500 Jahre Reformation

Der Katholizismus ist nur unehrlich; der Protestantismus aber ist unaufrichtig

Der berühmte Geist des Protestantismus ist vor allem ein Ungeist. Er hetzt Menschen gegeneinander auf im Namen der Competition, des Höher, Schneller, Weiter, des Immer mehr. Der Katholizismus, der seine orientalische Prägung nie verloren hat, stellt die Idee des Ordo, der einen, großen Weltordnung ins Zentrum. Der Ordo respektiert alles Sichtbare und auch Unsichtbare; er trennt nicht Moral und Ratio, sondern seine Ratio ist Moral.

Daher gab es vor der Reformation keine große nationalstaatliche Konkurrenz in Europa, so wie es ja überhaupt keine Nationalstaaten im neuzeitlichen Sinne gab. Alle Menschen waren wirklich Brüder und Schwestern, man würdigte in jedem und jeder das Göttliche, das Theion, den Götterfunken, den auch der ärmste Krüppel, der letzte Idiot abbekommen haben musste bei der großen Schöpfung.

Luther macht den Geist des Expansion salonfähig

Luther, die Reformation hat mit alldem radikal Schluss gemacht. Er hat den Geist der Expansion und der Exploitation salonfähig, ja: er hat ihn zum Taktgeber des modernen Lebens gemacht. Brave new world, Tribute von Panem, Jugend ohne Gott, Blade Runner sind im Grunde Beschreibungen der protestantischen Welt, in der es nur darum geht, wer wem am Ende die stärkere Ohrfeige verpasst. Explore and conquer: das hieß fünfhundert Jahre lang vor allem eines: destroy.

In Alejandro Iñarritus The Revenant ist es ein verfallenes spanisches Kloster, in dem Hugh Glass Zuflucht findet. Und es ist der Indianerhäuptling, der ihn, den zu Tode Erschöpften, am Ende verschont – nicht sein Kontrahent, der ihn um ein paar Silberlinge willen der Wildnis ausgeliefert und den Sohn umgebracht hat.

Geist des Kapitalismus ist Geist des Egoismus

Der Geist des Kapitalismus: das ist zuallererst der Geist des Egoismus, des pauschalen Alles-unter-Ideologieverdacht-Stellens, der permanenten Umwertung der Werte, die in jeder neuen Schraubendrehung kopiert wird. Die Linken wittern sofort Reaktion, wenn jemand Geschichte nicht strukturalistisch, sondern monumental oder, Gott bewahre: heroisch, betrachtet, und die Emanzen schreien Mansplaining, wenn jemand sagt, er tue dies und das “aufgrund seiner Werte” (OMG, wahrscheinlich patriarchalische Werte!).

Heute stehen wir vor diesem Scherbenhaufen: einem drohenden Atomkrieg, einem schon angelaufenen Klimadesaster – und die große Frage, die im christlichen Glaubensbekenntnis versteckt ist, haben wir trotz Voyager 2 und Erdkernbohrungen ja noch immer nicht beantwortet: was ist das Unsichtbare. Die Konzilsväter waren schlau: sie nannten Gott ja nicht etwa Schöpfer des Bekannten und des Unbekannten; sondern des Sichtbaren und Unsichtbaren, visibilium et invisibilium. Invisibilia wird es immer geben, selbst vor dem Tannhäusertor.

Protestantischer Geist heute: Sadomasochismus

Die heutige Version des protestantischen Ungeistes: Sadomasochismus als Ersatzreligion, Gewaltausübung als Spiel, Ideologieverdacht, wenn jemand sich auf Werte beruft. Nun, ich sehe 16jährige muslimische Jungs, die in der S-Bahn nicht auf den stinkenden Penner zeigen, sondern ihm 1 Euro geben, weil man ihnen beigebracht hat: Zakat heißt, du hilfst den Schwachen. Weil der Mensch nur Mensch ist in der Gemeinschaft, im Ordo, in dem alle den gleichen Rang vor Gott haben.

Den hat auch Luther nicht bestritten. Was ich ihm vorwerfe, ist: dass er Dasein zur Lotterie erklärt hat. Bist du unten, bist Du halt unten. Dom oder Sub, fertig. Nie war die Ständegesellschaft so brutal wie in den 3 Jahrhunderten nach Luther. In der katholischen Welt konnte immer ein Bauernbursche Priester werden, vom dritten in den ersten stand aufsteigen, und der Papst konnte wiederum Adlige und sogar Könige exkommunizieren.

Katholischer Ordo hieß auch Egalitarismus

Ordo heißt eben auch: Egalitarismus, so wie er eben auch Verausgabung hieß. Analer Anankasmus als raison d’être ist eine Lutherische Erfindung, sein später Nachklang die #aufschrei-Gesellschaft, in der dieselben “Netzfeministinnen”, die davon träumen, vergewaltigt zu werden, ein harmloses Kompliment am liebsten als Straftat einstufen würden; in der Gemeinschaft eingefordert, aber Tradition, die allein Gemeinschaft begründen kann, vehement und eliminatorisch bekämpft wird. Der Katholizismus war unehrlich; der Protestantismus aber ist unaufrichtig, was, wie jeder weiß, ein Unterschied ums Ganze ist.

Natürlich haben die Päpste geprasst und gelogen: aber jeder wusste es und man stand dazu. Seit Luther wird aber das Innerweltliche gepflegt mit einer brutalen Innigkeit, die zuvor nur dem Höchsten, dem Überweltlichen gebührte. Wer nicht ins Schema passt, für den gab es im orientalischen Glauben immer noch ein Plätzchen irgendwo; im Protestantismus gibt es für ihn thirteen reasons why – Wegtreten zum Weghängen.

Im orientalischen Glauben gibt es auch für den Außenseiter Platz

Luther? Luther hat all dies vermutlich – bestimmt, meine ich – nicht gewollt. Er folgte seinem Gewissen, was das Angenehmste – und zugleich Katholischste – an ihm ist. Wenn, dann deshalb sollte heute seiner gedacht werden.


© 2017, Konstantin Johannes Sakkas

Anton v. Werner (1843-1915), Luther vor dem Reichstag in Worms, 1877

Advertisements

Die Verteidigung der Feigheit. Die deutschen Eliten und der 20. Juli 1944

Viel ist in den letzten Jahren über das Verhältnis des konservativen deutschen Widerstands zum NS-Regime geschrieben worden. Dass es für die deutschen Eliten, insbesondere den Adel, ein “langer Weg zum 20. Juli” war, hat die jüngere Forschung eindrücklich bewiesen, insbesondere Stephan Malinowski mit seiner bahnbrechenden Studie “Vom König zum Führer. Deutscher Adel und Nationalsozialismus”. Heute steht fest: Dem viel gepriesenen Opfergang des deutschen Adels und Großbürgertums nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 ging eine lange und tiefe Kollaboration mit dem NS-Regime voraus. Doch ein wesentlicher Aspekt wurde bis heute kaum thematisiert: nämlich die Bedingungen in Sozialcharakter und Habitus, die die Verstrickung der deutschen Eliten mit der NS-Diktatur erst möglich machten. Und diese Bedingungen reichen weit in die Geschichte vor Hitler zurück.

Sebastian Haffner stellte 1947 zur Geschichte der konservativen Eliten fest:

Es ist keine glanzvolle Geschichte. Der eine kurze Moment des Glanzes und der Tat, den sie enthält, führt unmittelbar zur Katastrophe und ist vielleicht, von einem möglichen Gesichtspunkt aus, nur das Ergebnis eines furchtbaren Fehlers. Es ist eine Geschichte des ‘Beinahe’ – quälend und tief unbefriedigend, herzbewegend und beunruhigend.

Doch woher kommt dieses politische Versagen im Widerstand gegen Hitler? Die Sozialgeschichte verweist hier gern auf die ideologische Affinität der Eliten zum Nationalsozialismus; die wahren Gründe liegen aber woanders. Zweifellos fanden zwar manche von Untergangsängsten geplagte Adlige und Großbürger in völkischer Bewegung und Rassenlehre verwandte Motive; dem gegenüber stehen indessen zahllose, durchaus glaubwürdige Äußerungen von Desinteresse, ja Belustigung über die theoretischen Inhalte der NS-Bewegung. Und tatsächlich: Für die meisten von ihnen war – nicht anders als für Hermann Göring, von dem das Zitat stammt – der Nationalsozialismus gerade in seinen wesentlichen Aspekten in Wahrheit nicht mehr als “ideologischer Kram”.

Die Gesellschaft sah den Parvenü in Hitler – und freute sich doch über sein Ritterkreuz

Doch das hinderte nicht nur, nein: Es begünstigte vielmehr gerade die Allianz der gesellschaftlich Einflussreichen mit den politisch Mächtigen. Denn die gesellschaftliche Elite, übrigens nicht nur in Deutschland, blickte schon immer gern auf die politischen Machthaber herab – und folgte trotzdem willig ihren Befehlen, auch unter Hitler. Rolf Hochhuth drückt dies in seinem “Stellvertreter” unvergleichlich treffend aus:

Die Gesellschaft [ … ] sieht den Parvenü in Hitler – und freut sich doch, nicht wahr, wenn ihre Söhne sein Ritterkreuz erhalten.

Immer in der Geschichte vertraten die Oberschichten, die sich ja eben nicht durch Genie und Leistung, sondern durch Tradition definieren, den Vorbehalt der Distinguierten gegenüber der Staatsgewalt. Oft genug ähnelte der Monarch mit seiner mal plumpen, mal kreischigen Exzentrik viel mehr dem einfachen Volk als den Aristokraten, die seinen Hofstaat bildeten; ein genialischer Feuerkopf wie Friedrich der Große entsprach der elitären Zucht des Adels ebenso wenig wie der gutherzige Biedermann Ludwig XVI. Die klassische Antipathie der Reichen und Schönen gegenüber den Mächtigen hat Thomas Mann in seinem Roman “Königliche Hoheit” einfühlsam illustriert:

Nein, es war klar, dass [Prinz] Klaus Heinrich mit Trümmerhauf” – einem seiner adeligen Spielgefährten – “an Vornehmheit nicht wetteifern konnte. Seine rechte Hand war ziemlich breit, er hatte Backenknochen wie alles Volk, und geradezu stämmig kam er sich vor an Dagoberts Seite. [ … ] Er [ … ] war kein Aristokrat, war keiner, deutliche Tatsachen sprachen dagegen. Wie war es mit seinem Namen? Klaus Heinrich, so hießen die Schustersöhne im Land, und Herrn Stavenüters Kinder dort drüben, die die Finger zum Schneuzen gebrauchten, wurden wie er, wie seine Eltern, sein Bruder genannt. Aber die Adligen hießen Bogumil und Dagobert.

Die hier skizzierte Kluft zwischen den Regierenden und der ersten Bevölkerungsklasse hatte eine schwerwiegende Konsequenz: nämlich die Verurteilung der Oberschichten zur fortwährenden Selbstverleugnung. Über Jahrhunderte hinweg musste sich der Adel krampfhaft beherrschen, um Leuten zu dienen, die er eigentlich verachtete; ohne die er aber soziologisch betrachtet nichts war. Und das war geltendes Recht: Noch 1903 galt in Preußen-Deutschland, dass “alle Adelssachen reine Gnadensachen” seien. Der Adelsstatus an sich unterlag noch in moderner Zeit keiner unabhängigen Judikative, sondern allein dem Gutdünken des Königs. Ohne jede Rechtfertigung konnte der König einem Adeligen den Adel aberkennen, ihn aus der Armee ausstoßen, ihn seiner Ämter und Würden für verlustig erklären, ihm die Pension streichen.

Der erste Stand im Staat konnte jederzeit alles verlieren; seine soziale Fallhöhe war beispiellos; das einfache Volk dagegen hatte wenig zu verlieren, entschloss sich leichter zur Rebellion und erreichte auf diese Weise nach und nach bedeutende Verbesserungen seiner Rechtsstellung. Der letzte schlesische Industriearbeiter hätte gegen eine ungerechte Behandlung vor einem ordentlichen Gericht klagen können; Fürst Bismarck aber, der bewunderte Reichsgründer, wäre 1891 wegen Majestätsbeleidigung von Kaiser Wilhelm II. um ein Haar auf die Festung Spandau geschickt worden – wogegen er sich kaum hätte wehren können.

Selbstverleugnung verdirbt den Charakter

Die Selbstverleugnung, die unweigerliche Konsequenz der Zwitterstellung zwischen sozialem Prestige und politischer Ohnmacht, bildet nicht den Charakter, auch wenn der Adel das bis heute gern behauptet; nein, sie verdirbt ihn. Sie war die eigentliche politische Tradition des deutschen, vor allem des preußischen Adels, und sie reicht lange zurück. Ausgerechnet über Friedrich den Großen, der vom Adel, dem er ungeheuere Opfer abverlangte, zu Lebzeiten nie geliebt wurde, kennen wir einen bemerkenswerten Bericht:

Im vierten und fünften Jahr des Siebenjährigen Krieges war Friedrich II. von seinen nahen und nächsten Umgebungen weder geliebt noch geschätzt noch sogar mehr gefürchtet. Ich sage dies, weil ich es mit Augen gesehen habe. Während dass wir hinter ihm herritten, machte ein junger Polisson namens Wodtke, Brigademajor von der Kavallerie, oft allerlei lächerliche Posituren hinter seinem Rücken, ahmte seine Stellung nach, wies auf ihn hin und dergleichen, um uns andere zu belustigen. Wodtke hatte Friedrichen auch den Beinamen Totengräber gegeben; der Kürze wegen nannte er ihn nur Gräber, und so hieß auch der Held in unseren vertraulichen, scherzenden und spottenden Unterhaltungen.

Die Gründe dafür lagen nicht nur in den Strapazen, denen sich Adel und Offizierkorps in Friedrichs Kriegen fortwährend ausgesetzt sahen (kein anderer Stand hatte prozentual so hohe blutige Verluste im Krieg vorzuweisen wie der Adel); in ihre Empörung hinein spielte zudem vielfach das Bewusstsein herrschaftlicher Anciennität gegenüber den Hohenzollern, einem ursprünglich unbedeutenden süddeutschen Geschlecht, das ihnen im 15. Jahrhundert der Kaiser als Statthalter in der Mark Brandenburg vor die Nase gesetzt hatte. Und als 1757 “die Nachricht von Friedrichs Niederlage bei Kolin ins Magdeburgische kam, freuten sich die Herren [gar], dass es nun ‘mit den Hohenzollern bald aus’ sein werde.” Nach außen freilich drang nichts davon. Man fluchte innerlich – und gehorchte.

Niemand war von der Obrigkeit so abhängig wie der Adel

Denn niemand war von der Monarchie als Institution so sehr abhängig wie der Adel, der deutsche ganz besonders. Als Gutsbesitzer, deren Existenzgrundlage die ländliche Scholle war, wussten die Adligen, dass jedes Aufbegehren gegen den König sofort vom nächstniederen Stand, nämlich Bauern und Bürgern, reflektiert und imitiert würde. Wenn – so die heimliche Überlegung, die jedem Aristokraten noch im Schlaf geläufig war – die Gutsbesitzer gegen die Krone rebellieren, so stellen sie automatisch deren übergesetzliche Legitimation infrage; damit aber die Legitimität von Herrschaft überhaupt, also auch ihre eigene!

Wenn ein Adliger einen König absetzen kann, warum dann nicht auch ein Leibeigener seinen adligen Gutsherrn? Dann wäre es wohl mit dem Feudalismus vorbei gewesen. Um seine eigene materielle und gesellschaftliche Lebensgrundlage zu erhalten, wählte der Adel die Knechtschaft unter dem monarchischen Absolutismus, der ihm freilich moralisch das Genick brach.

Der deutsche Partikularismus, der aus jedem Duodezherrn im Heiligen Römischen Reich einen kleinen Sonnenkönig machte, hat den deutschen niederen Adel über Jahrhunderte zu einer ausgesprochenen Hörigkeit erzogen. Anfangs freilich nicht ohne Widerstände: Etwa in Brandenburg-Preußen schlugen der Große Kurfürst 1672 und sein Enkel, der Soldatenkönig, 1731 adelige Opposition brutal nieder.

Die Hinrichtung Kattes, des Jugendfreundes Friedrichs des Großen, nach dessen gescheitertem Fluchtversuch war auch ein Exempel des Königs gegenüber seinem Adel; und wenn es in jener berühmten Kabinettsorder, die den Tod Kattes besiegelte, hieß: “fiat justitia et pereat mundus”, also: “Die Gerechtigkeit soll leben, und wenn die Welt dabei untergeht” – so meinte “Mundus” auch “Le Monde”, also die große Welt der Schönen und Reichen, die glaubten, für sie gelte Recht und Gesetz nicht. Eben doch: Vor der Staatsgewalt, so das Fanal des Königs, zählen weder Rang noch Herkunft. Und der Soldatenkönig brachte auch den preußischen Absolutismus auf die berühmte Formel: “Ich ruiniere die Junkers ihre Autorität und stabilisiere die Souveränität wie einen “rocher de bronce”, wie einen Felsen von Erz.

Ausgerechnet im etatistischen Frankreich entwickelte sich dagegen eine recht selbstständige, unbequeme und rebellische Elite. Im ganzen 16. Jahrhundert kämpfte die französische Krone gleich an zwei Seiten mit dem Adel: einerseits mit der hugenottische Aristokratie, repräsentiert durch charismatische Persönlichkeiten wie den Admiral de Coligny; andererseits mit der katholischen Reaktion und selbstbewussten Grandseigneurs wie den Herzögen von Guise an der Spitze.

Das Selbstgefühl des französischen Adels erlitt zwar unter Ludwig XIV. erhebliche Einbußen; doch ganz verschwand es nie. Einen neuen Höhepunkt erreichte es dann in der Französischen Revolution 1789, die in ihrer frühen Phase ganz maßgeblich von Aristokraten – man denke etwa an den Grafen Mirabeau – getragen wurde. In seinem Roman Narrenweisheit hat Lion Feuchtwanger dem oft selbstlosen Einsatz des französischen Adels für Aufklärung und Revolution ein Denkmal gesetzt.

Ähnliches gilt für die englische Entwicklung. Die politischen Revolutionen auf der Insel gingen fast ausschließlich von der Oberschicht aus, die sich von der Magna Charta 1215 bis zur Glorious Revolution 1688, mal mit guten, mal mit weniger guten Folgen, als effektives Korrektiv monarchischer Entscheidungen bewährte. Noch 1936 zwang die englische aristocracy den deroutierten Edward VIII. zur Abdankung, nachdem dieser sich als Bräutigam der kapriziösen Wallis Simpson unmöglich gemacht hatte.

Zum Vergleich: Als zwei Jahre zuvor Hitler während der RöhmAffäre die SA-Führung liquidieren ließ, waren am Ende auch zwei adelige Reichswehrgeneräle in ihren Privatwohnungen unter den Ermordeten. Doch deren Standesgenossen rührten keinen Finger; Reichswehrminister General von Blomberg erließ sogar einen Tagesbefehl, in dem es hieß: “Die Wehrmacht dankt dem Führer durch Hingebung und Treue!”

Selbstverleugnung und  Selbstaufgabe gehörten seit Jahrhunderten zum Habitus des Adels

Aber das war – es sei wiederholt – eben keine neue Entwicklung. Selbstverleugnung und Selbstaufgabe waren kein Produkt der besonderen Gegebenheiten des NS-Staates; sondern sie gehörten schon seit Jahrhunderten zum politischen Habitus des Adels. Wenn im 19. Jahrhundert der preußische General Julius von Hartmann in seinen Memoiren behauptete, es sei “von jeher sehr viel Liberalismus in dem Offizierskorps gewesen”, so meinte dies lediglich das hergebrachte Privileg des Adels, ein besonderes Standesbewusstsein im Staat haben zu dürfen, weil man diesen Staat exemplarisch verkörperte. Adeliger Liberalismus bezog sich auf das klassische Recht auf den Kasinowitz über den Monarchen, mehr nicht. Der Adel durfte meckern und Witze machen, weil er, wenn es ernst wurde, auch als Erster gehorchen musste.

Besonders deutlich wurde dies in der Bismarck-Zeit, als, nach dem Sieg über die konservative Brudermacht Österreich 1866, der preußische Adel anfing, seinen entfremdeten Standesgenossen Bismarck zu hassen, der überdies eine bürgerliche Mutter hatte Während seiner ganzen Reichskanzlerschaft war dann der “Eiserne Kanzler” nirgends so unbeliebt wie beim Adel: wegen seiner prinzipienlosen Politik, seines rauen Stils in Personalfragen und seiner persönlichen Erfolge, die den Rahmen des Gewohnten sprengten.

1865 noch einfacher Freiherr und Reserveoffizier, war er 1871 Fürst und General mit einem Millionenvermögen; dass manch ostelbischer Junker in seinen Salongesprächen Bismarck vor Neid, aber auch aus ideologischen Gründen die Pest an den Hals wünschte, belegen einschlägige Passagen in Theodor Fontanes “Irrungen, Wirrungen”. Als Bismarck schließlich 1874 den Grafen Harry Arnim wegen Landesverrats vor Gericht stellen ließ, bestätigte das nur die Vorurteile seiner konservativen Kritiker. Freilich: Aufbegehrt haben sie nicht.

Das Gleiche wiederholte sich dann unter dem viel gehassten Wilhelm II. Nicht die Arbeiter spotteten über den Kaiser und seinen verkümmerten Arm; sondern die elitären Offiziere der Potsdamer Garde. Sie ließen im Kasino nach dem ersten Glas Wein die Ordonnanzen wegtreten, um ohne Furcht vor Denunziation über den Obersten Kriegsherrn lästern zu können; sie verunglimpften ihn als “Guillaume le timide”, “Wilhelm den Ängstlichen”, weil ihnen seine Politik nicht offensiv genug erschien; und sie fielen als Erste über ihn in ihren Memoiren her, als Wilhelm 1918 schließlich abdankte und ins Exil ging. Und auch hier zeigt sich wieder ihre Doppelmoral: Als nämlich 1919 Paul Graf Hoensbroech die Führungsschwäche des Kaisers öffentlich anprangerte, forderte ihn der pensionierte General von der Schulenburg zum Duell, obwohl der sich ganz genauso über Wilhelm II. geäußert hatte – allerdings privat!

Für den deutschen Adel war es nie ein Problem, eine eigene Meinung zu haben; wohl aber, nach ihr zu handeln

Für den deutschen Adel war es nie ein Problem, eine eigene Meinung zu haben; wohl aber, nach ihr zu handeln. Die abstruse Maxime Kants: “Räsonniert, soviel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!”, passt ideal auf die preußisch-deutsche Oberschicht, die sich ihre soziale Privilegiertheit über Jahrhunderte hinweg mit einer beispiellosen politischen Impotenz erkauft hat. Symbolisch steht hier das Wort eines Flügeladjutanten aus der Entourage des letzten Hohenzollernherrschers: “Der Kaiser hat uns alle entmannt!”

Dies fand seine fatale Fortsetzung im Dritten Reich. Wieder begegnen wir jener seltsamen moralischen Indifferenz und typisch elitären “Mischung aus Verdrängung, Disziplin und Lebenslüge”, die ausgerechnet Hitlers früheste Kritiker – und das waren ja gewiss die Konservativen – zu seinen zuverlässigsten Stützen werden ließ.

Erinnert sei nur an die obskuren Planungen, wie man Hitler, den “tollwütigen Hund”, den “böhmischen Gefreiten” umbringen wolle, um am Ende meistens doch wieder vor ihm strammzustehen, wie man schon vor Friedrich, vor Bismarck und vor Wilhelm strammgestanden hatte: 1938 während der Sudetenkrise, 1940 beim Einmarsch in Frankreich, 1943 an der Ostfront – Überlegungen, Pläne, und Versuche hat es viele gegeben, und ihr moralischer Wert steht außer Frage; doch ihr Dilettantismus war beispiellos und Gott sei’s geklagt beschämend.

Jener Dilettantismus aber kam auch daher, dass diese Elite seit Jahrhunderten keinen Schuss mehr abgegeben hatte, der ihr nicht von oben, will sagen von der Obrigkeit befohlen worden war, von jener Obrigkeit, die Martin Luther einst heiliggesprochen hatte. Was geschehen konnte, wenn die Elite wenigstens einmal gegen diese Obrigkeit handelte, zeigte sich beim Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944.

Unfähig zu selbständigem, entschlossenem Handeln

Nirgends kam ihr indolenter, passiver Habitus so deutlich zum Vorschein wie an jenem so bitter erfolglos endenden Tag: Der leichtsinnige Gedanke, ausgerechnet einen halb verkrüppelten Offizier wie Stauffenberg mit einem Bombenattentat zu betrauen; die Trägheit des Generals Fellgiebel, der noch nach der Explosion in der “Wolfsschanze” Hitler mit der Pistole hätte erschießen können, es aber nicht tat; die Nervosität General Olbrichts, der drei Stunden lang in Berlin die Hände in den Schoß legte, während Stauffenberg mit Müh und Not ein Flugzeug bekam; schließlich die aberwitzige Naivität, mit der man ausgerechnet Major Remer, einem notorischen Nationalsozialisten, die Verhaftung von Goebbels anvertraute: All dies zeigt, wie ungeeignet und unfähig diese Männer zu selbstständigem, entschlossenem Handeln waren, mochten ihre Grundsätze und Überzeugungen moralisch noch so aufrichtig gewesen sein.

So versteht man auch den bissigen Kommentar des Hitler-Gegners Friedrich Reck-Malleczewen, der am Tag nach dem Attentat in sein Tagebuch notierte:

Ein wenig spät, ihr Herren, die ihr diesen Erzzerstörer Deutschlands gemacht habt, die ihr ihm nachliefet, solange alles gut zu gehen schien, die ihr, alle Offiziere der Monarchie, unbedenklich jeden von euch gerade verlangten Treueid schworet, die ihr euch zu armseligen Mamelucken des mit hunderttausend Morden, mit dem Jammer und dem Fluch der Welt belasteten Verbrechers erniedrigt habt und ihn jetzt verratet, wie ihr vorgestern die Monarchie und gestern die Republik verraten habt.

Ähnlich sah es auch Joachim Fest, dessen Vater Hans einst lieber Amt und Würden aufgegeben hatte, als jene Zwitterstellung zwischen innerer Rebellion und äußerem Konformismus zu wählen, in der man allein schon dadurch zum Täter werden kann, indem man es unterlässt, das Richtige zu tun. Beispielhaft hier der Vergleich zwischen deutschem und italienischem Widerstand, den Fest anstellt:

Als Dino Grandi sich am 25. Juli 1943 zur Sitzung des faschistischen Großrats begab, auf der Mussolini gestürzt werden sollte, hatte er zwei Handgranaten bei sich. Am Eingang des Saales zum Palazzo Venezia war das erste Mitglied des Rates, auf das er stieß, Cesare de Vecchi. Da Grandi fürchtete, Mussolini werde sich zur Wehr setzen und auf ihn schießen, fragte er kurz entschlossen de Vecchi, ob er eine der Granaten übernehmen und notfalls auf den Duce werfen wolle, und de Vecchi willigte augenblicklich und ohne irgendeine Gegenfrage ein. Es war die Schwäche des deutschen Widerstands, dass er keinen Grandi hatte und selbst einen de Vecchi nicht.

Freilich: Die deutschen Widerstandskämpfer durften für sich in Anspruch nehmen, es wenigstens versucht zu haben, und diesen Ruhm kann ihnen niemand nehmen. Gleichwohl gibt es eine bedenkliche Nähe zwischen ihnen, die immerhin etwas taten, und jener großen Mehrheit, die zwar über Hitler grummelte, aber nichts tat. Gerade in Militär und Diplomatie fanden sich viele Mitwisser der Attentatspläne.

Sie alle wären nach einem erfolgreichen Staatsstreich mit fliegenden Fahnen zu den neuen Machthabern übergegangen, denn mit Hitler verband sie kaum etwas; doch sie leisteten nach wie vor brav ihren Dienst und igelten sich ein in ein Gehäuse aus Hoffnung, Fatalismus und sogenannter Pflichterfüllung – eine Haltung, die noch im Jahr 2009 ausgerechnet Richard von Weizsäcker prononcierte, als er in einem Interview mit dem SPIEGEL versuchte, seinen Vater Ernst, Staatssekretär bei Außenminister von Ribbentrop und früh eingeweiht in die Judenvernichtung, von den Vorwürfen der Nachwelt mit ziemlich aggressiver Apologetik freizusprechen. Wenn der deutsche Adel je eine Ideologie hatte, dann jene dumpfe, schwerfällige und einfallslose Ideologie des “Auf-dem-Posten-Bleibens”.

Das Problem der konservativen Eliten in Preußen-Deutschland lag nicht in ideologischer Verführung, sondern in ihrem politischen Opportunismus

Das Problem der konservativen Eliten in Preußen-Deutschland lag nicht in ideologischer Verführung; eher schon, wie Stephan Malinowski richtig betont, in ihrer mentalen Depravation seit dem Ersten Weltkrieg, ihrer ungeheuerlichen Brutalisierung von Haltungen und Meinungen; vor allem aber in ihrem tief verwurzelten politischen Opportunismus. Dieses Problem gründet sich nicht auf eine Ideologie, sondern auf den unfreien Habitus. Dessen Konstanten Anpassung, Selbstverleugnung, Gehorsam und Resignation wirken viel verderblicher als manche Überzeugung.

Nazis und NS-Gegner wussten, was sie taten, und taten es aus freien Stücken; die Eliten aber gingen 1933 die alten, eingetretenen Pfade durch die Institutionen weiter, die sie schon zweihundert Jahre lang gegangen waren. Sie wurden Generäle und Staatssekretäre, manche auch SS-Führer, so wie ihre Väter und Ahnen eben Obristen, Kammerherren oder Botschafter geworden waren, und bildeten sich noch ein, sie könnten sich die Abzeichen des neuen Regimes wie Modeartikel an den Rock heften und trotzdem rein bleiben von seinen Verbrechen.

