, nicht nur die Liebe im Privaten, sondern auch die Liebe in der Politik. Was sehnte der kleine Prinz Frédéric sich nach Liebe, der hochbegabte, hochsensible, blutig geschlagene, gedemütigte und verfemte Princillon, als Jüngling schon vom grausamen Vater aus irgendeiner grausamen Laune heraus vom Obristen zum Fähndrich degradiert, als Erwachsener vom Reichstag zu Regensburg in die schändliche Acht getan, zur Fahndung ausgerufen wie ein Wilddieb und Brunnenvergifter, notifiziert offiziell als reichsrebellischer Markgraf, nicht als der König, der er war! Wie reich, wie überschäumend wurde sie ihm zuteil, diese Liebe, nach der er sich immer brennend verzehrt hat, er, der Weiche, Zarte, dessen Weg zum Manne ein so dornenreicher war; der diesen Weg, Taminos Ganz durchs Feuer, so krüpppelhaft und so glorreich beschritt und zuende schritt:

 

Fridericus, mein König, den der Lorbeerkranz ziert,

Ach, hättest Du nur öfters zu plündern permittiert…

Fridericus Rex, mein König und Held,

Wir schlügen den Teufel für Dich aus der Welt.

 

Größere Liebe erfuhr keiner in der neueren Geschichte der Könige und großen Männer, ausgenommen nur Kennedy, der letzte Märchenprinz auf dem Stuhl einer großen europäischen Macht (denn Kennedys Amerika war noch ein europäisches Amerika). Was hätten seine Grenadiers und Musketiers, stinkend, schwitzend, hungernd und elendiglich verreckend in Schnee und Eis, in Schlamm und Matsch ihm, dem großen Benützer, dem rasenden Egoisten und Egozentriker nicht alles vorwerfen können! Den Hunger und den Durst, die Hitze und den Frost, der ihre Hände und Füße verstümmelte, die verpesteten Pfützen, aus denen sie ihren Durst stillten, und das verschimmelte graue Brot, das sorgfältig mit den Ratten sie sich teilten, die Bajonettstiche in den Bauch, die Lungenschüsse und zerfetzten Gedärme, die zerrissenen Hoden und abgehackten Gliedmaßen, das Blut, das sie spieen, den verdorbenen Stuhl, den sie ausschieden unter höllischen Krämpfen, die zehntausend Kilometer, die sie hin- und hermarschierten in schlechten, zerrissenen Stiefeln, ohne Mantel im Winter, die nackten Hände auf dem blanken, vor Kälte klirrenden Gewehrlauf, in den sieben endlosen Jahren des Entscheidungskampfes um Schlesien, ihre Witwen endlich, die sich zergrämten, alleingelassen in der Blüte des Lebens und ausgeliefert einer harten, brutalen Welt, die Waisen, greinend und hilflos ohne den liebenden Vater, all das vergossene Blut, die bitteren Tränen, die Wut, die Verzweiflung, die Angst und den ekligen, hässlichen Tod, den sie für ihn starben!

Aber nein: das einzige, was sie ihm, dem geliebten, schnöseligen Prinzen mit seiner Flöte, seinen unsinnig teuren Tabatièren und französischen Gilets, seinen angeberischen, hochgezüchteten Windhunden und seiner verschnörkelten, klassizistischen Sprache vorwarfen, war dies eine: dass er, der korrekte General, sie nicht genügend hat plündern lassen. Es ist die schönste, rührendste und tiefste Pointe der jüngeren Weltgeschichte: es ist das Lächeln der masochistischen Geliebten, ausgepeitscht bis zur Folterung durch den arroganten, selbstsüchtigen Liebhaber, der sie dominiert und den sie nur „den Prinzen“, „den Schönen“ nennt, dieses schönste, herrlichste Lächeln überhaupt, das es gibt in dieser Menschenwelt, das Lächeln der absoluten Hingabe: der absoluten Selbstaufgabe, das stolz und bekennend sich lagert über das Weinen vor Schmerz, ihr Weinen, deren Rücken schon blutig ist und deren Geschlecht schmerzt von der Heftigkeit des Verkehrs: I let you set the pace, ’cause I’m not thinkin’ straight. Geduldig lässt sie das Werk über sich ergehen, nimmt seine Schläge und harten Stöße freudig auf, und als er fertig ist und er sie fragt, ob es ihr auch wehgetan habe, lächelt sie ihn strahlend an und sagt: „ja“. Und auch jetzt noch, jetzt erst recht schlüge sie und schlügen sie den Teufel für ihn aus der Welt. Denn sie liebt ihn, der sie achtlos behandelt als Besitz, und sie, die Soldaten, lieben ihn, den Vielgeliebten, der ihr Herr ist und verfügt über ihre Leiber und ihre Seelen, ce beau prince sans merci. Es ist das Todeslächeln, das seine Grenadiere in der Agonie ihrem Fridericus, ihrem roi charmant schenkten, dem Märchenprinzen von Charlottenburg, dem Kavalier von Brandenburg:

 

I once had sons, but now have none,

I bred them toiling sairly,

And I would bear them all again

And loose them all for Chairlie –

 

So sang die schottische Mutter, die unter Blut und Schmerzen ihre Söhne gebar, die einen nach dem andern sterben sah und die alle noch einmal austragen, noch einmal gebären und noch einmal hergeben würde, wie die Heilige Jungfrau, die Venus von Nazareth, ihren eingeborenen Sohn hingab, damit er, Prince Charlie, lebe! Und so gäben sie alle ihre Leben noch einmal und wieder und wieder, damit er, König Friedrich, der Jüngling-Vater, lebe:

 

Da lächeln all vier, und der eine spricht:

‚Nee, Freund Budiker, so geht es nicht!

Du kannst mal zuhören, wenn wir fluchen,

Aber du darfst es nicht selber versuchen.

Wir dürfen frech sein und schimpfen und schwören,

Weil wir selber dazu gehören

Wir dürfen reden vom Menschenschinder,

Dafür sind wir ja seine Kinder.

