Des Westens wahre Werte

Eine Fernsehserie, deren Protagonist erst seinen depressiven Parteifreund, dann eine kleine Journalistin heimtückisch ermordet und anschließend durch Lügen und Intrigen Präsident der USA wird, wird weltweit als höchster Ausdruck der westlichen politischen Kultur gefeiert, und ein Film, dessen Protagonist, ein reicher Unternehmer, seine – von ihm wirtschaftlich abhängige – Geliebte mit dem Gürtel verprügelt, gilt als erhabenster Ausdruck von Liebe und Selbstbestimmung.

Merkt eigentlich niemand, wie tief wir schon im Dreck stecken? Sieht niemand, dass unsere westliche Kultur längst ihren Bankrott erklärt hat? Die Rede von den westlichen Werten ist längst nur noch Gerede, ist nur noch dünne Tünche über einer biopolitischen Realität, in der nur mehr Sozialdarwinismus, Dominanz und Ausbeutung zählen. Seit je definiert sich der Westen als Antipode zum vermeintlich barbarischen Orient; doch nicht das Orientalische, sondern das Westliche ist heute das eigentlich Barbarische.

Der Westen ist barbarisch, nicht der Orient

Dass es so kam, war freilich nicht zwangsläufig. Es ist Folge davon, dass der Westen seine eigenen Werte nicht mehr ernst nimmt. Der Geist des Neoliberalismus hat in den vergangenen dreißig Jahren einen tiefgreifenden Gesinnungswandel bewirkt, dem sich niemand, der am öffentlichen Leben irgendwie teilhabt, mehr entziehen kann. Die westliche Kultur befindet sich auf einem dauernden Drogentrip, der in krassem Widerspruch zu dem steht, was bei uns offiziell an Respekt, Toleranz und Menschlichkeit gelehrt wird.

„Zakat heißt: Du hilfst den Schwachen“ – so wirbt ein islamischer Verein in der Berliner U-Bahn. Im Westen heute wird dagegen gelehrt: ist einer schwach, tritt ihm nochmal ins Kreuz, schlag ihn nochmal ins Gesicht. Stürze den, der fällt, anstatt ihn zu stützen. Unter Hohngelächter wird Suizidalen in deutschen Innenstädten zugerufen: „spring doch, spring doch“! Man „hat nicht“ schwach zu sein. Schwäche ist eine Schande, ist die eigene Schuld. Und schuldig bist du auch, wenn Dir ein anderer Deine Ehre – huch, gibt es das überhaupt? – nimmt. Selbst schuld, Du Opfer. Eine westliche Institution, die offen dafür werben würde, „den Schwachen zu helfen“, würde sich hoffnungslos lächerlich machen.

Sadomasochismus als Leitideologie des Westens

Dieses sadomasochistische Meisternarrativ ist der eigentliche westliche Wert von heute, und es ist die große Lebenslüge des Westens, dass er zwar „Voltaire“ sagt, aber eigentlich „Sade“ meint. Durch diese Delegitimierung des Menschlichen aber – und sie geschieht systematisch und planvoll – beraubt sich der Westen seiner eigenen Legitimation. Man schaue sich einmal eine „ehrliche“ Serie über den Westen an wie, immer noch, Homeland oder neuerdings Designated Survivor, und man weiß, was gemeint ist.

Die westlichen Narrative von heute folgen allesamt einem gewaltpornographischen Grundmuster: noch eine Steigerung, noch eine Grenzüberschreitung, noch ein Exzess. An den Menschen und seine Würde, auf die sich der Westen seit der atlantischen Revolution vor zweihundert Jahren beruft, denkt man nicht mehr.

Mit den westlichen Werten ist es wie mit des Kaisers neuen Kleidern: alle reden über sie, aber niemand hat sie wirklich „gesehen“. Doch wie im Märchen, so ist es auch in der Geschichte nur eine Frage der Zeit, bis dem Westen seine Menschheits- und Menschlichkeitsvergessenheit irgendwann um die Ohren fliegt. Aber: wollen wir wirklich zulassen, dass es so weit kommt?

 

Vorstehender Text wurde von der Redaktion des Deutschlandfunk Kultur im Juni 2017 als Beitrag in der Sendung “Politisches Feuilleton” abgelehnt. © 2017, Konstantin Sakkas

Header: Brody und Issa. Szenenfoto aus Homeland, Season 1, Episode 9 (“Crossfire”). Rechte: Showtime

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Nähe, nicht Fremdheit. Der Islam und wir.

Durch seine behauptete Voraussetzungslosigkeit schneidet sich der Westen selbst von seinen orientalischen Wurzeln ab

Seit 2001, eigentlich schon seit Huntington – an dessen Buch ich immer wieder “gescheitert” bin, weil mir der Inhalt gegenüber den durch den Titel evozierten Erwartungen bei jedem Versuch schlicht zu banal vorkam – wurden wir – sofern nicht ausdrücklich links sozialisiert – erzogen, den Islam als gefährlich, expansionistisch und radikal, jedenfalls aber dem Westen fremd und dazu historisch überholt abzulehnen. Mein erster journalistischer Beitrag, in der Schülerzeitung meines Gymnasiums, ging ebenso in diese Richtung. Heute schäme ich mich der hochtrabend daherkommenden Naivität des Achtzehnjährigen.
In den Schulen nimmt man zwar Nathan den Weisen und vielleicht Mozarts Entführung durch, seit meiner Jugend auch das Leben des Malcom X und das Schicksal von Pakistanis im postkolonialen England. Carrie Mathison, die blonde, grünäugige Madonna des Westens, empfing eine Tochter mit dem schönen, germanischsten aller Mädchennamen, Frances, von einem Muslim, und sie half Abu Nazir dabei, Rache zu nehmen für den grausamen Tod seines Sohnes Issa an ihrem eigenen Oberbefehlshaber Walden, in dessen Figur man unschwer George W. Bush wiedererkannte (oder Trump antezipieren konnte).
Doch selbst heute erfährt man viel zu wenig – hier kann ich nur für Deutschland sprechen – über die enge Wesensverwandtschaft zwischen orientalisch-islamischer und christlich-europäischer Welt. Etwa darüber dass Maria, die Mutter Jesu, auch im Islam als Jungfrau gilt. Auch bei der Schilderung der beiden großen islamischen Fremdherrschaften in Europa, der in Spanien und der in Griechenland, wird gern geflissentlich unterschlagen, dass diese niemals so lange hätten Bestand haben können, wären sie nicht auch irgendwann gerecht und ertragbar geworden (insgeheim wissen die Spanier und Griechen das natürlich ganz genau).
Man zieht wieder gern eine imaginäre Trennlinie zwischen christlich-jüdischer und islamischer Kultur. Was für eine Idiotie! sage ich mir, nachdem ich neulich erst einem muslimischen Freund Schinkels Mausoleum der Königin Luise zeigte und selber zum wiederholten Mal darüber erstaunte, dass im Blickzentrum der Apsis doch nicht die vier mitteleuropäischen Sarkophage, auch nicht der der schönen Königin, stehen, sonder der Syrer am Kreuz, umgeben von in den Marmor gemeißelten Zitaten altorientalischer Prediger und Fürsten.
Was für eine Idiotie, sage ich mir auch, wo doch das Hebräische und Arabische einander ähnlicher sind als die romanische der germanischen Sprachfamilie. Von den 25 Propheten des Islam sind 24 Juden, Jesus übrigens inbegriffen. Das kultur- und geschichtsblinde exklusionistische Pochen aufs Christliche ist kein christlicher, auch kein abendländischer (was, wie Joschka Fischer erstaunlich klug klarstellte, im engeren Sinne ein mediterraner, kein atlantischer ist) Zug, sondern etwas Germanisches, Barbarisches, Seefahrerisch-Reitervölkisches.
Kein Wort darüber, dass der Orient nie einer Renaissance bedurfte, weil er kulturell niemals ein Mittelalter durchlaufen hat. In Nordeuropa musste man, über lange Umwege, die Tempel der Antike schlicht und einfach deshalb nachbauen, weil dort nie welche gestanden hatten. Die schöne Luise kam aus einem Landstrich, in dem noch im zweiten Jahrtausend das germanische Heidentum geherrscht hatte. Ihr, der Carrie Mathison von Mecklenburg-Strelitz, inmitten der barbarischen brandenburgischen Streusandbüchse mit ihren aus jedem Orts- und Adelsnamen Bände sprechenden heidnischen Überbleibseln ein christlich-jüdisches Grabmal in Form eines griechischen Monopteros zu setzen, entsprach der, schon damals verleugneten, weil nicht begriffenen, Orientalität dieser christlich-jüdischen Tradition selbst, aber insbesondere dem Bildungswillen und Bildungshunger des Germanentums, das Brücken zu etwas schlagen musste und wollte, mit dem das islamische Kernland immer verbunden gewesen war. Seine eigene Brücke, nämlich Byzanz, hatte Westeuropa längst aufgegeben,  bevor sie an die islamische Welt fiel.
In der Levante aber wuchs und wächst man seit je inmitten der Antike auf. Hier gab es kein finsteres Mittelalter, das mühsam abzuschütteln gewesen wäre. Dass die Griechen jemals aufgehört hätten, Griechisch zu sprechen, glauben nur Nordeuropäer, die mit dem Griechischen erst im sechzehnten Jahrhundert in Kontakt kamen. Im Orient funktionierte die Amalgamierung jüdisch-altarabischer Mythe (die, wie wir wissen, starke Einschläge in der griechisch-römischen Mythologie hinterließ), hellenistischer Gelehrtheit, mediterraner Stadt- und Handelsbürgerlichkeit und vorderasiatischer Staatslehre anstrengungslos.
Die Kreuzfahrer schauten sich dort ihre diesseitige Grals-Sex-Minne-und-Seefahrer-Eschatologie ab, die heute den common sense unserer gesamten Populär- und Hochkultur darstellt, und die Fürsten und Könige Europas den zentralisierten und rationalisierten Ordnungs- und Obrigkeitsstaat, mitsamt der, fürs Sultanat schon immer typischen, Abschaffung der Standesunterschiede, die in Europa jedoch so sehr in Stein gemeißelt dastanden, dass man dafür sage und schreibe mehr als achthundert Jahre brauchte. Auch dies ist eins der ungeschriebenen Ruhmesblätter Europas: dass sich Friedrich von Hohenstaufen und der Heilige Ludwig den modernen Staat (und mit ihm die moderne Toleranz und die strikte Trennung von Staat und Kirche) ebenso bei der islamisch-orientalischen Überlieferung abschauten wie die Gelehrten von Schottland bis Ungarn erst ihre Philosophie und dann ihre Naturwissenschaft.
Religion als Hingabe, als schwärmerisches Sich-ins-Meer-der-Liebe-Versenken und zugleich als kraftvoller, nicht redender, sondern handelnder Aufschlag, als jenes “Im Anfang war die Tat”, wonach der Germane sich immerzu sehnt: sie ist keine etwa immanent widersprüchliche und folgerichtig politisch neurotische Kreation des Islam, sondern tief in Geschichte und Charakter des Orient veranlagt.
Maria, die Gott-Mutter, in der wir die hundertbrüstige Artemis von Ephesos wiedererkennen, und Christos Pantokrator, Jesus nicht als Gemarterter mit Dornenkrone, sondern als imperialer, majestätischer All-Herrscher mit goldenem Heiligenschein: das Weibliche und das Männliche in reiner Vollkommenheit, in stolzer Ungebrochenheit: sie sind die Archetypen des Orientalischen. Nicht sie, nicht Judentum und Islam haben sich vom Christentum entfernt; sondern das Christentum, sich den ungepflegten, kulturlosen Barbarenheeren aus dem kalten Norden und Osten adaptierend, hat sich von seiner orientalischen Wurzel entfernt.
Das Christentum ist antiheroisch und antiintellektuell zugleich. Leiden, Selbstopfer, Demütigen und Gedemütigtwerden sind seine Konstanten, die ihm den freien Blick auf seine eigene Orientalität verstellen. Den Bezug zur frei waltenden Kraft und Schönheit hat es verloren. Er kann nicht wiederhergestellt werden, solange der Wunsch nach Erlösung überlagert wird von dem Komplex, überhaupt unerlöst zu sein. Das Dogma der eigenen Voraussetzungslosigkeit ist die erste Hürde, die fallen muss, will der europäische Westen jemals zu einer wirklichen Verständigung mit dem Orient kommen.
Header: “Sehet das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.” Carrie Mathison, die amerikanische Madonna des Westens, empfängt den Leib des Herrn. Ein orientalischer Ritus und eine orientalische Mythologik – im katholischen Christentum wie im Islam, konvertiert in die westlich-atlantische Sehnsucht nach Erlösung im und durch das Orientalische, verkörpert in der Inkarnation Jesu. Szenenfoto mit der Hauptdarstellerin Claire Danes aus der Serie Homeland, Season 5, Episode 1, © Showtime 2015.
© Konstantin Johannes Sakkas, 2017. All rights reserved.

