Zur Freiheit gehört auch Dienen

Warum die Wiedereinführung eines Pflichtdienstes eine gute Idee ist

 

Ja, ich habe „gedient“. Und ja, ich habe es gerne getan (und nicht, was ein Leichtes gewesen wäre, meine Sehschwäche vorgeschützt oder einen eloquenten Verweigerungsantrag geschrieben, wozu ich zweifelsohne prädestiniert gewesen wäre). Diese Zeit – obwohl es nur neun Monate waren und diese ganz gewiss nicht nur eitel Sonnenschein – hat meine Biographie entscheidend geprägt, so wie die von Millionen Männern, ob sie nun als Soldaten an der Waffe oder als Rettungssanitäter oder beim Technischen Hilfswerk ihre Dienstpflicht erfüllt haben.

 

Eine allgemeine Dienstpflicht erdet. Nein, ich möchte nicht der Spaßgesellschaft den Stecker ziehen. Aber ein Jahr Dienst in Uniform oder uniformer Arbeitskleidung könne, so finde ich, wirklich nicht schaden in einer Zeit, in der schon im Kindergarten ein Pferdchen auf der linken Brustseite anzeigen soll (und das soll es ja), welchen Wert ein Mensch angeblich hat und welchen nicht. Denn entgegen einem Grundversprechen des Liberalismus, der Gleichheit aller Menschen, leben wir auch im Westen mittlerweile in extrem disktinktionsintensiven Gesellschaften. Dass aber eine Klassengesellschaft, wie sie in dem Film „Eiskalte Engel“  von 1999 vorexerziert wird, langfristig Gift für den Zusammenhalt und die Menschlichkeit in einem Gemeinwesen ist, sollte eigentlich jedermann einleuchten.

Allgemeine Dienstpflicht verhindert eine Klassengesellschaft

Eine allgemeine Dienstpflicht mildert die Distinktion. Längst wird zum Beispiel an Universitäten messerscharf unterschieden, ob jemand auf einem Auslandsjahr war oder nicht. Die fiktive „Lisa“ aus der Studentenapp „Jodel“, die den Satz „kannst Du bitte das Licht aus-“ mit „-tralien, da war ich nach dem Abi!“ beendet, ist hier sprichwörtlich. Verpflichtender Wehr- oder Zivildienst, vor dem Ghettokids und Zehlendorfer Gymnasiasten gleich sind, kann hier Abhilfe schaffen.

 

Dazu kommt das – ich weiß, dieses Wort ist im Deutschen vergiftet – Gemeinschaftserlebnis. Ich habe beim „Bund“ im Biwak nach stundenlangem Marsch in glühender Hitze mit Leuten aus derselben Flasche getrunken und die sprichwörtliche „letzte Ration“ (natürlich war es nicht wirklich die letzte) geteilt, die ich im normalen Leben wahrscheinlich nie getroffen hätte. Und das ist gut so. Noch heute erleichtert mir, studiertem Philosophen und Historiker, der Austausch über die Militärzeit, mit Leuten in der Kneipe ins Gespräch zu kommen, mit denen ich sonst eigentlich „nichts zu tun“ habe. In einer Zeit, in der Arroganz und Hochnäsigkeit bei Jungs und Mädchen als Tugenden gelten, die man nicht schnell genug einüben kann, und in der die soziale Segregation von Stadtvierteln mit bedenklichem Tempo voranschreitet, kann ein bisschen Demut sicher guttun.

Ehemalige Gediente wissen oft besser mit Autorität umzugehen

Auch das Verhältnis zu Autorität und die Handhabung eigener Autorität später im Berufsleben werden durch die Diensterfahrung positiv beeinflusst. Den meisten Ärger im Berufsleben hatte ich interessanterweise mit Vorgesetzten, die nicht gedient hatten. Sie vergriffen sich gern mal im Ton, weil sie Menschenführung nie unter der Extrembedingung eines Pflichtdienstes geübt haben, in dem man sich seine Untergebenen eben nicht aussuchen kann, und oft zeigten sie auch weniger Verantwortungsgefühl als ehemalige Gediente. Gerade meine Unteroffiziere und Fahnenjunker von damals aber wussten sehr genau, wie weit sie gehen konnten und wo die roten Linien lagen. Und in meinem Freundes- und Bekanntenkreis verhält es sich so, dass diejenigen mit Diensterfahrung verlässlicher, weniger zimperlich und oft auch generöser sind als andere – jedenfalls unter denen, die aus Deutschland oder einem anderen westlichen Land kommen.

 

Schließlich das Wirtschaftliche. Niemand wird bestreiten, dass sich die Personalsituation der Bundeswehr seit der Aussetzung der Wehrpflicht zum Schlechten entwickelt hat. Zudem droht sie dadurch zum Sammelbecken von Extremisten und Kriminellen zu werden. Eine Armee von charakterlich unberechenbaren Söldnern aber, wie wir sie in den USA de facto schon haben, liegt nicht im Interesse Deutschlands und nicht im Interesse Europas.

Bundeswehr wird als gesellschaftlicher Dienstleister gebraucht – auch im Frieden

Dieses Plädoyer für die Wehrpflicht bedeutet dabei nicht, dass ernsthaft mit Kriegsgefahr zu rechnen oder dass ein krisenhaftes außenpolitisches Umfeld herbeizusehnen sei. Schon zu Wehrpflichtzeiten spielten die Streitkräfte eine bedeutende Rolle im Katastrophenschutz, und auch ich habe 2002 an der Bekämpfung des Elbhochwassers teilgenommen – übrigens freiwillig. Unser Bataillonskommandeur ließ uns nachts antreten und rief „Freiwillige vor“; kaum einer wollte da zurückstehen. Auch ist denkbar, dass Soldatinnen und Soldaten im Rahmen der Wehrpflicht bei der Rettung von Flüchtlingen aus Seenot eine Rolle spielen könnten. Die Bundeswehr kann auch dann gesellschaftlicher Dienstleister bleiben, wenn sich – was ja zu wünschen ist – ihr verteidigungspolitischer Auftrag eines Tages erübrigt haben sollte.

 

Das alles gilt in erhöhtem Maße für den zivilen Sektor. Dass es in Deutschland einen Pflegenotstand gibt, weiß inzwischen jedes Kind. Dass der Wegfall von Zivildienstleistenden als Arbeitskräfte in der Pflege zu diesem Notstand nicht unwesentlich beigetragen hat, ist ebenfalls bekannt. Die Wiedereinführung einer allgemeinen Dienstpflicht würde dieses Problem zwar nicht mit einem Schlag lösen, aber doch gewaltige Abhilfe schaffen. Und dass in der Dienstzeit mögliche künftige Berufspfade gelegt werden (wie das schon zu Wehrdienstzeiten der Fall war), versteht sich von selbst.

Egoismus als letztes Heiligtum der freien Gesellschaft?

In einer Zeit, die als letztes Heiligtum nur noch einen égoisme sacré anzuerkennen scheint, scheint es nicht verkehrt, die Heranwachsenden einer Generation wieder durch die nicht unbedingt hippe, aber existenziell grundlegende Erfahrung miteinander zu verbinden, eine Oma auf der Palliativstation auf ihrem letzten Weg zu begleiten oder bei einem Waldbrand- oder Hochwassereinsatz in Sommerhitze oder Winterkälte Hilfsdienste zu leisten. Nicht zuletzt, weil es dabei Werte zu erlernen oder zu vertiefen gibt, die heute verloren zu gehen scheinen, obwohl sie essentiell sind für das Gelingen der Freiheit: Selbstbeherrschung, Demut und auch Disziplin.

© Konstantin Johannes Sakkas, 2018. Header. Soldaten des Wachbataillons beim feierlichen Gelöbnis, 2012 oder früher. Quelle: http://www.tagesspiegel.de

 

Die Causa Özil ist in Wahrheit eine Causa Erdogan

Nicht türkischer Patriotismus, sondern der türkische Nationalismus ist das Problem

Lange habe ich gezögert, mich zur Causa Özil zu äußern. Denn gleich dreifach fühle ich mich durch sie persönlich angesprochen: als Fußballfan, der den Sport leidenschaftlich verfolgt. Als Deutscher, der durch den Komplex Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in besonderer Weise historisch belastet ist. Und als Grieche, den ein spezielles Verhältnis mit dem Türkischen verbindet, das noch älter und tiefer ist als das deutsch-türkische Verhältnis.

Vorab: man muss Özils oft sehr zurückgenommene Selbstdarstellung auf und neben dem Spielfeld nicht mögen. Doch die Statistik spricht für sich: kein Mittelfeldspieler hat in den vergangenen Jahren in der deutschen Nationalelf so viele Torvorlagen geliefert wie Mesut Özil, und der Weltmeistertitel 2014 ist auch sein Verdienst. Bei einer solchen spielerischen Bilanz nachzutreten und ihm, wie es jüngst Uli Hoeneß tat, vorzuhalten, er habe zuletzt „nur einen Dreck gespielt“, ist unwürdig und schäbig – unabhängig davon, dass Özil bei seiner letzten WM in diesem Jahr tatsächlich versagte und, etwa im Südkoreaspiel, massenweise Chancen vergab. Ehre, wem Ehre gebührt.

Gegen Özil Patriotismus ist nichts einzuwenden

Etwas anders liegt die Sache beim leidigen Erdogan-Thema. Nun ist patriotisches Brimborium außerhalb Deutschlands nicht nur nicht ungewöhnlich, sondern gehört fest zur populären Kultur, so gut wie überall auf der Welt. Meine deutschamerikanischen Expartnerinnen mutierten gerne mal zu geradezu fanatischen US-Amerikanerinnen, denn das gehört sich nun mal. Ich selber habe meine erste Militärparade im Griechenlandurlaub in Athen erlebt: Mein Opa hatte mich mitgenommen, es war Anfang der Neunziger, und ich weiß heute noch, dass ich den Anblick der schier endlosen marschierenden Kolonnen, der aufgesessenen Artillerie und natürlich den Überflug der Luftwaffenformationen sehr genossen habe – auch wenn es heiß war und ich, wie alle Kinder, ellenlanges Herumlaufen und -stehen in der großstädtischen Sommerhitze eigentlich zutiefst hasste.

Und um schließlich nochmals auf die Fußball-Weltmeisterschaft zurückzukommen: wer sah, wie nach dem siegreichen Finale im Lushniki-Stadion der immer lustige, immer zu einem Scherz aufgelegte Antoine Griezmann vor seinem, kaum zehn Jahre älteren, Staatspräsidenten Emanuel Macron im strömenden Regen salutierte; wer anschließend Macron in der Kabine mit Pogba, Mbappé und Umtiti herumalbern sah, der wusste: dieser Sieg und diese Siegerehrung waren auch ein Akt der patriotischen Selbstvergewisserung eines Landes, das sich längst in einer wirtschaftlichen und auch politischen Krise befindet. Dieser Patriotismus aber ist nichts Dogmatisches oder gar Gewaltvolles, sondern etwas Spielerisches, quasi ein Rollenspiel mit der eigenen nationellen Identität, hilfreich eben bei der existenziellen Selbstvergewisserung, aber mehr auch nicht.

Gegen den patriotischen Gehalt in Özils Inszenierung mit Erdogan mitsamt einem zum Teil reichlich altmodischen Gepräge („hochachtungsvoll, für meinen Präsidenten“) ist also aus meiner Sicht nichts einzuwenden. Auch ich bin gerne Deutscher – und fühle dennoch in bestimmten Momenten sehr stark und sehr pathetisch den griechischen Anteil in mir. Das macht mich nicht weniger loyal gegenüber Deutschland.

Erdogan führt in Syrien einen lupenreinen Angriffskrieg

Problematisch aber ist hier die Figur Erdogans, und das heißt: die Figur, zu der er durch sein politisches Handeln in den vergangenen Jahren geworden ist. Erdogan führt in Syrien einen lupenreinen Angriffskrieg, der sich als Krisenintervention tarnt. Die Einnahme Afrins durch türkische Soldaten ist ein völkerrechtswidriger Akt, der indessen von der Weltgemeinschaft bislang nahezu widerspruchslos hingenommen wird. Die Gefangennahme und Inhaftierung Deniz Yücels war ebenso ein Rechtsbruch und mit den Normen des internationalen politischen Liberalismus nicht in Einklang zu bringen. Daran ändert auch nichts, dass sie womöglich als Retourkutsche für das abscheuliche so genannte „Schmähgedicht“ von Jan Böhmermann aus dem Jahr 2016 gedacht war, dessen Inhalt und Aussage sich bekanntlich Yücels Arbeitgeber, Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, coram publico„zu eigen gemacht“ hatte. Einen Journalisten wie Yücel, der einfach nur seien Job macht, dafür durch Einzelhaft büßen zu lassen, wäre derart Ausdruck eines vordemokratischen, autokratischen Politikverständnisses, dass er vielleicht in Game of Thrones passen würde, aber schwerlich ins Jahr 2018.