Potsdam, o Du verfluchtes Loch –

Aber er ist unser König doch,

Unser großer König! Gott soll mich verderben,

Wollt’ ich nicht gleich für den Fritzen sterben!

 

Dem Stauferkaiser blieben solch heiße Liebesschwüre versagt. Nicht freilich, weil er ihrer nicht würdig gewesen, sondern weil er ihrer nicht bedurfte, oder: nicht zu bedürfen schien, vor allem aber, natürlich, weil es nicht die Zeit war für die große Aufbietung von Gefühlen. Gefühle, überhaupt! Wenn es die überhaupt gab im Mittelalter, dann richteten sie sich aufs Jenseits, auf Gott und die andere Welt, l’altra vita, in dem der Sohn Gottes Gerichtstag halten würde zu richten die Lebenden und die Toten. Ein expliziter Diesseitsbezug in Denken und Fühlen tauchte erst auf, als man merket, wie gefährlich und gefährdet dieses Diesseits war: als die große Pest, die zuletzt zu Zeiten Justinians und des Herakleios gewütet und in deren giftiger Winde Schatten die Araber die Festung Europa, deren Grenze damals noch in Syrien verlief, berannten und stürmten, als die Pest nun nach sechs Jahrhunderten mit Gewalt wiederkehrte, inmitten des nervösen vierzehnten Jahrhunderts. Da besannen sie sich auf einmal auf sich selbst, so sichtbar und eindeutig konfrontiert mit der Unerbittlichkeit Gottes, die in einigen das Gefühl entstehen ließ, dieser Gott sei vielleicht deshalb so unerbittlich, weil die Bitten der Erdenkinder gar nicht zu ihm drängen, weil es diesen Gott womöglich gar nicht gebe? Da bestieg Petrarca, der erste Verliebte der neuen Zeit, den Mons ventosus, eine unerhörte, so gar nicht christlich-bescheidene Eigenmächtigkeit, und Boccaccio schrieb seinen Decamerone, die erste moderne Beschreibung einer Sexparty, hastig und mit erstaunlicher, ganz ungewohnter Entschlossenheit ausgerichtet von Menschen, die fühlten, dass „über ihnen der Tod schon die knochigen Hände kreuzte“ und dass er vielleicht besser sei, das Leben, das, immerhin, einem im Wege des schicksalhaften Zufallens geschenkt worden, einfach zu leben, so lange es noch sei. Eine neue Ordnung der Zeiten führte sich ein.

Unter den Gestalten des Mittelalters wirkt er statuarisch wie Napoleon und Caesar, nicht quecksilbrig wie Fridericus und Alexander. Nervös waren beide Friedriche, der Schwabe wie der Brandenburger, doch bei diesem kam zum Nerv die Emotion, bei jenem dagegen der Trieb. Erblickte Friedrich Hohenzollern im Tier den Spiegel der eignen geschundenen Seele – ein Erblicken, das ihn zu seinem Windspiel Arsinoe bald vor seinem sagen ließ: „Sie sagen, Du habest keine Seele, mein Liebling, aber siehe! Du hast eine, gewiss.“ –, so sah Federico im Falken kein Objekt der Trauer über die Härte und Gemeinheit der Welt, sondern vielmehr die ultimative Bestätigung der Herrlichkeit des Daseins durch die Naturreiche, der Kraft, zu welcher der Mensch fähig, durch das Tier, dem Logos und Ethos nicht im Wege.

Aus beiden Friedrichen strahlt Herrlichkeit und eine ungeheure Männlichkeit. Um dieser Männlichkeit willen wurden beide von falschen Elternfiguren erbittert und mit aller körperlichen und seelischen Brutalität und Grausamkeit bekämpft: der eine durch das Papsttum, das seine Schergen und Bannprediger losließ auf den stolzen Löwen Federico; der andere durch den Proletenvater und dann durch die Betschwester in ihrer Hofburg, diesem klösterlichen Gemäuer, und ihre Gefährtinnen in Paris und Sankt Petersburg. Es waren ins Politische versetzte Eltern-Sohn-Konflikte, diese beiden Schicksale, es war abgrundtiefer, bodenloser Hass auf Individuation, auf Individualität, den beide sich zuzogen, der beiden die Biographie, die politische und auch die private, ruinierte und verhunzte. War nicht der stolze sizilianische Prinz, der Sohn der Konstanze und Gatte der schönen Jolanda, eingezogen in die Grabeskapelle zu Jerusalem, das Haupt in Demut gesenkt, so demütig, wie nur ein Stolzer es sein kann? Hatte nicht der Preußenprinz die schlesischen Stände, die Schönaichs und Hatzfeldts, die Hochbergs und Gersdorffs, die Geistlichkeit und das Patriziat, nachdem das alte, stolze Breslau kampflos genommen ward, den Untertaneneid auf den eigenen Degen statt auf das in Berlin in der Rumpelkammer vergessene Reichsschwert leisten lassen? Waren sie nicht Dichter und Krieger, Literaten und Feldherrn in einem gewesen, Beispiele der höchsten, schönsten Blüte, die Männlichkeit auf dem Thron erreichen kann? Und hatte die Umwelt, die Epoche, in der sie lebten, zu leben verdammt waren, nicht alles daran gesetzt, diese Blüte welk zu machen, nicht alles daran gesetzt, das zarte Pflänzchen zu vernichten, das da emporwuchs, unaufhaltsam, treibend noch in der größten Dürre, noch in der übelsten Vernachlässigung? Wunder an Kraft, Wunder an Schöpferkraft und an Überlebenswillen sind diese beiden, Federico Secondo und Frédéric II. Söhne eines Zeitabschnitts sogar, wenn man, wie die französische Geschichtswissenschaft, das Mittelalter nicht mit der Reformation, sondern erst mit der Revolution enden lässt, Kinder der Renaissance auch, desselben Äons, der eine ihr Gebärer, der andere ihr Vollender.

