Die Causa Achille Mbembe

Die Kontroverse um Achille Mbembe nimmt kein Ende. Die einen werfen dem wohl einflussreichsten Postkolonialismus-Theoretiker der Gegenwart Nähe zu antisemitischen Positionen vor; die anderen sehen in Mbembes Äußerungen dagegen legitime Israelkritik und unterstellen wiederum seinen Gegnern verhohlenen Rassismus. Die wertvollen Erkenntnisse, die man von beiden Seiten mitnehmen könnte, gehen dabei unter.

Die Shoa als singuläres Ereignis, als das Menschheitsverbrechen katexochen: so ist es gängige Lehrmeinung in Deutschland, und das zu Recht. Denn niemals in der Geschichte, soweit wir zurückblicken können, wurde die Ermordung eines kompletten Teils der Bevölkerung vom Neugeborenen bis zum Greis aufgrund seiner vermeintlichen oder tatsächlichen Abstammung derart umfassend und rationell beschlossen, geplant und ins Werk gesetzt wie bei der Ermordung der europäischen Juden durch Hitler und das nationalsozialistische Deutschland.

Für die konkrete Gedenkkultur aber erweist sich der Topos der Singularität des Holocaust in mancher Hinsicht als Hypothek. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann hat hierauf jüngst hingewiesen, indem sie davor warnte, das Gedenken an den Holocaust unter dem Gesichtspunkt seiner Singularität drohe, „steril“ zu werden. Was meint Assmann damit?

Nun, bei „Holocaust“ denken wir heute meistens an „industriellen Massenmord“, an ideologisierte SS-Männer, die kaltblütig, und das meint eben auch: leidenschaftslos Millionen von Juden in Gaskammern ermordeten. Doch mit der gewaltvollen, brutalen, sadistischen Realität des Massenmordes hat diese Vorstellung rein gar nichts zu tun.

Da ist es auch wenig hilfreich, dass nach wie vor das Tagebuch der Anne Frank als Nonplusultra der schulischen Holocaustliteratur gilt. Anne Franks Tagebuch sagt zwar viel über die Judenverfolgung und auch viel über das Coming of Age eines frühreifen jungen Mädchens aus – aber nichts über die Shoa. Wer wissen will, was die Shoa war, der sollte nicht Anne Frank lesen, sondern die Berichte von Überlebenden der „Aktion Reinhard“: Chil Rajchman, Rudolf Reder, Jankiel Wiernik. Vieles davon steht kostenlos im Internet, anderes wurde seit Jahrzehnten nicht mehr aufgelegt – auf schulischen Curricula steht meines Wissens nichts davon.

Deshalb ist es meines Erachtens dringend geboten, die Shoa gewaltgeschichtlich zu kontextualisieren. So unterschiedliche Wissenschaftler wie Christian Gerlach und Timothy Snyder tun das bereits. Sie betonen zugleich die Brutalität des Mordens (und zwar nicht nur auf den Killing Fields der „Einsatzgruppen“, sondern auch und gerade in den Vernichtungslagern der „Aktion Reinhard“), und ebenso die Rolle, die der Holocaust im kolonialistisch-imperialistischen Gesamtprogramm der Deutschen spielte.

Das eine war nämlich der irrationale, metaphysisch aufgeladene Hass auf die Juden als vermeintliche Strippenzieher und Weltvergifter, also als singuläre geschichtliche Widersachermacht; das andere aber war ganz pragmatische „ethnische Flurbereinigung“ (so der Ausdruck der Nationalsozialisten), um Platz für deutsche Siedler zu schaffen. Und in der Hierarchie der zu beseitigenden Ansässigen in Osteuropa standen die Juden, die man nicht als Europäer ansah, eben ganz unten.

Auf der anderen Seite wirft die Debatte um Mbembe ein Schlaglicht auf die uralte unheilige Allianz zwischen linken und rechten Antiimperialisten und Antisemiten. Es gibt, gerade in Deutschland, gerade im Bürgertum, ein breites Spektrum von Menschen, die ihren Hass auf den Westen und auf unsere judäochristliche, humanistische Tradition hinter Palästinafolklore, Alnatura-Esoterik und Anti-USA-Demos verstecken. Damit knüpfen sie an linksgrüne Traditionen aus der Zeit der Studentenbewegung an, aber auch an den guten alten nazistischen Antiimperialismus. Die Reden Hitlers strotzen nur so vor Tiraden gegen die schlechte Behandlung der Inder, der Iren und der Kohlearbeiter durch die bösen britischen Kolonialherren und die hinter ihnen stehenden „jüdischen und nichtjüdischen Bankbarone“. Ja, linke Bewegungen und ihre akademischen Verästelungen etwa in Gestalt der Postcolonial Studies haben ein Antisemitismusproblem. Dieses Problem muss ebenso schonungslos adressiert werden wie die unselige schleichende Verbrämung der Shoa zum quasi körperlosen Menschheitsverbrechen durch die offizielle Gedenkkultur.

©️ Konstantin Johannes Sakkas, 2020

Corona ist nicht das Ende der EU

Dass die Corona-Pandemie ein historischer Einschnitt sei, ist inzwischen eine Binsenweisheit. Aber gefährdet sie auch den europäischen Zusammenhalt? Kündigt sie gar das Ende der Europäischen Union an? 

In seinem neuen Buch orakelt der europaskeptische bulgarische Intellektuelle Ivan Krastev, die Corona-Pandemie sei der Anfang vom Ende der EU. Grund hierfür sei der Mangel an innereuropäischer Solidarität: so habe das reiche Deutschland zu Beginn der Pandemie die Ausfuhr von Schutzmasken verboten, was unter anderem die vom Virus besonders getroffenen Italiener schwer enttäuscht habe.

Zur gleichen Zeit ergibt eine Umfrage, dass die Deutschen gute Beziehungen zu China inzwischen für genauso wichtig halten wie ein gutes Verhältnis zu den USA. Die Sympathiewerte der westlichen Ordnung sind am Bröckeln, so scheint es. Doch ist der Westen, ist die EU wirklich am Ende?

Noch bevor Krastevs neues Buch – es heißt „Ist heute schon morgen? – erscheint, haben Angela Merkel und Emmanuel Macron ein Hilfspaket für die besonders geschwächten EU-Mitgliedsstaaten angekündigt, in Höhe von 500 Milliarden Euro. Fünfhundert Milliarden Euro, eine halbe Billion. Diese Summe muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Sie straft all jene Lügen, die von mangelnder europäischer Solidarität sprechen.

Natürlich gibt es ein Missverhältnis zwischen den reichen und den weniger reichen EU-Mitgliedstaaten. Aber dieses Missverhältnis ist quasi naturgegeben. Die EU ist ein Miniatur-Imperium, und wie jedes Imperium funktioniert sie nach dem Nabe-Speiche-Prinzip: um ein starkes Zentrum schart sich eine mehr oder weniger fragile Peripherie, die von diesem Zentrum nach Bedarf gestützt wird. Aber noch nie in der Geschichte hatte die Peripherie etwas davon, wenn sich das Zentrum selber mutwillig schwächt. Solidarität lebt davon, dass ein Partner so stark ist, dass er es sich leisten kann, mit den anderen solidarisch zu sein. Jeder Familienverband funktioniert nach diesem Prinzip.

Die Europäische Union mit den USA als Bündnispartner hat dieses Prinzip perfektioniert. Das zeigt sich übrigens auch an den drei vorherigen großen Krisen: am Krieg gegen den Terror seit 2001, der Finanzkrise 2008 und der so genannten Flüchtlingskrise 2015. Der Krieg gegen den Terror, den viele zum Anlass nahmen, sich von den ungeliebten USA abzuwenden, wird in Wahrheit von Anfang an fast ausschließlich von den USA allein ausgefochten. Die Finanzkrise hat zwar vor allem die ärmeren EU-Mitgliedsstaaten hart getroffen; aber selbst in Griechenland konnte sie den Trend zum langfristigen Wachstum nicht umkehren. Als Halbgrieche weiß ich gut, wie das Land noch Anfang der Neunzigerjahre aussah. Die Flüchtlingskrise schließlich, die vor allem die osteuropäischen Staaten auf die Barrikaden brachte, wurde und wird zum überwiegenden Teil von Deutschland gestemmt, dem reichsten Land Europas, das es sich leisten kann, einige Hunderttausend Geflüchtete zu integrieren.

Wir sollten aufhören, die EU schlechtzureden, und wir sollten aufhören, die westliche Ordnung schlechtzureden. Und auch wenn die USA gerade von einem halbverrückten Präsidenten regiert werden, so hat sich dieser Präsident doch immerhin klar gegen den neuen chinesischen Imperialismus positioniert, der mit seiner Seidenstraßeninitiative unaufhaltsam Richtung Westen drängt. Corona ist nicht der Untergang Europas, im Gegenteil. Corona hat gezeigt, zu welcher Solidarität Europa und zu welcher Solidarität vor allem das reiche Deutschland fähig ist. Ja, Corona hat uns die menschliche Vergänglichkeit in fast vergessener Radikalität wieder vor Augen geführt; aber Corona führt uns, wie schon die vorangegangenen Krisen, auch die Resilienz unserer europäischen und der westlichen Ordnung vor Augen; und das sollten wir nicht leichtfertig ignorieren, weder in noch außerhalb Deutschlands.

 

© Konstantin Johannes Sakkas, 2020

Für eine Scientocracy                       

Ein Gespenst geht in um in Deutschland: das Gespenst der Scientocracy. Wir würden, heißt es, inzwischen von Virologen regiert, die Pressekonferenzen des Robert-Koch-Instituts seien die neuen Regierungserklärungen, die Macht in Deutschland habe die Wissenschaft übernommen.

Doch ist eine Scientocracy wirklich so schlimm? Wissenschaftler, ob Natur- oder Geisteswissenschaftler, sind gewohnt, objektiv zu denken. Ihre Leitkategorie ist nicht der persönliche Nutzen, sondern die Wahrheit. Wer eine Laufbahn in der Wissenschaft einschlägt, tut das nicht primär, um reich und mächtig zu werden; sondern um die Menschheit voranzubringen. Natürlich kann man auf diesem Weg auch Klinikdirektor oder Institutsleiter werden, aber das ist nur ein Nebeneffekt. Dem Wissenschaftler geht es je um die Menschheit, um die Gesellschaft, um das große Ganze.

