It’s the economy, stupid. Warum deutsche Hochschulen im internationalen Vergleich hinterherhinken

Philip Kovce: Von Bologna nach Berlin und wieder zurück. Über die Verfassung der Universität. Eine Bildungsreise

Eine Buchkritik

Philip Kovce hat ein neues Buch veröffentlicht. In „Von Bologna nach Berlin und wieder zurück. Eine Bildungsreise“ widmet sich der noch nicht dreißigjährige Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler aus Berlin der Verfassung der Universität aus deutscher Sicht. Neben wertvollen historischen Einblicken bietet das Buch auch wichtiges Zahlenmaterial, das insbesondere bei der Frage nach „mehr“ oder „weniger Staat“ in der Bildung von Bedeutung ist.

Kovce ist Alumnus der Universität Witten/Herdecke, der, wie er mehrfach hervorhebt, ersten deutschen Hochschule in privater Trägerschaft, und er lässt keinen Zweifel daran, auf wessen Seite seine Sympathien liegen. Kovce wünscht sich mehr private Initiative und weniger staatliche Intervention im Hochschulsektor.

Das Alleinstellungsmerkmal an Kovces Abhandlung liegt in der Verbindung von historischer und ökonomischer Perspektive. Die staatliche Hoheit über den Bildungssektor ist ein kontinentaleuropäisches Phänomen, und ein historisch junges dazu. Bis in die Neuzeit hinein war Bildung Sache der Kirchen, seit der Reformation wurde es dann Usus, dass protestantische Landesherren eigene Hochschulen errichteten.

Die große Wende in der deutschen Bildungsgeschichte kam mit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Bis heute steht der Name Wilhelm von Humboldt als Chiffre für das deutsche Bildungssystem. Dabei – das weist Kovce nach – war Humboldts faktischer Einfluss auf die Organisation der preußischen Universitäten eher gering. Haften geblieben ist dafür das Zauberwort vom „Forschen in Einsamkeit und Freiheit“.

Nun sind Einsamkeit und Freiheit Topoi des deutschen Idealismus, die mit der heutigen universitären Realität wenig bis gar nichts zu tun haben. Gleichwohl bekennt Kovce sich zu ihnen, setzt sich aber mit ihnen nicht bloß romantisch-philosophisch, sondern praktisch-ökonomisch auseinander. Er erkennt einen faktischen und historischen Zusammenhang zwischen Freiheit der Bildung und Wirtschaftlichkeit. Zum Beweis unternimmt er eine vergleichende Hochschulgeschichte der USA und Deutschlands im 19. Jahrhundert.

Die deutschen Universitätsgründungen von damals gingen sämtlich auf den Staat zurück, und schon damals sprachen Kritiker von Massenuniversitäten, nichtsahnend, welche Dimensionen dieser Begriff einhundert Jahre später annehmen würde. Ins gleiche Zeitfenster fällt die Gründung der großen US-amerikanischen Hochschulen, von denen bekanntlich die wichtigsten in privater Hand sind und die heute die internationalen Hochschulrankings regelmäßig anführen. Während die Massenuniversität also ein staatliches Phänomen ist, stehen Eliteuniversitäten meistens in privater Trägerschaft, zumindest in der angelsächsischen Welt.

Dass Deutschland, übrigens entgegen Humboldts Vorstellungen, den entgegengesetzten Weg ging, hängt ohne Zweifel damit zusammen, dass sich die Reformpolitiker in allen deutschen Staaten zu Beginn des 19. Jahrhunderts am französischen Vorbild mit seinem strengen Etatismus orientierten. Und noch im Jahr 2007 befanden sich laut Statistik fast 80 Prozent der deutschen Hochschulen in staatlicher Trägerschaft.

Dass die deutsche Bildungsmisere mit diesem staatlichen Fokus zu tun hat, ist für Kovce unbestreitbar. Private Trägerschaft dagegen zeige umgekehrt, dass ein niedriger Betreuungsschlüssel und eine intimere Studienatmosphäre Freiräume schaffen können, die sowohl einer freieren Intellektualität, als auch späteren Karriereperspektiven der Absolventen förderlich sein können – natürlich immer unter der Prämisse, dass die mehr oder weniger hohen Studiengebühren sozial austariert werden können. Auch Probleme wie Verschulung und Zeitdruck, zwei besonders bittere Früchte der Bolognareform, stellen sich, so Kovce, an einer privaten Hochschule ganz anders: Denn dort sind die Studierenden nicht mehr Subjekte einer staatlichen, sondern Geschäftspartner einer privaten Institution.