Griechenland. Europas Intervention ignoriert Geschichte

Die Geschichte der Griechen wiederholt sich: Seit 1830 entzündet sich ihr Zorn immer wieder an nationalem Unvermögen gepaart mit ausländischer Einmischung. Wäre die europäische Politik klug, würde sie dies berücksichtigen.

Die Deutschen unterschätzten die Griechen – damals 1941, als sie gemeinsam mit den Italienern am Ende des Balkanfeldzuges das Land besetzten und die Briten vertrieben. Sie wussten um die griechische Tapferkeit. Mit starkem Widerstand aber rechneten sie nicht – weder dem der Armee noch dem der Partisanen.

Wehrmacht und SS überzogen Griechenland mit einem brutalen Besatzungsregime. Gnadenlos wurden Güter requiriert, im ersten Besatzungswinter verhungerten schätzungsweise hunderttausend Griechen. Und Gegenwehr bekämpfen die Deutschen mit erbarmungslosen Repressalien.

120 Kommunen, die bis heute als Märtyrerdörfer in Erinnerung sind, wurden ausgelöscht, die berühmtesten unter ihnen: Kalavryta, Komneno, Distomo. Beinahe die ganze jüdische Bevölkerung Griechenlands fiel dem Holocaust zum Opfer, darunter die einst größte jüdische Gemeinde Europas in Saloniki.

Deutsche Besatzung politisierte Griechenland

Das Aufbegehren gegen Besatzung und Repression politisierte die Griechen. Mehrheitlich unterstützten sie den kommunistischen Widerstand, der nach und nach die ländlichen Regionen weitgehend kontrollierte. Seine Mitglieder verübten nicht nur Sabotageakte gegen die Wehrmacht, sondern bekämpften auch griechische Kollaborateure, die mit den Besatzern einträgliche Geschäfte machten und diese teilweise militärisch unterstützten.

Als sich die Deutschen zurückziehen mussten, steigerten sich die Feindseligkeiten zwischen Kommunisten und Royalisten zum erbitterten Bürgerkrieg. Er endete mit der Eingliederung Griechenlands ins westliche Bündnis. Dafür hatte sich besonders Winston Churchill stark gemacht, der Hellas nicht an den Stalin verlieren wollte.

Doch der von außen beeinflusste Regimewechsel hinterließ eine schwärende Wunde im Nationalbewusstsein, das sich von Briten und Amerikanern um seine eigene Heldengeschichte betrogen sah. Denn dieselben linksgerichteten Politiker und deren Parteigänger, die die Herrschaft der Nazis abgeschüttelt hatten, wurden jetzt erneut Opfer von Verfolgung und Unterdrückung.

Bürgerkrieg und Westbindung stabilisierten Klassensystem

Für die griechische Unter- und Mittelschicht setzte sich zudem das alte Klassensystem fort. Eine schmale Oberschicht aus Adel und Besitzenden regiert das Land seit seiner Neugründung 1830, damals noch unter dem Protektorat Englands und Frankreichs. Dabei herausgekommen waren immer wieder Staatspleiten und außenpolitische Niederlagen wie das Scheitern des Feldzuges gegen die Türkei 1922.

Fünfundsiebzig Jahre sind seit dem Bürgerkrieg vergangen – Jahre, in denen sich die verfeindeten gesellschaftlichen Lager nicht versöhnten – auch nicht, nachdem die Militärdiktatur von Demokratie und Mitgliedschaft in der EU abgelöst worden war.

Mehr noch: heute widerholt sich Geschichte. Der Wunsch, sich nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich zu befreien, geriet zum Desaster, an dem der Westen seinen Anteil hat, erst als großzügiger Kreditgeber, dann als drakonischer Gläubiger.

Europa muss den Zorn über ausländische Einmischung verstehen

Und wieder richtet sich der Zorn der Griechen gegen sich selbst, gegen den Staat und gegen die Einmischung von außen, vor allem gegen die Deutschen mit ihrer Austerity oder die Amerikaner mit ihrer Wallstreet. Man mag die ganze Schulden-Banken-und-Strukturkrise als selbstverschuldet ansehen oder auch als heilsam. Doch stiftet nichts mehr Unfrieden als das Déjà-vu des Gefühls, erneut fremdgesteuert zu werden.

Die europäische Idee verspricht, jede Nation mit ihrer eigenen Heldenerzählungen ernst zu nehmen. Das hieße auch, dass einflussreiche Partner von heute wie England, Frankreich und besonders Deutschland ihre unrühmliche Rolle in Griechenlands Geschichte nicht vergessen.

Kluge Politik ließe Athen deshalb seinen eigenen Weg aus der Krise finden. Und keinesfalls dürfte solidarische Hilfe oder eigennützige Strenge wie eine fremde Intervention daherkommen. Kluge Politik sollte die Griechen nicht unterschätzen, anders als es einst die nationalsozialistischen Deutschen taten.

Dieser Beitrag wurde am 27. Juli 2016 im Politischen Feuilleton auf Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt. © Konstantin Sakkas

Header: Generalfeldmarschall Walther v. Brauchitsch (Mitte, mit Marschallstab) vor der Akropolis, Mai 1941. Quelle/Rechte: Bundesarchiv

Niemand braucht die AfD

Die AfD: der Aufstand der Abgehängten

Die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus hat begonnen, und die Umfragen deuten darauf hin, dass die AfD nun auch ins Berliner Landesparlament einziehen wird. Das aber bedeutet nichts weniger als eine Gefahr unabsehbaren Ausmaßes. Denn die AfD ist das Überflüssigste und Gefährlichste, was die deutsche Politik seit der Wiedervereinigung hervorgebracht hat.

Diese so genannte Alternative für Deutschland, die weder eine Alternative, noch für Deutschland ist, ist eine Versammlung von Naivlingen, Brandstiftern und Idioten, die einen veralteten Welt- und Geschichtsbild anhängen und keinen blassen Schimmer von der Welt haben, in der wir leben. In dieser Welt funktioniert alles durch Kompromisse, nichts durch Gewalt. In dieser Welt gibt es längst keine Grenzen mehr, und das ist auch gut so. In dieser Welt lebt alles von einer klugen, wohldosierten Mischung aus Eigeninteresse und Verantwortungsbewusstsein. Und genau daran, an Verantwortungsbewusstsein, mangelt es den Spitzenvertretern der AfD fundamental. Ihre Partei ist eine klassische Protestpartei.

Das Grundgefühl der AfD-Anghänger: nicht wirtschaftliche Not, sondern Weltfremdheit

Das Grundgefühl der Anhänger und Wähler der AfD ist das Gefühl, abgehängt zu sein. Diese Leute sind fortschrittsfeindlich, weil sie am Fortschritt nicht teilhaben, ja: weil sie den Fortschritt nicht begriffen haben. Sie hassen alles, was nach Freiheit riecht, ausgehend von der dumpfen Ahnung, was Freiheit bedeutet: nämlich Eigenverantwortung, Lernbereitschaft, Risikobereitschaft. Das sind die drei Grundtugenden der demokratischen Gesellschaft von heute. Die AfD tritt radikal gegen diese drei Grundtugenden auf.

Nun ist es nicht so, dass man diese Haltung nicht nachvollziehen könnte. Das Paradoxe ist eher, dass die AfD ausgerechnet von den Leuten gewählt wird, die vom Leben in der postmodernen Freiheitsgesellschaft und seinen Mühen und Fallstricken Null Ahnung haben. Den gleichen Vorgang konnten wir vor vier Monaten beim Brexit-Votum erleben: nicht die Vertreter der Generation Y haben für den Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt, nicht die junge, prekäre Mittelschicht, die von den aggressiven, wohlstandsgesättigten Babyboomern mit Gewalt davon abgehalten werden, endlich auch ein bürgerliches, behütetes Leben zu führen, und die Tag für Tag um und für ihr Überleben in der postmodernen Wildnis kämpfen. Sondern weltfremde, aber mehr oder weniger gut situierte Mittelschichtler mittleren Alters plus den üblichen Bodensatz an Fremdenfeinden, Nationalisten und Rassisten.

Diejenigen, die wirklich Grund zur Rebellion hätten, verteidigen die Demokratie

Diejenigen, die am meisten Grund hätten, auf die gegenwärtige Politik zu schimpfen; die das Recht dazu hätten, den Eliten Raffgier und Versagen vorzuwerfen, und die sich wirklich Sorgen um ihr Fortkommen und ihre Zukunft machen müssten: sie sind heute die engagiertesten, treuesten Verteidiger der Demokratie. Sie könnten wirklich Angst haben, aber sie haben keine Angst, denn sie kennen es nicht anders. Wer wie wir in den Neunziger- und Nullerjahren groß wurde, dem wurden alle Illusionen, die man über das Leben irgendwie haben kann, restlos ausgetrieben. Privat und politisch. Und darauf sind wir stolz, weil keiner von uns, um keinen Preis der Welt, in einer anderen Epoche als der heutigen leben möchte.