Damit steht der Wissenschaftler in natürlicher Opposition zum Wirtschaftsbürger. Das Wirtschaftsbürgertum ist der genuine Treiber des Kapitalismus, vom internationalen Großkonzern bis zur Würstchenbude. Der ständige, idealerweise regellose, oftmals rücksichtslose Wettbewerb um persönlichen Vorteil ist sein Lebenselixier.

Das ist nicht illegitim, denn ohne Wettbewerb käme die menschheitliche Entwicklung zum Stillstand; Deutschland kommt auch deshalb so gut durch die Corona-Krise, weil es ein starkes und gesundes kapitalistisches Wirtschaftsleben hat. Aber Wettbewerb ist nicht alles. In der Wissenschaft ist persönlicher Ehrgeiz idealerweise immer nur Mittel zum Zweck: die Ware, die der Wissenschaftler verkauft, ist immer ein höheres Gesetz, entweder ein Naturgesetz oder eine philosophische Maxime. Das Gleichheitsprinzip ist jeder Wissenschaft und jedem wissenschaftlichen Arbeiten von Grund auf eingeschrieben.

Wie wertvoll wissenschaftliches Denken ist, merken viele erst jetzt, in der Krise. Wirtschaftsunternehmen sind auf einmal gezwungen, gemeinwohlorientiert zu arbeiten, und stellen ihre Produktion auf Atemschutzmasken und Beatmungsgeräte um. Der Staat hat gigantische Soforthilfeprogramme ins Leben gerufen, die de facto nach dem Prinzip des bedingungslosen Grundeinkommens funktionieren. Fußballmillionäre verzichten auf Gehalt. Der Egoismus in der Gesellschaft, der uns jahrzehntelang als das Höchste der Dinge verkauft wurde, geht spürbar zurück.

Die Unkenrufe, die vor einer Scientocracy warnen, kommen wenig überraschend aus der Ecke des Wirtschaftsbürgertums – aus der berechtigten Angst vor der Einschränkung von Freiheitsrechten; aber auch aus einem tiefsitzenden Komplex des Wirtschaftsbürgertums gegenüber der intellektuell hochnäsigen, aber weltfremden Wissenschaft, die von der egoistischen Welt des Geldverdienens und der ausgefahrenen Ellenbogen nichts verstünde.

Doch jetzt ist eben nicht die Zeit der ausgefahrenen Ellenbogen; jetzt ist die Zeit der Objektivität. Dabei geht es nicht um Gleichmacherei; die Welt der Wissenschaft ist selber höchst elitär. Und ja: die Wissenschaft war – und ist – in viele Ungerechtigkeiten und Verbrechen verstrickt; denken wir nur an die Medizin im Nationalsozialismus, an den Contergan-Skandal oder auch an Monsanto heute.

Aber: ihrem Wesen nach ist Wissenschaft um Gerechtigkeit und Wahrheit bemüht. Und eine Pandemie – und übrigens auch den Klimawandel – besiegt man nur mit wissenschaftlicher Wahrheit und mit politischer Gerechtigkeit. Der Egoismus des Einzelnen muss sich dem unterordnen. Und vielleicht erweist sich ja die Scientocracy der Virologen als Modell für die Zeit nach dem Virus: als Modell für eine Politik, die sich ihre Inspirationen nicht mehr von Lobbyverbänden holt, sondern von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

 

© Konstantin Johannes Sakkas, 2020

Die Causa Özil ist in Wahrheit eine Causa Erdogan

Nicht türkischer Patriotismus, sondern der türkische Nationalismus ist das Problem

Lange habe ich gezögert, mich zur Causa Özil zu äußern. Denn gleich dreifach fühle ich mich durch sie persönlich angesprochen: als Fußballfan, der den Sport leidenschaftlich verfolgt. Als Deutscher, der durch den Komplex Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in besonderer Weise historisch belastet ist. Und als Grieche, den ein spezielles Verhältnis mit dem Türkischen verbindet, das noch älter und tiefer ist als das deutsch-türkische Verhältnis.

Vorab: man muss Özils oft sehr zurückgenommene Selbstdarstellung auf und neben dem Spielfeld nicht mögen. Doch die Statistik spricht für sich: kein Mittelfeldspieler hat in den vergangenen Jahren in der deutschen Nationalelf so viele Torvorlagen geliefert wie Mesut Özil, und der Weltmeistertitel 2014 ist auch sein Verdienst. Bei einer solchen spielerischen Bilanz nachzutreten und ihm, wie es jüngst Uli Hoeneß tat, vorzuhalten, er habe zuletzt „nur einen Dreck gespielt“, ist unwürdig und schäbig – unabhängig davon, dass Özil bei seiner letzten WM in diesem Jahr tatsächlich versagte und, etwa im Südkoreaspiel, massenweise Chancen vergab. Ehre, wem Ehre gebührt.

Gegen Özil Patriotismus ist nichts einzuwenden

Etwas anders liegt die Sache beim leidigen Erdogan-Thema. Nun ist patriotisches Brimborium außerhalb Deutschlands nicht nur nicht ungewöhnlich, sondern gehört fest zur populären Kultur, so gut wie überall auf der Welt. Meine deutschamerikanischen Expartnerinnen mutierten gerne mal zu geradezu fanatischen US-Amerikanerinnen, denn das gehört sich nun mal. Ich selber habe meine erste Militärparade im Griechenlandurlaub in Athen erlebt: Mein Opa hatte mich mitgenommen, es war Anfang der Neunziger, und ich weiß heute noch, dass ich den Anblick der schier endlosen marschierenden Kolonnen, der aufgesessenen Artillerie und natürlich den Überflug der Luftwaffenformationen sehr genossen habe – auch wenn es heiß war und ich, wie alle Kinder, ellenlanges Herumlaufen und -stehen in der großstädtischen Sommerhitze eigentlich zutiefst hasste.

Und um schließlich nochmals auf die Fußball-Weltmeisterschaft zurückzukommen: wer sah, wie nach dem siegreichen Finale im Lushniki-Stadion der immer lustige, immer zu einem Scherz aufgelegte Antoine Griezmann vor seinem, kaum zehn Jahre älteren, Staatspräsidenten Emanuel Macron im strömenden Regen salutierte; wer anschließend Macron in der Kabine mit Pogba, Mbappé und Umtiti herumalbern sah, der wusste: dieser Sieg und diese Siegerehrung waren auch ein Akt der patriotischen Selbstvergewisserung eines Landes, das sich längst in einer wirtschaftlichen und auch politischen Krise befindet. Dieser Patriotismus aber ist nichts Dogmatisches oder gar Gewaltvolles, sondern etwas Spielerisches, quasi ein Rollenspiel mit der eigenen nationellen Identität, hilfreich eben bei der existenziellen Selbstvergewisserung, aber mehr auch nicht.

Gegen den patriotischen Gehalt in Özils Inszenierung mit Erdogan mitsamt einem zum Teil reichlich altmodischen Gepräge („hochachtungsvoll, für meinen Präsidenten“) ist also aus meiner Sicht nichts einzuwenden. Auch ich bin gerne Deutscher – und fühle dennoch in bestimmten Momenten sehr stark und sehr pathetisch den griechischen Anteil in mir. Das macht mich nicht weniger loyal gegenüber Deutschland.

Erdogan führt in Syrien einen lupenreinen Angriffskrieg

Problematisch aber ist hier die Figur Erdogans, und das heißt: die Figur, zu der er durch sein politisches Handeln in den vergangenen Jahren geworden ist. Erdogan führt in Syrien einen lupenreinen Angriffskrieg, der sich als Krisenintervention tarnt. Die Einnahme Afrins durch türkische Soldaten ist ein völkerrechtswidriger Akt, der indessen von der Weltgemeinschaft bislang nahezu widerspruchslos hingenommen wird. Die Gefangennahme und Inhaftierung Deniz Yücels war ebenso ein Rechtsbruch und mit den Normen des internationalen politischen Liberalismus nicht in Einklang zu bringen. Daran ändert auch nichts, dass sie womöglich als Retourkutsche für das abscheuliche so genannte „Schmähgedicht“ von Jan Böhmermann aus dem Jahr 2016 gedacht war, dessen Inhalt und Aussage sich bekanntlich Yücels Arbeitgeber, Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, coram publico„zu eigen gemacht“ hatte. Einen Journalisten wie Yücel, der einfach nur seien Job macht, dafür durch Einzelhaft büßen zu lassen, wäre derart Ausdruck eines vordemokratischen, autokratischen Politikverständnisses, dass er vielleicht in Game of Thrones passen würde, aber schwerlich ins Jahr 2018.

Man kann ein großer, mächtiger Staat sein, ohne Recht zu brechen, wenigstens nicht derart eklatant. Kein Journalist der New York Times, kein Mitarbeiter der BILD-Zeitung muss fürchten, im Gefängnis zu landen, wenn er oder sie Donald Trump oder Angela Merkel öffentlich kritisiert.

Erschwerend kommt im Fall Özil, der eigentlich ein Fall Erdogan ist, hinzu, dass sich Erdogan auf eine nationalistische Tradition stützen kann, die in seinem Land fester verankert ist als in vielen anderen modernen Gesellschaften. Wie das Deutsche Reich wurde das Osmanische Reich 1919 von den (westlichen) Siegermächten zerschlagen, doch anders als Deutschland hat der türkische Nationalismus und Expansionismus nie einen derart scharfen Dämpfer erhalten wie Deutschland schließlich 1945.

Seit 1974 hält die Türkei Nordzypern völkerrechtswidrig besetzt

Das sieht man an der politischen Kultur wie an der (außen)politischen Praxis der Türkei gestern wie heute. Seit 1974 hält die türkische Armee das nördliche Drittel Zyperns besetzt – gegen das Völkerrecht und gegen den Willen der Weltgemeinschaft. Bis heute hat kein Staat, nicht die USA, nicht Russland, das türkische Protektorat über Nordzypern anerkannt. Bis heute kommt es beinahe im Wochentakt zu Verletzungen des griechischen Hoheitsgebiets in der Ägäis durch die türkische Luftwaffe, ohne spürbare Sanktionen. Und im Syrienkrieg schließlich sieht Erdogan seine Chance gekommen, sein Territorium zu arrondieren – scheinbar legitimiert durch die Rolle als geopolitische Ordnungsmacht, die die Westmächte der Türkei mangels Alternativen gelassen haben – 1923 im Vertrag von Lausanne und 1952 durch den – synchron mit Griechenland vollzogenen – Beitritt zur NATO.