Freilich, der preußische Friedrich lebte in kleineren Dimensionen, und kleiner waren auch die Dimensionen, kleinteiliger die Verhältnisse, in denen er dachte und wirkte. Längst hatte das Papsttum seine Rolle als hemmender, lähmender und einschläfernder Dominator des westlichen Europa eingebüßt, längst überflügelt durch die Gewalt des Sturmwelle Luthers, welche Britannien weitertrug, hinaus auf die Weltmeere, ein neues Reich, eine neue Welt, und zwar eine innere und äußere, zu schaffen. Links von Rom lag nun Amerika, das Ziehkind Englands, und rechts von ihm Russland, seit der Ehe der Prinzessin Zoe Palaiologina mit dem Zaren Iwan III., zwanzig Jahre nach dem Fall Konstantinopels, der Statthalter Europas an der mohammedanischen Front. Nicht die Welt an sich, die Große Politik waren kleiner geworden, im Gegenteil: in den Vereinigten Staaten, die ihren ersten völkerrechtlichen Vertrag mit Friedrichs Preußen im Jahr 1785 schlossen, kündigte sich eine Kultur des selbstverständlichen think big an, die auch den großen europäischen Mächten, von Spanien einmal abgesehen, das indessen seit der bourbonischen Machtübernahme in die Bedeutungslosigkeit versunken war, nicht geläufig war, geschweige denn dem armen Mittelstaat Preußen. Aber die Rolle Deutschlands und damit Europas, die Rolle der römischen Welt schrumpfte von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Das Deutschland der Reformation, also Preußen, dessen König seit dem Großen Kurfürsten und dem Edikt von Potsdam als supremum caput reformatae religonis galt (auf merkwürdige Weise verband dies Preußen geistig-politisch zugleich mit Großbritannien und Russland, denn es rückte es jedenfalls aus dem alten, präreformatorischen Kontext der europäischen Machtpolitik mit zwei katholischen Souveränen als Antagonisten): dieses Deutschland stieg in der preußischen Persona auf zu Macht, Geltung und Bedeutsamkeit, als links und rechts von ihm, geschieden durch einen Ozean und ein Faltengebirge, durch den Atlantik und den Ural, zwei neue, ganz andere, unglaublich leibliche, physisch potente Mächte emporstiegen, vor denen selbst das mächtige Frankreich nichts mehr galt.

Friedrich, der Schöngeist und Freidenker, stand so vor einer doppelten Herausforderung: sich selbst eine politische Figur und seinem Staat eine weltpolitische Figur geben zu sollen. In gewisser Weise verband ihn dies wieder mit Friedrich Hohenstaufen: so wie der zwischen deutscher und orientalischer Frage stand und zwischen ihnen zerrissen wurde: so stand Friedrich zwischen Ost und West und traf bis zuletzt keine Entscheidung für einen von beiden. Die Franzosen liebte er, ohne sie, die sich bei Rossbach aus dem Krieg verabschiedet hatten, achten zu können; auf die Russen blickte er herab, ohne sie, die ihm die Krone, das Reich und das Leben gerettet, doch zugleich geringschätzen zu können. An ihrer Seite machte der schon vergreisende König in den Siebzigerjahren überhaupt erst den ersten Schritt in die richtige, großdimensionierte Machtpolitik: die Annexion Preußens königlichen Anteils, die Einverleibung des im Thorner Frieden dreihundert Jahre zu vor einst an das mächtige Polen-Litauen verlorengegangenen kompletten Stammlandes seiner Preußen, die Heimholung des Deutschordenslandes durch den Freimaurer. Zur selben Zeit geschah dies, als die Kaiserin Jekaterina die Krim und Novorossija eroberte, das alte Stammland der Kiewer Großfürsten, aus denen das moskowitische Zarentum hervorging.

Friedrich Hohenstaufen hatte die zerstrittenen deutschen Fürsten im Rücken, deren Länder er, obwohl sämtlich formaliter Reichslehen, nicht in der Weise akkumulieren konnte, wie es im Westfrankenreich bereits vor Karl dem Großen geschehen. Hier wie da fehlten Deutschland vierhundert Jahre Rückstand, dem Staufer gegenüber Frankreich, dem Preußen gegenüber Europa. In einem Europa des frühen dreizehnten Jahrhunderts hätte ein Friedrich der Große Deutschland konsolidieren und damit die Voraussetzung für eine staufische Weltpolitik fünf Jahrhunderte später schaffen können. Federico Secondo, hätte er im achtzehnten Jahrhundert gelebt, wäre ein Napoleon avant la lettre geworden, unbelastet vom Odium der Revolution, das es vermochte, sogar die Erzfeinde Russland und England, den Sultan noch an ihrer Seite, gegen ihn aufzubringen, hätte, Italiener wie der Korse, doch ungleich mehr credibility besessen als legitimer Erbkönig und als Deutscher, aus der Mitte Europas kommend und nicht seiner keltisch-fränkischen Peripherie, deren siècle d’or zu Zeiten des Empire lange vorbei war.

Ein wesentlicher Unterschied liegt zwischen dem Staufer und dem Preußen, und er liegt in ihrem Verhältnis zur Väterlichkeit. Der Staufer als Originalgenie, das den Vater nie verlor und ewig am übermenschlichen Großvater gemessen wurde, den es nie kennen lernte, wurde aufgezogen in dem Bewusstsein, sein eigener Vater zu sein. Als Kind schon erhielt er die sizilianische Krone, keine zwanzig war er, als er im Kampf um die römisch-deutsche Krone obsiegte, und dem Sechsundzwanzigjährigen setzte der Papst in Rom die Kaiserkrone auf. Ohne Willen, ohne allergrößte Kraftanstrengung ist dieser Lebenslauf nicht vorstellbar. Früh wurde Federico in die Rolle hineinerzogen, der Welt, die ihm zu Füßen lag, Vater zu sein, früh musste er indes feststellen, dass diese Rolle ihm mit Gewalt und monströser Zähigkeit bestritten wurde durch den, der sich qua Amt zum Vater, zum Hirten der Völker bestellt sah.