Gerade durch diese Unentschlossenheit und Trägheit aber wurden viele von ihnen schuldig. Gewiss waren die meisten von ihnen keine Nazis; doch waren sie moralisch deshalb besser? Sie waren ideologisch gar niemand, mit dem Wort Hannah Arendts: Sie waren “Niemande”, sie “weigerten sich, Personen zu sein”. Und genau dies macht die Schwere ihres Versagens aus:

Sie folgten keinem Idealismus, auch nicht dem falschesten. Sie waren Getriebene, zutiefst unsichere und unselbstständige Charaktere, die an gar nichts glaubten. Nicht brutaler Voluntarismus oder imperialistischer Ehrgeiz, sondern Gedankenlosigkeit und moralische Indifferenz degradierten sie zu den willenlosen Vollstreckern der Unmenschlichkeit.

Der Historiker Christian Gerlach wies vor einigen Jahren nach, dass die Einsatzmeldungen der SS-Mordkommandos im Russlandfeldzug 1941 auch über die Schreibtische Tresckows und seines Adlaten Rudolf-Christoph von Gersdorff gingen. Hier zeigt sich das moralische Dilemma in voller Schärfe: Denn natürlich ist dieser Nachweis ja kein Beleg für eine Mittäterschaft; aber allein schon das bloße Mitwissen macht jemanden in einer Position wie Tresckow und Gersdorff schon mitschuldig. Gerade Gersdorffs Karriere – Tresckow nahm sich nach dem gescheiterten Attentat 1944 das Leben – zeigt exemplarisch die Realitätsblindheit des konservativen Widerstands:

Da steht einer eindeutig gegen Hitler, riskiert mehrmals sein Leben bei Attentats- und Umsturzversuchen, entgeht knapp der Verhaftung – und bleibt dennoch bis zum letzten Kriegstag auf seinem Posten, wird General, Stabschef einer Armee, Ritterkreuzträger, alles unter dem Oberbefehl von Adolf Hitler, kurz: Er tut nach außen hin so, als wäre nichts gewesen, mag er im Inneren auch noch so sehr in Opposition stehen. Kann man sich eine schlimmere Form der Selbstverleugnung vorstellen?

Zum Nicht-Handeln gehört, dass man nicht Wir sagt, sondern dass man Ich sagt

Auf diesen Habitus passt musterhaft, was Hannah Arendt in ihrem Buch “Eichmann in Jerusalem” über die so genannte “innere Emigration” sagte:

Über alle jene, die im Dritten Reich Stellungen, und oft genug hohe Stellungen, innehatten und dann nach dem Kriege sich selbst und der Welt erklärten, sie seien jederzeit ‘innerlich Gegner des Regimes’ gewesen. Nicht, ob sie die Wahrheit sagen oder nicht, ist hier die Frage; entscheidend ist, dass es in der ganzen geheimnisverseuchten Atmosphäre des Hitlerregimes kein besser gehütetes Geheimnis gegeben hat als solche ‘innere Opposition’. Das war unter den Bedingungen des Naziterrors fast eine Selbstverständlichkeit; wie mir einmal ein sehr bekannter ‘innerer Emigrant’ [ … ] versichert hat, mussten sie ‘nach außen’ sogar nazistischer auftreten als gewöhnliche Nazis, um ihr Geheimnis zu wahren.

Wirklicher Widerstand wäre entweder ein klarer, sehr wahrscheinlich ein hoffnungsloser Kampf gewesen, den man freilich niemandem abfordern kann, da wir wissen, welche Risiken er für den Betreffenden mit sich brachte; oder aber Nicht-Handeln, konsequenter Rückzug aus dem gesellschaftlichen Organismus überhaupt, freiwillige Isolation und Einsamkeit, so wie der Vater Hans von Joachim C. Fest sie beispielhaft vorlebte. Hannah Arendt:

In Wahrheit gab es nur einen Weg, im Dritten Reich zu leben, ohne sich als Nazi zu betätigen, nämlich, überhaupt nicht in Erscheinung zu treten: sich aus dem öffentlichen Leben nach Möglichkeit ganz und gar fernzuhalten war die einzige Möglichkeit, in die Verbrechen nicht verstrickt zu werden, und dies Nicht-Teilnehmen war das einzige Kriterium, an dem wir heute Schuld und Schuldlosigkeit des Einzelnen messen können.

Zu diesem Nicht-Handeln aber gehört, in Arendts Worten, dass man “nicht Wir sagt, sondern dass man Ich sagt”; dass man sich vom Spiel des Gesellschaftlichen, das nur allzu schnell bitterer, schmutziger und verbrecherischer Ernst werden kann, freiwillig isoliert; dass man auf sichere Posten und glatte Lebensläufe, auf schmucke Orden und hohe Ränge verzichtet hätte.

Man macht niemandem eine Szene: nicht der eigenen Ehefrau und auch nicht dem Führer

Doch gerade dazu fehlten der Elite: Adel und Militär, aber auch der Wirtschaftselite, der Wille und der Mut. Sie waren es zwar gewohnt, auf der Bühne zu stehen; aber als Statisten, wenn auch gut betucht. Sie lebten, mit Heideggers Wort, im “man”, und dies wurde ihnen zum Verhängnis: “Man” tritt ins Heer ein; “man” tut seine sogenannte Pflicht; “man” erhält das System aufrecht, um Schlimmeres – etwa den viel beschworenen Bürgerkrieg! – zu verhüten; “man” macht niemandem eine Szene, nicht der eigenen Ehefrau und auch nicht dem Führer, auch wenn die Ehe eine Farce und das Regime eine Mörderbande ist.

Das machte sie zu Komplizen Hitlers, und auch die wenigen, die dann wirklich am 20. Juli zur Tat schritten und dafür mit dem Leben bezahlten, waren in ihrer Haltung immer noch so sehr vom “man” bestimmt, dass sie in jenem Augenblick, in dem sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte wirklich handeln und nicht gehorchen sollten, bitter und tragisch versagten.

 

Obiger Beitrag wurde am 24. Juli 2011 im Rahmen der Sendung “Essay und Diskurs” im Deutschlandfunk ausgestrahlt. Nach der Veröffentlichung kam es zu heftigen Kontroversen im Sender sowie zu persönlichen Angriffen auf den Autor durch Hörer. © Konstantin Sakkas, 2011. Beitragsbild: Claus Graf Schenk von Stauffenberg als Hauptmann, ca. 1940. © Alamy.

8. August 1918 – Der schwarze Tag des deutschen Heeres 

Am 21. März 1918 begann die letzte deutsche Offensive: die „Große Schlacht um Frankreich“. Nach 1916, dem bisher schwersten Jahr des Krieges, hatte sich das Blatt 1917 durch die russische Revolution, den Sieg über Rumänien und das Scheitern der alliierten Offensiven im Westen für Deutschland gewendet. Allerdings waren im selben Jahr die USA auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten. Man rechnete damit, dass 1918 ihre Truppen in voller Stärke auf dem europäischen Festland angekommen würden. Gegen diese Übermacht würde Deutschland keine Chance haben.
Die Oberste Heeresleitung, die längst die faktische Macht im Deutschen Reich ausübte, sah sich unter Zugzwang. Durch den Frieden von Brest-Litowsk, der am 3. März 1918 zwischen Mittelmächten und bolschewistischem Russland geschlossen wurde, wurde eine Million deutsche Soldaten für die Westfront frei. Mit ihnen wollten Hindenburg und Ludendorff eine schnelle Entscheidung herbeizwingen. Ziel war ein Verständigungsfrieden. Es ging nicht mehr um Annexionen, wie sie einst im Septemberprogramm 1914 vor allem von den nationalistischen Alldeutschen lautstark gefordert worden waren, sondern nur noch um die Sicherung Deutschlands als souveräne Macht in Europa.

Keine Woche war seit der Ratifizierung des Brest-Litowsker Friedens vergangen, da gingen zweihundert deutsche Divisionen mit 3,5 Millionen Mann zum Angriff über. „Operation Michael“ war die erste von insgesamt fünf Offensiven im letzten Kriegsjahr. Drei deutsche Armeen griffen an der Aisne an, um einen Keil zwischen Briten und Franzosen zu treiben. Nach großen Anfangserfolgen geriet die Offensive ins Stocken. Nach der vergeblichen Belagerung von Amiens Anfang April wurde sie abgebrochen.

Unmittelbar im Anschluss ließ Ludendorff seine Truppen in Flandern vorrücken. Hier wollte er die britischen Truppen getrennt von ihren französischen Verbündeten zu stellen und zu schlagen. „Operation Georgette“, in deren Verlauf besonders heftig um den Kemmelberg bei Ypern gerungen wurde, verlief zwar erfolgreicher als „Michael“, wurde aber am 29. April auf Befehl Ludendorffs ebenfalls eingestellt. Er brauchte Soldaten für den entscheidenden Durchbruch, und der sollte, wie schon 1914, auf Paris zielen.

So begann am 27. Mai die Operation „Blücher-Yorck“. 42 deutsche Divisionen gingen an der Marne vor. Dank der flexiblen Stoßtrupptaktik drangen sie in den ersten Tagen tatsächlich 30 Kilometer weit vor, nahm 60.000 Franzosen gefangen und näherte sich Paris bis auf 92 Kilometer. Das „Paris-Geschütz“ feuerte mitten in die Stadt hinein. Parallel dazu griffen deutsche Einheiten an der Matz weiter nördlich an („Operation Gneisenau“), um Paris in einer Zangenbewegung einzunehmen. Doch inzwischen erhielten die Franzosen monatlich mehrere Hunderttausend amerikanische Soldaten Verstärkung, während die Deutschen ihre Verluste nicht ausgleichen konnten. Denn trotz der Friedensschlüsse mit Russland und Rumänien stand immer noch eine halbe Million Mann im Osten, um die eroberten Gebiete zu sichern. Schließlich verrieten deutsche Kriegsgefangene die Pläne ihrer Führung an die Franzosen. So konnte General Mangin den deutschen Vormarsch am 11. Juni bei Compiègne zurückschlagen. Gegen seine 150 Renault-Panzer waren die mangelhaft motorisierten deutschen Infanteristen machtlos.

Ludendorff unternahm einen letzten Anlauf. Seine fünfte Offensive, „Operation Marneschutz-Reims“, begann am 15. Juli. Sie zielte auf Reims, die alte französische Krönungsstadt in der Champagne. Doch auch diesmal machte ihm ein französischer Gegenangriff unter großem Panzeraufgebot einen Strich durch die Rechnung. Zudem war die deutsche Front um 130 Kilometer überdehnt, längst hatte sich das Kräfteverhältnis zugunsten der Westmächte verschoben. Am 6. August wurde die Offensive eingestellt.

Nur zwei Tage später gingen die Alliierten mit voller Wucht zum Gegenangriff über. Ihre „Hunderttageoffensive“ begann bei Amiens, wo sie die deutschen Linien durchbrachen und mehrere Kilometer tief vorstießen. Allein der 8. August 1918 kostete die Deutschen 30.000 Mann Verluste. Er ging als „schwarzer Tag des Deutschen Heeres“ in die Geschichte ein. Woche für Woche rückten die Alliierten nun vor, während es auf deutscher Seite immer häufiger zu Befehlsverweigerungen und Waffenniederlegungen kam. Vorrückende Soldaten wurden von ihren Kameraden als „Streikbrecher“ beschimpft. Die Offiziere waren nicht mehr Herr ihrer Mannschaften. Schließlich lag die Hauptkampflinie wieder auf der „Siegfriedstellung“ zwischen Arras im Artois und Soissons in der Champagne. Am 27. September 1918 wurde sie von drei alliierten Armeen bei Ypern durchbrochen. Nun war der Weg nach Deutschland frei. Die Oberste Heeresleitung, eben noch siegesgewiss, alarmierte die Regierung in Berlin und verlangte einen sofortigen Waffenstillstand. Der Krieg war verloren.

© Konstantin Sakkas, Ralf-Georg Reuth, 2016

Dieser Text erschien in Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München 2014.

Header: Frontverlauf Westfront September/November 1918. Quelle: Wikipedia

The age of the cyborg and us

Reflections on the present state of human history

Yuval Harari, professor at the University of Jerusalem and worldwide renowned author of best selling popular history books as ‘Sapiens. A brief history of mankind’, recently has stated that the ‘age of the cyborg has begun’. What however does this mean to us as men and as historic creatures? And: which age actually has ended, yielding ground to the beginning of the new age of the cyborg?

My answer is that nothing less has ended – or is in the process of ending right now – than what I am calling the ‘age of politics’. For the coming of age of the cyborg does not mean anything less than the beginning of a completely new age in human history at all. The common differentiation into the three big ages – antiquity, middle ages, modern period – with this historical turnaround definitely becomes obsolete. Those three ages all together form just what I am calling the age of politics.

I set the beginning of this political age at the turnaround from prehistory to ‘regular’ history, i.e. the beginning of fixed tribal settlement and agriculture at about 10.000 BC. Some millennia after this turnaround, the neolithic period fades out into the bronze age wich is marked by the rise of the first big empires in all over Eurasia, from China to Sumer and finally Egypt at about 3.000 BC. All historical processes in whose light we stand are basically initiated by this historical landmark about five thousand years ago. That is what I call the ‘age of politics’.

The age of politics after a 5.000 years rule has finally ended

This political age now seems to have come eventually to an end. Globalization fundamentally has transformed the common view and understanding of politics. Once an instrument of antagonism between tribes and nations living on different territories and fighting each other for the possession of the most prosperous and best accessible settling places, politics completely have changed their essentials during the 20th century. The epoch of world wars and nuclear warfare has led to a general stalemate of international political competition in the classical sense.

Due to the global network of men implemented by the digital shift, people in all over the world more and more are regarding themselves as children of just one and only tribe, i.e. of mankind at all. Frontiers more and more do no longer exist but on paper, territorial and economic obstacles which once conditioned human existence lose their importance to daily life and by this to humans self regard and see conscience at all.

The age of politics was the age of negativity

The age of politics was dictated by the principles of necessity and violence. Men regarded themselves as surrounded by numerous – physical and political – obstacles on whose overcoming they put most of their intellectual, physical and emotional force. All myths of the occident in particular were myths of violence and fighting, of suffering and its final overcoming.

The unsafe and unstable condition human existence was submitted to in this age not only determined politics, but even more the emotional access of men towards world and living. Challenges mainly were considered as insuperable obstacles imposed on men by god or higher powers which were to overcome only by miraculous power in return. The intellectual experience of negativity which stands at the beginning of ‘modern’, post-neolithic nation building thus romanticized man’s entire view of the world. The age of politics thus became the age of romanticism, too.

The age of politics was the age of romanticism, too

Romanticism soon infiltrated all spheres of human life and culture. From the Gilgamesh epos to Romeo & Juliet, romanticism dominated human imagination of both politics and love, i.e. the two essential areas of human self-development. Life was considered as an endless struggle against incalculable and imponderable powers, in political as in private life. Thus, the figure of the tragic hero became the role model of this entire age, from Gilgamesh himself to the late period of 19th century manliness with its specific mixture of mightiness and depression.

The industrial shift of the past 200 years which was originated by the rise of sciences during the early modern period the two centuries before transformed this disposition of human mind to the ground. Mankind slowly but continuously left the stage of romanticism and negativism and stepped forward towards the level of its full emancipation. Fear and doubt, two basic sentiments of human mind which had been enormously vivid during the history of ideas from the late middle ages until the pre world war 1 era, successively ceased to exert their domination on human mind. Instead, man started to expand economically and scientifically beyond the bounds until then seemingly fix and insuperable nature had set.

The 20th century thus became the age of space travel and computer technology. Shadowed by the vicissitudes of world war 2, both technologies spread their wings and turned out to be the decisive culture techniques of our time. Man started to leave behind the state of dependency and weakness and lifted up to new, unknown spheres, inside himself as well as outside, regarding his affective household likewise his grip on political relations and economic and scientific opportunities.

The age of the cyborg already starts in the middle of the 20th century

Thus, the triumph march of the cyborg is scripted already in the middle of the 20th century, immediately in the aftermath of the age of world wars. Besides classical politics which continue to play their traditional role, economy gains an until then unknown weight. Nowadays, it’s economy and no longer politics which most determines human self-development and human self-positioning in the world. Globalization and digital change have unleashed an unrestrained sense of personal freedom in each of us. In consequence, there are no more nations, but only one common and consistent mankind split up on different territorial positions – positions which can more and more easily be overcome by the means of modern tourism and job migration.

Our traditional – and particular european – view on history is fundamentally transformed. Sooner or later we will get used to look on history no longer as on a chain starting in the antiquity and leading via the middle ages to the so called modern period. Quite differently, we will start to differentiate between the prehistoric age (which widely is coincident with the stone age, i.e. the age of man as hunter-gatherer), the age of politics with a total duration of ca. 5.000 years staring with the big empires and ending with the cold war and the age of the cyborg whose birth process we are just witnessing.

Our view on history will be redefined

The age of the cyborg politically will no longer be determined by inner-earth relations, but by relations between earth and the extraterrestrial sphere as well as by relations between the global population and the globe itself. The real and most essential meaning of globalization is that whatever is concerned, is – or will be – concerned in the light of the entire globe, of earth and of mankind itself, and no longer in the light of a particular part of this mankind.

The green wave which is rooted politically in the civil right movements of the mid-20th century, ideologically though in the progressive movements of the early 20th century, has given the process of globalization the decisive drive and necessary framework. Economy soon will succeed with the redefinition of work and income, a process which, too, has already been kicked off and is getting the faster the faster working life, production chains and supply channels themselves are transformed by globalization and digital shift.

Bio-logic replacing onto-logic

We therefore are entering an entirely new age, an age where politics will no longer be determined by the pursuit of advantages in the access to survival resources, but where politics will be ‘bio politics’, as Michael Hardt and Antonio Negri have called it in ‘Empire’, however not in the original negative meaning, but in affirmative sound, referring to the bio-logic as the logic of the new age.

This bio-logic will – or rather already has – successively replace the traditional, negativitarian onto-logic which had been dominating the age of politics, i.e. human history for the last five thousand years. The age of existentialist negativity has come to an end. The age of active re-creating nature by man as natures’s most extravagant creature is about to start.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: http://www.bigthink.com

 

 

 

 

From Königgrätz to Europe

150 years ago, the answer to the German question was predetermined on a battlefield in Bohemia. Reflections on a historical landmark and its impact on today world politics

Awareness of both history and world politics is not the unique selling point of the united Germany’s public conscience. There is pretty much distance to the Prussian heritage on the one side, while on the other, world politics, as my generation was taught on high schools and universities in the Nineties and Zeroes, is supposed only to have existed until the so called turnaround in 1990, when German reunification seemed to make cease the cold war between the U.S. and Russia.

Nowadays, a quarter century after the wende and precisely one and a half centuries after Königgrätz, we know this to be wrong.World politics are more vital than maybe ever before, and Germany’s role as a nation has turned out to be the crucial point of the European question and the process of European unification. Man does not live in a sous vide, but unfolds himself as product of his circumstances which determine his action and feeling, and so do politics. Political life is embedded in a long and deep stream of conditions. Its longue durée is reaching behind decades, even centuries, and rarely, this is proved so properly as in the case of Königgrätz.

The great game between Atlantic and Eurasian world is on for three hundred years

When it came to the monumental and longtime foreseen breakup between Austria and Prussia in 1866, the great game between England and Russia, the two most powerful countries in the European world, was already on for more than a century. Thomas Piketty recently has shown how the contemporary distribution of wealth is rooted in the early 18th century. The same has to be said on world politics. The 18th century marks Europe’s great awakening from the long winter sleep it had been sleeping until then. This awakening was kicked off at once by the beginning of western European expansion to overseas and by Russia’s establishment as successor of the Byzantine empire which had fallen down in 1453 and which had been Europe’s link to the Eurasian world for a thousand years in the early modern period.

At about 1700, the claims thus were set, and the games could begin. England finished its empire building by submitting large parts of North America, while Russia under the rule of the rude, but skilled tsar Peter the Great stepped forwards to the West, seeking for an ally as entry to the western world. There were two natural allies determined to this role, the already mighty Habsburg monarchy in the south and the tiny, but vigorous electorate Brandenburg, which had relaunched itself as kingdom of Prussia in the North.

Half a century later, in the middle of the frictions of the seven years war, things were ordered more accurately. England, which first had supported Prussia under its heroic and western educated king Frederic the Great, made peace with France, until then the catholic traditional enemy of the Puritanic British monarchy, in 1762, while Russia, until then eager to swallow the little Prussia and to set a step into middle Europe, switched sides and by this not only saved Frederic his crown and country, but clandestinely determined its role as Russia’s first and most important western ally, as the historian Jacob Burckhardt called it one hundred years after.

Making peace with Prussia and allowing it by this to develop further as a now full ranking member of the west European political system, Russia did not cease expansion. On the contrary, it turned its view on  the Eurasian theater again and started to conquer new territories which until then adhered to the faltering Ottoman Empire whose decline had begun – again – in 1700, when prince Eugen had defeated the Turks beleaguering Vienna and expelled them from the Northern Balkans. The tsarina Catherine the Great attacked Poland, conquered a part of the Ukraine which wittily was named Novorossija (new Russia) and even planned to deliver Greece and Romania from the Ottoman yoke, of course on the purpose to incorporate them into a larger Russian Empire then reaching from the Siberian deserts to the banks of the Adriatic and Ionian Seas.

How Europe became pivotal to world politics

However, Catherine’s ‘Greek project’ was a failure, as was British domination on North America. In the 1770s, once again the claims were reset: the British were expelled from North America by the colonists uprising who no longer wanted to get orders from an absolutist central power seated 6.000 kilometers away from them. The Russians, on their side, failed at moving into central Europe beyond the glass ceiling which started at the Baltic sea and went down through Eastern Europe to the Aegean Sea in the South. After the Roman expansion in the antiquity and the Islamic expansion during the middle ages, Europe for a third time became pivotal as the future battlefield of atlantic-eurasian confrontation.

As often in history and in life, being put under double pressure unleashes all the powers concentrated in the target area of this pressure. 1770 was the final kickoff not only of the great game between Atlantic and Eurasian world, personified the one by first England, then America, the other by Russia, later the Soviet Union; it was, too, the kickoff of industrialization which rapidly transformed Europe from the almshouse of the world to its wealthiest and most prosperous region. The tiny peninsula on the western banks of the gigantic tectonic plate generously called Eurasia (although most of it is not Europe, but Asia), almost from one day to another revealed itself as the tipping point of world politics. Not only economic and social life profoundly were transformed; even more, European politics became the battlefield of two concurring conceptions of reordering the world at all, and thus became the promised land of a novus ordo seclorum to be scripted by either the Atlantic or the Eurasian block. –

It was in the light of this geopolitical framework, that, in the morrow of July 3rd 1866, two Prussian armies from different directions moved on to an obscure Bohemian town called Königgrätz to the final duel with their Austrian rivals, a duel which everyone in the world knew it would be decisive. It was in the light of a seldom situation of international detente, that Otto von Bismarck, the then prime minister of the kingdom of Prussia, a Pomeranian ‘junker’, sufficiently brutish and highly skilled at once, could launch this attack which most of the observers in media and politics blamed to be silly and suicidal. Like a soccer match between two teams equal in the rank, the whole thing was unsafe for many hours, until, at about high noon, the avant garde o the 1st Prussian army eventually arrived on the battlefield and by this completed the encirclement plan cunningly set by the Prussian chief of the general staff, Helmuth von Moltke. The Austrians, at once surrounded from three sides by Prussian troops, had to withdraw – not only from the battlefield, but from Germany, leaving the solution of the German problem officially to Prussia in the ceasefire of Nikolsburg, which was stipulated three weeks after they disastrously were defeated at Königgrätz (or, as the French and British called it, Sadowa). Prussia now was the master of central Europe, and Bismarck, the Pomeranian cuirassier, was its mastermind.

German unity a product of both Atlantic and Eurasian benevolence, 1866 as well as 1990

The whole show would not have taken place, had not Russia, as we said Prussia’s traditional ally since the 18th century, concludingly allowed Bismarck to act as he acted. Ten years before, Russia’s tsar Nikolaj I had been terribly disappointed by Austria opposing its expansionary plot concerning the Black Sea and the Balkans in the Crimean War (1853-56) and  switching from the reactionary Russian to the western block formed by England and France who together with Austria eventually stopped the Russians on the Crimea. Austria, however, took away little earning from this ‘betrayal’ of its old friend Russia. Prussia, on the opposite, now could act independently in order to fulfill its historical mission: unifying Germany.

It was in 1867, barely a year after the decisive victory at Königgrätz, that the North German confederation was proclaimed, a Prussian dominated alliance of all German states except Bavaria, Württemberg, Baden and Hessen, which was the first modern German national state in history at all. The final unification which took place four years later in the middle of the France-German-War at the notorious kaiserproklamation at Versailles, juristically was not but the declaration of accession of the four mentioned states to the North German Confederation (which then consequently was renamed into German Empire). More than Sedan, Metz and the defeat of the highly armed, but unhappily acting French in 1870/71, it was the Prussian victory at Königgrätz which accomplished the German unification and thus set the claims for the development of Europe in the further one and a half centuries.

In 1866, the German question turned out to be a European question

For from now on, world politics had to reckon on Germany. From now on, Europe had not only one (France), but two strong and vigorous national states, both gifted with the benefits of industrialization and enlightenment, both eager to establish Europe as the world dominating continent. The German question turned out to be a European question – a question, which was to be discussed not only by the European powers themselves, but, in far more broader terms, eventually by the two wing powers of world politics, England, later the U.S., in the West and Russia in the East. It was only in 1917, the year of the Russian revolution and the U.S. entry to the 1st world war, when this picture turned out to be the actual bigger picture of 1866, but it is the bigger picture, and we have to look at it, then and now.

Look at the bigger picture

Europe never was strong unless it was embedded into a larger political system. During the most time of the antiquity, there was no Europe in the contemporary meaning of the word at all. Then, in the course of the Roman expansion, the benchmarks of what we are used to call western Europe carefully were set. Europe then was not an independent subject of politics, but merely the western wing of the Roman Empire. This Roman Empire, however, was an oriental Empire, offspring and successor of the past oriental Empires of Assur, Persia and Greece, with a Greek idiom called Latin as lingua franca and its power center in the triangle of the east mediterranean Sea, Syria and North Africa. Spain and later Gallia (France) were not but an atlantic appendix to this oriental-levantine conglomerate.

During the middle ages, after the breakdown of Rome under the Germanic invasion, Europe was, as we have said it already, sleeping a long but uncomfortable sleep of meaninglessness, from time to time harassed by another oriental expansion, this time managed by the Islam which has sprung off from the debacle of Roman imperial power in the East in the 7th century, in the aftermath of the destruction of the central power two centuries before. Only with the kickoff of overseas expansion in the 15th and 16th century, motivated by the indescribable state of poverty and indolence Europe had been in for thousand years, the continent started to develop a sort of geopolitical self-confidence.

European overseas expansion in the early modern period leading to the Atlantic-Eurasian setting

This process, however, did not result in the establishment of a powerful and united Europe, although numerous attempts were made on this purpose; but, as we have lined it out above, in the establishment of an Atlantic and an Asian Empire, the United States of America (which just played on more effectively the role played for so long time by Britain) and Russia. When Germany hat accomplished its mission of unification in the semi decade 1866/71, it was clear to everyone that it would now attempt to form Europe into an independent continent block (with itself as spiritus rector, naturally), able to act as arbiter mundi towards both the Atlantic and the Eurasian side. It is clear, too, from the posterity’s point of view, that Germany necessarily had to fail at this target as France under Napoleon had failed at it fifty years before.

Instead, two world wars later, the wing powers U.S. and Russia split up Europe, finally suffocating all continental attempts of establishing Europe as central power of the world (the first had been made by Napoleon, the second and third by imperial and then Nazi Germany). By dividing Europe on the conference of Yalta in early 1945, however, they did not solve the European problem, but merely postponed it on their agenda. As a result, Europe became now what it had been dreaming on for so many centuries: the most prosperous and peaceful region of this earth, while the wars of the new age were now fought on other, seemingly peripheral territories.

History did not come to an end, neither did world politics

However, history did not come to an end, in neither 1945 nor 1990. Shortly after the reunification of 1990, which definitely was not the work of some East German up-risers, but arose from a secret agreement of the U.S. and Russia, both tired of investing millions of men and trillions of dollars into maintaining the European status quo, the great game between West and East turned out not to be over at all. Operation desert storm in 1991, Nine Eleven in 2001 and now the Syrian war in 2011 are the three most obvious benchmarks of the clandestine (to European eyes, because to those of all others, things were maybe clear from the beginning) continuation of the classic great game, now fought again on its traditional oriental theater instead of the feeble and highly dangerous European, where each mainfest armed confrontation would have turned out shortly into a nuclear holocaust.

The U.S. and China as wing powers of world politics

Of course, there has been a further shift in international relations, influencing the setting of  the great game, too. It is no longer Russia, but China, which will dominate the Eurasian plate, whereas in the West, the U.S., rid of the ‘European burden’, do no longer act simply as the leader of the free world and loyal and generous stepson of Britain, but as the independent western wing power it actually is, as England has been before it for some centuries. Both countries, the U.S. and China, are supranational nations, which grants them an inestimable advantage towards Europe, both are ruling with ancien regime methods regarding inner and foreign politics, both are acting as motors of the digital change. Finally, both are assuring, with more or less success, the stability of their middle classes, for it is the middle classes which always has taken the lead in political, cultural and economic progress (thus, the process of European expansion in the early modern period was a project of the then European ‘middle class’, and its first and most durable result was the creation of a stable and ever growing middle class of merchants, bankers, manufacturers and artists in Europe).