Die Türkei müsse sich vergrößern, hieß es vor einiger Zeit in einem O-Ton aus einer türkischen Stadt, der in den deutschen Hauptnachrichten gesendet wurde. Hier stellt sich die Frage: wie vergrößern, und in welche Richtung? Waren wir da nicht schon weiter?

Das Problem ist nicht der Islam. Das Problem ist der türkische Nationalismus

Die Causa Özil wirft ein Schlaglicht auf einen gefährlichen türkischen Nationalismus, der seine Sprengkraft aus seiner Anachronizität gewinnt – gerade auch im Vergleich mit seinem geopolitischen Umfeld. Deutscher oder griechischer Patriotismus etwa ist – abgesehen von den paar Verrückten, die tatsächlich noch ernsthaft von der Rückholung Konstantinopels träumen oder immer noch den verlorenen Ostgebieten hinterhertrauern – nicht mehr als eine pittoreske, durchaus liebenswerte Allüre. Und in der arabischen Welt sieht es ähnlich aus. Die Syrer singen in ihrer Hymne von Assur und Harun Ar-Raschid, die Ägypter sind stolz auf die Pharaonen, die Mamelucken und Muhammad Ali (den Feldherrn, nicht den Boxer) – doch beide wissen sie, dass ihre großen Zeiten als Nationalstaaten längst vorbei sind. Lieber sehen sie sich als Araber und als Muslime – was, entgegen einem leider auch in Deutschland häufig anzutreffenden Vorurteil, zur Schaffung und Stärkung demokratischer Strukturen und auch zu einer gewissen weltanschaulichen Liberalität eher beiträgt als nationalistische Borniertheit. Sowohl dem Konzept der westernness als auch dem des Panarabismus wohnt ein bestimmter Universalismus inne, der ethnische und ideologische Grenzen durchbricht und nach innen und außen für Verständigung sorgen kann.

Anders aber sieht es mit dem türkischen Nationalismus aus, der mit einer unseligen Wagenburgmentalität einhergeht. Die offensive Vereinnahmung Özils durch Erdogan ist ein Instrument dieses Nationalismus. Er bewirkt nicht Verständigung und Ausgleich, sondern er verschärft Widersprüche und führt schlimmstenfalls zur Eskalation.

Was uns Hoffnung geben kann: viele Türkinnen und Türken sehen die Sache genauso. Auch unter ihnen sind viele ein anachronistisches autoritäres Regime leid und wünschen sich demokratische Reformen und eine Überwindung des Nationalismus, der nicht in unsere Zeit passt. Mesut Özil aber kann man nur bedauernd zurufen: nicht Dein Patriotismus als Türke war der Funke, der das Pulverfass zur Explosion brachte. Sondern die konkrete Person dieses Präsidenten, mit dem Du Dich öffentlich identifiziert hast, und die Politik, für die er steht.

© Konstantin Johannes Sakkas, 2018. Header. Messt Özil (.) und Recep Tayyip Erdogan, 2018. Quelle: http://www.zdf.de

 

Judentum, Islam und Orientalität

Die Juden sind nicht Speerspitze des Westens gegen den Orient, sondern Speerspitze des Orients in der westlichen Welt

 

Als Historiker setze ich mich quasi gezwungenermaßen mit dem „Dritten Reich“ und der Judenvernichtung auseinander. Ein Wort, das mich in zahllosen Dokumenten immer wieder anspringt, ist das Wort „orientalisch“. Viele SS-Täter verwenden es, wenn sie ihre Opfer beschreiben. So ist die Rede von „sehr schönen orientalischen“ Mädchen unter den Jüdinnen irgendeiner weißrussischen oder ukrainischen Stadt, die bei irgendeiner „Aktion“ einer Einsatzgruppe noch schnell vergewaltigt wurden, um dann doch wie alle anderen ermordet zu werden.

 

Der Antisemitismus ist ein Antiorientalismus

 

Der europäische Antisemitismus war bis 1945 ein dezidierter Antiorientalismus. Juden waren Orientalen, und Orientalen passten dreifach nicht ins weiße, nordische Europa: erstens: sie sahen anders aus, eben „orientalisch“. Zweitens: sie passten nicht in die Ständegesellschaft, denn etwas Vergleichbares wie die Einteilung der Menschheit in vererbten Adel und Nichtadel, die den Westen tausend Jahre lang geprägt hatte, gab und gibt es im Orient nicht. Drittens: sie hatten eine andere Religion.

 

Die Religion, bzw. der Glaube war dabei das am wenigsten Relevante. Die Juden wurden gehasst, weil sie, durchaus ähnlich wie die so genannten Parias in Indien, nicht einmal Dritter Stand, nicht einmal Bauern oder später Proletariat waren. Sie ließen sich keinem Stand zuordnen, was in einem Zeitalter, das jeden Menschen über seinen Stand definierte, so sicher zu Problemen führt wie nur irgendetwas. Und sie wurden gehasst, weil sie einen Einschlag in Haut- und Haarfarbe hatten, den man in einer Zeit, in der es keinen Massentourismus gab, nicht kannte. Dass sie zu JHWH und nicht zum „lieben Gott“ beteten: das war das Geringste der Probleme.

 

Für Alfred Rosenberg war das Christentum „syrisch“

 

Alfred Rosenberg, so genannter Chefideologe der NSDAP, bezeichnete das Christentum konsequent als „syrisch“. Für einen Nazi war der Mann ziemlich klug: er erkannte, dass der eigentliche Gegensatz nicht etwa der zwischen christlich und jüdisch war, sondern der zwischen „nordisch“ und orientalisch. Rosenberg und die deutschen Nationalsozialisten kämpften für das Nordische, für das Heidentum, für die weiße Haut: gegen das „Syrische“, das Orientalische, die dunkle Haut; und dazu gehörte für ihn konsequenterweise auch das Christentum. Spätere Versuche der NS-Führung, Muslime in der Sowjetunion, auf dem Balkan und in Nordafrika zum Dschihad aufzuwiegeln, auch die Aufstellung muslimischer SS-Einheiten waren taktisch motiviert und richteten sich vor allem gegen die jeweiligen Protektoratsnationen, hier die Russen als Führer der slawischen Welt, dort die Briten als Kolonialmacht im Nahen Osten; ins rassistische Weltbild des Nationalsozialismus im Ganzen passten keine Orientalen. Der brutale Umgang der Deutschen mit den Griechen und, nach dem Seitenwechsel 1943, auch mit den Italienern, beides christliche und beides indoeuropäische, „arische“ Völker, deren Angehörige aber „wie Juden aussahen“, zeigt das deutlich.

 

An dieser Stelle möchte ich eine persönliche Anekdote einfügen. Etwa im Jahr 1990 kam eines Abends mein Vater von der Arbeit nachhause und erzählte uns Kindern, jemand habe zu ihm auf dem Weg zur Arbeit in der U 9 gesagt: „Morgen wirst Du vergast, Jude.“ Nun ist mein Vater gar kein Jude, sondern orthodoxer Christ. Aber mein Vater ist Grieche. Er hat eine dunklere Haut- und damals auch noch Haarfarbe als der durchschnittliche „nordische“ Europäer, und er hat eindeutig griechisch-orientalische Gesichtszüge. Und das genügte im West-Berlin der ausgehenden Achtziger, in dem Neonazis noch allgegenwärtig im Stadtbild waren, um ihn als Juden „verdächtig“ zu machen. Ich habe diese Geschichte, die ich am nächsten Tag meinen verständnislosen Mitschülern (übrigens auf einer katholischen Privatschule) erzählte, bis heute nicht vergessen: weil sie mir das schwere Assimilationsschicksal meines Vaters (und damit ein Stück weit auch mein eigenes) verdeutlicht; weil sie eine Grundsolidarität zwischen mir und „den Juden“ hergestellt hat, die ich mir bis heute bewahrt habe; und schließlich, weil sie deutlich macht, was Orientalität bedeutet.

 

Europa ist auf der Idee des Nordens gebaut, als Antithese zum Orient

 

Europa, wie wir es kennen, ist gebaut auf der Idee des Nordens als Antithese zu allem Orientalischem. Karl der Große schnappte sich den Kaisertitel vom griechischen, orientalischen Byzanz weg, als dort zufällig für ein paar Jahre eine Frau auf dem Thron saß. Seine fränkischen Hofjuristen hatten ihm geflüstert, dass jetzt eine gute Gelegenheit sei. Und der (wahrscheinlich langobardische, also germanische) Papst in Rom, der tatsächlich nur einer von fünf gleichrangigen christlichen Patriarchen war und unter diesen fünf der macht- und prestigeloseste, sah ebenfalls seine Chance gekommen und verschaffte sich, indem er Karl die Krone aufsetze, Extraprestige, denn einen Kaiser krönen, das konnten die östlichen Patriarchen nicht.

 

Zweihundertfünfzig Jahre nach Karls Kaiserkrönung kam es dann zum endgültigen Bruch der christlichen Einheit, zum Schisma zwischen Abendland und Morgenland, weil der konstantinopolitanische Patriarch, verständlicherweise, die Oberhoheit seines römischen Kollegen nicht akzeptieren wollte. Kurz darauf fing auch der byzantinische Staat selbst an zu wanken. Die Türken waren auf den Weg nach Westen aufgebrochen. So traten an die Stelle der Griechen im Jahr 1453 die Osmanen, die das vierte islamische Kalifat begründeten: der Sultan als Stellvertreter Gottes und Nachfahre Mohammeds auf Erden in Personalunion, eine Art Papst und Kaiser in einem, aber eben auf orientalisch.

 

Politisch blieben Orient und Okzident voneinander getrennt. Hier der Papst und „seine“ christlichen Herrscher, allen voran der ehemals fränkische König als Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches“, also Deutschlands; dort der jeweilige Kalif – vor den Osmanen gab es bereits drei arabische Kalifate – und „seine“ muslimischen Völker. Ein orientalisches Volk freilich lebte sowohl hier als auch dort: die Juden.