Ganz anders dagegen Frédéric le Philosophe. Sein Leben war diktiert nicht von physischer Vaterlosigkeit, aber von dem melancholischen Schmerz dessen, der sich früh bewusst ist, den „falschen“ Vater zu haben, und der viel Lebenskraft darein investiert, sich an dieser Fehldisposition, die strenggenommen keine, jedenfalls keine irdische, ist, abzuarbeiten. Man hat gute Gründe, Friedrichs des Großen Heldenreise zu erzählen als eine Suche nach dem verlorenen Vater. In Wahrheit aber war es, das weiß die Psychologie, viel eher die Suche nach der Mutter, und zwar nach der guten, bejahenden Mutter. Das Böse als Vater, als Mann: das war nur äußere Hülle, war nur die Gestalt, die das Inkarnat des Archetypus der böse,n verschlingenden Mutter, der Kali annahm, welcher der Prinz Aphrodite als ersehntes und verfehltes Ideal entgegensetzte. Und so sehnte Friedrich der Einzige, der Jüngere, im Grunde sich nach Friedrich dem Apulier, dem Älteren, den er anrief in seinen grellen Alpträumen, die ihn heimsuchten seit der terrorisierten Kindheit, seitdem der Vater ihn morgens mit der Vorhangskordel zu erdrosseln drohte, und noch in jenen bitterkalten oder süßlichschwülen Nächten, in denen „auf einer Trommel der Held saß“, wie es die biedermeierliche Legende wissen wollte, seiner Schlacht denkend, während ihm in Wahrheit doch einfach nur kalt ums Herz war, um das Herz, das, des liebenden, mütterlichen, umgebenden Schoßes beraubt, auf den Vater, den Retter in der Not, den deus ex machina den Blick voll Angst und Sehnsucht wandte:

 

„Aber selbst mit den Adlern als Bundesgenossen waren sie noch an Zahl unterlegen. Und in dieser letzten Stunde erschien Beorn. Keiner wusste, wie und woher er kam. Er kam allein und in Bärengestalt. Ja, er schien in seiner Wut zu einem riesigen Untier geworden zu sein. Sein Gebrüll klang wie Paukendröhnen und Kanonendonner. Er fegte Wölfe und Orks wie Strohhalme und Federn aus dem Weg. Dann fiel er über die Nachhut her und brach wie ein Donnerschlag durch den Ring, den die Orks um die Zwerge geschlossen hatten. Auf einer niedrigen Hügelkuppe hatten sich die Zwerge um ihre Fürsten geschart. Beorn hielt inne und hob Thorin auf, der von Speeren getroffen war, und er trug ihn aus dem Tumult. Rasch kehrte Beorn zurück. Sein Zorn hatte sich verdoppelt, nichts widerstand ihm, keine Waffe schien gegen ihn etwas zu nützen. Erjagte die Leibwache auseinander, fasste Bolg und zermalmte ihn. Da überfiel Entsetzen die Orks und sie flohen nach allen Richtungen.“ 

100 Jahre Schlacht um Verdun

Am 21. Februar 1916 begann die Schlacht um Verdun. Sie wurde zum Inbegriff des Ersten Weltkriegs, von Stellungskrieg und Materialschlacht, von ungeheuren Verlustziffern und sinnlosem Massensterben. „Blutpumpe“, „Knochenmühle“ – diese Begriffe wurden zu Synonymen für die bis dahin längste und blutigste Schlacht in Europa. Insgesamt 317.000 Soldaten starben, bis die Schlacht am 19. Dezember ohne wesentliches Ergebnis abgebrochen wurde. Dazu kamen fast 400.000 Verwundete, Kranke und Vermisste.Die OHL unter General v. Falkenhayn plante nach den vergeblichen Versuchen in Flandern und Nordostfrankreich, die französische Frontlinie im Süden in Lothringen anzugreifen, dort durchzubrechen und die Front dann „aufzurollen“. Die Festung Verdun, seit dem Mittelalter ein ewiger Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich, hatte eine besondere strategische Bedeutung. Unter Ludwig XIV. hatten die Franzosen ihre Ostgrenze mit einem breiten „Festungsgürtel“ versehen. Diese Festungen wurden nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 ausgebaut. Im Kriegsfall spielten sie eine zentrale Rolle.

Falkenhayns Plan, der im Dezember 1915 unter dem Codenamen „Chi 45“/Operation „Gericht“ von Kaiser Wilhelm II. abgesegnet wurde, sah vor, die Festungsanlagen rund um Verdun unter Ausnutzung des Überraschungseffekts einzunehmen. Dabei sollten die Soldaten auf dem Ostufer der Maas vorrücken, nicht jedoch auf dem Westufer, was von Historikern als schwerer Anfangsfehler angesehen wird.

Am 21. Februar 1916 begann der Angriff. Der französische Oberbefehlshaber Joffre war vorgewarnt worden und hatte um Verdun, das in der Kalkulation des französischen Hauptquartiers eher eine ungeordnete Rolle spielte, Truppen zusammengezogen. In den ersten fünf Tagen machten die Deutschen unter Kronprinz Wilhelm, der dem Projekt Verdun skeptisch gegenüberstand, große Fortschritte. Am 26. Februar kam der Vormarsch ins Stocken. In den nächsten Monaten entbrannten heftige Kämpfe von bis dahin nicht gekannter Brutalität und Verbissenheit. Besonders schwer gerungen wurde um die Forts Douaumont und Vaux, die mehrmals den Besitzer wechselten.

Gesamtstrategisch gab es für die Deutschen während der Kämpfe um Verdun, die sich bis zum 20. Dezember 1916 hinzogen, zwei gewichtige Einschnitte. Im Mai eröffnete der österreichisch-ungarische Generalstabschef Feldmarschall Conrad eine wenig sinnvolle Offensive gegen die Italiener. Die Russen nutzten dies aus und starten im Juni die Brussilow-Offensive im Osten. Infolgedessen musste Falkenhayn vier Divisionen von Verdun abziehen, um den Österreichern zu Hilfe zu kommen.

