Islam, Politik und Gesellschaft

Schicksalsjahr 2015. Die Welt zwischen Krieg und Frieden

Das Jahr 2015 hat viele Gewissheiten des letzten Vierteljahrhunderts umgeworfen. Die Terroranschläge von Paris lassen das Szenario eines Weltkrieges zwischen Christentum und Islam für viele auf einmal realistisch erscheinen. Zugleich scheint sich am Pulverfass Orient der eigentlich überholt geglaubte Ost-West-Konflikt wieder aufs Neue zu entzünden. Doch den Gefahren steht eine Chance auf Verständigung und eine friedliche Lösung gegenüber, die man guten Gewissens historisch nennen darf.

Das Geheimnis der Globalisierung liegt im Effekt der Entspannung, der automatisch eintritt, wo im Alltag räumliche Grenzen überwunden werden. Das wertvollste Ergebnis des Kalten Krieges war das Zusammenrücken von Menschen und Kulturen über die politischen und ideologischen Grenzen hinweg. Wer die USA und Russland heute im Syrienkonflikt am Rande eines Krieges wähnt, hat gute Gründe hierfür; aber er vergisst, dass Russland und die USA mittlerweile Teil eines gemeinsamen Kulturraumes sind. Europa ist vom peninsularen zum atlantisch-eurasischen Raum geworden, der sich von der kalifornischen Pazifikküste bis in den russischen Osten erstreckt.

Der Konflikt zwischen Ost und West war immer ein geopolitischer. Das Ideologische war nur vorgeschoben, der Sowjetkommunismus ein Instrument zur gesellschaftlichen Modernisierung. Heute herrschen in den USA und in Russland im Grunde verschiedene Formen eines autoritären Liberalismus: hier hat der Staat mehr Macht, dort die Wirtschaft. Doch die Gemeinsamkeiten sind unübersehbar. Ihr Konflikt dreht sich um Ressourcensicherung, ihre Kampfzone ist der Orient, der so genannte „eurasische Balkan“, der sich von Griechenland bis nach Usbekistan erstreckt, auf dem Gebiet des alten Alexanderreiches, auf dem sich später der Islam ausgebreitet hat.

Vor 160 Jahren standen einander das Russische Kaiserreich und das British Empire am Westzipfel des eurasischen Balkans gegenüber, im Krimkrieg 1853 bis 56. Im Windschatten ihrer Auseinandersetzung entstand 1871 das Deutsche Reich. Unser Land, Deutschland, war also eine Frucht der Unruhe, die mit dem Krimkrieg in die europäische Ordnung kam, und noch immer profitiert Deutschland von seiner Mittellage, die auch 1945 dazu führte, dass Deutschland trotz der furchtbaren Schuld, die es mit dem Mord an den Juden auf sich geladen hatte, als politische Größe erhalten wurde.

Der Krimkrieg zerstörte die Friedensordnung, die auf dem Wiener Kongress im Jahr 1815, also vor genau zweihundert Jahren, geschaffen worden war. In der Heiligen Allianz schlossen sich damals alle Souveräne Europas zusammen, mit Ausnahme Englands, des Papstes und des Osmanischen Reiches. Wenn nach den Anschlägen vom Bataclan Francois Hollande sich hilfesuchend an Wladimir Putin wandte, so hat dies also gute europäische Tradition. Frankreich, Russland und Deutschland: diese Trias bestimmt, trotz aller Konflikte, die europäische Kontinentalpolitik seit den Tagen Friedrichs des Großen, seit Mitte des 18. Jahrhunderts.

Freilich: eine sinnvolle Neuordnung des Orients hatte man, hatte Metternich, der Spiritus rector des Wiener Kongresses, bewusst vermieden. Noch saß ja der Sultan in Konstantinopel, wenn auch seine Macht Jahr für Jahr bröckelte. Dieses Versäumnis ist ursächlich für den Nahostkonflikt und damit für die Richtung, die die gesamte Große Politik in den letzten zweihundert Jahren genommen hat. Wir sind zwar gewohnt, die Schlachtfelder von Verdun und Stalingrad über das Nahostproblem zu stellen, doch ist dies eine ausgesprochen eurozentrische Sicht. Der Erste Weltkrieg, die Urkatastrophe, entbrannte auf dem Balkan, Rommel sollte von Ägypten aus in den Kaukasus vorstoßen, und der Kalte Krieg begann mit dem griechischen Bürgerkrieg. Quasi im Schutze des Ostwestkonflikts konnte sich der Orient dann relativ gut entwickeln; nach 1990 war es damit aber vorbei. Die Brandherde auf dem Balkan konnten im Wege der EU-Osterweiterung zwar vorübergehend gelöscht werden; doch Nordafrika, der Nahe und Mittlere Osten sind seither im Aufruhr. Vom 2. Golfkrieg 1991 bis zum syrischen Bürgerkrieg heute zieht sich eine blutige Spur.

Was tun? Es empfiehlt sich, den Völkern des Orients ihre eigene nationale Souveränität wiederzugeben. Syrer, Ägypter, Palästinenser sehen sich als Nachfahren antiker Großreiche, denen das barbarische Europa seine Zivilisation verdankt. Auf diese Haltung müssen wir eingehen. Sind nicht auch Amerikaner und Russen, die Führungsnationen der atlantisch-eurasischen Welt und beides multiethnische Bevölkerungen, ungemein stolz auf ihre nationale Identität? Sind dies nicht auch, nach wie vor, alle europäischen Länder – mit Ausnahme des kleinmütigen Deutschlands? Vielleicht gehen wir in Deutschland deshalb so unbeholfen mit der Syrienkrise um, weil wir den betroffenen Völkern nicht das Recht auf nationale Selbstbestimmung zugestehen, das Deutschland selbst, trotz Teilung und Reeducation, 1945 freudig in Anspruch nahm.

Der Konflikt auf dem eurasischen Balkan ist der Urkonflikt Europas. Europas Sicherheit, und damit zugleich seine Freiheitswerte, werden so lange bedroht sein, so lange wir nicht ehrlich Frieden und Ordnung in dieser Kernregion Eurasiens zulassen. Die monotheistischen Religionen, die auf diesem Boden entstanden, waren stets Reaktion auf Armut und Not, diese aber Folge politischer Unselbständigkeit. Geben wir dem Orient seine Selbständigkeit zurück! Dann wird dort wieder Frieden einkehren, und auch das islamistische Problem, das uns in Angst und Schrecken versetzt, sich irgendwann in Luft auflösen.
Header: Karte des Alexanderreiches, zugleich Hauptausdehnungsgebiet des Islam, Pivot der Weltpolitik, Reservoir fossiler Energien und Schauplatz des aktuellen Orientkrieges. Quelle: Wikimedia Commons. 

Obiger Text wurde in gekürzter und redigierter Form am 10. Dezember 2015 als politisches Feuilleton im Deutschlandradio Kultur gesendet. 

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Erster Weltkrieg, Geschichte, Historischer Abriss, Islam

Der Erste Weltkrieg im Nahen Osten

Der Erste Weltkrieg war ein Weltkrieg im buchstäblichen Sinne. Er wurde nicht nur auf dem europäischen Kriegsschauplatz ausgetragen, sondern auch auf allen Weltmeeren, in Afrika – und im Nahen Osten.

Auf Seiten der Mittelmächte kämpfte seit August 1914 auch das Osmanische Reich. Der „kranke Mann am Bosporus“ war ein Vielvölkerstaat, das islamische Pendant zum katholischen Österreich-Ungarn, mit dem gemeinsam es im fünfzehnten Jahrhundert die Nachfolge des gefallenen Oströmischen Reiches, die Nachfolge von Byzanz angetreten hatte. Der Sultan in Konstantinopel, wie die frühere Hauptstadt des griechisch-römischen Kaiserreiches nach wie vor hieß, herrschte nicht nur über die Türkei, sondern über den gesamten Nahen Osten unter Einschluss von Mesopotamien und Teilen der arabischen Halbinsel.Im Innern rückschrittlich und nach westlichen Standards desorganisiert, gewährleistete dieses Reich seinen Bewohnern dennoch Ruhe, Ordnung und eine gewisse Toleranz.

Gleichwohl fand die arabische Bevölkerung, in der seit dem späten achtzehnten Jahrhundert der Wahabitismus, eine besonders aggressive und missionarische Strömung innerhalb des sunnitischen Islam, blühte, im Zeitalter des Nationalismus nach und nach Gefallen am Gedanken der Unabhängigkeit. Bei Kriegsausbruch sah sie ihre Stunde gekommen: Arabische Führer schlossen mit den Briten, die über Ägypten – einst eine byzantinische, dann eine arabische und schließlich eine osmanische Provinz – als Vizekönigreich herrschten, ein Abkommen, das ihnen im Falle eines Sieges die Unabhängigkeit zusicherte. Eine besondere Rolle spielte hier der englische Abenteurer Thomas Edward Lawrence, der als „Lawrence of Arabia“ in die Geschichte einging.

Der Nahe Osten wird heute eher als Nebenkriegsschauplatz wahrgenommen. Doch in Wahrheit liegt im Ersten Weltkrieg der Schlüssel zum Nahostkonflikt unserer Tage, so wie im Orientkonflikt der Schlüssel zu den großen europäischen Kriegen und schließlich zum atlantisch-eurasischen Gegensatz seit Beginn der Neuzeit liegt. So schreibt auch der US-amerikanische Historiker David Fromkin:

 

„Alle heutigen Konflikte des Nahen Ostens gehen zurück auf den Ersten Weltkrieg.“

 

Im 19. Jahrhundert stützen die Westmächte noch das Osmanische Reich, um ein Vordringen Russlands dort zu verhindern. Seit dem Berliner Kongress 1879 jedoch wurde das Deutsche Reich zum stärksten Verbündeten des Sultans. Projekte wie der Bau der Bagdadbahn und die türkische Militärmission unter den preußischen Generalen Colmar Graf v. der Goltz und Otto Liman v. Sanders festigten das Band zwischen Berlin und Konstantinopel.

Als der Krieg 1914 ausbrach, fürchtete der Sultan den definitiven Verlust des Nahen Ostens an die Westmächte, während Kaiser Nikolaus II. von Russland die jahrhundertealte Vision seiner Dynastie, die griechischen Glaubensbrüder in Ionien und an der Schwarzmeerküste zu befreien und sich in Konstantinopel zum Kaiser des neuerstandenen Byzantinischen Reiches zu krönen, auf einmal Wirklichkeit werden sah. In der Tat war es

 

„seit Jahrhunderten der russische Traum gewesen, Konstantinopel zu erobern, zum neuen Byzanz und zur Seemacht im Mittelmeer aufzusteigen, ja schließlich zu einer Weltmacht zu werden.“

 

Seit der Hussein-McMahon-Korrespondenz von 1915/16 zwischen dem osmanischen Scherifen (Statthalter) von Arabien, Hussein ibn Ali, der die Herrschaft des Sultans abschütteln wollte, und dem britischen Hochkommissar von Ägypten, Sir Henry McMahon,betrieben England und Frankreich die Zersetzung des muslimischen Großreichs. Grundlage hierfür wurde das Sykes-Picot-Abkommen vom Mai 1916, unter russischer Billigung geschlossen zwischen zwei Spitzendiplomaten der beiden Entente-Staaten, das „heute in arabischen Ländern immer noch als Synonym für koloniale Willkür gilt“ (Fromkin).Den arabischen Völkern im Nahen Osten versprachen sie für die Zeit nach Kriegsende eigene Staaten, Russland hingegen sollte Konstantinopel und damit einen Teil der Türkei erhalten.

Nach der Oktoberrevolution 1917 wurden die russischen Pläne zwar hinfällig, in der Türkei übernahm nach dem Sturz des Sultans Mustafa Kemal „Atatürk“ die Macht. Doch die neuen nahöstlichen Staaten kamen unter westliches Mandat: der Irak unter britisches, Syrien unter französisches.Ihre Grenzen wurden willkürlich gezogen, Muslime und Juden aber, die unter dem Sultan noch relativ ungestört nebeneinander gelebt hatten, fanden von nun an zu keiner friedlichen Koexistenz mehr, immer öfter kam es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Voll souverän wurden alle diese Staaten erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Westmächte hatten auf dem Rücken der Bevölkerung neue Provinzen gewonnen.Fromkin schreibt:

 

„Großbritannien und, in geringerem Maße, Frankreich [waren] die prägenden Mächte der Region. Mit der Beseitigung des Osmanischen Reiches radierten sie die Landkarte des alten Mittleren Ostens aus und entwarfen eine neue. Der Irak, Jordanien und Israel sind britische Kreaturen, Syrien und der Libanon sind französische – mit verheerenden Folgen. Seit 1919 herrschen im Mittleren Osten Wirrwarr und Blutvergießen.“

 

Im März 1916 stellte die Oberste Heeresleitung ein eigenes Asien-Korps auf, das der Heeresgruppe F („Yildirim“) angegliedert wurde. Die Heeresgruppe selbst bestand aus drei osmanischen Armeen, hatte aber bis 1918 deutsche Oberbefehlshaber: erst General Erich v. Falkenhayn (den man nach seiner Entlassung als Chef der 2. OHL im August 1916 auf diesen Posten abschob), dann Liman v. Sanders.

Der Heeresgruppe Yildirim gegenüber stand die britische Egyptian Expeditionary Force mit drei Armeekorps, erst unter Generalleutnant Archibald Murray, dann (ab 1917) unter General Edmund Allenby als Kommandierendem General. Im Dezember 1917 nahmen die Briten nach mehrwöchigen Kämpfen Jerusalem ein.

Am 9. Dezember fiel die Stadt, zwei Tage darauf zog Allenby mit seinem Stab in die Heilige Stadt ein. Als er das Stadttor erreichte, stieg er vom Pferd und betrat so, bis dahin einmalig in der Kriegsgeschichte, zu Fuß die eroberte Stadt – aus Respekt vor der Heiligkeit dieser Kultstätte dreier Weltreligionen.