 

Den Juden ging es unter dem Islam besser als im christlichen Europa

 

Natürlich ging es den Juden unter islamischer Herrschaft besser als unter christlicher. Zwar gab es schon immer auch einen islamischen Antijudaismus: die Juden hatten den Bund mit Allah aufgekündigt, so wie sie im Christentum Jesus, den Sohn Gottes, auf dem Gewissen hatten; aber im Alltag überwog die ethnische und sprachliche Verwandtschaft: Arabisch und Hebräisch sind kaum voneinander zu trennen, beides, Juden und Araber, sind semitische Völker. Die großen Pogrome im Mittelalter sind ganz überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich christliche Phänomene, während Juden unter arabischer und später türkischer Herrschaft relativ bequem leben konnten. Beispielhaft dafür die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki, der zweitgrößten jüdischen Gemeinde überhaupt nach Jerusalem, die zwei Jahrtausende unter römischer, byzantinischer, türkischer und schließlich wieder griechischer Herrschaft überdauerte – bis ihre Mitglieder im Jahr 1943 nach Auschwitz deportiert wurden, wo fast alle ermordet wurden. 50.000 Männer, Frauen und Kinder. Einige wenige überlebten als Mitglieder des so genannten Sonderkommandos.

 

Antisemitismus, der eigentlich Antiorientalismus heißen müsste, gab es bis 1945 fast ausschließlich im Westen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, also vor siebzig Jahren, änderte sich das. Angebahnt hatte sich das im 19. Jahrhundert. Die Revolution hatte die Ständegesellschaft beseitigt – nun waren die Juden im Norden erst recht Außenseiter. Als Orientalen passten sie nicht in die modernen Nationalstaatsgesellschaften – also schlug die Geburtsstunde des Zionismus, dessen Galionsfigur der österreichische Jude Theodor Herzl wurde.

 

Arabischen Antijudaismus gibt es erst seit dem 20. Jahrhundert

 

Weil nun jeder Europäer, der noch 1780 einfach Untertan irgendeines Höheren unabhängig von dessen Nationalität gewesen war (das Ancien Régime war sehr internationalistisch), sich auf der Suche nach seiner Identität auf einmal mit seinem eigenen Nationalstaat identifizierte, glaubten auch die Juden, einen Nationalstaat haben zu müssen – und der nun erwachende europäische Antisemitismus ließ ihnen auch kaum eine andere Wahl. Zugleich löste sich das Osmanische Reich langsam auf, die einstmals so mächtige Türkei galt im 19. Jahrhundert bekanntlich als „der kranke Mann am Bosporus“ – und auch hier begann man plötzlich, in Nationen zu denken. Ägypter, Iraker, Syrer wollten nicht mehr osmanische Untertanen sein, sondern Bürger ihres eigenen Staates.

 

1918 ging, wie Österreich-Ungarn, auch das Osmanische Reich unter. Diese europäisch-orientalischen Vielvölkerstaaten, die das Nationenproblem über fünf Jahrhunderte hinweg entschärft und neutralisiert hatten, wurden auf den Friedenskonferenzen in Saint Germain en Laye und Sèvres ausgelöscht. Die arabischen Völker hatten sich im Ersten Weltkrieg den Briten unter dem Abenteurer und Schöngeist Thomas Edward Lawrence angeschlossen, um das osmanische Joch abzuschütteln, wie es ihnen Griechen, Slawen und Rumänen in den hundert Jahren zuvor vorgemacht hatten. Bestärkt wurden sie durch die Zusicherungen, die der britische Hochkommissar in Ägypten, Henry McMahon, im Jahr 1916 dem saudi-arabischen Staatsmann Hussein ibn Ali gemacht hatte: die Engländer versprachen den Arabern Unterstützung im Kampf um Unabhängigkeit von der türkischen Herrschaft – logisch, denn die Türkei kämpfte auf Seiten der Mittelmächte gegen die Entente.

 

Der Judenhass der Araber ist nationalistisch motiviert, nicht rassistisch

 

Nur ein Jahr später, 1917, machte allerdings der britische Außenminister Lord Balfour dem Bankier Lord Lionel Rothschild die Zusage, dass Palästina nach dem Ende der türkischen Herrschaft „Heimstatt der Juden“ werden sollte. Das, und der anglofranzösische Aufteilungsplan von 1916, bekannt als Sykes-Picot-Abkommen, gilt in der arabischen Welt seither als Sündenfall des Westens, der die arabische Sache verraten habe. Und zwar an die Juden verraten. Dass die Juden sich in der Diaspora einfach genauso nach einem eigenen Staat gesehnt hatten wie ihre arabischen Nachbarn während der türkischen Fremdherrschaft, unterschlägt die offiziöse arabische Geschichtspolitik dabei geflissentlich. Und vor allem unterschlägt sie, dass die Juden als Orientalen des Westens tausend Jahre lang, seit Karl dem Großen, genauso wie Dreck behandelt wurden, wie die Araber sich seit Napoleons ägyptischer Expedition, dem Auftakt westlicher Intervention im Orient, von den Westmächten wie Dreck behandelt fühlten.

 

Der Hass vieler Araber – in ihrer Eigenschaft als Araber, nicht zwingend als Moslems – auf die Juden ist also nicht religiös oder rassistisch motiviert, denn „rassisch“ und religiös bilden beide faktisch eine Einheit, sondern nationalistisch. Und er hat auch nicht so sehr mit der Errichtung des jüdischen Staates Israel zu tun, zu der es bekanntlich erst dreißig Jahre nach der Balfour-Deklaration kam, sondern vielmehr mit dem Scheitern des arabischen Nation Building in den vergangenen hundert Jahren, und mit der Rolle, die die Westmächte dabei spielten.

 

Arabische Länder nehmen Israel als Kreuzritterstaat wahr

 

Schauen wir uns zum Vergleich Europa an: dass der alte westeuropäische Nationalismus, der dem Kontinent sechshundert Jahre lang den Stempel aufgedrückt hat, seit 1945 de facto verschwunden ist, liegt im Wesentlichen daran, dass im so genannten Kerneuropa seither faktisch identische Lebensbedingungen herrschen. Nach Ostpreußen oder dem Elsass sehnt sich eben nur, wer wirtschaftlich in der unterlegenen Position ist; Hitlers Wahlerfolg ist undenkbar ohne das Narrativ, dass Franzosen und Engländer im Überfluss lebten, während die deutsche Mutter kaum ihre Kinder ernähren könne, weil die Westmächte den Deutschen Danzig, Oberschlesien und die Kolonien weggenommen und 1923 überdies das Rheinland besetzt hatten. In einem Europa aber, in dem das wirtschaftlich stärkste Land, Deutschland, keine vernünftige Armee hat, dafür aber die anderen, wirtschaftlich schwächeren Länder über den Euro und Brüsseler Beihilfen finanziell aushält, ist Nationalismus so überflüssig wie ein Kropf.

 

In den arabischen Staaten dagegen ist Hass auf Israel deshalb Staatsdoktrin, weil sich diese Staaten selbst als failed states wahrnehmen, Israel hingegen als Kuckucksei des Westens, als Kreuzritterstaat, als Geschöpf von Sykes-Picot – und nicht als das, was es eigentlich ist: nämlich ein majoritär von Orientalen bevölkerter orientalischer Staat mit einer semitischen Amtssprache und einem semitischen Glaubensbekenntnis. In Wahrheit ist Feindschaft zwischen einem Palästinenser und einem Israeli historisch-ethnisch in etwa so „sinnvoll“ wie die Feindschaft zwischen einem Schwaben, Badener oder Rheinländer und einem Franzosen.

 

Die Juden wurden in der Shoa wegen ihrer Orientalität ermordet

 

Der arabische Antisemitismus, der in Wahrheit in Antijudaismus ist, macht mich traurig, weil er so überflüssig ist. Ihm fehlt jede rassistische und im Grunde auch religiöse Grundlage. Seine einzige Motivation ist nationalistisch, und Nationalismus ist erstens etwas vollkommen Unorientalisches und zweitens im Zeitalter der Globalisierung restlos überholt. Juden und Araber sind Brüder, genauso wie Syrer und Tunesier, Marokkaner und Iraker sich automatisch mit „Akhi“ anreden. Wer jüdische Deutschrapper wie Ben Salomo oder Sun Diego hört, fühlt diese Verwandtschaft sofort.

 

Die Juden in Auschwitz, Riga und Treblinka wurden als Orientalen gedemütigt, gefoltert und ermordet. Sie sind den Blutzeugentod gestorben für ihre Orientalität, dafür, dass sie auch nach zweitausend Jahren der Diaspora ihre Bindung an ihre Heimat an der Levante nicht aufgegeben hatten; dass sie die orientalische Sprache, das Brauchtum, den sehr persönlichen, sehr unnordischen Glauben an Eloah bewahrt hatten, ob nun als „Fetzentandler im Kaftan“ im galizischen Brody oder als bourgeoise Oberschicht im Faubourg Saint Germain, in Charlottenburg oder in Ferrara.

 

Viel eher als eine jüdisch-christliche gibt es eine jüdisch-arabische Gemeinschaft

 

Die Schergen der SS hatten sie alle wieder gleichgemacht. Nicht so sehr, weil jüdische Oberschicht mit nichtjüdischer Oberschicht unter einer Decke steckte und gemeinsam Geschäfte und Politik machte („Weltjudentum“); sondern weil Juden Orientalen waren und ein Orientale eben niemals zur edlen weißen Rasse gehören konnte. Ein schmutziger Orientale konnte ja nicht einmal mit einem schlichten deutschen SS-Rottenführer-Proleten aus Schlesien oder Westfalen mit Volksschulabschluss gleichziehen; da sollte er sich ja nicht einbilden, auf einer Ebene mit den Balfours oder Guermantes oder Hohenlohes dieser (westlichen) Welt zu stehen. Dieser „Hochmut“ – und um den ging es – sollte den Juden ausgetrieben werden, bestialisch, mit sadistischer Brutalität, die weit über ihre physische Vernichtung hinausreichte.

 

Das sollten wir im Westen nie vergessen. Es ist bequem, in Berlin, Paris oder New York von jüdisch-christlicher Tradition zu sprechen, wenn man sich selbst vorgaukelt, Juden sähen typischerweise wie Gwyneth Paltrow oder die Kushner-Brüder aus. Nun sieht Gwyneth Paltrow (deren Urgroßvater freilich weißrussischer Jude war) aber eben wie eine „aryan goddess“ aus, die schon vor hundert Jahren jeder Marlborough oder de la Rochefoucauld oder Henckel-Donnersmarck trotz strengster katholischer oder anglikanischer Familientradition bereitwillig geheiratet hätte. Das eigentlich Jüdische aber ist eben orientalisch – und steht ergo dem Muslimischen, Arabischen tausendmal näher als dem Weiß-Angelsächsisch-Protestantischen. Viel mehr als eine jüdisch-christliche gibt es eine jüdisch-arabische Gemeinschaft.