Am 1. Juli eröffneten die Briten unter Feldmarschall Haig an der Somme nördlich von Verdun eine große Offensive, um die Franzosen zu entlasten. Auch diese neue Offensive zog deutsche Kräfte von Verdun ab. Währenddessen fanden die Kämpfe um die Forts Douaumont und Vaux kein Ende. Der Oberbefehlshaber der 5. Armee, Kronprinz Wilhelm, der von Anfang an gegen die Verdun-Offensive gewesen war, drängte immer mehr auf einen Abbruch der Schlacht.

Inzwischen war am 28. August unter dem Eindruck der russischen Erfolge gegen Österreich Rumänien auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten. Endlich erkannte man im Großen Hauptquartier, dass Falkenhayns strategische Mittel erschöpft waren, und berief ihn ab. An seine Stelle trat Generalfeldmarschall Paul v. Hindenburg, der Sieger von Tannenberg. Ihm zur Seite stand sein Stabschef General Ludendoff als „Erster Generalquartiermeisters“. Als erste Amtshandlung stellten sie die Offensive ein.

Im Oktober begann die französische Gegenoffensive. Erst fiel Fort Douaumont, dann Vaux. Das französische Oberkommando hatte inzwischen den umsichtigen Pétain, den „Helden von Verdun“, durch General Robert Nivelle ersetzt. Nivelle setzte voll auf Offensive, ohne Rücksicht auf die ihm anvertrauten Soldaten. Am 20. Dezember endeten die Kämpfe. Die Deutschen gingen mit einem geringen Geländegewinn aus der Schlacht, viel wesentlicher war aber der Rückzug (Codename „Alberich“) auf die „Siegfriedstellung“, den Ludendorff im Anschluss an Verdun vollzog.

Verdun wurde zum Inbegriff der Grausamkeit des modernen, industrialisierten Krieges. In Frankreich wurde die Schlacht zum nationalen Mythos, in Deutschland zum Symbol sinnlosen Blutvergießens. Die Soldaten der Wehrmacht im II. Weltkrieg fürchteten nichts mehr, als in ein „zweites Verdun“ zu geraten.

Einen Platz in der gesamteuropäischen Erinnerungskultur erhielt Verdun 1984, als Helmut Kohl und François Mitterand einander über den Soldatengräbern von Verdun die Hand reichten. Verdun, das einen Höhepunkt in der jahrhundertealten „Erbfeindschaft“ zwischen beiden Ländern markiert hatte, wurde so umgewandelt zum Symbol der Versöhnung und der europäischen Einigung.
Obiger Text findet sich gedruckt in: Ralf-Georg Reuth (mit Konstantin Sakkas): Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München 2014. © Konstantin Sakkas



Header: Staatspräsident Mitterand und Bundeskanzler Kohl reichen einander vor dem Beinhaus von Douaumont die Hand. Verdun, 22. September 1984. Rechte: Corbis Images 

Zeitenwende 1913. Das Geburtsjahr der Moderne

1913 schließt sich das Tor zur Vergangenheit Alt-Europas und öffnet sich zugleich die Tür zu einer neuen Zeit – es ist das Jahr, in dem sich zwei Epochen in finaler Verdichtung berühren. Blicken wir darauf zurück, sehen wir ein Bild, das unserer heutigen Welt erstaunlich ähnelt
Noch nie in der Geschichte hat sich die Welt in so kurzer Zeit so radikal verändert wie in den 100 Jahren zwischen 1913 und 2013. 1913 war das letzte Jahr des Ancien Régime: Die europäischen Großmächte waren, mit Ausnahme Frankreichs, monarchisch verfasst. Lediglich in England hatte das Parlament weitergehende Kompetenzen, aber selbst dort war das Königshaus einflussreich, wie sich in der Julikrise am Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 zeigte.

Die Gesellschaft war, zumindest oberflächlich, vor allem noch ständisch gegliedert, noch immer bestimmte weitgehend die Geburt, ob man zu den privilegierten Kreisen aus Adel und Bürgertum zählte oder nicht. Unterbürgerlich – das waren 85 Prozent der Gesellschaft; die Eliten, insbesondere in Deutschland, rekrutierten sich aus einem Reservoir adliger und großbürgerlicher Familien, das sich zwar stetig, aber nur langsam erweiterte.

Die große Weltpolitik wurde von den fünf Großmächten England, Deutschland, Frankreich, Russland und Österreich-Ungarn bestimmt; die USA waren zwar damals schon, vor dem Deutschen Reich und Großbritannien, die Wirtschaftsmacht Nummer eins, pflegten aber ihre splendid isolation, die sie erst 1917, mit dem Eintritt in den Weltkrieg aufseiten der Entente, aufgeben sollten – dann aber, um im Handumdrehen die erste und lange Zeit einzige Supermacht der Welt zu werden.

Asien spielte damals als Subjekt von Politik keine Rolle. Indien, heute eine kommende Weltmacht, war britische Kolonie, 1911 hatte sich Georg V in einer bombastischen und sündhaft teuren Zeremonie zum Kaiser von Indien gekrönt. Japan machte seit dem 19. Jahrhundert ehrgeizige Versuche, in der Weltpolitik eine Rolle zu spielen, arbeitete sich aber vorerst an Russland ab, dem größten Staat der Erde, der, unterstützt durch die panslawistische Ideologie in Osteuropa, ein eurasisches Großreich ansteuerte, dessen innenpolitische Probleme aber dem Land keine Ruhe ließen und 1917 schließlich zur kommunistischen Revolution führten. Das kaiserliche China erwachte erst mit der Revolution 1911 aus seinem jahrhundertelangen Dornröschenschlaf, und es sollte weitere 50 Jahre brauchen, bis es auf der Bühne der Weltpolitik als vollwertiger Player auftreten konnte; dennoch sprach man vorausahnend schon damals von der „gelben Gefahr“.