Man kann ein großer, mächtiger Staat sein, ohne Recht zu brechen, wenigstens nicht derart eklatant. Kein Journalist der New York Times, kein Mitarbeiter der BILD-Zeitung muss fürchten, im Gefängnis zu landen, wenn er oder sie Donald Trump oder Angela Merkel öffentlich kritisiert.

Erschwerend kommt im Fall Özil, der eigentlich ein Fall Erdogan ist, hinzu, dass sich Erdogan auf eine nationalistische Tradition stützen kann, die in seinem Land fester verankert ist als in vielen anderen modernen Gesellschaften. Wie das Deutsche Reich wurde das Osmanische Reich 1919 von den (westlichen) Siegermächten zerschlagen, doch anders als Deutschland hat der türkische Nationalismus und Expansionismus nie einen derart scharfen Dämpfer erhalten wie Deutschland schließlich 1945.

Seit 1974 hält die Türkei Nordzypern völkerrechtswidrig besetzt

Das sieht man an der politischen Kultur wie an der (außen)politischen Praxis der Türkei gestern wie heute. Seit 1974 hält die türkische Armee das nördliche Drittel Zyperns besetzt – gegen das Völkerrecht und gegen den Willen der Weltgemeinschaft. Bis heute hat kein Staat, nicht die USA, nicht Russland, das türkische Protektorat über Nordzypern anerkannt. Bis heute kommt es beinahe im Wochentakt zu Verletzungen des griechischen Hoheitsgebiets in der Ägäis durch die türkische Luftwaffe, ohne spürbare Sanktionen. Und im Syrienkrieg schließlich sieht Erdogan seine Chance gekommen, sein Territorium zu arrondieren – scheinbar legitimiert durch die Rolle als geopolitische Ordnungsmacht, die die Westmächte der Türkei mangels Alternativen gelassen haben – 1923 im Vertrag von Lausanne und 1952 durch den – synchron mit Griechenland vollzogenen – Beitritt zur NATO.

Die Türkei müsse sich vergrößern, hieß es vor einiger Zeit in einem O-Ton aus einer türkischen Stadt, der in den deutschen Hauptnachrichten gesendet wurde. Hier stellt sich die Frage: wie vergrößern, und in welche Richtung? Waren wir da nicht schon weiter?

Das Problem ist nicht der Islam. Das Problem ist der türkische Nationalismus

Die Causa Özil wirft ein Schlaglicht auf einen gefährlichen türkischen Nationalismus, der seine Sprengkraft aus seiner Anachronizität gewinnt – gerade auch im Vergleich mit seinem geopolitischen Umfeld. Deutscher oder griechischer Patriotismus etwa ist – abgesehen von den paar Verrückten, die tatsächlich noch ernsthaft von der Rückholung Konstantinopels träumen oder immer noch den verlorenen Ostgebieten hinterhertrauern – nicht mehr als eine pittoreske, durchaus liebenswerte Allüre. Und in der arabischen Welt sieht es ähnlich aus. Die Syrer singen in ihrer Hymne von Assur und Harun Ar-Raschid, die Ägypter sind stolz auf die Pharaonen, die Mamelucken und Muhammad Ali (den Feldherrn, nicht den Boxer) – doch beide wissen sie, dass ihre großen Zeiten als Nationalstaaten längst vorbei sind. Lieber sehen sie sich als Araber und als Muslime – was, entgegen einem leider auch in Deutschland häufig anzutreffenden Vorurteil, zur Schaffung und Stärkung demokratischer Strukturen und auch zu einer gewissen weltanschaulichen Liberalität eher beiträgt als nationalistische Borniertheit. Sowohl dem Konzept der westernness als auch dem des Panarabismus wohnt ein bestimmter Universalismus inne, der ethnische und ideologische Grenzen durchbricht und nach innen und außen für Verständigung sorgen kann.

Anders aber sieht es mit dem türkischen Nationalismus aus, der mit einer unseligen Wagenburgmentalität einhergeht. Die offensive Vereinnahmung Özils durch Erdogan ist ein Instrument dieses Nationalismus. Er bewirkt nicht Verständigung und Ausgleich, sondern er verschärft Widersprüche und führt schlimmstenfalls zur Eskalation.

Was uns Hoffnung geben kann: viele Türkinnen und Türken sehen die Sache genauso. Auch unter ihnen sind viele ein anachronistisches autoritäres Regime leid und wünschen sich demokratische Reformen und eine Überwindung des Nationalismus, der nicht in unsere Zeit passt. Mesut Özil aber kann man nur bedauernd zurufen: nicht Dein Patriotismus als Türke war der Funke, der das Pulverfass zur Explosion brachte. Sondern die konkrete Person dieses Präsidenten, mit dem Du Dich öffentlich identifiziert hast, und die Politik, für die er steht.

© Konstantin Johannes Sakkas, 2018. Header. Messt Özil (.) und Recep Tayyip Erdogan, 2018. Quelle: http://www.zdf.de

 

Judentum, Islam und Orientalität

Die Juden sind nicht Speerspitze des Westens gegen den Orient, sondern Speerspitze des Orients in der westlichen Welt

 

Als Historiker setze ich mich quasi gezwungenermaßen mit dem „Dritten Reich“ und der Judenvernichtung auseinander. Ein Wort, das mich in zahllosen Dokumenten immer wieder anspringt, ist das Wort „orientalisch“. Viele SS-Täter verwenden es, wenn sie ihre Opfer beschreiben. So ist die Rede von „sehr schönen orientalischen“ Mädchen unter den Jüdinnen irgendeiner weißrussischen oder ukrainischen Stadt, die bei irgendeiner „Aktion“ einer Einsatzgruppe noch schnell vergewaltigt wurden, um dann doch wie alle anderen ermordet zu werden.

 

Der Antisemitismus ist ein Antiorientalismus

 

Der europäische Antisemitismus war bis 1945 ein dezidierter Antiorientalismus. Juden waren Orientalen, und Orientalen passten dreifach nicht ins weiße, nordische Europa: erstens: sie sahen anders aus, eben „orientalisch“. Zweitens: sie passten nicht in die Ständegesellschaft, denn etwas Vergleichbares wie die Einteilung der Menschheit in vererbten Adel und Nichtadel, die den Westen tausend Jahre lang geprägt hatte, gab und gibt es im Orient nicht. Drittens: sie hatten eine andere Religion.

 

Die Religion, bzw. der Glaube war dabei das am wenigsten Relevante. Die Juden wurden gehasst, weil sie, durchaus ähnlich wie die so genannten Parias in Indien, nicht einmal Dritter Stand, nicht einmal Bauern oder später Proletariat waren. Sie ließen sich keinem Stand zuordnen, was in einem Zeitalter, das jeden Menschen über seinen Stand definierte, so sicher zu Problemen führt wie nur irgendetwas. Und sie wurden gehasst, weil sie einen Einschlag in Haut- und Haarfarbe hatten, den man in einer Zeit, in der es keinen Massentourismus gab, nicht kannte. Dass sie zu JHWH und nicht zum „lieben Gott“ beteten: das war das Geringste der Probleme.

 

Für Alfred Rosenberg war das Christentum „syrisch“

 

Alfred Rosenberg, so genannter Chefideologe der NSDAP, bezeichnete das Christentum konsequent als „syrisch“. Für einen Nazi war der Mann ziemlich klug: er erkannte, dass der eigentliche Gegensatz nicht etwa der zwischen christlich und jüdisch war, sondern der zwischen „nordisch“ und orientalisch. Rosenberg und die deutschen Nationalsozialisten kämpften für das Nordische, für das Heidentum, für die weiße Haut: gegen das „Syrische“, das Orientalische, die dunkle Haut; und dazu gehörte für ihn konsequenterweise auch das Christentum. Spätere Versuche der NS-Führung, Muslime in der Sowjetunion, auf dem Balkan und in Nordafrika zum Dschihad aufzuwiegeln, auch die Aufstellung muslimischer SS-Einheiten waren taktisch motiviert und richteten sich vor allem gegen die jeweiligen Protektoratsnationen, hier die Russen als Führer der slawischen Welt, dort die Briten als Kolonialmacht im Nahen Osten; ins rassistische Weltbild des Nationalsozialismus im Ganzen passten keine Orientalen. Der brutale Umgang der Deutschen mit den Griechen und, nach dem Seitenwechsel 1943, auch mit den Italienern, beides christliche und beides indoeuropäische, „arische“ Völker, deren Angehörige aber „wie Juden aussahen“, zeigt das deutlich.

 

An dieser Stelle möchte ich eine persönliche Anekdote einfügen. Etwa im Jahr 1990 kam eines Abends mein Vater von der Arbeit nachhause und erzählte uns Kindern, jemand habe zu ihm auf dem Weg zur Arbeit in der U 9 gesagt: „Morgen wirst Du vergast, Jude.“ Nun ist mein Vater gar kein Jude, sondern orthodoxer Christ. Aber mein Vater ist Grieche. Er hat eine dunklere Haut- und damals auch noch Haarfarbe als der durchschnittliche „nordische“ Europäer, und er hat eindeutig griechisch-orientalische Gesichtszüge. Und das genügte im West-Berlin der ausgehenden Achtziger, in dem Neonazis noch allgegenwärtig im Stadtbild waren, um ihn als Juden „verdächtig“ zu machen. Ich habe diese Geschichte, die ich am nächsten Tag meinen verständnislosen Mitschülern (übrigens auf einer katholischen Privatschule) erzählte, bis heute nicht vergessen: weil sie mir das schwere Assimilationsschicksal meines Vaters (und damit ein Stück weit auch mein eigenes) verdeutlicht; weil sie eine Grundsolidarität zwischen mir und „den Juden“ hergestellt hat, die ich mir bis heute bewahrt habe; und schließlich, weil sie deutlich macht, was Orientalität bedeutet.

 

Europa ist auf der Idee des Nordens gebaut, als Antithese zum Orient

 

Europa, wie wir es kennen, ist gebaut auf der Idee des Nordens als Antithese zu allem Orientalischem. Karl der Große schnappte sich den Kaisertitel vom griechischen, orientalischen Byzanz weg, als dort zufällig für ein paar Jahre eine Frau auf dem Thron saß. Seine fränkischen Hofjuristen hatten ihm geflüstert, dass jetzt eine gute Gelegenheit sei. Und der (wahrscheinlich langobardische, also germanische) Papst in Rom, der tatsächlich nur einer von fünf gleichrangigen christlichen Patriarchen war und unter diesen fünf der macht- und prestigeloseste, sah ebenfalls seine Chance gekommen und verschaffte sich, indem er Karl die Krone aufsetze, Extraprestige, denn einen Kaiser krönen, das konnten die östlichen Patriarchen nicht.

 

Zweihundertfünfzig Jahre nach Karls Kaiserkrönung kam es dann zum endgültigen Bruch der christlichen Einheit, zum Schisma zwischen Abendland und Morgenland, weil der konstantinopolitanische Patriarch, verständlicherweise, die Oberhoheit seines römischen Kollegen nicht akzeptieren wollte. Kurz darauf fing auch der byzantinische Staat selbst an zu wanken. Die Türken waren auf den Weg nach Westen aufgebrochen. So traten an die Stelle der Griechen im Jahr 1453 die Osmanen, die das vierte islamische Kalifat begründeten: der Sultan als Stellvertreter Gottes und Nachfahre Mohammeds auf Erden in Personalunion, eine Art Papst und Kaiser in einem, aber eben auf orientalisch.

 

Politisch blieben Orient und Okzident voneinander getrennt. Hier der Papst und „seine“ christlichen Herrscher, allen voran der ehemals fränkische König als Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches“, also Deutschlands; dort der jeweilige Kalif – vor den Osmanen gab es bereits drei arabische Kalifate – und „seine“ muslimischen Völker. Ein orientalisches Volk freilich lebte sowohl hier als auch dort: die Juden.