The globalization claim must not deceive Europe about its own geopolitical situation which is maybe more feeble than it has been ever before. As long as there will be men, there will be families, and as long as there will be families, there will be need for settling down in a surrounding economically and politically agreeable. It is capitalism which has brought so  much comfort and prosperity to the world, especially to Europe, and it is a financial crisis (i.e. a crisis of capital) mixed with a refugee crisis which now is rattling Europe’s fundaments to the ground.

To Europe, the cold war was in fact a cold peace

As long as the forces were gathering, Europe could grow and flourish, in a long run from the early 18th till the late 20th century, benignly shielded by those forces’ – England’s and Russia’s – mutual interest in it. It was a unique constellation of ambiguity which allowed Bismarck in 1866 to go over the top and forcing Europe to acknowledge German unification and, by this, at least to try to upgrade Europe to a power of its own. Have a look on the picture above: the king of Prussia, uncle to the then tsar of Russia, gives shake hands to his son, the crown prince, son-in-law of the then queen of England. Both, England and Russia, were more or less benevolent to the project of German unification and thus let Bismarck do his work, in 1866 as well as in 1870 when Russia stood still at Prussia’s eastern flank, while England, against many expectations in France, did not intervene on French ground against the German troops. A century later, both again – albeit England now was called America – were benevolent enough not to make perish Germany (and with it sooner or longer Europe), but to impose a cold war on Europe, which actually was a cold peace, bringing wealth, social rise and global mobility to millions of Europeans.

The world powers’ benevolence toward Europe is over

Today, war is no longer a measure of politics, due to the nuclear shift in warfare. Terrorism and financial disarray are. The era of the world powers’ benevolence towards Europe is over. Contemporary wars, especially as they concern Europe, are asymmetric wars, their battles are state bankruptcy and social default. Europe’s nation building during the 19th and 20th century in a certain way was only leased from the well calculating benevolence of the great powers, and the same – with regard to the era of European reconstruction from 1945 to 1990 – has to be said on Europe’s social welfare system. A unified Europe, however, concertedly acting on world politics, has not turned out from 1990’s political shift. The oriental crisis is a crisis fought between the U.S. and Russia over predominance on the ‘Eurasian Balkans’, as Zbiginiew Brzezinski has named them, and the grand economical guidelines, however, are drawn by the U.S. and China. The E.U.’s impact on those issues, on the contrary, may be neglected.

Europe is falling apart, Great Britain is about to leave the E.U., and there is growing reactionary opposition from mostly right-wing parties in all over Europe against the refugee movement from the devastated orient towards Europe. If there was any European mission connected to Königgrätz, it now is highly in danger. Europe in the end is only a conglomerate of national states, not unlike the oriental world with its numerous different ethnic and religious groups, although on a higher development level. Some Europeans may be dreaming of a Europe of regions, ignoring however that a Europe of regions can only exist successfully in a broader political framework.

The world powers are of nothing more afraid than of a United States of Europe

The idea of a ‘United States of Europe’, however, is widely repelled by people and political elites as well. By the ones, because they are afraid of their nation’s ‘sovereignty’ (somewhat completely old fashioned in the 21st century’s Europe); by the others, because they are knowing (or at least suspecting) that nothing would frighten (and thus call to action) more the great powers, the U.S. on the one, Russia and China on the other side, than a finally united Europe which thus would be secured against foreign attacks and inner disorder as well, besides of forming an economy stronger than that of China and almost as strong as the U.S. American.

Thus, the day of Königgrätz sheds its light still on the constellation of nowadays world politics. It shows how entangled the course of German and European politics is in the global agenda, and how endangered they are in the light of a globalization which not only takes place on economic, but on political ground, too. The further destiny of Europe will possibly be decided in the next ten to twenty years, with an outcome as unsafe and thrilling as that of Königgrätz one hundred fifty years before today.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Emil Hünten, the battle at Königgrätz, 1866. Deutsches Historisches Museum,  Berlin/Germany. – The picture shows the Prussian crown prince Frederick William, commander in chief of the 1st Prussian army who led the decisive attack this day, awarded the Pour le mérite on the very day of the battle by his father, king William I. Left behind the latter, the Prussian prime minster Otto von Bismarck.

Castel del Monte und Sanssouci oder Die beiden Friedriche. Historisches Fragment

Der Staufische und der Zollernsche Friedrich, Federico Secondo und der Große König, das Kind von Apulien und Europas verlorener Sohn: gegensätzlich nicht unbedingt, aber unterschiedlich, zueinander unbezogen scheinen diese beiden allerdings dazustehen, umso mehr, da die Geschichtswissenschaft, die deutsche wie die europäische, beide nie in den Kontext, in die Beziehungs zueinander gerückt, in welche sie gehören, sie dagegen stets separat und als Kinder ihres jeweils eigenen Zeitalters betrachtet. Zwischen der Geschichte des Mittelalters und jener der Neuzeit verläuft in der Geschichtswissenschaft, der deutschen, sehr strengen zumal, ein tiefer Graben, seit die moderne Geisteswissenschaft Abschied nahm von dem universellen und universalhistorischen Anspruch, mit dem sie einst in die Welt trat. Eine vergleichende Betrachtung, eine Parallelbiographik über die Zeitalter hinweg konnte so nie stattfinden, und wo sie es doch tat, zog sie sich den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit zu, der Illegitimität.

Derlei Vorbehalte interessieren hier freilich nicht. Uns geht es um Wahrheit. Hat die Postmoderne unter dem Diktat der Richtigkeit, welche ein Pragma, kein Dogma ist (denn ob ein elektrischer Anschluss richtig steckt, eine elektronische Datenübertragung richtig abläuft, bewahrheitet sich nicht, sondern zeigt sich schlicht), hat nun die Postmoderne unter jenem Diktat das Fragen nach Wahrheit auch verlernt; so ist darum die Wahrheit selbst nicht aus der Welt. Statt der Naturwissenschaft, der königlichen Wissenschaft, sinnlos nachzueifern, an deren Pragmatik der Richtigkeit sie stets wird scheitern müssen, sollte und müsste die Geistes- und ionsbesondere die Geschichtswissenschaft vielmehr wieder den weg der Wahrheit gehen, die Suche nach der Wahrheit annehmen. Das schließlich ist ihre Aufgabe bei der Vorbereitung politischer und religiöser Theorie, welche wiederum das Politische, gestern wie heute, bestimmen und welche durch die Arbeit von Presseagenturen, Think Tanks, Medien und Bloggern in die Welt hinein gegeben werden. –

Beide, der staufische wie der preußische Friedrich, waren Reizfiguren, Spalter, nicht Versöhner, zu ihrer Zeit und über ihren Tod hinaus. Beide waren zudem Heimatlose – eine Kondition, die der eine durch exzessives, wenn auch durch sein Regentenamt motiviertes Reisen zu temperieren suchte, während der andere, wiederum einer Gepflogenheit seiner Zeit folgend, sich für sein Herrscherleben auf das Territorium des ihm zugefallenen Königreichs zurückzog und dies nur, ausgerechnet, zu kriegerischen Zwecken dann und wann verließ. Des preußischen Friedrichs einzige Auslandsreise führte den frischgebackenen achtundzwanzigjährigen König im Sommer 1740, inkognito, versteht sich, nach Lothringen, das älteste und auch rangälteste Stammland des Heiligen Römischen Reichs, dessen Glied seine brandenburgische Markgrafschaft und damit auch er waren, ein Land freilich, das soeben den Regenten gewechselt hatte und nun, wenngleich für eine gewisse Dauer noch formaliter unabhängig, zu Frankreich gehörte.

Friedrich, der Staufer, das sagt schon sein „apulische“ Beiname, war nicht einmal dem Namen nach der Deutsche, als den man ihn politisch-historisch zweifelsohne ansehen darf und muss. Der Sohn eines schwäbischen Fürsten und einer italienisch-normannischen Prinzessin, der Tochter Rogers des Zweiten von Sizilien und somit Großnichte Robert Guiskard, jenes aus Frankreich nach der Halbinsel verschlagenen Desperados, der dem Kaiser Romanos IV. Bari, Byzantions letzten italienischen Stützpunkt, wegnahm, dieser Frau, Konstanzes von Sizilien Sohn also verbrachte die meiste Zeit seiner Herrschaft wiederum, trotz seines Deutschtums, außerhalb der Grenzen des Reiches, vorwiegend in Italien, wo er auch geboren war. Dessen Süden, der Mezzogiorno, Sizilien war damals das Phantasien, das Märchenland des Okzidents, in etwa jenes Land, welches später die beiden Amerikas werden sollte und von dem es im Zauberer von Oz heißt, es müsse irgendwo hinterm Regenbogen liegen.

In diesem phantastischen Landstrich, der siebenhundert Jahre lang, von jenem zweiten Roger bis zum Zug der Tausend Garibaldis im neunzehnten Jahrhundert, ein sonderbares eigenständiges Königreich bildete und der sich doch nie in eine reguläre Staatlichkeit nach nordeuropäischem Vorbild finden konnte, baute sich der Kaiser Friedrich sein eigenes Märchenschloss mit dem stolzen Namen Castel Del Monte, Bergschloss, was stets ein wenig wie Castel del Mondo klingt, wie Burg der Welt. Der Welt, dem Weltganzen Burg, Geborgenheit bieten, es bergen wollte der schwäbisch-fränkische Mischling, dessen Stammburg Hohenstaufen, im malerischen Filstal nahe Göppingen gelegen, noch innerhalb der Grenzen des alten Limes fiel, die zugleich die Grenze zwischen der alten römisch-keltischen und der neuen, slawisch-germanischen Zivilisation auf dem Gebiete Deutschlands markieren. Er, Friedrich, war noch ein Kind des Limes, war ein Schwabe, ein Sohn Roms, und indem es ihn nach Sizilien zog, zog es ihn an die äußerste Spitze des weströmischen Reiches, dessen Nachfolge sein Vorgänger auf dem Thron zu Aachen, der große Karl, Papst und Kaiser einst abgetrotzt hatte (genauer: der griechischen Kaiserin Irene der Athenerin, welcher sophistische westfränkische Hofgeistliche sinnigerweise die Befähigung zum Kaiseramt und zur Nachfolge Augustus’ und Konstantins absprachen).

Die Geschichte Siziliens ist die Geschichte eines geographisch-politischen Zwitters. Es nimmt während der klassischen Periode im Altertum die Stelle als Bindeglied zwischen Ost und West ein (wobei der Osten damals der zivilisierte, der Westen der wilde Teil des Mittelmeerbeckens war), die im Großen Kleinasien einnahm als Bindeglied zwischen dem Orient, dem Land Sumers, Babylons und Ägyptens, und dem minoisch-mykenischen Westen, aus dessen Anfängen nach dem Fall Trojas langsam erst eine Hochkultur herausschälte, wie sie im Osten bereits zweitausend Jahre lang bestanden hatte.

Dieses Sizilien behielt seine Mittlerrolle auch über den Fall Westroms, die gotische Landnahme, die Wiedereinsetzung der griechischen Herrschaft durch Justinian und Herakleios und schließlich die beginnende arabische Invasion hinaus. Früh, noch als Kleinkind, erbte Friedrich die Krone Siziliens, nach dem Tod seines Vaters Heinrich im Jahr 1197. Früh sah er sich zerrissen zwischen der deutschen Pflicht und dem italienischen Frohsinn, zwischen der mühseligen, kleinschrittigen Regentenarbeit im Reich und der leichtfüßigen, genialisch hingeworfenen, aber eben auch bequem vom großen Welttheater abgeschatteten Herrscherberuf auf der Insel.

Friedrich, ein großer Weltsüchtiger, früh Waise, früh isoliert, sofort hingeworfen auf Überlebenskampf, auf die Macht fixiert um des bloßen, physischen Fortbestandes willen, viele Frauen verbrauchend, war nun, wie alle Weltsüchtigen, zugleich ein großer Weltflüchtiger. Sein Oz war Sizilien, seine Insel der Seligen war es, sein Camelot.

Camelot! Überhaupt Camelot! Wenn es ein deutsches Camelot des Mittelalters gab, dann dies, Castel Del Monte, das Märchenschloss, in dem der Falkner und Briefeschreiber, in so vielen Sprachen gewandt wie kaum einer seiner barbarischen Zeitgenossen, seinen Traum vom eu zen, vom gut leben lebte, ihn auslebte und darüber sich mit der Welt, die ihn nicht verstand, nicht verstehen wollte und konnte in ihrer unendlichen, idiotischen Plattheit, zerkrachte. Zweimal exkommunizierten ihn ein alter, bärtiger Mann in Rom, dieser Kloake des Mittelalters, dieser zum Dorf heruntergewirtschafteten ewigen Stadt, die doch nur ein ewiges Ghetto war, zerrissen und zerschossen von den ewigen Sippenfehden seiner Patriziergeschlechter, die Raubritter im Gewande von Stadtbürgern waren! Zweimal warf der affige alte Mann, der sich in die Toga der Quiriten von einst kleidete und einen lustigen Hut mit drei statt, wie beim Kaiser, nur einem Reifen auf dem Haupt trug, den Bannstrahl auf ihn, auf Federico, den Herrn der Welt und stellte ihn auf eine Stufe mit Vogelfreien, mit Wilddieben, Häretikern und kräuterkundigen Huren, auf die Schandpfahl und Scheiterhaufen warteten. Das ihm, dem Kaiser, dem Herrn der Welt, dem stolzen, ja sogar einzigen Träger des Kaisertitels!

Dem einzigen, ja. Friedrich war keine zehn Jahre alt, da stürmten deutsche und französische Ritter das schöne, stolze Konstantinopel, dieses prächtige und zugleich irgendwie doch wunderliche Relikt einer längst vergangenen, untergegangenen Zeit, plünderten es aus und trieben, angestachelt vom venezianischen Dogen Enrico Dandolo, einem hasserfüllten alten Männlein, ihren Mutwillen mit den reichen Gütern und den stolzen Menschen dieser Stadt, der Kapitale der christlichen Welt. Einen Kaiser, der tatsächlich regierte, hatte dieses Kaiserreich der Römer, das erst eine spätere Zeit Byzanz nannte, da schon nicht mehr, und so konnten sich die fränkischen Herren dort installieren und ein eigenes, das lateinische Kaiserreich ausrufen.

Es gehört zu jenen Zufällen der Geschichte, die eben keine Zufälle im herläufigen, idiomatischen Verständnis des Wortes sind, dass Friedrichs des Zweiten Regierungszeit ausgerechnet in jene Epoche, jenes halbe Jahrhundert fällt, in dem der byzantinische Thron vakant war. Von 1205 – da war der kleine König von Sizilien gerade elf Jahre alt – bis 1261 – da war er gerade elf Jahre tot – regierte im einst so stolzen Konstantinopel der Graf von der Champagne und seine Verwandten und deren Nachkommen, während die byzantinischen Geschlechter sich neue, kleine Reiche, freilich mit den alten wohlklingenden Titeln installierten, die Laskariden in Nizäa, die Komnenen in Trapezunt. Ein Ostrom gab es in dieser Zeit, trotzdem der Kaiser in Nizäa als sein Prätendent auftrat, faktisch nicht, und so konnte der Staufer sich in der Tat als Herr von Osten und Westen, als Kaiser des gesamten Römischen Reiches fühlen.

Das hatte es seit Justinian, der das alte Reich durch die schwererrungenen, blutigen Siege über die Goten im sechsten Jahrhundert nochmals, das letzte Mal, geeint, der sogar Nordafrika wieder an dieses Reich herangeführt hatte, nicht mehr gegeben. Der italienische Westen ging dem byzantinischen Kaisertum in den nächsten Jahrhunderten verloren, und Karls des Großen Kaiserkrönung durch Papst Leo am Weihnachtstage des Jahrs 800 vollendete beziehungsweise remanifestierte, was mit dem Fall Westroms an die Thüringer vierhundert, oder auch schon mit der Diokletianischen Reichsteilung fünfhundert Jahre zuvor schon eingetreten. Ohne es direkt beabsichtigt zu haben, ohne darin eingebunden zu sein, ein Kind, das er damals war, hat der König-Kaiser Friedrich geschafft, ja: bereits fertig vorgefunden, wovon die Kaiser vor ihm, die Kaiser der Kreuzzugszeit stets nur geträumt hatten: ein legitimes Gesamtkaisertum über Okzident und Orient, von Lothringen und dem Arelat tief im heutigen Frankreich bis hin nach Anatolien und Jerusalem.

Friedrich war es denn auch, der den Jerusalemer Königstitel, der bei der Familie Montferrat gelegen, über deren Erbin Jolanda von Brienne, seine zweite Frau, ins Titelregister der römisch-deutschen Könige und Kaiser hineinholte. Über ihn, den Staufer, über seine Ehe mit der jungen, hübschen Königin ging dieser höchste Titel der Christenheit über ins Erbe der habsburgischen, dann bourbonischen Könige von Spanien und der habsburgisch-lothringischen Kaiser von Österreich.

Die Herrscherjahre Friedrichs sind wie ein Vakuum zwischen hohem, „klassischem“, und spätem Mittelalter, wie ein Zwischenakt zwischen der alten Ritter- und der jungen Städtezeit, zwischen dem ungeschliffenen, aber mythenumrankten Barbarentum der romanischen und dem immer feineren, aber auch schwermütigeren und neurotischeren Chiliasmus der gotischen Epoche. Der Renaissance des zwölften Jahrhunderts ließ der Staufer seine eigene Renaissance folgen. Die Bücher der antiken Weisheit, der durch die Griechen gesammelte und konservierte Schatz des alten Orients, dieser Gral des europäischen Geistes lag offen und entsiegelt vor ihm, dem Gebieter über Trinakria, die alte Magna Graecia, das Einfallsgebiet der Sarazenen und verlorene Exarchat der Byzantiner, von wo aus er, im unmittelbaren Umfeld jäh und mühelos durchregierend mit harter Hand und brutalem, aber packendem Griff, Schriftverkehr pflegte mit dem Kaiser, dem andern Kaiser, den es ja doch irgendwie gab, in Nizäa, der alten, ehrwürdigen Konzilsstadt, Geburtsstätte der christlichen Riten, und mit dem arabischen Sultan. Mit letzterem, dem Ayyubiden Al-Kamil (die osmanischen Türken traten erst ein halbes Jahrhundert nach Friedrichs Tod die Herrschaft an), schloss Friedrich gar einen Friedensvertrag, zu Jaffa im Jahr 1234, was ihn in den Augen der beharrenden, phantasielosen römischen Kirche vollends zum Antichristen stempelte.

Weltlos wirkt er auf uns, viel weltloser als sein Großvater, der erste Friedrich, der den Enkel auf vorhersehbare Weise im neunzehnten, geschichts- und weltbewussten Jahrhundert aus der kollektiven Erinnerung, aus der staufischen Mythe verdrängte. Der da im Kyffhäuser im Thüringer Sachsenwald, hoch über der Bauernkriegsstadt Frankenhausen thronend sitzt und der Wiederkehr harrt: den zweiten, andern Friedrich meinten sie ursprünglich damit, nicht den ersten, rotbärtigen, den teutschen Biedermann, der, obwohl auch gebannt und Begründer des staufischen Kampfes gegen die Kirche, pflichtschuldig, wenn auch nicht heldenhaft den Kreuzfahrertod starb, als er 1190 im Kalykadnos ertrank, dem kleinasiatischen Strom, in dem badend sich einst schon der große Alexander beinahe den Erkältungstod geholt hätte. Bis dahin, bis zur Moderne, die mit dem ungreifbaren, unnachweisbaren Mittelalter ihre Schwierigkeiten hatte, meinte das Volk nicht diesen, sondern jenen, den Halbitaliener, den Apulier und Normannen, hellhaarig vielleicht auch er, aber ganz anders in seiner Art und seinem Wesen, wenn es vom großen Kaiser sprach, der wiederkehren würde, das Reich aufzurichten, das es nicht mehr gab.

Gegenüber diesem großen Weltlosen, diesem Napoleon des dreizehnten Jahrhunderts, dessen Leben eines Stendhal würdig gewesen, nimmt sich der Chevalier de Brandenbourg, Frédéric le philosophe, langweilig und bieder aus. Das ist freilich nicht dem Menschen Friedrich geschuldet, nicht seinem Charakter, sondern seinem Schicksal. Der Geschichtsgang Europas hatte die Schwelle zu Resignation und zu Schwermut bereits überschritten, als Prinz Friedrich von Preußen an einem Sonntag im Jahr 1712 zur Welt kam. Er hatte im Haus den Wassermann, der Staufer den Steinbock. Noah und Amalthea, der Weltertränker und die Götteramme, hier Luft, dort Erde in der Sonne: widersprüchlich, gegensätzlich sind beide Typen einander, und doch verbindet sie das Nervöse und Unstete, die Unruhe und die Hast: äußerlich diese beim Preußen, innerlich beim Staufer. Dieser ein Getriebener, der sich mit den Grenzen, die sein Zeitalter ihm mannigfaltig zog, nicht abfand und sein gewalttätiges Genie darein investierte und darin verbrauchte, diese Grenzen niederzureißen; jener ein Gehetzter, der sich gern mit der bequemen Rolle des Prinzgemahls und englischen Statthalters im ruhigen, beschaulichen und damals schon sehr aristokratischen Hannover beschieden hätte, dem aber durch das Zeugungsorgan des Vaters und den vorzeitigen Tod zweier älterer Bruder das Schicksal vorschrieb, König zu werden, und zwar König eines kleinen, schwachen und noch aufstrebenden Staates, eines Staates, der ganz am Anfang stand und dessen Mission es war, das römische Kaisertum, das in der Hand des Erzherzogs Karl, seines Namens der sechste Erwählte Römische Kaisers, lag, zu beerben. Dieser Karl übrigens war – eine eigenartige Form, wie translatio imperii sich manifestiert – der Taufpate des Prinzen Friedrich, der mit vollem Namen Friedrich Karl, nicht, wie sein Vater, Friedrich Wilhelm hieß, und sein Tod am 20. Oktober im Jahr des Heils 1740 leitete die Epoche Friedrichs ein und die Epoche der Großen Politik in Deutschland.

Friedrich heißen wollte dabei der eine so wenig wie der andere. Federico und Frédéric, so hießen sie sich selbst und ihrem nahen und fernen Umfeld ein Leben lang, und in ihrer beider Fall war es erst die glorifizierende Nachwelt, genauer: die Nachwelt des neunzehnten Jahrhunderts und des aufkommenden deutschen Nationalgefühls, die aus Federico il falconiere und Frédéric le philosophe, die aus dem Welschen und dem Französling deutsche Helden machten.

Es liegt hier eine Besonderheit des deutschen Geschichtsgangs, der zugleich verweist auf die Besonderheit der deutschen Territorialität, dass nämlich seine Größten der eigenen Nation, um die so viel Aufhebens gemacht wurde in unserer, in der deutschen Geschichte, entweder nicht ganz angehörten, oder sich ihr nicht ganz angehörig fühlten. Karl der Große war vielleicht mehr Deutscher als Franzose, aber vor allem anderen Franke (dies so sehr, dass die regimekonforme Geschichtswissenschaft des Nationalsozialismus, wie etwa Wolfgang Venohr in seinen Memoiren berichtet, ihn explizit als „Karl den Franken“ oder „Karl den Sachsenschlächter“ verschrie). Karl der Fünfte wurde in Gent geboren, hatte eine spanische Mutter und verstand sich zeitlebens als Burgunder, was schon damals keiner validen staatlichen Kategorie mehr entsprach. Schon er sprach, obzwar der Staat der Valois damals noch in der Kinderschuhen steckte und mehr als einmal um ein Haar vom großen Gegner im Süden und Osten geschluckt worden wäre, das französische Idiom besser als Deutsch und übrigens auch Spanisch. Rudolf der Andere, das verrückte Genie auf dem Hradschin, das der eigene Bruder hochverräterisch, aber unbeanstandet durch Hof und Klerus das letzte Jahr seines Lebens auf seiner eigenen Burg, ins einer eigenen Residenz in schmählichem Hausarrest hielt, fühlte als Böhme und sprach lieber Tschechisch und Spanisch als das zopfige, unorganisierte Deutsch seiner Epoche, Grenzgänger er selber zwischen dem großen, weiten und tiefen europäischen Osten und dem atlantischen Flügel des Kontinents, wie Mark Aurel stets im Sattel, die drohenden Türken zu bekämpfen, und wie jener eigentlich ein Geistesmensch, Tagträumer und Melancholiker, dabei ungeheurer sinnlich und von Geistesgaben so mannigfaltig, das das Zeitalter, wie bei Federico, nicht ausreichte, ihm Möglichkeiten zu ihrer Erschöpfung zu gewähren. Albrecht Waldstein schließlich, den Grillparzer im Bruderzwist unhistorisch auf Rudolf treffen lässt, liebte den italienischen Stil, fiel ins Italienische, sobald er, soweit er dies konnte, sein Innerstes auftat, und lebte auf seinem Friedland das Leben eines italienischen Renaissancefürsten mehr als das als eines deutschen Duodezpotentaten. Deutsch fühlte von diesen exemplarischen Deutschen keiner sich.

Auch die Preußenkönige waren erst schwäbische Fremdlinge im fränkischen Nürnberg, dann fränkische Fremdlinge in der Brandenburgischen Mark, mit der Kaiser Sigismund den Burggrafen Friedrich den Sechsten 1417 – da war die Mark wieder einmal als erledigtes Reichslehen an den Kaiser gefallen – belehnte, und später, seit dem Großen Kurfürsten, überwiegte in ihnen die welfisch-oranische Tradition, der sich im neunzehnten Jahrhundert viel wettinisches Blut beimischte. Beide, der Soldatenkönig und sein großer Sohn, hatten welfische Mütter, die in sich das Blut burgundischer, vielleicht sogar italienischer Vorfahren des späten ersten Jahrtausends trugen. Louise Henriette, die große Landesmutter des siebzehnten Jahrhunderts, war Oranierin und brachte mit der protestantischen Wirtschaftsethik auch das Orange des Schwarzen Adlerordens ins Land, das so gar nicht passen will zum martialischen Schwarzweiß des Zollernwappens, noch zum gediegenen Blau der preußischen Infanterie. Vor allem aber waren die Brandenburger und Preußen, wie alle hohen Herren ihrer Zeit, Frankophile oder doch Frankophone. Alle, auch der deutschtümelnde Friedrich Wilhelm I., sprachen sie das Idiom der Ludwige, Racines und Corneilles besser als die eigene Muttersprache. Friedrich Wilhelm IV., der verrückte Romantiker auf dem Thron, war der Erste, der öffentliches und sauberes Reden in der deutschen Sprache hoffähig machte (bis dahin war es höchstens salonfähig gewesen). Er regierte von 1840 bis 1861.

Bei Friedrich, dem Wassermann, ging die Frankophilie über ins Manische. Nichts verband den Jüngling mit dem kärglichen Vaterhaus, dem bescheidenen Dominium, das der liebe Gott seiner Familie zu Herrschaft anvertraut. Nahm der Staufer, in Jesi beim italienischen Ancona geboren und als italienischer Prinz erzogen, es bestenfalls als sportliche Herausforderung, auch in seine deutschen Länder Ordnung zu bringen (was ihm freilich nicht gelingen konnte), so war es beim Hohenzollern brennende Sehnsucht, auszubrechen aus der quetschenden Enge der lächerlich „Schloss“ geheißenen väterlichen Jagdhütten zu Caputh und Wusterhausen und englischer Prinz zu werden. Vierzehn Jahre, zwei Jahrsiebte lang zog sich der erbitterte Streit hin zwischen der welfischen, probritischen Mutter und dem brandenburgischen, Österreich und damit dem Reich zuneigenden Vater, der die Lösung der Frage am Ende mit Gewalt durchsetzte: Friedrich, sein Bruder August Wilhelm und die jüngere Schwester Charlotte Philippine heirateten Kinder des Fürsten von Bevern, Nichten und Neffen der Kaiserin-Gemahlin Elisabeth Christine. Friedrichs, des Kronprinzen, Schicksal und Zukunft als deutscher Fürst war besiegelt.

Man sieht hier bereits den entscheidenden Unterschied aufleuchten zwischen dem einen und dem andern Friedrich, zwischen Federico und Frédéric, dem Falkner und dem Hundeliebhaber, Schriftsteller sie beide, wenngleich aus gegensätzlicher Haltung heraus: den Kaiser Friedrich zwang die Unreife seiner Zeit, unter den Möglichkeiten zu bleiben, die ihm das Zeitalter der entstehenden Nationalstaaten zweifelsohne geboten haben würde. Den König Friedrich dagegen zwang genau dieses Zeitalter, in das er nämlich hineingeboren wurde, eine Rolle zu spielen und einen Platz einzunehmen, die er sich nicht wünschte und denen er sich, wie seine brieflichen und literarischen Zeugnisse mannigfach belegen, nicht gewachsen fühlte. Friedrich, dem Schiller nachsagte, von seinem Throne sei die deutsche Dichtung „schutzlos, ungeehrt“ gegangen, wäre wohl sicher ein Maecenas und Musenfürst geworden, hätte die eigene Stellung dies zugelassen. Goethes Herzog Karl August, dessen politischer Rang sich einzig ausdrückte in dem militärischen, den er nämlich beim preußischen Heer besaß (er machte als Generalleutnant den Ersten Koalitionskrieg im Gefolge Friedrich Wilhelms II. mit), konnte sich gar nichts anderes leisten als einen Musenhof, an dem das Geld gerade einmal zur mehr oder weniger auskömmlichen Bestallung klassischer und romantischer Kapazitäten reichte, aber zu mehr auch nicht. Friedrich, hineingepresst und geprügelt in die Rolle des Rektors der nordostdeutschen Streusandbüchse, musste König sein, musste ein Konzept entwickeln und dieses auch durchsetzen. Ohne es bei seinem Intellekt natürlich jemals zu sein, ging dieser König doch hinein in seine politische Biographie als ein Naivling, der für seine Naivität einen hohen Preis zahlen sollte. Dass er mit dem Einmarsch in Schlesien das Rendezvous des Ruhms gesucht habe, dessen Beiprodukt es wurde „de donner une figure à la Prusse“, seinem abgewrackten Preußen eine Gestalt, eine Rolle zu geben: diese Behauptung war, bei allem Kalkül, gewiss, weniger Mascerade, als man glauben mag.