 

Juden als Speerspitze des Orients in der westlichen Welt

 

Wir im Westen täten meiner Meinung nach besser daran, diese jüdisch-arabische Gemeinschaft zu betonen, anstatt auf einer reichlich konstruierten christlich-jüdischen Identität herumzureiten, die es so nie gegeben hat und die eine Erfindung des Philosemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg ist (wir dürfen nicht vergessen: nicht nur wir Deutschen als Tätervolk, auch Engländer und US-Amerikaner fühlten sich nach 45 schuldig, weil sie viel zu wenig zur Rettung der Juden unternommen hatten).

 

Und auf der anderen Seite sollen und müssen wir die muslimische Welt daran erinnern, dass die Juden nicht ihre Antipoden, sondern ihre Schwestern und Brüder sind. Dazu gehört freilich Mut: der Mut des Westens, sich ins eigene Knie zu schießen und die Front in den Köpfen nachträglich wieder zu begradigen, die im Namen westlicher Erinnerungspolitik künstlich verzogen wurde: denn diese Front verlief eben nicht zwischen den Arabern und der „christlich-jüdischen Wertegemeinschaft“; sondern zwischen der orientalischen Welt einschließlich der Juden auf der einen und der westlich-nordischen Welt auf der anderen Seite.

 

Der westliche Philosemitismus stellt die Juden und Israel nur zu gerne als Speerspitze des Westens gegen den unzivilisierten, islamischen Orient dar; doch damit vertieft er – unwissentlich und ganz sicher auch wissentlich – die Kluft zwischen dem Westen und dem Orient und vor allem die Kluft zwischen Juden und Moslems. In Wahrheit aber sind und waren die Juden die Speerspitze des Orients in der westlichen Welt. Dieser Gedanke einmal in die Köpfe der Muslime gepflanzt, und der israelisch-arabische Konflikt ist seiner Lösung einen entscheidenden Schritt näher – und der arabische Antijudaismus vielleicht schon bald Geschichte.

 

Berlin, April/Mai 2018. © Konstantin Johannes Sakkas. Header: eine Muslimin verdeckt den Judenstern einer Jüdin, Sarajevo, nach April 1941. Quelle: forward.com

 

Dieser Text erschien in dieser Fassung im März 2019 in der „Islamischen Zeitung“: https://www.islamische-zeitung.de/judentum-islam-und%E2%80%88orientalitaet/

 

 

Kevin Spacey alias Frank Underwood: Sadismus als Religion

Anlässlich des jüngsten Skandals um Kevin Spacey sollte die Frage erlaubt sein, ob Äußerungen wie jene, die Ehe sei nur noch so viel Wert wie der „Konsens“ eines „Sexsklaven“, in einen philosophischen Kommentar im öffentlich-rechtlichen Hörfunk gehören. So geschehen neulich im Deutschlandfunk Kultur. Solche Äußerungen dienen eher dazu, das Gefühl für Verantwortung, das ohnehin schon arg lädiert ist, bei Mann und Frau weiter auszuhöhlen und Sadismus – denn um nichts anders handelt es sich hier – noch weiter salonfähig zu machen.

Jeder, der auch nur ein wenig in der Welt herumgekommen ist, weiß, dass der so genannte Masochismus ein Konstrukt ist, um Leute, insbesondere junge Frauen, die meist schon als Kinder entwertet, also missbraucht, wurden, dauerhaft in der Entwertung zu halten. Es geht ums pure Kaputtmachen, nothing else. Und die dauernde, relativistische Negation der so genannten tradierten Rollenbilder trägt ihren Teil dazu bei. Meist sind es in ihrer jeweiligen Persönlichkeit eher ungefestigte Leute, die das „Geschlechterproblem“ aufwerfen (um dann darin unterzugehen).

Wir haben kein Problem mit „alten weißen Männern“. Wir haben ein Problem mit „alten“ (weißen) Männern und Frauen, die auf ihre Verantwortung scheißen und diese Doktrin der Verantwortungslosigkeit über die Medienmaschine in die Köpfe der Menschen transmittieren – um diese zu ihren Komplizen bzw. zu ihren Opfern zu machen.

Kevin Spacey alias Frank Underwood übrigens hätte zu jenem Kommentar vermutlich laut applaudiert. Leider waren sich Tausende KollegInnen nicht zu schade, die von ihm zuletzt gespielte Figur jahrelang hochzuloben, die ein ekelhafter Ausbund an Sadismus ist; eine Serie zu feiern, in der Verantwortungslosigkeit und nackter, brutalster Egoismus abgefeiert werden, in der jeder Respekt vor dem Leben aufs Abscheulichste verhöhnt wird. Und in der, natürlich, die Hauptfiguren keine Kinder haben und eine Ehe führen, die den Namen nicht wert ist und die nur auf den Zweck ausgerichtet ist, andere Menschen als ihre Werkzeuge zu benutzen, wobei sie buchstäblich über Leichen gehen.

Und diese Kollegen fallen jetzt aus den Wolken – ignorantia, wenn es denn welche war, non excusat.


© Konstantin Johannes Sakkas, 2017

Header: Rachel Brosnahan in der Rolle der Rachel Posner, kurz vor ihrer Ermordung. House of Cards, Season 3, 13. Rechte: Netflix

Nähe, nicht Fremdheit. Der Islam und wir.

Durch seine behauptete Voraussetzungslosigkeit schneidet sich der Westen selbst von seinen orientalischen Wurzeln ab

Seit 2001, eigentlich schon seit Huntington – an dessen Buch ich immer wieder „gescheitert“ bin, weil mir der Inhalt gegenüber den durch den Titel evozierten Erwartungen bei jedem Versuch schlicht zu banal vorkam – wurden wir – sofern nicht ausdrücklich links sozialisiert – erzogen, den Islam als gefährlich, expansionistisch und radikal, jedenfalls aber dem Westen fremd und dazu historisch überholt abzulehnen. Mein erster journalistischer Beitrag, in der Schülerzeitung meines Gymnasiums, ging ebenso in diese Richtung. Heute schäme ich mich der hochtrabend daherkommenden Naivität des Achtzehnjährigen.
In den Schulen nimmt man zwar Nathan den Weisen und vielleicht Mozarts Entführung durch, seit meiner Jugend auch das Leben des Malcom X und das Schicksal von Pakistanis im postkolonialen England. Carrie Mathison, die blonde, grünäugige Madonna des Westens, empfing eine Tochter mit dem schönen, germanischsten aller Mädchennamen, Frances, von einem Muslim, und sie half Abu Nazir dabei, Rache zu nehmen für den grausamen Tod seines Sohnes Issa an ihrem eigenen Oberbefehlshaber Walden, in dessen Figur man unschwer George W. Bush wiedererkannte (oder Trump antezipieren konnte).
Doch selbst heute erfährt man viel zu wenig – hier kann ich nur für Deutschland sprechen – über die enge Wesensverwandtschaft zwischen orientalisch-islamischer und christlich-europäischer Welt. Etwa darüber dass Maria, die Mutter Jesu, auch im Islam als Jungfrau gilt. Auch bei der Schilderung der beiden großen islamischen Fremdherrschaften in Europa, der in Spanien und der in Griechenland, wird gern geflissentlich unterschlagen, dass diese niemals so lange hätten Bestand haben können, wären sie nicht auch irgendwann gerecht und ertragbar geworden (insgeheim wissen die Spanier und Griechen das natürlich ganz genau).
Man zieht wieder gern eine imaginäre Trennlinie zwischen christlich-jüdischer und islamischer Kultur. Was für eine Idiotie! sage ich mir, nachdem ich neulich erst einem muslimischen Freund Schinkels Mausoleum der Königin Luise zeigte und selber zum wiederholten Mal darüber erstaunte, dass im Blickzentrum der Apsis doch nicht die vier mitteleuropäischen Sarkophage, auch nicht der der schönen Königin, stehen, sonder der Syrer am Kreuz, umgeben von in den Marmor gemeißelten Zitaten altorientalischer Prediger und Fürsten.
Was für eine Idiotie, sage ich mir auch, wo doch das Hebräische und Arabische einander ähnlicher sind als die romanische der germanischen Sprachfamilie. Von den 25 Propheten des Islam sind 24 Juden, Jesus übrigens inbegriffen. Das kultur- und geschichtsblinde exklusionistische Pochen aufs Christliche ist kein christlicher, auch kein abendländischer (was, wie Joschka Fischer erstaunlich klug klarstellte, im engeren Sinne ein mediterraner, kein atlantischer ist) Zug, sondern etwas Germanisches, Barbarisches, Seefahrerisch-Reitervölkisches.
Kein Wort darüber, dass der Orient nie einer Renaissance bedurfte, weil er kulturell niemals ein Mittelalter durchlaufen hat. In Nordeuropa musste man, über lange Umwege, die Tempel der Antike schlicht und einfach deshalb nachbauen, weil dort nie welche gestanden hatten. Die schöne Luise kam aus einem Landstrich, in dem noch im zweiten Jahrtausend das germanische Heidentum geherrscht hatte. Ihr, der Carrie Mathison von Mecklenburg-Strelitz, inmitten der barbarischen brandenburgischen Streusandbüchse mit ihren aus jedem Orts- und Adelsnamen Bände sprechenden heidnischen Überbleibseln ein christlich-jüdisches Grabmal in Form eines griechischen Monopteros zu setzen, entsprach der, schon damals verleugneten, weil nicht begriffenen, Orientalität dieser christlich-jüdischen Tradition selbst, aber insbesondere dem Bildungswillen und Bildungshunger des Germanentums, das Brücken zu etwas schlagen musste und wollte, mit dem das islamische Kernland immer verbunden gewesen war. Seine eigene Brücke, nämlich Byzanz, hatte Westeuropa längst aufgegeben,  bevor sie an die islamische Welt fiel.
In der Levante aber wuchs und wächst man seit je inmitten der Antike auf. Hier gab es kein finsteres Mittelalter, das mühsam abzuschütteln gewesen wäre. Dass die Griechen jemals aufgehört hätten, Griechisch zu sprechen, glauben nur Nordeuropäer, die mit dem Griechischen erst im sechzehnten Jahrhundert in Kontakt kamen. Im Orient funktionierte die Amalgamierung jüdisch-altarabischer Mythe (die, wie wir wissen, starke Einschläge in der griechisch-römischen Mythologie hinterließ), hellenistischer Gelehrtheit, mediterraner Stadt- und Handelsbürgerlichkeit und vorderasiatischer Staatslehre anstrengungslos.
Die Kreuzfahrer schauten sich dort ihre diesseitige Grals-Sex-Minne-und-Seefahrer-Eschatologie ab, die heute den common sense unserer gesamten Populär- und Hochkultur darstellt, und die Fürsten und Könige Europas den zentralisierten und rationalisierten Ordnungs- und Obrigkeitsstaat, mitsamt der, fürs Sultanat schon immer typischen, Abschaffung der Standesunterschiede, die in Europa jedoch so sehr in Stein gemeißelt dastanden, dass man dafür sage und schreibe mehr als achthundert Jahre brauchte. Auch dies ist eins der ungeschriebenen Ruhmesblätter Europas: dass sich Friedrich von Hohenstaufen und der Heilige Ludwig den modernen Staat (und mit ihm die moderne Toleranz und die strikte Trennung von Staat und Kirche) ebenso bei der islamisch-orientalischen Überlieferung abschauten wie die Gelehrten von Schottland bis Ungarn erst ihre Philosophie und dann ihre Naturwissenschaft.
Religion als Hingabe, als schwärmerisches Sich-ins-Meer-der-Liebe-Versenken und zugleich als kraftvoller, nicht redender, sondern handelnder Aufschlag, als jenes „Im Anfang war die Tat“, wonach der Germane sich immerzu sehnt: sie ist keine etwa immanent widersprüchliche und folgerichtig politisch neurotische Kreation des Islam, sondern tief in Geschichte und Charakter des Orient veranlagt.
Maria, die Gott-Mutter, in der wir die hundertbrüstige Artemis von Ephesos wiedererkennen, und Christos Pantokrator, Jesus nicht als Gemarterter mit Dornenkrone, sondern als imperialer, majestätischer All-Herrscher mit goldenem Heiligenschein: das Weibliche und das Männliche in reiner Vollkommenheit, in stolzer Ungebrochenheit: sie sind die Archetypen des Orientalischen. Nicht sie, nicht Judentum und Islam haben sich vom Christentum entfernt; sondern das Christentum, sich den ungepflegten, kulturlosen Barbarenheeren aus dem kalten Norden und Osten adaptierend, hat sich von seiner orientalischen Wurzel entfernt.
Das Christentum ist antiheroisch und antiintellektuell zugleich. Leiden, Selbstopfer, Demütigen und Gedemütigtwerden sind seine Konstanten, die ihm den freien Blick auf seine eigene Orientalität verstellen. Den Bezug zur frei waltenden Kraft und Schönheit hat es verloren. Er kann nicht wiederhergestellt werden, solange der Wunsch nach Erlösung überlagert wird von dem Komplex, überhaupt unerlöst zu sein. Das Dogma der eigenen Voraussetzungslosigkeit ist die erste Hürde, die fallen muss, will der europäische Westen jemals zu einer wirklichen Verständigung mit dem Orient kommen.
Header: „Sehet das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.“ Carrie Mathison, die amerikanische Madonna des Westens, empfängt den Leib des Herrn. Ein orientalischer Ritus und eine orientalische Mythologik – im katholischen Christentum wie im Islam, konvertiert in die westlich-atlantische Sehnsucht nach Erlösung im und durch das Orientalische, verkörpert in der Inkarnation Jesu. Szenenfoto mit der Hauptdarstellerin Claire Danes aus der Serie Homeland, Season 5, Episode 1, © Showtime 2015.
© Konstantin Johannes Sakkas, 2017. All rights reserved.