Die Palästinaschlacht im September 1918, die sich über mehrere Tage hinzog und deren Höhepunkt die Einnahme von Damaskus durch die Briten war, beendete schließlich das Kapitel der deutschen Intervention im Nahen Osten, besiegelte aber auch das geopolitische Schicksal der nahöstlichen Erbmasse des Osmanischen Reiches bis in die heutige Zeit, also für ein volles Jahrhundert.

Die Türkei kapitulierte am 30. Oktober, Deutsche und Österreicher kehrten in ihre Heimatländer zurück. Den Oberbefehl über die Heeresgruppe übernahm Atatürk, der sie auf türkischen Boden zurückführte, wo sie alsbald den Kampf gegen die siegreichen griechischen Truppen aufnahm, die sich anschickten, in ihren kleinasiatischen Feldzug aufzubrechen, Konstantinopel zu befreien und altes griechisch-byzantinisches Gebiet wiederzuerobern.

Im deutschen Asienkorps, zu dem auch Soldaten Österreich-Ungarns gehörten, kämpften Bodentruppen und Fliegereinheiten. Anders als in den afrikanischen oder ostasiatischen Kolonien hielten sie sich erstaunlich lange. Anders auch als in Europa spielten Graben- und Stellungskrieg hier keine Rolle. Die Kämpfe in Wüstensand und Orienthitze wurden ähnlich kameradschaftlich geführt wie später im II. Weltkrieg der Afrikafeldzug.

Der moralisch und geopolitisch fragwürdige, aber aus seiner Haltung als “verspätete Nation” (Helmuth Plessner) heraus verständliche Einsatz des kaiserlichen Deutschland für die Integrität des Osmanischen Reiches, das im Windschatten der Kriegshandlungen 1915 bis 1923 an den Pontosgriechen und an der armenischen Minderheit, den beiden ältesten christlichen Ethnien auf vorderasiatischem Boden, einen bis heute ungesühnten Völkermord mit mehreren Millionen Opfern verübte, schuf ein freundschaftliches Band zwischen Türken und Deutschen, das für viele Jahrzehnte halten sollte.

Doch immerhin: auch der Gegner erwies den Deutschen im Rückblick seine Reverenz. In seinen berühmten Memoiren Die sieben Säulen der Weisheit schreibt T. E. Lawrence:

 

„Sie waren zweitausend Meilen von ihrer Heimat entfernt, ohne Hoffnung in fremdem unbekannten Land, in einer Lage, verzweifelt genug, um auch die stärksten Nerven zu brechen. Dennoch hielten ihre Trupps fest zusammen, geordnet in Reih und Glied, und steuerten durch das wild wogende Meer von Türken und Arabern wie Panzerschiffe, schweigsam und erhobenen Hauptes. Wurden sie angegriffen, so machten sie halt, gingen in Gefechtsstellung und gaben wohlgezieltes Feuer. Da war keine Hast, kein Geschrei, keine Unsicherheit. Prachtvoll waren sie.“

 

Header: Fieldmarshal Viscount Allenby, der Sieger von Jerusalem, zieht am 11. Dezember 1917 zu Fuß in die Heilige Stadt ein.

Obiger Text erschien in: Ralf-Georg Reuth (mit Konstantin Sakkas), Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München: Piper 2014.

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Islam, Literatur, Rezension

Der Orient ist nicht der Islam. Gedanken zu Navid Kermanis “West-östlichen Erkundungen”

Navid Kermani, der deutsche Gelehrte mit persischen Eltern, verkörpert wie kein Zweiter jenen intellektuellen Islam, der “zu Deutschland gehört” – spätestens, seit er im vergangenen Mai die Rede zum fünfundsechzigjährigen Jubiläum des Grundgesetztes hielt. Nun erschien im Beck-Verlag mit “Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen” eine Anthologie von Essays und Reden – zweifellos ein Dokument großer und klarer Gelehrsamkeit, wie es im öffentlichen deutschen Geistesleben heute immer seltener wird. Auch wenn es in den 16 Reden und Essays, darunter auch die Bundestagesrede, ihren Titeln nach um Literatur und Literaten geht, haben seine Texte immer auch eine ausgesprochen politische Dimension. Sie handeln vom Koran und der Poesie, Shakespeare und dem Menschen, Lessing und dem Terror. In seinem Essay “Kafka und Deutschland”, auf den der Titel der Sammlung anspielt, wird sein Ansatz deutlich: weniger ums Literarische geht es ihm, als ums Biographische als Spiegel genereller geistesgeschichtlicher und sozialpsychologischer Tendenzen.
Bei Kafka ist es das Dilemma der Nationalität in seiner Biographie. Kaum verhohlen identifiziert sich Kermani mit dem deutsch-jüdisch-böhmischen Literaten, den der Erste Weltkrieg wurzellos machte:
“Kafka hatte, wovor man heute Migrantenkinder in Deutschland bewahren möchte: eine ausgesprochen multiple Identität. Als Staatsbürger gehörte er dem Habsburger Reich an, später der Tschechoslowakischen Republik. Für die Tschechen waren Kafka und die gesamte deutschsprachige Minderheit in Prag einfach Deutsche. Unter den Prager Deutschen wiederum galt jemand wie Kafka vor allem als Jude. Nicht einmal Kafka selbst konnte klar sagen, zu welchem Kollektiv er gehörte.”
Die Spannweite von Judentum, Christentum und Islam ist das eine Feld, in dem sich Kermani in seinen Texten bewegt. Das andere ist die Kluft zwischen geistiger Heimat und irdischer Stand- und Weltlosigkeit, die die Erbschaft und die Bürde des Weltbürgers ist. Und da ist er schnell bei Goethe und seiner Zeit, dem inneren Zentrum seiner Texte.
Die Goethezeit ist Kermanis großer Referenzpunkt: geistig, moralisch, und auch politisch, zumindest soweit es um religiöse Toleranz geht. Auch seine Feststellung:
“Das gelehrte Deutschland ist nicht identisch mit dem politischen.”
leitet sich aus der Goethezeit her, bezieht sie aber ebenso auf die Zeit Kafkas oder die Gegenwart. Denn darum geht es Kermani auf fast vierhundert Seiten: die Differenz zwischen geistiger und politischer Existenz – auch und gerade im Islam, der sich heute in Zeiten islamistischen Terrors so sehr wie nie dem Vorwurf ausgesetzt sieht, dass er im Kern eine politische Theologie sei.
Kermani widerspricht dem nicht. Stattdessen beschreibt er den Koran als wesenhaft ästhetisches Phänomen, seinen Offenbarungsinhalt versteht er deskripitiv, nicht normativ. So heißt es in “Der Koran und die Poesie”:
“Im muslimischen Selbstverständnis […] ist die ästhetische Faszination, die vom Koran ausgeht, konstitutiv für die eigene Glaubenstradition. […] Nur im Islam führte die Rationalisierung des ästhetischen Erlebens zu einer eigenen theologisch-poetologischen Doktrin. […] Ich glaube an den Koran, weil seine Sprache zu vollkommen ist, als dass sie von einem Menschen erdichtet worden sein könnte. Man kann das durchaus als einen ästhetischen Gottes- oder Wahrheitsbeweis verstehen. Eine Entsprechung in einem westlichen Kulturkreis lässt sich in der Sphäre der Religion kaum finden.”
Von diesem religiösen Ästhetentum zieht Kermani die Parallele zur deutschen Sattelzeit zwischen Aufklärung und Moderne, zum Idealismus Lessings und Goethes, die beide ein positives, aufgeschlossenes Verhältnis zum Orient, aber auch zum Islam hatten: denn damals schienen Lebenswelt und politische Praxis des Islam noch nicht so sehr voneinander getrennt wie heute.
Hafis und der Diwan, die sinnliche Freude am Schönen und die Schönheit der puren Sinnlichkeit, die ins Pantheistische weist, aber auch die Topoi von Mitleid, Erbarmen und Gnade: nicht zufällig und in nicht bloß einem Text beschwört Kermani Lessings Menschheitsethik und Goethes Weltbürgertum, die den Islam nicht nur mit einschlossen, sondern ihn sogar in ein ausgesprochen positives Licht rückten. Damit will er das Wesen des Islam, wie er ihn sieht, verteidigen, er will aber zugleich Europa und Deutschland an das Band erinnern, das sie mit dem Orient und der orientalischen Kultur verbindet, deren Ab- und manchmal Zerrbild bloß der Islam ist – so in dem Essay “Lessing und der Terror”.
Bezeichnenderweise geht es Kermani in dieser Hermeneutik von Lessings “Nathan” und seinem Toleranzideal nicht um den islamistischen, sondern um den deutschen Terror, um den Nationalsozialistischen Untergrund – der wohl größte deutsche Skandal seit der Wiedervereinigung. Dem NSU ging es ja nicht um Islamismus oder den Nahostkonflikt, sondern um den schlichten, brutalen Hass auf das “Ausländische”, ja: um das Orientalische als Archetyp des Fremden, das vermeintlich nicht in die westliche Welt passt. Und hier entdeckt Kermani Tendenzen, die er im ganz normalen Zivilisationshochmut des Westens wiederfindet, auch und gerade in seinen Toleranz- und Betroffenheitsriten:
“Tatsächlich ist Nathan genauso ein Orientale wie Saladin und hat Lessing einzig den Tempelherrn, also just den Vertreter seiner eigenen, der christlichen Religion, als religiösen Fanatiker dargestellt. Wo Lessing gegen die Intoleranz des Westens anschrieb, wird im heutigen Theater die Toleranz verwestlicht. Träger ist keiner von denen, wie bei Lessing, sondern einer von uns: Nathan der Weiße.”
Freilich ließe sich diese Kulturkritik am Westen ebenso als Kritik am Islamismus lesen, der sich in seinem blutigen Kampf um die Anerkennung seiner Ursprünglichkeit eben von diesem Ursprung immer weiter entfernt, und damit auch von den westlichen Gesellschaften, die vielleicht niemals seit dem Fall von Byzanz “orientalischer” im Sinne Kermanis waren – also toleranter, gelassener, auch bequemer – als nach 1945 beziehungsweise 1990.
Im Wissen um diese Verbindung liegt für Kermani die Chance auf eine Versöhnung von Orient und Okzident auf der Hand. Dass sie heute indessen vital bedroht ist, liegt für ihn daran, dass der Westen um seine geistige Verbindung mit dem Orient viel zu wenig weiß, und dass er die historischen Wurzeln des Nahostkonflikts fundamental verkennt. Denn – darauf weist er in seinem Essay “Hannah Arendt und die Revolution” sehr kenntnisreich hin – der Nahostkonflikt ist wesentlich ein Phänomen des Postkolonialismus und der nicht bewältigten Vergangenheit des Orients unter westlicher Mandatsherrschaft seit dem Ersten Weltkrieg. Nicht so sehr der Gegensatz zwischen Israel – ein uraltes orientalisches Land – und seinen arabischen Nachbarn, als der zwischen dem islamischen Orient im Ganzen und dem Westen, durch den jener sich politisch verraten und wirtschaftlich ausgebeutet fühlt, ist für ihn Keimzelle der Gewalt im nahen Osten. Darauf gelte es zu reagieren.
“Was die arabischen Völker jetzt am dringendsten benötigen, ist nicht die Aufklärung über ihre Rechte, es ist ein handfester Beitrag zum Abbau der Massenarmut.”
So versteht sich Kermanis Buch als ein Appell an den Westen, sich auf seine orientalischen Wurzeln zu besinnen und entsprechend zu handeln. Von diesem, geistigen und historischen, Standpunkt aus allein, so sein Plädoyer, kann die politische Krise, die zum Weltenbrand zu werden droht, gelöst werden – nicht vom religiösen aus, dessen der politische Furor in seiner Wut und Hoffnungslosigkeit sich je nur bedient.
Der Text wurde am 15.9.2014 im SWR2, “Buch der Woche”, gesendet. 


Header: Eine kurdische Soldatin zerstört eine öffentliche Bekanntmachung des “Islamischen Staates” über die Vollverschleierung von Frauen. Nordostsyrien, November 2015. Quelle: Twitter. 

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Das Wesen des Islams und der Westen, Islam

Das Wesen des Islams und der Westen. Teil 4: Der heroische Individualismus als Tradition Amerikas und Russlands. Die Überwindung des Katholizismus und somit des Glaubens durch sie und der Islam als Inbegriff von Glaube

Es stellt sich nach dem oben Erörterten die Frage, wie der Islam heute sich zu alldem verhalte. Wir haben als die zwei Konstanten des europäischen, d.h. euro-amerikanischen Geistes, der irgendwann in der Geschichte vom Orient ausging (was sich nirgends vielleicht deutlicher zeigt als daran, dass der mit Abstand mächtigste Gründungs- und Lebensmythos ausgerechnet des US-amerikanischen Bewusstseins der judäo-abrahamitische Mythos ist), als diese beiden Grundkonstanten also haben wir oben den Individualismus und den Ordinalismus ausgemacht. Wir können den historischen Progress, den der Individualismus dabei genommen hat, politisch-religiös als Prozess der Emanzipation vom Monotheismus und damit vom religiösen Glauben in seiner reinsten und härtesten Form nachvollziehen: je weiter der Individualismus, der in den Mythen der israelitischen Urväter und insbesondere natürlich in der Legende Jesu angelegt ist, je weiter also dieser Individualismus sich Bahn brach, desto unnötiger wurde die Verhaftung zum strengen Autoritarismus des institutionalisierten Glaubens an den einen Gott, den man in jeder weltlichen Ordnung, in den Natur- wie in den Staatsgesetzen, repräsentiert, abgebildet sah und dem sich zu unterwerfen das erste, noch aus der mosaischen Zeit – einer Zeit in der Wüste! – herrührende Gebot des europäischen Menschen wurde, so beschlossen in der Zeit am Übergang zwischen Altertum und Mittelalter, auf den Konzilien, als sich abspielte, was der Historiker Charles Freeman “the closing of the Western mind” nennt.