In den europäischen Hauptstädten ahnte man, dass es mit der politischen Dominanz der Alten Welt bald vorbei sein würde. Nach außen freilich schien die alte Ordnung, die sich im 19. Jahrhundert vom Wiener Kongress 1815 über die bürgerlichen Revolutionen 1848 bis zur deutschen Reichseinigung 1871 eingepegelt hatte, fest und unerschütterlich. „Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen“, hatte Deutschlands Kaiser Wilhelm II bei seinem Regierungsantritt 1888 verkündet, meinte damit aber eigentlich die „guten alten Zeiten“, von denen ganz Europa insgeheim hoffte, dass sie ewig dauern würden. Seit 1871 hatte zwischen den europäischen Mächten kein Krieg mehr stattgefunden; stattdessen Wirtschaftswachstum, langsame Öffnung der gesellschaftlichen Schranken, steigender Wohlstand auch für die klein- und unterbürgerlichen Schichten. Europa erlebte 1913 seine halkyonischen Tage.

Andererseits ist 1913 ein vorweggenommenes 2013. Die Wirtschaft war damals international so sehr verflochten, wie es erst nach dem Ende des Kalten Krieges in den neunziger Jahren wieder der Fall sein sollte. Die weltweite familiäre und institutionelle Verflechtung vieler Industriellendynastien stammt aus eben jener Zeit; darin taten sie es den Monarchen gleich, deren Häuser untereinander heirateten und die durch dieses Konnubium die internationale Stabilität zu sichern schienen. Die ehemals stand- und rechtlosen Massen emanzipierten sich, die Arbeiterbewegung, 1913 genau ein halbes Jahrhundert alt, hatte, anstatt blind gegen den Staat zu rebellieren, die Unterschicht behutsam an eben diesen Staat herangeführt, und der Erfolg der Sozialdemokratie bei der Reichstagswahl 1912 bewies eindrucksvoll, dass die Arbeiter zum Staat gehörten und Mitsprache bei der Leitung dieses Staates verlangten. Bismarcks Sozialgesetzgebung, in den 1880er Jahren als Reaktion auf die erstarkende Sozialdemokratie begonnen, ebnete den Weg in den modernen Sozialstaat. Zum 1. Januar 1900 war das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft getreten; es gilt noch heute.

Vielleicht am deutlichsten werden die Gemeinsamkeiten von 1913 und 2013 am Beispiel der technischen Entwicklung. 1913 ist die Zeitscheide, der Dreh- und Angelpunkt in den 200 Jahren zwischen 1813, dem Jahr der Befreiungskriege, und 2013, dem Jahr der Eurokrise. 1813 schlief Europa noch den Schlaf der Gerechten; man heizte mit Holz, leuchtete mit Kerzen, reiste in der Postkutsche auf meistens schlecht oder gar nicht gepflasterten Straßen. Das Impfwesen stand ganz an seinem Anfang, Kindersterblichkeit und Unterernährung waren gang und gäbe.

1913 dagegen war Europa von einem dichten Netz aus Eisenbahnlinien durchzogen, das Reisen mit dem Dampfzug war längst kein Privileg der Wohlhabenden mehr, in der Holzklasse saßen Arbeiter und einfache Soldaten auf dem Weg in ihre Garnison. 1813, nach der Völkerschlacht bei Leipzig, waren die siegreichen Monarchen zu Pferde in die eroberte Stadt eingeritten; 1913 ließ sich Kaiser Wilhelm II, ein Techniknarr wie alle großen Herren seiner Zeit, in der Mercedeslimousine chauffieren, auf dem Grill freilich nicht der Stern, sondern das Hohenzollernwappen.

Die Medizin hatte ungeheure Fortschritte gemacht, schon Rudolf Virchow hatte die erste erfolgreiche Herz-OP durchgeführt, Impfungen und eine immer professionellere Anästhesie verlängerten Jahr für Jahr die durchschnittliche Lebenserwartung. Der Tod im Wochenbett wurde seltener, es gab keine Epidemien mehr, und die Arbeiter verdienten zwar in der Regel immer noch schlecht, hatten aber wenigstens genug zu essen und konnten sich anständig kleiden. 1813 hatte man noch die Nachttöpfe in den Gassen ausgekippt, 1913 gab es großflächig funktionierende Kanalisationen und in immer mehr Wohnungen fließendes Wasser. Hungerperioden, die wie 1816, im „Jahr ohne Sommer“, noch ganz Europa heimgesucht hatten, gehörten nun der grauen Vorzeit an. Der europäische Mensch, der 1789 mit seiner Lebenswelt noch tief im Mittelalter gesteckt hatte, war 1913 in der Moderne angekommen.

Längst fuhr man in den Städten nicht mehr mit der Pferdedroschke, sondern mit der „Elektrischen“; überhaupt war Elektrizität die Technologie der Zukunft. Gaslaternen und Petroleumlampen verschwanden, bald erhellte elektrisches Licht die Straßen, Plätze und öffentlichen Gebäude. „Glühwürmchen, Glühwürmchen flimm’re“ – der Schlager von Paul Lincke tönte aus dem Grammofon in Tanzlokalen und Betrieben. Fotografie und Film waren die Medien der Zeit, und die Monarchen, allen voran der deutsche Kaiser, waren die ersten Medienstars.