Kovces „Bildungsreise“ ist ein emphatisches Plädoyer für eine Reform unseres Bildungssystems, in der Privatisierung und Freiheit einander nicht mehr ausschließen, sondern bedingen. Mit Blick auf die amerikanische Situation, aber auch auf die steigende Unzufriedenheit von Lehrenden und Studierenden mit der deutschen Hochschulverfassung kann ich ihm nur Recht geben.

 

Philip Kovce: Von Bologna nach Berlin und wieder zurück. Über die Verfassung der Universität. Eine Bildungsreise. Metropolis 2016, 124 Seiten, 14,80 €.

Header: Portal der Humboldt-Universität zu Berlin, Symbol des deutschen Hochschulsystems. Quelle: Wikipedia.

Das Dritte Reich und die Drogen

Norman Ohler: Der totale Rausch

Norman Ohlers Buch über Drogen im Dritten Reich als Meisterwerk zu bezeichnen, ist keine Übertreibung. Sicher ist das Wissen um den Drogenkonsum in Wehrmacht und NS-Führungsclique längst kein Geheimwissen mehr; sicher ist der Siegeszug, den der Chrystal-Meth-Vorläufers Pervitin bei Usern wie Heinrich Böll oder Hitler selbst erlebte, mittlerweile gemeinhin bekannt. Aber ein umfassendes Werk, das fundiert und dabei ausgesprochen literarisch geschrieben (was ein Kompliment ist) die Rolle, die Rauschmittel im und für den Nationalsozialismus spielten, quantitativ und qualitativ bewertet, gab es bislang in deutscher Sprache noch nicht. Ohler, Jahrgang 1970 und bisher als Belletrist hervorgetreten, hat nun das einschlägige Referenzwerk hierzu geschaffen und damit ein wahrhaftes Desiderat befriedigt – volle siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur. Man sieht daran, wie sehr und wie lange Deutschland von dieser ganz speziellen Banalität dieses, seines Bösen nichts wissen wollte.

Ohler schreibt schneidig und elegant, nicht reißerisch und platt. Das verdient Erwähnung, denn klassische Geschichtsliteratur in Deutschland leidet traditionell an einem bräsigen, bemüht unspektakulären Stil, scheut den großen Bogen und liebt die Langeweile aus Angst, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Ohler lehnt sich aus dem Fenster – aber er fällt nicht heraus

Ohler lehnt sich aus dem Fenster, aber er fällt nicht aus ihm heraus. Seine faktizitären Erkenntnisse sind sauber recherchiert, belegt durch Archivfunde, die er seinem Text immer wieder im Faksimile anheftet; wo es sich aber um Behauptungen und Hypothesen handelt, da macht er dies auch kenntlich. Nur ein unaufmerksamer Leser – dergleichen soll es freilich geben – könnte dem Autor vorwerfen, er verkaufe pure Behauptungen als fraglos gesicherte Erkenntnisse.

Etwa anhand der Frage, ob und in welchem Maße Hitler 1944 und 45 vom Schmerzmittel Eukodal abhängig war, einem Heroin-Vorläufer, den Dr. Theo Morell, des Diktators vierschrötiger Leibarzt, immer wieder explizit verordnete, während er sich sonst, so Ohlers These, möglicherweise unter der ominösen Chiffre X verborgen habe, die sich seit Mitte des Krieges beinahe täglich in Morells minutiös geführtem Medikationstagebuch findet. Bis heute ist nicht ganz geklärt, in welchem Ausmaß Hitler dem Eukodal zusprach. Dass er aber mit der Droge, ebenso wie mit Kokain, vertraut war (womit übrigens auch der Mythos vom Abstinenzler Hitler flagrant widerlegt wäre), ist historisch sicher:

Kokain und Eukodal – die Führermischung, der Cocktail in Hitlers Blut, mutierte in diesen Wochen zum klassischen Speedball: Die sedierende Wirkung des Opioids glich der aufputschende Effekt des Kokains wieder aus. Enorme Euphorie und bis in die letzte Körperfaser empfundene Hochgefühle werden als Wirkung dieses pharmakologischen Zweifrontenangriffs beschrieben, bei dem zwei potente, sich biochemisch entgegenstehende Moleküle um die Vormachtstellung im Körper kämpfen.