Deswegen fischt die AfD nicht hier, sondern bei den Abgehängten, den ewigen Losern, ob sie nun arbeitslos sind (was heute längst kein gesellschaftliches Distinktionskriterium ist, was jeder wissen wird, der mal in Berlin gelebt hat), oder auf ihren fetten Beamtenpensionen hocken und jetzt auf ihre alten Tage Bismarck und die “konservative Revolution” entdecken. Diese Leute sind es, die nie den Anschluss an unsere Welt gefunden, die ihn vermutlich auch nie gesucht haben, die jetzt durch ihre Stimme an der Wahlurne die Welt kaputtzumachen drohen, in der wir uns tagtäglich zurechtfinden und die längst ein global village, ein globales Dorf geworden ist, in dem buchstäblich alles mit allem zusammenhängt und in dem man nur hinfällt, um wieder aufzustehen und weiterzugehen. Für uns heißt Leben Problemlösen. Für die AfDler aber mit ihrer negativistischen, verkorksten Weltsicht ist das ganze Leben ein einziges Problem.

Die AfD bietet keine Alternative, sondern den Rückfall in die Barbarei

Die Abgehängten und Weltfremden faseln von Problembezirken, ohne sich wahrscheinlich jemals einen Döner in Neukölln bestellt zu haben. Sie fabulieren von der islamistischen Bedrohung, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie westlich der Orient längst geworden ist. Sie zittern um die finanzielle Stabilität Deutschlands und schieben die Schuld auf “die Flüchtlinge”, obwohl Rente und Arbeitslosengeld nach wie vor pünktlich kommen, obwohl die Straßenbahnen immer noch pünktlich fahren und man sich in  Deutschland immer noch relativ frei von Terrorangst bewegen kann. Diese schöne und freie und eben immer noch erstaunlich stabile und wetterbeständige Welt wollen sie kaputtmachen – weil es eben auch eine gefährliche Welt ist. Aber die Gefahr, das Risiko ist der Preis, den wir eben bezahlen müssen für Freiheit.

Die AfD bietet keine Lösungen, keine Alternativen, sondern nur den Rückfall in die moralische und politische Barbarei. Natürlich stehen wir vor großen Problemen: die wachsende Ungleichverteilung von Chancen zur Vermögensbildung, die auseinandergehende Schere zwischen Kapital und Einkommen (Thomas Piketty), die Erderwärmung, die wir gerade in Deutschland in diesem heißen Sommer wieder live erleben konnten, die lebensbedrohliche Krise der westlichen Mittelschichten und die Erschütterung des Orients durch die Stellvertreterkriege zwischen den USA und Russland, die dort seit 1990 geführt werden.

Die AfD argumentiert mit Topoi aus der historischen Rumpelkammer

Aber auf diese Probleme hat die AfD keine Antwort, ja: sie spricht sie gar nicht wirklich an. Die AfD argumentiert mit Topoi wie “Überfremdung”, “Rasse”, “nationaler Identität”: Topoi aus der Rumpelkammer der Geschichte, Topoi,  von denen wir hofften, sie gehörten gottlob definitiv der Vergangenheit an. Doch anscheinend, leider, finden sich immer genügend Idioten, die solche Topoi ernst nehmen und die denen, die damit werben, auf den Leim gehen.

Die Wahrheit ist: niemand braucht die AfD. Deutschland, das drittgrößte Exportland der Welt, muss ein Hort der Stabilität sein, wenigstens im Innern, wenn es schon außenpolitisch diese – zugegebenermaßen schwierige – Rolle nicht spielen kann. Ja, es stimmt: es ist viel versäumt worden in den letzten fünfzehn Jahren. Ja, es stimmt: Angela Merkel hat die politische Landschaft profillos und langweilig gemacht. Aber war das so schlimm am Ende? War – und ist – es nicht das kleinere Übel? Wir leben in einem System der checks and balances, innen- wie außenpolitisch. Der Mensch von heute ist reif genug, sich seien eigenen Weg zu suchen, frei von Bevormundung. Der Islam an sich ist keine reelle Bedrohung unserer westlichen Werte. Eine reelle Bedrohung aber sind die Unbelehrbaren, die sich abgehängt Fühlenden, die Ängstlichen, die glauben, man könne wieder “große Politik” machen mit Stacheldrahtzäunen und Maschinengewehren an der Mittelmeerküste.

Das große Thema von heute heiß soziale Ungleichheit, nicht “Überfremdung”

Soziale Ungleichheit, Bioethik, Ernährungswirtschaft, Energie: das sind Komplexe, über die es sich zu streiten lohnt, die uns und unsere Zukunft vital berühren. “Nation” und “Überfremdung” sind es nicht. Dahinter verbergen sich Fremdenhass, Lebensangst, Weltfremdheit, nichts anderes, und eine perfide Strategie, die westlichen Demokratien wieder Schritt für Schritt in autoritäre Obrigkeitsstaaten umzuwandeln. Dafür steht die AfD, für nichts anderes. Und deshalb sollte jeder vernünftige Mensch genau hiergegen seine Stimme erheben. Niemand, wirklich niemand braucht die AfD.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Süddeutsche Zeitung Magazin

 

Terror und Teilhabe

Europa nach dem Anschlag von Nizza

Paris, nochmal Paris und jetzt Nizza. Der Terror lässt Europa nicht los. Längst befindet sich der Kontinent in einem kalten Kriegszustand, der Belagerungszutand, den Frankreichs Staatspräsident Hollande – so hieß es noch am Vorabend des Anschlags – zu Ende Juli auslaufen lassen wollte, wird nun verlängert werden. Verlängert auf unbestimmte Zeit. Denn eines ist klar: es wird nicht besser werden. Sondern schlimmer.

Warum? Die Frage aller Fragen stellt sich im Angesicht des Terrors, stellt sich im Angesicht realer, körperlicher und struktureller Bedrohung mit einer Vehemenz, die Europa nach dem Kalten Krieg lange nicht gewohnt war. Warum Terrorismus? Warum eine Serie von Anschlägen, die einen Anfang, aber kein absehbares Ende hat? Warum diese radikale Verunsicherung, die über die friedlichste Großregion der Erde seit einigen Jahren mit jäher Rasanz hereinbricht wie ein Gewitter über einen Sommerstrand?

Europa hat das Politische vergessen

Warum wir uns mit diesem Warum so schwertun, hat zwei Gründe. Zum einen die Unübersichtlichkeit in der globalisierten und digitalisierten Welt von heute. Zum anderen die Verleugnung des Politischen. Denn das Europa, die europäische Öffentlichkeit von heute hat das Politische vergessen.

Dass es überhaupt so etwas wie große Politik nach 1990 noch gebe, ist allein schon eine ungeheuerliche Zumutung für einen Zeitgeist, der seit 1990 tatsächlich glaubte, das „Ende der Geschichte“ sei gekommen. Nun: wir stehen zwar tatsächlich an der historischen Wegscheide zwischen dem Zeitalter der Politik und dem kommenden age of the cyborg, das der israelische Starhistoriker Yuval Harari neulich ausgerufen hat. Nationalität hat die Rolle als essential von Politik, die sie zwischen 1789 und 1945 spielte, endgültig eingebüßt. Dennoch ist Politik nicht tot, soweit wir als das ihr zugrundeliegende Prinzip Partizipation, also Teilhabe verstehen, wie es der Philosoph Volker Gerhardt vor einigen Jahren formulierte. Die Frage der Teilhabe steht im Raum, wann immer mehr als ein Mensch auf dem Planeten lebt. Heute sidn es an die acht Milliarden. Acht Milliarden Menschen, die sich in sozialen Schichten und in territorialen Regionen organisieren: von der New Yorker Upper East Side bis in die Kriegs- und Krisengebiete von Syrien.

Die Angst, zu kurz zu kommen

Wo es Teilhabe gibt, gibt es seit Menschengedenken auch Angst. Angst darum, bei der Teilhabe benachteiligt zu werden, zu kurz zu kommen, herunterzufallen, um persönliche Chancen des Glücks, des Aufstiegs und des Genusses betrogen zu werden. Terror – das lateinische Wort dafür – ist die expressive, gewalttätige Form dieser Angst. Und diese Angst ist real. Sie steckt in den Köpfen, in den Herzen, in den Körpern der Menschen. Die Angst, abgehängt, die Angst, zurückgelassen zu werden. Die Angst, nicht mithalten zu können. Diese Angst betrifft jeden von uns. Und sie betrifft, wie einzelne Menschen, so auch ganze Regionen. Nicht Nationen, nicht „Völker“, wie es Rechtspopulisten in ganz Europa denen von ihnen verführten Wählern weismachen wollen. Aber Regionen und ihre Bewohner. Afrika. Und auch den Orient.

Europa, der vielleicht selbstbewussteste Kontinent der Erde, ist geologisch und auch gepolitisch betrachtet nichts als der äußerste westliche Ausläufer einer riesigen Landmasse namens Eurasien. Europa zeichnet sich, so lange es besteht, aus durch eine explosive Mischung aus unerhörter geistiger Potenz, aus Erfinderreichtum einerseits und einer unglaublich fragilen und verletzlichen territorialen Situation andererseits. So lang es bestand, war dieses Europoa verletzlich. Der Kalte Krieg gönnte ihm von dieser Verletzlichkeit, die es an der Rand der Zerstörung, der phyisischen Auslöschung gebracht hatte, eine Atempause. Siebzig Jahre währt nun diese Atempause. Doch, so viel ist klar, diese Atempause ist zu Ende. Und die Einschläge kommen näher.

Frankreich ist nur der Anfang

Frankreich ist nur ein Anfang. Frankreich ist so verwundbar nicht etwa, weil es ein Problem mit seiner Einwanderung hätte, denn Deutschland ist inzwischen mindestens genauso ein Einwanderungsland, wie es Frankreich seit dem Ende der Kolonialzeit ist. Frankreich ist verletzlich, weil es die politische stärkste Macht Kontinentaleuropas ist. Frankreich verfügt über eine expressive politische Kultur. Frankreich verfügt über einen historischen Mythos. Frankreich verfügt über eine imperiale und eine koloniale Vergangenheit. Und Frankreich verfügt über eigene Atomwaffen.