Die Ablösung dieses starren, brutalen und seine Subjekte zur Unbeweglichkeit und zum Autismus erziehenden intellektuellen pactum subiectionis vollzog sich in drei großen Wellen: in der Renaissance, als griechische Flüchtlinge wie Bessarion, Georgios Gemistos Plethon und El Greco, der eigentlich Theotokopoulos hieß, den Geist der Freiheit, angereichert mit deutlichen neoheidnischen Tendenzen, in der philosophischen Gestalt des Neoplatonismus nach Westeuropa brachten; in der Aufklärung, als das hochgebildete und weltlich asketische, smarte, aber politisch im Europa der Dreiständegesellschaft machtlose britische, niederländische und deutsche Bürgertum nach Nordamerika emigrierte und dort gleichsam from scratch, auf dem Reißbrett einen neuen, auf Perfektion angelegten Staat schuf, der explizit und zum ersten Mal in der Geschichte des Christentums nicht auf eine fiktionale, im Jenseits und in unbestimmter räumlicher und zeitlicher Ferner liegende civitas Dei, sondern auf eine ganz und gar diesseitige, reale und als realisierbar angenommene vollkommene beziehungsweise auf Vollkommenheit angelegte civitas terrena konzipiert war; und schließlich im Zeitalter der Weltkriege, als erst, unter dem darob stets etwas schwermütig dreinschauenden Woodrow Wilson, vergeblich, dann, unter dem ewig strahlenden Franklin D. Roosevelt, erfolgreich der Versuch unternommen wurde, diesen neuen europäischen Geist, der nun ein amerikanischer war, nach Europa zu reimportieren.
In diesen drei Schritten vollzog sich die schmerzhafte, mühevolle Abnabelung Europas vom brutalen, zwingenden und bezwingenden Diktat einer Religion, die sich den Corpus eines zu Tode Gefolterten als Signum und dieses Signum zur Signatur ihrer Zeit auserkoren. Es war ein langer Weg von der Unbeschwertheit einer Epoche, in der überlebensgroße Phalloi, nackte, eingeölte Knabenkörper und explizite Darstellungen von Sexualität den öffentlichen Raum dominierten, über ein zweitausend Jahre währendes Äon, in dem das Sexuelle an sich offiziell unter Strafe stand und dessen geistlicher Leitfigur man auf den frühen Konzilien bereits seine Menschlichkeit ab- und dafür eine abstrakte Göttlichkeit zusprach (die stark in der Antike verwurzelt bleibende Orthodoxie wich hiervon stellenweise ab, so im Filioque-Streit, der schließlich zum Schisma von 1054 führte), um auch nur die Möglichkeit sexueller Attributionen zu dieser Leitfigur kategorisch auszuschließen (denn ein Christus, der Gott ist im Sinne des “alten Mannes mit weißem Bart” – und dies ist ja nun die christliche Gottesvorstellung –, kann unmöglich sexuell aktiv sein), bis hin zu einer wiederum unbeschwerten Zeit, in der man nicht nur die physikalische Schwerkraft durch menschliche und menschengemachte Leistung überwunden, sondern in der es Frauen gestattet ist und von ihnen sogar gewünscht und erwartet wird, sich im öffentlichen Raum als Sexgöttinnen zu zeigen.

Der Siegeszug des Sexuellen, der im Zeitalter des mobilen Internet und des postpostmodernen Show- und Filmbusiness so selbstverständlich und allgegenwärtig geworden, dass niemand mehr ernsthaft sich darüber aufregt, markiert einschlägig die Überwindung des Christentums und damit auch des Monotheismus als Dogma, als Glaubensinhalt (als Denkinhalt ist das Christentum, gleich allem, was jemals auf diesem Planeten von einem denkenden Wesen ge- und erdacht wurde, potenziell unsterblich). Den Prozess dieses Sieges des Sexuellen und der Überwindung des Monotheismus in Europa lesen wir als Progress, als historisches Voranschreiten des Individualismus.

Was den Ordinalismus angeht, die andere Konstante, so ließe sich mit einigem Recht behaupten, er nun sei im Monotheismus ja gut aufgehoben gewesen und werde seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Übermacht, mit der der Individualismus sich nunmehr entfalte, erdrückt und aus dem europäischen Geiste ausgestrichen. Diese Annahme aber, so naheliegend sie auch sein mag, ist falsch. Der Ordinalismus, das Reichs- und Ordnungsdenken, hat dieselben historischen Wurzeln wie der Individualismus. Auch er kam, wie die Ideen der persönlichen Freiheit, die Verehrung von Venus und Adonis usw. usw., aus dem europäischen Osten, dem Orient nach Griechenland, von wo er sich zuerst in einer Gegenbewegung über den Orient selbst (unter Alexander nämlich), und dann, im Anschluss, im Wege der politischen Aufsaugung der griechischen Welt durch das römische Imperium, über das westliche Mittelmeer hinweg ausbreitete, was dazu führte, dass es keine genuine römische Kultur gab, sondern Rom im Grunde in der Nachahmung des griechischen Vorbilds verharrte (man kann weitergehen und darauf hinweisen, dass das Wort „Rom“ dem griechischen Wort „rhomé“, die Kraft, entspricht, und dass die Römer ein westkleinasiatischer Volksstamm waren, der ein dem Griechischen verwandtes beziehungsweise diesem entstammendes Idiom sprach, sich vorzeitig auf der Apenninenhalbinsel niederließ, sich dort mit den autochthonen Etruskern vermischte und, indem sie später Griechenland unterwarfen, im Grunde ihre eigene Heimat heim in ihr Reich holten –). Freiheit und Freizügigkeit des Einzelnen standen in der europäischen Vererbungslinie stets in Korrespondenz mit Mächtigkeit und Stabilität des Ganzen.

Anders als der Individualismus ist der Ordnungsgedanke freilich nicht mit Aufkommen des Christentums aus dem europäischen Zusammenhang verbannt worden. Als sich Kaiser Konstantin im frühen vierten Jahrhundert nach Jesu Tod dazu entschloss, das Christentum politisch und juristisch zu legitimieren (Toleranzedikt von Mailand 313), verfolgte er damit genau jenen Stabilitätsplan, der das Wesen des Römischen Imperiums ausmachte und der durch die Entwicklungen der vorangegangenen dreihundert Jahre beschädigt worden war. Das Christentum wurde im Römischen Reich und seinen Nachfolgestaaten bewusst als Ordnungsmittel eingesetzt; wirklich wirksam war es aber nur im westlichen Teil, der seit der Völkerwanderung von neu hinzugezogenen germanischen Stämmen besiedelt wurde, die aus der asiatischen Steppe kamen und über Osteuropa und das Schwarzmeerbecken langsam Richtung Westen gezogen waren. Das Christentum im Ostteil des Römischen Reiches, also vom heutigen Jugoslawien bis nach Syrien und dem Irak, hatte bereits zu Anfang eine ganz andere Prägung, war lebensbejahender, weltoffener, „heidnischer“ und somit anfällig für ideologische Störungen. Eine solche ideologische Störung trat ein mit dem Aufkommen des islamischen Glaubens, der im mittleren siebten Jahrhundert aus der arabischen Halbinsel in die durch die Justinianische Pest entvölkerte Levante wanderte und sich dort mit rasender Geschwindigkeit ausbreitete.

Der Islam war dort erfolgreich, wo er sich als die attraktivere Ordnungsmacht als das Christentum darstellen und etablieren konnte; was freilich zugleich jene Gegenden waren, die aufgrund ihrer tieferen Verwurzelung im heidnischen, antiken heroischen Individualismus das Christentum längst nicht so nötig hatten wie andere. Das Christentum nämlich blieb ausgerechnet siegreich in Gegenden, die nicht eigentlich zum antiken griechisch-römischen Kosmos gehört hatten, so in Gallien und Germanien; in denen es keine Erinnerung an den alten Individualismus, die alte Freiheit gab und deren Bevölkerung schon von Hause aus zu „hart“ war, zu abgehärtet dem Leben gegenüber, als dass sie des Islam als Schubkraft und Regulierungsmacht noch bedurft hätte. Im östlichen Mittelmeer, das kulturell seit den Tagen Alexanders des Großen ein griechisches Mittelmeer war (und dies bis auf Kavafis, den 1863 in Alexandrien geboren Sohn griechischer Kaufleute, in gewisser Weise blieb), wurde das Christentum wohl als Glaubensinhalt (mit, wir bemerkten es bereits, stärkeren heidnischen Zügen als im Westen: so ist die heroisch-weltliche, auch erotisch aufgeladene Gestalt des Christus Pantokrator im lateinischen Westen, in dem man Jesus nach und nach mit bewusst weiblichen, “passiven” Zügen darstellte, unbekannt), nicht aber als autoritative Kraft in demselben Maße anerkannt wie im Westen – eine religiös liberale Haltung, die freilich eben auch dem Einfall des Islam die Tore öffnete.

Das Papsttum, das seine Sonderstellung daraus ableitete, dass es das westlichste und eo ipso für den gesamten Westen zuständige Patriarchat war, konnte sich in der Levante, in der weitere vier Patriarchate bestanden, nie etablieren. Das Kaisertum Karls des Großen, dessen Entstehung man in der Wissenschaft gern den Nöten zuschreibt, die Papst Leo III. mit dem römischen Patriziat hatte, kam in Wahrheit zustande, weil der Westen sich nur dadurch vor einer drohenden islamischen Landnahme schützen zu können meinte, indem er seinen eigenen Hinterhof, Italien, dessen territoriale Spitze direkt die islamisch-arabische Welt berührte, in Besitz nahm und dort eine Herrschaft installierte, die einerseits die klassische, römische Herrschaftsform, das Kaisertum, reminiszierte, aber die zugleich aufgeladen war mit der Erinnerung an die alte kaiserlicher Beschützerfunktion über Italien, die sich in dem Titel „rex Langobadorum“ ausdrückte. Man darf im Kontext der Errichtung des fränkischen Römischen Reiches durch Karl den Großen niemals vergessen, dass Karl der Enkel Karl Martells war; dass er nur fünfzehn Jahre, ein halbes Menschenalter, nach der Schlacht bei Tours und Poitiers geboren wurde und dass die arabische Bedrohung durch den Abwehrerfolg seines Großvaters keineswegs gebannt war. Es ging bei der Erhebung des fränkischen Königs Karl nicht um den Schutz des schwächlichen Papstes Leo III. vor marodierenden römischen Stadtadligen, und es ging auch nicht darum, dem byzantinischen Kaisertum, das zu dem Zeitpunkt in den Händen der athenischen Irene lag und darum als vakant galt, eins auszuwischen; sondern es ging darum, Europa, das Abendland beziehungsweise sein fränkisches Hinterland gegen eine drohende Islamisierung zu verteidigen.

Auch dieses Imperium Romanum, späterhin bekannt unter seinem Vulgärnamen „römisch-deutsches Reich“, erfüllte also die klassische Ordinalfunktion, die die großen orientalisch-europäischen Reiche von Assur bis zum Alten Rom erfüllt hatten. Freilich fällt auf, dass die östliche Grenze dieses Ordnungsreiches sich immer mehr nach Westen verschob, während der Islam unter den Kalifen, die sich als direkte, geistliche und weltliche, Rechtsnachfolger Mohammeds des Propheten verstanden, die Lücke füllte, die zwischen dem – nunmehr sich überhaupt erst als solchen verstehenden – Westen und Fernost, also dem chinesisch-indisch-japanischen Komplex aufklaffte. Dieses Gebiet zwischen eurasischer Steppe und Persischem Golf, zwischen Sibirien und Indischem Ozean, dieses Herzland des Alexanderreiches bezeichnet Zbiginiew Brzezinski als Eurasian Balkans, als den Balkan Eurasiens. Er spannt in Ostwestrichtung sich auf vom usbekischen Samarkand, dem alten Marakanda, Alexanders östlichstem Vorposten, im Osten, und Mazedonien, Alexanders altem Stammland, im Westen. Die Kernzelle der islamischen Welt und zugleich der Pivot der Weltpolitik, der Angelpunkt also, um den herum sich auf der Weltkarte die Potenzen Westen hier und China-Indien dort gruppieren, fällt zusammen mit dem Reich, das Alexander von Makedonien zwischen 334 und 323 vor Christus erobert hat. Wenn der Westen um die Erhaltung des Orients kämpft, dann kämpft er unbewusst – und freilich aus gewandelten aktuellen Motivationen – um die Erhaltung des alexandrinischen Erbes.

Seit dem siebten Jahrhundert also, in dem mit der islamischen Expansion und der bulgarischen Landnahme auf dem Balkan gleichsam die beiden Urkatastrophen der nachklassischen Europäität stattfanden, hat sich die Ostgrenze des europäischen Ordnungsreiches, das ursprünglich ein eurasisches war, immer mehr nach Westen verschoben. Unter Herakleios, dem großen byzantinischen Kaiser zur Zeit Mohammeds, waren Syrien und Ägypten die Vorposten des Christentums und damit Europas; zur Zeit Luthers, etwa neunhundert Jahre später, war es Kroatien, dem der Papst den Ehrentitel antemurale cristianitatis, Vorwerk der Christenheit, verlieh, und selbst dieses Vorwerk war nicht hundertprozentig belastbar, wie die beiden türkischen Vorstöße auf Wien zeigten. Jedoch: seit dem Jahr 1700 kehrt sich die Richtung, in der die Ostgrenze Europas sich verschiebt, um. Im Jahr 1699 schließen Kaiser und Sultan im serbischen Karlowitz einen Frieden, der den Wendepunkt in der Geschichte der islamischen Expansion markiert. Fünfundsiebzig Jahre später kommt es, bei Kücük- Kaynarca, zu einem ähnlichen Friedensschluss, doch diesmal wird der Westen nicht vom Römischen Kaiser in Wien repräsentiert, sondern von der Russischen Kaiserin Katharina. In dem Dreivierteljahrhundert, das zwischen Karlowitz und Kücük-Kaynarca liegt, hat sich das Russische Reich als neuer Faktor innerhalb des europäischen Ordnungsgefüges erst vorgestellt, nämlich am Abschluss des Nordischen Krieges, der im Windschatten des Spanischen Erbfolgekrieges vorwiegend zwischen Schweden und Russland stattgefunden und bei dessen Friedensschluss der Zar, Peter I., erstmals den Kaisertitel für sich reklamierte; und schließlich etabliert: dies auf dem Separatfrieden, den im Jahr 1762 Kaiser Peter III., Enkel des ersten Peter, mit Friedrich II. von Preußen schließt und der von seiner Witwe Katharina im selben Jahr bestätigt wird. Seit dem achtzehnten Jahrhundert wird Europa gegenüber der islamischen Welt nicht mehr vom Römischen Kaiser deutscher Nation, sondern vom Kaiser von Russland vertreten.