Griechenland. Europas Intervention ignoriert Geschichte

Die Geschichte der Griechen wiederholt sich: Seit 1830 entzündet sich ihr Zorn immer wieder an nationalem Unvermögen gepaart mit ausländischer Einmischung. Wäre die europäische Politik klug, würde sie dies berücksichtigen.

Die Deutschen unterschätzten die Griechen – damals 1941, als sie gemeinsam mit den Italienern am Ende des Balkanfeldzuges das Land besetzten und die Briten vertrieben. Sie wussten um die griechische Tapferkeit. Mit starkem Widerstand aber rechneten sie nicht – weder dem der Armee noch dem der Partisanen.

Wehrmacht und SS überzogen Griechenland mit einem brutalen Besatzungsregime. Gnadenlos wurden Güter requiriert, im ersten Besatzungswinter verhungerten schätzungsweise hunderttausend Griechen. Und Gegenwehr bekämpfen die Deutschen mit erbarmungslosen Repressalien.

120 Kommunen, die bis heute als Märtyrerdörfer in Erinnerung sind, wurden ausgelöscht, die berühmtesten unter ihnen: Kalavryta, Komneno, Distomo. Beinahe die ganze jüdische Bevölkerung Griechenlands fiel dem Holocaust zum Opfer, darunter die einst größte jüdische Gemeinde Europas in Saloniki.

Deutsche Besatzung politisierte Griechenland

Das Aufbegehren gegen Besatzung und Repression politisierte die Griechen. Mehrheitlich unterstützten sie den kommunistischen Widerstand, der nach und nach die ländlichen Regionen weitgehend kontrollierte. Seine Mitglieder verübten nicht nur Sabotageakte gegen die Wehrmacht, sondern bekämpften auch griechische Kollaborateure, die mit den Besatzern einträgliche Geschäfte machten und diese teilweise militärisch unterstützten.

Als sich die Deutschen zurückziehen mussten, steigerten sich die Feindseligkeiten zwischen Kommunisten und Royalisten zum erbitterten Bürgerkrieg. Er endete mit der Eingliederung Griechenlands ins westliche Bündnis. Dafür hatte sich besonders Winston Churchill stark gemacht, der Hellas nicht an den Stalin verlieren wollte.

Doch der von außen beeinflusste Regimewechsel hinterließ eine schwärende Wunde im Nationalbewusstsein, das sich von Briten und Amerikanern um seine eigene Heldengeschichte betrogen sah. Denn dieselben linksgerichteten Politiker und deren Parteigänger, die die Herrschaft der Nazis abgeschüttelt hatten, wurden jetzt erneut Opfer von Verfolgung und Unterdrückung.

Bürgerkrieg und Westbindung stabilisierten Klassensystem

Für die griechische Unter- und Mittelschicht setzte sich zudem das alte Klassensystem fort. Eine schmale Oberschicht aus Adel und Besitzenden regiert das Land seit seiner Neugründung 1830, damals noch unter dem Protektorat Englands und Frankreichs. Dabei herausgekommen waren immer wieder Staatspleiten und außenpolitische Niederlagen wie das Scheitern des Feldzuges gegen die Türkei 1922.

Fünfundsiebzig Jahre sind seit dem Bürgerkrieg vergangen – Jahre, in denen sich die verfeindeten gesellschaftlichen Lager nicht versöhnten – auch nicht, nachdem die Militärdiktatur von Demokratie und Mitgliedschaft in der EU abgelöst worden war.

Mehr noch: heute widerholt sich Geschichte. Der Wunsch, sich nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich zu befreien, geriet zum Desaster, an dem der Westen seinen Anteil hat, erst als großzügiger Kreditgeber, dann als drakonischer Gläubiger.

Europa muss den Zorn über ausländische Einmischung verstehen

Und wieder richtet sich der Zorn der Griechen gegen sich selbst, gegen den Staat und gegen die Einmischung von außen, vor allem gegen die Deutschen mit ihrer Austerity oder die Amerikaner mit ihrer Wallstreet. Man mag die ganze Schulden-Banken-und-Strukturkrise als selbstverschuldet ansehen oder auch als heilsam. Doch stiftet nichts mehr Unfrieden als das Déjà-vu des Gefühls, erneut fremdgesteuert zu werden.

Die europäische Idee verspricht, jede Nation mit ihrer eigenen Heldenerzählungen ernst zu nehmen. Das hieße auch, dass einflussreiche Partner von heute wie England, Frankreich und besonders Deutschland ihre unrühmliche Rolle in Griechenlands Geschichte nicht vergessen.

Kluge Politik ließe Athen deshalb seinen eigenen Weg aus der Krise finden. Und keinesfalls dürfte solidarische Hilfe oder eigennützige Strenge wie eine fremde Intervention daherkommen. Kluge Politik sollte die Griechen nicht unterschätzen, anders als es einst die nationalsozialistischen Deutschen taten.

Dieser Beitrag wurde am 27. Juli 2016 im Politischen Feuilleton auf Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt. © Konstantin Sakkas

Header: Generalfeldmarschall Walther v. Brauchitsch (Mitte, mit Marschallstab) vor der Akropolis, Mai 1941. Quelle/Rechte: Bundesarchiv

Niemand braucht die AfD

Die AfD: der Aufstand der Abgehängten

Die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus hat begonnen, und die Umfragen deuten darauf hin, dass die AfD nun auch ins Berliner Landesparlament einziehen wird. Das aber bedeutet nichts weniger als eine Gefahr unabsehbaren Ausmaßes. Denn die AfD ist das Überflüssigste und Gefährlichste, was die deutsche Politik seit der Wiedervereinigung hervorgebracht hat.

Diese so genannte Alternative für Deutschland, die weder eine Alternative, noch für Deutschland ist, ist eine Versammlung von Naivlingen, Brandstiftern und Idioten, die einen veralteten Welt- und Geschichtsbild anhängen und keinen blassen Schimmer von der Welt haben, in der wir leben. In dieser Welt funktioniert alles durch Kompromisse, nichts durch Gewalt. In dieser Welt gibt es längst keine Grenzen mehr, und das ist auch gut so. In dieser Welt lebt alles von einer klugen, wohldosierten Mischung aus Eigeninteresse und Verantwortungsbewusstsein. Und genau daran, an Verantwortungsbewusstsein, mangelt es den Spitzenvertretern der AfD fundamental. Ihre Partei ist eine klassische Protestpartei.

Das Grundgefühl der AfD-Anghänger: nicht wirtschaftliche Not, sondern Weltfremdheit

Das Grundgefühl der Anhänger und Wähler der AfD ist das Gefühl, abgehängt zu sein. Diese Leute sind fortschrittsfeindlich, weil sie am Fortschritt nicht teilhaben, ja: weil sie den Fortschritt nicht begriffen haben. Sie hassen alles, was nach Freiheit riecht, ausgehend von der dumpfen Ahnung, was Freiheit bedeutet: nämlich Eigenverantwortung, Lernbereitschaft, Risikobereitschaft. Das sind die drei Grundtugenden der demokratischen Gesellschaft von heute. Die AfD tritt radikal gegen diese drei Grundtugenden auf.