Dr. Theo Morell war von 1936 bis April 1945 offizieller Leibarzt Hitlers und vermochte sich in dieser Stellung unentbehrlich zu machen. Parallel zu seiner Tätigkeit in der Entourage des Führers etablierte er sich als Pharmaunternehmer, sammelte Dotationen, Titel und Ehrenränge, darunter – natürlich – die Professur ehrenhalber. Seine Eigenschaft als Arzt verschaffte ihm unbeschränkten und vor allem täglichen Zugang zu Hitler – ein Privileg, in dessen Genuss selbst hohe und höchste politische Funktionsträger im Dritten Reich mit seinem notorischen Kompetenzchaos umso weniger mehr kamen, je länger der Krieg dauerte, von Goebbels und Bormann vielleicht abgesehen.

Unumstritten war Morells Position dabei zu keiner Zeit. Vor allem aus den Reihen der SS, vom “Reichsärzteführer” und SS-General Leonardo Conti bis zu Reichsführer Himmler höchstselbst, warf man dem promovierten Mediziner Morell, der sich früh auf die Verschreibung alternativer Präparate verlegte, immer wieder Quacksalbertum vor. Nach Kriegsende fand die Ansicht Verbreitung, Morell sei für Hitlers schlechten Gesundheitszustand verantwortlich gewesen und habe ihn überhaupt erst drogenabhängig gemacht – eine Meinung, die sich bis heute hält.

Diese geistig, moralisch und nervlich durch und durch defizitären Charaktere bedurften ständig der künstlichen Aufputschung, um sich bei Kräften und den von ihnen angezettelten Terror am Laufen zu halten

Ohler kehrt den Spieß um. Er fragt vielmehr danach, wie viele Anteile am Phänomen Hitler seinem politischen Charakter und wie viele seinem Drogenkonsum zuzuschreiben seien, und kommt zu dem Schluss, das Genie des Nationalsozialismus, um ein Wort Joachim Fests abzuwandeln, sei weder Vision, noch Kraft, sondern schlicht ein ungezügelter Drogenkonsum gewesen, der das in ihm angelegte Schlechte noch schlechter werden ließ. Damit freilich will er Hitler und seiner Helfer nicht von ihrer Verantwortung entlasten. Nein, Ohler will zeigen, wie primitiv diese Männer waren, wie wenig weit ihr Atem tatsächlich reichte, so wenig, dass diese geistig, moralisch und nervlich durch und durch defizitären Charaktere ständig der künstlichen Aufputschung bedurften, um sich bei Kräften und den von ihnen angezettelten Terror am Laufen zu halten.

Ohler geht weit zurück, bis auf Friedrich Sertürner, der im Jahr 1804 – Napoleon Bonaparte hatte sich gerade zum Kaiser proklamieren lassen, Europa steckte lebensweltlich noch tief im Mittelalter – in einer Offizin im frisch mediatisierten Hochstift Paderborn das Morphium entdeckte – ausgerechnet ein Deutscher, ausgerechnet ein Zeitgenosse Goethes, des Schöpfers des Homunculus, des ewig vom Rausch, vom Übernatürlichen in der Natur Faszinierten.

Der verspäteten Nation Deutschland fehlten mit eigenen Kolonien Tabak und Tee – Ersatz schufen Morphium und Pervitin

Deutschland, die verspätete Nation, kam auch als Kolonialmacht zu spät – Opium, Kaffee, Tabak und Tee bezogen Briten und Franzosen aus ihren Kolonien, während die Deutschen sie teuer einkaufen mussten, und nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurde die Genussmittel- und Rauschgift-Nachschublage für sie vollends katastrophal. Wie in so vielen Bereichen der Volkswirtschaft, hieß auch hier das Zauberwort: Ersatz.