Man neigt, insbesondere in Deutschland, dazu, diese historisch gewachsenen und etablierten Tatsachen angesichts der jüngeren politischen Vorgänge zu vergessen beziehungsweise nicht ausreichend zu würdigen. Russlands geopolitisches Selbstbewusstsein rührt aus der Vertreterrolle gegenüber dem islamischen Reich, die ihm in den erwähnten fünfundsiebzig Jahren auf höchst natürliche Weise, nämlich sich ergebend aus den weltpolitischen Vorgängen zwischen Spanischem Erbfolgekrieg und Siebenjährigem Krieg, zuwuchs und zufiel. Das Ziel der russischen Politik war nie der Vormarsch nach Zentraleuropa und die Inbesitznahme Berlins, wie man es in Deutschland aufgrund der Erfahrungen des Kalten Krieges und der deutschen Teilung glauben mag; sondern der Vormarsch auf Konstantinopel und die Etablierung eines neuen, christlichen, und das heißt in der Sprache und im Denken des einundzwanzigsten Jahrhunderts: eines religiös neutralen, aber mit den Werten und Überzeugungen des Westens ausgestatteten Großreiches zwischen Mazedonien und Usbekistan.

Die Preisgabe Ostmitteleuropas an die Armeen Stalins, beschlossen auf den interalliierten Konferenzen von Teheran bis Jalta 1943 bis 1945, ergab sich nicht nur aus der dira necessitas der Westalliierten, Deutschland von Osten her durch einen Dritten erobern lassen zu müssen, da hierzu die Kräfte und strategischen Möglichkeiten selbst der reichen USA und Großbritanniens nicht ausreichten (es gab im britischen Hauptquartier in den Vierzigerjahren in der Tat Überlegungen, im Alleingang eine zweite Front quer durch Osteuropa aufzuziehen, die von Jugoslawien über Österreich und die Slowakei nach Polen verlaufen wäre und einen russischen Vormarsch über weißrussisches Territorium hinaus erübrigt hätte; treibende Kraft dieser Erwägungen war natürlich die antikommunistisch ausgerichtete und großpolnisch denkenden polnische Exilregierung unter Wladyslaw Sikorski, die hiermit beim Geopolitiker Churchill, der sich ein starkes Polen, oder eben ein starkes Deutschland, als antibolschewistische Puffermacht in Mitteleuropa wünschte, freilich durchaus und über lange Zeit auf Verständnis stieß); sie ergab sich insbesondere aus dem Kalkül der USA, Stalin gleichsam Osteuropa, in dem bis dahin die westlichen Traditionen fest verankert waren (Schlesien, Böhmen und Ungarn waren Zentren der Renaissance), als Tauschobjekt für den Orient anzudrehen.

Die kontinentalen Westmächte schlossen sich diesem Kalkül nicht aus Überzeugung an, sondern aus purer Not, Churchill insbesondere nur mit großem Zähneknirschen; am meisten unzufrieden mit diesem Tausch freilich war Stalin selbst. Russland hatte als Besatzermacht in Mitteleuropa 1945 so wenig etwas zu suchen, wie das Deutsche Reich 1914 etwas in Paris oder Lyon verloren gehabt hätte. Osteuropa und Mitteldeutschland kamen an Russland als speergeworfenes Land, das man, einmal in Besitz genommen, wenigstens vorläufig halten musste. Die Stalinnoten aus dem Jahr 1952 waren deshalb auch nicht die hinterlistig-satanische Finte des Gewaltmenschen Stalin, für die sie die westliche Historiographie selbstverständlich nimmt, sondern vielmehr das Angebot einer militärischen Neutralisierung Mitteleuropas, die Russland umso willkommener gewesen wäre, als es dann nämlich seine Aktivitäten im Orient hätte ausbauen können, den ihm nach 1945, beginnend mit dem griechischen Bürgerkrieg 1944, kulminierend mit der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 und abschließend mit der Rezipierung sowohl Griechenlands, als auch der Türkei in die NATO – und zwar eben im schicksalhaften Jahr 1952, und gerade einmal einen Monat vor Bekanntmachung der Stalinnoten! –, die USA vor der Nase weggeschnappt hatten. Berlin und Mitteldeutschland waren der ungewollte Köder, den Hitler, ob absichtsvoll oder nicht, gleichsam im Wege einer Geschäftsführung ohne Auftrag für die USA den Russen hinlegte, den diese dann, da sie ihn nun einmal schlucken mussten, um selber nicht unterzugehen, fürs erste nicht mehr herauswürgen konnten. Vom Orient aber, ihrer alten target range seit Kücük-Kaynarca, seit 1774, waren sie abgelenkt, allein schon wegen des ungeheuren militärischen Aufwands, den sie die Administration der unterworfenen und anschließend in Satellitenstaaten umgewandelten Länder zwischen Lemberg und Fulda kostete und dessen Kosten sie, anders als die USA, denen mit England und Frankreich zwei wirtschaftlich nicht gleichrangige, aber ebenbürtige Partner zur Seite standen, auf russischen Schultern allein lastete. Der Orient war nach 1952 für die nächsten fünfzig Jahre dem russischen Zugriff entzogen, und es waren die Amerikaner selbst, war Brzezinski, ausgerechnet, der Russland durch das Kuckucksei, das er ihm mit Afghanistan ins Nest zu legen meinte, im Orient überhaupt erst wieder auf den Plan rief.

Russland träumt vom Orient. Schon im alten Griechenland kannte man den Mythos der Hyperboreer, also derer, die „jenseits des Nordens“ wohnen und bei denen ewige Ruhe und Wohlgefallen herrsche. Zweitausend Jahre später, um das Jahr 1700, wurde im griechischen Kulturraum, zwischen Rumänien, das damals Walachei hieß, und Ionien, der heutigen türkischen Westküste, der Mythos des Agathangelos populär, eine angeblich aus dem dreizehnten Jahrhundert stammende Prophetie über die Wiederauferstehung alter griechischer Größe und den Untergang der islamischen Macht. Tatsächlich handelte es sich dabei wohl um eine Fälschung, die der griechische Geistliche und Gelehrte Theoklet Polyeides gezielt in Umlauf brachte, um Stimmung zu machen für eine Invasion der russischen Glaubensbrüder in osmanisches Territorium. Der Agathangelos, was wörtlich „der gute Bote“ bedeutet, schuf im achtzehnten Jahrhundert die geistigen Voraussetzungen, die dann im neunzehnten zum griechischen Befreiungskrieg und schließlich zum beinahe vollständigen Rückzug des osmanischen Reiches vom europäischen Festland führten.

Es ist natürlich kein Zufall, dass der Agathangelos just in dem historischen Augenblick populär wurde, als Zar Peter durch sein Eingreifen in den dritten Nordischen Krieg die militärischen und diplomatischen Voraussetzungen schuf für Russlands Großmachtstellung. Über die selbstherrliche, aber nach und nach von den übrigen europäischen Mächten anerkannte Aneignung des Kaisertitels auf dem Frieden zu Nystad in Finnland 1721 sprachen wir bereits. Die spätere Frontstellung zwischen Ost und West, die im Spanischen Erbfolgekrieg, an dem Russland nicht beteiligt war, noch keine Rolle spielte, wurde 1748 antizipiert, als Kaiserin Elisabeth, Tochter und Erbin Peters des Großen, androhte, eine Interventionsarmee an den Rhein zu entsenden, würde Frankreich nicht sein Heer, das unter dem Marschall von Sachsen den Österreichern und damit dem Reich eine Niederlage nach der anderen zugefügt hatte, nicht zurückziehen. Der Friede von Aachen, mit dem im selben Jahr und also unter diesem Druck Russlands der Krieg um die österreichische Erbfolge zuende ging, galt der öffentlichen Meinung in Frankreich, das alle seine Eroberungen in den österreichischen Niederlanden und am Rhein zurückgeben musste, als die größte Schmach des Landes.

Wirkte die elisabethanische Außenpolitik mehr nach Westen hin, in die europäische Halbinsel hinein, so schwenkte Elisabeths Schwiegertochter und Nachnachfolgerin Sophie Friederike von Anhalt-Zerbst wieder in die alte, angestammte geographische Richtung, die seit der Hochzeit der Anna von Byzanz mit dem Großfürsten Wladimir im zehnten Jahrhundert die russische Außenpolitik (die damals noch eine ukrainische war) bestimmte. Katharinas der Großen großes Projekt war der Orient, während die Inbesitznahme des Landes an der Weichsel, sanktioniert durch den ersten Vertrag über die polnische Teilung 1772 mit Österreich, das hier als Erzherzogtum agierte (die neuerworbenen polnischen Gebiete wurden nicht Teil des Reiches, das gleiche galt für die Gebietsgewinne Preußens), und Preußen, vorwiegend der Absicherung gegen die kommende Großmacht an der Westgrenze, Preußen nämlich, diente, das man, genauer: ihr 1762 entmachteter und ermordeter Mann Peter (III.), ja selber großgezogen hatte (1762 fand nach dem Tod der Kaiserin Elisabeth im Januar ein Seitenwechsel Russlands statt, der dem König von Preußen die Haut und sein Reich rettete und zugleich das Fundament legte, die conditio sine qua non herstellte für den Fortgang, den die europäische und im weiteren Sinne die Weltgeschichte in den kommenden Jahrhunderten nahm). Insbesondere aber diente das Vorgehen gegen en polnischen Staat, dessen König Stanislaw II. nicht über den internationalen Rückhalt verfügte wie seine beiden Wettinischen Vorgänger, der zweite und der dritte August, der Absicherung gegen die Türken, die nach der Verausgabung Russlands im Siebenjährigen Krieg Morgenluft witterten und die immer noch den südlichen Teil der Ukraine und das alte Gebiet der Krimgoten am Schwarzen Meer, ein ehemaliges byzantinisches Exarchat und griechisch besiedelt seit dem Altertum, in Besitz hatten. Die Konföderation von Bar, geschlossen 1768 von oppositionellen polnischen Aristokraten zu Stärkung der polnischen Nationalidentität, hatte eine klare proosmanische Tendenz und führte somit mittelbar nicht nur zum fünften russischen Türkenkrieg, der im selben Jahr ausbrach, sondern auch zur ersten polnischen Teilung, die 1772 vollzogen wurde.

Russland, diese Kopfgeburt der moskowitischen Großfürsten, des Hauses Romanow und dann dessen westeuropäischer Nebenlinien, sprang im achtzehnten Jahrhundert in die Bresche, die aufklaffte zwischen der alten Ostgrenze des Römischen Imperiums, die auf der Linie vom Kaspischen Meer durch den Irak und Syrien bis hinunter an den Persischen Golf verlief, und der neuen Ostgrenze des lateinischen Westeuropa, die zusammenfiel mit den östlichen Grenzen der habsburgischen Erblande und die auf einer Linie von der Slowakei bis nach Dalmatien verlief. Dabei verfehlte es freilich die eigentliche Region seiner Ausbreitung: statt im Orient vorzudringen und das pivotale Konstantinopel einzunehmen, was zwischen 1770 und 1915 fünfmal versucht wurde und fünfmal nicht gelang, ließ es sich nach dem peninsularen Europa, dem Westzipfel Eurasiens statt seinem Bauch, ablenken. Die Ablenkung begann 1772 mit der ersten polnischen Teilung, die tatsächlich die spätere polnische Westverschiebung präjudizierte, sie wurde festgeschrieben auf dem Wiener Kongress, manifestiert durch die Niederschlagung wiederholter polnischer Aufstände zwischen 1830 und 1863, kurz unterbrochen durch die Zeit zwischen den Weltkriegen 1918 bis 1939, als die Sowjetunion Marschall Pilsudski im russo-polnischen Krieg unterlag, sich aus der großen europäischen Politik heraushielt und alle ihre Kräfte auf die innere Formgebung lenkte, und dann wiederum fortgeschrieben und dabei in ungekannte Extreme getrieben durch den Vormarsch der Roten Armee bis vor Fulda 1945, die Einrichtung einer sowjetischen Besatzungszone auf dem Gebiet des alten deutschen Reiches und die Gründung des Warschauer Paktes 1955.