Ein Naivling nun war der andere, staufische Friedrich nun gerade nicht. Aber, wir deuteten es schon an, seine Zeit war in gewisser Weise zu naiv, zu sehr jenseitsbezogen in dem starren, hämmernden Bewusstsein ihrer Kurzlebigkeit, ihrer Verfallenheit an Armut, Krankheit und Tod, als dass sie die Bögen und Sprünge hätte ermessen können, die der jugendliche Kaiser-König mit der Zeit und der Welt vorhatte. Friedrichs Dominium war die alte griechische Kolonie Sizilien, wo noch heute in manchen Gegenden ein griechischer Dialekt gesprochen wird, und ein Grieche, das heißt ein Orientale – denn dies ist einunddaselbe – war er im Herzen. Begierig nach der Wissenschaft und den Frauen, sog er das Wissen des Altertums, ob durch arabische Vermittlung oder in seiner reinen, griechischen Form in sich auf. Sein auratischer Lebensraum war die Levante, das östliche Mittelmeer, das alte oströmische Reich, dem er ein zweiter Justinian hätte sein können, der, gleich dem ersten, in Melfi und Capua seine Konstitutionen erließ, der Recht und Gesetz schuf, wo vorher Chaos und Willkür um sich griffen, und der im freien Walten des lebendigen Geistes in den Naturreichen den höchsten edelsten Beleg der Größe und des Genies Gottes des Allmächtigen erblickte.

Nicht nur die byzantinische Sedisvakanz, auch die Tatsache, dass Friedrich noch die arabische Herrschaft im Orient erlebte, die ihm keine ernsthafte Bedrohung war, begünstigte sein Wirken. Im Grunde zielte darauf der Bann der Päpste, erst Gregors des Neunten, der den Inquisitionsprozess einführte, dann Innozenz’ des Vierten, mit dem sich das Drama des Investiturstreits, mit dem letzten Salier einst gütlich beigelegt, wiederholte: was Friedrich der Zweite im Auge hatte, war nichts weniger als die Wiederherstellung eines kohärenten westöstlichen Reiches, von Deutschland über Reichsitalien und Sizilien reichend über Griechenland und Anatolien hinweg bis hin nach Syrien und Palästina, hinüber zu den Kreuzfahrerstaaten. Der Traum Alexanders und Cäsars und später Napoleons war auch Federicos Traum: das alte okzidentalisch-orientalische Reich wieder einigen, Europa zu ihren Wurzeln an der levantinischen Küste zurückführen, die Feuersbrunst, die von Troia, das nun Byzantion hieß, immer noch lodernd aufstieg seit zweieinhalbtausend Jahren, endlich löschen und Frieden einkehren lassen in die Länder rings um das große Becken zwischen Gibraltar, wo die Mauren einst den ersten Schritt auf europäischem Boden getan, bis hinüber nach Ägypten, von wo Prinz Moses einst nach dem gelobten Land Kanaan aufgebrochen.

Die Wiedervereinigung des lateinischen Westens mit dem griechischen Osten, dessen wiederum östlicher Teil unter der schon wankenden Herrschaft der Araber stand (wieder einmal tat sich ein Zeitfenster auf, Schluss zu machen ein für allemal mit der Bedrohung des Orients und Europas altes Vaterland heimzuholen ins Europäische Reich): das war Federicos großer Traum. Kaum begriffen vom überspannten und kurzatmigen deutschen Stefan-George-Nationalismus, der, zwischen Römerverehrung und Germanenstolz schwankend, nicht das feinste politische Gespür besaß, stand dieser Mann in Zeitströmen, die weit zurückreichten hinter den Bann, den das bieder-spießige Sacerdotium Romanum vor dem Geschichtsbewusstsein seiner Gläubigen errichtet hatte. Dieser Friedrich wusste, dass der Westen sich stets aus dem Orient heraus erneuert hat, so wie der Makedone Alexander nach Hyrkanien und Persien fuhr, um sich mit Roxane und Stateira zu paaren; so wie Caesar nach Ägypten ging, Kleopatra unterwarf und mit ihr die größte, berauschendste Wonne erlebte, die ein König und eine Königin wohl je miteinander erlebten. Und noch die späten Römer der Gotenzeit riefen in ihrer Not – Felix Dahn und der deutsche Professorenroman wollten es freilich anders haben – den Kaiser in Konstantinopel, der Nova Roma, zu Hilfe, der ihnen Belisarius und Narses schickte, die sie endlich von der Pest aus dem Norden befreiten. Friedrich von Sizilien wollte das alte Eurasien, wollte Asien und Europa einen. Den Titel Römischer Kaiser nahm er ernster, radikaler als alle seine Vorgänger und Nachfolger, den schwermütig-genialischen Karl den Fünften und seinen vollends indolenten, aber genialen Großneffen Rudolf vielleicht ausgenommen.

Derlei Pläne trug Frédéric le Pfilosophe, wie der Sechzehnjährige in hübscher orthographischer Unbeholfenheit gegenüber der drei Jahre älteren Schwester notifizierte, nicht mit sich herum. Es war nicht mehr die Zeit der gekrönten Theokraten – der erste staufische Friedrich hatte gar noch Karl den Großen durch den von ihm eingesetzten Gegenpapst heilig sprechen lassen –, sondern die der Philosophenkönige. Ein Männerbund war im dreizehnten Jahrhundert nur möglich als Brieffreundschaft wie die zwischen dem Kaiser und seinen arabischen Freunden, im Zeitalter des Barock aber sammelte man sich in Fruchtbringenden Gesellschaften, bald sogar in Freimaurerlogen, die bewusst an die große Zeit des Mittelalters, eben die Epoche Federicos, anknüpften und die neben Fürstlichkeiten, auf welche die Gesellschaften der Renaissance und des siebzehnten Jahrhunderts noch beinahe ausschließlich ausgerichtet gewesen, auch gewöhnliche Adlige, ja sogar schlichte Bürgersleute wie Monsieur Arouet immer häufiger in ihre Kreise rezipierten.

Mit der Demokratisierung des Denkens und des gegenseitigen Austausches wurde aber zugleich das, worauf dieser Austausch sich bezog: wurden die Leiber demokratisiert: die der Menschen und die der Staaten. Es ist vielleicht ein notwendiges Erzübel der Geschichte, dass die Höhepunkte der Geistigkeit nicht eben zusammenfallen mit passenden territoriellen Bedingungen. Die Griechen der attischen Demokratie, die wir uns als ein Volk von Hochbegabten vorstellen mögen, wären vielleicht dazu berufen gewesen, mit ihrem Geist den Erdkreis zu beherrschen; allein dieser Erdkreis, jedenfalls Griechenland, mit dem es ja hätte beginnen müssen, war in seiner Struktur nicht ausgelegt auf kohärente Herrschaft. Die intellektuellen Zirkel des frühen und mittleren achtzehnten Jahrhunderts, die die Sattelzeit in Deutschland, das Empire in Frankreich, die Regency in England vorbereiteten, diese drei fruchtbarsten Kulturepochen der neueren europäischen Geschichte: sie hatten alle geistigen und moralischen Mittel und Eignungen an der Hand, aus dieser Welt eine bessere zu machen, Prinz Friedrich mit seinem heißblütigen, emphatischen Antimachiavel war der beste Proband hierfür; jedoch, diese Welt hatte sich lange schon, seit den Erschütterungen zwischen der großen Pest im vierzehnten Jahrhundert und den Türkenkriegen zweihundert Jahre darauf, darauf eingestellt, sich selbst verbessern zu müssen, von einzelnen großen Individuen oder ihrer Peergroup nichts erwarten zu können und nichts erwarten zu dürfen. Die Länder und Völker, genauer: ihre Seelen – denn auch das Unbeseelte hat seine eigene Animalität, wie der tote Putz, der dennoch von den Wänden bröckelt –, sie hatten längst ihre eigene Dynamik entwickelt. Den großen Herrschern, die sie, die Völker, im Mittelalter gehabt haben mögen – Federico war der größte unter ihnen, für die abgeklärte Postpostmoderne ohnehin nicht mehr fassbar –, war die Zeit damals nicht reif; nun, fünfhundert Jahre später, waren die Herrscher, war das Herrschertum der Zeit nicht mehr reif. Es hatte sie überlebt.

Friedrich von Brandenburg, dem es mit seinem Antimachiavel ja genau darum gegangen war: zu zeigen, dass er die Welt mitgestalten konnte und wollte, und weniger darum, moralische Grundsätze auszudiskutieren, spürte dies, die Überreife von seinesgleichen, als Erster und mit der ganzen tragischen Härte, die den Schicksalen Zuspätgekommener eignet. Sein politisches Leben war denn auch wenig anderes als der späte Nachvollzug eines altertümlich-mittelalterlichen, heroischen und sich aufstemmenden Heerkönigtums, das in seiner Zeit längst überholt war und das er in einer Mischung aus Narzissmus und Melancholie ein letztes Mal verewigte in den Büsten der Adoptivkaiser, fein säuberlich herumgruppiert um sein Landschlösschen Sanssouci, ein eingeschossiges, architektonisch eigentlich unmögliches (die Frontfassade ist eher eine Farce), dabei höchst charmantes bauliches Zeugnis aus der Spätzeit des heroischen Zeitalters. Unter dem Druck und Eindruck einer fatalen Erziehung zur Selbstverleugnung und Selbstüberwindung stürzte er sich in das schlesische Abenteuer, von dem er nicht ahnen mochte, dass es Herzstück zweier ganz anderer Abenteuer werden sollte, die das Schicksal Europas und der Welt verändern sollten: des Österreichischen Erbfolgekrieges zwischen Frankreich und Österreich und des Siebenjährigen Krieges zwischen England und Russland.

Es ist ein zwischen heroischem männlichem Aufbäumen und trotziger pueriler Verweigerung changierendes Schicksal, das sie beide, Frédéric und Federico, miteinander verbindet und wiederum voneinander scheidet. Die Verweigerung des Staufers war Resistenz gegen Kritik, die des Zollern Resistenz gegen das Politische selbst. Und wo dieser sich aufbäumte gegen das, was er als Leid empfand („Quando avrà fine il mio tormento?“) und was die patriotische Schule der Fontane, Molo und Venohr folgsam als Passion erzählten, da bäumte jener sich auf gegen Prinzipien, die er als unsinnig, falsch oder unangemessen betrachtete. Friedrich von Hohenzollern hätte überhaupt darauf verzichtet, irgendein Prinzip zu haben, hätte man ihn dafür von der Bürde des Königtums, diesem überholten Tand, erlöst. Es war schon damals die Zeit der Kriege und Epopöen nicht mehr, und nur die Ohnmacht der Völker duldete fürstliches und dann diktatoriales Heroentum noch für eine Weile, bis 1945 auch damit Schluss war. Ein hoher Bundeswehrgeneral illustrierte einen Vortrag, den er 2003 in der Berliner Preußischen Gesellschaft zur Lage im Kosovo hielt, mit dem in Jugoslawien aufgenommenen Screenshot eines Graffitos, das die Liedzeile zeigte: We don’t need another hero. Eine bittere Pointe an einem selbsternannten Hort des Heroischen.

Bei alldem verwundert es umso mehr, dass der Preuße, nicht der Staufer der Wirksamere von beiden war. Friedrichs des Andern, des Erwählten Römischen Kaisers Reichsidee scheiterte, kaum dass er ihre Verwirklichung unternommen hatte. Sein eigenes, deutsches Reich erlitt unter seiner Regierung den entscheidenden Knick in seiner Verfassungsgeschichte, festgeschrieben in den beiden Staatsgrundgesetzen, der Konföderation mit den geistlichen Fürsten, erlassen in Stellvertretung des Kaisers durch seinen Sohn Heinrich, 1231, und dem Statutum in favorem principum ein Jahr darauf. „Übergang des Reiches vom Stammes- zum Territorialverband“, ist die lexikalische Standardformel hierfür. Tatsächlich markierten sie den Beginn des deutschen Sonderweges und den partikularistisch, heute sagte man: liberal motivierten Verzicht darauf, die große, glänzende weltpolitische und weltgeschichtliche Rolle zu spielen, die dem Land zwischen Rhein und Oder zugedacht gewesen und die sein italienischer Kaiser mehr als jeder andere vor und nach ihm vor Augen und im Sinn hatte.

Das Reich zerfiel zum Partikularstaat, das ostwestliche Imperium, das europäisch-asiatische Großreich wurde nicht verwirklicht; stattdessen traten westmongolische Reiterhorden anstelle der derweil gräcisierten, verfeinerten levantinisch-ägyptischen Araber, mit denen der Kaiser sich so gut verstand. Das Papsttum distancierte sich weiter vom Kaisertum und manövrierte sich selbst damit in the long run ins Schisma (Friedrichs Epoche war auch die Epoche der aufkommenden großen spätmittelalterlichen Häresien, der Katharer und Waldenser und der ritterschaftlichen Geheimbünde, der Deutschordensherren, der Johanniter und der Templer, und sie alle waren nach Osten gerichtet: die Templer in Jerusalem, die Johanniter auf Rhodos, die Deutschen in Kurland und Semgallen). Sizilien fiel achtzehn Jahre nach Friedrichs Tod an die Franzosen, kam allerdings später über den aragonesisch-habsburgischen Umweg an Kaiser und Reich zurück, bis es ihm das nunmehr bourbonische Spanien 1735 endgültig entriss.

In einem allerdings war Friedrich politisch auf weite Sicht ungeheuer wirksam: als er 1226 die goldene Bulle von Rimini erließ, worin er den Deutschen Orden einsetzte in die Herrschaft über das Land der heidnischen Prußen, das Land, das nachmals „Preußen“ heißen, nach Tannenberg in einen polnischen und einen deutschordensherrlichen Teil zerfallen, welch 1618 an Kurbrandenburg kam, bis das Ganze 1772 wiedervereint an die nunmehrige preußische Krone fiel, die ihre Münzen nun nicht mehr auf den rex Borussorum, sondern den rex Borussiae prägen ließ. Die Geburtsstunde Preußens fand im friderizianischen Rimini statt, und es war, wie sich zeigen sollte, die Geburtsstunde des modernen Deutschland. Dass dieses alte heidnische, dann durch ärarische Zisterziensermönche und abgehärtete ritterliche Geheimbündler preußische Land an der Weichselmündung heute nicht etwa zu Polen, sondern, garantiert durch die Verträge von 1945 und 1990, zu Russland gehört, ist dabei keine Ironie, sondern ein Fingerzeig der Geschichte: so wie Federico Secondo auf Byzanz als nicht mehr leuchtendes, aber strahlendes Vorbild, so blickt das heutige Deutschland auf und nach Russland.

Eine kleine genealogische Anekdote illustriert die doppelte, byzantinisch-preußische Dimension dieses geistig-politischen Erbganges: es war der Neffe des Kaisers aus seiner Ehe mit der schönen Jolante von Brienne, Philippe von Courtenay, über dessen Tochter Katharina der Titel des Lateinischen Kaisers von Konstantinopel, dem semisalischen Recht folgend, sich durcherbte über die Häuser Valois, Burgund und Kleve bis zu jener schicksalhaften Ehe zwischen Maria von Jülich und Berg mit dem armen, von Gott und der Welt verlassenen Herzog Albrecht Friedrich von Preußen, dem sie vier Töchter schenkte, darunter Anna, die Gemahlin des Kurfürsten von Brandenburg Johann Sigismund wurde und so den einst so glorreichen, märchenhaften Titel des Kaisers von Byzanz, den höchsten Rang, den die fränkischen Kreuzfahrer seit den Tagen Gottfried von Bouillons errungen haben, in die Familie der Kurfürsten von Brandenburg, Könige in Preußen und schließlich Deutschen Kaiser brachte. Als sein Vater am 31. Mai, schon in Agonie, aber geistig klar bis zuletzt, auf dem Sterbebett, zitternd und schweißnass, die eigene Abdankung unterschrieb und mit brechender Stimme seinem Sohn Friedrich, dem einst so sehr gehassten und nun so sehr geliebten, die unsterblichen Worte entgegenhauchte: „Jetzt bin ich nicht mehr König!“ – da erbte dieser junge, schöne, vielgedemütigte und doch vielgeliebte Mann, hochsensibel und im Herzen voll Hochmut, mit dem preußischen Königsamt auch das längst erloschene des – Kaisers von Konstantinopel lateinischen Glaubens.

Es war ein friderizianischer Moment im doppelten Sinne. Der alte und der junge Friedrich, Federico und Frédéric, der stolze, gesund-arrogante Italiener, der eigentlich ein Normanne war, abgehärtet und doch zivilisiert durch die Mutter und den Geist der Zeit, und der weiche, schwäbische Französling, Zartheit im Herzen und gestählt erst durch die Faustschläge des Vaters, durch die Brutalität seiner häuslichen und dann politischen Erziehung, von dem Manöver in Dresden, als der Alte ihn vor Hoheiten und Exzellenzen blutig schlug wie einen Stalljungen, bis zur Nacht auf den Altarstufen von Elsnig: hier fanden sie in einem mystischen Akt der Translation zusammen, zueinander. Dass das byzantinische Regiment während seiner Herrschaft bei westlichen Geschlechtern lag – erst Lothringern, dann Kapetingern –, war mehr als nur eine passende Pointe auf Friedrichs von Hohenstaufen Römisches Kaisertum: er war der Kaiser des Ostens und des Westens, er verkörperte mit seinem Weltenschloss, dem er ungeniert einen eigentlich völlig übertriebenen, hier aber gerade einmal angemessenen Namen gab, verkörperte mit seinen Falken, diesen Symbolvögeln der Freiheit, des todverachtenden Individualismus, deren Dressur niemals ohne ihr schweigendes Einverständnis geschieht: er verkörperte die union sacrée, den heiligen Bund zwischen Levante und Westen , zwischen Griechen- und Lateinertum, zwischen dem Land der aufgehenden Sonne, in dem das Griechische auch nach Mohammed stets präsent war, und dem der untergehenden. Er, Federico Secondo, antizipierte in seinem Sein, dem politischen und dem privaten, die große, reißende, die ausgetrockneten Äcker benetzende Sturm- und Glückswelle der Renaissance, die zweihundert Jahre nach seinem Tod mit Macht auf Westeuropa zubranden sollte:

 

Vertrieben von Barbarenheeren,

Entrisset ihr den letzten Opferbrand

Des Orients entheiligten Altären

Und brachtet ihn dem Abendland.

Da stieg der schöne Flüchtling aus dem Osten,

Der junge Tag, im Westen neu empor,

Und auf Hesperiens Gefilden sprossten

Verjüngte Blüten Ioniens hervor.

 

Fridericus, der preußische Schlachtenlenker, der in Wahrheit ein mäßiger Taktiker, aber ein großer Konnetabel war und ein, paradox an diesem Schöngeist, noch größerer Soldatenvater („Alter Fritz auch gerade! Und die Stiefeln in die Höhe gezogen!“), wollte von der deutschen Literatur, zu deren Blüte er bei Rossbach, dem Hippokrene Deutschlands, den Samen aussäte, nichts wissen, und unverewigt bliebt er durch Schillers, des größten Dichters deutscher Zunge, Feder. Dabei war er selber Denker und Dichter, mehr als jeder schreibende deutsche Fürst es seit der Renaissance war, ein echter Poet und ein echter Intellektueller auf dem Thron, der mit ungespielter Wehmut dachte an seinen verfehlten Beruf:

 

Als ich geboren ward, ward ich der Kunst geboren,

die heiligen neun Schwestern reichten mir die Brust.

 

Auf und an ihn, den Künstler, hätten Schillers Verse gerichtet sein können, auch wenn er der Nachwelt nichts so Ikonisches hinterlassen hat wie Federico ihr sein Buch über die Falkenjagd. Aber das Schicksal wollte, das der Schriftsteller Friedrich vergessen ward, während die Welt, seit Stefan George und seinem Kreis spätestens, den Künstler Federico feiert:

 

Vor allen aber strahlte von der Staufischen  

Ahnmutter aus dem süden her zu gast

Gerufen an dem arm des schönen Enzio

Der Grösste Friedrich · wahren volkes sehnen ·

Zum Karlen- und Ottonen-plan im blick

Des Morgenlandes ungeheuren traum ·  

Weisheit der Kabbala und Römerwürde

Feste von Agrigent und Selinunt.

 

Stefan Georges Siebenter Ring, so sehr er sich müht, in der eidetischen Annäherung an seinen Kaiser aufzugehen, verrät doch ganz die kraftlose Dekadenz des Jugendstils, die unglaubliche Geschichtsblindheit, die damals schon in Deutschland Mode war und die zu unsinnigen politischen Konzepten wie dem Bündnis mit der Türkei 1914 führte oder dem vorsätzlich herbeigeführten Bruch mit Russland. „Volkes Sehnen“ ist ein Mann wie Federico nie, so wenig wie ein Mann wie Frédéric de Brandenbourg. Schöngeister und Gewaltmenschen, wie sie beide waren, eigenen sich vielleicht für den Thron, aber nicht für die Tribüne, schon gar nicht für die völkische. Volkstümlich jedenfalls war keiner von ihnen im eigentlichen Sinne. Die Nachwelt bestrickten sie beide mehr als ihre blasse Gegenwart, die sie als Quälgeister und Antichristen wahrnahm, besessen vom Bataillieren, von edlen Hunden und Greifvögeln und vom Bau stolzer, kostspieliger Kastelle, auf denen sie dann im vertrauten Kreis über Gott und die Welt philosophierten, sich mühsam entspannend bei rassigen italienischen Frauen der eine, bei adligen preußischen Zöglingen der andere:

 

Potsdam, o Du verfluchtes Loch!

Führst Du doch heut in die Hölle noch,

Und nähmst ihn mit, mitsamt seinen Hunden,

Da wär der auch gleich mit abgefunden.

Schont nicht Fremde, nicht Landeskinder,

Immer derselbe Menschenschinder,

Immer dieselbe, verfluchte Ravage,

Potsdam, o Du große Blamage!

 

Sicher liegt hierin das tiefere Dilemma in der Rezeption beider Männer, der populären wie der wissenschaftlichen, die insbesondere in Deutschland nach dem Muster vorgeht, das Otto von Bismarck in das lustige Bild eines Menschen fasste, der, indem er einen engen Waldweg entlanggehe, eine lange Stange der Breite nach im Mund trage. Während der Staufer so weit von uns entfernt ist, dass seine Figur für allerlei Romantizismus herangezogen wurde, so ist uns der Hohenzoller zu nah, als dass man nicht der Verführung erläge, sein Wirken und seine Persönlichkeit einzuordnen in die Kontexte von Aufklärung, Revolution und Reformen. Hier wie dort führen derlei Einordnungen nicht weiter: Beide Männer folgten einer Reichsidee, beide scheiterten an ihr. Federico wollte Camelot ins Politische übersetzen, und hatte sich als Standort dieses Camelot die alte Magna Graecia, Kornkammer des Mittelmeeres, Gefechtsstand und Beobachtungsposten ausgesucht, Trinakria, die insulare Dreifaltigkeit, auf der Griechentum, Italität und Orientalität einander die Hand reichten (dass das Griechische etwa in Georges Federico-Rezeption keine Rolle von Gewicht spielt, zeigt, wie sehr dem deutschen lyrischen Nationalismus zur Kraft die Kultur, zur stählernen Faust der Feinschliff fehlte, um in der Welt zu wirken). Frédéric dagegen wollte das Politische nach Camelot zurückführen, wollte die Büchse der Pandora der großen Politik aufgehoben wissen in seiner Gralsburg Ohnesorge auf dem Weinberg zu Potsdam, wo das Brackwasser des Titanenkampfes, der doch nur ein blutiges und schmutziges Ränkespiel ist, zurückverwandelt würde in funkelnden Wein. Doch wie dem Staufer am Ende nur mehr sein Kastell blieb, nur die Liebhaberei statt der tatsächlichen Macht: so blieb dem Preußen am Schluss statt der geliebten Liebhaberei nur die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, blieb ihm nur noch der schäbige blaue Rock, in den der Vater ihn einst gesteckt, der Sterbekittel, der durch ihn schließlich zum Symbol wurde, fortlebend noch im immer etwas bläulich schimmernden Feldgrau vom Kaiserlichen Heer des Weltkriegs bis zu den Armeen der beiden deutschen Staaten.

Königsberg und Konstantinopel: zwischen diesen beiden Polen spielt sich die Geschichte dieser beiden Männer ab. Wäre Federico als Angehöriger der Komnenen oder Laskariden geboren worden, er hätte, von der anderen Seite des Meeres kommend, vielleicht das Riesenwerk der Einigung Eurasiens vollbracht, an dem der deutsche Kaiser als geistlicher Untertan des Bischofs von Rom scheiterte, scheitern musste. Und Frédéric? Wäre als Herzog von Preußen, bis zum Großen Kurfürsten noch Lehnsmann des Königs von Polen und so verwurzelt im alten Reich und im „neuen“, östlichen Europa gleichermaßen, vielleicht glücklicher geworden, hätte das Leben eines Tempelherrn, Vorstehers eines musisch-ritterlichen Männergeheimbundes geführt, das ihm so sehr stand, ihm, dem Freimaurer und Geheimgesellschafter zu Rheinsberg, das er romantisch-antikisierend nur „Remusberg“ nannte, da hier der erschlagene Bruder des Romulus, der offenbar doch nicht erschlagen, weitab vom Mittelmeer der Legende nach ein eigenes Reich, gleichsam ein askanisches Hyperboreia begründet habe. Der Prinz von Remusberg zu Königsberg (was für ein passender Name für ein friderizianisches Camelot!), Senior des Ordens der geistigen und weltlichen Erneuerung, und der Kaiser des Ostens und des Westens, in Personalunion Patriarch der einen unierten Kirche, Gebieter über das ganze Mittelmeer von Spanien und dem Arelat bis nach Syrien und Ägypten und Erneuerer aller Reiche, von denen die europäische Menschheit je geträumt: was wäre dies für ein Gespann, was wären dies für anders große, erfüllte und märchenhafte Leben geworden!

Das Schicksal wollte es anders. So wenig Federico das europäische Reich retten konnte, das in der wackeligen Kohabitation von Aachen und Byzanz vierhundert Jahre lang bestanden hatte, so wenig vermochte der Chevalier von Brandenburg die Idee des Königtums zu retten. Drei Jahre, nachdem er auf Sanssouci den letzten Hauch tat, stürmte das Volk in Paris, das immer die Stadt seiner Träume gewesen, die Bastille, rutschte ausgerechnet Frankreich, das bewunderte Vorbild, die Krone der Staatskunst, dessen größten Sohn Arouet er, Flüchtling und Spion dieser zugleich, drei Jahre lang auf Ohnesorge beherbergt hatte, ins Chaos, in den Dreck, und sein Retter, der Griechenjüngling aus Korsika, Hauptmann Bonaparte, führte es nur aus diesem Chaos, um nach vollzogener Transition in die neue Zeit selbst wieder schmählich abzutreten vom Parkett der Weltbühne, ausgeschlossen, ausgestoßen auf das schwüle Eiland vor Afrika. Geliebt wurden sie beide, der Korse und der Preuße, aber die Liebe rettete sie nicht vor dem politischen Tod.

Das brauchte sie freilich auch nicht, denn die Liebe ist ewig, nicht nur die Liebe im Privaten, sondern auch die Liebe in der Politik. Was sehnte der kleine Prinz Frédéric sich nach Liebe, der hochbegabte, hochsensible, blutig geschlagene, gedemütigte und verfemte Princillon, als Jüngling schon vom grausamen Vater aus irgendeiner grausamen Laune heraus vom Obristen zum Fähndrich degradiert, als Erwachsener vom Reichstag zu Regensburg in die schändliche Acht getan, zur Fahndung ausgerufen wie ein Wilddieb und Brunnenvergifter, notifiziert offiziell als reichsrebellischer Markgraf, nicht als der König, der er war! Wie reich, wie überschäumend wurde sie ihm zuteil, diese Liebe, nach der er sich immer brennend verzehrt hat, er, der Weiche, Zarte, dessen Weg zum Manne ein so dornenreicher war; der diesen Weg, Taminos Ganz durchs Feuer, so krüpppelhaft und so glorreich beschritt und zuende schritt:

 

Fridericus, mein König, den der Lorbeerkranz ziert,

Ach, hättest Du nur öfters zu plündern permittiert…

Fridericus Rex, mein König und Held,

Wir schlügen den Teufel für Dich aus der Welt.