Aus allen diesen Gründen verfügt Frankreich auch über geopolitische Konzeptionen, die weit über den kerneuropäischen Rahmen hinausreichen, in dem sich der Europadiskurs insbesondere in Deutschland seit Langem bewegt. Nicholas Sarkozy bewegte sich mit seinem Projekt einer Mittelmeerunion in diese Richtung. Wieso nennen wir den Orient Orient und nicht etwa Westasien? Weil der Orient historisch und geopolitisch nichts anderes ist als der Osten Europa, der vergessene östliche, eben „orientalische“ Flügel unseres Kontinents. Die Gründungsmythen Europas, vom Gilgameschepos über die attische Polis bis zum Leiden und der Auferstehung Jesu, sind orientalische Mythen. Europas, die abendländische Geschichte ist in the long run betrachtet nichts anderes als die Geschichte der praktischen Adaption dieser morgenländischen Mythen. Nur hat Europa diese seine Wurzel, und damit auch seine politische Verantwortung jenseits seiner Grenzen, gründlich vergessen.

Solang Europa seine Verantwortung wegdelegiert, wird sich die Schlinge weiter zuziehen

Solange sich die europäischen Mächte, und allen voran Deutschland, nicht dieser Wurzel und dieser Verantwortung besinnen, wird sich die Lage nicht bessern. Solange Europa immer noch glaubt, seine außenpolitische Verantwortung wegdelegieren zu können an die USA und Russland, wird sich die Schlinge um Europa weiter zuziehen mit unabsehbaren Folgen.

Terrorismus ist nicht die einzige Bedrohung, die unserer harrt. Genauso bedrohlich, wenn nicht bedrohlicher ist die Verarmung, auf die wir zurasen. Italien sei wie Griechenland, nur schlimmer, heißt es schon auf den Fluren Brüssels. Die Generation Y wird die erste europäische Generation seit Langem sein, aus der mehr Menschen sozial ab- als aufsteigen werden. Das äußere Problem Europas heißt Terror. Das innere Problem Europas heißt Angst.

Der Orient gehört zu Europa

Die Randregionen Europas sind der Orient und Nordafrika. In Intellektuellenkreisen in Frankreich und Deutschland ist dieses Denken längst Gemeingut. Nur politische wird dieses Denken immer noch nicht, oder nicht stark genug, kommuniziert. Millionen von Menschen leben dort, die teilhaben wollen an den unglaublichen Reichtümern, am Luxus der Globalisierung und des Sozialstaates, von dem das kleine Europa profitiert wie keine andere Region dieser Welt. Wer das Politische für old fashioned und nicht mehr aktuell hält, verkennt, dass es Wettbewerb und Distinktion auf der Welt gibt und geben wird, solange zwei Menschen an einunddemselben Platz leben werden, die sich voneinander unterscheiden und die einander überlegen sein wollen. Diese Distinktion, wir sagten es bereits, betrifft Individuen genauso wie Gruppen von Individuen. Die Mittelschicht wird durch den digital shift, den Wegfall von Millionen traditionellen Arbeitsplätzen und die Übermacht der Finanzwirtschaft aufgerieben. Die emerging middle class im Orient und der Levante wird durch Krieg und Bürgerkrieg ihrer wirtschaftlichen und materiellen Grundlage brutal beraubt und flieht in den Westen, flieht nach Kontinentaleuropa. Großbritannien, genauer England und Wales, haben darauf bereits reagiert und mit dem leave vote den Weg in die isolationistische Richtung eingeschlagen, den die USA, von jeher das politische und ideologische Vorbild des modernen Englands, seit Ende des Kalten Krieges bereits gehen.

Europa, das heißt Kontinentaleuropa, kann diesen Weg nicht gehen. Europa trennt kein Ärmelkanal vom Orient, geschweige denn ein atlantischer Ozean. Europa hat keinen Panzergraben. Europa muss den Tatsachen ins Auge sehen. Europa muss auch seine Geschichte wiederentdecken, anstatt dieses Feld den Rechtspopulisten vom Front national und von der AfD zu überlassen. Europa muss endlich eine gemeinsame außenpolitische Agenda auflegen. Europa muss sich politisch erweitern, nicht Richtung Russland, sondern Richtung Orient. Europa muss eine gemeinsame Wirtschaftspolitik auflegen, die hinausreicht über Subventionen und eine Währungsunion, die die reichen Volkswirtschaften reicher und die armen ärmer gemacht hat. Europa muss endlich eine außenpolitische Vision entwickeln. Wenn nicht, dann fällt irgendwann der Vorhang.

Europa muss endlich eine außenpolitische Vision entwickeln

Der Orient ist Europas Hinterland. An dieser Erkenntnis führt, das zeigen die jüngsten Ereignisse, kein Weg vorbei. Entweder die europäische Politik stellt sich dieser Erkenntnis; oder sie zerbricht irgendwann daran. Der Mensch, heißt es, lernt entweder durch Einsicht, oder durch Katastrophen.

Seit fünf Jahren stehen die USA und Russland einander im Orient gegenüber. Den IS versuchen sie, mit Drohnenschlägen zu bekämpfen. Bodentruppen will keiner von ihnen schicken, obwohl jeder weiß, dass nur das die Lösung bringen könnte. Warum? Weil niemand in Washington und Moskau sich einen zweiten Checkpoint Charlie leisten will und leisten kann. Beide Länder bilden in sich geschlossene politische und gesellschaftliche Kosmen. Beide haben ein Mittelschichtenproblem und kämpfen mit einer wachsenden öffentlichen Vesrschuldung. Beide werden autoritär regiert, beide fördern ihre Wirtschaft durch einen dezidierten Liberalismus, der zwar global agiert, aber das eigene Wohl – natürlich – in den Vordergrund stellt. Die europäischen Eliten und auch Teile der europäischen Mittelschicht orientieren sich längst gezielt in eine der beiden Richtungen. Sie wissen, was jeder von uns spürt: dass in Europa bald die Lichter ausgehen könnten, und dass es dann darauf ankommt, auf der richtigen Seite zu stehen.

Die angestammte europäische Indifferenz ist eine Sackgasse

Die alte europäische Indifferenz, die nirgends so ausgeprägt ist wie in Deutschland mit seiner auf Konsens und Quietismus ausgelegten politischen Kultur, ist eine Sackgasse. Europa, das wollen viele hier nicht hören, verdankt seinen beispiellosen Aufstieg zu Ruhe, Frieden und Reichtum dem Agreement der beiden Supermächte nach 1945, die Deutschland und in seinem Windschatten die übrigen Länder West- und Osteuropas nach Kräften pamperten, um es nicht zum Schlachtfeld künftiger Weltkriege, die sehr wahrscheinlich das Ende der Welt bedeutet hätten, werden zu lassen, und um den Europäern die Lust auf imperialistische Abenteuer ein für allemal zu nehmen. Wer hat schon noch Lust darauf, die Welt zu erobern, wenn er sich jederzeit ein Flugticket in jeden Winkel der Welt kaufen kann? Wer hat es nötig, Lebensraum oder rohstoffreiche Räume zu erobern, wenn er im Überfluss lebt, seine Rechnungen zahlen und dazu noch Vermögen anhäufen kann?

Das war die europäische Vision von 1945 bis 2015, eine exogene Vision, Europa und den Europäern oktroyiert von Amerika und Russland, nicht im Kontinent selbst geboren. Ihr verdankten unsere Großeltern und Eltern den Frieden und Wohlstand der vergangenen Jahrzehnte. Diese Epoche geht nun ihrem Ende zu, wenn sie nicht schon vorüber ist. Die alten Eliten müssen den Jungen Platz machen, die wirklich Ahnung vom heutigen Leben haben, weil sie dieses Leben und seinen brutalen Ernst on the edge kennen, und nicht nur aus Hollywood oder aus der Berichterstattung. Terror und Teilhabe: beides ist im Zeitalter der Globalisierung nicht voneinander zu trennen, so wie die Opfer von Nizza nicht zu trennen sind von den Unzähligen, die sich kein Ticket nach Nizza und kein Hotelzimmer dort leisten können.

Terrorismus wird man nur durch ein Mehr an Teilhabe bekämpfen können

Den Terrorismus wird man nur durch ein Mehr an Teilhabe bekämpfen können, nicht durch ein weniger. Die Angst wird man nur bekämpfen durch lautes und offenes Aussprechen der Dinge, nicht durch ihr geflissentliches Verschweigen und Beschönigen. Entweder die europäische Politik, allen voran Deutschland und Frankreich, lernen diese Lektion und setzen sie um. Oder es gibt noch mehr Terroranschläge, noch mehr Abgehängte und Verarmte, noch mehr tote Flüchtlinge im Mittelmeer, und irgendwann wird Deutschland Ground Zero des nächsten Terroranschlags.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Der LKW von Nizza, 14./15. Juli 2016

 

 

The age of the cyborg and us

Reflections on the present state of human history

Yuval Harari, professor at the University of Jerusalem and worldwide renowned author of best selling popular history books as ‘Sapiens. A brief history of mankind’, recently has stated that the ‘age of the cyborg has begun’. What however does this mean to us as men and as historic creatures? And: which age actually has ended, yielding ground to the beginning of the new age of the cyborg?

My answer is that nothing less has ended – or is in the process of ending right now – than what I am calling the ‘age of politics’. For the coming of age of the cyborg does not mean anything less than the beginning of a completely new age in human history at all. The common differentiation into the three big ages – antiquity, middle ages, modern period – with this historical turnaround definitely becomes obsolete. Those three ages all together form just what I am calling the age of politics.

I set the beginning of this political age at the turnaround from prehistory to ‘regular’ history, i.e. the beginning of fixed tribal settlement and agriculture at about 10.000 BC. Some millennia after this turnaround, the neolithic period fades out into the bronze age wich is marked by the rise of the first big empires in all over Eurasia, from China to Sumer and finally Egypt at about 3.000 BC. All historical processes in whose light we stand are basically initiated by this historical landmark about five thousand years ago. That is what I call the ‘age of politics’.

The age of politics after a 5.000 years rule has finally ended

This political age now seems to have come eventually to an end. Globalization fundamentally has transformed the common view and understanding of politics. Once an instrument of antagonism between tribes and nations living on different territories and fighting each other for the possession of the most prosperous and best accessible settling places, politics completely have changed their essentials during the 20th century. The epoch of world wars and nuclear warfare has led to a general stalemate of international political competition in the classical sense.

Due to the global network of men implemented by the digital shift, people in all over the world more and more are regarding themselves as children of just one and only tribe, i.e. of mankind at all. Frontiers more and more do no longer exist but on paper, territorial and economic obstacles which once conditioned human existence lose their importance to daily life and by this to humans self regard and see conscience at all.

The age of politics was the age of negativity

The age of politics was dictated by the principles of necessity and violence. Men regarded themselves as surrounded by numerous – physical and political – obstacles on whose overcoming they put most of their intellectual, physical and emotional force. All myths of the occident in particular were myths of violence and fighting, of suffering and its final overcoming.

The unsafe and unstable condition human existence was submitted to in this age not only determined politics, but even more the emotional access of men towards world and living. Challenges mainly were considered as insuperable obstacles imposed on men by god or higher powers which were to overcome only by miraculous power in return. The intellectual experience of negativity which stands at the beginning of ‘modern’, post-neolithic nation building thus romanticized man’s entire view of the world. The age of politics thus became the age of romanticism, too.