Russland hat diese Ablenkung seiner geopolitischen Stoßrichtung in einer für das Land typischen Mischung aus Fatalismus und Entschlossenheit in Kauf genommen, wie es die „siebzig verlorenen Jahre“ der Sowjetherrschaft im Innern in Kauf nahm, die indessen kein anderes Ziel hatten und zu keinem anderen Ergebnis führten als dazu, dass es zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt so etwas wie eine Gesellschaft im modernen europäischen Sinne auf russischem Territorium gab; aber Russland hat, auch zu Sowjetzeiten, niemals diese seine eigentliche geopolitische Stoßrichtung, die eurasische Steppe nämlich, the Eurasian Balkans, das alte Alexanderreich von Makedonien und Thrakien bis nach Usbekistan, aus dem Auge verloren, und genau dies war der Gedanke, der hinter Gorbatschows Konzept von Glasnost und Perestroika stand und den zehn Jahre nach der Deklaration der Auflösung der schwerfällig und unzeitgemäß gewordenen Sowjetunion Gorbatschows Nachnachfolger Putin pünktlich im Jahr des elften September wieder aufnahm und fortspann. –

Wir sind bei der Erörterung der Rolle Russlands als „neuer“ europäischer Ordnungsmacht abgekommen von der Beschreibung der Traditionslinien des Ordinalismus. Wir behaupten, dass der Ordinalismus in derselben freiheitlichen und antiklerikalen Vererbungslinie stehe wie der Individualismus; dass der militante Heroismus des griechisch-römischen Weltbildes und die gleichzeitige Begeisterung am Sexuellen und damit pars pro toto am grenzenlosen, ausschweifenden Vollzug der Individualität des Einzelnen zwei Seiten derselben Münze seien. Diese Behauptung unterstellt freilich zugleich, dass das zweitausendjährige Äon der Herrschaft des Christentums über Geist, Seele und Körper eine, obzwar notwendige, Brückenepoche darstellt, die das zwanzigste Jahrhundert in der ersten Welt glücklich überwunden hat. Tatsächlich besitzt das Christentum strenger Observanz in der Ersten Welt nur mehr antiquarische Geltung; geprägt sind „wir“ von keinem Katechismus, sondern von Vertreterinnen und Vertretern des heroischen, freiheitlichen und dabei nach Ordnung verlangenden und unter Anstrengungen und Opfern herstellenden Individualismus, der das historische Erbteil Eurasiens ist, von Jesus von Nazareth bis Madonna (i.e. M. Louise Veronica Ciccone), und dies waren auch, wofür sie sich allesamt den Vorwurf des Sakrilegs zuzogen, je schon die großen Gestalter der europäischen Ordnung auch in früherer Zeit. Gleich zweimal wurde der staufische Kaiser Federico Secondo di Puglia, der mit dem ayyubidischen Kalifen den Frieden von Jaffa schloss, als König in Jerusalem das Haupt unter dem Türbogen zur Grabeskapelle neigte und seine Tochter Konstanze, die den Namen ihrer sizilianischen Großmutter erbte, mit dem griechischen Kaiser Johannes von Nizäa verheiratete, vom Papst mit dem Bann belegt, und sein namens- und nummerngleicher Vetter aus dem dekadenten achtzehnten Jahrhundert, der preußische Friedrich, galt seinen Zeitgenossen nicht minder als Ketzer und Antichrist; Maria Theresia nannte ihn stets nur den „bösen Mann“, Clemens XIII. ließ dem Marschall Fürsten Daun nach dessen Sieg bei Hochkirch 1758 einen geweihten Hut und Degen überreichen, und formell anerkannte der Heilige Stuhl das Markgrafentum Brandenburg als nunmehr preußisches Königreich erst im Jahr 1788, zwei Jahre nach des Großen Königs Tod.

Die endgültige Lösung Europas von der klebrigen Masse der weltlosen und weltfeindlichen konziliaren Dogmatik, die dieses im Anfang so zerbrechliche, von wilden Völkerschaften überflutete Nord- und Westeuropa allerdings tausend Jahre lang zusammengehalten hatte, gelang freilich erst, indem das alte atlantische Projekt gelang: die Transposition Europas auf den anderen Kontinent jenseits des atlantischen Ozeans, mit der Erschaffung des nordamerikanischen Staates. Das heutige Amerika vereint Individualismus und Ordinalismus, vereint Popkultur und Heroismus, Sex und Militarismus, den Kult der Venus und den Kult des Mars in einer Weise wie sonst nur – Russland. Beiden Ländern gemein, dass sie nie durch den Katholizismus, durch „Rom“, i.e.: durch das Diktat des Glaubens und der (monotheistischen) Religion, geprägt wurden. Das Rom, worauf beide sich de facto berufen, ist in Wahrheit nicht jenes Rom mit seiner Peterskirche und seinen augusteischen Ruinen, ist überhaupt nicht eine einzelne Stadt, sondern deren zwei: hier Athen (Washington), dort Konstantinopel (St. Petersburg). Washington ist das protestantische, Sankt Petersburg das griechisch-orthodoxe Rom, „griechisch“ beide in dem Sinne, dass beide Traditionen Geschöpfe der Renaissance sind, beide aus jener geistigen translatio imperii schöpfen, die sich zwischen 1453, dem Jahr des Falls Konstantinopels, und 1789, dem Jahr des Inkrafttretens der US-amerikanischen Verfassung, vollzog.

Nordamerika und Russland sind beide unangekränkelt vom weltverleugnenden, kraftlosen und lebenshemmenden Erbe des römischen Katholizismus, beide speisen sie sich aus dem Bewusstsein einer weltgeschichtlichen Mission, die nicht gedacht werden kann ohne einen extremen Freiheits- und Entfaltungswillen, nicht gedacht werden kann ohne eine tiefe Affirmativität gegenüber dem Leben. Beider geistiges Mutterland ist der Orient, ist das alte ägyptisch-phönizisch-persische Dreieck, die alexandrinische Welt mit ihrer geistlichen Tradition von der abrahamitischen Mythe bis zur Kontemplation der Stiliten, diese Welt, die durch den hellenistischen Imperialismus ihre ganzheitliche politische und kulturelle Gestalt verliehen bekam und die ausstrahlte in die Erste Welt, die – politisch, nicht wirtschaftlich –die USA und Russland gemeinsam bilden. Beider größter Feind ist der Islam, das Produkt Arabiens, der Halbinsel, die Alexander nicht mehr erobert hat und die darum unberührt blieb vom griechischen Individualismus und vom griechischen Ordnungswillen. Beide, die USA und Russland, sind laizistische, aufgeklärte und antireligiöse Staaten; beider größter Feind aber, der seine Fühler nach ihrem gemeinsamen orientalischen Mutterland ausstreckt, ist zugleich der Inbegriff von Religiosität, ist die Offenbarung Mohammeds, ist der Islam.

Header: Die Häupter der freien (= heroisch-individualistischen) Welt zu Besuch im Herzen des alexandrinischen Orient. Stalin und Rossevelt auf der Konferenz von Teheran. November/Dezember 1943. Quelle: Wikimedia Commons.

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Islam, Politik und Gesellschaft

Europas 11. September. Der Terroranschlag von Paris und Deutschlands europäische Verantwortung

Repost anlässlich des islamistischen Terroanschlags in Paris am 13 November 2015
Ganz Europa erwartet von Deutschland ein Wort der Richtung, eine Geste der Führung in der aktuellen Krise, die sich so entwickelt, als habe Samuel Huntington (1927-2008), der Prophet des „Kampfes der Kulturen“, das Drehbuch zu ihr geschrieben. Von Paris bis Athen, von Madrid bis Warschau hoffen die Völker der Europäischen Union darauf, dass Deutschland, das sich in den vergangenen zweihundert Jahren seit dem Wiener Kongress zur Führungsmacht Europas entwickelt hat, dieser Rolle nun auch endlich gerecht werde. Denn die orientalische Krise, das lehren die letzten Wochen und Monate, tangiert Europa unmittelbar.
Um auf diesem Feld angemessen agieren, um seiner Rolle als Ordnungsmacht adäquat gerecht werden zu können, bedarf es in Deutschland freilich zuallererst einer Klärung des historischen Standortes: des eigenen und des europäischen. Die wohlfeile politisch korrekte Empörung über Rechtsruck und Rechtsregime in Polen und Ungarn, die Vorwürfe gegenüber dem Verhalten der Balkanstaaten und Österreichs ignorieren vollkommen die historische Dimension der aktuellen Vorgänge in der Levante und in Vorderasien. Natürlich ist man in Ungarn, das anders als Deutschland zudem kein reiches Land ist, über den Flüchtlingszustrom besorgt! Während des letzten halben Jahrtausends war Budapest 150 Jahre lang von den Türken besetzt, während die Heere des Sultans nur zweimal, 1529 und 1683, knapp die Einnahme Wiens und damit den Durchbruch nach Zentraleuropa verfehlten. Die Geschichte des Balkans, Griechenland inbegriffen, in den letzten tausend Jahren ist die Geschichte eines einzigen erbitterten Kampfes um die Bewahrung seiner religiösen, politischen und kulturellen Identität. Der europäischen Idee und dem europäischen Zusammenhalt ist nicht geholfen, wenn das offizielle und offiziöse Deutschland weiterhin so tut, als kenne es diese Zusammenhänge nicht. Das Gedächtnis der Nationen reicht weit, sicherlich weiter als bis 1945.
So viel zum Historischen. Wenn nun Deutschland nicht selbst in absehbarer Zeit innen- und sozialpolitisch ersticken will unter dem Ansturm der Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten, der durch die Arabellion, durch den systematischen Umsturz der autoritären, aber stabilen und stabilisierenden Regimes im Orient ausgelöst wurde: dann muss es sich trauen, in die Weltpolitik, die sich – natürlich, möchte man sagen – wieder einmal im Orient abspielt, aktiv einzugreifen. Statt den kryptoislamistischen türkischen Staatschef Erdogan zu hofieren, täte man besser daran, die Bildung säkularer, wirtschaftlich handlungsfähiger Staaten im Nahen Osten zu unterstützen und möglicherweise auch über eine Neustrukturierung des Vielvölkerstaates zwischen Dardanellen und Mesopotamien zumindest nachzudenken. Denn dass das Dogma des Demokratieexports, unter dem Bush junior und Obama ihre Feldzüge im Orient geführt haben, ein bloßer Vorwand war zur Sicherung von Ölquellen, Handelswegen und Absatzmärkten, dürfte inzwischen eine Binsenweisheit sein.
Wir Europäer, deren östlicher Flügel der Orient ja buchstäblich ist, können und dürfen uns nicht dieselbe Handlungsweise gestatten wie das insulare Amerika, das umso bedenkenloser Verwirrung in fernen Regionen stiften kann, als diese weit weg sind vom amerikanischen Mutterland. Wir Europäer sind unmittelbare Anrainer des Orients, die Türkei ragt bis aufs europäische Festland mit dem ausgehungerten Griechenland und dem strukturschwachen Bulgarien als unmittelbaren Nachbarn. Über tausenddreihundert Jahre lang, vom Beginn der arabisch-islamischen Expansion im siebten Jahrhundert nach Christus, bis zum Vertrag von Lausanne 1923, mit dem der griechisch-türkische Krieg und damit eigentlich erst der Erste Weltkrieg beendet wurde, wurde die Politik und die territoriale Gestalt Europas maßgeblich, wenn nicht sogar ausschließlich von den orientalischen Verhältnissen bestimmt. Diese Verhältnisse sind in den vergangenen Jahrzehnten nicht einfach verschwunden; höchstens wurden sie überlagert durch den Ost-West-Konflikt und kehren nun seit dessen Ende, seit den Neunzigerjahren, immer mehr ins öffentliche Bewusstsein zurück.
Bei alldem geht es nicht um Nationalismus, und auch nicht um Säbelgerassel; sondern es geht um Verantwortung. Unsere europäischen Nachbarn sehen das ganz klar; denn die fürchten sich ganz und gar nicht vor einem starken, wohl aber vor einem wankelmütigen und indolenten Deutschland. Sollte aber dieses Deutschland auf blutigen Wegen und Umwegen die wirtschaftliche und damit zugleich auch politische Hegemonialmacht Europas geworden sein, nur um damit nichts anzufangen wissen: dann wäre es lieber ein geteiltes und besetztes Land geblieben.
Die Zeit der Scheckbuchdiplomatie ist vorbei. Der Westen, jedenfalls Deutschland sollte sich gut überlegen, ob es weiterhin schwere Waffen an Länder exportiert, deren Kollaboration mit dem islamistischen Terror einwandfrei belegt oder belegbar ist. Deutschland sollte sich nicht weiter von den Ereignissen treiben lassen, sondern schnellstens einen intellektuell hochkarätigen Think Tank zusammenstellen, der eine eigene, mit historischen Kenntnissen fundierte Mindmap vorlegt zum Schicksal und zu Zukunft der Levante und des Orients. Und Deutschland sollte nicht nur hier im Lande die nötige und auch richtige humanitäre Hilfe leisten für die ankommenden Flüchtlinge; sondern es sollte und es muss in der Türkei und im Nahen Osten mit allen zu Gebote stehenden Mitteln darauf hinwirken, dass die dortigen Verhältnisse sich dahingehend ändern, dass die Menschen in diesen Ländern wieder eine Perspektive bekommen. Sonst ist nämlich nicht nur der Orient verloren – sondern auf lange Frist auch der Okzident, auch Europa. Die Geschichte spricht hierüber Bände, und die Geschichte irrt sich nicht.


Header: Französische Sicherheitkräfte patrouillieren vor der Kirche Notre-dame-de-Paris. Paris, Nacht vom 13. zum 14. November 2015. 