 

Den Juden ging es unter dem Islam besser als im christlichen Europa

 

Natürlich ging es den Juden unter islamischer Herrschaft besser als unter christlicher. Zwar gab es schon immer auch einen islamischen Antijudaismus: die Juden hatten den Bund mit Allah aufgekündigt, so wie sie im Christentum Jesus, den Sohn Gottes, auf dem Gewissen hatten; aber im Alltag überwog die ethnische und sprachliche Verwandtschaft: Arabisch und Hebräisch sind kaum voneinander zu trennen, beides, Juden und Araber, sind semitische Völker. Die großen Pogrome im Mittelalter sind ganz überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich christliche Phänomene, während Juden unter arabischer und später türkischer Herrschaft relativ bequem leben konnten. Beispielhaft dafür die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki, der zweitgrößten jüdischen Gemeinde überhaupt nach Jerusalem, die zwei Jahrtausende unter römischer, byzantinischer, türkischer und schließlich wieder griechischer Herrschaft überdauerte – bis ihre Mitglieder im Jahr 1943 nach Auschwitz deportiert wurden, wo fast alle ermordet wurden. 50.000 Männer, Frauen und Kinder. Einige wenige überlebten als Mitglieder des so genannten Sonderkommandos.

 

Antisemitismus, der eigentlich Antiorientalismus heißen müsste, gab es bis 1945 fast ausschließlich im Westen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, also vor siebzig Jahren, änderte sich das. Angebahnt hatte sich das im 19. Jahrhundert. Die Revolution hatte die Ständegesellschaft beseitigt – nun waren die Juden im Norden erst recht Außenseiter. Als Orientalen passten sie nicht in die modernen Nationalstaatsgesellschaften – also schlug die Geburtsstunde des Zionismus, dessen Galionsfigur der österreichische Jude Theodor Herzl wurde.

 

Arabischen Antijudaismus gibt es erst seit dem 20. Jahrhundert

 

Weil nun jeder Europäer, der noch 1780 einfach Untertan irgendeines Höheren unabhängig von dessen Nationalität gewesen war (das Ancien Régime war sehr internationalistisch), sich auf der Suche nach seiner Identität auf einmal mit seinem eigenen Nationalstaat identifizierte, glaubten auch die Juden, einen Nationalstaat haben zu müssen – und der nun erwachende europäische Antisemitismus ließ ihnen auch kaum eine andere Wahl. Zugleich löste sich das Osmanische Reich langsam auf, die einstmals so mächtige Türkei galt im 19. Jahrhundert bekanntlich als „der kranke Mann am Bosporus“ – und auch hier begann man plötzlich, in Nationen zu denken. Ägypter, Iraker, Syrer wollten nicht mehr osmanische Untertanen sein, sondern Bürger ihres eigenen Staates.

 

1918 ging, wie Österreich-Ungarn, auch das Osmanische Reich unter. Diese europäisch-orientalischen Vielvölkerstaaten, die das Nationenproblem über fünf Jahrhunderte hinweg entschärft und neutralisiert hatten, wurden auf den Friedenskonferenzen in Saint Germain en Laye und Sèvres ausgelöscht. Die arabischen Völker hatten sich im Ersten Weltkrieg den Briten unter dem Abenteurer und Schöngeist Thomas Edward Lawrence angeschlossen, um das osmanische Joch abzuschütteln, wie es ihnen Griechen, Slawen und Rumänen in den hundert Jahren zuvor vorgemacht hatten. Bestärkt wurden sie durch die Zusicherungen, die der britische Hochkommissar in Ägypten, Henry McMahon, im Jahr 1916 dem saudi-arabischen Staatsmann Hussein ibn Ali gemacht hatte: die Engländer versprachen den Arabern Unterstützung im Kampf um Unabhängigkeit von der türkischen Herrschaft – logisch, denn die Türkei kämpfte auf Seiten der Mittelmächte gegen die Entente.

 

Der Judenhass der Araber ist nationalistisch motiviert, nicht rassistisch

 

Nur ein Jahr später, 1917, machte allerdings der britische Außenminister Lord Balfour dem Bankier Lord Lionel Rothschild die Zusage, dass Palästina nach dem Ende der türkischen Herrschaft „Heimstatt der Juden“ werden sollte. Das, und der anglofranzösische Aufteilungsplan von 1916, bekannt als Sykes-Picot-Abkommen, gilt in der arabischen Welt seither als Sündenfall des Westens, der die arabische Sache verraten habe. Und zwar an die Juden verraten. Dass die Juden sich in der Diaspora einfach genauso nach einem eigenen Staat gesehnt hatten wie ihre arabischen Nachbarn während der türkischen Fremdherrschaft, unterschlägt die offiziöse arabische Geschichtspolitik dabei geflissentlich. Und vor allem unterschlägt sie, dass die Juden als Orientalen des Westens tausend Jahre lang, seit Karl dem Großen, genauso wie Dreck behandelt wurden, wie die Araber sich seit Napoleons ägyptischer Expedition, dem Auftakt westlicher Intervention im Orient, von den Westmächten wie Dreck behandelt fühlten.

 

Der Hass vieler Araber – in ihrer Eigenschaft als Araber, nicht zwingend als Moslems – auf die Juden ist also nicht religiös oder rassistisch motiviert, denn „rassisch“ und religiös bilden beide faktisch eine Einheit, sondern nationalistisch. Und er hat auch nicht so sehr mit der Errichtung des jüdischen Staates Israel zu tun, zu der es bekanntlich erst dreißig Jahre nach der Balfour-Deklaration kam, sondern vielmehr mit dem Scheitern des arabischen Nation Building in den vergangenen hundert Jahren, und mit der Rolle, die die Westmächte dabei spielten.

 

Arabische Länder nehmen Israel als Kreuzritterstaat wahr

 

Schauen wir uns zum Vergleich Europa an: dass der alte westeuropäische Nationalismus, der dem Kontinent sechshundert Jahre lang den Stempel aufgedrückt hat, seit 1945 de facto verschwunden ist, liegt im Wesentlichen daran, dass im so genannten Kerneuropa seither faktisch identische Lebensbedingungen herrschen. Nach Ostpreußen oder dem Elsass sehnt sich eben nur, wer wirtschaftlich in der unterlegenen Position ist; Hitlers Wahlerfolg ist undenkbar ohne das Narrativ, dass Franzosen und Engländer im Überfluss lebten, während die deutsche Mutter kaum ihre Kinder ernähren könne, weil die Westmächte den Deutschen Danzig, Oberschlesien und die Kolonien weggenommen und 1923 überdies das Rheinland besetzt hatten. In einem Europa aber, in dem das wirtschaftlich stärkste Land, Deutschland, keine vernünftige Armee hat, dafür aber die anderen, wirtschaftlich schwächeren Länder über den Euro und Brüsseler Beihilfen finanziell aushält, ist Nationalismus so überflüssig wie ein Kropf.

 

In den arabischen Staaten dagegen ist Hass auf Israel deshalb Staatsdoktrin, weil sich diese Staaten selbst als failed states wahrnehmen, Israel hingegen als Kuckucksei des Westens, als Kreuzritterstaat, als Geschöpf von Sykes-Picot – und nicht als das, was es eigentlich ist: nämlich ein majoritär von Orientalen bevölkerter orientalischer Staat mit einer semitischen Amtssprache und einem semitischen Glaubensbekenntnis. In Wahrheit ist Feindschaft zwischen einem Palästinenser und einem Israeli historisch-ethnisch in etwa so „sinnvoll“ wie die Feindschaft zwischen einem Schwaben, Badener oder Rheinländer und einem Franzosen.

 

Die Juden wurden in der Shoa wegen ihrer Orientalität ermordet

 

Der arabische Antisemitismus, der in Wahrheit in Antijudaismus ist, macht mich traurig, weil er so überflüssig ist. Ihm fehlt jede rassistische und im Grunde auch religiöse Grundlage. Seine einzige Motivation ist nationalistisch, und Nationalismus ist erstens etwas vollkommen Unorientalisches und zweitens im Zeitalter der Globalisierung restlos überholt. Juden und Araber sind Brüder, genauso wie Syrer und Tunesier, Marokkaner und Iraker sich automatisch mit „Akhi“ anreden. Wer jüdische Deutschrapper wie Ben Salomo oder Sun Diego hört, fühlt diese Verwandtschaft sofort.

 

Die Juden in Auschwitz, Riga und Treblinka wurden als Orientalen gedemütigt, gefoltert und ermordet. Sie sind den Blutzeugentod gestorben für ihre Orientalität, dafür, dass sie auch nach zweitausend Jahren der Diaspora ihre Bindung an ihre Heimat an der Levante nicht aufgegeben hatten; dass sie die orientalische Sprache, das Brauchtum, den sehr persönlichen, sehr unnordischen Glauben an Eloah bewahrt hatten, ob nun als „Fetzentandler im Kaftan“ im galizischen Brody oder als bourgeoise Oberschicht im Faubourg Saint Germain, in Charlottenburg oder in Ferrara.

 

Viel eher als eine jüdisch-christliche gibt es eine jüdisch-arabische Gemeinschaft

 

Die Schergen der SS hatten sie alle wieder gleichgemacht. Nicht so sehr, weil jüdische Oberschicht mit nichtjüdischer Oberschicht unter einer Decke steckte und gemeinsam Geschäfte und Politik machte („Weltjudentum“); sondern weil Juden Orientalen waren und ein Orientale eben niemals zur edlen weißen Rasse gehören konnte. Ein schmutziger Orientale konnte ja nicht einmal mit einem schlichten deutschen SS-Rottenführer-Proleten aus Schlesien oder Westfalen mit Volksschulabschluss gleichziehen; da sollte er sich ja nicht einbilden, auf einer Ebene mit den Balfours oder Guermantes oder Hohenlohes dieser (westlichen) Welt zu stehen. Dieser „Hochmut“ – und um den ging es – sollte den Juden ausgetrieben werden, bestialisch, mit sadistischer Brutalität, die weit über ihre physische Vernichtung hinausreichte.

 

Das sollten wir im Westen nie vergessen. Es ist bequem, in Berlin, Paris oder New York von jüdisch-christlicher Tradition zu sprechen, wenn man sich selbst vorgaukelt, Juden sähen typischerweise wie Gwyneth Paltrow oder die Kushner-Brüder aus. Nun sieht Gwyneth Paltrow (deren Urgroßvater freilich weißrussischer Jude war) aber eben wie eine „aryan goddess“ aus, die schon vor hundert Jahren jeder Marlborough oder de la Rochefoucauld oder Henckel-Donnersmarck trotz strengster katholischer oder anglikanischer Familientradition bereitwillig geheiratet hätte. Das eigentlich Jüdische aber ist eben orientalisch – und steht ergo dem Muslimischen, Arabischen tausendmal näher als dem Weiß-Angelsächsisch-Protestantischen. Viel mehr als eine jüdisch-christliche gibt es eine jüdisch-arabische Gemeinschaft.

 

Juden als Speerspitze des Orients in der westlichen Welt

 

Wir im Westen täten meiner Meinung nach besser daran, diese jüdisch-arabische Gemeinschaft zu betonen, anstatt auf einer reichlich konstruierten christlich-jüdischen Identität herumzureiten, die es so nie gegeben hat und die eine Erfindung des Philosemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg ist (wir dürfen nicht vergessen: nicht nur wir Deutschen als Tätervolk, auch Engländer und US-Amerikaner fühlten sich nach 45 schuldig, weil sie viel zu wenig zur Rettung der Juden unternommen hatten).

 

Und auf der anderen Seite sollen und müssen wir die muslimische Welt daran erinnern, dass die Juden nicht ihre Antipoden, sondern ihre Schwestern und Brüder sind. Dazu gehört freilich Mut: der Mut des Westens, sich ins eigene Knie zu schießen und die Front in den Köpfen nachträglich wieder zu begradigen, die im Namen westlicher Erinnerungspolitik künstlich verzogen wurde: denn diese Front verlief eben nicht zwischen den Arabern und der „christlich-jüdischen Wertegemeinschaft“; sondern zwischen der orientalischen Welt einschließlich der Juden auf der einen und der westlich-nordischen Welt auf der anderen Seite.