 

Größere Liebe erfuhr keiner in der neueren Geschichte der Könige und großen Männer, ausgenommen nur Kennedy, der letzte Märchenprinz auf dem Stuhl einer großen europäischen Macht (denn Kennedys Amerika war noch ein europäisches Amerika). Was hätten seine Grenadiers und Musketiers, stinkend, schwitzend, hungernd und elendiglich verreckend in Schnee und Eis, in Schlamm und Matsch ihm, dem großen Benützer, dem rasenden Egoisten und Egozentriker nicht alles vorwerfen können! Den Hunger und den Durst, die Hitze und den Frost, der ihre Hände und Füße verstümmelte, die verpesteten Pfützen, aus denen sie ihren Durst stillten, und das verschimmelte graue Brot, das sorgfältig mit den Ratten sie sich teilten, die Bajonettstiche in den Bauch, die Lungenschüsse und zerfetzten Gedärme, die zerrissenen Hoden und abgehackten Gliedmaßen, das Blut, das sie spieen, den verdorbenen Stuhl, den sie ausschieden unter höllischen Krämpfen, die zehntausend Kilometer, die sie hin- und hermarschierten in schlechten, zerrissenen Stiefeln, ohne Mantel im Winter, die nackten Hände auf dem blanken, vor Kälte klirrenden Gewehrlauf, in den sieben endlosen Jahren des Entscheidungskampfes um Schlesien, ihre Witwen endlich, die sich zergrämten, alleingelassen in der Blüte des Lebens und ausgeliefert einer harten, brutalen Welt, die Waisen, greinend und hilflos ohne den liebenden Vater, all das vergossene Blut, die bitteren Tränen, die Wut, die Verzweiflung, die Angst und den ekligen, hässlichen Tod, den sie für ihn starben!

Aber nein: das einzige, was sie ihm, dem geliebten, schnöseligen Prinzen mit seiner Flöte, seinen unsinnig teuren Tabatièren und französischen Gilets, seinen angeberischen, hochgezüchteten Windhunden und seiner verschnörkelten, klassizistischen Sprache vorwarfen, war dies eine: dass er, der korrekte General, sie nicht genügend hat plündern lassen. Es ist die schönste, rührendste und tiefste Pointe der jüngeren Weltgeschichte: es ist das Lächeln der masochistischen Geliebten, ausgepeitscht bis zur Folterung durch den arroganten, selbstsüchtigen Liebhaber, der sie dominiert und den sie nur „den Prinzen“, „den Schönen“ nennt, dieses schönste, herrlichste Lächeln überhaupt, das es gibt in dieser Menschenwelt, das Lächeln der absoluten Hingabe: der absoluten Selbstaufgabe, das stolz und bekennend sich lagert über das Weinen vor Schmerz, ihr Weinen, deren Rücken schon blutig ist und deren Geschlecht schmerzt von der Heftigkeit des Verkehrs: I let you set the pace, ’cause I’m not thinkin’ straight. Geduldig lässt sie das Werk über sich ergehen, nimmt seine Schläge und harten Stöße freudig auf, und als er fertig ist und er sie fragt, ob es ihr auch wehgetan habe, lächelt sie ihn strahlend an und sagt: „ja“. Und auch jetzt noch, jetzt erst recht schlüge sie und schlügen sie den Teufel für ihn aus der Welt. Denn sie liebt ihn, der sie achtlos behandelt als Besitz, und sie, die Soldaten, lieben ihn, den Vielgeliebten, der ihr Herr ist und verfügt über ihre Leiber und ihre Seelen, ce beau prince sans merci. Es ist das Todeslächeln, das seine Grenadiere in der Agonie ihrem Fridericus, ihrem roi charmant schenkten, dem Märchenprinzen von Charlottenburg, dem Kavalier von Brandenburg:

 

I once had sons, but now have none,

I bred them toiling sairly,

And I would bear them all again

And loose them all for Chairlie –

 

So sang die schottische Mutter, die unter Blut und Schmerzen ihre Söhne gebar, die einen nach dem andern sterben sah und die alle noch einmal austragen, noch einmal gebären und noch einmal hergeben würde, wie die Heilige Jungfrau, die Venus von Nazareth, ihren eingeborenen Sohn hingab, damit er, Prince Charlie, lebe! Und so gäben sie alle ihre Leben noch einmal und wieder und wieder, damit er, König Friedrich, der Jüngling-Vater, lebe:

 

Da lächeln all vier, und der eine spricht:

‚Nee, Freund Budiker, so geht es nicht!

Du kannst mal zuhören, wenn wir fluchen,

Aber du darfst es nicht selber versuchen.

Wir dürfen frech sein und schimpfen und schwören,

Weil wir selber dazu gehören

Wir dürfen reden vom Menschenschinder,

Dafür sind wir ja seine Kinder.

Potsdam, o Du verfluchtes Loch –

Aber er ist unser König doch,

Unser großer König! Gott soll mich verderben,

Wollt’ ich nicht gleich für den Fritzen sterben!

 

Dem Stauferkaiser blieben solch heiße Liebesschwüre versagt. Nicht freilich, weil er ihrer nicht würdig gewesen, sondern weil er ihrer nicht bedurfte, oder: nicht zu bedürfen schien, vor allem aber, natürlich, weil es nicht die Zeit war für die große Aufbietung von Gefühlen. Gefühle, überhaupt! Wenn es die überhaupt gab im Mittelalter, dann richteten sie sich aufs Jenseits, auf Gott und die andere Welt, l’altra vita, in dem der Sohn Gottes Gerichtstag halten würde zu richten die Lebenden und die Toten. Ein expliziter Diesseitsbezug in Denken und Fühlen tauchte erst auf, als man merket, wie gefährlich und gefährdet dieses Diesseits war: als die große Pest, die zuletzt zu Zeiten Justinians und des Herakleios gewütet und in deren giftiger Winde Schatten die Araber die Festung Europa, deren Grenze damals noch in Syrien verlief, berannten und stürmten, als die Pest nun nach sechs Jahrhunderten mit Gewalt wiederkehrte, inmitten des nervösen vierzehnten Jahrhunderts. Da besannen sie sich auf einmal auf sich selbst, so sichtbar und eindeutig konfrontiert mit der Unerbittlichkeit Gottes, die in einigen das Gefühl entstehen ließ, dieser Gott sei vielleicht deshalb so unerbittlich, weil die Bitten der Erdenkinder gar nicht zu ihm drängen, weil es diesen Gott womöglich gar nicht gebe? Da bestieg Petrarca, der erste Verliebte der neuen Zeit, den Mons ventosus, eine unerhörte, so gar nicht christlich-bescheidene Eigenmächtigkeit, und Boccaccio schrieb seinen Decamerone, die erste moderne Beschreibung einer Sexparty, hastig und mit erstaunlicher, ganz ungewohnter Entschlossenheit ausgerichtet von Menschen, die fühlten, dass „über ihnen der Tod schon die knochigen Hände kreuzte“ und dass er vielleicht besser sei, das Leben, das, immerhin, einem im Wege des schicksalhaften Zufallens geschenkt worden, einfach zu leben, so lange es noch sei. Eine neue Ordnung der Zeiten führte sich ein.

Unter den Gestalten des Mittelalters wirkt er statuarisch wie Napoleon und Caesar, nicht quecksilbrig wie Fridericus und Alexander. Nervös waren beide Friedriche, der Schwabe wie der Brandenburger, doch bei diesem kam zum Nerv die Emotion, bei jenem dagegen der Trieb. Erblickte Friedrich Hohenzollern im Tier den Spiegel der eignen geschundenen Seele – ein Erblicken, das ihn zu seinem Windspiel Arsinoe bald vor seinem sagen ließ: „Sie sagen, Du habest keine Seele, mein Liebling, aber siehe! Du hast eine, gewiss.“ –, so sah Federico im Falken kein Objekt der Trauer über die Härte und Gemeinheit der Welt, sondern vielmehr die ultimative Bestätigung der Herrlichkeit des Daseins durch die Naturreiche, der Kraft, zu welcher der Mensch fähig, durch das Tier, dem Logos und Ethos nicht im Wege.

Aus beiden Friedrichen strahlt Herrlichkeit und eine ungeheure Männlichkeit. Um dieser Männlichkeit willen wurden beide von falschen Elternfiguren erbittert und mit aller körperlichen und seelischen Brutalität und Grausamkeit bekämpft: der eine durch das Papsttum, das seine Schergen und Bannprediger losließ auf den stolzen Löwen Federico; der andere durch den Proletenvater und dann durch die Betschwester in ihrer Hofburg, diesem klösterlichen Gemäuer, und ihre Gefährtinnen in Paris und Sankt Petersburg. Es waren ins Politische versetzte Eltern-Sohn-Konflikte, diese beiden Schicksale, es war abgrundtiefer, bodenloser Hass auf Individuation, auf Individualität, den beide sich zuzogen, der beiden die Biographie, die politische und auch die private, ruinierte und verhunzte. War nicht der stolze sizilianische Prinz, der Sohn der Konstanze und Gatte der schönen Jolanda, eingezogen in die Grabeskapelle zu Jerusalem, das Haupt in Demut gesenkt, so demütig, wie nur ein Stolzer es sein kann? Hatte nicht der Preußenprinz die schlesischen Stände, die Schönaichs und Hatzfeldts, die Hochbergs und Gersdorffs, die Geistlichkeit und das Patriziat, nachdem das alte, stolze Breslau kampflos genommen ward, den Untertaneneid auf den eigenen Degen statt auf das in Berlin in der Rumpelkammer vergessene Reichsschwert leisten lassen? Waren sie nicht Dichter und Krieger, Literaten und Feldherrn in einem gewesen, Beispiele der höchsten, schönsten Blüte, die Männlichkeit auf dem Thron erreichen kann? Und hatte die Umwelt, die Epoche, in der sie lebten, zu leben verdammt waren, nicht alles daran gesetzt, diese Blüte welk zu machen, nicht alles daran gesetzt, das zarte Pflänzchen zu vernichten, das da emporwuchs, unaufhaltsam, treibend noch in der größten Dürre, noch in der übelsten Vernachlässigung? Wunder an Kraft, Wunder an Schöpferkraft und an Überlebenswillen sind diese beiden, Federico Secondo und Frédéric II. Söhne eines Zeitabschnitts sogar, wenn man, wie die französische Geschichtswissenschaft, das Mittelalter nicht mit der Reformation, sondern erst mit der Revolution enden lässt, Kinder der Renaissance auch, desselben Äons, der eine ihr Gebärer, der andere ihr Vollender.

Freilich, der preußische Friedrich lebte in kleineren Dimensionen, und kleiner waren auch die Dimensionen, kleinteiliger die Verhältnisse, in denen er dachte und wirkte. Längst hatte das Papsttum seine Rolle als hemmender, lähmender und einschläfernder Dominator des westlichen Europa eingebüßt, längst überflügelt durch die Gewalt des Sturmwelle Luthers, welche Britannien weitertrug, hinaus auf die Weltmeere, ein neues Reich, eine neue Welt, und zwar eine innere und äußere, zu schaffen. Links von Rom lag nun Amerika, das Ziehkind Englands, und rechts von ihm Russland, seit der Ehe der Prinzessin Zoe Palaiologina mit dem Zaren Iwan III., zwanzig Jahre nach dem Fall Konstantinopels, der Statthalter Europas an der mohammedanischen Front. Nicht die Welt an sich, die Große Politik waren kleiner geworden, im Gegenteil: in den Vereinigten Staaten, die ihren ersten völkerrechtlichen Vertrag mit Friedrichs Preußen im Jahr 1785 schlossen, kündigte sich eine Kultur des selbstverständlichen think big an, die auch den großen europäischen Mächten, von Spanien einmal abgesehen, das indessen seit der bourbonischen Machtübernahme in die Bedeutungslosigkeit versunken war, nicht geläufig war, geschweige denn dem armen Mittelstaat Preußen. Aber die Rolle Deutschlands und damit Europas, die Rolle der römischen Welt schrumpfte von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Das Deutschland der Reformation, also Preußen, dessen König seit dem Großen Kurfürsten und dem Edikt von Potsdam als supremum caput reformatae religonis galt (auf merkwürdige Weise verband dies Preußen geistig-politisch zugleich mit Großbritannien und Russland, denn es rückte es jedenfalls aus dem alten, präreformatorischen Kontext der europäischen Machtpolitik mit zwei katholischen Souveränen als Antagonisten): dieses Deutschland stieg in der preußischen Persona auf zu Macht, Geltung und Bedeutsamkeit, als links und rechts von ihm, geschieden durch einen Ozean und ein Faltengebirge, durch den Atlantik und den Ural, zwei neue, ganz andere, unglaublich leibliche, physisch potente Mächte emporstiegen, vor denen selbst das mächtige Frankreich nichts mehr galt.

Friedrich, der Schöngeist und Freidenker, stand so vor einer doppelten Herausforderung: sich selbst eine politische Figur und seinem Staat eine weltpolitische Figur geben zu sollen. In gewisser Weise verband ihn dies wieder mit Friedrich Hohenstaufen: so wie der zwischen deutscher und orientalischer Frage stand und zwischen ihnen zerrissen wurde: so stand Friedrich zwischen Ost und West und traf bis zuletzt keine Entscheidung für einen von beiden. Die Franzosen liebte er, ohne sie, die sich bei Rossbach aus dem Krieg verabschiedet hatten, achten zu können; auf die Russen blickte er herab, ohne sie, die ihm die Krone, das Reich und das Leben gerettet, doch zugleich geringschätzen zu können. An ihrer Seite machte der schon vergreisende König in den Siebzigerjahren überhaupt erst den ersten Schritt in die richtige, großdimensionierte Machtpolitik: die Annexion Preußens königlichen Anteils, die Einverleibung des im Thorner Frieden dreihundert Jahre zu vor einst an das mächtige Polen-Litauen verlorengegangenen kompletten Stammlandes seiner Preußen, die Heimholung des Deutschordenslandes durch den Freimaurer. Zur selben Zeit geschah dies, als die Kaiserin Jekaterina die Krim und Novorossija eroberte, das alte Stammland der Kiewer Großfürsten, aus denen das moskowitische Zarentum hervorging.

Friedrich Hohenstaufen hatte die zerstrittenen deutschen Fürsten im Rücken, deren Länder er, obwohl sämtlich formaliter Reichslehen, nicht in der Weise akkumulieren konnte, wie es im Westfrankenreich bereits vor Karl dem Großen geschehen. Hier wie da fehlten Deutschland vierhundert Jahre Rückstand, dem Staufer gegenüber Frankreich, dem Preußen gegenüber Europa. In einem Europa des frühen dreizehnten Jahrhunderts hätte ein Friedrich der Große Deutschland konsolidieren und damit die Voraussetzung für eine staufische Weltpolitik fünf Jahrhunderte später schaffen können. Federico Secondo, hätte er im achtzehnten Jahrhundert gelebt, wäre ein Napoleon avant la lettre geworden, unbelastet vom Odium der Revolution, das es vermochte, sogar die Erzfeinde Russland und England, den Sultan noch an ihrer Seite, gegen ihn aufzubringen, hätte, Italiener wie der Korse, doch ungleich mehr credibility besessen als legitimer Erbkönig und als Deutscher, aus der Mitte Europas kommend und nicht seiner keltisch-fränkischen Peripherie, deren siècle d’or zu Zeiten des Empire lange vorbei war.

Ein wesentlicher Unterschied liegt zwischen dem Staufer und dem Preußen, und er liegt in ihrem Verhältnis zur Väterlichkeit. Der Staufer als Originalgenie, das den Vater nie verlor und ewig am übermenschlichen Großvater gemessen wurde, den es nie kennen lernte, wurde aufgezogen in dem Bewusstsein, sein eigener Vater zu sein. Als Kind schon erhielt er die sizilianische Krone, keine zwanzig war er, als er im Kampf um die römisch-deutsche Krone obsiegte, und dem Sechsundzwanzigjährigen setzte der Papst in Rom die Kaiserkrone auf. Ohne Willen, ohne allergrößte Kraftanstrengung ist dieser Lebenslauf nicht vorstellbar. Früh wurde Federico in die Rolle hineinerzogen, der Welt, die ihm zu Füßen lag, Vater zu sein, früh musste er indes feststellen, dass diese Rolle ihm mit Gewalt und monströser Zähigkeit bestritten wurde durch den, der sich qua Amt zum Vater, zum Hirten der Völker bestellt sah.

Ganz anders dagegen Frédéric le Philosophe. Sein Leben war diktiert nicht von physischer Vaterlosigkeit, aber von dem melancholischen Schmerz dessen, der sich früh bewusst ist, den „falschen“ Vater zu haben, und der viel Lebenskraft darein investiert, sich an dieser Fehldisposition, die strenggenommen keine, jedenfalls keine irdische, ist, abzuarbeiten. Man hat gute Gründe, Friedrichs des Großen Heldenreise zu erzählen als eine Suche nach dem verlorenen Vater. In Wahrheit aber war es, das weiß die Psychologie, viel eher die Suche nach der Mutter, und zwar nach der guten, bejahenden Mutter. Das Böse als Vater, als Mann: das war nur äußere Hülle, war nur die Gestalt, die das Inkarnat des Archetypus der böse,n verschlingenden Mutter, der Kali annahm, welcher der Prinz Aphrodite als ersehntes und verfehltes Ideal entgegensetzte. Und so sehnte Friedrich der Einzige, der Jüngere, im Grunde sich nach Friedrich dem Apulier, dem Älteren, den er anrief in seinen grellen Alpträumen, die ihn heimsuchten seit der terrorisierten Kindheit, seitdem der Vater ihn morgens mit der Vorhangskordel zu erdrosseln drohte, und noch in jenen bitterkalten oder süßlichschwülen Nächten, in denen „auf einer Trommel der Held saß“, wie es die biedermeierliche Legende wissen wollte, seiner Schlacht denkend, während ihm in Wahrheit doch einfach nur kalt ums Herz war, um das Herz, das, des liebenden, mütterlichen, umgebenden Schoßes beraubt, auf den Vater, den Retter in der Not, den deus ex machina den Blick voll Angst und Sehnsucht wandte:

 

„Aber selbst mit den Adlern als Bundesgenossen waren sie noch an Zahl unterlegen. Und in dieser letzten Stunde erschien Beorn. Keiner wusste, wie und woher er kam. Er kam allein und in Bärengestalt. Ja, er schien in seiner Wut zu einem riesigen Untier geworden zu sein. Sein Gebrüll klang wie Paukendröhnen und Kanonendonner. Er fegte Wölfe und Orks wie Strohhalme und Federn aus dem Weg. Dann fiel er über die Nachhut her und brach wie ein Donnerschlag durch den Ring, den die Orks um die Zwerge geschlossen hatten. Auf einer niedrigen Hügelkuppe hatten sich die Zwerge um ihre Fürsten geschart. Beorn hielt inne und hob Thorin auf, der von Speeren getroffen war, und er trug ihn aus dem Tumult. Rasch kehrte Beorn zurück. Sein Zorn hatte sich verdoppelt, nichts widerstand ihm, keine Waffe schien gegen ihn etwas zu nützen. Erjagte die Leibwache auseinander, fasste Bolg und zermalmte ihn. Da überfiel Entsetzen die Orks und sie flohen nach allen Richtungen.“ 

Zeitenwende 1913. Das Geburtsjahr der Moderne

1913 schließt sich das Tor zur Vergangenheit Alt-Europas und öffnet sich zugleich die Tür zu einer neuen Zeit – es ist das Jahr, in dem sich zwei Epochen in finaler Verdichtung berühren. Blicken wir darauf zurück, sehen wir ein Bild, das unserer heutigen Welt erstaunlich ähnelt
Noch nie in der Geschichte hat sich die Welt in so kurzer Zeit so radikal verändert wie in den 100 Jahren zwischen 1913 und 2013. 1913 war das letzte Jahr des Ancien Régime: Die europäischen Großmächte waren, mit Ausnahme Frankreichs, monarchisch verfasst. Lediglich in England hatte das Parlament weitergehende Kompetenzen, aber selbst dort war das Königshaus einflussreich, wie sich in der Julikrise am Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 zeigte.

Die Gesellschaft war, zumindest oberflächlich, vor allem noch ständisch gegliedert, noch immer bestimmte weitgehend die Geburt, ob man zu den privilegierten Kreisen aus Adel und Bürgertum zählte oder nicht. Unterbürgerlich – das waren 85 Prozent der Gesellschaft; die Eliten, insbesondere in Deutschland, rekrutierten sich aus einem Reservoir adliger und großbürgerlicher Familien, das sich zwar stetig, aber nur langsam erweiterte.

Die große Weltpolitik wurde von den fünf Großmächten England, Deutschland, Frankreich, Russland und Österreich-Ungarn bestimmt; die USA waren zwar damals schon, vor dem Deutschen Reich und Großbritannien, die Wirtschaftsmacht Nummer eins, pflegten aber ihre splendid isolation, die sie erst 1917, mit dem Eintritt in den Weltkrieg aufseiten der Entente, aufgeben sollten – dann aber, um im Handumdrehen die erste und lange Zeit einzige Supermacht der Welt zu werden.

Asien spielte damals als Subjekt von Politik keine Rolle. Indien, heute eine kommende Weltmacht, war britische Kolonie, 1911 hatte sich Georg V in einer bombastischen und sündhaft teuren Zeremonie zum Kaiser von Indien gekrönt. Japan machte seit dem 19. Jahrhundert ehrgeizige Versuche, in der Weltpolitik eine Rolle zu spielen, arbeitete sich aber vorerst an Russland ab, dem größten Staat der Erde, der, unterstützt durch die panslawistische Ideologie in Osteuropa, ein eurasisches Großreich ansteuerte, dessen innenpolitische Probleme aber dem Land keine Ruhe ließen und 1917 schließlich zur kommunistischen Revolution führten. Das kaiserliche China erwachte erst mit der Revolution 1911 aus seinem jahrhundertelangen Dornröschenschlaf, und es sollte weitere 50 Jahre brauchen, bis es auf der Bühne der Weltpolitik als vollwertiger Player auftreten konnte; dennoch sprach man vorausahnend schon damals von der „gelben Gefahr“.

In den europäischen Hauptstädten ahnte man, dass es mit der politischen Dominanz der Alten Welt bald vorbei sein würde. Nach außen freilich schien die alte Ordnung, die sich im 19. Jahrhundert vom Wiener Kongress 1815 über die bürgerlichen Revolutionen 1848 bis zur deutschen Reichseinigung 1871 eingepegelt hatte, fest und unerschütterlich. „Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen“, hatte Deutschlands Kaiser Wilhelm II bei seinem Regierungsantritt 1888 verkündet, meinte damit aber eigentlich die „guten alten Zeiten“, von denen ganz Europa insgeheim hoffte, dass sie ewig dauern würden. Seit 1871 hatte zwischen den europäischen Mächten kein Krieg mehr stattgefunden; stattdessen Wirtschaftswachstum, langsame Öffnung der gesellschaftlichen Schranken, steigender Wohlstand auch für die klein- und unterbürgerlichen Schichten. Europa erlebte 1913 seine halkyonischen Tage.

Andererseits ist 1913 ein vorweggenommenes 2013. Die Wirtschaft war damals international so sehr verflochten, wie es erst nach dem Ende des Kalten Krieges in den neunziger Jahren wieder der Fall sein sollte. Die weltweite familiäre und institutionelle Verflechtung vieler Industriellendynastien stammt aus eben jener Zeit; darin taten sie es den Monarchen gleich, deren Häuser untereinander heirateten und die durch dieses Konnubium die internationale Stabilität zu sichern schienen. Die ehemals stand- und rechtlosen Massen emanzipierten sich, die Arbeiterbewegung, 1913 genau ein halbes Jahrhundert alt, hatte, anstatt blind gegen den Staat zu rebellieren, die Unterschicht behutsam an eben diesen Staat herangeführt, und der Erfolg der Sozialdemokratie bei der Reichstagswahl 1912 bewies eindrucksvoll, dass die Arbeiter zum Staat gehörten und Mitsprache bei der Leitung dieses Staates verlangten. Bismarcks Sozialgesetzgebung, in den 1880er Jahren als Reaktion auf die erstarkende Sozialdemokratie begonnen, ebnete den Weg in den modernen Sozialstaat. Zum 1. Januar 1900 war das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft getreten; es gilt noch heute.

Vielleicht am deutlichsten werden die Gemeinsamkeiten von 1913 und 2013 am Beispiel der technischen Entwicklung. 1913 ist die Zeitscheide, der Dreh- und Angelpunkt in den 200 Jahren zwischen 1813, dem Jahr der Befreiungskriege, und 2013, dem Jahr der Eurokrise. 1813 schlief Europa noch den Schlaf der Gerechten; man heizte mit Holz, leuchtete mit Kerzen, reiste in der Postkutsche auf meistens schlecht oder gar nicht gepflasterten Straßen. Das Impfwesen stand ganz an seinem Anfang, Kindersterblichkeit und Unterernährung waren gang und gäbe.

1913 dagegen war Europa von einem dichten Netz aus Eisenbahnlinien durchzogen, das Reisen mit dem Dampfzug war längst kein Privileg der Wohlhabenden mehr, in der Holzklasse saßen Arbeiter und einfache Soldaten auf dem Weg in ihre Garnison. 1813, nach der Völkerschlacht bei Leipzig, waren die siegreichen Monarchen zu Pferde in die eroberte Stadt eingeritten; 1913 ließ sich Kaiser Wilhelm II, ein Techniknarr wie alle großen Herren seiner Zeit, in der Mercedeslimousine chauffieren, auf dem Grill freilich nicht der Stern, sondern das Hohenzollernwappen.

Die Medizin hatte ungeheure Fortschritte gemacht, schon Rudolf Virchow hatte die erste erfolgreiche Herz-OP durchgeführt, Impfungen und eine immer professionellere Anästhesie verlängerten Jahr für Jahr die durchschnittliche Lebenserwartung. Der Tod im Wochenbett wurde seltener, es gab keine Epidemien mehr, und die Arbeiter verdienten zwar in der Regel immer noch schlecht, hatten aber wenigstens genug zu essen und konnten sich anständig kleiden. 1813 hatte man noch die Nachttöpfe in den Gassen ausgekippt, 1913 gab es großflächig funktionierende Kanalisationen und in immer mehr Wohnungen fließendes Wasser. Hungerperioden, die wie 1816, im „Jahr ohne Sommer“, noch ganz Europa heimgesucht hatten, gehörten nun der grauen Vorzeit an. Der europäische Mensch, der 1789 mit seiner Lebenswelt noch tief im Mittelalter gesteckt hatte, war 1913 in der Moderne angekommen.

Längst fuhr man in den Städten nicht mehr mit der Pferdedroschke, sondern mit der „Elektrischen“; überhaupt war Elektrizität die Technologie der Zukunft. Gaslaternen und Petroleumlampen verschwanden, bald erhellte elektrisches Licht die Straßen, Plätze und öffentlichen Gebäude. „Glühwürmchen, Glühwürmchen flimm’re“ – der Schlager von Paul Lincke tönte aus dem Grammofon in Tanzlokalen und Betrieben. Fotografie und Film waren die Medien der Zeit, und die Monarchen, allen voran der deutsche Kaiser, waren die ersten Medienstars.

Überhaupt, die Medien: Wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch fleißig zensiert, so waren Zeitungen und Zeitschriften am Vorabend des Ersten Weltkriegs in der Unabhängigkeit angekommen. Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte wurden Meinungen „gemacht“, Verleger waren nicht nur schwerreich und gehörten selbstverständlich zum Establishment, sondern konnten mit ihren Erzeugnissen Regierungen stürzen oder wenigstens – wie Maximilian Harden, der mit seiner „Zukunft“ 1906 die Eulenburg-Affäre auslöste und damit Kaiser Wilhelm II an den Rand der Abdankung brachte – in arge Bedrängnis versetzen. Das Analphabetentum war im Zuge der Industrialisierung so gut wie verschwunden, und so gab es zum ersten Mal wirklich so etwas wie eine öffentliche Meinung. Klassische Kabinettspolitik, wie Bismarck sie in seinen ersten Jahren als preußischer Ministerpräsident noch gemacht hatte, wurde da unmöglich. Auch deshalb geriet der Weltkrieg zum ersten modernen „Volkskrieg“: Die Massen waren informiert und wollten mitreden.
Längst fuhr der reiche Landadel in Wien, Berlin und London im Sommer mit dem eigenen Automobil „auf die Länder“, die Industriellenfamilien von heute, ob Großkonzerne oder Mittelstand, legten vielfach in der Hochkonjunktur von 1900 das Fundament für ihren Reichtum. Das Geld, das heute die Welt regiert, ob in den USA oder in Europa, ist oft fünf oder sechs Generationen alt, seine Ursprünge liegen in jener Zeit des aggressiven Wirtschaftswachstums, zwischen 1815 und 1914 flankiert von einer Politik der „balance of power“ ohne größere kriegerische Zwischenfälle. Übrigens etablierte sich auch die Schweiz, um 1850 noch ein bitterarmes Land, als Nibelungenhort der Reichen und Mächtigen, die dort ihr Vermögen vor dem kommenden Gewitter in Sicherheit brachten; Österreichs schöne Kaiserin Elisabeth, die 1898 einem Mordanschlag zum Opfer fiel, war eine der Ersten, die in der Schweiz mit sicherem Instinkt ihre Millionen anlegte.

Der Weltkrieg schließlich, der 1914 überraschend und zugleich von allen erwartet ausbrach, offenbarte vollends, dass man nicht mehr im 19. Jahrhundert lebte. Schon lange war das Telefon als erste Wahl in der Telekommunikation in den Ämtern und Kontoren, aber auch in den Häusern der Wohlhabenden angekommen. Im Krieg schlug dann die Stunde der drahtlosen Kommunikation. Wovon Leonardo da Vinci 400 Jahre zuvor geträumt hatte, war nun Realität: Man kämpfte nicht nur zu Wasser und zu Lande, sondern auch in der Luft und unter Wasser. Luft- und U‑Boot-Waffe entschieden zwar nicht den Krieg, aber sie läuteten das Zeitalter der modernen Kriegstechnologien ein. Ihre kriegerische Nutzung wirkte, wie immer, als gewaltiger Katalysator auf die Entwicklung der Luftfahrt.