Nun ist es nicht so, dass man diese Haltung nicht nachvollziehen könnte. Das Paradoxe ist eher, dass die AfD ausgerechnet von den Leuten gewählt wird, die vom Leben in der postmodernen Freiheitsgesellschaft und seinen Mühen und Fallstricken Null Ahnung haben. Den gleichen Vorgang konnten wir vor vier Monaten beim Brexit-Votum erleben: nicht die Vertreter der Generation Y haben für den Austritt Großbritanniens aus der EU gestimmt, nicht die junge, prekäre Mittelschicht, die von den aggressiven, wohlstandsgesättigten Babyboomern mit Gewalt davon abgehalten werden, endlich auch ein bürgerliches, behütetes Leben zu führen, und die Tag für Tag um und für ihr Überleben in der postmodernen Wildnis kämpfen. Sondern weltfremde, aber mehr oder weniger gut situierte Mittelschichtler mittleren Alters plus den üblichen Bodensatz an Fremdenfeinden, Nationalisten und Rassisten.

Diejenigen, die wirklich Grund zur Rebellion hätten, verteidigen die Demokratie

Diejenigen, die am meisten Grund hätten, auf die gegenwärtige Politik zu schimpfen; die das Recht dazu hätten, den Eliten Raffgier und Versagen vorzuwerfen, und die sich wirklich Sorgen um ihr Fortkommen und ihre Zukunft machen müssten: sie sind heute die engagiertesten, treuesten Verteidiger der Demokratie. Sie könnten wirklich Angst haben, aber sie haben keine Angst, denn sie kennen es nicht anders. Wer wie wir in den Neunziger- und Nullerjahren groß wurde, dem wurden alle Illusionen, die man über das Leben irgendwie haben kann, restlos ausgetrieben. Privat und politisch. Und darauf sind wir stolz, weil keiner von uns, um keinen Preis der Welt, in einer anderen Epoche als der heutigen leben möchte.

Deswegen fischt die AfD nicht hier, sondern bei den Abgehängten, den ewigen Losern, ob sie nun arbeitslos sind (was heute längst kein gesellschaftliches Distinktionskriterium ist, was jeder wissen wird, der mal in Berlin gelebt hat), oder auf ihren fetten Beamtenpensionen hocken und jetzt auf ihre alten Tage Bismarck und die „konservative Revolution“ entdecken. Diese Leute sind es, die nie den Anschluss an unsere Welt gefunden, die ihn vermutlich auch nie gesucht haben, die jetzt durch ihre Stimme an der Wahlurne die Welt kaputtzumachen drohen, in der wir uns tagtäglich zurechtfinden und die längst ein global village, ein globales Dorf geworden ist, in dem buchstäblich alles mit allem zusammenhängt und in dem man nur hinfällt, um wieder aufzustehen und weiterzugehen. Für uns heißt Leben Problemlösen. Für die AfDler aber mit ihrer negativistischen, verkorksten Weltsicht ist das ganze Leben ein einziges Problem.

Die AfD bietet keine Alternative, sondern den Rückfall in die Barbarei

Die Abgehängten und Weltfremden faseln von Problembezirken, ohne sich wahrscheinlich jemals einen Döner in Neukölln bestellt zu haben. Sie fabulieren von der islamistischen Bedrohung, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie westlich der Orient längst geworden ist. Sie zittern um die finanzielle Stabilität Deutschlands und schieben die Schuld auf „die Flüchtlinge“, obwohl Rente und Arbeitslosengeld nach wie vor pünktlich kommen, obwohl die Straßenbahnen immer noch pünktlich fahren und man sich in  Deutschland immer noch relativ frei von Terrorangst bewegen kann. Diese schöne und freie und eben immer noch erstaunlich stabile und wetterbeständige Welt wollen sie kaputtmachen – weil es eben auch eine gefährliche Welt ist. Aber die Gefahr, das Risiko ist der Preis, den wir eben bezahlen müssen für Freiheit.

Die AfD bietet keine Lösungen, keine Alternativen, sondern nur den Rückfall in die moralische und politische Barbarei. Natürlich stehen wir vor großen Problemen: die wachsende Ungleichverteilung von Chancen zur Vermögensbildung, die auseinandergehende Schere zwischen Kapital und Einkommen (Thomas Piketty), die Erderwärmung, die wir gerade in Deutschland in diesem heißen Sommer wieder live erleben konnten, die lebensbedrohliche Krise der westlichen Mittelschichten und die Erschütterung des Orients durch die Stellvertreterkriege zwischen den USA und Russland, die dort seit 1990 geführt werden.

Die AfD argumentiert mit Topoi aus der historischen Rumpelkammer

Aber auf diese Probleme hat die AfD keine Antwort, ja: sie spricht sie gar nicht wirklich an. Die AfD argumentiert mit Topoi wie „Überfremdung“, „Rasse“, „nationaler Identität“: Topoi aus der Rumpelkammer der Geschichte, Topoi,  von denen wir hofften, sie gehörten gottlob definitiv der Vergangenheit an. Doch anscheinend, leider, finden sich immer genügend Idioten, die solche Topoi ernst nehmen und die denen, die damit werben, auf den Leim gehen.

Die Wahrheit ist: niemand braucht die AfD. Deutschland, das drittgrößte Exportland der Welt, muss ein Hort der Stabilität sein, wenigstens im Innern, wenn es schon außenpolitisch diese – zugegebenermaßen schwierige – Rolle nicht spielen kann. Ja, es stimmt: es ist viel versäumt worden in den letzten fünfzehn Jahren. Ja, es stimmt: Angela Merkel hat die politische Landschaft profillos und langweilig gemacht. Aber war das so schlimm am Ende? War – und ist – es nicht das kleinere Übel? Wir leben in einem System der checks and balances, innen- wie außenpolitisch. Der Mensch von heute ist reif genug, sich seien eigenen Weg zu suchen, frei von Bevormundung. Der Islam an sich ist keine reelle Bedrohung unserer westlichen Werte. Eine reelle Bedrohung aber sind die Unbelehrbaren, die sich abgehängt Fühlenden, die Ängstlichen, die glauben, man könne wieder „große Politik“ machen mit Stacheldrahtzäunen und Maschinengewehren an der Mittelmeerküste.

Das große Thema von heute heiß soziale Ungleichheit, nicht „Überfremdung“

Soziale Ungleichheit, Bioethik, Ernährungswirtschaft, Energie: das sind Komplexe, über die es sich zu streiten lohnt, die uns und unsere Zukunft vital berühren. „Nation“ und „Überfremdung“ sind es nicht. Dahinter verbergen sich Fremdenhass, Lebensangst, Weltfremdheit, nichts anderes, und eine perfide Strategie, die westlichen Demokratien wieder Schritt für Schritt in autoritäre Obrigkeitsstaaten umzuwandeln. Dafür steht die AfD, für nichts anderes. Und deshalb sollte jeder vernünftige Mensch genau hiergegen seine Stimme erheben. Niemand, wirklich niemand braucht die AfD.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Süddeutsche Zeitung Magazin

 

Terror und Teilhabe

Europa nach dem Anschlag von Nizza

Paris, nochmal Paris und jetzt Nizza. Der Terror lässt Europa nicht los. Längst befindet sich der Kontinent in einem kalten Kriegszustand, der Belagerungszutand, den Frankreichs Staatspräsident Hollande – so hieß es noch am Vorabend des Anschlags – zu Ende Juli auslaufen lassen wollte, wird nun verlängert werden. Verlängert auf unbestimmte Zeit. Denn eines ist klar: es wird nicht besser werden. Sondern schlimmer.

Warum? Die Frage aller Fragen stellt sich im Angesicht des Terrors, stellt sich im Angesicht realer, körperlicher und struktureller Bedrohung mit einer Vehemenz, die Europa nach dem Kalten Krieg lange nicht gewohnt war. Warum Terrorismus? Warum eine Serie von Anschlägen, die einen Anfang, aber kein absehbares Ende hat? Warum diese radikale Verunsicherung, die über die friedlichste Großregion der Erde seit einigen Jahren mit jäher Rasanz hereinbricht wie ein Gewitter über einen Sommerstrand?

Europa hat das Politische vergessen

Warum wir uns mit diesem Warum so schwertun, hat zwei Gründe. Zum einen die Unübersichtlichkeit in der globalisierten und digitalisierten Welt von heute. Zum anderen die Verleugnung des Politischen. Denn das Europa, die europäische Öffentlichkeit von heute hat das Politische vergessen.

Dass es überhaupt so etwas wie große Politik nach 1990 noch gebe, ist allein schon eine ungeheuerliche Zumutung für einen Zeitgeist, der seit 1990 tatsächlich glaubte, das „Ende der Geschichte“ sei gekommen. Nun: wir stehen zwar tatsächlich an der historischen Wegscheide zwischen dem Zeitalter der Politik und dem kommenden age of the cyborg, das der israelische Starhistoriker Yuval Harari neulich ausgerufen hat. Nationalität hat die Rolle als essential von Politik, die sie zwischen 1789 und 1945 spielte, endgültig eingebüßt. Dennoch ist Politik nicht tot, soweit wir als das ihr zugrundeliegende Prinzip Partizipation, also Teilhabe verstehen, wie es der Philosoph Volker Gerhardt vor einigen Jahren formulierte. Die Frage der Teilhabe steht im Raum, wann immer mehr als ein Mensch auf dem Planeten lebt. Heute sidn es an die acht Milliarden. Acht Milliarden Menschen, die sich in sozialen Schichten und in territorialen Regionen organisieren: von der New Yorker Upper East Side bis in die Kriegs- und Krisengebiete von Syrien.

Die Angst, zu kurz zu kommen

Wo es Teilhabe gibt, gibt es seit Menschengedenken auch Angst. Angst darum, bei der Teilhabe benachteiligt zu werden, zu kurz zu kommen, herunterzufallen, um persönliche Chancen des Glücks, des Aufstiegs und des Genusses betrogen zu werden. Terror – das lateinische Wort dafür – ist die expressive, gewalttätige Form dieser Angst. Und diese Angst ist real. Sie steckt in den Köpfen, in den Herzen, in den Körpern der Menschen. Die Angst, abgehängt, die Angst, zurückgelassen zu werden. Die Angst, nicht mithalten zu können. Diese Angst betrifft jeden von uns. Und sie betrifft, wie einzelne Menschen, so auch ganze Regionen. Nicht Nationen, nicht „Völker“, wie es Rechtspopulisten in ganz Europa denen von ihnen verführten Wählern weismachen wollen. Aber Regionen und ihre Bewohner. Afrika. Und auch den Orient.