The age of politics was the age of romanticism, too

Romanticism soon infiltrated all spheres of human life and culture. From the Gilgamesh epos to Romeo & Juliet, romanticism dominated human imagination of both politics and love, i.e. the two essential areas of human self-development. Life was considered as an endless struggle against incalculable and imponderable powers, in political as in private life. Thus, the figure of the tragic hero became the role model of this entire age, from Gilgamesh himself to the late period of 19th century manliness with its specific mixture of mightiness and depression.

The industrial shift of the past 200 years which was originated by the rise of sciences during the early modern period the two centuries before transformed this disposition of human mind to the ground. Mankind slowly but continuously left the stage of romanticism and negativism and stepped forward towards the level of its full emancipation. Fear and doubt, two basic sentiments of human mind which had been enormously vivid during the history of ideas from the late middle ages until the pre world war 1 era, successively ceased to exert their domination on human mind. Instead, man started to expand economically and scientifically beyond the bounds until then seemingly fix and insuperable nature had set.

The 20th century thus became the age of space travel and computer technology. Shadowed by the vicissitudes of world war 2, both technologies spread their wings and turned out to be the decisive culture techniques of our time. Man started to leave behind the state of dependency and weakness and lifted up to new, unknown spheres, inside himself as well as outside, regarding his affective household likewise his grip on political relations and economic and scientific opportunities.

The age of the cyborg already starts in the middle of the 20th century

Thus, the triumph march of the cyborg is scripted already in the middle of the 20th century, immediately in the aftermath of the age of world wars. Besides classical politics which continue to play their traditional role, economy gains an until then unknown weight. Nowadays, it’s economy and no longer politics which most determines human self-development and human self-positioning in the world. Globalization and digital change have unleashed an unrestrained sense of personal freedom in each of us. In consequence, there are no more nations, but only one common and consistent mankind split up on different territorial positions – positions which can more and more easily be overcome by the means of modern tourism and job migration.

Our traditional – and particular european – view on history is fundamentally transformed. Sooner or later we will get used to look on history no longer as on a chain starting in the antiquity and leading via the middle ages to the so called modern period. Quite differently, we will start to differentiate between the prehistoric age (which widely is coincident with the stone age, i.e. the age of man as hunter-gatherer), the age of politics with a total duration of ca. 5.000 years staring with the big empires and ending with the cold war and the age of the cyborg whose birth process we are just witnessing.

Our view on history will be redefined

The age of the cyborg politically will no longer be determined by inner-earth relations, but by relations between earth and the extraterrestrial sphere as well as by relations between the global population and the globe itself. The real and most essential meaning of globalization is that whatever is concerned, is – or will be – concerned in the light of the entire globe, of earth and of mankind itself, and no longer in the light of a particular part of this mankind.

The green wave which is rooted politically in the civil right movements of the mid-20th century, ideologically though in the progressive movements of the early 20th century, has given the process of globalization the decisive drive and necessary framework. Economy soon will succeed with the redefinition of work and income, a process which, too, has already been kicked off and is getting the faster the faster working life, production chains and supply channels themselves are transformed by globalization and digital shift.

Bio-logic replacing onto-logic

We therefore are entering an entirely new age, an age where politics will no longer be determined by the pursuit of advantages in the access to survival resources, but where politics will be ‘bio politics’, as Michael Hardt and Antonio Negri have called it in ‘Empire’, however not in the original negative meaning, but in affirmative sound, referring to the bio-logic as the logic of the new age.

This bio-logic will – or rather already has – successively replace the traditional, negativitarian onto-logic which had been dominating the age of politics, i.e. human history for the last five thousand years. The age of existentialist negativity has come to an end. The age of active re-creating nature by man as natures’s most extravagant creature is about to start.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: http://www.bigthink.com

 

 

 

 

Weltkrieg der Mittelschichten

Künftige Konflikte werden weltweite Konflikte zwischen den Mittelklassen sein

400 Dollar. So viel kostet eine durchschnittliche Autoreparatur in den USA. Ein Betrag, den sich viele in der hochverschuldeten amerikanischen Mittelschicht nicht oder nur schwer leisten können. Amerikas Mittelklasse ächzt und stöhnt unter ihrer wachsenden Verschuldung und Verarmung.

400 Euro. So viel kostet bei uns in Deutschland der TÜV, ein neues Inlay, eine neue Winterjacke. Eine Summe, an der auch hier immer mehr Menschen zu knabbern haben. Wohlgemerkt nicht Arbeitslose und Ein-Euro-Jobber. Sondern Menschen aus der Mittelklasse. Akademiker, Angestellte, Selbstständige.

Was immer man über den französischen Ökonomen Thomas Piketty denken mag: mit seiner Analyse, dass den Mittelschichten der westlichen Industriestaaten eine gigantische Verarmungswelle bevorsteht, wird der Autor des Bestsellers „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ Recht behalten.

Zwischen 1950 und 2000 vollziehen die westlichen Gesellschaften einen gigantischen Aufstiegsprozess

Hinter uns liegen fünfzig erfolgreiche Jahre. Den „dreißig glorreichen Jahren“ des Wirtschaftswunders zwischen 1950 und 1980, in denen die Weichen für eine moderne Betriebsverfassung mitsamt Kündigungsschutz und großzügigen Rentenanpassungen gestellt wurden, folgten ab 1970 die dreißig glorreichen Jahre der Bildung.

Kinder von Arbeitern und kleinen Angestellten machten auf einmal Abitur, studierten, wurden Akademiker. Die gesamte Gesellschaft machte einen riesigen Aufstiegsprozess durch. Staat und Wirtschaft flankierten diesen Prozess durch breitangelegte Förderprogramme und eine großzügige Kreditpolitik. Der amerikanische Traum der Nachkriegszeit, wie wir ihn aus „Brokeback Mountain“ kennen, hielt Einzug in Europa: ein eigenes Haus oder Reihenhaus, mindestens ein Auto, Gymnasialbesuch und anschließend ein Hochschulstudium für die Kinder waren nicht länger ein Privileg der Oberschicht, sondern wurden zur Regel für fast alle.

Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft ist seit den 1980ern Realität

Bereits in den Sechzigern erfand der Soziologe Helmut Schelsky für diesen Prozess den Begriff der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“. Damals freilich war die Gesellschaft noch weit davon entfernt. Der eigentliche Durchbruch kam in den Achtzigerjahren. Im Schatten des Kalten Krieges und unter dem Schutzschirm der amerikanischen Containmentpolitik schien sich in Europa ein ewiger Sabbat des Friedens und Wohlstandes auszubreiten.

Verantwortlich waren dafür allerdings nicht nur die Marshall-Milliarden, die bald nach Kriegsende in die öffentlichen Kassen aller westlichen Länder und auch Jugoslawiens und der Türkei flossen. Der Zusammenhang ist ein viel größerer.

Vor einhundert Jahren stirbt die klassische europäische Oberschicht

Vor einhundert Jahren tobte in Europa der Erste Weltkrieg. Seine vielleicht wichtigste Folge war keine politische, sondern eine gesellschaftliche: der Tod der alten europäischen Oberschicht und zeitgleich die Geburt der Mittelschicht von heute. Von 1914 bis 1923 wütete in allen kriegführende Staaten eine verheerende Inflation. Das Deutsche Reich und Österreich waren als Kriegsverliere am stärksten davon betroffen, was bei uns bekanntlich in der Hyperinflation von 1923 gipfelte. Aber auch in England und Frankreich vernichteten die Geldabwertung sowie die immer erdrückendere Konkurrenz der USA auf dem Weltmarkt die Kapitalbasis der alten Oberschicht. Bis zu diesem Zeitpunkt war es in den höheren Gesellschaftsklassen üblich, von Kapitalerträgen zu leben, die mit schöner Regelmäßigkeit aus Fonds auf die Konten der Privatleute flossen. Der Romancier Marcel Proust etwa († 1923), Sohn eines reichen Pariser Bankiers, bezog umgerechnet 12.000 € Zinsen – damals vornehm auf Französisch Renten genannt – aus seinem Anlagevermögen– pro Monat, wohlgemerkt.

Die große Inflation machte damit Schluss. Wirtschaftshistoriker sprechen in dem Zusammenhang vom Tod der Rentiers. Auf einmal war arbeiten gehen keine Frage des Status oder des Vergnügens mehr, sondern bittere Not. Der Film „Just a Gigolo“ (1979) mit David Bowie und Marlene Dietrich in ihrer letzten Leinwandrolle sing genau davon ein Lied. Die frühere Oberschicht bröckelte ab und vermischte sich mit Aufsteigern aus der Arbeiterklasse, die ebenfalls der Erste Weltkrieg hervorgebracht hatte, zu einer neuen Mitteklasse.

Diese neue Mittelklasse musste versorgt werden: mit sicheren und vor allem ausreichenden Arbeitsplätzen, mit großzügigen Bankkrediten, mit sozialer Absicherung. Der Tod des Rentiers war zugleich die Geburt der heutigen Mittelschicht.

Der Tod des Rentiers war zugleich die Geburt der Mittelschicht von heute

Sowohl Europa als auch die USA stehen in den Dreißigerjahren ganz im Zeichen dieser neuen Mittelschichtpolitik. Roosevelts von John Maynard Keynes inspirierter New Deal und Hitlers kreditfinanzierte Wohlfahrts- (und Rüstungs-) Politik sind die bekanntesten Beispiele hierfür.

Dieser Trend setzte sich nach dem Krieg fort: in Deutschland sowie in der ganzen westlichen Welt. Die USA als tonangebende westliche Siegermacht hatten ein Ziel: die Förderung einer möglichst wohlhabenden Mittelschicht in ganz Westeuropa, um so einen Abfall zum Kommunismus (wie er vor allem in Klassengesellschaften wie Italien und Griechenland drohte), aber auch einen Rückfall in kontinentale Alleingänge wie den Nationalsozialismus (denn als solcher wurde er jenseits des Atlantiks wahrgenommen) zu verhindern.

Der Zweite Weltkrieg vollendete wirtschaftspolitisch, was der Erste begonnen hatte

Der Zweite Weltkrieg vollendete so gesellschafts- und wirtschaftspolitisch, was der Erste begonnen hatte. Die westlichen Gesellschaften vermittelschichteten. Viele Söhne der Unterklasse waren 1918 als Unteroffiziere, deren Söhne dann 1945 als Offiziere nach Hause gekommen. Ihre Familien strebten in die unternehmerische Selbstständigkeit und ins Akademikertum. Studieren war kein Privileg abgesicherter Bürgerskinder mehr, sondern wurde zum Volkssport.