Überhaupt, die Medien: Wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch fleißig zensiert, so waren Zeitungen und Zeitschriften am Vorabend des Ersten Weltkriegs in der Unabhängigkeit angekommen. Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte wurden Meinungen „gemacht“, Verleger waren nicht nur schwerreich und gehörten selbstverständlich zum Establishment, sondern konnten mit ihren Erzeugnissen Regierungen stürzen oder wenigstens – wie Maximilian Harden, der mit seiner „Zukunft“ 1906 die Eulenburg-Affäre auslöste und damit Kaiser Wilhelm II an den Rand der Abdankung brachte – in arge Bedrängnis versetzen. Das Analphabetentum war im Zuge der Industrialisierung so gut wie verschwunden, und so gab es zum ersten Mal wirklich so etwas wie eine öffentliche Meinung. Klassische Kabinettspolitik, wie Bismarck sie in seinen ersten Jahren als preußischer Ministerpräsident noch gemacht hatte, wurde da unmöglich. Auch deshalb geriet der Weltkrieg zum ersten modernen „Volkskrieg“: Die Massen waren informiert und wollten mitreden.
Längst fuhr der reiche Landadel in Wien, Berlin und London im Sommer mit dem eigenen Automobil „auf die Länder“, die Industriellenfamilien von heute, ob Großkonzerne oder Mittelstand, legten vielfach in der Hochkonjunktur von 1900 das Fundament für ihren Reichtum. Das Geld, das heute die Welt regiert, ob in den USA oder in Europa, ist oft fünf oder sechs Generationen alt, seine Ursprünge liegen in jener Zeit des aggressiven Wirtschaftswachstums, zwischen 1815 und 1914 flankiert von einer Politik der „balance of power“ ohne größere kriegerische Zwischenfälle. Übrigens etablierte sich auch die Schweiz, um 1850 noch ein bitterarmes Land, als Nibelungenhort der Reichen und Mächtigen, die dort ihr Vermögen vor dem kommenden Gewitter in Sicherheit brachten; Österreichs schöne Kaiserin Elisabeth, die 1898 einem Mordanschlag zum Opfer fiel, war eine der Ersten, die in der Schweiz mit sicherem Instinkt ihre Millionen anlegte.

Der Weltkrieg schließlich, der 1914 überraschend und zugleich von allen erwartet ausbrach, offenbarte vollends, dass man nicht mehr im 19. Jahrhundert lebte. Schon lange war das Telefon als erste Wahl in der Telekommunikation in den Ämtern und Kontoren, aber auch in den Häusern der Wohlhabenden angekommen. Im Krieg schlug dann die Stunde der drahtlosen Kommunikation. Wovon Leonardo da Vinci 400 Jahre zuvor geträumt hatte, war nun Realität: Man kämpfte nicht nur zu Wasser und zu Lande, sondern auch in der Luft und unter Wasser. Luft- und U‑Boot-Waffe entschieden zwar nicht den Krieg, aber sie läuteten das Zeitalter der modernen Kriegstechnologien ein. Ihre kriegerische Nutzung wirkte, wie immer, als gewaltiger Katalysator auf die Entwicklung der Luftfahrt.

Marcel Proust beschrieb in seinem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mit gruseliger Faszination die ersten deutschen Bombenangriffe auf Paris. Die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs durch das Deutsche Reich 1917 rief die USA auf den Plan und legte so eigentlich den Grundstein zur Weltmachtstellung, die Amerika, einmal aus seinem Isolationismus erwacht, in kürzester Zeit erringen sollte. Zugleich schuf er die Voraussetzung für die politische Entwicklung der kommenden 30 Jahre: Was den verbündeten Engländern und Franzosen auf den Schlachtfeldern zwischen Kanalküste und Schweizer Grenze in drei Jahren nicht gelungen war, schafften sie mit Hilfe der materiell himmelhoch überlegenen Amerikaner in sechs Monaten: Deutschland bat um Waffenstillstand, verlor seinen Kaiser und seine Landesfürsten und, wie sich zeigen sollte, seine innere Stabilität. Die Geburtsstunde des „Politikers“ Adolf Hitler hatte geschlagen.
1913 ist das Jahr, in dem alte und neue Zeit einander in finaler Verdichtung berühren. Als am 24. Mai in der Reichshauptstadt Berlin, die sich längst von der niedlichen biedermeierlichen Residenz zur Wirtschafts- und Kulturmetropole von internationalem Rang entwickelt hat, die Hochzeit der Kaisertochter Prinzessin Viktoria Luise mit dem braunschweigischen Thronprätendenten Prinz Ernst August von Hannover gefeiert wird, feiert sich zugleich das alte, monarchische Europa – es sollte die letzte glänzende Zusammenkunft der europäischen Fürsten sein, an ihrer Spitze Wilhelm II und seine beiden Cousins, König Georg V von England und Zar Nikolaus II von Russland. Anlässlich dieses Ereignisses entstand übrigens der erste Farbfilm und lieferte Bilder von Berlins festlich geschmücktem Prachtboulevard Unter den Linden, aufgesessenen Gardekürassieren in schimmernder Rüstung und mit schwarz-weißen Wimpelchen an ihren Paradelanzen.
Auch da also eine Begegnung von Tradition und Moderne, genauso wie bei der Verkündung der Mobilmachung ein Jahr später: Mit altmodisch gesetzten Worten sprach der Kaiser, der den Krieg, genauso wie seine royalen Vettern, nicht wirklich gewollt hatte, zur Bevölkerung vor dem Berliner Stadtschloss: „Wir werden kämpfen bis zum letzten Atemzug von Mann und Ross“ – doch die Rede wurde mithilfe modernster Technik aufgezeichnet und ist als Tondokument bis heute überliefert. Und nicht mehr Rösser sollten im folgenden Krieg die Entscheidung bringen, sondern motorisierte Einheiten, Panzer und Giftgas.

So schließt sich 1913 das Tor zur Vergangenheit Alt-Europas und öffnet sich zugleich die Tür zu einer neuen Zeit, einer Zeit, wie es der Historiker Christian Graf von Krockow formulierte, die nicht mehr „Neuzeit“ ist, sondern eine neue, noch unbekannte und unbenannte Zeit. 1990 war nicht, wie Francis Fukuyama schrieb, das Ende der Geschichte, aber 1914 war der Abschluss der Neuzeit, die mit der Reformation und dem Einzug von Nationalstaat und Kapitalismus begonnen hatte – und gleichzeitig Beginn eines neuen Zeitalters, auf dessen Namen man sich wohl erst in den kommenden Generationen festlegen wird. Wenn wir Heutige auf 1913 schauen, so sehen wir ein Bild, das unserer Welt erstaunlich ähnelt, während die Jahrzehnte und Jahrhunderte davor verblassen, als gehörten sie zu einem anderen, längst vergangenen und vergessenen Strom in der Weltgeschichte.