 

Der westliche Philosemitismus stellt die Juden und Israel nur zu gerne als Speerspitze des Westens gegen den unzivilisierten, islamischen Orient dar; doch damit vertieft er – unwissentlich und ganz sicher auch wissentlich – die Kluft zwischen dem Westen und dem Orient und vor allem die Kluft zwischen Juden und Moslems. In Wahrheit aber sind und waren die Juden die Speerspitze des Orients in der westlichen Welt. Dieser Gedanke einmal in die Köpfe der Muslime gepflanzt, und der israelisch-arabische Konflikt ist seiner Lösung einen entscheidenden Schritt näher – und der arabische Antijudaismus vielleicht schon bald Geschichte.

 

Berlin, April/Mai 2018. © Konstantin Johannes Sakkas. Header: eine Muslimin verdeckt den Judenstern einer Jüdin, Sarajevo, nach April 1941. Quelle: forward.com

 

Dieser Text erschien in dieser Fassung im März 2019 in der “Islamischen Zeitung”: https://www.islamische-zeitung.de/judentum-islam-und%E2%80%88orientalitaet/

 

 

Kevin Spacey alias Frank Underwood: Sadismus als Religion

Anlässlich des jüngsten Skandals um Kevin Spacey sollte die Frage erlaubt sein, ob Äußerungen wie jene, die Ehe sei nur noch so viel Wert wie der „Konsens“ eines „Sexsklaven“, in einen philosophischen Kommentar im öffentlich-rechtlichen Hörfunk gehören. So geschehen neulich im Deutschlandfunk Kultur. Solche Äußerungen dienen eher dazu, das Gefühl für Verantwortung, das ohnehin schon arg lädiert ist, bei Mann und Frau weiter auszuhöhlen und Sadismus – denn um nichts anders handelt es sich hier – noch weiter salonfähig zu machen.

Jeder, der auch nur ein wenig in der Welt herumgekommen ist, weiß, dass der so genannte Masochismus ein Konstrukt ist, um Leute, insbesondere junge Frauen, die meist schon als Kinder entwertet, also missbraucht, wurden, dauerhaft in der Entwertung zu halten. Es geht ums pure Kaputtmachen, nothing else. Und die dauernde, relativistische Negation der so genannten tradierten Rollenbilder trägt ihren Teil dazu bei. Meist sind es in ihrer jeweiligen Persönlichkeit eher ungefestigte Leute, die das “Geschlechterproblem” aufwerfen (um dann darin unterzugehen).

Wir haben kein Problem mit “alten weißen Männern”. Wir haben ein Problem mit “alten” (weißen) Männern und Frauen, die auf ihre Verantwortung scheißen und diese Doktrin der Verantwortungslosigkeit über die Medienmaschine in die Köpfe der Menschen transmittieren – um diese zu ihren Komplizen bzw. zu ihren Opfern zu machen.

Kevin Spacey alias Frank Underwood übrigens hätte zu jenem Kommentar vermutlich laut applaudiert. Leider waren sich Tausende KollegInnen nicht zu schade, die von ihm zuletzt gespielte Figur jahrelang hochzuloben, die ein ekelhafter Ausbund an Sadismus ist; eine Serie zu feiern, in der Verantwortungslosigkeit und nackter, brutalster Egoismus abgefeiert werden, in der jeder Respekt vor dem Leben aufs Abscheulichste verhöhnt wird. Und in der, natürlich, die Hauptfiguren keine Kinder haben und eine Ehe führen, die den Namen nicht wert ist und die nur auf den Zweck ausgerichtet ist, andere Menschen als ihre Werkzeuge zu benutzen, wobei sie buchstäblich über Leichen gehen.

Und diese Kollegen fallen jetzt aus den Wolken – ignorantia, wenn es denn welche war, non excusat.


© Konstantin Johannes Sakkas, 2017

Header: Rachel Brosnahan in der Rolle der Rachel Posner, kurz vor ihrer Ermordung. House of Cards, Season 3, 13. Rechte: Netflix

Nähe, nicht Fremdheit. Der Islam und wir.

Durch seine behauptete Voraussetzungslosigkeit schneidet sich der Westen selbst von seinen orientalischen Wurzeln ab

Seit 2001, eigentlich schon seit Huntington – an dessen Buch ich immer wieder “gescheitert” bin, weil mir der Inhalt gegenüber den durch den Titel evozierten Erwartungen bei jedem Versuch schlicht zu banal vorkam – wurden wir – sofern nicht ausdrücklich links sozialisiert – erzogen, den Islam als gefährlich, expansionistisch und radikal, jedenfalls aber dem Westen fremd und dazu historisch überholt abzulehnen. Mein erster journalistischer Beitrag, in der Schülerzeitung meines Gymnasiums, ging ebenso in diese Richtung. Heute schäme ich mich der hochtrabend daherkommenden Naivität des Achtzehnjährigen.
In den Schulen nimmt man zwar Nathan den Weisen und vielleicht Mozarts Entführung durch, seit meiner Jugend auch das Leben des Malcom X und das Schicksal von Pakistanis im postkolonialen England. Carrie Mathison, die blonde, grünäugige Madonna des Westens, empfing eine Tochter mit dem schönen, germanischsten aller Mädchennamen, Frances, von einem Muslim, und sie half Abu Nazir dabei, Rache zu nehmen für den grausamen Tod seines Sohnes Issa an ihrem eigenen Oberbefehlshaber Walden, in dessen Figur man unschwer George W. Bush wiedererkannte (oder Trump antezipieren konnte).
Doch selbst heute erfährt man viel zu wenig – hier kann ich nur für Deutschland sprechen – über die enge Wesensverwandtschaft zwischen orientalisch-islamischer und christlich-europäischer Welt. Etwa darüber dass Maria, die Mutter Jesu, auch im Islam als Jungfrau gilt. Auch bei der Schilderung der beiden großen islamischen Fremdherrschaften in Europa, der in Spanien und der in Griechenland, wird gern geflissentlich unterschlagen, dass diese niemals so lange hätten Bestand haben können, wären sie nicht auch irgendwann gerecht und ertragbar geworden (insgeheim wissen die Spanier und Griechen das natürlich ganz genau).
Man zieht wieder gern eine imaginäre Trennlinie zwischen christlich-jüdischer und islamischer Kultur. Was für eine Idiotie! sage ich mir, nachdem ich neulich erst einem muslimischen Freund Schinkels Mausoleum der Königin Luise zeigte und selber zum wiederholten Mal darüber erstaunte, dass im Blickzentrum der Apsis doch nicht die vier mitteleuropäischen Sarkophage, auch nicht der der schönen Königin, stehen, sonder der Syrer am Kreuz, umgeben von in den Marmor gemeißelten Zitaten altorientalischer Prediger und Fürsten.
Was für eine Idiotie, sage ich mir auch, wo doch das Hebräische und Arabische einander ähnlicher sind als die romanische der germanischen Sprachfamilie. Von den 25 Propheten des Islam sind 24 Juden, Jesus übrigens inbegriffen. Das kultur- und geschichtsblinde exklusionistische Pochen aufs Christliche ist kein christlicher, auch kein abendländischer (was, wie Joschka Fischer erstaunlich klug klarstellte, im engeren Sinne ein mediterraner, kein atlantischer ist) Zug, sondern etwas Germanisches, Barbarisches, Seefahrerisch-Reitervölkisches.
Kein Wort darüber, dass der Orient nie einer Renaissance bedurfte, weil er kulturell niemals ein Mittelalter durchlaufen hat. In Nordeuropa musste man, über lange Umwege, die Tempel der Antike schlicht und einfach deshalb nachbauen, weil dort nie welche gestanden hatten. Die schöne Luise kam aus einem Landstrich, in dem noch im zweiten Jahrtausend das germanische Heidentum geherrscht hatte. Ihr, der Carrie Mathison von Mecklenburg-Strelitz, inmitten der barbarischen brandenburgischen Streusandbüchse mit ihren aus jedem Orts- und Adelsnamen Bände sprechenden heidnischen Überbleibseln ein christlich-jüdisches Grabmal in Form eines griechischen Monopteros zu setzen, entsprach der, schon damals verleugneten, weil nicht begriffenen, Orientalität dieser christlich-jüdischen Tradition selbst, aber insbesondere dem Bildungswillen und Bildungshunger des Germanentums, das Brücken zu etwas schlagen musste und wollte, mit dem das islamische Kernland immer verbunden gewesen war. Seine eigene Brücke, nämlich Byzanz, hatte Westeuropa längst aufgegeben,  bevor sie an die islamische Welt fiel.
In der Levante aber wuchs und wächst man seit je inmitten der Antike auf. Hier gab es kein finsteres Mittelalter, das mühsam abzuschütteln gewesen wäre. Dass die Griechen jemals aufgehört hätten, Griechisch zu sprechen, glauben nur Nordeuropäer, die mit dem Griechischen erst im sechzehnten Jahrhundert in Kontakt kamen. Im Orient funktionierte die Amalgamierung jüdisch-altarabischer Mythe (die, wie wir wissen, starke Einschläge in der griechisch-römischen Mythologie hinterließ), hellenistischer Gelehrtheit, mediterraner Stadt- und Handelsbürgerlichkeit und vorderasiatischer Staatslehre anstrengungslos.
Die Kreuzfahrer schauten sich dort ihre diesseitige Grals-Sex-Minne-und-Seefahrer-Eschatologie ab, die heute den common sense unserer gesamten Populär- und Hochkultur darstellt, und die Fürsten und Könige Europas den zentralisierten und rationalisierten Ordnungs- und Obrigkeitsstaat, mitsamt der, fürs Sultanat schon immer typischen, Abschaffung der Standesunterschiede, die in Europa jedoch so sehr in Stein gemeißelt dastanden, dass man dafür sage und schreibe mehr als achthundert Jahre brauchte. Auch dies ist eins der ungeschriebenen Ruhmesblätter Europas: dass sich Friedrich von Hohenstaufen und der Heilige Ludwig den modernen Staat (und mit ihm die moderne Toleranz und die strikte Trennung von Staat und Kirche) ebenso bei der islamisch-orientalischen Überlieferung abschauten wie die Gelehrten von Schottland bis Ungarn erst ihre Philosophie und dann ihre Naturwissenschaft.
Religion als Hingabe, als schwärmerisches Sich-ins-Meer-der-Liebe-Versenken und zugleich als kraftvoller, nicht redender, sondern handelnder Aufschlag, als jenes “Im Anfang war die Tat”, wonach der Germane sich immerzu sehnt: sie ist keine etwa immanent widersprüchliche und folgerichtig politisch neurotische Kreation des Islam, sondern tief in Geschichte und Charakter des Orient veranlagt.
Maria, die Gott-Mutter, in der wir die hundertbrüstige Artemis von Ephesos wiedererkennen, und Christos Pantokrator, Jesus nicht als Gemarterter mit Dornenkrone, sondern als imperialer, majestätischer All-Herrscher mit goldenem Heiligenschein: das Weibliche und das Männliche in reiner Vollkommenheit, in stolzer Ungebrochenheit: sie sind die Archetypen des Orientalischen. Nicht sie, nicht Judentum und Islam haben sich vom Christentum entfernt; sondern das Christentum, sich den ungepflegten, kulturlosen Barbarenheeren aus dem kalten Norden und Osten adaptierend, hat sich von seiner orientalischen Wurzel entfernt.
Das Christentum ist antiheroisch und antiintellektuell zugleich. Leiden, Selbstopfer, Demütigen und Gedemütigtwerden sind seine Konstanten, die ihm den freien Blick auf seine eigene Orientalität verstellen. Den Bezug zur frei waltenden Kraft und Schönheit hat es verloren. Er kann nicht wiederhergestellt werden, solange der Wunsch nach Erlösung überlagert wird von dem Komplex, überhaupt unerlöst zu sein. Das Dogma der eigenen Voraussetzungslosigkeit ist die erste Hürde, die fallen muss, will der europäische Westen jemals zu einer wirklichen Verständigung mit dem Orient kommen.
Header: “Sehet das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.” Carrie Mathison, die amerikanische Madonna des Westens, empfängt den Leib des Herrn. Ein orientalischer Ritus und eine orientalische Mythologik – im katholischen Christentum wie im Islam, konvertiert in die westlich-atlantische Sehnsucht nach Erlösung im und durch das Orientalische, verkörpert in der Inkarnation Jesu. Szenenfoto mit der Hauptdarstellerin Claire Danes aus der Serie Homeland, Season 5, Episode 1, © Showtime 2015.
© Konstantin Johannes Sakkas, 2017. All rights reserved.