Marcel Proust beschrieb in seinem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mit gruseliger Faszination die ersten deutschen Bombenangriffe auf Paris. Die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs durch das Deutsche Reich 1917 rief die USA auf den Plan und legte so eigentlich den Grundstein zur Weltmachtstellung, die Amerika, einmal aus seinem Isolationismus erwacht, in kürzester Zeit erringen sollte. Zugleich schuf er die Voraussetzung für die politische Entwicklung der kommenden 30 Jahre: Was den verbündeten Engländern und Franzosen auf den Schlachtfeldern zwischen Kanalküste und Schweizer Grenze in drei Jahren nicht gelungen war, schafften sie mit Hilfe der materiell himmelhoch überlegenen Amerikaner in sechs Monaten: Deutschland bat um Waffenstillstand, verlor seinen Kaiser und seine Landesfürsten und, wie sich zeigen sollte, seine innere Stabilität. Die Geburtsstunde des „Politikers“ Adolf Hitler hatte geschlagen.
1913 ist das Jahr, in dem alte und neue Zeit einander in finaler Verdichtung berühren. Als am 24. Mai in der Reichshauptstadt Berlin, die sich längst von der niedlichen biedermeierlichen Residenz zur Wirtschafts- und Kulturmetropole von internationalem Rang entwickelt hat, die Hochzeit der Kaisertochter Prinzessin Viktoria Luise mit dem braunschweigischen Thronprätendenten Prinz Ernst August von Hannover gefeiert wird, feiert sich zugleich das alte, monarchische Europa – es sollte die letzte glänzende Zusammenkunft der europäischen Fürsten sein, an ihrer Spitze Wilhelm II und seine beiden Cousins, König Georg V von England und Zar Nikolaus II von Russland. Anlässlich dieses Ereignisses entstand übrigens der erste Farbfilm und lieferte Bilder von Berlins festlich geschmücktem Prachtboulevard Unter den Linden, aufgesessenen Gardekürassieren in schimmernder Rüstung und mit schwarz-weißen Wimpelchen an ihren Paradelanzen.
Auch da also eine Begegnung von Tradition und Moderne, genauso wie bei der Verkündung der Mobilmachung ein Jahr später: Mit altmodisch gesetzten Worten sprach der Kaiser, der den Krieg, genauso wie seine royalen Vettern, nicht wirklich gewollt hatte, zur Bevölkerung vor dem Berliner Stadtschloss: „Wir werden kämpfen bis zum letzten Atemzug von Mann und Ross“ – doch die Rede wurde mithilfe modernster Technik aufgezeichnet und ist als Tondokument bis heute überliefert. Und nicht mehr Rösser sollten im folgenden Krieg die Entscheidung bringen, sondern motorisierte Einheiten, Panzer und Giftgas.

So schließt sich 1913 das Tor zur Vergangenheit Alt-Europas und öffnet sich zugleich die Tür zu einer neuen Zeit, einer Zeit, wie es der Historiker Christian Graf von Krockow formulierte, die nicht mehr „Neuzeit“ ist, sondern eine neue, noch unbekannte und unbenannte Zeit. 1990 war nicht, wie Francis Fukuyama schrieb, das Ende der Geschichte, aber 1914 war der Abschluss der Neuzeit, die mit der Reformation und dem Einzug von Nationalstaat und Kapitalismus begonnen hatte – und gleichzeitig Beginn eines neuen Zeitalters, auf dessen Namen man sich wohl erst in den kommenden Generationen festlegen wird. Wenn wir Heutige auf 1913 schauen, so sehen wir ein Bild, das unserer Welt erstaunlich ähnelt, während die Jahrzehnte und Jahrhunderte davor verblassen, als gehörten sie zu einem anderen, längst vergangenen und vergessenen Strom in der Weltgeschichte.

Doch die Gemeinsamkeiten zwischen heute und gestern reichen noch tiefer. 1913 ist das Abschlussjahr des „fin de siècle“, jener geistigen Strömung, die tief im 19. Jahrhundert, im früh modern gewordenen Paris erwachte und sich nach und nach über das ganze zivilisierte Europa ausbreitete. 1913 ist auch das eigentliche Geburtsjahr einer echten Weltliteratur: Oscar Wilde und Marcel Proust, Musil, Kafka und der junge Brecht, Schnitzler und Kraus, Rilke und Trakl, Stefan Zweig sowie, als melancholischer Nachklang, Joseph Roth – sie zusammen haben das neue Testament der mitteleuropäischen Literatur geschrieben, in einer Verdichtung von Stil, Ausdruck und philosophischem Gestus, die niemals wieder erreicht wurde und die die große Literatur bis in unsere Tage geprägt hat.

Dasselbe gilt von Bildender Kunst und Musik. Der Expressionismus öffnete das Tor zu unserer heutigen Wahrnehmung von Kunst, die sich von der gefälligen Abbildung der Realität verabschiedet hat, um in die Tiefen der Seele zu steigen mit ihren Schlacken und ihrer unharmonischen Verbogenheit. Arnold Schönberg verabschiedete sich mit der Zwölftonmusik vom klassischen Ideal der Diatonik, wie es seit den Tagen Bachs bis zu Bruckner und Mahler unerschütterlich gegolten hatte. Wer immer vom 20. Jahrhundert spricht, bezieht sich auf 1913 und die Vorarbeiten, die damals die geistige Situation der Zeit prägten und eine Strömung lostraten, die noch heute, noch nach 100 Jahren, aktiv und mächtig ist. 1913 ist das eigentliche Geburtsjahr der Moderne.

Alles, was den europäischen Menschen von heute prägt und verstört – die ideologische Orientierungslosigkeit, das Gefühl von (wie es Hannah Arendt nannte) Weltlosigkeit, von absoluter Freiheit des Geistes, die aber eben zugleich völlige Halt- und Hilf­losigkeit bedeutet, ist in jenem Schicksalsjahr 1913 angelegt. Unter ihrem Pionier Sigmund Freud, auf dessen Couch in Wien sich das halbe Großbürgertum „Kakaniens“ behandeln ließ, etablierte sich damals die Psychologie, die irrlichternde Wissenschaft von der menschlichen Seele, die sich bekanntlich keiner Wissenschaft erschließt, als Leitdisziplin der Moderne.

Die Philosophie Friedrich Nietzsches, die keine Philosophie gewesen war, sondern ein einziger Hilfeschrei des erwachsen und damit standlos gewordenen modernen Menschen nach Orientierung und Halt, nach Glauben und Erlösung, beherrschte das europäische Denken in allen seinen Schattierungen und warf in seinen militanten, rassistischen Verhärtungen, die langsam, oben wie unten, in Mode kamen, erste dunkle Schatten. Und die Lehre von Karl Marx breitete sich mit unheimlicher Geschwindigkeit in der ganzen Welt aus, mit der Parole Schillers, die sie zur geschichtlichen Wirklichkeit erhob: „Zu was Besserem sind wir geboren!“

Aber nicht in Europa zündete der bestrickende Gedanke von der Gleichheit aller Menschen, sondern in den Randmächten Russland und China – und genau diese Mächte sind es, die heute, nach 100-jährigem, strammem Aufstieg, nach etlichen Verwerfungen und ungeheuren Opfern, immer mehr den Ton in der Weltpolitik angeben. Gemeinsam mit dem Islam, der mit dem Zerbrechen des Osmanischen Reiches zu seinem geschichtlichen Selbstbewusstsein gelangte, das heute mit unheimlicher Macht seine Stimme erhebt. An diesem Zerbrechen aber, das in der Zeit Napoleons, 100 Jahre zuvor, seinen Anfang genommen hatte und dann schließlich auf dem Balkan seinen Kulminationspunkt erreichte, entzündete sich wiederum 1914 der Erste Weltkrieg – auch hier schließt sich der Kreis zwischen damals und heute, da der Orient durch die arabische Revolution endgültig das postkoloniale Zeitalter hinter sich lässt.

Die Welt von 1913 war, wie der Heilige Augustinus 1500 Jahre zuvor, an einem anderen Epochenbruch, geschrieben hatte, „wie in einem Kelter“: Alles wurde infrage gestellt, alles durcheinandergewirbelt, Stabilität gab es nur noch äußerlich, in den wankenden Machtgebilden, die das 19. Jahrhundert hinterlassen hatte, die aber keinen wirklichen Halt mehr gaben, was die Eliten dieser Mächte am besten wussten. Der Sturm, der damals in den Höhlen hauste, um im Jahr des Kriegsausbruchs 1914 loszubrechen, fegt auch heute noch durch die Welt, freilich mit anderer Richtung und mäßiger Geschwindigkeit. Doch die Ungewissheit von damals ist geblieben, mitsamt jenem brisanten, krisenhaften Gefühlscocktail aus Nervosität und Lethargie, aus Selbstbewusstsein und Angst, aus Aufklärung nach außen und Hilflosigkeit nach innen. Das abgeklärte Wissen um die Souveränität des Menschen in einer Weltgeschichte ohne göttliche Eingriffe, dieses Erbteil des 19. Jahrhunderts, haben wir bezahlt mit dem bangen Nichtwissen, wohin uns diese Geschichte führen wird – 1913 wie 2013.

Dieser Text erschien im Januar 2013 im Magazin CICERO. 

Header: Kronprinz Wilhelm des Deutschen Reiches und von Preußen auf dem Weg zur Hochzeit seiner Schwester Prinzessin Viktoria Luise. Berlin, 24.  Mai 1913. Rechte: picture-alliance / akg-images. 

Byzanz, Eurasiens Wunde. Das Sykes-Picot-Abkommen vor 100 Jahren und Europas orientalische Schuld

„Alle heutigen Konflikte des Nahen Ostens gehen zurück auf den Ersten Weltkrieg.“ (David Fromkin)

Das osmanische Reich, das politisch auf der Friedenskonferenz von Sèvres im Jahre 1920, geistlich mit der Absetzung des letzten Kalifen, des gewesenen Sultans Abdülmecid des Zweiten, im Jahre 1924 nach langem, mählichem Verfall zu Ende ging, stand am 28. Juni 1914 an der letzten Schwelle zu seinem Untergang. An jenem Tag – es herrschte bestes, sonniges Balkanwetter oder, wie man in der weiter nördlichen, waldigen und regnerischen norischen Tiefebene sagte: Kaiserwetter – begaben sich Seine K. u. K. Hoheit der Erzherzog-Thronfolger von Österreich, Königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, Franz Ferdinand, und seine morganatische Gemahlin, die Herzogin von Hohenberg, leider nur eine einfache Hoheit und auch dies, da eigentlich eine geborene Gräfin aus landständigem Adel, nur von Kaisers Gnaden, zum Abschlussempfang in den Konak, den Sitz des Statthalters zu Sarajewo. Keine sechs Jahre war es her, dass durch kaiserliche Entschließung Bosnien und die Herzegowina, um deren Besitzes willen ein Menschenalter zuvor beinahe ein Weltkrieg entbrannt wäre, offiziell der österreichisch-ungarischen Monarchie einverleibt wurden, unter Sonderverwaltung aus Wien, versteht sich, um den ewigen Zwist zu vermeiden, der seit dem Ausgleich von 1867 zwischen der cisleithanischen Reichshälfte und den Ländern der Heiligen Stephanskrone tobte. Heute, an diesem schicksalhaften 28. Juni, wurde ein Weltkrieg daraus. –

Nach dreißig Jahren international, kraft nämlich der zu Berlin unter der bauernschlauen, aber nicht immer vorausschauenden Regie des pommerschen Kavallerieoffiziers Otto von Bismarck getroffenen Vereinbarungen sanktionierter Militärverwaltung, hatte also der Kaiser Franz Joseph, der erste und letzte seines Namens, in einer solennen Deklaration und pünktlich zur Feier seines sechzigjährigen Regierungsjubiläums, die vollständige Herauslösung der westbalkanischen Provinz aus dem ottomanischen Reichsgebilde verfügt – freilich nicht ohne vorher Rücksprache mit Russland, dem alten Feind und Nachbarn, getroffen zu haben, das sich durch den Ballhausplatz im Gegenzug die freie Durchfahrt durch Bosporus und Dardanellen zusichern ließ. So wurde Bosnien und die Herzegowina zur letzten friedlichen Landerwerbung einer europäischen Monarchie auf dem europäischen Kontinent.

Wo heute Bosnien liegt, wenige Tagesmärsche vom Lauf der Donau entfernt, siedelten im Altertum, zweitausend Jahre zuvor, die Kelten. In seiner Anabasis des Alexander schildert Arrian, wie der junge Makedonenkönig, ehe er den Weg nach Osten einschlug, mit ihren Abgesandten zusammentraf. Auf die Frage, was sie denn am meisten auf der Welt fürchteten, gaben sie indessen nicht die erhoffte und erwartete Antwort – nämlich ihn, der die Frage stellte, selbst –, sondern sagten, so will es die Legende, sie fürchteten nur dies eine: dass ihnen der Himmel auf den Kopf falle.

Herausforderung weckt Eroberungslust, Schlichtheit aber, sie mag Ausdruck innerer Stärke sein oder nicht, macht gleichgültig. Der große Alexander merkte, was er merken sollte, an dieser Antwort: dass auf dem Balkan, in dessen Herzen er als Sohn des Königs Philipp des Zweiten im prächtigen, aber barbarischen Pella geboren, für ihn keine Lorbeeren zu gewinnen seien. So wandte er sich, nicht unbeeindruckt zwar, wieder ab von den merkwürdigen, unrasierten Männern in ihrer primitiven, bäurischen Tracht und nahm in Angriff, was seinen Namen ins Buch der Geschichte einschreiben sollte, so lange es eine Menschheit geben mag: den Zug nach Asien, das große europäisch-asiatische Reich.

Der Kampf um den Balkan, so ließe sich sagen, dieser Kampf, der schon bald, keine zweihundert Jahre nach des großen Alexanders Tod, zum Schicksalskampf Europas werden sollte und dies geblieben ist bis auf den heutigen Tag, da durch den Schlauch dieser Halbinsel tagtäglich Zehntausende Flüchtige, vom ägäischen Meer kommend, den schweren, hoffnungsvollen Gang nach Mitteleuropa, nach Deutschland auf sich nehmen: dieser Kampf war im Grunde immer ein Kampf um das Stammland Alexanders, ein ewiger tomb raid mit der obskuren Wiegen- und Grabesstätte des Ruhmreichen und Vielgeliebten als Gralsburg, als heiß ersehntem und nie gefundenem Munsalvasch.

Darein, in diese topographische Heldenerzählung fügt sich die geologische Stellung des Balkans als Schnittpunkt Europas und Asiens. Hier verläuft, neben dem Ural und dem Kaukasus, die dritte, große, lange und breite Grenze, die Asien von Europen reißt, doch die Liebe nicht schreckt; die, wie eben jede Grenze, beide in einem unauflöslichen clinch zu dem großen Einen verbindet, das wir langsam wieder Eurasien zu nennen uns gewöhnen.

In die Meldungen um die Krim, Griechenland und Syrien, alle drei im Schnittpunkt der großen Landmasse, die Zbiginiew Brzezinski in seiner Programmschrift „The Grand Chessboard“ von 1997 denn auch the Eurasian Balkans, den „eurasischen Balkan“ nannte, mischte sich im Spätsommer 2014 die Nachricht, beim makedonischen Amphipolis, in alter, längst versunkener Zeit einst eine Stadt von historischem Rang, eine Grabanlage von bis dahin unbekannter Ausdehnung und Pracht aufgefunden zu haben. Rasch wurden, insbesondere in griechischen Medien, Vermutungen laut, hier könne sich das Grab des großen Alexanders befinden. Und wenn auch wohl eher der Wunsch der Vater solcher Gedanken sein mag, so wäre es doch ein arger Zufall, wenn das Grab von Amphipolis und damit der Alexandermythos, der in the nutshell den eurasischen enthält, nicht ausgerechnet in jenem historischen Augenblick ins kollektive Bewusstsein Europas gerückt wäre, in dem die Frage nach und der Kampf um die Neuordnung Europas und Eurasiens in ihre entscheidende Phase zu treten begannen.

In dem Dreieck, dessen gedachte Hypotenuse, auf dem Balkan, längs der alten kroatischen Militärgrenze, beginnend, hinüber nach Markanda, dem heutigen Samarkand in Usbekistan sich erstreckt, während seine imaginären Katheten, die linke etwas kürzer, die rechte etwas länger, spitz aufeinander zulaufend durchs östliche Mittelmeer hier, durch Afghanistan und Persien dort, am südlichsten Punkt der arabischen Halbinsel sich vereinigen: in diesem Dreieck vollzieht sich der Kern dessen, was wir Weltgeschichte heißen. Auf den Sinai führte der ägyptische Prinz Mose, ein israelitischer Bastard und daher ausgeschlossen von der legalen Thronfolge, zu der er doch mehr legitimiert als irgendein anderer, seine Getreuen, ausgelöste und entlaufene Sklavenarbeiter und Esoteriker, um aus ihnen das Muttervolk einer neuen Herrscherschicht in dem politisch aufgewühlten phönizischen Landstreifen längs der Mittelmeerküste zu schaffen. Zur Oase Siwa nahm Prinz Alexander, König der Makedonen aus menschlichem und bald Kaiser des Orients aus göttlichem Recht, den Umweg auf dem Marsch nach Susa und Persepolis, vielermahnt und getadelt von seinen Generalen, diesen zeitraubenden Unsinn zu lassen, nichtsahnend, unwissend sie um den tieferen Grund, der den Ahnenden und Suchenden, dessen Achilleertum nur der eine Teil seiner Seele war, diesen Umweg nehmen ließ. Nach Ägypten schließlich führte auch, so will es das Evangelium, den neugeborenen Heiland seine erste Reise, auf der Flucht vor den Häschern des Herodes.

Und schließlich: Ägypten war auch das erste Opfer der islamischen Expansion. Keine fünf Jahre nach dem Tod des Propheten im Jahr des Herrn 632, der fünf Sechstel seines Lebens ein Verfolgter, Geächteter und Flüchtender war, bis er im sechsten der stolze, brutale und unbestrittene Anführer einer stetig wachsenden Schar von Getreuen, ihm auf den Tod Verfallenen wurde: keine fünf Jahre also nach dem Tode Mohammeds schwappte die Sturmwelle seiner Gläubigen – denn so nannte sich die neue Religion, schlicht und outspoken: Islam, „Glaube“ – von der arabischen Wüste, wo sie sich aufgestaut, hinüber ins stolze, reiche und schöne Ägypten, das China Europas, die älteste Stätte menschlicher Kultur am Schnittpunkte der drei Erdteile Afrika, Asien und Europa. Ägypten, das ein halbes Jahrtausend lang eine römische Provinz mit einer griechischen Bevölkerung gewesen, fiel unter die Banner der Gotteskrieger, die, vom südlichsten Rand der eurasischen Wüste kommenden, aufbrachen, Eurasien sich zu unterwerfen.

Von diesem Ägypten, wie vom Orient im Ganzen, dessen Länder in rascher Folge dem Ansturm der Mohammedaner erlagen, sprachen die Griechen, die einst von der Costa Brava bis auf die Krim die gesamte Mittelmeerküste besiedelt und ins reinigende Bad ihrer Zivilisation getaucht hatten, noch im zwanzigsten Jahrhundert als von „ihrem Osten“, nannten es tin kath’ imas anatoli. Konstantinos Kafavis, der größte Dichter der „neugriechischen“ Athener Schule, wurde Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als Sohn einer griechischen Kaufmannsfamilie in Alexandria geboren. Etwa um dieselbe Zeit heiratete die phanariotische Kaufmannstochter Eleni Valtazzi, die reichste Erbin Konstantinopels, den österreichischen Diplomaten Albin Vetsera, einen baronisierten slowakischen Aufsteiger in die Wiener „Zweite Gesellschaft“. Ihre gemeinsame Tochter Mary (eine unter zahllosen Legenden will, dass sie gar die Frucht einer Liebschaft zwischen der Helene Vetsera und dem Kaiser Franz Joseph höchstselbst gewesen) ging zwanzig Jahre später, an einem Januarmorgen des Jahres 1889, mit dem Kronprinzen Rudolf von Österreich, dessen letzte sie ebenso wie er ihre erste Liebschaft gewesen, im Jagdschloss Mayerling in den Tod.

Das Griechentum, dessen Geschichte der europäische Norden mit der durch Kaiser Justinian verordneten Schließung der athenischen Akademie im Jahre 529 in einer gewissen bornierten Einfalt gern für abgeschlossen hält (dies eine Behauptung, die von der westeuropäischen Geschichtswissenschaft des Aufklärungszeitalters aufgestellt und in Umlauf gebracht wurde), reichte ethnisch und geistig vom Südzipfel Italiens, wo heute noch ein griechisches Idiom gesprochen wird, bis nach Ägypten, Palästina und Syrien. So wie vor zweitausend Jahren mit Kleopatra, einer Prinzessin aus ptolemäischem Hause, eine Griechin auf dem ägyptischen Thron saß, so bildeten hellenisierte Assyrer die Stammbevölkerung der römischen Ostprovinz Syria, welche 637 in arabische, vier Jahrhunderte später dann in seldschukische Hände überging. –

Wenn wir heute von einer Syrienkrise reden, so haben wir es also tatsächlich mit einer Krise des griechischen – und das heißt: des europäischen – Orients zu tun. Die romantisierende morgenländische Erzählung vom islamischen Orient, von feilschenden Kamelhändlern, vorbeiziehenden Karawanen und wirbelnden Derwischen, vom morgendlichen Rufen des Muezzin und von den Geschichten der Scheherazade, die sich in Europa in den Jahrhunderten nach dem Scheitern der Kreuzzüge, der großen, nie verwundenen Kränkung des politischen Selbstbewusstseins des christlichen Kontinents, konsequent einübte, hat die Erinnerung an die europäische Urgestalt des Orients ebenso ausstreichen geholfen wie jene an die orientalische Urgestalt Europas.

Doch es war eine phönizische Prinzessin mit semitischem Namen, die der Stier Zeus vom Libanon nach Kreta entführte, und es war ein balkanischer Prinz mit dem vorderasiatischen Namen Alaksandus, der seine westlichen Heerscharen über Halys, Euphrat und Tigris bis nach dem Nil, bis an den Indus führte. Die europäische Idee des Königtums, noch heute sichtbar repräsentiert durch popkulturelle Identifikationsfiguren wie die Prinzen William und Harry Wales, ist ein orientalischer Import, die vorgeblich primitive, altertümliche Wirtschaftsform des Orients aber, ablaufend nach den Gesetzen von Tausch und Täuschung, ist nichts als die, um zivilisatorische, also normativistische Milderungen, bereinigte Variante der Beute-Ökonomie, die David Graeber als das Wesen des Kapitalismus, also des westlichen Wirtschaftslebens jüngst herausgestellt hat.

Erst das Aufkommen des Islam im siebten Jahrhundert nach Christus bewirkte jene tiefgreifende Disruption zwischen Europa und dem Orient, also wörtlich: dem Osten, dem östlichen Flügel Europas, die bis heute nicht mehr überwunden wurde. Wir haben es hier gleichsam mit einer geistigen Kontinentaldrift zu tun mit der paradoxen Wirkung, dass etwa der griechische und der türkische Teil Thrakiens, künstlich auseinandergehalten durch die im Frieden von Bukarest 1913 gezogene Grenze, einander fremder sind als die USA und Russland, die zwei Ozeane voneinander trennen. Taylor Swift und Helene Fischer sind Kinder eines gemeinsamen Stammes, aber an der Ostgrenze der Türkei beginnt für den Europäer und den Asiaten jeweils eine fremde Welt.

Nachdem das Projekt der Kreuzzüge, angestoßen durch den Hilferuf des byzantinischen Kaisers an die lateinische Welt, gescheitert war, klaffte der Riss zwischen Abendland und Orient immer weiter auf. Nun waren es nicht mehr wie in den Jahren der Conquista die „Sarazenen“, also arabische Reiterheere, vor denen Europa zitterte, sondern die seldschukischen Türken, ein westmongolisches Nomadenvolk, das seit dem elften Jahrhundert die ganze eurasische Steppe überschwemmte, 1453, nach tausend fehlgeschlagenen Versuchen und einem heldenhaften Abwehrkampf des sterbenden byzantinischen Kaisertums, Konstantinopel nahm und seine Macht bis nach Mitteleuropa ausdehnte. Fast zwei Jahrhunderte lang war Budapest eine türkische Stadt, und zweimal, 1529 und 1683, standen die Heere des Sultans vor Wien. Als er endlich zurückgeschlagen wurde; als Russland um die Wende vom siebzehnten zum achtzehnten Jahrhundert als ein zweites Byzanz sich zu erheben begann und schließlich, sous les aigles orientales, unter den Bannern des Generals Bonaparte, der merkwürdigerweise den griechischen Vornamen Napoléon trug, die türkische Herrschaft in Griechenland und auf Westbalkan langsam zerbrach: da war auch die Disruption zwischen West und Ost irreversibel geworden. Am augenfälligsten drückte sie sich darin aus, dass man von nun an den Sultan nicht mehr als Antichristen behandelte, sondern als seriösen diplomatischen Gegenpart, geographisch ein Nachbar, geistig aber wie vom andern Ende der Welt. Genau hundert Jahre lang ging dies so: von 1814, als der Kaiser der Franzosen, der von einem vereinigten West- und Ostrom träumte und gegen den sogar England, Russland und die Türkei in der wohl sonderbarsten Allianz überhaupt sich verbündeten, in Fontainebleau zum Abschied von seiner Garde und seiner Macht die Trikolore küsste, bis 1914, als sich der Sultan von den Westmächten, die ihm hundertmal den Thron gerettet, losriss und auf die Seite der Mittelmächte stellte.

Der Erste Weltkrieg, der im selben Jahr und auf dem Balkan ausbrach und dessen heimlicher, geistiger Schwerpunkt nicht etwa am Rhein oder an der Weichsel lag, sondern auf einer Linie von Neurussland über die Levante bis nach dem Sinai verlief, bot den westlichen Großmächten England und Frankreich, die in diesen Krieg als Wirtschaftskrieg hineingegangen waren, die Gelegenheit, sich aus der Erbmasse des Osmanischen Reiches sattsam zu bedienen. Die Wunde der gescheiterten Gallipoli-Expedition, auf der australische und neuseeländische Truppen in einem schweren, blutigen Ringen versucht hatten, dem Zaren den Weg auf Konstantinopel freizuschießen und so eine Bresche in die ewig wankende Südostfront des Mittelmächteblocks zu schlagen (auf andere, geschmeidigere Weise, nämlich im Wege des Kriegseintritts Griechenlands auf Seiten der Entente am 28. Juni 1917, ausgerechnet an einem 28. Juni, sollte diese Strategie schließlich doch noch zum Erfolg führen), war noch nicht verheilt, die zusammengeschmolzenen Reste des Australian New Zealand Army Corps mit letzter Kraft nach Thessaloniki geflüchtet (was, welch Pointe, erst seit drei Jahren überhaupt wieder eine griechische Stadt war, nachdem die Türken sie den Venezianern fünfhundert Jahre zuvor entrissen hatten): da begannen bereits der französische Diplomat François Georges-Picot und der britische Oberst Baronet Mark Sykes die Verhandlungen über das mit Spannung und Gier erwartete Dismemberment des osmanischen Ostens.

Der Länderschlauch zwischen Antolien und Ägypten, der Halbmond im engeren Sinne, hatte nie wirklich türkisch-osmanisch gedacht und gefühlt. Die Mamelucken in Ägypten machten unter dem Mäntelchen der türkischen Oberherrschaft stets ihre eigene Politik, was im Aufstand des Muhammad Ali zur Napoleonzeit gipfelte, während nach der Machtübernahme durch die Seldschuken im frühen zweiten Jahrtausend Syrer und Iraker im Norden, Araber im Süden der dann osmanischen Ostprovinzen ein Momentum latenter Aufsässigkeit bildete. Als es mit der Macht des Sultans nach dem Frieden zu Karlowitz 1699 unwiderruflich zu Ende ging, entstand – mitten im achtzehnten Jahrhundert, dem Äon der europäischen Aufklärung, die, transmittiert durch die griechische Diaspora, bis auf den Balkan hin ausstrahlte und dort die Abschüttelung des osmanischen Jochs vorbereitete – wiederum in der arabischen Wüste mit dem Wahabitismus eine neue, orthodoxe und radikale Strömung des Islam, die sich in zweihundertfünfzig Jahren mit Macht zur Gegenpotenz gegen die aufgeklärte, säkulare christliche Welt aufbaute, die nun abwechselnd „Europa“, „Westen“,„Abendland“ oder schließlich „Erste Welt“ hieß. (Was wir heute als Krieg zwischen dem „Westen“, der in diesem Fall besser Euroatlantis hieße, und dem Islam erleben, ist ein genuines Ergebnis dieses Antagonismus und kein Produkt von CIA-Geheimfonds und Washingtoner Think Tanks.)

Zutreffend beziehungsweise umfassend ist keine dieser vier Bezeichnungen. So bleibt paradoxerweise nur das Prädikat „christlich“, um den Kulturraum zu beschreiben, der, von San Francisco nach Wladiwostok sich erstreckend, in einem Jahrhundert, politisch gezeichnet von drei großen Herrschern: Peter, Friedrich und Napoleon, Schluss machte nicht zwar mit seiner Christlichkeit, aber – mit dem Christentum als Dogma, mit seiner Identität als Glaubensraum. In der Kontraposition von Aufklärung und Wahabitismus finden wir den Konflikt vorgeformt, der im Ersten Weltkrieg schlussendlich aufbrach mit der arabischen Rebellion, die, mit britischem Geld finanziert, die osmanischen Strukturen unterminieren und so, zum zweiten Mal nach Gallipoli 1915, nun also 1916, die Südostflanke des Mittelblocks aufknacken sollte.