Das Volk der Dichter und Denker, das längst eines der Ingenieure und Pharmazeuten geworden, kompensierte, wie so oft, sein geopolitisches Defizit durch Erfindergeist. Die Berliner Temmler-Werke patentierten im Oktober 1937 Methamphetamin, das unter dem Handelsnamen Pervitin zur deutschen Volksdroge werden sollte. Bis 1941 rezeptfrei, wurde das pillenförmige Präparat zum beliebten Aufputschmittel, gleichermaßen beliebt und konsumiert an der Heimatfront und in der Hauptkampflinie.

Treibende Kraft bei der militärischen Nutzbarmachung der Droge war der Militärarzt Otto Friedrich Ranke, der, ebenfalls im Jahr 1937, zum Leiter des Instituts für Wehrphysiologie an der Militärärztlichen Akademie in Berlin bestellt wurde. Unter der griffigen Oberzeile “Vom Graubrot zum Hirnfood”, die ihm in der traditionell besser durchlüfteten angloamerikanischen Historikerzunft einen Ruf als großartiger Stilist verdienen würde, beschreibt Ohler Rankes Impetus in drastischen Sätzen:

Als führender Wehrphysiologe des Dritten Reiches kannte Ranke einen Hauptfeind, und das waren nicht die Russen im Osten und auch nicht die Franzosen im Westen. Der Gegner, den er zur Strecke bringen wollte, hieß Müdigkeit.

Insgesamt 35 Millionen Dosierungen Pervitin wurden allein während des Frankreichfeldzuges 1940 von Ranke für die Wehrmacht bestellt. Der Fliegeroffizier Johannes Steinhoff, der nach dem Krieg als Inspekteur der Luftwaffe unter Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt berühmt wurde, schildert, wie sich Kampfpiloten im Einsatz aufputschten:

In der Knietasche steckt ein handlanger Leinenstreifen mit einem Zellophanüberzug, unter dem fünf oder sechs milchweiße Tabletten haften, groß wie Schokoladenriegel. Pervitin steht auf dem Streifen. Tabletten gegen Müdigkeit […] Ich öffne die Tasche und reiße erst zwei, dann drei dieser Plättchen von der Unterlage, nehme kurz die Atemmaske vom Gesicht und beginne, die Tabletten zu zerkauen. Sie schmecken abscheulich bitter und sind mehlig, aber zum Nachspülen habe ich nichts.

Leistungssteigerung und Weltflucht

Leistungssteigerung und – Weltflucht – beide Aspekte sind gestern wie heute drogensoziologisch nicht voneinander zu trennen. Das gilt auch für Deutschland, dessen politische Geschichte seit der wilhelminischen Zeit bis zum Untergang 1945 sich affekthistorisch als Wechselbad der Gefühle beschreiben ließe. Die gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen trending lines der Weimarer Zeit erlebten, wie auf so vielen Feldern, auch in puncto Drogenkonsum eine Kontinuität im Nationalsozialismus, mochte der sich auch nach außen steiflippig-abstinenzlerisch geben und Kokain und Morphium als “jüdische Infektion” des ach so natur- und jugendbewegten deutschen Volkskörpers brandmarken. Die politische Geschichte Deutschlands zwischen 1918 und 1945 kann, dies die Quintessenz, die man aus Ohlers Buch guten Gewissens ziehen kann, nicht gedacht noch geschrieben werden ohne eine Kultursoziologie des Drogenkonsums in dieser Zeit.

Die ersten Handreichungen dazu liefern uns die schreibenden und reimenden Zeitgenossen selbst, allen voran Fritz v. Ostini mit seinem heute fast vergessenen, aber damals enorm populären “Neuen Berliner Kommerslied” von 1919. Es erhält in the nutshell alles, was man vulgäranthroplogisch über den state of mind der Deutschen, der “rechten” wie der “linken”, in der Zwischenkriegszeit wissen muss:

Einst ward uns durch den Alkohol,
Das süße Ungeheuer,
Zu Zeiten kannibalisch wohl –
Doch jetzt kommt das zu teuer.
Und wir Berliner greifen drum
Zu Kokain und Morphium –
Mag’s donnern draußen und blitzen,
Wir schnupfen und wir spritzen!