Doch die Gemeinsamkeiten zwischen heute und gestern reichen noch tiefer. 1913 ist das Abschlussjahr des „fin de siècle“, jener geistigen Strömung, die tief im 19. Jahrhundert, im früh modern gewordenen Paris erwachte und sich nach und nach über das ganze zivilisierte Europa ausbreitete. 1913 ist auch das eigentliche Geburtsjahr einer echten Weltliteratur: Oscar Wilde und Marcel Proust, Musil, Kafka und der junge Brecht, Schnitzler und Kraus, Rilke und Trakl, Stefan Zweig sowie, als melancholischer Nachklang, Joseph Roth – sie zusammen haben das neue Testament der mitteleuropäischen Literatur geschrieben, in einer Verdichtung von Stil, Ausdruck und philosophischem Gestus, die niemals wieder erreicht wurde und die die große Literatur bis in unsere Tage geprägt hat.

Dasselbe gilt von Bildender Kunst und Musik. Der Expressionismus öffnete das Tor zu unserer heutigen Wahrnehmung von Kunst, die sich von der gefälligen Abbildung der Realität verabschiedet hat, um in die Tiefen der Seele zu steigen mit ihren Schlacken und ihrer unharmonischen Verbogenheit. Arnold Schönberg verabschiedete sich mit der Zwölftonmusik vom klassischen Ideal der Diatonik, wie es seit den Tagen Bachs bis zu Bruckner und Mahler unerschütterlich gegolten hatte. Wer immer vom 20. Jahrhundert spricht, bezieht sich auf 1913 und die Vorarbeiten, die damals die geistige Situation der Zeit prägten und eine Strömung lostraten, die noch heute, noch nach 100 Jahren, aktiv und mächtig ist. 1913 ist das eigentliche Geburtsjahr der Moderne.

Alles, was den europäischen Menschen von heute prägt und verstört – die ideologische Orientierungslosigkeit, das Gefühl von (wie es Hannah Arendt nannte) Weltlosigkeit, von absoluter Freiheit des Geistes, die aber eben zugleich völlige Halt- und Hilf­losigkeit bedeutet, ist in jenem Schicksalsjahr 1913 angelegt. Unter ihrem Pionier Sigmund Freud, auf dessen Couch in Wien sich das halbe Großbürgertum „Kakaniens“ behandeln ließ, etablierte sich damals die Psychologie, die irrlichternde Wissenschaft von der menschlichen Seele, die sich bekanntlich keiner Wissenschaft erschließt, als Leitdisziplin der Moderne.

Die Philosophie Friedrich Nietzsches, die keine Philosophie gewesen war, sondern ein einziger Hilfeschrei des erwachsen und damit standlos gewordenen modernen Menschen nach Orientierung und Halt, nach Glauben und Erlösung, beherrschte das europäische Denken in allen seinen Schattierungen und warf in seinen militanten, rassistischen Verhärtungen, die langsam, oben wie unten, in Mode kamen, erste dunkle Schatten. Und die Lehre von Karl Marx breitete sich mit unheimlicher Geschwindigkeit in der ganzen Welt aus, mit der Parole Schillers, die sie zur geschichtlichen Wirklichkeit erhob: „Zu was Besserem sind wir geboren!“

Aber nicht in Europa zündete der bestrickende Gedanke von der Gleichheit aller Menschen, sondern in den Randmächten Russland und China – und genau diese Mächte sind es, die heute, nach 100-jährigem, strammem Aufstieg, nach etlichen Verwerfungen und ungeheuren Opfern, immer mehr den Ton in der Weltpolitik angeben. Gemeinsam mit dem Islam, der mit dem Zerbrechen des Osmanischen Reiches zu seinem geschichtlichen Selbstbewusstsein gelangte, das heute mit unheimlicher Macht seine Stimme erhebt. An diesem Zerbrechen aber, das in der Zeit Napoleons, 100 Jahre zuvor, seinen Anfang genommen hatte und dann schließlich auf dem Balkan seinen Kulminationspunkt erreichte, entzündete sich wiederum 1914 der Erste Weltkrieg – auch hier schließt sich der Kreis zwischen damals und heute, da der Orient durch die arabische Revolution endgültig das postkoloniale Zeitalter hinter sich lässt.

Die Welt von 1913 war, wie der Heilige Augustinus 1500 Jahre zuvor, an einem anderen Epochenbruch, geschrieben hatte, „wie in einem Kelter“: Alles wurde infrage gestellt, alles durcheinandergewirbelt, Stabilität gab es nur noch äußerlich, in den wankenden Machtgebilden, die das 19. Jahrhundert hinterlassen hatte, die aber keinen wirklichen Halt mehr gaben, was die Eliten dieser Mächte am besten wussten. Der Sturm, der damals in den Höhlen hauste, um im Jahr des Kriegsausbruchs 1914 loszubrechen, fegt auch heute noch durch die Welt, freilich mit anderer Richtung und mäßiger Geschwindigkeit. Doch die Ungewissheit von damals ist geblieben, mitsamt jenem brisanten, krisenhaften Gefühlscocktail aus Nervosität und Lethargie, aus Selbstbewusstsein und Angst, aus Aufklärung nach außen und Hilflosigkeit nach innen. Das abgeklärte Wissen um die Souveränität des Menschen in einer Weltgeschichte ohne göttliche Eingriffe, dieses Erbteil des 19. Jahrhunderts, haben wir bezahlt mit dem bangen Nichtwissen, wohin uns diese Geschichte führen wird – 1913 wie 2013.

Dieser Text erschien im Januar 2013 im Magazin CICERO. 

Header: Kronprinz Wilhelm des Deutschen Reiches und von Preußen auf dem Weg zur Hochzeit seiner Schwester Prinzessin Viktoria Luise. Berlin, 24.  Mai 1913. Rechte: picture-alliance / akg-images.