Achtundsechzig tat dann das Übrige. Seine wichtigste Folge war weniger die Politisierung der Studentenschaft, als vielmehr die Akademisierung der Nichtakademiker. Viele von ihnen wollten nun auch Studenten sein – um mitreden zu können und um dazuzugehören. Die neuen sozialen Bewegungen als politische Folge von Achtundsechzig schufen hierzu die Grundlagen: es wurde Mode, das Abendgymnasium zu besuchen, die Universitäten erhielten immer mehr Zulauf und lockten durch ein de facto kostenloses Studienangebot, das direkt in bessere Beschäftigungsverhältnisse zu führen versprach, BAFÖG und Sozialhilfe gewährleisteten die Freiheit von extremer Not und Armut während und nach dem Studium. In den 1980er Jahren war aus Deutschland die perfekte Mittelschichtgesellschaft geworden.

Seit den Achtzigern geht es bergab

Seitdem geht es bergab. Zur Überflutung der Universitäten, die längst keine individuelle Betreuung mehr gewährleisten, kommt eine immer erdrückendere Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Sozialer Status hat sich längst vom Einkommen entkoppelt. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse betreffen nicht nur den ungelernten Arbeiter, der von Zeit- und Leiharbeitsfirmen ausgebeutet wird, sondern auch den Mittelschichtler mit Hochschulabschluss, der sich von Job zu Job hangelt, mal schlechter, mal besser bezahlt, immer mit dem Damoklesschwert des finanziellen Absturzes und der Altersarmut über dem Kopf. Angestellte gehen mit hohen Abschlägen in die Rente, Immobilien sind keine Wertanlage, sondern reine Wohnobjekte, die oft entweder noch verschuldet an die Kinder vererbt, oder von diesen im Wege der Erbteilung veräußert werden. Dabei spielt elterliches Vermögen bei der sozialen Absicherung der Generation Y und der Millennials, also der zwischen 1970 und 2000 Geborenen, in demselben Maße eine immer größere Rolle, wie es immer kleiner wird.

Das Prekariat ist längst ein Mittelschichtenphänomen

Die Krise der Mittelschichten ist ein weltweites Phänomen. Die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA werden am Ende nichts anderes als ein Referendum über die Zukunft der amerikanischen Mittelklasse sein. Einer Mittelklasse, die längst vom Fortschritt abgehängt wurde und als deren Sprecher aller Voraussicht nach Donald Trump ins Rennen gegen Hillary Clinton gehen wird.

Auch die Krise in Syrien, dem Irak und Ägypten ist eine Krise der dortigen Mittelklassen. Die Flüchtlinge, die bei uns ankommen, sind längst nicht mehr nur ungelernte Arbeiter mehr, die sich mit einem 400-Euro-Job hinter er McDonald’s-Theke abspeisen lassen. Sondern Ärzte, Anwälte und Ingenieure, die im reichen Europa den Standard wieder erreichen wollen, den sie in ihrer vom Krieg geplagten Heimat einst innehatten.

In Europa aber treffen sie auf eine Mittelschicht, die selber ums Überleben kämpft. Im längst verarmten Südeuropa ebenso wie in Frankreich, Österreich und Deutschland. Osteuropa, das seit dem Ende des Kalten Krieges 1990 verzweifelt den Anschluss an den reichen Westen sucht und seit je scharf an der Überschuldung entlangsegelt, war von vorneherein ein Gegner der deutschen Flüchtlingspolitik. Der wirtschaftliche Absturz, der den Mittelschichten auf dem ganzen Kontinent droht, wird die Länder des früheren Ostblocks als erste treffen.

Für die Mittelschicht gilt die Parole: rette sich, wer kann

Längst gilt für die Mittelklasse in Europa: rette sich, wer kann. Jobmigration ist schon lange nicht mehr das Unterschichtenphänomen, das es früher einmal war, zuletzt während des europäischen Wirtschaftswunders, als Millionen unqualifizierter Gastarbeiter aus Italien und der Türkei, später auch aus Ostasien und dem Orient nach Europa strebten. Hochqualifizierte Expatriates migrieren aus Industriestaaten in andere Industriestaaten wie die USA, oder ins aufstrebende China.

Noch suggerieren die Politiker der reichen EU-Staaten, es könne alles so weitergehen wie bisher. Doch öffentliche und private Verschuldung werden früher oder später das traditionelle Gefüge von Tariflöhnen und öffentlichen Leistungen aufgefressen haben. Was folgt, ist nicht Hunger – aber Verschuldung, Armut und der Tod der Mittelklasse. Leinwandepen wie die „Hunger Games“-Trilogie oder auch Serien wie „Orange ist the new black“, die den sozialen Absturz von westlichen Mittelschichtlern erzählen, bereiten ihre Zuschauer auf genau dieses Szenario vor

Im Westen wird fieberhaft an alternativen Modellen der sozialen Absicherung gearbeitet

Schon arbeiten Think Tanks und Bürgerinitiativen in der ganzen westlichen Welt fieberhaft an alternativen Einkommensmodellen. Anfang Juni findet in der Schweiz das erste landesweite Referendum über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens statt. In den USA wird bereits eine negative Einkommenssteuer auf Niedriglöhne erhoben, die als Zuschuss auf diese Löhne ausgezahlt wird.

Und auch in Deutschland werden solche Überlegungen immer populärer. Manager wie dm-Gründer Götz Werner oder Telekom-CEO Timotheus Höttges erwarten für die nächsten Jahrzehnte einen massiven Wegfall von Arbeitsplätzen durch die weitere Automatisierung von Produktionsvorgängen. Beide Manager gehören zu den Befürwortern eines Grundeinkommens.

Grundeinkommensmodelle werden überall im Westen diskutiert

Die Industrialisierung der Landwirtschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat den uralten Feind der Menschheit, Hunger, in den Industriestaaten faktisch ausgerottet. Die digitale Revolution, in der wir uns befinden, macht nun auch Millionen Arbeitsplätze überflüssig. Mit Hochdruck forschen Wissenschaftler in aller Welt an künstlicher Intelligenz. Schon experimentiert die Deutsche Post mit Paketzustellungen per Drohne. Skandale wie der um manipulierte Abgaswerte bei VW und Mitsubishi zeigen, dass nicht mehr Maschinenbau, sondern Softwareentwicklung die wirtschaftliche Kernkompetenz der Industriestaaten ist. Internetkonzerne wie Google, Apple oder Facebook dominieren folglich schon jetzt die Aktienmärkte und bauen diese Position weiter aus. Ihre Stärke rührt auch daher, dass sie mit weitaus weniger Beschäftigten auskommen als ein klassischer Industriekonzern.

Jeder sucht den Statuserhalt

Aus der Industriegesellschaft ist längst eine Dienstleitungsgesellschaft geworden. Nun geht es auch dem Dienstleistungssektor an den Kragen. Die Folge: viele klassische Karrierepfade der Mittelschicht führen ins Leere. Die Politik sucht nach neuen Konzepten der sozialen Absicherung. Der Einzelne aber sucht den Statuserhalt. Auch ein Grundeinkommen wird nicht den ewigen Drang des Menschen nach Distinktion und Wettbewerb beseitigen. Wir werden einen kalten Weltkrieg der Mittelschichten erleben, einen Weltkrieg um Statuserhalt und Statusgewinn.

Europa wird Schauplatz des kalten Kriegs der Mittelschichten sein

Europa ist in diesem Kampf besonders gefährdet. Durch seine geopolitische Lage und durch seine politische Uneinigkeit. Die Großmächte Russland und China verfolgen längst eine Politik der gesellschaftlichen Abschottung und ziehen bewusst eine ehrgeizige und expansive Mittelschicht heran. Die Supermacht USA erkennt – das zeigt der Wahlkampf –, dass sie wieder ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten für die eigene middle class werden muss, will sie im internationalen Wettbewerb nicht zurückfallen. In Europa sind die Mittelschichten überall im Wanken, am schwersten im Süden, aber immer mehr auch im reichen und bisher stabilen Mitteleuropa. Nun kommt Konkurrenz aus dem Orient dazu, der immer im Windschatten Europas fuhr.

Es wird spannend. Niemand kann vorhersagen, wo sich Europa und die Europäische Union in zwanzig Jahren befinden werden. Gut möglich, dass die derzeitige Krise den Kontinent wieder enger zusammenrücken und erstarken lässt. Genauso gut aber ist es möglich, dass der Doppeldruck der geopolitischen Situation und der digitalen Transformation des Arbeits- und Wirtschaftslebens Europa dauerhaft schwächen wird. Eine neue Unterschicht wird entstehen, die mit vielen gefallenen Mittelschichtlern gefüllt werden wird. Und politisch könnte Europa nach tausend Jahren der weltpolitischen Dominanz endgültig durch die Flügelmächte USA im Westen und China im Osten marginalisiert werden.

© Konstantin Sakkas, 2016

 

 

 

 

 

 

Schluss mit lustig. Eine Antwort auf Mathias Döpfners offenen Brief an Jan Böhmermann

 

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, hat einen offenen Brief an Jan Böhmermann geschrieben, in dem er seine volle Solidarität mit dem ZDF-Satiriker betont. Ein Coup. Ein Fanal. Eine gelungene Überraschung. Der Chef des Springerkonzerns Seit an Seite mit dem Liebling der linken Großstadtintelligenz. So weit, so gut.

Satire als kulturelle Form der Scheckbuchdiplomatie

Der Haken bei der Sache: es ist wohlfeil, für Satire zu sein. Satire ist die kulturelle Form der Scheckbuchdiplomatie. Ironie, das der Satire eigene Stilmittel, ist das liebste kulturelle und interkulturelle Zahlungsmittel der Deutschen. Das Problem dabei: seine Beliebigkeit. Satire lässt sich schlechterdings gegen alles und jeden kehren. Man kann die Griechen bedauern für das Leid, das die Schuldenkrise über sie gebracht hat, und trotzdem über ihren Nationalismus oder ihre Unfähigkeit zu administrativer Organisation kichern. Man kann die Türken toll finden für ihren Döner und ihre Gastlichkeit und sich trotzdem über ihren Präsidenten beölen.

Den Deutschen in ihrer Ironiebubble täte ein Blick über den Tellerrand gut

Was den Deutschen in ihrer Ironiebubble einmal gut täte, wäre weniger Ironie und mehr Blick über den Tellerrand. Erdogan zelebriert sein Amt mit imperialem, pahtetischem Gestus. Das tun alle Staaten und Präsidenten auf der Welt von Rang mit einer Ausnahme: Deutschland. Wenn die Air Force One irgendwo landet, wird ein Zeremoniell veranstaltet, würdig, von einer Leni Riefenstahl auf 35 Millimeter festgehalten zu werden. Ich persönlich liebe das übrigens, wie wahrscheinlich die heimliche Mehrheit der Zuschauerinnen und Zuschauer. Wenn Putin eine Pressekonferenz gibt, stehen Gardesoldaten mit ihren Tschakos in Habtachtstellung an den Türflügeln im Kreml. Über Duchess Catherine und ihre herrlichen Tangablitzer beim Abschreiten irgendeiner Ehrenkompanie brauche ich nichts weiter zu sagen, auch nicht über die französische Regierung mit ihren Gardekürassieren in ihren napoleonischen Uniformen. Dasselbe gilt von den kleineren und weniger mächtigen Staaten in- und außerhalb Europas. Deutschland ausgenommen. Psst, aber die anderen halten uns dafür für spießig.