Griechenland. Europas Intervention ignoriert Geschichte

Die Geschichte der Griechen wiederholt sich: Seit 1830 entzündet sich ihr Zorn immer wieder an nationalem Unvermögen gepaart mit ausländischer Einmischung. Wäre die europäische Politik klug, würde sie dies berücksichtigen.

Die Deutschen unterschätzten die Griechen – damals 1941, als sie gemeinsam mit den Italienern am Ende des Balkanfeldzuges das Land besetzten und die Briten vertrieben. Sie wussten um die griechische Tapferkeit. Mit starkem Widerstand aber rechneten sie nicht – weder dem der Armee noch dem der Partisanen.

Wehrmacht und SS überzogen Griechenland mit einem brutalen Besatzungsregime. Gnadenlos wurden Güter requiriert, im ersten Besatzungswinter verhungerten schätzungsweise hunderttausend Griechen. Und Gegenwehr bekämpfen die Deutschen mit erbarmungslosen Repressalien.

120 Kommunen, die bis heute als Märtyrerdörfer in Erinnerung sind, wurden ausgelöscht, die berühmtesten unter ihnen: Kalavryta, Komneno, Distomo. Beinahe die ganze jüdische Bevölkerung Griechenlands fiel dem Holocaust zum Opfer, darunter die einst größte jüdische Gemeinde Europas in Saloniki.

Deutsche Besatzung politisierte Griechenland

Das Aufbegehren gegen Besatzung und Repression politisierte die Griechen. Mehrheitlich unterstützten sie den kommunistischen Widerstand, der nach und nach die ländlichen Regionen weitgehend kontrollierte. Seine Mitglieder verübten nicht nur Sabotageakte gegen die Wehrmacht, sondern bekämpften auch griechische Kollaborateure, die mit den Besatzern einträgliche Geschäfte machten und diese teilweise militärisch unterstützten.

Als sich die Deutschen zurückziehen mussten, steigerten sich die Feindseligkeiten zwischen Kommunisten und Royalisten zum erbitterten Bürgerkrieg. Er endete mit der Eingliederung Griechenlands ins westliche Bündnis. Dafür hatte sich besonders Winston Churchill stark gemacht, der Hellas nicht an den Stalin verlieren wollte.

Doch der von außen beeinflusste Regimewechsel hinterließ eine schwärende Wunde im Nationalbewusstsein, das sich von Briten und Amerikanern um seine eigene Heldengeschichte betrogen sah. Denn dieselben linksgerichteten Politiker und deren Parteigänger, die die Herrschaft der Nazis abgeschüttelt hatten, wurden jetzt erneut Opfer von Verfolgung und Unterdrückung.

Bürgerkrieg und Westbindung stabilisierten Klassensystem

Für die griechische Unter- und Mittelschicht setzte sich zudem das alte Klassensystem fort. Eine schmale Oberschicht aus Adel und Besitzenden regiert das Land seit seiner Neugründung 1830, damals noch unter dem Protektorat Englands und Frankreichs. Dabei herausgekommen waren immer wieder Staatspleiten und außenpolitische Niederlagen wie das Scheitern des Feldzuges gegen die Türkei 1922.

Fünfundsiebzig Jahre sind seit dem Bürgerkrieg vergangen – Jahre, in denen sich die verfeindeten gesellschaftlichen Lager nicht versöhnten – auch nicht, nachdem die Militärdiktatur von Demokratie und Mitgliedschaft in der EU abgelöst worden war.

Mehr noch: heute widerholt sich Geschichte. Der Wunsch, sich nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich zu befreien, geriet zum Desaster, an dem der Westen seinen Anteil hat, erst als großzügiger Kreditgeber, dann als drakonischer Gläubiger.

Europa muss den Zorn über ausländische Einmischung verstehen

Und wieder richtet sich der Zorn der Griechen gegen sich selbst, gegen den Staat und gegen die Einmischung von außen, vor allem gegen die Deutschen mit ihrer Austerity oder die Amerikaner mit ihrer Wallstreet. Man mag die ganze Schulden-Banken-und-Strukturkrise als selbstverschuldet ansehen oder auch als heilsam. Doch stiftet nichts mehr Unfrieden als das Déjà-vu des Gefühls, erneut fremdgesteuert zu werden.

Die europäische Idee verspricht, jede Nation mit ihrer eigenen Heldenerzählungen ernst zu nehmen. Das hieße auch, dass einflussreiche Partner von heute wie England, Frankreich und besonders Deutschland ihre unrühmliche Rolle in Griechenlands Geschichte nicht vergessen.

Kluge Politik ließe Athen deshalb seinen eigenen Weg aus der Krise finden. Und keinesfalls dürfte solidarische Hilfe oder eigennützige Strenge wie eine fremde Intervention daherkommen. Kluge Politik sollte die Griechen nicht unterschätzen, anders als es einst die nationalsozialistischen Deutschen taten.

Dieser Beitrag wurde am 27. Juli 2016 im Politischen Feuilleton auf Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt. © Konstantin Sakkas

Header: Generalfeldmarschall Walther v. Brauchitsch (Mitte, mit Marschallstab) vor der Akropolis, Mai 1941. Quelle/Rechte: Bundesarchiv

Niemand braucht die AfD

Die AfD: der Aufstand der Abgehängten

Die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus hat begonnen, und die Umfragen deuten darauf hin, dass die AfD nun auch ins Berliner Landesparlament einziehen wird. Das aber bedeutet nichts weniger als eine Gefahr unabsehbaren Ausmaßes. Denn die AfD ist das Überflüssigste und Gefährlichste, was die deutsche Politik seit der Wiedervereinigung hervorgebracht hat.

Diese so genannte Alternative für Deutschland, die weder eine Alternative, noch für Deutschland ist, ist eine Versammlung von Naivlingen, Brandstiftern und Idioten, die einen veralteten Welt- und Geschichtsbild anhängen und keinen blassen Schimmer von der Welt haben, in der wir leben. In dieser Welt funktioniert alles durch Kompromisse, nichts durch Gewalt. In dieser Welt gibt es längst keine Grenzen mehr, und das ist auch gut so. In dieser Welt lebt alles von einer klugen, wohldosierten Mischung aus Eigeninteresse und Verantwortungsbewusstsein. Und genau daran, an Verantwortungsbewusstsein, mangelt es den Spitzenvertretern der AfD fundamental. Ihre Partei ist eine klassische Protestpartei.

Das Grundgefühl der AfD-Anghänger: nicht wirtschaftliche Not, sondern Weltfremdheit

Das Grundgefühl der Anhänger und Wähler der AfD ist das Gefühl, abgehängt zu sein. Diese Leute sind fortschrittsfeindlich, weil sie am Fortschritt nicht teilhaben, ja: weil sie den Fortschritt nicht begriffen haben. Sie hassen alles, was nach Freiheit riecht, ausgehend von der dumpfen Ahnung, was Freiheit bedeutet: nämlich Eigenverantwortung, Lernbereitschaft, Risikobereitschaft. Das sind die drei Grundtugenden der demokratischen Gesellschaft von heute. Die AfD tritt radikal gegen diese drei Grundtugenden auf.

Nun ist es nicht so, dass man diese Haltung nicht nachvollziehen könnte. Das Paradoxe ist eher, dass die AfD ausgerechnet von den Leuten gewählt wird, die vom Leben in der postmodernen Freiheitsgesellschaft und seinen Mühen und Fallstricken Null Ahnung haben. Den gleichen Vorgang konnten wir vor vier Monaten beim Brexit-Votum erleben: nicht die Vertreter der Generation Y haben für den Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt, nicht die junge, prekäre Mittelschicht, die von den aggressiven, wohlstandsgesättigten Babyboomern mit Gewalt davon abgehalten werden, endlich auch ein bürgerliches, behütetes Leben zu führen, und die Tag für Tag um und für ihr Überleben in der postmodernen Wildnis kämpfen. Sondern weltfremde, aber mehr oder weniger gut situierte Mittelschichtler mittleren Alters plus den üblichen Bodensatz an Fremdenfeinden, Nationalisten und Rassisten.

Diejenigen, die wirklich Grund zur Rebellion hätten, verteidigen die Demokratie

Diejenigen, die am meisten Grund hätten, auf die gegenwärtige Politik zu schimpfen; die das Recht dazu hätten, den Eliten Raffgier und Versagen vorzuwerfen, und die sich wirklich Sorgen um ihr Fortkommen und ihre Zukunft machen müssten: sie sind heute die engagiertesten, treuesten Verteidiger der Demokratie. Sie könnten wirklich Angst haben, aber sie haben keine Angst, denn sie kennen es nicht anders. Wer wie wir in den Neunziger- und Nullerjahren groß wurde, dem wurden alle Illusionen, die man über das Leben irgendwie haben kann, restlos ausgetrieben. Privat und politisch. Und darauf sind wir stolz, weil keiner von uns, um keinen Preis der Welt, in einer anderen Epoche als der heutigen leben möchte.

Deswegen fischt die AfD nicht hier, sondern bei den Abgehängten, den ewigen Losern, ob sie nun arbeitslos sind (was heute längst kein gesellschaftliches Distinktionskriterium ist, was jeder wissen wird, der mal in Berlin gelebt hat), oder auf ihren fetten Beamtenpensionen hocken und jetzt auf ihre alten Tage Bismarck und die “konservative Revolution” entdecken. Diese Leute sind es, die nie den Anschluss an unsere Welt gefunden, die ihn vermutlich auch nie gesucht haben, die jetzt durch ihre Stimme an der Wahlurne die Welt kaputtzumachen drohen, in der wir uns tagtäglich zurechtfinden und die längst ein global village, ein globales Dorf geworden ist, in dem buchstäblich alles mit allem zusammenhängt und in dem man nur hinfällt, um wieder aufzustehen und weiterzugehen. Für uns heißt Leben Problemlösen. Für die AfDler aber mit ihrer negativistischen, verkorksten Weltsicht ist das ganze Leben ein einziges Problem.

Die AfD bietet keine Alternative, sondern den Rückfall in die Barbarei

Die Abgehängten und Weltfremden faseln von Problembezirken, ohne sich wahrscheinlich jemals einen Döner in Neukölln bestellt zu haben. Sie fabulieren von der islamistischen Bedrohung, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie westlich der Orient längst geworden ist. Sie zittern um die finanzielle Stabilität Deutschlands und schieben die Schuld auf “die Flüchtlinge”, obwohl Rente und Arbeitslosengeld nach wie vor pünktlich kommen, obwohl die Straßenbahnen immer noch pünktlich fahren und man sich in  Deutschland immer noch relativ frei von Terrorangst bewegen kann. Diese schöne und freie und eben immer noch erstaunlich stabile und wetterbeständige Welt wollen sie kaputtmachen – weil es eben auch eine gefährliche Welt ist. Aber die Gefahr, das Risiko ist der Preis, den wir eben bezahlen müssen für Freiheit.

Die AfD bietet keine Lösungen, keine Alternativen, sondern nur den Rückfall in die moralische und politische Barbarei. Natürlich stehen wir vor großen Problemen: die wachsende Ungleichverteilung von Chancen zur Vermögensbildung, die auseinandergehende Schere zwischen Kapital und Einkommen (Thomas Piketty), die Erderwärmung, die wir gerade in Deutschland in diesem heißen Sommer wieder live erleben konnten, die lebensbedrohliche Krise der westlichen Mittelschichten und die Erschütterung des Orients durch die Stellvertreterkriege zwischen den USA und Russland, die dort seit 1990 geführt werden.

Die AfD argumentiert mit Topoi aus der historischen Rumpelkammer

Aber auf diese Probleme hat die AfD keine Antwort, ja: sie spricht sie gar nicht wirklich an. Die AfD argumentiert mit Topoi wie “Überfremdung”, “Rasse”, “nationaler Identität”: Topoi aus der Rumpelkammer der Geschichte, Topoi,  von denen wir hofften, sie gehörten gottlob definitiv der Vergangenheit an. Doch anscheinend, leider, finden sich immer genügend Idioten, die solche Topoi ernst nehmen und die denen, die damit werben, auf den Leim gehen.