Notabene: Obiger Text wurde am 1. November 2015 vom Deutschlandradio Kultur zur Publikation als “politisches Feuilleton” abgelehnt. Zwölf Tage später kam es in Paris zum bisher schwersten islamistischen Terroranschlag in Europa mit bislang mindestens 140 bestätigten Todesopfern und hunderten Verletzten. (Stand: 14. November nachmittags)

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Das Wesen des Islams und der Westen, Islam

Das Wesen des Islams und der Westen. Teil 3: Individualismus und Ordinalismus als die beiden Konstanten Europas

Europa hat nach dem Fall Konstantinopels und seit dem Beginn der Seefahrt – dies nun kein bloßes Abenteuer mehr, sondern eine bittere Notwendigkeit, da dank der türkischen Expansion die Landwege nach Fernost völlig versperrt waren und man sich wohl oder übel nach einer neuen, tragfähigen Handelsroute umsehen musste –, seit dem Beginn der Seefahrt also und, damit koinzident, dem Beginn des kapitalistischen, also auf Lagerung von Waren fernab der Produktionsstätte und ihrer Bezahlung in Wechselscheinen basierenden Wirtschaftens hat Europa weiterhin einige Jahrhunderte darein investiert, für das alte Problem der Menschheit, eine Ordnung auf diesem Planeten herzustellen, eine territoriale Lösung zu finden. England war das erste Land, das hierin enttäuscht wurde und deshalb als erstes, klugerweise, Abstand nahm vom Konzept der Territorialität. Ausgerechnet im Jahr 1453, als sich das Problem der Herstellung von Ordnung und Systematik dem europäischen Norden mit Macht zu stellen begann (denn auf dem Balkan und in Vorderasien wehten ja nun die grünen Banner des türkischen Sultans, der zugleich in vierter Reihe Inhaber des mohammedanischen Kalifats war), ausgerechnet also in diesem europäischen und weltgeschichtlichen Schicksalsjahr 1453 besiegelte ein französischer Sieg bei dem obskuren Ort Castillon in Aquitanien, einer heute ebenso obskuren französischen Region, das Ende der englischen Besatzungsherrschaft auf französischem, und damit kontinentalem, Boden und damit das Ende klassischer Territorialpolitik für den Inselstaat. Die blutige Nase, die das Haus Plantagenet (selbst, was wenig verwunderlich ist, eine französische Dynastie, die aus intrinsischen Motiven, dem ödipalen Wunsch, die alte Heimat in Besitz zu nehmen, seine vorwiegend angelsächsische Bevölkerung in Sippenhaftung nahm und auf französischen Schlachtfeldern verheizte) sich in dem vorangegangenen, mehr als hundert Jahre währenden Krieg in und um Frankreich, schlussendlich holte, war der wirkmächtigste Denkzettel, den eine große Macht in der Geschichte Europas vielleicht jemals erhalten hat. England sah früher als die anderen Mächte ein, dass man besser indirekt als direkt herrscht, so wie die englische Oberschicht mit dem Königshaus an der Spitze einsah, dass man ein Land besser informell, als formell regiert (so hat Großbritannien, das Mutterland der Demokratie und damit der heute in aller Welt präponderanten Staatsform, bekanntlich bis heute keine geschriebene Verfassung, sondern kennt lediglich eine Zahl über die Jahrhunderte zusammengekommener Staatsgrundgesetze).

Die anderen Mächte brauchten fünfhundert Jahre, um diesen Erkenntnisprozess nachzuvollziehen. William Shakespeare schuf im elisabethanischen England, also hundertfünfzig Jahre nach jenen Entwicklungen von 1453 (es schloss sich der Niederlage in Frankreich ein blutiger, langwieriger Bürgerkrieg an, die Rosenkriege, in dem das Land dieses Scheitern, die Impotenz und Konzeptlosigkeit der alten Dynastie politisch verarbeitete und schließlich eine neue, eigenständige und indigene englische Dynastie auf den Schild hob), im elisabethanischen England also schuf Shakespeare ein Dramenwerk, das nichts anderes ist als die literarische Abrechnung mit dem Kindheitsalter einer Nation. Die seltsame innere Distance, aus der geschrieben alle, auch seine tragischsten Stücke wirken, der merkwürdige Mangel an Potenzial zur Rührung, die Abgeklärtheit Shakespeares, die ihn so ganz vom deutschen Shakespeare, von Schiller nämlich, unterscheidet: sie rührt daher, dass Shakespeare ganz genau wusste, dass all die Affekte und Emotionen, die er in seinem Werk darstellt, in ihrer Outspokenness und Ungefiltertheit, ihrer nackten, brutalen Wirksamkeit Teile einer für ihn und seine Landsleute vergangenen, für immer untergegangenen Welt sind. Man bedurfte ihrer nicht mehr.

Man stelle einmal die Bild- und Tonaufnahmen Chamberlains, Churchills und Georgs VI. denen Hitlers gegenüber, und man wird wissen, was ich meine. Dieser bunt und merkwürdig uniformierte, seltsam ungepflegt und stillos wirkende Mann, der wie ein schreiendes, unreifes Kind wirkt, und ihm gegenüber diese vom und durch das Leben, das „richtige“ Leben erzogenen, reifen und stabilen Männer: schnell wird klar, wer von ihnen mehr „Ahnung vom Leben“ hat und wessen Nation, nach und trotz allem mühevollen und sicherlich spannenden Hinundher, den Sieg davontragen wird. Dass Kindsköpfe wie der Mischling Wilhelm II. und das niederösterreichische Inzestkind Adolf Schicklgruber siegreich in die Weltgeschichte eingehen könnten, musste ein dumpfer Traum bleiben. Walter Rathenau erkannte dies am Beispiel des Ersteren bereits während des Ersten Weltkrieges – und bezahlte auch für diese Erkenntnis mit seinem Leben (die rechtsradikale „Organisation Consul“ ermordete den gefeierten Außenminister der Weimarer Republik im Jahr 1922 in Berlin Grunewald).

Während also England sein Kindheitsalter bereits 1453 beziehungsweise einhundert Jahre später, mit dem Regierungsantritt Elisabeths, hinter sich ließ, dauerte der Prozess der Befreiung auf dem Kontinent länger. Frankreich und Deutschland kämpften seit jenem fünfzehnten Jahrhundert einen fast fünfhundert Jahre währenden Kampf um die Vorherrschaft in Europa und damit koinzident um die Installation eines ordinalen Systems auf dem Kontinent. Diktiert wurden dieser Kampf und der Wunsch nach Ordnung stets von der Bedrohungslage, in welcher man den Kontinent seit der türkischen Phase der islamischen Expansion wähnte. Das Zeitalter des osmanischen Reiches beginnt mit dem Herrschaftsantritt seines Namensgebers im Jahr 1299. Vier Jahre zuvor endete mit dem Fall der Festung Akkon die Epoche der Kreuzzüge, in denen der Westen einen fruchtlosen Versuch unternommen hatte, sich den alten, verlorenen Osten Europas, den Orient nämlich, mit Gewalt wieder zuzueignen, ohne dabei – dies das proton pseudos der westlichen Kreuzzugsidee überhaupt – den eigentlichen Statthalter Europas im Osten, das griechische Kaiserreich, zu berücksichtigen. Seit 1299 also, seit dem Übergang vom dreizehnten zum vierzehnten Jahrhundert stellt die Möglichkeit eines muslimischen Einfalls auf zentraleuropäisches Terrain eine reale und valable Möglichkeit dar, gegen die der Kontinent sich wappnet. Es geht um die Verteidigung der Okzidentalität, der Westlichkeit, auch wenn niemand davon spricht, niemand es so nennt.

Der französische Rationalismus und die deutsche Reformation, die west- und die ostfränkische Variante der festländischen Renaissance, sind beides Reaktionsmodi auf die Gefahr, vom Islam aufgesaugt zu werden. Von den beiden Wiener Türkenbelagerungen war weiter oben bereits die Rede. Im Widerstreit zwischen Frankreich und Deutschland, einem harten, aber eben auch fruchtbaren und produktiven Widerstreit entwickelt sich, zwischen dem Beginn des ersten Krieges um Italien zwischen den Häusern Valois und Habsburg im Jahr 1494 bis zur Versöhnungsgeste Adenauers und De Gaulles in der Kathedrale zu Reims im Jahr 1963, also wiederum über fast ein halbes Jahrtausend hinweg, der moderne europäische Geist, entwickelt sich das Wesen der europäischen Politik: ein aufgeklärtes, freiheitliches, aber nach innen stabiles, nach außen wehrhaftes System der Staaten. Das Wesen dieses europäischen politischen Geistes ist Ordnung, Systematik, Kontinuität, was sowohl eine zeitliche, als auch eine räumliche Bedeutungsebene hat. Die Idee des Reiches ist diesem europäischen Geist eingeschrieben, seit es Europa, und das heißt: seit es den Kulturraum vom Orient bis zum Atlantik, gibt. Auf Sumer folgte Assur, auf Assur Persien, auf Persien Alexander und seine Diadochen, auf die Diadochen schließlich Rom. Im Kielwasser Roms schwimmt dieses europäische Staatsschiff heute noch, noch heute beruft sich die Europäische Union auf die “Römischen Verträge” als ihr Gründungsdokument, noch heute schart sich die europäische Staatengemeinschaft um das Land, das bis 1806 offiziell Römisches Reich hieß und das in einer juristisch zwar umstrittenen, auratisch aber tatsächlichen Rechtsnachfolgerschaft zu diesem Reich steht.

Diese Reichsidee ist die territorialistische, in gewisser Weise terrestrische Antwort auf den kolonialen, maritimen Weg, den das insulare England im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert ging und auf dem als englische Ausgründung die Vereinigten Staaten von Amerika entstanden. Der angloamerikanische Komplex hat den europäischen Individualismus zur Höchstform entwickelt, mit der Popkultur und der Informationstechnologie als ihrer Krönung. Das kontinentale Europa aber, in den letzten fünfhundert Jahren maßgeblich vertreten durch Frankreich und Deutschland, hat den europäischen Ordinalismus entwickelt, das Reichs-, Ordnungs- und Stabilitätsdenken, als dessen Produkt heute die Europäische Union dasteht. Geopolitik, ein Begriff aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, ist ein europäisches Phänomen, sie ist als Theorem nur denkbar in einem topographischen Kontext, der seinen Bewohnern immer wieder ihre irdische Begrenztheit und Bedingtheit vor Augen führt. Europa ist dieser geopolitische Kontext kat’exochen, dieses Europa, das stets in einem westöstlichen, atlantisch-orientalischen Spannungsfeld stand und stets bedroht war oder sich bedroht fühlte durch Landnahme aus dem Osten. Der angespannte, heroische kontinentale Ordinalismus Alt-Europas und der smarte, entspannte Individualismus Amerikas, Neu-Europas: das sind die beiden geistigen Prämissen, die das Wesen der Ersten Welt konstituieren. Davon, ob und wie es Europa, und zwar unabhängig von den USA, gelingt, diese beiden Prämissen, den atlantischen Liberalismus und den kontinentalen Konservatismus, das popkulturelle und das geopolitische Moment miteinander in Einklang zu bringen, wird der Ausgang des geopolitischen Konflikts auf eurasischem Boden abhängen, der sich seit dem Ende des Kalten Krieges anbahnt und der mit den europäischen und orientalischen Entwicklungen seit dem Jahr 2014 in eine neue Phase getreten ist.

Header: Popkultur und Geopolitik, Individualismus und Ordinalismus in einem Bild vereint – allerdings unter amerikanischen Vorzeichen. Mariah Carey besucht US-amerikanische Truppen. Quelle: The Guardian (2008).

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Islam, Politik und Gesellschaft

Fragment zum europäisch-islamischen Gegensatz

Drei große Kräfte bestimmen das gegenwärtige Welttheater: der westliche Kapitalismus, der islamische Fundamentalismus und der chinesische Komplex. China hat sich, wie zuvor Russland, den Kommunismus als Hebel zu Eigen gemacht, mit welchem sein gesellschaftliches System auf industrielle Produktivität und geistigen Zusammenhalt eingeschworen wurde. Das heutige chinesische System ist deshalb so stabil, weil jeder Chinese und jede Chinesin sich sagen kann, dass mit dem System auch er und sie selbst profitieren. Und es ist sicher auch deshalb so stabil, weil China schon als geographisches Objekt von solch schierer Größe und Kohärenz ist, dass es einen eigenen politischen Großraum, gleichsam einen Subkontinent innerhalb des Festlandes darstellt, der es sich qua dessen, wie sonst nur die USA (Russland versucht seit der späten Zarenzeit mit aller Kraft, sich ähnlich einzurichten), leisten kann, seine eigenen territorialen Grenzen auch als eigenen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Horizont zu begreifen.

Das ist der zentrale Unterschied zu Europa. Europa ist ein Amalgam von im internationalen Vergleich kleinen und kleinsten Staaten. Deutschland als altes und neues Zentrum Europas hat diesen europäischen Partikularismus gleichsam im Vergrößerungsglas noch einmal durchexerziert, als es vom Allgemeinen Landfrieden bis zur Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 und dann des Kaiserreiches 1871 in zeitweise über dreihundert souveräne Territorien und noch einmal fast eintausendfünfhundert reichsunmittelbare Ritterschaften eingeteilt war. Die deutsche Föderalverfassung ist ein Nachklang dessen, genauso wie der Partikularismus in Großbritannien, in Spanien oder in Italien. Was Deutschland in Europas Neuzeit, das war Griechenland im Altertum: niemals ein geeinter Staat (wenn auch zuletzt unter der Oberhoheit der makedonischen Dynastie, die sich freilich nur mit Einschränkungen als Zentralmacht durchsetzen konnte und alsbald durch Rom als Besatzungsmacht abgelöst wurde), sondern zusammengewürfelt aus zahllosen, für sich jeweils sehr potenten und prosperierenden, aber durch ihre Partikularität eben auch verwundbaren und international instabilen Poleis. Auch Griechenland ist bis heute ein partikularistischer Staat, wenn auch mit einer gemeinsamen nationalen Ideologie, die sich aus dem kollektiven Bewusstsein seiner Vergangenheit ergibt, und so wie Deutschland von seinem Partikularismus in den vergangenen siebzig Jahren stets profitiert hat, so leidet Griechenland heute darunter, dass jede Peripherie und jede Gemeinde vor sich selbst hinwirtschaftet.

Das ist Europa, das darin das Gegenteil der USA ist, eines zwar ebenfalls föderal organisierten Bundesstaates, der freilich nach außen geschlossen auftritt, militärisch, wirtschaftlich und diplomatisch. Beide, old Europe und die USA, ergeben zusammen die westlich-petrinische Hemisphäre, die auf das Vermächtnis des Evangeliums zurückgeht: einen individualistischen Expansionismus, eine koloniale Attitüde, die die Unterworfenen freilich nicht zur Knechtschaft zwingen, sondern sie zur Freiheit anstiften will. Die kapitalistisch-individualistische Mission ist im Grunde der Passion Jesu nachgebildet, in der ein heroischer Einzelkämpfer, statt sich buddhistisch-weltentsagend zurückzuziehen, oder aber alexandrinisch-mohammedanisch triumphierend ein weltliches Reich zu errichten, im Wege seiner Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zwar „scheitert“, aber in diesem Scheitern am Ende noch Sieger bleibt.