Wo ist der deutsche Brzezinski?

So viel zum Zeremoniell. What about politics? Wo ist der deutsche Intellektuelle, der Heartland, das Standardwerk der internationalen Geopolitik, in dem Halford Mackinder die eurasische Geopolitik schon vor einhundert Jahren gescripted hat, aus deutscher Sicht schriebe? Und wo die Zeitung, die seine Schriften abdruckte? Wo ist das deutsche Homeland? Wo bleibt der deutsche Brzezinski, der der Politik mal einen Tritt in den Hintern gäbe, sich klar und deutlich zur orientalischen Problematik zu äußern? Sieht hier eigentlich niemand, dass Deutschland sich aus der internationalen Außenpolitik längst verabschiedet hat?

Natürlich ist Erdogan ein Problem, so wie die Türkei geopolitisch immer ein Problem war. Doch was lernen deutsche Gymnasiasten im Geschichtsunterricht eigentlich über Byzanz und den Fall Konstantinopels, das Osmanische Reich und das great game zwischen England und Russland um den Vorderen und Mittleren Orient im neunzehnten Jahrhundert? Richtig: so gut wie gar nichts.

Wann erwacht Deutschland endlich aus dem Ironiemodus?

Sich auf Dschungelcamp-Niveau oder darunter über ein machtvoll auftretendes Staatsoberhaupt lustig zu machen, reicht nicht, um auf der großen politischen Bühne zu bestehen. Als ich neulich im Deutschlandradio dafür eintrat, dass sich die Großmächte Amerika und Russland aus dem Nahen Osten zurückziehen und die Macht dort wieder den regionalen säkularen Kräften überlassen sollten, die dort Jahrzehnte lang für Ordnung gesorgt und dabei mehr oder weniger strikte religiöse Toleranz geübt haben, wurde ich von Henryk M. Broder, Kolumnist der „Welt“, öffentlich dafür ausgelacht.

Damit kann ich leben. Die Frage ist nur, wie lange noch Deutschland und mit ihm Europa politisch überleben kann, wenn es nicht endlich aus seinem Ironiemodus erwacht, der nicht weniger präpotent ist als das Gebaren des türkischen Präsidenten. Wer anderen ständig zeigen muss, dass er sie nicht ernst nimmt, beweist dadurch am Ende vor allem, dass er sich selbst als ernstzunehmende Person längst aufgegeben hat.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Jan Böhmenmann verliest seine Schmähkritik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Quelle: ZDF

Homeland, die Panama Papers und die fehlende Heldenerzählung Europas

Das zentrale Problem bei der europäischen Integration ist, dass es keine einheitliche europäische politische Heldenerzählung gibt. Das ist der große Unterschied zwischen Europa einerseits und den drei Weltmächten USA, Russland und China andererseits (hinzu könnte man noch als vierte Potenz die islamische Welt zählen, wäre diese nicht ethnisch und politisch zu heterogen dafür).

Bis vor einem Vierteljahrhundert herrschte der kalte Krieg zwischen den europäischen Staaten, und auch die Erinnerung an die vielen heißen Kriege zuvor war durch den Status Deutschlands als besetztes Land noch lebendig. Meine Elterngeneration ist auratisch noch im Zeitalter der europäischen Bruderkriege und Völkermorde aufgewachsen. Die Generation der Millennials, also der nach 1990 Geborenen, ist die erste, die wirklich gesamteuropäisch denkt und fühlt. Doch vorläufig ist sie in der Minderheit. Die politischen Eliten stehen vor dem Problem, Integration zu erzeugen in einem zunehmend disintegrativen Umfeld.

Was bedeutet das? Es im Leben zu etwas bringen, ist heute gleichbedeutend damit, sein Land zu verlassen und woanders in Wohlstand und Sicherheit zu leben. Für die Unterschichten der Dritten Welt heißt dies: Flucht in die reichen Industriestaaten der Nordhalbkugel. Für die Ober- und Mittelschichten der Ersten Welt heißt dies: Jobmigration in die reichen Enklaven ihrer eigenen Welt, also zum Beispiel nach Manhattan, an die Côte d’Azur oder an den Zürcher See, oder aber in die exklusiven Urlaubsparadiese auf der Südhalbkugel.

Migrationsabsichten bestimmen im Zeitalter der Massenmobilität den Lebenshorizont von immer mehr Menschen. Die US-amerikanische Kultserie Homeland um die CIA-Agentin Carrie Mathison, gespielt von Claire Danes, zeigt dies exemplarisch anhand des von Staffel zu Staffel wechselnden Schauplatzes der Handlung: Bagdad, Washington, Caracas, Teheran, Islamabad, Berlin. Nicht nur der Terrorismus, nicht nur Staaten und ihre Behörden, nein: jeder Mensch agiert heute international. Terroristen und Geheimdienstagenten sind nur Symbolfiguren dessen, ebenso wie jene Reichen und Mächtigen, die durch die Panama Papers soeben – wenig überraschend – der Verstrickung in weltweit verflochtene, „geheime“ Investments überführt wurden.

Keinen festen Wohnsitz zu haben, ist entweder der Makel der Ärmsten, oder aber das Privileg der Reichsten. Man denke an Nicholas Berggruen, der vor Jahren in der Presse als reichster Wohnsitzloser der Welt apostrophiert wurde, nachdem sich der Milliardär entschlossen hatte, nur noch in Hotelzimmern und Flugzeugen zu leben.

Die Politik stellt sich, wie stets, die Frage, wie Stabilität in diesen Strudel von Bewegung und Migration zu bringen sei. Das klassische Mittel hierzu ist die Konstruktion von Identität. Klassischerweise geschieht dies durch die Definition über die nationale, ethnische oder ideologische Identität. Ersteres ist in Russland der Fall, zweites in China, drittes in den USA. Europas Identitätskriterium sind die Menschenrechte: den Export dieser Identität überlassen sie allerdings den USA und dienen dafür als Auffangstation für Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge aus aller Welt.

In dieser Balance von Kräften und Aufgaben bewegen sich USA und Europas seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein Ende dieser Aufgabenverteilung zeichnet sich ab. Die US-amerikanischen Eliten betreiben im Wechselspiel mit Russland die Wiederauflage des great game um den Nahen und Mittleren Osten um den Preis einer Destabilisierung Europas. Was heißt das für uns Europäer? Dass wir daran erinnert werden, dass Europa bis zur industriellen Revolution vor einem Vierteljahrtausend das Armenhaus der Welt war und dass es dies bald wieder werden könnte, wenn wir nicht endlich zu einer gemeinsamen politischen Identität finden und eine einige politische Kraft werden. Um nichts weniger wird es in den kommenden zwanzig bis dreißig Jahren gehen.

 

Header: Ein Bild mit Symbolkraft: Szenenfoto aus der Showtime-Serie Homeland, Staffel 5. Claire Danes in der Rolle der Carrie Mathison, aufgenommen in der Berliner Wrangelstraße. Quelle: Bildzeitung.

Rassismus statt Geopolitik: Köln und die Folgen

Jetzt hat auch Deutschland seinen Bataclan. Zumindest scheint es so, wenn man sich die Nachrichten der vergangenen Tage und deren Rezeption in den Social Media anschaut. Da sollen in der Silvesternacht Frauen von einem ausländischen Mob in westdeutschen Innenstädten, insbesondere am Kölner Hauptbahnhof, umzingelt, angegriffen und sexuell belästigt beziehungsweise missbraucht worden sein. Über hundert Strafanzeigen seien inzwischen eingegangen, und deutschlandweit übt man sich in Empörung, beteuert, derlei Taten müssten mit der ganzen Härte des Gesetzes verfolgt und bestraft und straffällig gewordene Asylbewerber je nach Strafmaß in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden.

Rassismus als Kompensation außenpolitischer Impotenz

Wir haben es hier mit einer Stimmung zu tun, die typisch ist für Länder, die zu groß sind, um das beschauliche Leben einer Schweiz unter den Völkern zu führen, aber zu klein, um aktiv Weltpolitik zu betreiben wie die USA, Russland oder die Volksrepublik China. Man spürt die eigene Ohnmacht auf dem geopolitischen Parkett, spürt den Mangel an politischer Identität, insbesondere bei uns in Deutschland, dessen Geschichte als geeinter Staat erst vor eineinhalb Jahrhunderten begann und die nach gerade einmal der Hälfte dieser Zeit schon einen so empfindlichen Einschnitt erlitt, dass sich heute gleichsam niemand mehr traut, laut “Deutschland” zu sagen – und kompensiert diese schlechte Gefühl, dieses Empfinden der politischen Impotenz und Indolenz im Großen mit der Pflege von Ressentiments im eigenen kleinen Kosmos, mit der gewaltsamen Exklusion “anderer”, “Fremder” aus dem urplötzlich als politische Entität entdeckten eigenen “Volkskörper”.

Es gibt keinen “Volkskörper”. Es gibt nur Kulturräume

Nun gibt es einen solchen Volkskörper natürlich gar nicht. Es gibt Menschen, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Glaubensbekenntnisses, unterschiedlicher Weltanschauung und, natürlich, unterschiedlicher kultureller Prägung – aber Menschen sind sie nun einmal alle.

Die Großeltern des Autors dieser Zeilen waren einfache griechische und bayrische Landleute, hart arbeitend, ehrlich lebend, hineingezogen in die Malströme ihrer Zeit durch den Ratschluss der großen Politik, zu der ihnen soziologisch und womöglich auch intellektuell jeder realistische Zugang fehlte. Wenig deutete darauf hin, dass ihr Enkel das Kommentieren dieser großen Politik, die sie zu Opfern und Tätern wider Willen in Kriegen und Bürgerkriegen machte,  einmal zu seinem Beruf, zu seinem Broterwerb machen würde. Die Sprache, derer ich mich bediene: dieses hochgezüchtete, phrasenreiche und selbstgefällige akademische Idiom der deutschen Bildungsoberschicht, das ich mir in meinem öffentlichen und privaten Umfeld angeeignet habe, würden sie vermutlich gar nicht verstehen. Gott und der Welt gefällige Menschen waren es, ob sie ihren Trost nun im Kommunistischen Manifest fanden oder in der katholischen Liturgie. Ihre Prägungen waren die ihrer Zeit und ihrer Gesellschaftsschicht, aber es waren sicherlich nicht die ihres Enkels, der in einem Westberliner Villenviertel aufwuchs und den seine Eltern auf so genannte Eliteschulen schickten, auf denen er die Werte der westlichen Welt der Neunzigerjahre kennen und leben lernte.