Wie Gallipoli, so scheiterte auch dieser Plan, nicht ebenso krachend, aber dafür gründlicher. Gallipoli hatte, was undenkbar gewesen in der neuesten Geschichte Europas, die unter dem Stern des britisch-russischen Gegensatzes gestanden, die russische Herrschaft in Kleinasien vorgesehen, also die heißersehnte und langangekündigte Aufrichtung des Dritten Roms und die, wenn auch russisch gesteuerte, Erfüllung der griechischen megáli idéa, der „Großen Idee“ eines wiedererstandenen griechischen Raums am Westrand des eurasischen Balkans, eines „Griechenlands der fünf Meere“, beginnend beim ionischen, endend am Schwarzen Meer. Dieser Plan – wie ernst und unernst er auch immer gemeint gewesen sein mag – bedeutete einen Twist in der gesamten, hundertjährigen Tradition europäischer, und das heißt: westeuropäischer Orientpolitik, die seit dem zweiten Koalitionskrieg immer die Türkei gleichsam „übersprungen“ und direkt nach dem Nahen Osten gegriffen hatte.

Ägypten, Syrien, Irak, diese territoriale Füllmenge zwischen Afrika, der rudis indigestaque moles im Süden, und Russland, dem unter einer deutschen Dynastie und ostslawisch-skandinavischen Adelsgeschlechtern aus dem ewigen Eise erwachten Bären in Hyperboreia, waren der Kuchen, um den es den big players England, Frankreich und Russland bereits auf dem Wiener Kongress eigentlich ging – nicht die Frage, ob Tirol bei Bayern bleibe, Hessen-Homburg seine Souveränität wiedererlange und Isenburg-Birstein sie verliere. Nur ans Sultanat und seine Heimstatt, an die Türkei selbst, deren Name auf Landkarten der Zeit stets mit unverschämt großer Laufweite gedruckt wurde, weil er ja von der mittleren Adriaküste bis hin an die persische Grenze reichen musste, traute man sich damals nicht heran – und tat nach dem Paukenschlag der griechischen Befreiung zwischen 1821 und 1830, die die komplette Außen- und Innenpolitik des postnapoleonischen Europas durcheinanderwirbelte, alles dafür, sie zu erhalten – eine Politik, die 1915 nicht endete und heute, 2015, mutatis mutandis im Zeichen Merkelscher Bittgänge nach und Obamascher Garantieerklärungen für Istanbul wieder im Schwange ist.

Nach dem blutigen Zwischenspiel von Gallipoli, das durch deutsche Sperrminen und Schiffsartillerie beendet wurde – hier und nicht im Skagerrak erfüllte die manische, teure und anachronistische kaiserliche Flottenrüstung paradoxerweise ihren eigentlichen Sinn –, da man im deutschen Großen Hauptquartier schon die Befehle für die Operation Chi (das Codewort für Verdun) schrieb, griffen die Westmächte, deren östlicher Verbündeter 1915 auf breiter Front empfindliche Niederlagen hatte einstecken müssen, vorausschauend wie immer in ihrer Geschichte, die mit so vorteilhaften geopolitischen Bedingungen gesegnet (die eine an zwei, die andre gar an vier Seiten vom Meer umschlossen, dem besten Schutzwall überhaupt), nach Mesopotamien und teilten es untereinander auf: Syrien, wozu man auch den Libanon zählte, kam an Frankreich, der Irak, das alte Babylon, an Großbritannien, während man Palästina mit Jerusalem gemeinschaftlicher Verwaltung vorbehielt, die auf dem Vertrag zu San Remo 1920 in ein Völkerbundsmandat umgewandelt wurde. Dreißig Jahre und einen Völkermord später gingen hieraus Jordanien und Israel hervor, während 1921 das Königreich Irak, 1930 die Republik Syrien als formell unabhängige Staaten proklamiert wurden, deren Mandatarstaaten freilich umfangreiche – und in der außen- und innenpolitischen Praxis entscheidende – Sonderrechte eingeräumt wurden.

Der US-amerikanische Historiker David Fromkin, der die westliche, spätkoloniale Interventionspolitik im Nahen Osten äußerst kritisch betrachtet, zieht in seinem Standarwerk A peace to end all peace (1989/2009) eine bittere Bilanz unter das Sykes-Picot-Abkommen:

 

„Großbritannien und, in geringerem Maße, Frankreich [waren] die prägenden Mächte der Region. Mit der Beseitigung des Osmanischen Reiches radierten sie die Landkarte des alten Mittleren Ostens aus und entwarfen eine neue. Der Irak, Jordanien und Israel sind britische Kreaturen, Syrien und der Libanon sind französische – mit verheerenden Folgen. Seit 1919 herrschen im Mittleren Osten Wirrwarr und Blutvergießen.“

 

Tatsache ist, dass die Regelungen von 1916 und später 1920 an dem Makel litten, ausgerechnet jenes Prinzip, das die Westmächte selbst zum Grundsatz ihrer Nachkriegsordnung erklärt hatten, weitgehend zu ignorieren: das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Was im Falle Griechenlands 1830 gleichsam fahrlässig zugelassen, in dem der Balkanstaaten nach und nach immerhin zähneknirschend gebilligt worden, wollte man im primitiven Orient, zumal in Erwägung des enormen wirtschaftlichen Interesses, das man an den dortigen Bodenschätzen hatte und hundert Jahre später immer noch hat, nicht gelten lassen. Dieser Makel aber war das proton pseudos, die politische Ursünde der westlichen Nahostpolitik des Weltkriegszeitalters: Stammes- und Konfessionskonflikte, in Palästina mit seiner starken jüdischen Minderheit ein regelrechter Religionskonflikt waren vorprogrammiert.

Es sollte vierzig Jahre dauern, bis, in den Sechzigerjahren, in doppelter zeitlicher Koinzidenz mit der Unabhängigkeit der afrikanischen Kolonien und mit der Zuspitzung des amerikanisch-russischen Konflikts und seiner Verlagerung nach Deutschland sowie nach Mittel- und Südamerika, also in die jeweiligen unmittelbaren territorialen Vorhöfe, sich im Nahen Osten eine gewisse, freilich immer noch zittrige, Ordnung einstellte: vom nasseristischen Ägypten bis zum baathistischen Syrien befreite man sich durch Putsch und Staatsstreich vom lästigen Zugriff der Mandatarstaaten, und ein Geist säkularer Staatlichkeit breitete über die Levante sich aus, wie er zuletzt während der Kreuzzüge geherrscht hatte, als der Ayyubiden-Kalif al-Kamil mit dem katholischen Römischen Kaiser den Vertrag von Jaffa schloss und der alte, verderbliche Doublebind von religiös-eiferndem Überbau und ökonomisch-exploitativer Gegenständlichkeit aufgehoben zu werden schien im hegenden und behütenden Gehäuse einer strengen, aber toleranten Staatlichkeit. In Persien regierte zwar nicht mehr Mossadegh, aber immerhin noch ein Schah aus autochthoner Dynastie, während Israel mit dem Präventivschlag von 1967 weniger das orientalische Ordnungsgefüge, dessen Teil es selbst war, als den arabischen Fundamentalismus als seinen und des muslimischen Orients gemeinsamen Feind treffen wollte und traf. Freilich: die Siebzigerjahre mit der Jom-Kippur-Krise und der iranischen Revolution bereiteten der kurzen Blüte eines freien, souveränen und säkularen Orients dann schon wieder ein jähes Ende.

Wiederkehrte dafür das Urdilemma des Sykes-Picot-Abkommens: dass hier den Völkern des Orients die eigenen Grenzen und die eigene Staatlichkeit von außen, von Europa noch dazu, einst ein kahles Stück Fels, ein in die breite gegangenes Étretat, da Ninive, Memphis und Palmyra schon längst und fruchtbar blühten, octroyiert wurden und dass dieses Europa über diesen seinen Octroy bis heute nicht mit sich diskutieren lässt. Die so genannte, durch westliche Thinktanks vorgedachte und westliche Gelder finanzierte, Arabellion, die im Namen schon die furchtbare Anmaßung, ein einziges Volk, das arabische nämlich, gegenüber einem halben Dutzend anderer, noch dazu älterer und kulturell höherrangiger, zu bevorzugen, ausspricht, spricht eine deutliche Sprache über die fragwürdige Tradition, in die man sich am Vorabend des einhundertsten Jubiläums des Sykes-Picot-Abkommens wieder gestellt hat.

Geopolitisch spricht diese Tradition sich aus in der beharrlichen Ausklammerung ausgerechnet der beiden Länder aus der Arabellion, die äußerlich zwar in der scheinbar stabilsten Staatlichkeit in der Region sich erhalten, innerlich aber am wenigsten unter allen ihren Nachbarn zu ihr qualifiziert sind: der Türkei und Saudi-Arabiens: diese eine polyethnische salad bowl, begründet auf der jungtürkisch-kemalistischen Ausrottungspolitik gegenüber Griechen, Armeniern und Kurden und ausgehöhlt durch die schwärende Wunde, die jene im nationalen Gedächtnis hinterlassen; jenes ein Gottesstaat, gegründet in der brachialen Anwendung archaischer Auslegungen einer Religion, die von ihrem Anbeginn an stets mehr politische Theologie war als geistliche Offenbarung.

Diese Drachensaat des durch den Westen in seiner, freilich allzumenschlichen, Ängstigung um täglich klammer werdende energetische Ressourcen begünstigten oder doch wenigstens gebilligten türkisch-arabischen Kondominiums, ausgeübt auf dem Rücken von Millionen Kurden, Syrern, Israelis und Ägyptern, Moslems, Juden und Christen unter ihnen allen, wurde auch durch die Akteure von 1916 gesät. Ihr abermaliges Aufgehen, provoziert durch die scharfäugige, aber nicht weitsichtige Doktrin des divide et impera seit dem Jahre 2001, dem eigentlichen Schlussjahr des Kalten Krieges, spüren wir heute, ein Jahrhundert nach Gallipoli, ein Jahrhundert nach Sykes-Picot, so unmittelbar wie nie zuvor in der europäischen Moderne. Was wir auch spüren sollten, ist die Angst und sei es vor der bloßen Möglichkeit, dass heute der Orient den Krieg nach Europa tragen könnte, wie vor hundert Jahren Europa den Krieg nach dem Orient trug.

 

Obiger Text wurde zum Abdruck in der Zeitschrift Die Drei, Ausgabe Januar 2016, nicht angenommen.

Header: Karte zum Sykes-Picot-Agreement. Quelle: Wikimedia Commons

Schicksalsstunde in der Reichskanzlei. Die “Hoßbach-Besprechung” 1937

Berlin, Reichskanzlei, am 5. November 1937. Die Spitzen der deutschen Reichsregierung und der Wehrmacht sind zu einer Geheimbesprechung zusammengekommen. Den Vorsitz hat der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler. Neben ihm sind anwesend: der Reichsminister des Auswärtigen, Konstantin Freiherr von Neurath, der Reichskriegsminister und Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Werner von Blomberg, sowie die ihm unterstellten Oberbefehlshaber der drei Wehrmachtteile: Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch (Heer), Generaladmiral Erich Raeder (Kriegsmarine) und Generaloberst Hermann Göring (Luftwaffe), der zugleich Preußischer Ministerpräsident, Reichsluftfahrtminister und Beauftragter für den Vierjahresplan ist. Der einzige Statist in dieser Personnage: Oberst im Generalstab Friedrich Hoßbach, Wehrmachtsadjutant des Führers, der das Kriegsende acht Jahre später als Vollgeneral und Oberbefehlshaber der 4. Armee erleben wird. Überliefert wird die Besprechung durch seine Aufzeichnungen: die Hoßbach-Niederschrift. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46 wird sie eines der wichtigsten Zeugnisse der Anklage sein.
Das Jahr 1937 gilt in der NS-Forschung als „ruhiges Jahr“. Es gehört in den Abschnitt zwischen der Zeit der ersten Gewaltmaßnahmen, mit denen die Diktatur sich zwischen 1933 und 1934 im Innern etablierte, und dem Aktionismus der Jahre 1938 und 1939, als Hitler zielgenau und durch kein Zugeständnis beirrt auf den Kriegsausbruch zusteuerte. Selbst der Terror, den das Regime gegen seine – wahren und vermeintlichen – Gegner ausübte, erreichte in diesem Jahr einen formellen Tiefststand: Mit 7500 Menschen waren so wenige NS‑Opfer wie niemals sonst in den sechs Konzentrationslagern inhaftiert, die die SS damals in Deutschland unterhielt. Die Olympischen Spiele 1936 hatten dem nationalsozialistisch regierten Deutschland internationalen Glamour verliehen (und die Machthaber zu einer gewissen Zurückhaltung gegenüber ihren Opfern gezwungen); mit der Wiedergewinnung des Saarlands 1935 und der Remilitarisierung des Rheinlands 1936 hatte Hitler glänzende außenpolitische Triumphe gefeiert. Deutschland zahlte keine Kriegsentschädigungen mehr, und die Wiederaufrüstung war eine beschlossene und vom Ausland (wenn auch zähneknirschend) anerkannte Tatsache. Seit 1935 galt im Deutschen Reich wieder die allgemeine Wehrpflicht, und ein Flottenabkommen mit Großbritannien aus demselben Jahr manifestierte die behutsame Wiederaufnahme Deutschlands in den Kreis der europäischen Großmächte. Adolf Hitler hätte sich zufrieden zurücklehnen können.
Doch Hitler wäre nicht Hitler gewesen, hätte er nicht erneut die Eskalation gesucht, die Entzweiung mit ganz Europa. Das große Drama, auf das seine Politik zusteuerte, der Weltkrieg, stand noch bevor. Bereits im Februar 1933, wenige Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler, hatte Hitler in einer vertraulichen Besprechung die damalige Reichswehrführung auf die Ziele Aufrüstung und Krieg eingeschworen. Das erste Ziel war erreicht; nun galt es, das konkrete Kriegsszenario zu planen; darum sollte es in der Besprechung vom November 1937 gehen – und zugleich darum, ob er sich hierbei auf seine militärische und diplomatische Elite verlassen konnte.
Gegenstand der Besprechung war offiziell die Rüstungslage des Reiches. Doch Hitler lenkte die Konferenz schnell auf das eigentliche, sein Thema: „Das Ziel der deutschen Politik“, so resümiert Hoßbach in seiner einige Tage später ohne dienstlichen Auftrag angefertigten Niederschrift Hitlers Eröffnungsvortrag, „sei die Sicherung und die Erhaltung der Volksmasse und deren Vermehrung. Somit handele es sich um das Problem des Raumes.“ Das deutsche Volk mit seinen 85 Millionen Angehörigen – die Bevölkerung des bis dahin immer noch selbstständigen Österreich wird hier geflissentlich mitgezählt – stelle „in Europa einen in sich so fest geschlossenen Rassekern [dar], wie er in keinem anderen Land wieder anzutreffen sei und wie er andererseits das Anrecht auf größeren Lebensraum mehr als bei anderen Völkern in sich schlösse. Wenn kein dem deutschen Rassekern entsprechendes politisches Ergebnis auf dem Gebiet des Raumes vorläge, so sei das eine Folge mehrhundertjähriger historischer Entwicklung und bei Fortdauer dieses politischen Zustandes die größte Gefahr für die Erhaltung des deutschen Volkstums auf seiner jetzigen Höhe.“
Die Deutschen als „Volk ohne Raum“ – Hitler greift hier zeitgenössische Topoi auf, die bei Konservativen aller Couleur durchaus gängig waren: das Denken in einer deutschnationalen „longe durée“, die beim glorreichen Hochmittelalter mit seinem (angeblichen) deutsch-staufischen Großreich beginnt, im Dreißigjährigen Krieg, in dem Deutschland als Spielball auswärtiger Mächte auftritt, ihren Tiefpunkt erreicht und mit Bismarcks Reichsgründung 1871 ihren Wiederaufschwung nimmt, dessen Vollendung nach dem verlorenen Weltkrieg freilich noch aussteht. Das Zerreißen des „Diktats von Versailles“, das Hitler in unzähligen Reden beschwor, war nur ein Nahziel gewesen; tatsächlich, so der Tenor seines Vortrags, gehe es um 1648, um die Revision des Westfälischen Friedens, und zwar unter rassischen Gesichtspunkten: Die deutschen Minderheiten in ganz Europa sollten peu à peu „heim ins Reich“ überführt werden – allen voran ganz Österreich sowie das Sudetenland, der nordwestliche Zipfel der Tschechoslowakei, 1918 aus der Konkursmasse dreier habsburgischer Kronländer entstanden und der Stachel im Fleische aller Deutschnationalen.
Darum geht es Hitler in seinem wie immer weitschweifigen, aber erstaunlich sachlichen (von Judentum ist gar nicht, vom Bolschewismus nur einmal, ganz am Rande die Rede) Referat; die Wirtschaftslage dient ihm nur als pragmatischer Aufhänger: Dass nach dem Aufschwung der zurückliegenden Jahre Deutschlands Rüstungsvorsprung gegenüber seinen Feinden nur noch schrumpfen könne, ist Hitlers Argument für ein rasches militärisches Vorgehen. Deutschland müsse spätestens 1943 handeln, doch dann sei es womöglich schon zu spät. Auch die, zur Bedarfsdeckung angeblich benötigten, zusätzlichen „Rohstoffgebiete seien zweckmäßiger im unmittelbaren Anschluss an das Reich in Europa“ zu suchen als in Übersee. Unter günstigen Bedingungen – einer Verschärfung des Gegensatzes zwischen Mussolinis Italien, Deutschlands Verbündetem, und Frankreich –, so Hitler, sei auch an ein Losschlagen gegen Österreich und Tschechien bereits 1938 zu denken. Wie sich zeigen wird, wird es genau darauf hinauslaufen. Das eigentliche Hauptthema der Konferenz, die Wirtschaftslage, wird nach hinten verschoben: „Der zweite Teil der Besprechungen“, heißt es nüchtern, „befasste sich mit materiellen Rüstungsfragen.“ Mit diesem Satz enden Hoßbachs Notizen.
Dem Oberst im Generalstab war die Bedeutungslosigkeit der ökonomischen Details vor dem Panorama von Hitlers Eroberungs- und Raumfantasien offensichtlich klar. Weniger klar dürften ihm die personellen Konsequenzen gewesen sein, welche die Besprechung haben sollte.
Hitler selbst charakterisierte sein Verhältnis zur militärischen Führungsebene Jahre später bei einem Frontbesuch im Osten so: „Als ich noch nicht Reichskanzler war, habe ich gemeint, der Generalstab gleiche einem Fleischerhund, den man fest am Halsband haben müsse, weil er sonst jeden anderen Menschen anzufallen drohe. Nachdem ich Reichskanzler geworden war, habe ich feststellen müssen, dass der deutsche Generalstab nichts weniger als ein Fleischerhund ist. Dieser Generalstab hat mich immer gehindert, das zu tun, was ich für nötig halte. Ich bin es, der diesen Fleischerhund immer erst antreiben muss.“
Tatsächlich, so hält Hoßbach es in seiner Niederschrift fest, fanden sich die größten Bedenkenträger in Hitlers unmittelbarem Umfeld; besonders die beiden Spitzenmänner der Wehrmacht, Blomberg und Fritsch, äußern mehrmals in der Besprechung Zweifel an der Realisierbarkeit von Hitlers Plänen und mahnen zur Vorsicht. Sie werden mit stereotypen Beschwichtigungen abgebügelt: „Zu den seitens des Feldmarschalls von Blomberg und des Generalobersten von Fritsch hinsichtlich des Verhaltens Englands und Frankreichs angestellten Überlegungen äußerte der Führer in Wiederholung seiner bisherigen Ausführungen, dass er von der Nichtbeteiligung Englands überzeugt sei und daher an eine kriegerische Aktion Frankreichs gegen Deutschland nicht glaube.“
Nach der Novemberbesprechung ist Hitler klar: Mit diesen beiden Militärs alter Schule kann er seine Feldzüge nicht führen. So kommt es am 4. Februar zum großen Frühjahrsrevirement, das auch als Blomberg-Fritsch-Krise bekannt wird: Der Reichskriegsminister und sein Heereschef werden durch eine Intrige gestürzt.
Blomberg, frisch verliebt in die 24-jährige Luise Margarethe Gruhn, Sekretärin im „Reichsnährstand“, hatte sich vertrauensvoll und vertrauensselig an Göring gewandt und um Akzeptanz für seine Angebetete geworben, die nicht nur keine standesgemäße Braut für einen adeligen Generalfeldmarschall war, sondern auch eine „Frau mit Vergangenheit“ (unter anderem als Pornodarstellerin in einschlägigen Publikationen). Göring, ganz der joviale Generalskamerad, hatte den leicht beeinflussbaren Blomberg seiner Unterstützung versichert – mit dem Standesdünkel sei im Nationalsozialismus ja nun gerade Schluss! – und gleich noch hilfsbereit einen Luftwaffenoffizier, der ebenfalls für Fräulein Gruhn schwärmte, auf eine lange Dienstreise nach Südamerika wegbefördert. Doch kaum war die Trauung vollzogen, lief der Luftwaffenchef, auf einmal gar nicht mehr loyal, zu Hitler, unterm Arm die Kriminalakte der nunmehrigen Frau Feldmarschall (inklusive anschaulichen Bildmaterials aus dem Archiv der Sittenpolizei). Der Führer gerät außer sich, im engsten Kreis erklärt er laut und nachdrücklich: Wenn ein deutscher Feldmarschall eine Hure heirate, sei in der Welt alles möglich, und zeigt sich noch hysterisch indigniert darüber, dass er „dieser Person“ die Hand geküsst habe. Das Ergebnis: Blomberg muss gehen.

Anschließend trifft es Fritsch. Der Reichsführer-SS Heinrich Himmler, dem die konservative Heeresgeneralität stets ein Dorn im Auge ist, streut das Gerücht, Fritsch, der nur mit seinem Beruf verheiratet ist, sei homosexuell – was nicht nur mit dem Ehrenkodex des Offizierstands unvereinbar ist, sondern auch mit dem Strafgesetz. Fingierte Beweise und unwahre, teils durch die Gestapo erpresste Zeugenaussagen bringen Fritsch, der wacker seine Unschuld verteidigt, in die Bredouille – schließlich nimmt auch er, gezwungenermaßen, seinen Abschied. (Monate später wird der Vorwurf offiziell entkräftet und Fritsch von Hitler „rehabilitiert“ – doch abgeschoben bleibt abgeschoben.)
Damit ist der Weg frei für die von Hitler ersehnte Umgliederung der Wehrmachtspitze. Das Reichskriegsministerium wird gestrichen, oberster Befehlshaber der Wehrmacht (und damit Inhaber nicht nur der formellen Befehls-, sondern auch der ungleich wichtigeren Kommandogewalt) wird der „Führer“ selbst; ihm unterstellt ist das neu geschaffene „Oberkommando der Wehrmacht“ unter seinem Chef, dem General der Artillerie Wilhelm Keitel: niedersächsisches Großbürgertum, eine „fantasielose Null“ (Will Berthold), aber genau der Typ Bürovorsteher, den Hitler für dieses dienstbare Amt braucht; sein Spitzname wird bald „Lakaitel“ sein.
Neuer Oberbefehlshaber des Heeres anstelle des geschassten Fritsch wird Generaloberst Walther von Brauchitsch. Auch er preußischer Schwertadel, auch er wie Blomberg zahnlos und gefügig, unter anderem durch die 80 000 Reichsmark, die ihm Hitler zur Abfindung seiner Frau – noch ein frisch Geschiedener im zweiten Frühling – hat zukommen lassen. Marine und Luftwaffe behalten ihre Oberbefehlshaber; der geschmeidige, notorisch faule und prunkliebende Göring, dem Hitler insgeheim nicht einmal eine vernünftige Truppenvisite zutraut, wird für sein hilfreiches Zuträgertum mit dem Feldmarschallsrang belohnt. Außenminister Konstantin von Neurath, ein alter Deutschnationaler und Relikt des „Kabinetts der Barone“ von 1932, der auf der Hoßbach-Konferenz ebenfalls Bedenken geäußert hatte, wird durch Joachim von Ribbentrop ersetzt, „Hitlers Papagei“, der schon als Botschafter in London durch den völligen Mangel an diplomatischer Qualifikation glänzte, es dafür aber liebt, in seiner Uniform als SS-Obergruppenführer ehrenhalber im Auswärtigen Amt herumzustolzieren.
Mit dieser Mannschaft kann Hitler den Griff nach den Nachbarn seines Reiches wagen. Noch im März 1938 annektiert er im Handstreich Österreich; im Oktober folgt, nach entwürdigendem Gezerre, das Sudetenland. Die „Hassgegner England und Frankreich“, denen „ein starker deutscher Koloss inmitten Europas ein Dorn im Auge“ hätte sein müssen, geben klein bei und erfüllen unwissend, was Hitler auf der Novemberkonferenz – durchaus ohne seine skeptischen Generäle zu überzeugen – orakelt hatte: „An sich glaube der Führer, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit England, voraussichtlich aber auch Frankreich die Tschechen bereits im Stillen abgeschrieben und sich damit abgefunden hätten, dass diese Frage eines Tages durch Deutschland bereinigt würde. Die Schwierigkeiten des Empire und die Aussicht, in einen lang währenden europäischen Krieg erneut verwickelt zu werden, seien bestimmend für eine Nichtbeteiligung Englands an einem Kriege gegen Deutschland. Die englische Haltung werde gewiss nicht ohne Einfluss auf die Frankreichs sein.“

Hitler behielt recht: Auf der Münchner Konferenz im Oktober 1938 wurde ihm das deutsch besiedelte Sudetenland zugesprochen; die Annexion der „Rest-Tschechei“ im folgenden März war zwar offen vertrags- und versprechungswidrig („Deutschland ist gesättigt“) und wurde von den Westmächten entsprechend missbilligt; aber auch diesmal griff niemand ein, und die Standfotos vom deutschen Einmarsch in Prag überliefern die zornigen Gesichter tschechischer Passanten, in deren Hass auf die Invasoren sich Wut über die Nichtintervention der westlichen Schutzmächte mischen mochte. Ein letztes Mal hatte Hitler auf volles Risiko gespielt und gewonnen.
Doch auch diesmal war er nicht saturiert. Er wollte weitermarschieren, wenn auch alles in Scherben fiel, wie schon seine Pimpfe und Jungmädel auf den Heimabenden sangen. In der Novemberbesprechung mimte er, wie später noch oft, noch in den Tagen des Zusammenbruchs, den souveränen Spieler am Pokertisch der Macht; der Nihilist setzte die Maske des Machiavellisten auf, der zwar nicht die Moral, wohl aber – wenigstens – die Vernunft als Ratgeberin achtet; in Wahrheit achtete er weder die eine noch die andere. Er war der „Revolutionär des Nihilismus“, als den Hermann Rauschning, einst nationalsozialistischer Senatspräsident in Danzig, der sich früh vom Regime losgesagt hatte, in einem damals (im Exil) erschienenen Buch beschrieb.
Und so war der Diktator auch nach der Annexion Tschechiens, dem er in der Rechtsform des „Reichsprotektorats Böhmen und Mähren“ ein brutales Besatzungsregime oktroyierte, nicht mit seinem Raub zufrieden. Schon liefen die Planspiele für den Überfall auf Polen. Doch diesmal sollten die Garantiemächte England und Frankreich (das faschistische Italien war mittlerweile offizieller Verbündeter des Deutschen Reiches) Wort halten: Am 3. September 1939, zwei Tage nach dem Überfall, gingen, nach fristlos verstrichenem Ultimatum, die Kriegserklärungen beider Mächte in der Reichskanzlei ein. Bis zuletzt hatte Hitler gehofft, England würde neutral bleiben; doch diese Illusion erfüllte sich nicht.
Ihm, dem Nihilisten und „Vollstrecker des Bösen“ – so nannte ihn Graf Berthold Stauffenberg, der nach dem Attentatsversuch auf Hitler vom 20. Juli 1944 seinem Bruder auf dem Schafott folgte –, dürfte diese Enttäuschung letztlich gleichgültig gewesen sein; er hatte nun, was er wollte und was er auf der Hoßbach-Konferenz, wenngleich unter taktischen Klauseln verborgen, als sein eigentliches Ziel skizziert hatte: den europäischen Krieg, den er mit dem gleichen fatalen Zielbewusstsein zur europäischen Katastrophe machen sollte, vor deren Grausamkeit selbst die Düsternis von 1648, der Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, verblassen würde.
© Konstantin Sakkas, 2012

Der Text erschien in der Ausgabe November 2012 des Magazins “CICERO”.  

Header: Hitler und Adjutant Friedrich Hoßbach, vor 1939. Quelle: https://www2.bc.edu/~heineman/roadi.html

Europa, enges Land. Napoleons Russlandfeldzug 1812 und seine weltgeschichtliche Dimension

Am 16. Dezember 1812 veröffentlichte der Moniteur, das offizielle Mitteilungsblatt der kaiserlich-französischen Regierung, ein Kommuniqué, worin dem französischen Volk der Rückzug der Grande Armée aus Russland und die bevorstehende Rückkehr Napoleons nach Paris verkündet wurde. Der Text schloss mit dem eindrucksvollen Satz: „La santé de sa majesté n’a jamais été meilleure“, zu Deutsch: Die Gesundheit Seiner Majestät ist nie besser gewesen. Mit diesem Satz endete der Russlandfeldzug, zu dem Napoleon sechs Monate zuvor, am 22. Juni 1812, mit dem bis dahin größten Heer der Geschichte aufgebrochen war und der in einem beispiellosen Desaster geendet hatte. Und mit diesem Satz begann zugleich der Befreiungskrieg der europäischen Länder gegen die französische Besatzung und gegen das junge französische Kaisertum. Es war der Anfang vom Sturz und Ende Napoleons.

Der Russlandfeldzug Napoleons war der erste Versuch eines westeuropäischen Herrschers, das Riesenreich im Osten zu erobern. Napoleon, dessen Erobererkarriere 1796, damals noch im Dienst des revolutionären Pariser Direktoriums, mit dem Italienkrieg begonnen hatte und der seither das ganze europäische Festland entweder unterworfen oder seine Souveräne geschlagen und zu Friedensverträgen gezwungen hatte, trat damit in die Fußstapfen des von ihm bewunderten Alexanders des Großen; was er 1812 anstrebte, war nicht mehr die europäische Hegemonie, sondern das eurasische Großreich.