Das ist der Westen, dem man deshalb stets unlautere Motive unterstellte, weil sein expliziter Individualismus mit seinem impliziten Herrschaftsanspruch nicht recht zusammenpassen will. – In direkter Nachbarschaft zu ihm und territorial-geographisch zwischengelagert zwischen ihm und dem Fernen Osten, also China, liegt jener Länderschlauch, der in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends nach Christus in rasend schnellem Tempo den Glauben Mohammeds annahm und islamisch wurde. Von der levantinischen Küste bis nach Pakistan und Indien hinein verehrt man den Koran und die Offenbarung Mohammeds. Ausgegangen ist der Islam von der arabischen Halbinsel, jenem vergessenen Anhängsel der alten Welt, das Alexander nicht mehr erobern konnte (der Plan hierzu war schon gemacht), weil ihn vorher die Malaria in Babylon dahinraffte. Ausgerechnet von dieser peninsularen Wüste aus griff der Glaube, der weniger Religion, als ein politisch-ästhetisches Konstrukt ist, mit unstillbarer Gewalt nach West und Ost aus, drang hier bis nach Samarkand, einst dem östlichsten Vorposten des Alexanderreiches im heutigen Usbekistan, und dort bis nach Spanien, ja nach Südfrankreich. Als die Spanier die Moslems 1492, im selben Jahr, in dem Kolumbus in Amerika landete, nach sieben langen Jahrhunderten endlich vertrieben hatte, hatten sich die Truppen des türkischen Sultans, dessen Vorfahren einst aus der Peripherie Chinas nach Westen aufgebrochen und dabei muslimisch geworden waren, bereits auf der anderen Seite des Mittelmeerbeckens festgesetzt, hatten das über Jahrtausende griechische Kleinasien und zuletzt auch das griechische Mutterland selbst besetzt.

Die Installation eines muslimischen Weltreiches – als solches führt es etwa Jacob Burckhardt in seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen – schuf für etwa sechshundert Jahre einen Zwischenraum zwischen dem Westen, der nun, nach dem Verlust von Byzanz, auch geographisch endgültig zum „Westen“ wurde, und China, das sich nach wiederholter Blüte nun immer mehr zurückzog und mit dem Abschluss des Großen Mauer Mitte des siebzehnten Jahrhunderts endgültig die Fenster zu Welt schloss. Um 570, kurz nach dem Tode Justinians, des letzten Kaisers von Gesamtrom, brach die nach ihm benannte Pest aus, durchwütete das ganze Mittelmeerbecken und schuf das infrastrukturelle chaos, das Voraussetzung war für die islamische Expansion aus der arabischen Wüste hinaus nach Ägypten, Syrien, Palästina, Mesopotamien und Unteritalien.

711 besiegten die Sarazenen – die Türken traten erst im elften Jahrhundert auf den Plan – die Westgoten am Guadalete und errichteten anstelle des alten Reiches von Toledo das Kalifat von Cordoba. Sieben Jahrhunderte später, im Jahr 1354, wütete abermals der Schwarze Tod in Europa, und während in Konstantinopel wie überall in Europa die Pestkranken auf der Straße lagen, gingen die nunmehr türkischen Muslime vor Ostthrakien, bei dem schicksalhaften Ort Gallipoli (wörtlich: kallé pólis = die schöne Stadt) vor Anker, setzten erstmals den Fuß auf im engeren Sinne osteuropäisches Territorium und eroberten die alte Kaiserstadt Adrianopel, die seither Edirne heißt. Neunundneunzig Jahre später stürmten sie von hier aus und von der See in einer Zangenbewegung dann die kaiserliche Residenzstadt Konstantinopel und machten daraus Istanbul (offiziell heißt die Stadt allerdings erst seit der Gründung der modernen Türkei in den 1920er Jahren so). Zwei große Epidemien, die das kulturelle Gedächtnis des alten Europa in christlicher Zeit wahrscheinlich mehr geprägt haben als uns Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts zwei Weltkriege und mehrere Völkermorde, waren im Abstand von siebenhundert Jahren die Geburtsstunden der islamischen Expansion nach Europa hinein. Interessanterweise waren es die Mongolen, war es Dschingis Khan, dessen Reiterhorden nicht nur beim Schlesischen Liegnitz, dem heutigen Legnice in Polen, 1241 ein christliches Ritterheer vernichteten und damit ganz Europa in Angst und schrecken versetzten; sie waren es auch, die dem türkischen Kalifat in den Rücken fielen und es so auf seinem Vormarsch auf Konstantinopel, Griechenland und den Balkan beinahe noch gestoppt hätten. Der mongolische Sieg bei Ankara im Jahr 1402 hätte um ein Haar das Rad der Geschichte zurückgedreht.

Doch wie die Hunnen eintausend Jahre zuvor (die nicht nur die Kaiserstadt Konstantinopel mit einer saftigen Kontribution belegten, sondern dem Kaiser zugleich wertvolle Hilfstruppen im Kampf gegen seine, damals noch nicht muslimischen, Gegner an der Ostgrenze stellten), so zogen sich auch die Mongolen, überfordert mit dem gigantischen imperial overstretch, den diese flächenmäßig größte Expansion eines Volkes in der Menschheitsgeschichte bedeutete, wenig später in ihre Heimat zurück und überließen Europa seinem Schicksal. – Erschüttert durch den türkischen Vorstoß auf den Balkan, das eigentliche, aber immer vernachlässigte europäische Herzland, und nunmehr endgültig abgeschnitten von den traditionellen Handelsrouten nach Fernost, sah das immer noch unzivilisierte, in der alten germanischen Trägheit verharrende und eine sehr jenseitige, melancholisch-schwermütige Christlichkeit pflegende Westeuropa sich nun ultimativ gezwungen, nach neuen Handelsrouten Ausschau zu halten. Die moderne Seefahrt wurde geboren, und mit ihr der Kapitalismus. (Am Rande sei erwähnt: Der sagenhafte Reichtum Konstantinopels, vor dem noch im Hochmittelalter London, Paris und Rom wie bessere Dörfer aussahen, rührte natürlich aus seiner geographischen Position als Schnittstelle des Welthandels zwischen Europa und China beziehungsweise dem asiatischen Osten insgesamt, der damals in Europa kollektiv als „Indien“ bezeichnet wurde. Russland versuchte im 19. Jahrhundert militärisch und versucht nun, im 21. Jahrhundert, wirtschaftlich und diplomatisch, genau die Position, die Byzanz vor tausend Jahren innehatte, nun wieder neu aufzubauen.)

Das Wesen des Kapitalismus ist antiterritorial. Die Engländer, die als Inselvolk nie besonders in territorialen Kategorien dachten (denn ein entferntes Festland lässt sich von einer Insel eben nie dauerhaft sicher beherrschen, weshalb England ja auch trotz äußerster Anstrengungen den Hundertjährigen Krieg um Frankreich verlor), erkannten dies als erste und bauten bereits im fünfzehnten Jahrhundert ein effizientes kapitalistisches System auf, das sie in den beiden folgenden Jahrhunderten soweit verbesserten, dass sie um die Wende vom 17. Zum 18. Jahrhundert, als um die spanische Thronfolge ein europäischer Weltkrieg ausbrach, bereits als Schiedsrichter und Zünglein an der Waage auftreten konnten. Die Bank of England, damals keine zehn Jahre alt, gab das Geld an die Verbündeten, und ein britischer Aristokrat, der Herzog von Marlborough, kommandierte alliierte Armeen, die im Allgäu und in den Niederlanden große, blutige Schlachten schlugen. Der pompöse Landsitz der Marlborough, unter deren Nachfahren auch der künftige König von England ist, Blenheim Palace, heist nach dem Städtchen Blindheim im bayrischen Schwaben. –

Der Kapitalismus ist, das erkannte Max Weber zu Recht, in seinem Wesen melancholisch, daher die These von der innerweltlichen Askese. Er ist melancholisch wie ein Don Juan, der es aufgegeben hat, eine Frau zu finden, die er heiraten kann, weil er selbst ein ewiger Wanderer, ein Wurzelloser ist, eben in diesem Sinne antiterritorial. Stattdessen zieht er wie der fliegende Holländer – Holland ist in der Frühen Neuzeit die kontinentaleuropäische Version Englands, New York hieß bekanntlich zuerst Neu Amsterdam, die Ostküsten-Oberschicht setzte sich ursprünglich fast überwiegend aus niederländischen Kaufmannsfamilien wie den Roosevelts zusammen) –, wie der Fliegende Holländer also zieht der Kapitalismus als politisch-wirtschaftlicher Donjuanismus über die Weltmeere und verführt überall, wo er vor Anker geht, eine andere fremde Schönheit und macht sie, nach Möglichkeit, von sich abhängig. Machte er sie nicht abhängig, müsste er irgendwann betrübt und schlagartig im Bewusstsein der eigenen Weltlosigkeit, des eigenen Alleinseins zurückkehren auf seine einsame, langweilige und weltabgeschiedene Insel und dort an gebrochenem Herzen einen langsamen, traurigen Tod sterben.

Der Verlauf der europäischen und der Weltgeschichte seit der Frühen Neuzeit hat dieses Modell zum tragenden Modell der internationalen Politik erhoben. Eine Konsequenz dessen ist die völlige Ausstreichung des Prinzips der Territorialität und damit der Nationalität aus der europäischen Politik. Die Errichtung des alliierten Besatzungsstatuts über Deutschland 1945, die Grundlegung der Europäischen Gemeinschaft ein Jahrzehnt darauf in den Römischen Verträgen, schließlich die westöstliche Annäherung, die deutsche Wiedervereinigung, der Zusammenbruch der kommunistischen Satellitensysteme im slawischen Osteuropa, der Zwei-plus-Vier-Vertrag und, zuletzt,, die formelle Ausrufung der Europäischen Union mitsamt dem Abkommen von Schengen in den Neunzigerjahren sind die krönenden Höhe- und Endpunkte in dieser Entwicklung. – Es ist im September 2015 durch eine interessante Fügung der politischen Geschehnisse für jedermann ersichtlich, dass die Entwicklungen der vergangenen vierzehn Jahre, also seit den Ereignissen des elften September 2001, und, in ihrem Verfolg, die Aufwühlung des Nahen und Mittleren Ostens, also des orientalischen Länderschlauchs von Syrien am Mittelmeer bis nach Afghanistan und Pakistan am indischen Ozean, dazu geführt haben, dass dieses Prinzip der Antiterritorialität nunmehr grundlegend infrage gestellt wird, und zwar aus zwei Gründen:

  1. der internationalen Finanzkrise, die in Südeuropa, beginnend bei Griechenland, zu einem sich stetig ausweitenden wirtschaftlichen Chaos geführt hat und weiterhin führt;
  2. der Flüchtlingsbewegung aus dem Nahen und Mittleren Osten in Richtung Zentral-, West- und Nordeuropa, die eine direkte Konsequenz der Bürgerkriege und Kriege ist, die seit 2001 – wenn wir Palästina und die Zweite Intifada nehmen, dann ist das Stichjahr glatt 2000 – von der Levante bis an die indische Grenze toben und die, das sei der Gerechtigkeit halber nicht unerwähnt, durch die russische Regierung unter dem seither amtierenden Wladimir Putin mit Müh und Not daran gehindert werden, nach Norden, ins Herzland des „Eurasischen Balkans“ überzugreifen, also sich vom südlichen Orient nach dem nördlichen auszudehnen, der sich vom Kaukasus über das alte Hyrkanien östlich des Kaspischen Meeres über Kasachstan, Tadschikistan und wie die Staaten alle heißen bis ins bereits erwähnte Samarkand, das alte alexandrinische Marakanda, direkt an der chinesischen Grenze erstreckt.

Das ist der gegenwärtige politisch-geographische beziehungsweise geopolitische Plan, in dem sich die Welt, Afrika und Südamerika ebenso wie die staatliche Dimension der Raumfahrt einmal beiseite gelassen, zur Zeit bewegt.

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Wenn wir unserer Bertachtung die Feststellung zugrunde legen, dass das europäische System, in dem wir leben und um das es uns also naturaliter vorrangig geht, gehen muss, dass dieses System also in seinen gewachsenen und überlieferten Grundfesten erschüttert wird und weiterhin und mit fortschreitender Intensität erschüttert werden wird: so gilt es zuvörderst zu klären, was die Ursachen dieser Erschütterung sind. Wenig überraschend, sind die Ursachen der Erschütterung, wie eigentlich immer im Leben und also auch immer in de Geschichte, dieselben Ursachen, die einmal zur Stabilität des Systems und damit zum System als System überhaupt geführt haben. Es sind, wie schon gesagt, zwei Ursachen: einmal der Kapitalismus, zum anderen der Islam beziehungsweise die Ausschließung des Islam vom westlichen politischen und also vom weltpolitischen Geschehen, die im Ganzen sechshundert Jahre lang Bestand hatte und die Europa, das sich in dieser Zeit als vom Islam berannte und sich immer wieder erfolgreich dagegen verteidigende Festung verstand, überhaupt erst die Chance gab, sich politisch, aufsteigend vom frühen Absolutismus über den revolutionären Konstitutionalismus bis hin zum System der demokratischen Multilateralität der EU, so sehr zu konsolidieren und dabei wirtschaftlich eine schier uneinnehmbare Spitzenposition aufzubauen. Der Zeitstrang dieser sechshundert Jahre beginnt also bei der türkischen Eroberung Gallipolis im Jahr 1354, und er endet genau 598 Jahre später, mit der Aufnahme der Türkei, diesmal ein formal laizistischer Staat, ohne Sultanat, ohne Kalifat und ohne orientalische Provinzen, im Jahr 1952.