Die Wahrheit ist: niemand braucht die AfD. Deutschland, das drittgrößte Exportland der Welt, muss ein Hort der Stabilität sein, wenigstens im Innern, wenn es schon außenpolitisch diese – zugegebenermaßen schwierige – Rolle nicht spielen kann. Ja, es stimmt: es ist viel versäumt worden in den letzten fünfzehn Jahren. Ja, es stimmt: Angela Merkel hat die politische Landschaft profillos und langweilig gemacht. Aber war das so schlimm am Ende? War – und ist – es nicht das kleinere Übel? Wir leben in einem System der checks and balances, innen- wie außenpolitisch. Der Mensch von heute ist reif genug, sich seien eigenen Weg zu suchen, frei von Bevormundung. Der Islam an sich ist keine reelle Bedrohung unserer westlichen Werte. Eine reelle Bedrohung aber sind die Unbelehrbaren, die sich abgehängt Fühlenden, die Ängstlichen, die glauben, man könne wieder “große Politik” machen mit Stacheldrahtzäunen und Maschinengewehren an der Mittelmeerküste.

Das große Thema von heute heiß soziale Ungleichheit, nicht “Überfremdung”

Soziale Ungleichheit, Bioethik, Ernährungswirtschaft, Energie: das sind Komplexe, über die es sich zu streiten lohnt, die uns und unsere Zukunft vital berühren. “Nation” und “Überfremdung” sind es nicht. Dahinter verbergen sich Fremdenhass, Lebensangst, Weltfremdheit, nichts anderes, und eine perfide Strategie, die westlichen Demokratien wieder Schritt für Schritt in autoritäre Obrigkeitsstaaten umzuwandeln. Dafür steht die AfD, für nichts anderes. Und deshalb sollte jeder vernünftige Mensch genau hiergegen seine Stimme erheben. Niemand, wirklich niemand braucht die AfD.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Süddeutsche Zeitung Magazin

 

Terror und Teilhabe

Europa nach dem Anschlag von Nizza

Paris, nochmal Paris und jetzt Nizza. Der Terror lässt Europa nicht los. Längst befindet sich der Kontinent in einem kalten Kriegszustand, der Belagerungszutand, den Frankreichs Staatspräsident Hollande – so hieß es noch am Vorabend des Anschlags – zu Ende Juli auslaufen lassen wollte, wird nun verlängert werden. Verlängert auf unbestimmte Zeit. Denn eines ist klar: es wird nicht besser werden. Sondern schlimmer.

Warum? Die Frage aller Fragen stellt sich im Angesicht des Terrors, stellt sich im Angesicht realer, körperlicher und struktureller Bedrohung mit einer Vehemenz, die Europa nach dem Kalten Krieg lange nicht gewohnt war. Warum Terrorismus? Warum eine Serie von Anschlägen, die einen Anfang, aber kein absehbares Ende hat? Warum diese radikale Verunsicherung, die über die friedlichste Großregion der Erde seit einigen Jahren mit jäher Rasanz hereinbricht wie ein Gewitter über einen Sommerstrand?

Europa hat das Politische vergessen

Warum wir uns mit diesem Warum so schwertun, hat zwei Gründe. Zum einen die Unübersichtlichkeit in der globalisierten und digitalisierten Welt von heute. Zum anderen die Verleugnung des Politischen. Denn das Europa, die europäische Öffentlichkeit von heute hat das Politische vergessen.

Dass es überhaupt so etwas wie große Politik nach 1990 noch gebe, ist allein schon eine ungeheuerliche Zumutung für einen Zeitgeist, der seit 1990 tatsächlich glaubte, das „Ende der Geschichte“ sei gekommen. Nun: wir stehen zwar tatsächlich an der historischen Wegscheide zwischen dem Zeitalter der Politik und dem kommenden age of the cyborg, das der israelische Starhistoriker Yuval Harari neulich ausgerufen hat. Nationalität hat die Rolle als essential von Politik, die sie zwischen 1789 und 1945 spielte, endgültig eingebüßt. Dennoch ist Politik nicht tot, soweit wir als das ihr zugrundeliegende Prinzip Partizipation, also Teilhabe verstehen, wie es der Philosoph Volker Gerhardt vor einigen Jahren formulierte. Die Frage der Teilhabe steht im Raum, wann immer mehr als ein Mensch auf dem Planeten lebt. Heute sidn es an die acht Milliarden. Acht Milliarden Menschen, die sich in sozialen Schichten und in territorialen Regionen organisieren: von der New Yorker Upper East Side bis in die Kriegs- und Krisengebiete von Syrien.

Die Angst, zu kurz zu kommen

Wo es Teilhabe gibt, gibt es seit Menschengedenken auch Angst. Angst darum, bei der Teilhabe benachteiligt zu werden, zu kurz zu kommen, herunterzufallen, um persönliche Chancen des Glücks, des Aufstiegs und des Genusses betrogen zu werden. Terror – das lateinische Wort dafür – ist die expressive, gewalttätige Form dieser Angst. Und diese Angst ist real. Sie steckt in den Köpfen, in den Herzen, in den Körpern der Menschen. Die Angst, abgehängt, die Angst, zurückgelassen zu werden. Die Angst, nicht mithalten zu können. Diese Angst betrifft jeden von uns. Und sie betrifft, wie einzelne Menschen, so auch ganze Regionen. Nicht Nationen, nicht „Völker“, wie es Rechtspopulisten in ganz Europa denen von ihnen verführten Wählern weismachen wollen. Aber Regionen und ihre Bewohner. Afrika. Und auch den Orient.

Europa, der vielleicht selbstbewussteste Kontinent der Erde, ist geologisch und auch gepolitisch betrachtet nichts als der äußerste westliche Ausläufer einer riesigen Landmasse namens Eurasien. Europa zeichnet sich, so lange es besteht, aus durch eine explosive Mischung aus unerhörter geistiger Potenz, aus Erfinderreichtum einerseits und einer unglaublich fragilen und verletzlichen territorialen Situation andererseits. So lang es bestand, war dieses Europoa verletzlich. Der Kalte Krieg gönnte ihm von dieser Verletzlichkeit, die es an der Rand der Zerstörung, der phyisischen Auslöschung gebracht hatte, eine Atempause. Siebzig Jahre währt nun diese Atempause. Doch, so viel ist klar, diese Atempause ist zu Ende. Und die Einschläge kommen näher.

Frankreich ist nur der Anfang

Frankreich ist nur ein Anfang. Frankreich ist so verwundbar nicht etwa, weil es ein Problem mit seiner Einwanderung hätte, denn Deutschland ist inzwischen mindestens genauso ein Einwanderungsland, wie es Frankreich seit dem Ende der Kolonialzeit ist. Frankreich ist verletzlich, weil es die politische stärkste Macht Kontinentaleuropas ist. Frankreich verfügt über eine expressive politische Kultur. Frankreich verfügt über einen historischen Mythos. Frankreich verfügt über eine imperiale und eine koloniale Vergangenheit. Und Frankreich verfügt über eigene Atomwaffen.

Aus allen diesen Gründen verfügt Frankreich auch über geopolitische Konzeptionen, die weit über den kerneuropäischen Rahmen hinausreichen, in dem sich der Europadiskurs insbesondere in Deutschland seit Langem bewegt. Nicholas Sarkozy bewegte sich mit seinem Projekt einer Mittelmeerunion in diese Richtung. Wieso nennen wir den Orient Orient und nicht etwa Westasien? Weil der Orient historisch und geopolitisch nichts anderes ist als der Osten Europa, der vergessene östliche, eben „orientalische“ Flügel unseres Kontinents. Die Gründungsmythen Europas, vom Gilgameschepos über die attische Polis bis zum Leiden und der Auferstehung Jesu, sind orientalische Mythen. Europas, die abendländische Geschichte ist in the long run betrachtet nichts anderes als die Geschichte der praktischen Adaption dieser morgenländischen Mythen. Nur hat Europa diese seine Wurzel, und damit auch seine politische Verantwortung jenseits seiner Grenzen, gründlich vergessen.

Solang Europa seine Verantwortung wegdelegiert, wird sich die Schlinge weiter zuziehen

Solange sich die europäischen Mächte, und allen voran Deutschland, nicht dieser Wurzel und dieser Verantwortung besinnen, wird sich die Lage nicht bessern. Solange Europa immer noch glaubt, seine außenpolitische Verantwortung wegdelegieren zu können an die USA und Russland, wird sich die Schlinge um Europa weiter zuziehen mit unabsehbaren Folgen.

Terrorismus ist nicht die einzige Bedrohung, die unserer harrt. Genauso bedrohlich, wenn nicht bedrohlicher ist die Verarmung, auf die wir zurasen. Italien sei wie Griechenland, nur schlimmer, heißt es schon auf den Fluren Brüssels. Die Generation Y wird die erste europäische Generation seit Langem sein, aus der mehr Menschen sozial ab- als aufsteigen werden. Das äußere Problem Europas heißt Terror. Das innere Problem Europas heißt Angst.

Der Orient gehört zu Europa

Die Randregionen Europas sind der Orient und Nordafrika. In Intellektuellenkreisen in Frankreich und Deutschland ist dieses Denken längst Gemeingut. Nur politische wird dieses Denken immer noch nicht, oder nicht stark genug, kommuniziert. Millionen von Menschen leben dort, die teilhaben wollen an den unglaublichen Reichtümern, am Luxus der Globalisierung und des Sozialstaates, von dem das kleine Europa profitiert wie keine andere Region dieser Welt. Wer das Politische für old fashioned und nicht mehr aktuell hält, verkennt, dass es Wettbewerb und Distinktion auf der Welt gibt und geben wird, solange zwei Menschen an einunddemselben Platz leben werden, die sich voneinander unterscheiden und die einander überlegen sein wollen. Diese Distinktion, wir sagten es bereits, betrifft Individuen genauso wie Gruppen von Individuen. Die Mittelschicht wird durch den digital shift, den Wegfall von Millionen traditionellen Arbeitsplätzen und die Übermacht der Finanzwirtschaft aufgerieben. Die emerging middle class im Orient und der Levante wird durch Krieg und Bürgerkrieg ihrer wirtschaftlichen und materiellen Grundlage brutal beraubt und flieht in den Westen, flieht nach Kontinentaleuropa. Großbritannien, genauer England und Wales, haben darauf bereits reagiert und mit dem leave vote den Weg in die isolationistische Richtung eingeschlagen, den die USA, von jeher das politische und ideologische Vorbild des modernen Englands, seit Ende des Kalten Krieges bereits gehen.

Europa, das heißt Kontinentaleuropa, kann diesen Weg nicht gehen. Europa trennt kein Ärmelkanal vom Orient, geschweige denn ein atlantischer Ozean. Europa hat keinen Panzergraben. Europa muss den Tatsachen ins Auge sehen. Europa muss auch seine Geschichte wiederentdecken, anstatt dieses Feld den Rechtspopulisten vom Front national und von der AfD zu überlassen. Europa muss endlich eine gemeinsame außenpolitische Agenda auflegen. Europa muss sich politisch erweitern, nicht Richtung Russland, sondern Richtung Orient. Europa muss eine gemeinsame Wirtschaftspolitik auflegen, die hinausreicht über Subventionen und eine Währungsunion, die die reichen Volkswirtschaften reicher und die armen ärmer gemacht hat. Europa muss endlich eine außenpolitische Vision entwickeln. Wenn nicht, dann fällt irgendwann der Vorhang.

Europa muss endlich eine außenpolitische Vision entwickeln

Der Orient ist Europas Hinterland. An dieser Erkenntnis führt, das zeigen die jüngsten Ereignisse, kein Weg vorbei. Entweder die europäische Politik stellt sich dieser Erkenntnis; oder sie zerbricht irgendwann daran. Der Mensch, heißt es, lernt entweder durch Einsicht, oder durch Katastrophen.

Seit fünf Jahren stehen die USA und Russland einander im Orient gegenüber. Den IS versuchen sie, mit Drohnenschlägen zu bekämpfen. Bodentruppen will keiner von ihnen schicken, obwohl jeder weiß, dass nur das die Lösung bringen könnte. Warum? Weil niemand in Washington und Moskau sich einen zweiten Checkpoint Charlie leisten will und leisten kann. Beide Länder bilden in sich geschlossene politische und gesellschaftliche Kosmen. Beide haben ein Mittelschichtenproblem und kämpfen mit einer wachsenden öffentlichen Vesrschuldung. Beide werden autoritär regiert, beide fördern ihre Wirtschaft durch einen dezidierten Liberalismus, der zwar global agiert, aber das eigene Wohl – natürlich – in den Vordergrund stellt. Die europäischen Eliten und auch Teile der europäischen Mittelschicht orientieren sich längst gezielt in eine der beiden Richtungen. Sie wissen, was jeder von uns spürt: dass in Europa bald die Lichter ausgehen könnten, und dass es dann darauf ankommt, auf der richtigen Seite zu stehen.