Neben dem epochalen Anspruch Napoleons, eine Universalmonarchie zu errichten, stand der politisch-taktische, England zu bezwingen, Frankreichs alten Erbfeind, der sich, trotz seiner parlamentarischen Tradition, der Revolutionsregierung in Paris widersetzt hatte und seit 1792 beinahe ununterbrochen mit Frankreich im Krieg lag. Die Kontinentalsperre, 1806 im besetzten Berlin von Napoleon dekretiert, verbot den französisch besetzten Ländern den Handel mit der Weltmacht England; auch mit Russland, das Napoleon nicht hatte besiegen können und mit dem es im Tilsiter Frieden 1807 zum Ausgleich gekommen war, bestand ein Abkommen, das den Handel mit England verbot. Auf dem Erfurter Fürstentag von 1808, als, ausgerechnet im Musenstaat Sachsen-Weimar, die unterworfenen Fürsten Deutschlands zur Huldigung an ihren Supersouverän Napoleon zusammentrafen, standen sich Kaiser Napoleon und Kaiser Alexander I. von Russland als gleichberechtigte Staatsmänner gegenüber, die das Schicksal Europas untereinander entschieden zu haben schienen.

Doch der Schein trog. Der Gegensatz zwischen Frankreich und England war ein unlösbares Dilemma, und Russland war der Faktor, an dem es sich entscheiden sollte. Die Ehe, die Napoleon 1810 mit der österreichischen Erzherzogin Marie Louise schloss, um sich, dem sozialen Aufsteiger und „Leutnant auf dem Kaiserthron“, die ersehnten Weihen dynastischer Legitimität zuzulegen, war das erste offizielle Signal seiner Abwendung von Russland. Inzwischen unterlief der Zar nach und nach die Kontinentalsperre und blockierte seinerseits den Handel mit französischen Waren. Eine europäische Wirtschaftskrise, hervorgerufen durch Frankreichs isolationistische Handelspolitik, war die äußere Gestalt der politischen Konfrontation, die sich seit 1807 unaufhaltsam anbahnte. Angestachelt durch klarsichtige Berater wie den aus Preußen verbannten Freiherrn vom Stein, der in Russland ein Exil gefunden hatte; bestärkt durch die Einflüsterung des Fürsten Talleyrand, Napoleons ewig intriganten Außenminister, dem sein stürmischer Souverän immer unheimlich gewesen war, betrieb Alexander leise, aber zügig die diplomatische Lösung von Frankreich.

Napoleon reagierte. Nachdem seine österreichische Gattin 1811 mit einem Sohn niedergekommen war, dem der Kaiser gleich bei der Geburt, in Anlehnung an die alte deutsche Reichstradition, den Titel „König von Rom“ verlieh, schienen ihm seine dynastischen Ambitionen gesichert. Er, der vom Soldatenkaiser zum legitimen Monarchen aufsteigen, der ein europäisches Großreich im Gewande monarchischer Solidität und Universalität errichten wollte, hatte nun einen Nachfolger und war bereit für einen neuen Feldzug. Diesmal ging es gegen Russland, in den unheimlichen, gewaltigen Osten. Seine Unterwerfung würde ihm den Zugang nach Südasien erschließen, damit aber zugleich die kolonialen Reserven Englands bedrohen und die handelspolitische Geschlossenheit des Kontinents vollenden.

Was nun kam, ist im kulturellen Gedächtnis Europas bis heute so tief verankert wie sonst nur der Zweite Weltkrieg und die Hitlerherrschaft. Der Einmarsch ins weite russische Land, der, entgegen einer landläufigen Meinung, die französische Armee, in der zur Hälfte gepresste Soldaten aus den unterworfenen Staaten – Deutsche, Italiener, Slawen – dienten, schon zu Anfang ungeheure Verluste kostete; die großen, blutigen Schlachten mit bis dahin ungekannten Gefallenenziffern; die Einnahme Moskaus, die vom Triumph zur Tragikomödie wurde, weil die Stadt vom Zaren und seiner Regierung aufgegeben wurde und auf Befehl ihres Kommandanten General Rostoptschin in Brand gesetzt wurde; schließlich der beschwerliche Rückmarsch durch die eisige Winterkälte mit ihrem epischen Höhepunkt, dem Gang über die Beresina am 27. November 1812, als russische Kosaken über die völlig dezimierten, zu Tode erschöpften französischen Regimenter herfielen und ihnen unglaubliche Verluste beibrachten; endlich die Rückkehr nach Mitteleuropa, ins französisch besetze Polen, die ihren emblematischen Ausdruck in den legendären Worten fand, die der Marschall Ney in einem verschneiten Bürgershaus im ostpreußischen Gumbinnen sprach, als man den Eintretenden nicht erkannte: „Je suis l’arrière-garde de la Grande Armée – ich bin die Nachhut der Großen Armee.“

Das Russlandabenteuer Napoleons ging durch das Nadelöhr der Literatur und des Films ein in die Erinnerung noch des Ungebildetsten, Unpolitischsten. Leo Tolstoi hat es in seinem Roman Krieg und Frieden an die Nachwelt überliefert, gigantische Hollywoodverfilmungen machten es unsterblich. Charles Boyer, der sich in Conquest (1937), vergeblich beschworen von einer bezaubernd zurückhaltenden Greta Garbo, ins russische Abenteuer stürzt und als gebrochener Mann heimkehrt; der junge Mel Ferrer, der in King Vidors Leinwandepos aus den Fünfziger Jahren als schneidiger russischer Gardeoffizier seine Truppen in die Schlacht bei Borodino führt; die vierteilige Verfilmung Sergei Bondartschuks aus den Sechzigern haben sich nicht nur in die Erinnerung des Cineasten dauerhaft eingeprägt. Die fatale Fehlorganisation des ganzen Feldzugs – dass er im Juni begann, also angesichts des frühen russischen Wintereinbruchsviel zu spät –; dass die zwangsverpflichteten nichtfranzösischen Truppen nicht mit dem Herzen bei der Sache waren; dass auch das französische Volk, obschon berauscht von der glänzenden Imperatorengestalt ihres Führers und, wie immer, begierig nach neuer gloire, über die Lasten der neuen Truppenaushebungen, die erdrückende Besteuerung, das straffe, diktatoriale Regime Napoleons im Inneren stöhnte: all dies konnte, wie immer in der Geschichte, dem Gesamtbild, der epochalen Emblematik dieses Unternehmens, das irgendwie nicht auf dieser Planeten ausgedacht schien, keinen Abbruch tun.

Noch nach Jahrzehnten schwelgten ausgediente französische Grenadiere, darin unbeirrt durch den Frieden und bescheidenen Wohlstand der Restaurationsphase nach Napoleons Sturz 1814/15, in der Erinnerung an den russischen Feldzug, der ihnen doch so unsägliches Leid, Entbehrungen und furchtbare moralische Grenzerfahrungen gebracht hatte. Für sie galt, was André Maurois in seiner Napoleonbiographie schwärmerisch, aber nicht unzutreffend festhielt: „Nie hat die französische Armee den kleinen Hut, den grauen Mantel vergessen, hinter dem sie alle Könige Europas besiegt und die Trikolore bis nach Moskau getragen hatte.“ In der Erinnerung, schon im unmittelbaren Erleben ging es im Gedächtnis der Völker längst nicht mehr ums politische Konzept; sondern um die Aura des Überweltlichen, um den alexandrinischen Gestus der Welteroberung, der Entgrenzung, des Ausbruchs aus der stickigen Enge europäischer Machtpolitik in die unwirkliche Sphäre einer Expansion, die auf der Erde keine Grenzen kennen wollte.

In Wirklichkeit war die Grenze Moskau. Napoleon erlag, wie so viele Feldherren vor und nach ihm, der Illusion, dass der Besitz der fremden Hauptstadt zugleich schon den Sieg bedeuten würde. Tatsächlich hielt sich das Gros der russischen Truppen im Hinterland auf, umsichtig geführt von ihrem Marschall Kutusow, einem ungebildeten Haudegen, dessen feiner kriegerischer Instinkt, bereichert von einer inbrünstigen orthodoxen Religiosität, gleichwohl richtig lag mit der Einschätzung, man müsse Napoleon in Moskau einfach an den Rand seiner personellen und materiellen Ressourcen stoßen lassen, dann würde er schon von selber umkehren.

Ein warnendes Vorzeichen war das Gespräch mit dem russischen General Balachoff, den Zar Alexander zu Beginn der Kampfhandlungen als Emissär zu Napoleon gesandt hatte. Als der Franzose mit seinem ungestümen Schneid ihn fragt, welche Straße denn am schnellsten nach Moskau führe, antwortet der Russe geradeheraus: „Sire, alle Wege führen nach Rom“, und setzt hinzu: „Man kann auf mehreren Routen nach Moskau gelangen. Karl XII. zum Beispiel marschierte über Poltawa.“

Das war ein Schlag ins Gesicht. Karl XII., der jugendliche Schwedenkönig, der sich im Nordischen Krieg zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit Zar Peter dem Großen anlegte, wurde hier, nach lange ungebrochenem Vormarsch, 1709 vernichtend geschlagen. Napoleon steckte die verbale Ohrfeige ein, aber er war gewarnt. Bei Borodino erringt er am 7. September 1812 seinen schwersten Sieg, feuert die Soldaten, als sich das Schlachtfeld im Morgengrauen durch die ersten Sonnenstrahlen erhellt, an mit dem sprichwörtlich gewordenen Satz: „Voilà le soleil d’Austerlitz – Seht, die Sonne von Austerlitz!“ Bei Austerlitz in Mähren, im Dezember 1805, hatte er noch ein österreichisch-russisches Heer glorreich geschlagen, die so genannte Dreikaiserschlacht wurde zum Gründungsmythos des jungen französischen Kaiserreiches und ist es bis heute.

Doch die Geschichte wiederholte sich nicht. Borodino war taktisch ein Sieg, strategisch war es ein Patt: die russische Armee blieb intakt, der Weg nach Moskau war zwar frei, aber das Ziel selber, eben die russische Hauptstadt, hatte seine Bedeutung für die Entscheidung des Feldzugs verloren. Ein letztes Mal hatte sich der Eroberer Napoleon über die Maßen verausgabt; von nun an, seit dem Rückmarsch von Moskau im Herbst 1812, führte er nur mehr Rückzugsgefechte. Silvester 1812 – die Franzosen waren längst wieder nach Westen durchgesickert – schließt General v. Yorck, widerwilliger Befehlshaber des preußischen Hilfskorps, das unter Napoleon gegen Russland hatte kämpfen müssen, die Konvention von Tauroggen ab und stellt sich offen auf russische Seite. Im Frühjahr 1813 billigt sein König, Friedrich Wilhelm III. von Preußen, nachträglich diesen Akt der Insubordination und erklärt Frankreich den Krieg. Im August tritt Österreich der Koalition bei, die schließlich alle souveränen europäischen Staaten umfasst. An Neujahr 1814, genau ein Jahr nach dem preußischen Abfall, überschreitet die große Koalition den Rhein. Im April ziehen die verbündeten Monarchen von Russland, Österreich und Preußen in Paris ein. Napoleon muss abdanken und geht ins erste Exil auf die Insel Elba. Sein Stern ist gesunken, und auch das Intermezzo der „Hundert Tage“: die Rückkehr nach Frankreich im März 1815, die Wiederaneignung der Macht, die hastige Aufstellung neuer Truppen, können das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen: bei Waterloo in Belgien, am 18. Juni 1815, fast auf den Tag genau drei Jahre nach Beginn der russischen Expedition, schlägt Napoleon seine letzte Schlacht. Es ist seine endgültige Niederlage.

Die historische Gestalt Napoleons ist bis heute, trotz einer Flut von Veröffentlichungen, trotz einer unvergleichlichen Menge an literarischer und fiktionaler Verarbeitung, auratisch ungeklärt. Heinrich Heines kanonisches Diktum, Napoleon sei nicht „ von dem Holz, woraus man die Könige macht“, sondern er sei „von jenem Marmor, woraus man Götter macht“, hat die Aufklärung über seinen historischen Ort noch erschwert. Bei den französischen Königen, beim preußischen Friedrich, bei Cromwell und Bismarck weiß man recht gut, woran man ist; die menschlich-zerrissene, tragische und dabei sehr alltägliche Dimension ihres politischen Wesens liegt bei ihnen allen offen. Nicht so bei Napoleon. Was an ihm offen liegt, ist nichts als seine schiere Kraft, nichts als die pure Gewalt seiner Wirkung, das ewig Drängende, Vorwärtsstürmende seiner Tätigkeit, die ihn von Feldzug von Feldzug führte, und die ihn doch in aller Tätigkeit, in allem Gestalten und Entwerfen doch merkwürdig geisterhaft, seltsam weltlos und ungreifbar erscheinen lässt.

Das ändert sich, wirft man den Blick auf seine Tätigkeit, seinen fieberhaften Aktionismus selbst. Dieser Aktionismus, sein Drang, immer Neues zu schaffen, immer neue Türen aufzuschließen, niemals zur Ruhe zu kommen, immer neue Ufer anzustreben: in ihm spiegelte sich emblematisch das Wesen Europas und das Wesen der europäischen Neuzeit ab: der kopernikanische Traum von der Vermessung der Welt und die cartesische Phantasie von ihrer restlosen rationalen Bestimmung und Gliederung; die suchtartige Anziehung zu den äußersten Polen, die rasende Verliebtheit in die Bewegung. Dass Napoleon kein eigentliches Ziel kannte; sondern dass die Bewegung, das Strömen und Fließen, das Immer-weiter, das Immer-werden und Niemals-sein sein eigentliches Ziel war: am Russlandfeldzug wurde es klar wie nirgends sonst in seiner politischen Laufbahn. Er war die reine, halt-und selbstlose Kraft, die fleischgewordene „Furie des Verschwindens“, von der Hegel, sein großer philosophischer Zeitgenosse und glühender Bewunderer, in der Phänomenologie des Geistes sprach, die ausgerechnet 1806, im Jahr des preußischen Feldzugs, erschien: jenem Jahr, als Napoleon und Alexander von Russland sich erstmals als Kontrahenten um die Vormacht in Europa gegenüberstanden.

Deshalb war er auch der „letzte Eroberer“, wie ihn der Kunsthistoriker Ernst Gombrich in seiner legendären Kurzen Weltgeschichte für junge Leser bezeichnete. Das Votum schien manchem zu früh gekommen, denn Gombrichs Buch erschien 1935, also noch vier Jahre, bevor Hitler sich mit dem Überfall auf Polen anschickte, in Napoleons Fußstapfen zu treten, und ebenfalls ganz Europa unterwerfen wollte. Doch Napoleon und Hitler trennt mehr als sie verbindet. Dass sie aber beide militärisch und dann auch politisch ausgerechnet am Großprojekt der Eroberung des russischen Raumes scheiterten, ist kein Zufall, sondern wirft ein Licht auf die großen historischen Linien am Umbruch zur Moderne.

Alle europäischen Reiche, die über die Grenzen des Kontinents hinausreichten, waren Handelsimperien und nicht Machtstaaten gewesen. Auch Portugal, Spanien und England, die nacheinander im 15., 16. und 17. Jahrhundert weltweite Imperien errichteten – das Königreich England beherrschte um 1900 ein Viertel der Erdoberfläche –, waren vorrangig niemals politische, sondern wirtschaftliche Machthaber; militärische Präsenz und administrative Organisation dienten der Wirtschaftsförderung in den auszubeutenden Provinzen, nicht umgekehrt. Frankreich, das Mutterland europäischer Staatlichkeit, bildete eine Ausnahme. Seine Außenpolitik war, anders als die seines großen Konkurrenten England, noch im 18. Jahrhundert auf die Arrondierung und Konsolidierung der eigenen territorialen Position auf dem Festland gerichtet; überseeische Besitzungen hatten im Ancien Régime nie die Bedeutung, die sie im Hochkolonialismus des späten 19. Jahrhunderts erreichen sollten. Frankreich, das Reich der allerchristlichen Könige, die Schutzmacht der römischen Kirche, stand kulturell, wirtschaftlich, rechtlich und politisch in der Tradition des Römischen Reiches. Eroberung fremder Länder um des Eroberns willen spielte als außenpolitischer Impuls erst ab Beginn der Neuzeit eine Rolle; und auch dann ursprünglich nur als Reflex auf die als Bedrohung wahrgenommene Einkreisung Frankreichs durch Spanien und Deutschland, die seit 1516 beide von Habsburgern regiert wurden. Die äußerlich offensive, innerlich prachtliebende und wohlstandsfördernde Politik des französischen Absolutismus zwischen 1500 und 1789 war geboren aus dem Abwehrreflex gegen die Machtübernahme durch nichtfranzösische Herren.

Als Napoleon Bonaparte 1799 im Staatsstreich vom 18. Brumaire die Macht an sich reißt, liegt die Französische Revolution gerade ein Jahrzehnt zurück. Ihre geistes-und sozialgeschichtliche Dimension ist unzählige Male dargestellt und vielfältig beleuchtet worden. Napoleon, wie er sich nach seiner Selbsterhebung zum Kaiser 1804 nur noch nennen sollte, stand zweifelsohne unter dem Impuls der Revolution. Doch ideologisch war er, aus korsischem Adel stammend, ein Kind des aufgeklärten Absolutismus und des Ancien Régime mit seiner uralten, hämmernden Phantasie von Welteroberung und Weltreichen. Auch sein Lebenswandel ist nicht der eines bürgerlichen Technokraten oder Ideologen – idéologistes war das Lieblingsschimpfwort, mit dem Napoleon die intellektuelle Opposition in Frankreich um Madame de Staël und François-René de Chateaubriand traktierte –; sondern der eines spätgeborenen europäischen Heerkönigs mit den all den kriegerischen, amourösen und schöngeistigen Allüren der Herren von einst. Man ginge nicht fehl, in Bonaparte eine seltsame, südländisch eingefärbte Mischung aus Ludwig XIV. und Friedrich dem Großen zu sehen, jenen beiden Monarchen, die in ihrer schroffen auratischen Gegensätzlichkeit doch beispielhaft die Spannweite monarchischer Selbst-und Weltverwirklichung in dem Äon zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und der Französischen Revolution ausgemessen haben.

Doch er war eben auch mehr als diese Mischung. Waren jene anderen beiden großen Monarchen der westeuropäischen Vormoderne irgendwann in ihrem Leben zur Ruhe gekommen, hatten sich in ihre Territorialkriege bis zur Selbstaufgabe verzettelt und verstrickt und hatten daraus, der eine früher, der andere später, den Schluss gezogen, sich auf die Bewahrung des mühsam Erworbenen zurückzuziehen und einem Leben der Ruhe gegenüber einem Leben des ewigen Sturms, der ewigen Haltlosigkeit und Gefährdung schlussendlich den Vorzug gegeben: so blieb Napoleons Denken zeitlebens, bis zum bitteren Ende dem Sturm, der Bewegung und der Ruhelosigkeit verhaftet. Er wollte Alexander sein, und es war Alexanders Weg, den er ideell und geographisch einschlug, wie, unter anderen dogmatischen Vorzeichen, auch Sören Kierkegaard erkannte:

Napoleons Zug ging in entgegengesetzter Richtung zur Ausbreitung Mohammeds, aber durch die gleichen Länder. Mohammed von Ost nach West, Napoleon von West nach Ost.“

Doch auf diesem Weg musste er scheitern. Von ihm selber, einem Kind der Aufklärung, der Entzauberung der Welt, stammt der Satz: „Als Alexander verkündete, der Sohn des Gottes Ammon zu sein, glaubten ihm alle bis auf den Philosophen Aristoteles; würde ich das sagen, würde mich das letzte Pariser Marktweib auslachen.“ Die Zeit der großen Ideen, denen man sich rauschhaft-unreflektiert, im Glauben und im Machen, hingeben konnte, war vorbei, spätestens mit der Revolution, als deren Testamentsvollstrecker und vor allem als deren Nutznießer Bonaparte ja einst die politische Bühne betreten hatte. Napoleon, bis heute als Wegbereiter der Moderne, als Vater der rationalen Staatsorganisation, der freiheitlichen Grundrechte, des Fortschritts angesehen, war ein Verspäteter, ein Zuspätgekommener.

Je suis une parcelle de rocher, lancée dans l’espace“, hatte der Kaiser gesagt: ich bin ein Stück Fels, der in den Weltraum geschleudert wurde. Das ist die Selbst-und Weltsicht des Menschen der Frühen Neuzeit, des cartesischen Suchers und Zweiflers, die hier ins Faustisch-Mannhafte, Abenteuernde gewandt ist. Es ist eine durch und durch schwermütige, hilflose und verzweifelte Aussage. Sie hätte auch von Friedrich von Preußen stammen können, dem sanguinisch-melancholischen Schöngeist auf dem Thron, in dem Napoleon, der von den Deutschen, und den Preußen zumal, gern mit herablassender Verachtung sprach, lebenslang sein Vorbild erblickte. Doch Napoleon, dem Aufsteiger, dem Parvenü aus dem Mittelmeer war es vorbehalten, diese Sicht: das uralte europäische Leiden an der Begrenztheit des insularen Daseins, die brennende, verzehrende Sehnsucht nach Entgrenzung, nach Überschreitung, nach Transzendenz auszuleben ins politische Extrem. Der wehmutsvolle, ängstlich gepflegte Traum der alten Griechen und Römer: hinauszusegeln über die Säulen des Herakles ins weite, grenzenlose Meer: Napoleon schickte sich an, ihn mit modernsten Mitteln, unter Aufbietung aller Kräfte, die die Staatskunst des Ancien Régime ihm hinterlassen hatte, unter Ausnutzung aller emotionalen Energien, welche die Revolution 1789 freigesetzt hatte, wahrzumachen.

Überschreitung, Transzendenz: dieser Urtopos europäischen Denkens, der nach dem Dornröschenschlaf des Mittelalters schlagartig ins Bewusstsein der Europäer zurückgekehrt und ihnen seither keine ruhige Minute gelassen hatte, war der große Traum, das große Projekt Napoleon Bonapartes. Ihm gab er sich hin, erbarmungslos sich selbst und die anderen ausnutzend; und an ihm zerbrach er nach furchtbaren Anstrengungen, die man auf europäischen Kriegschauplätzen seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr gekannt hatte und die erst in der Apokalypse des Weltkriegszeitalters sich wiederholen sollten. Napoleons Scheitern setzte einen Endpunkt unter die politische Romantik, die die Monarchen der vorrevolutionären Zeit, wenn auch dezent und heimlich, immer gepflegt hatten: es den Helden Homers, es Achill und Odysseus gleichzutun und alle Schranken, im Leiden und im Siegen, in der Ausschreitung und in der Anspannung, zu durchbrechen und sich in der Inbesitznahme der Welt selbst eine Welt zu schaffen: die Welt, die man innerlich, durch den Fortfall der alten Glaubenssätze, durch den Verlust Gottes, von dem Hegel just zu jener Zeit schrieb, er sei „gestorben“, verloren hatte. Napoleons Seele, in die er, Hitler hier sehr ähnlich, nie jemanden blicken ließ; die er noch in seinem schriftlichen Nachlass, dem Mémorial de Sainte Hélène, sorgfältig zu maskieren suchte, war die Seele eines Heimatlosen, eines von der Insel vertriebenen, der sich zeitlebens in der Welt, in Europa wie auf einem verlassenen, auf dem Ozean schwimmenden Eiland fühlen sollte – in einer unsäglichen Leere, die auszufüllen und zu verdrängen sein Lebensinhalt war und um deren Verdrängung willen er seinen politischen Weg einschlug.

Folgerichtig endete dieser Weg eben auf einer Insel. Weit ab von Europa, auf Sankt Helena, vor der westafrikanischen Küste. Helena – so hieß die spartanische Prinzessin, die bei Homer von Paris geraubt wird und um deren Rückholung willen die Griechen den trojanischen Krieg beginnen, den ersten Ostfeldzug, den die abendländischen Mythen überliefern. Bei Homer endet dieser Feldzug zwar mit dem Sieg und mit der Niederbrennung Trojas; aber auch die heimkehrenden Griechen kommen nicht mehr zur Ruhe. Ihre häuslichen Altäre sind ihnen fremd geworden, das zehnjährige Kriegserlebnis, die Rastlosigkeit der Feldlagerexistenz hat sie ihrer Heimat, hat sie der Heimatlichkeit selbst auratisch für immer entfremdet, ohne dass sie etwa in der Fremde eine neue Heimat, eine neue Welt gefunden hätten. Die Ruhe und Ganzheitlichkeit der bürgerlichen Existenz war verloren, für immer. Eben diese Ganzheitlichkeit und Ruhe hatte Napoleon, den ein historischer Irrtum für die Revolution auf dem Kaiserthron halten mochte, wiederherstellen wollen. Es war vergeblich. Die Vielfalt und Unbestimmtheit des In-der-Welt-seins lässt sich vielleicht in der Liebe bannen; in der Politik sicher nicht. Napoleon, dieser große Erotomane des Politischen, dieser Don Juan auf dem Schlachtross, hat es versucht und ist damit grandios und elend gescheitert.

Jeder Mensch ist doch völlig allein – diese Kernaussage Prousts, des Napoleons der französischen Literatur, die im textlichen und hermeneutischen Zentrum seines großen Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit steht, hat Napoleon, auf Sankt Helena, am eigenen Leibe nachvollzogen. Sie beschreibt auch die Grunddisposition des postnapoleonischen Zeitalters, die ungeheure Schwermut, die sich breitmachte unter den Schriftstellern und Künstlern der Romantik, die damals erst, nach Waterloo, zu ihrer vollen Blüte gelangte und die so viele gescheiterte Existenzen, so viel Lebensunfähigkeit und Lieblosigkeit hervorbrachte wie später nur noch der Erste Weltkrieg. Byron, Shelley, Leopardi, Balzac und Flaubert, auch Eichendorff und selbst Heine gehören in diese Liga der Enttäuschten, zum erfüllten Menschsein Unfähigen.

Napoleons größter literarischer Bewunderer, Stendhal, hat sein kleinbürgerliches Ebenbild nach seinem Bilde geschaffen: Julien Sorel, den Helden aus Rot und Schwarz, der als Jüngling, beeindruckt vom Glanz seines Ruhmes und vom Rausch seiner Aktivität, das Mémorial liest; doch der es ihm nicht gleichtun kann, weil sein Leben ein bürgerliches sein wird und die Bürgerlichkeit keinen Raum bereithält für die Entfaltung jener rasenden, überweltlichen Energien, die im Herzen des Menschen schlummern und die ein Napoleon in dieser Welt, einer Welt der Enge, der Unbestimmtheit und Undurchsichtigkeit, zur Entfaltung gebracht hat. Julien schießt am Ende auf Madame de Rênal, seine erste, mütterliche Geliebte, die ihn, den verlorenen Jüngling, in die Welt, ins Leben hatte holen wollen; doch er hatte sich nicht holen lassen, denn die Liebe konnte ihm nicht geben, was sie verhieß: die endgültige Befriedigung, die ewige, totenähnliche Ruhe nach dem großen, alles verzehrenden, alles verausgabenden Sturm. Denn „es ist die Zeit der Kriege und Epopöen nicht mehr“, wie Thomas Mann Goethe in Lotte in Weimar sagen lässt, einem Roman, der eben in jener Zeit spielt. Und er hätte hinzusetzen können: diese Zeit hat es nie gegeben. Es ist eine geträumte, nicht gelebte, eine zeitlose Zeit; eine fingierte Epoche, die es schon bei den alten Griechen nicht gab, die Friedrich in seinem schlesischen Abenteuer vergeblich heraufbeschworen hatte und die Napoleon nicht herstellen konnte.

Die Zeit kann niemand herstellen und niemand überwinden. Ihre Überwindung ist immer nur scheinbar. Als der Kaiser während der Friedensverhandlungen 1807 vom Thronwechsel in Spanien erfuhr, der seine europäische Position gefährdete, und General Rapp fragte, wie weit es von Danzig nach Cadiz sei, antwortete der lakonisch: „Zu weit, Sire.“ Es war eine unhöfische Frechheit, aber es war die Wahrheit: Napoleon, dessen Leben ein einziger Traum von der Überschreitung der Grenzen der Zeit war, scheiterte daran, dieses unmögliche Projekt im Modus der Überschreitung der bloß räumlichen Grenzen wahrzumachen. Er hätte ewig weitermarschieren können: ans Ziel wäre er niemals gekommen. Es gibt kein „Ende der Welt“. Sein Ziel, wie das Ziel jedes Menschen, hätte in ihm selbst gelegen; doch dazu: in sich selbst zu ruhen, in sich selbst die Welt zu finden, die er außen nicht fand, die er sich in immer neuen Kraftanstrengungen und Gewaltleistungen mit Farbe und Gestalt auszufüllen suchte wie ein Drogensüchtiger in seinem Drogenrausch – dazu war dieser kraftvolle Mann nicht stark genug.

In Wahrheit war er schwächer als der letzte seiner Grenadiere gewesen; Frankreich mag er neu geformt, Europa mit seinen Gedanken inspiriert haben: sich selber hat er nicht gefunden. Ein ruheloser Marsch war sein Leben gewesen; die Ruhe kam auf dem verlassenen Felsenriff vor Afrika, weit weg von Europa, jenem Land, das ihm in seiner tiefen, traurigen Weltlosigkeit, wie so vielen großen Europäern auf dem Thron und am Schreibtisch, doch immer zu eng gewesen war.

Dieser Text erschien zuerst im Magazin CICERO, September 2012. Header: Jacques Louis David, Le sacre de Napoléon, 1808, Paris, Louvre. © Wikimedia Commons.