Europa, der vielleicht selbstbewussteste Kontinent der Erde, ist geologisch und auch gepolitisch betrachtet nichts als der äußerste westliche Ausläufer einer riesigen Landmasse namens Eurasien. Europa zeichnet sich, so lange es besteht, aus durch eine explosive Mischung aus unerhörter geistiger Potenz, aus Erfinderreichtum einerseits und einer unglaublich fragilen und verletzlichen territorialen Situation andererseits. So lang es bestand, war dieses Europoa verletzlich. Der Kalte Krieg gönnte ihm von dieser Verletzlichkeit, die es an der Rand der Zerstörung, der phyisischen Auslöschung gebracht hatte, eine Atempause. Siebzig Jahre währt nun diese Atempause. Doch, so viel ist klar, diese Atempause ist zu Ende. Und die Einschläge kommen näher.

Frankreich ist nur der Anfang

Frankreich ist nur ein Anfang. Frankreich ist so verwundbar nicht etwa, weil es ein Problem mit seiner Einwanderung hätte, denn Deutschland ist inzwischen mindestens genauso ein Einwanderungsland, wie es Frankreich seit dem Ende der Kolonialzeit ist. Frankreich ist verletzlich, weil es die politische stärkste Macht Kontinentaleuropas ist. Frankreich verfügt über eine expressive politische Kultur. Frankreich verfügt über einen historischen Mythos. Frankreich verfügt über eine imperiale und eine koloniale Vergangenheit. Und Frankreich verfügt über eigene Atomwaffen.

Aus allen diesen Gründen verfügt Frankreich auch über geopolitische Konzeptionen, die weit über den kerneuropäischen Rahmen hinausreichen, in dem sich der Europadiskurs insbesondere in Deutschland seit Langem bewegt. Nicholas Sarkozy bewegte sich mit seinem Projekt einer Mittelmeerunion in diese Richtung. Wieso nennen wir den Orient Orient und nicht etwa Westasien? Weil der Orient historisch und geopolitisch nichts anderes ist als der Osten Europa, der vergessene östliche, eben „orientalische“ Flügel unseres Kontinents. Die Gründungsmythen Europas, vom Gilgameschepos über die attische Polis bis zum Leiden und der Auferstehung Jesu, sind orientalische Mythen. Europas, die abendländische Geschichte ist in the long run betrachtet nichts anderes als die Geschichte der praktischen Adaption dieser morgenländischen Mythen. Nur hat Europa diese seine Wurzel, und damit auch seine politische Verantwortung jenseits seiner Grenzen, gründlich vergessen.

Solang Europa seine Verantwortung wegdelegiert, wird sich die Schlinge weiter zuziehen

Solange sich die europäischen Mächte, und allen voran Deutschland, nicht dieser Wurzel und dieser Verantwortung besinnen, wird sich die Lage nicht bessern. Solange Europa immer noch glaubt, seine außenpolitische Verantwortung wegdelegieren zu können an die USA und Russland, wird sich die Schlinge um Europa weiter zuziehen mit unabsehbaren Folgen.

Terrorismus ist nicht die einzige Bedrohung, die unserer harrt. Genauso bedrohlich, wenn nicht bedrohlicher ist die Verarmung, auf die wir zurasen. Italien sei wie Griechenland, nur schlimmer, heißt es schon auf den Fluren Brüssels. Die Generation Y wird die erste europäische Generation seit Langem sein, aus der mehr Menschen sozial ab- als aufsteigen werden. Das äußere Problem Europas heißt Terror. Das innere Problem Europas heißt Angst.

Der Orient gehört zu Europa

Die Randregionen Europas sind der Orient und Nordafrika. In Intellektuellenkreisen in Frankreich und Deutschland ist dieses Denken längst Gemeingut. Nur politische wird dieses Denken immer noch nicht, oder nicht stark genug, kommuniziert. Millionen von Menschen leben dort, die teilhaben wollen an den unglaublichen Reichtümern, am Luxus der Globalisierung und des Sozialstaates, von dem das kleine Europa profitiert wie keine andere Region dieser Welt. Wer das Politische für old fashioned und nicht mehr aktuell hält, verkennt, dass es Wettbewerb und Distinktion auf der Welt gibt und geben wird, solange zwei Menschen an einunddemselben Platz leben werden, die sich voneinander unterscheiden und die einander überlegen sein wollen. Diese Distinktion, wir sagten es bereits, betrifft Individuen genauso wie Gruppen von Individuen. Die Mittelschicht wird durch den digital shift, den Wegfall von Millionen traditionellen Arbeitsplätzen und die Übermacht der Finanzwirtschaft aufgerieben. Die emerging middle class im Orient und der Levante wird durch Krieg und Bürgerkrieg ihrer wirtschaftlichen und materiellen Grundlage brutal beraubt und flieht in den Westen, flieht nach Kontinentaleuropa. Großbritannien, genauer England und Wales, haben darauf bereits reagiert und mit dem leave vote den Weg in die isolationistische Richtung eingeschlagen, den die USA, von jeher das politische und ideologische Vorbild des modernen Englands, seit Ende des Kalten Krieges bereits gehen.

Europa, das heißt Kontinentaleuropa, kann diesen Weg nicht gehen. Europa trennt kein Ärmelkanal vom Orient, geschweige denn ein atlantischer Ozean. Europa hat keinen Panzergraben. Europa muss den Tatsachen ins Auge sehen. Europa muss auch seine Geschichte wiederentdecken, anstatt dieses Feld den Rechtspopulisten vom Front national und von der AfD zu überlassen. Europa muss endlich eine gemeinsame außenpolitische Agenda auflegen. Europa muss sich politisch erweitern, nicht Richtung Russland, sondern Richtung Orient. Europa muss eine gemeinsame Wirtschaftspolitik auflegen, die hinausreicht über Subventionen und eine Währungsunion, die die reichen Volkswirtschaften reicher und die armen ärmer gemacht hat. Europa muss endlich eine außenpolitische Vision entwickeln. Wenn nicht, dann fällt irgendwann der Vorhang.

Europa muss endlich eine außenpolitische Vision entwickeln

Der Orient ist Europas Hinterland. An dieser Erkenntnis führt, das zeigen die jüngsten Ereignisse, kein Weg vorbei. Entweder die europäische Politik stellt sich dieser Erkenntnis; oder sie zerbricht irgendwann daran. Der Mensch, heißt es, lernt entweder durch Einsicht, oder durch Katastrophen.

Seit fünf Jahren stehen die USA und Russland einander im Orient gegenüber. Den IS versuchen sie, mit Drohnenschlägen zu bekämpfen. Bodentruppen will keiner von ihnen schicken, obwohl jeder weiß, dass nur das die Lösung bringen könnte. Warum? Weil niemand in Washington und Moskau sich einen zweiten Checkpoint Charlie leisten will und leisten kann. Beide Länder bilden in sich geschlossene politische und gesellschaftliche Kosmen. Beide haben ein Mittelschichtenproblem und kämpfen mit einer wachsenden öffentlichen Vesrschuldung. Beide werden autoritär regiert, beide fördern ihre Wirtschaft durch einen dezidierten Liberalismus, der zwar global agiert, aber das eigene Wohl – natürlich – in den Vordergrund stellt. Die europäischen Eliten und auch Teile der europäischen Mittelschicht orientieren sich längst gezielt in eine der beiden Richtungen. Sie wissen, was jeder von uns spürt: dass in Europa bald die Lichter ausgehen könnten, und dass es dann darauf ankommt, auf der richtigen Seite zu stehen.

Die angestammte europäische Indifferenz ist eine Sackgasse

Die alte europäische Indifferenz, die nirgends so ausgeprägt ist wie in Deutschland mit seiner auf Konsens und Quietismus ausgelegten politischen Kultur, ist eine Sackgasse. Europa, das wollen viele hier nicht hören, verdankt seinen beispiellosen Aufstieg zu Ruhe, Frieden und Reichtum dem Agreement der beiden Supermächte nach 1945, die Deutschland und in seinem Windschatten die übrigen Länder West- und Osteuropas nach Kräften pamperten, um es nicht zum Schlachtfeld künftiger Weltkriege, die sehr wahrscheinlich das Ende der Welt bedeutet hätten, werden zu lassen, und um den Europäern die Lust auf imperialistische Abenteuer ein für allemal zu nehmen. Wer hat schon noch Lust darauf, die Welt zu erobern, wenn er sich jederzeit ein Flugticket in jeden Winkel der Welt kaufen kann? Wer hat es nötig, Lebensraum oder rohstoffreiche Räume zu erobern, wenn er im Überfluss lebt, seine Rechnungen zahlen und dazu noch Vermögen anhäufen kann?

Das war die europäische Vision von 1945 bis 2015, eine exogene Vision, Europa und den Europäern oktroyiert von Amerika und Russland, nicht im Kontinent selbst geboren. Ihr verdankten unsere Großeltern und Eltern den Frieden und Wohlstand der vergangenen Jahrzehnte. Diese Epoche geht nun ihrem Ende zu, wenn sie nicht schon vorüber ist. Die alten Eliten müssen den Jungen Platz machen, die wirklich Ahnung vom heutigen Leben haben, weil sie dieses Leben und seinen brutalen Ernst on the edge kennen, und nicht nur aus Hollywood oder aus der Berichterstattung. Terror und Teilhabe: beides ist im Zeitalter der Globalisierung nicht voneinander zu trennen, so wie die Opfer von Nizza nicht zu trennen sind von den Unzähligen, die sich kein Ticket nach Nizza und kein Hotelzimmer dort leisten können.

Terrorismus wird man nur durch ein Mehr an Teilhabe bekämpfen können

Den Terrorismus wird man nur durch ein Mehr an Teilhabe bekämpfen können, nicht durch ein weniger. Die Angst wird man nur bekämpfen durch lautes und offenes Aussprechen der Dinge, nicht durch ihr geflissentliches Verschweigen und Beschönigen. Entweder die europäische Politik, allen voran Deutschland und Frankreich, lernen diese Lektion und setzen sie um. Oder es gibt noch mehr Terroranschläge, noch mehr Abgehängte und Verarmte, noch mehr tote Flüchtlinge im Mittelmeer, und irgendwann wird Deutschland Ground Zero des nächsten Terroranschlags.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Der LKW von Nizza, 14./15. Juli 2016