Diese Werte gab es um 1950 nicht. Überhaupt gab es um 1950 die westliche Welt in ihrem heutigen Verständnis nicht, in Neuilly-sur-Seine oder München-Bogenhausen so wenig wie eben in Zentralgriechenland oder in Niederbayern. Und deshalb ist es falsch und verderblich, historisch gewachsene Unterschiede in Kultur und Mentalität zu ontologisieren, sie ins Rassische oder, wie es heute politisch korrekt heißt: ins Ethnische hin zu rationalisieren.

Ein Akt der Provokation, um die Bevölkerung aufzustacheln?

Wenn Männer nordafrikanischer oder orientalischer Herkunft in einer Silvesternacht am Hauptbahnhof einer mitteleuropäischen Großstadt wirklich in großem Stil Sexualstraftaten unternommen haben sollen, während die Polizei dem tatenlos zusah, um im Anschluss die deutsche Flüchtlingspolitik zu kritisieren und lauthals Abschiebungen, ein “Ende der Flüchtlingspolitik” und dergleichen mehr zu fordern: dann haben wir es nicht mehr bloß mit einem Gegenstand des Strafrechts zu tun, sondern mit einer gezielten Provokation. Es sollen Tatsachen geschaffen werden, die einen rassistischen, fremdenfeindlichen Turnaround in der deutschen Politik legitimieren und die zudem – man hört es schon läuten – den Weg zu mehr Überwachung des öffentlichen und privaten Raums ebnen.

Weil man unfähig ist, Europa nach Außen eine Gestalt zu geben, höhlt man im Innern die europäische Freiheitlichkeit aus

Immer seit dem Revolutionszeitalter war Rassismus die Medizin, die Regierungen dem Volk verabreichten, um es abzulenken von ihrem Versagen oder Nichtgenügen auf dem großen Welttheater, über das der Zeitungsleser gestern wie heute ohnehin nach Tunlichkeit im Unklaren gelassen wird. Anstatt selbst eine europäische Agenda aufzulegen und die große Politik im Nahen Osten, der nichts anderes ist als Europas Osten, als unser geistiges Homeland, aus dem Homer und Jesus von Nazareth kamen und wo Alexander und Napoleon ihre Schlachten schlugen, nicht länger oder wenigstens nicht mehr ausschließlich den USA und Russland zu überlassen, schafft unsere Politik, so scheint es doch, künstliche Anlässe, um Verschärfungen des materiellen öffentlichen Rechts durchzusetzen, die in letzter und schärfster Konsequenz uns selber treffen werden. Weil man unfähig ist, Europa eine nach außen sichtbare Gestalt zu geben, höhlt man im Innern den Liberalismus, höhlt man jene Freiheitlichkeit aus, die Europa so schön und so groß und so lebenswert macht.

Ich möchte nicht in einem Deutschland leben, in dem ein pornografischer Rassismus wieder auf den Titelseiten ausgelebt werden darf

Ich möchte nicht in einem Deutschland leben, in dem bald wieder in Streicherscher Manier ein pornografischer Rassismus auf den Titelseiten ausgelebt werden darf. Ich möchte nicht in einem Deutschland leben, in dem Woche für Woche Mordanschläge auf die Bewohner von Flüchtlingsheimen verübt werden, darunter zahllose wehrlose Frauen und ihre kleinen Kinder. Ich möchte nicht in einem Deutschland leben, in dem ein rassistischer Mob vielleicht bald wieder Ausländer durch die Straßen vor sich hertreibt, denen Schilder mit Aufschriften wie “Ich nehm’ als Flüchtlingsjunge immer nur deutsche Mädchen mit aufs Zimmer” oder dergleichen krankem Unsinn um den Hals gehängt sind. Ich wünsche mir ein starkes Deutschland, kein rassistisches.

Tausend Grünwalder Mädels werden vermutlich Jahr für Jahr auf der Toilette des P 1 von blonden, blauäugigen Jungs aus ihrer Nachbarschaft vergewaltigt, ohne dass es in der Presse darüber einen Aufschrei gibt. Tausend deutsche, oder jedenfalls nicht-nordafrikanische und nicht-orientalische, Familienväter vergehen sich, ob in Stuttgart-Bad Canstatt oder in Berlin-Marzahn, Jahr für Jahr an ihren minderjährigen Töchtern und Söhnen, Nichten und Neffen, ohne dass diese Taten aufgeklärt würden. Es gibt in Deutschland, wie in allen westlichen Staaten, eine eklatant hohe Rate unaufgeklärter Fälle physischer und psychischer Gewalttaten, die Mütter an ihren Kindern begehen und über die so gut wie nicht berichtet wird.

Sexuelle Gewalt hat per se nichts mit Immigration zu tun

Wenn mir als Polizeipräsident einer deutschen Großstadt gemeldet wird, dass sich irgendwo eine Massenvergewaltigung anbahnt, dann schicke ich dort meine Einsatzkräfte hin, stelle die öffentliche Sicherheit und Ordnung wieder her und nehme die Opfer, die tatsächlichen wie die potenziellen, in meine Obhut. Wenn mich als bevollmächtigten Beamten der Ausländerbehörde die örtliche Staatsanwaltschaft über ein laufendes Strafverfahren gegen einen Asylbewerber oder Geduldeten informiert, das womöglich mit einer Bestrafung enden könnte, die dem Gesetz nach die Ausweisung aus Deutschland nach sich zu ziehen hätte: dann werde ich dies als gesetzestreuer Beamter veranlassen und durchführen, wenn der Betreffende denn nun rechtskräftig bestraft wird. Dazu brauche ich kein rassepornografisches Gejaule.

“Die Ausländer” können nichts dafür, dass die großen Konzerne seit einem Vierteljahrhundert ihre Gewinne thesaurieren, während die westliche Bevölkerung verarmt

Wir haben in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren unsere Armee faktisch abgeschafft. Wir haben durch unsere Griechenlandpolitik Europa gespalten. Wir haben bis heute keinen valablen Vorschlag zur Reform unseres Wirtschaftslebens vorgelegt, mit der Folge, dass die Bevölkerung rasant verarmt, was nun – natürlich – “den Ausländern” in die Schuhe geschoben werden soll. Aber “die Ausländer” können gewiss nichts dafür, dass die großen westlichen Blue Chips seit fünfundzwanzig Jahren ihre Gewinne thesaurieren, während sowohl die Lohnsumme als auch die Beschäftigtenquote konstant sinken. “Die Ausländer” können nichts dafür, dass die Bewohner Ostdeutschlands fünfundzwanzig Jahre nach der Einheit immer noch wie Deutsche zweiter Klasse behandelt werden. Und “die Ausländer” können auch nichts dafür, dass einige der Ihren Unziemlichkeiten oder Gewalttaten gegen Frauen begehen (seien es “deutsche” Frauen oder andere).

Was uns zu interessieren hat, ist die Weltpolitik, ist die Frage nach der Rolle des Orients zwischen Fernost (China) und europäischem Stammland, ist die Frage nach einer orientalischen EU-Erweiterung, ist die Frage nach Stabilität im Nahen Osten. Syrien, der Irak und Ägypten waren unter Assad, Saddam und Mubarak blühende Länder, in ihnen herrschte nach jahrhundertelanger Unterdrückung wieder der Geist Assurs und Babylons, der Geist der Pharaonen. Der Islam war dort immer eingefärbt und abgemildert durch das spezielle Kolorit der heiteren, weltzugewandten und kulturell produktiven levantinischen Mentalität. Auch haben Juden und Muslime dort über tausend Jahre lang ungestört nebeneinander gelebt, während es den Rhein entlang das ganze Mittelalter hindurch blutige Pogrome gab, die mit der Vertreibung der Juden nach Polen endeten und die nach den polnischen Teilungen im späten achtzehnten Jahrhundert, als die Nachfahren dieser Juden wieder Untertanen deutscher Staaten wurden, und dem Erwachen des deutschen Nationalgefühls im neunzehnten eine traurige Renaissance erlebten mit einem Gipfelpunkt, der allseits bekannt ist.

Ein pöbelhafter Neorassismus ist ein Verbrechen und ein Fehler

Dieser Orient wartet nur darauf, dass Europa mit dem reichen und noch mächtigen Deutschland an der Spitze sich in die große Politik einschaltet und ordnend eingreift ins Chaos. Er wartet nur darauf, befreit zu werden aus der türkisch-arabischen Umklammerung und wieder frei atmen zu können, politisch souverän, wirtschaftlich autonom. Er wartet auf ein geopolitisch agierendes Europa, denn dieses, Europa, hat im Orient credibility, nicht die USA, nicht Russland – nicht, weil diese nicht auch Teile Europas wären, denn natürlich sind sie das; aber weil sie territorial, geistig und geschichtlich mit dem Orient nicht so eng verbunden sind wie eben Kontinentaleuropa. Als West- und Ostrom waren Europa und der Orient einst die beiden Flügel einunddesselben Körpers, versinnbildlicht im byzantinischen Doppeladler. Europa aber, und das heißt: Deutschland muss außenpolitisch wieder attraktiv werden. Und genauso wie das schlichte “Refugees welcome” hierzu nicht ausreichend war, genauso ist die rassistische Hetze heute, ein halbes Jahr später, der falsche Weg.

Ein pöbelhafter Neorassismus, akklamiert von rechts und mehr und mehr auch von links, ist menschenfeindlich und apolitisch in einem. Er wäre un crime et une faute, ein Verbrechen und ein Fehler, um es mit den Worten Fouchés, des Polizeiministers Napoleons, zu sagen. Ein Staat aber, der das Land den Interessen schwerreicher Minoritäten ausliefert; der von Geopolitik nichts wissen will; der die eigene Armee faktisch abgeschafft und damit die außenpolitische Wehrkraft des Landes geschwächt hat; der aber andererseits mithilfe eines billigen Tricks die Leserinnen der Emma und die Leser des Spiegel ins Boot eines pornografisch angeheizten Rassismus holen will, um unter diesem Mäntelchen Freiheitsrechte peu à peu außer Kraft zu setzen: ein solcher Staat handelte weder deutsch noch europäisch, weder kraftvoll noch konservativ, sondern eben – fehlerhaft und kriminell.

 

Header: Gedenktafel an der Bushaltestelle “Zehlendorf Eiche”, Berlin-Zehlendorf: “Im Mai 1732 begrüßte König Friedrich Wilhelm I. in Zehlendorf aus Salzburg vertriebene Protestanten. “Mir neue Söhne – Euch ein mildes Vaterland!” An diesem Ort verbrachte der Autor während seiner Schulzeit viele Stunden seines Lebens beim Warten auf den Bus.