Die angestammte europäische Indifferenz ist eine Sackgasse

Die alte europäische Indifferenz, die nirgends so ausgeprägt ist wie in Deutschland mit seiner auf Konsens und Quietismus ausgelegten politischen Kultur, ist eine Sackgasse. Europa, das wollen viele hier nicht hören, verdankt seinen beispiellosen Aufstieg zu Ruhe, Frieden und Reichtum dem Agreement der beiden Supermächte nach 1945, die Deutschland und in seinem Windschatten die übrigen Länder West- und Osteuropas nach Kräften pamperten, um es nicht zum Schlachtfeld künftiger Weltkriege, die sehr wahrscheinlich das Ende der Welt bedeutet hätten, werden zu lassen, und um den Europäern die Lust auf imperialistische Abenteuer ein für allemal zu nehmen. Wer hat schon noch Lust darauf, die Welt zu erobern, wenn er sich jederzeit ein Flugticket in jeden Winkel der Welt kaufen kann? Wer hat es nötig, Lebensraum oder rohstoffreiche Räume zu erobern, wenn er im Überfluss lebt, seine Rechnungen zahlen und dazu noch Vermögen anhäufen kann?

Das war die europäische Vision von 1945 bis 2015, eine exogene Vision, Europa und den Europäern oktroyiert von Amerika und Russland, nicht im Kontinent selbst geboren. Ihr verdankten unsere Großeltern und Eltern den Frieden und Wohlstand der vergangenen Jahrzehnte. Diese Epoche geht nun ihrem Ende zu, wenn sie nicht schon vorüber ist. Die alten Eliten müssen den Jungen Platz machen, die wirklich Ahnung vom heutigen Leben haben, weil sie dieses Leben und seinen brutalen Ernst on the edge kennen, und nicht nur aus Hollywood oder aus der Berichterstattung. Terror und Teilhabe: beides ist im Zeitalter der Globalisierung nicht voneinander zu trennen, so wie die Opfer von Nizza nicht zu trennen sind von den Unzähligen, die sich kein Ticket nach Nizza und kein Hotelzimmer dort leisten können.

Terrorismus wird man nur durch ein Mehr an Teilhabe bekämpfen können

Den Terrorismus wird man nur durch ein Mehr an Teilhabe bekämpfen können, nicht durch ein weniger. Die Angst wird man nur bekämpfen durch lautes und offenes Aussprechen der Dinge, nicht durch ihr geflissentliches Verschweigen und Beschönigen. Entweder die europäische Politik, allen voran Deutschland und Frankreich, lernen diese Lektion und setzen sie um. Oder es gibt noch mehr Terroranschläge, noch mehr Abgehängte und Verarmte, noch mehr tote Flüchtlinge im Mittelmeer, und irgendwann wird Deutschland Ground Zero des nächsten Terroranschlags.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Der LKW von Nizza, 14./15. Juli 2016

 

 

The age of the cyborg and us

Reflections on the present state of human history

Yuval Harari, professor at the University of Jerusalem and worldwide renowned author of best selling popular history books as ‘Sapiens. A brief history of mankind’, recently has stated that the ‘age of the cyborg has begun’. What however does this mean to us as men and as historic creatures? And: which age actually has ended, yielding ground to the beginning of the new age of the cyborg?

My answer is that nothing less has ended – or is in the process of ending right now – than what I am calling the ‘age of politics’. For the coming of age of the cyborg does not mean anything less than the beginning of a completely new age in human history at all. The common differentiation into the three big ages – antiquity, middle ages, modern period – with this historical turnaround definitely becomes obsolete. Those three ages all together form just what I am calling the age of politics.

I set the beginning of this political age at the turnaround from prehistory to ‘regular’ history, i.e. the beginning of fixed tribal settlement and agriculture at about 10.000 BC. Some millennia after this turnaround, the neolithic period fades out into the bronze age wich is marked by the rise of the first big empires in all over Eurasia, from China to Sumer and finally Egypt at about 3.000 BC. All historical processes in whose light we stand are basically initiated by this historical landmark about five thousand years ago. That is what I call the ‘age of politics’.

The age of politics after a 5.000 years rule has finally ended

This political age now seems to have come eventually to an end. Globalization fundamentally has transformed the common view and understanding of politics. Once an instrument of antagonism between tribes and nations living on different territories and fighting each other for the possession of the most prosperous and best accessible settling places, politics completely have changed their essentials during the 20th century. The epoch of world wars and nuclear warfare has led to a general stalemate of international political competition in the classical sense.

Due to the global network of men implemented by the digital shift, people in all over the world more and more are regarding themselves as children of just one and only tribe, i.e. of mankind at all. Frontiers more and more do no longer exist but on paper, territorial and economic obstacles which once conditioned human existence lose their importance to daily life and by this to humans self regard and see conscience at all.

The age of politics was the age of negativity

The age of politics was dictated by the principles of necessity and violence. Men regarded themselves as surrounded by numerous – physical and political – obstacles on whose overcoming they put most of their intellectual, physical and emotional force. All myths of the occident in particular were myths of violence and fighting, of suffering and its final overcoming.

The unsafe and unstable condition human existence was submitted to in this age not only determined politics, but even more the emotional access of men towards world and living. Challenges mainly were considered as insuperable obstacles imposed on men by god or higher powers which were to overcome only by miraculous power in return. The intellectual experience of negativity which stands at the beginning of ‘modern’, post-neolithic nation building thus romanticized man’s entire view of the world. The age of politics thus became the age of romanticism, too.

The age of politics was the age of romanticism, too

Romanticism soon infiltrated all spheres of human life and culture. From the Gilgamesh epos to Romeo & Juliet, romanticism dominated human imagination of both politics and love, i.e. the two essential areas of human self-development. Life was considered as an endless struggle against incalculable and imponderable powers, in political as in private life. Thus, the figure of the tragic hero became the role model of this entire age, from Gilgamesh himself to the late period of 19th century manliness with its specific mixture of mightiness and depression.

The industrial shift of the past 200 years which was originated by the rise of sciences during the early modern period the two centuries before transformed this disposition of human mind to the ground. Mankind slowly but continuously left the stage of romanticism and negativism and stepped forward towards the level of its full emancipation. Fear and doubt, two basic sentiments of human mind which had been enormously vivid during the history of ideas from the late middle ages until the pre world war 1 era, successively ceased to exert their domination on human mind. Instead, man started to expand economically and scientifically beyond the bounds until then seemingly fix and insuperable nature had set.

The 20th century thus became the age of space travel and computer technology. Shadowed by the vicissitudes of world war 2, both technologies spread their wings and turned out to be the decisive culture techniques of our time. Man started to leave behind the state of dependency and weakness and lifted up to new, unknown spheres, inside himself as well as outside, regarding his affective household likewise his grip on political relations and economic and scientific opportunities.

The age of the cyborg already starts in the middle of the 20th century

Thus, the triumph march of the cyborg is scripted already in the middle of the 20th century, immediately in the aftermath of the age of world wars. Besides classical politics which continue to play their traditional role, economy gains an until then unknown weight. Nowadays, it’s economy and no longer politics which most determines human self-development and human self-positioning in the world. Globalization and digital change have unleashed an unrestrained sense of personal freedom in each of us. In consequence, there are no more nations, but only one common and consistent mankind split up on different territorial positions – positions which can more and more easily be overcome by the means of modern tourism and job migration.

Our traditional – and particular european – view on history is fundamentally transformed. Sooner or later we will get used to look on history no longer as on a chain starting in the antiquity and leading via the middle ages to the so called modern period. Quite differently, we will start to differentiate between the prehistoric age (which widely is coincident with the stone age, i.e. the age of man as hunter-gatherer), the age of politics with a total duration of ca. 5.000 years staring with the big empires and ending with the cold war and the age of the cyborg whose birth process we are just witnessing.

Our view on history will be redefined

The age of the cyborg politically will no longer be determined by inner-earth relations, but by relations between earth and the extraterrestrial sphere as well as by relations between the global population and the globe itself. The real and most essential meaning of globalization is that whatever is concerned, is – or will be – concerned in the light of the entire globe, of earth and of mankind itself, and no longer in the light of a particular part of this mankind.

The green wave which is rooted politically in the civil right movements of the mid-20th century, ideologically though in the progressive movements of the early 20th century, has given the process of globalization the decisive drive and necessary framework. Economy soon will succeed with the redefinition of work and income, a process which, too, has already been kicked off and is getting the faster the faster working life, production chains and supply channels themselves are transformed by globalization and digital shift.

Bio-logic replacing onto-logic

We therefore are entering an entirely new age, an age where politics will no longer be determined by the pursuit of advantages in the access to survival resources, but where politics will be ‘bio politics’, as Michael Hardt and Antonio Negri have called it in ‘Empire’, however not in the original negative meaning, but in affirmative sound, referring to the bio-logic as the logic of the new age.

This bio-logic will – or rather already has – successively replace the traditional, negativitarian onto-logic which had been dominating the age of politics, i.e. human history for the last five thousand years. The age of existentialist negativity has come to an end. The age of active re-creating nature by man as natures’s most extravagant creature is about to start.

© Konstantin Sakkas, 2016

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Weltkrieg der Mittelschichten

Künftige Konflikte werden weltweite Konflikte zwischen den Mittelklassen sein

400 Dollar. So viel kostet eine durchschnittliche Autoreparatur in den USA. Ein Betrag, den sich viele in der hochverschuldeten amerikanischen Mittelschicht nicht oder nur schwer leisten können. Amerikas Mittelklasse ächzt und stöhnt unter ihrer wachsenden Verschuldung und Verarmung.

400 Euro. So viel kostet bei uns in Deutschland der TÜV, ein neues Inlay, eine neue Winterjacke. Eine Summe, an der auch hier immer mehr Menschen zu knabbern haben. Wohlgemerkt nicht Arbeitslose und Ein-Euro-Jobber. Sondern Menschen aus der Mittelklasse. Akademiker, Angestellte, Selbstständige.

Was immer man über den französischen Ökonomen Thomas Piketty denken mag: mit seiner Analyse, dass den Mittelschichten der westlichen Industriestaaten eine gigantische Verarmungswelle bevorsteht, wird der Autor des Bestsellers „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ Recht behalten.

Zwischen 1950 und 2000 vollziehen die westlichen Gesellschaften einen gigantischen Aufstiegsprozess

Hinter uns liegen fünfzig erfolgreiche Jahre. Den „dreißig glorreichen Jahren“ des Wirtschaftswunders zwischen 1950 und 1980, in denen die Weichen für eine moderne Betriebsverfassung mitsamt Kündigungsschutz und großzügigen Rentenanpassungen gestellt wurden, folgten ab 1970 die dreißig glorreichen Jahre der Bildung.

Kinder von Arbeitern und kleinen Angestellten machten auf einmal Abitur, studierten, wurden Akademiker. Die gesamte Gesellschaft machte einen riesigen Aufstiegsprozess durch. Staat und Wirtschaft flankierten diesen Prozess durch breitangelegte Förderprogramme und eine großzügige Kreditpolitik. Der amerikanische Traum der Nachkriegszeit, wie wir ihn aus „Brokeback Mountain“ kennen, hielt Einzug in Europa: ein eigenes Haus oder Reihenhaus, mindestens ein Auto, Gymnasialbesuch und anschließend ein Hochschulstudium für die Kinder waren nicht länger ein Privileg der Oberschicht, sondern wurden zur Regel für fast alle.

Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft ist seit den 1980ern Realität

Bereits in den Sechzigern erfand der Soziologe Helmut Schelsky für diesen Prozess den Begriff der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“. Damals freilich war die Gesellschaft noch weit davon entfernt. Der eigentliche Durchbruch kam in den Achtzigerjahren. Im Schatten des Kalten Krieges und unter dem Schutzschirm der amerikanischen Containmentpolitik schien sich in Europa ein ewiger Sabbat des Friedens und Wohlstandes auszubreiten.

Verantwortlich waren dafür allerdings nicht nur die Marshall-Milliarden, die bald nach Kriegsende in die öffentlichen Kassen aller westlichen Länder und auch Jugoslawiens und der Türkei flossen. Der Zusammenhang ist ein viel größerer.