In diesen sechshundert Jahren gehen Vasco Da Gama, Magellan und Kolumbus auf Entdeckungsfahrt, wird Amerika entdeckt und sein nördlicher Teil vom westeuropäischen Bürgertum kolonisiert und dabei ganz aufs Wirtschaftliche hin ausgerichtet, werden Recht und Administration der europäischen Länder modernisiert und rationalisiert und wird schließlich der uralte Traum von einem konsistenten europäischen Reich unter demokratisch-republikanischen Vorzeichen verwirklicht. Mit der Einführung des Euro im Jahr 2002, allerdings drei Monate bereits nach der neuen Zäsur, Nine Eleven, wird diesem Prozess der europäischen Einigung die Krone aufgesetzt: eine einzige Währung für inzwischen neunzehn europäische Staaten, deren meiste zuvor oftmals und jahrhundertelang in erbittertem Streit miteinander lagen: so etwas hat es in unserer Geschichte noch nie gegeben.

Diese gewaltige, eigentlich unvorstellbare Konsolidierung verdankte sich der Abspaltung des alten europäischen Ostens, den wir gemeinhin Orient nennen, ohne freilich genau zu wissen, was Orient bedeutet, aus der Abspaltung des Orients, unseres europäischen Ostens also vom Rest Europas. Sie vollzog sich mittels der Aufsaugung des griechischen Kaiserreiches, das ja Kaiser- beziehungsweise Königreich der Romäer ließ, durch das türkisch-islamische Sultanat, und sie führte überhaupt erst dazu, dass „Europa“ und „Westen“ auf einmal Synonyme wurden und es bis heute blieben. Wer heute „Europa“ sagt, meint etwas Westliches, den Westen eben, und kann sich damit auf Los Angeles ebenso beziehen wie auf Warschau, auf die Hudson Bay genauso wie auf die adriatische Küste vor Dubrovnik oder die griechischen Dodekanes vor der westtürkischen Küste.

Durch den Zusammenbruch des Islams als staatliches System, als welches das Osmanische Reich sich verstand, im Ersten Weltkrieg – es war übrigens, weil dies in der offiziellen Geschichtsschreibung in der Regel unerwähnt bleibt, der Zusammenbruch der Salonikifront auf dem Südbalkan, der General Ludendorff am 30. September 1918 davon überzeugte, dass der Krieg für die Mittelmächte nun definitiv verloren sei und Frieden geschlossen werden müsse –, durch den Zusammenbruch des Osmanischen Systems also geriet das europäisch-westliche System selbst sofort und unmittelbar ins Wanken. Europa, also der Westen war am Ausgang des Ersten Weltkrieges zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um eine tragfähige Lösung für die Erbschaft der orientalischen Provinzen des Sultans zu finden, die erst unter ein französisch-englisches koloniales Mandat kamen und dann, in eine prekäre Unabhängigkeit entlassen, unter das informelle Mandat der westlichen Industrie gerieten, die in den rohstoffreichen Landmassen zwischen der levantinischen Küste und den opiumreichen Hochebenen Afghanistans ein ideales Feld der Exploitation und der Versorgung der westlichen Wirtschaft und der westlichen Staaten mit Überschüssen erkannten. Es sprang also nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall des Osmanischen Reiches, der um die Mitte der Zwanzigerjahre abgeschlossen war, nicht etwa der Westen als Staat, als staatliches Gebilde, als Reich oder was auch immer in die Bresche, die der Fall des Sultanats gerissen hatte; sondern es sprang der Kapitalismus, ein im Westen gewachsenes und erprobtes Wirtschaftskonzept in diese Bresche. Es ist einleuchtend, dass ein Wirtschaftskonzept allein die Lücke nicht schließen konnte, die der plötzliche Schwund von Staatlichkeit in das Leben so vieler Völker im Orient riss.

Es gab zu der Zeit, da sich diese Dinge abspielten, also vor neunzig bis hundert Jahren, einen Versuch, nicht die Wirtschaft, sondern tatsächlich eine staatliche Ordnung mit der Aufgabe zu betrauen, im Orient die Ordnung wiederherzustellen. Zu den Siegermächten des Ersten Weltkrieges gehörte auch das kleine Griechenland. Griechenland, das jüngste, schwächste und am wenigsten angesehene Glied im System der europäischen Staaten, die überwiegend noch Monarchien waren, war erst im Juni 1917, zwei Monate nach den Vereinigten Staaten, in den Krieg gegen Deutschland und seine Verbündeten eingetreten – nachdem unter bürgerkriegsähnlichen Zuständen der regierende König Konstantin, dessen Schwager der Deutsche Kaiser Wilhelm II. war, zur Abdankung und ins Exil gezwungen worden war. Schon eineinhalb Jahre zuvor hatte die griechische Regierung unter Evangelos Venizelos und gegen den Widerstand des deutschfreundlichen Königs der französisch-britischen Expeditionsarmee, die bei dem Versuch, Konstantinopel einzunehmen, eben bei jenem schicksalsschweren Ort Galliopoli eine furchtbare Niederlage erlitten hatte, Asyl geboten und dem französischen General Maurice Sarrail erlaubt, bei Saloniki im griechischen Makedonien eine neue Frontlinie aufzubauen. Nun, nach dem griechischen Kriegseintritt und nach der türkisch-bulgarischen Kapitulation im Herbst 1918, sah der griechische Nationalismus, dessen Gallionsfigur und Spiritus rector eben Venizelos war, seine Chance gekommen und betrieb die Annexion der Westtürkei, in der einige Millionen Griechen unter türkischer Herrschaft lebten, an das griechische Königreich. Die großen drei westlichen Alliierten am Verhandlungstisch in Sèvres bei Paris waren mit diesem Plan vorerst auch einverstanden – doch als ihnen die griechische Armee in Kleinasien, die schließlich nur noch einhundert Kilometer vor Ankara und damit tief in Anatolien stand, zu erfolgreich wurde, entzogen sie dem kleinen Staat ihre Unterstützung. So wurde aus der kleinasiatischen Expedition die kleinasiatische Katastrophe. Im Jahr 1922 trat die griechische Armee einen schmachvollen Rückzug an, Atatürk, Präsident der jungen türkischen Republik, triumphierte und konnte die Grenzziehung des neuen Staates, zu dem mit Gallipoli und Ostthrazien auch kontinentaleuropäische Gebiete gehörten, im Vertrag von Lausanne international durchsetzen. Die ehemaligen orientalischen Provinzen der Türkei freilich blieben sich selbst überlassen, und Atatürk wusste nur zu gut, weshalb er ihnen keine Träne nachweinte. Die kleinasiatische Katastrophe aber und der sich ihr anschließende Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, die erste Massenmigration in Europa im 20. Jahrhundert, wurden zum tiefsten und stärksten Trauma der griechischen Volksseele, das das politische und ebenso das wirtschaftliche Schicksal des Landes bis heute bestimmt.

So hatte sich der Westen des orientalischen Problems auf schlanke Weise entledigt, indem es den Griechen verbot, den europäischen Orient wieder in Europa einzugliedern, den Orient dafür aber zu dem Schicksal verurteilte, Spielball zwischen zwei nichtstaatlichen, apolitischen und antiterritorialen Interessen zu sein: hier dem kapitalistischen, also wirtschaftlichen Interesse westlicher Unternehmen; dort dem dogmatischen, religiös-ideologischen Interesse des Islams, der nach wie vor von der arabischen Halbinsel aus „regiert“ wird unter einem absolutistisch-fundamentalistischen Königreich, das dort über Hunderte von Jahren ein geschichtliches Schattendasein führte, bis es die Entscheidungen von Sèvres und Lausanne aus der Versenkung holten.

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Das Wort System kommt aus dem Griechischen. Ihm zugrunde liegt das Verb synistamai, das übersetzt „zusammenstehen“ bedeutet. Ein System ist also ein Gebilde, dessen Teile beziehungsweise Glieder sich nebeneinander stellen und an ihrem jeweiligen Platz verharren, um so dem Ganzen, das sie bilden, nach außen eine klar umrissene und identifizierbare Gestalt zu geben. Das westlich-europäische System, das wir meinen, wenn wir vom Westen sprechen, gilt in der offiziellen politischen Sprache geradewegs als das Musterbeispiel dafür, wie ein System in diesem Wortsinne zustande kommt: Mehrere, ursprünglich freie und gleichberechtigte Glieder schließen sich zusammen, stehen zusammen und bilden so ein Ganzes, das seine Solidität und Stabilität dem Beharrungsvermögen und dem Beharrungswillen jedes einzelnen seiner Teile schuldet.

Die Unterscheidung zwischen Wille und Vermögen ist eine moralische. Sie gehört in den Bereich der Ethik, der Psychologie, sicher des Rechts und insbesondere des Strafrechts. In der politischen Welt dagegen sind Wille und Vermögen koinzident. Es geschieht nichts, was nicht den Umständen ebenso sehr geschuldet wäre wie dem Willen oder Nichtwillen des oder der Agierenden. Gerade am Beispiel Griechenlands und seines mutigen, aber am Ende hilflosen Eingreifens in die Weltgeschichte vor neunzig Jahren sehen wir dies, und wir sehen es aktuell wieder an der wirtschaftlichen Krise des Landes, von der jeder weiß, dass sie nicht einfach mit der Einführung eines effizienten Besteuerungssystems und auch nicht mit noch mehr Ausgabenkürzungen wird behoben werden können. Das Land ist schlicht von der Hauptquelle einer jeden kapitalistischen Betätigung abgeschnitten: dem Vorhandensein eines ausreichend großen industriellen Produktionsstocks, dessen Güter auf dem Markt nachgefragt werden. England verdankte seine wirtschaftliche Vormachtstellung, die fast vierhundert Jahre lang anhielt, nicht seinem Bankensystem, sondern den ungeheuren Mengen an verarbeitetem Material, die es, ob im Mutterland oder in den Kolonien hergestellt, in alle Welt exportierte. Dasselbe gilt für die USA, die zuerst im Zweiten Weltkrieg und dann während des Marshallplans nicht nur erhebliche Summen Bargeldes, sondern noch größere Volumina an Produktions- und Industriegütern, an Kleidung, Lebensmitteln und Werkzeug in die von ihnen unterstützten Länder exportierte.

Wenn ein System darin besteht, dass seine Teile alle an einem bestimmten Ort und in einem bestimmten, klar definierten Verhältnis zueinander stehen, so gilt das, wie für die Familie und jede weitere menschliche Gemeinschaft im engeren, so im weiteren Sinne für Staaten und Staatengemeinschaften. Seit dem Ende des Zweiten, in gewisser Weise schon seit dem des ersten Weltkrieges denken wir die internationalen Beziehungen in der Kategorie von Systemen. Das unterscheidet die Politik des späten 20. Jahrhunderts fundamental von der des 19. sowie aller vorhergehenden Jahrhunderte. Der Zeit der großen Reiche, in denen ein machtvolles, dominantes Zentrum über eine mehr oder weniger weit sich erstreckende territoriale und ethnische Peripherie gebot und dieser Peripherie, oftmals gegen ihren Willen, die politische Ordnung diktierte, schloss sich mit Beginn der karolingischen Epoche in Europa die Periode der Nationalstaaten an, deren jeder seine eigenen Interessen im Auge hatte und imperiale Politik nur, oder doch vorrangig, zur Absicherung eben dieser Interessen betrieb. So versuchte etwa England, das nach dem Aussterben des normannischen Herrscherhauses im Mannesstamm von einer französischen Dynastie regiert wurde, in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends wiederholt Frankreich zu erobern, scheiterte aber daran ,dass es über den expansiven Impuls hinaus kein tragfähiges und attraktives Konzept für eine solche Fremdherrschaft anzubieten hatte. Die Tendenz zur Nationalisierung und Partikularisierung im Anschluss an die römische beziehungsweise oströmische imperiale Periode ging so weit, dass das Zentrum Europas, nämlich Deutschland, seine Zersplitterung in mehr oder weniger autonome Teilstaaten erst relativ spät überwand – zwischen 1867 und 1934, also in einer Zeit, in der die Nationalstaatenbildung in Westeuropa bereits weitgehend abgeschlossen war. Jedenfalls aber sitzt einem beliebten Schulirrtum auf, wer den Beginn der Nationalstaatenbildung erst mit Beginn der Renaissance oder gar erst um die Zeit der Französischen Revolution herum verortet. Tatsächlich beginnt die große Welle der Nationalisierung und Partikularisierung am Übergang vom Altertum zum Mittelalter, genauer: zur Zeit der fränkischen Expansion, zur Zeit Karls des Großen.

Im Jahr 2015 blicken wir auf diese Epoche mit der Auf- beziehungsweise Abgeklärtheit einer Generation zurück, die von ihrer unmittelbaren Aszendenz das Andenken an zwei angeblich im Zeichen des Nationalitätenprinzips geführte Weltkriege geerbt hat und durch die Kultur, Bildung und Erziehung gegenüber nationalistischen Bestrebungen immunisiert worden ist. Wir sind mit der Gründung des Völkerbundes während der Pariser Vorortkonferenzen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, endgültig mit der Promulgation der Atlantikcharta durch die damals putativen Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und schließlich die Gründung der Vereinten Nationen im Schicksalsjahr 1945 ins Zeitalter der multilateralen Staatenblöcke eingetreten. Der Kalte Krieg zeichnete sich wesentlich dadurch aus, dass in ihm nicht mehr separate Staaten, sondern zwei solcher Staatenblöcke, wenn auch jeweils unter der Dominanz eines politisch, wirtschaftlich und auch demographisch übermächtigen Einzelstaates, einander gegenüberstanden. Den Einschnitt, welchen historisch das ende des Kalten Krieges 1990/91 bedeutet, ermisst man am besten, indem man sich vor Augen führt, dass damit das etablierte System der Blöcke zerbrach und an ihre Stelle wiederum die Nationalstaaten, unter ihnen eine Reihe neuer oder wieder gegründeter beziehungsweise in die Unabhängigkeit entlassener Länder, traten.

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Header: Kronprinz Giorgos (= König Georg II.) von Griechenland betritt das von griechischen Truppen eroberte Smyrna (heute Izmir). Mai 1919, Quelle: Wikimedia Commons.

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