Vor einhundert Jahren stirbt die klassische europäische Oberschicht

Vor einhundert Jahren tobte in Europa der Erste Weltkrieg. Seine vielleicht wichtigste Folge war keine politische, sondern eine gesellschaftliche: der Tod der alten europäischen Oberschicht und zeitgleich die Geburt der Mittelschicht von heute. Von 1914 bis 1923 wütete in allen kriegführende Staaten eine verheerende Inflation. Das Deutsche Reich und Österreich waren als Kriegsverliere am stärksten davon betroffen, was bei uns bekanntlich in der Hyperinflation von 1923 gipfelte. Aber auch in England und Frankreich vernichteten die Geldabwertung sowie die immer erdrückendere Konkurrenz der USA auf dem Weltmarkt die Kapitalbasis der alten Oberschicht. Bis zu diesem Zeitpunkt war es in den höheren Gesellschaftsklassen üblich, von Kapitalerträgen zu leben, die mit schöner Regelmäßigkeit aus Fonds auf die Konten der Privatleute flossen. Der Romancier Marcel Proust etwa († 1923), Sohn eines reichen Pariser Bankiers, bezog umgerechnet 12.000 € Zinsen – damals vornehm auf Französisch Renten genannt – aus seinem Anlagevermögen– pro Monat, wohlgemerkt.

Die große Inflation machte damit Schluss. Wirtschaftshistoriker sprechen in dem Zusammenhang vom Tod der Rentiers. Auf einmal war arbeiten gehen keine Frage des Status oder des Vergnügens mehr, sondern bittere Not. Der Film „Just a Gigolo“ (1979) mit David Bowie und Marlene Dietrich in ihrer letzten Leinwandrolle sing genau davon ein Lied. Die frühere Oberschicht bröckelte ab und vermischte sich mit Aufsteigern aus der Arbeiterklasse, die ebenfalls der Erste Weltkrieg hervorgebracht hatte, zu einer neuen Mitteklasse.

Diese neue Mittelklasse musste versorgt werden: mit sicheren und vor allem ausreichenden Arbeitsplätzen, mit großzügigen Bankkrediten, mit sozialer Absicherung. Der Tod des Rentiers war zugleich die Geburt der heutigen Mittelschicht.

Der Tod des Rentiers war zugleich die Geburt der Mittelschicht von heute

Sowohl Europa als auch die USA stehen in den Dreißigerjahren ganz im Zeichen dieser neuen Mittelschichtpolitik. Roosevelts von John Maynard Keynes inspirierter New Deal und Hitlers kreditfinanzierte Wohlfahrts- (und Rüstungs-) Politik sind die bekanntesten Beispiele hierfür.

Dieser Trend setzte sich nach dem Krieg fort: in Deutschland sowie in der ganzen westlichen Welt. Die USA als tonangebende westliche Siegermacht hatten ein Ziel: die Förderung einer möglichst wohlhabenden Mittelschicht in ganz Westeuropa, um so einen Abfall zum Kommunismus (wie er vor allem in Klassengesellschaften wie Italien und Griechenland drohte), aber auch einen Rückfall in kontinentale Alleingänge wie den Nationalsozialismus (denn als solcher wurde er jenseits des Atlantiks wahrgenommen) zu verhindern.

Der Zweite Weltkrieg vollendete wirtschaftspolitisch, was der Erste begonnen hatte

Der Zweite Weltkrieg vollendete so gesellschafts- und wirtschaftspolitisch, was der Erste begonnen hatte. Die westlichen Gesellschaften vermittelschichteten. Viele Söhne der Unterklasse waren 1918 als Unteroffiziere, deren Söhne dann 1945 als Offiziere nach Hause gekommen. Ihre Familien strebten in die unternehmerische Selbstständigkeit und ins Akademikertum. Studieren war kein Privileg abgesicherter Bürgerskinder mehr, sondern wurde zum Volkssport.

Achtundsechzig tat dann das Übrige. Seine wichtigste Folge war weniger die Politisierung der Studentenschaft, als vielmehr die Akademisierung der Nichtakademiker. Viele von ihnen wollten nun auch Studenten sein – um mitreden zu können und um dazuzugehören. Die neuen sozialen Bewegungen als politische Folge von Achtundsechzig schufen hierzu die Grundlagen: es wurde Mode, das Abendgymnasium zu besuchen, die Universitäten erhielten immer mehr Zulauf und lockten durch ein de facto kostenloses Studienangebot, das direkt in bessere Beschäftigungsverhältnisse zu führen versprach, BAFÖG und Sozialhilfe gewährleisteten die Freiheit von extremer Not und Armut während und nach dem Studium. In den 1980er Jahren war aus Deutschland die perfekte Mittelschichtgesellschaft geworden.

Seit den Achtzigern geht es bergab

Seitdem geht es bergab. Zur Überflutung der Universitäten, die längst keine individuelle Betreuung mehr gewährleisten, kommt eine immer erdrückendere Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Sozialer Status hat sich längst vom Einkommen entkoppelt. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse betreffen nicht nur den ungelernten Arbeiter, der von Zeit- und Leiharbeitsfirmen ausgebeutet wird, sondern auch den Mittelschichtler mit Hochschulabschluss, der sich von Job zu Job hangelt, mal schlechter, mal besser bezahlt, immer mit dem Damoklesschwert des finanziellen Absturzes und der Altersarmut über dem Kopf. Angestellte gehen mit hohen Abschlägen in die Rente, Immobilien sind keine Wertanlage, sondern reine Wohnobjekte, die oft entweder noch verschuldet an die Kinder vererbt, oder von diesen im Wege der Erbteilung veräußert werden. Dabei spielt elterliches Vermögen bei der sozialen Absicherung der Generation Y und der Millennials, also der zwischen 1970 und 2000 Geborenen, in demselben Maße eine immer größere Rolle, wie es immer kleiner wird.

Das Prekariat ist längst ein Mittelschichtenphänomen

Die Krise der Mittelschichten ist ein weltweites Phänomen. Die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA werden am Ende nichts anderes als ein Referendum über die Zukunft der amerikanischen Mittelklasse sein. Einer Mittelklasse, die längst vom Fortschritt abgehängt wurde und als deren Sprecher aller Voraussicht nach Donald Trump ins Rennen gegen Hillary Clinton gehen wird.

Auch die Krise in Syrien, dem Irak und Ägypten ist eine Krise der dortigen Mittelklassen. Die Flüchtlinge, die bei uns ankommen, sind längst nicht mehr nur ungelernte Arbeiter mehr, die sich mit einem 400-Euro-Job hinter er McDonald’s-Theke abspeisen lassen. Sondern Ärzte, Anwälte und Ingenieure, die im reichen Europa den Standard wieder erreichen wollen, den sie in ihrer vom Krieg geplagten Heimat einst innehatten.

In Europa aber treffen sie auf eine Mittelschicht, die selber ums Überleben kämpft. Im längst verarmten Südeuropa ebenso wie in Frankreich, Österreich und Deutschland. Osteuropa, das seit dem Ende des Kalten Krieges 1990 verzweifelt den Anschluss an den reichen Westen sucht und seit je scharf an der Überschuldung entlangsegelt, war von vorneherein ein Gegner der deutschen Flüchtlingspolitik. Der wirtschaftliche Absturz, der den Mittelschichten auf dem ganzen Kontinent droht, wird die Länder des früheren Ostblocks als erste treffen.

Für die Mittelschicht gilt die Parole: rette sich, wer kann

Längst gilt für die Mittelklasse in Europa: rette sich, wer kann. Jobmigration ist schon lange nicht mehr das Unterschichtenphänomen, das es früher einmal war, zuletzt während des europäischen Wirtschaftswunders, als Millionen unqualifizierter Gastarbeiter aus Italien und der Türkei, später auch aus Ostasien und dem Orient nach Europa strebten. Hochqualifizierte Expatriates migrieren aus Industriestaaten in andere Industriestaaten wie die USA, oder ins aufstrebende China.

Noch suggerieren die Politiker der reichen EU-Staaten, es könne alles so weitergehen wie bisher. Doch öffentliche und private Verschuldung werden früher oder später das traditionelle Gefüge von Tariflöhnen und öffentlichen Leistungen aufgefressen haben. Was folgt, ist nicht Hunger – aber Verschuldung, Armut und der Tod der Mittelklasse. Leinwandepen wie die „Hunger Games“-Trilogie oder auch Serien wie „Orange ist the new black“, die den sozialen Absturz von westlichen Mittelschichtlern erzählen, bereiten ihre Zuschauer auf genau dieses Szenario vor

Im Westen wird fieberhaft an alternativen Modellen der sozialen Absicherung gearbeitet

Schon arbeiten Think Tanks und Bürgerinitiativen in der ganzen westlichen Welt fieberhaft an alternativen Einkommensmodellen. Anfang Juni findet in der Schweiz das erste landesweite Referendum über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens statt. In den USA wird bereits eine negative Einkommenssteuer auf Niedriglöhne erhoben, die als Zuschuss auf diese Löhne ausgezahlt wird.

Und auch in Deutschland werden solche Überlegungen immer populärer. Manager wie dm-Gründer Götz Werner oder Telekom-CEO Timotheus Höttges erwarten für die nächsten Jahrzehnte einen massiven Wegfall von Arbeitsplätzen durch die weitere Automatisierung von Produktionsvorgängen. Beide Manager gehören zu den Befürwortern eines Grundeinkommens.

Grundeinkommensmodelle werden überall im Westen diskutiert

Die Industrialisierung der Landwirtschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat den uralten Feind der Menschheit, Hunger, in den Industriestaaten faktisch ausgerottet. Die digitale Revolution, in der wir uns befinden, macht nun auch Millionen Arbeitsplätze überflüssig. Mit Hochdruck forschen Wissenschaftler in aller Welt an künstlicher Intelligenz. Schon experimentiert die Deutsche Post mit Paketzustellungen per Drohne. Skandale wie der um manipulierte Abgaswerte bei VW und Mitsubishi zeigen, dass nicht mehr Maschinenbau, sondern Softwareentwicklung die wirtschaftliche Kernkompetenz der Industriestaaten ist. Internetkonzerne wie Google, Apple oder Facebook dominieren folglich schon jetzt die Aktienmärkte und bauen diese Position weiter aus. Ihre Stärke rührt auch daher, dass sie mit weitaus weniger Beschäftigten auskommen als ein klassischer Industriekonzern.

Jeder sucht den Statuserhalt

Aus der Industriegesellschaft ist längst eine Dienstleitungsgesellschaft geworden. Nun geht es auch dem Dienstleistungssektor an den Kragen. Die Folge: viele klassische Karrierepfade der Mittelschicht führen ins Leere. Die Politik sucht nach neuen Konzepten der sozialen Absicherung. Der Einzelne aber sucht den Statuserhalt. Auch ein Grundeinkommen wird nicht den ewigen Drang des Menschen nach Distinktion und Wettbewerb beseitigen. Wir werden einen kalten Weltkrieg der Mittelschichten erleben, einen Weltkrieg um Statuserhalt und Statusgewinn.

Europa wird Schauplatz des kalten Kriegs der Mittelschichten sein

Europa ist in diesem Kampf besonders gefährdet. Durch seine geopolitische Lage und durch seine politische Uneinigkeit. Die Großmächte Russland und China verfolgen längst eine Politik der gesellschaftlichen Abschottung und ziehen bewusst eine ehrgeizige und expansive Mittelschicht heran. Die Supermacht USA erkennt – das zeigt der Wahlkampf –, dass sie wieder ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten für die eigene middle class werden muss, will sie im internationalen Wettbewerb nicht zurückfallen. In Europa sind die Mittelschichten überall im Wanken, am schwersten im Süden, aber immer mehr auch im reichen und bisher stabilen Mitteleuropa. Nun kommt Konkurrenz aus dem Orient dazu, der immer im Windschatten Europas fuhr.

Es wird spannend. Niemand kann vorhersagen, wo sich Europa und die Europäische Union in zwanzig Jahren befinden werden. Gut möglich, dass die derzeitige Krise den Kontinent wieder enger zusammenrücken und erstarken lässt. Genauso gut aber ist es möglich, dass der Doppeldruck der geopolitischen Situation und der digitalen Transformation des Arbeits- und Wirtschaftslebens Europa dauerhaft schwächen wird. Eine neue Unterschicht wird entstehen, die mit vielen gefallenen Mittelschichtlern gefüllt werden wird. Und politisch könnte Europa nach tausend Jahren der weltpolitischen Dominanz endgültig durch die Flügelmächte USA im Westen und China im Osten marginalisiert werden.

© Konstantin Sakkas, 2016