Den Sekt, der so verlockend schäumt,
Genießt nur mehr der Schieber
Und auch vom edlen Rheinwein träumt
Ein Andrer nur im Fieber;
Das Bier, das ist so dünn und leer,
Mit dem bekneipt sich keiner mehr –
Drum, wenn uns Sorgen zupfen,
Wir spritzen und wir schnupfen!

Der Ober bringt im Restaurang
Das Kokadöschen gerne,
Dann lebt man ein paar Stunden lang
Auf einem besseren Sterne;
Das Morphium wirkt (subkutan)
Gar prompt auf das Zentralorgan,
Die Geister zu erhitzen –
Wir schnupfen und wir spritzen!

Die Mittelchen sind zwar verwehrt
Durch das Gesetz von oben,
Doch das was man offiziell entbehrt,
Wird heutzutag geschoben.
So kommt man leicht zur Euphorie –
Und wenn uns wie das liebe Vieh
Die bösen Feinde rupfen –
Wir spritzen und wir schnupfen!

Und spritzt man sich ins Irrenhaus
Und schnupft man sich zu Tode –
Du lieber Gott, was macht das aus
In dieser Weltperiode!
Ein Narrenhaus ist ohnedies
Europa und in’s Paradies
Mag einer gern heut schlupfen
Durch Spritzen und durch Schnupfen!

Rommel, der “Chrystal-Fuchs”

General Rommel, der sich als Kommandeur der 7. Panzerdivision im Frankreichfeldzug den Ruf eines tollkühnen Draufgängers erarbeitete, der mit seiner Truppe unglaubliche Tagesdistancen überwand, wird bei Ohler zum “Chrystal-Fuchs”. Ernst Udet, Flieger-Ass des Ersten Weltkriegs, aber als Generalluftzeugmeister im Reichsluftfahrtministerium heillos überfordert mit der Koordination der deutschen Luftrüstung und unsterblich geworden in der allzu anheimelnden Verschlüsselung als Genral Harras in Zuckmayers “Des Teufels General”, war nicht nur schwerer Alkoholiker, sondern, so Ohler, auch schwer methamphetaminabhängig – freilich eine Neben- bzw. Folgeabhängigkeit, die bei vielen berufstätigen Alkoholikern vorkommt. Und Udets Oberbefehlshaber Hermann Göring verfiel nach dem Morphium, dem klassischen Schmerz- und Betäubungsmittel der Frontkämpfergeneration, dem Kokain, und Ohler schildert in amüsanten Zitaten, wie sich der dicke Reichsmarschall in seiner weißen Uniform mithilfe des ebenso weißen Pulvers durch manch ermüdende Besprechung in seinem wuchtigen Ministeriumsbau, heute Sitz des Bundesfinanzministeriums, kämpfte:

Mitunter war auch das Gesicht des mächtigen Ministers geschminkt, die Fingernägel waren rot lackiert. Häufig kam es bei Besprechungen vor, dass Göring, wenn der Opiatgehalt seines Blutes gesunken war, sich derart derangiert fühlte, dass er abrupt und ohne ein erklärendes Wort den Saal verließ und erst ein paar Minuten später wiederkehrte – in deutlich frischerer Verfassung.

Methamphetamin und Kokain, die Lieblingsdrogen der Jobholder- und Fungesellschaft von heute, waren auch erprobte und beliebte Aufputschmittel des ersten und des letzten Aufgebots in Wehrmacht und Waffen-SS. Die Besatzungen der Kleinst-U-Boote, mit denen Großadmiral Dönitz 1944/45 die Wende im längst verlorenen Atlantikkrieg herbeizwingen wollte, wurden mit einem speziell für sie entwickelten Mix aus Kokain und Methamphetamin ausgestattet.

Drogenerprobung im KZ und Vernichtung durch Arbeit

Getestet wurde das Medikament im berüchtigten Schuhläuferkommando im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg, nördlich von Berlin. Kein Geringerer als Vizeadmiral Hellmuth Heye, nachmals CDU-Abgeordneter und Wehrbeauftragter im Deutschen Bundestag, war verantwortlich für die Erprobung des Drogencocktails in einem der schlimmsten Strafkommandos im nationalsozialistischen KZ-System, in dem Tag für Tag zwanzig oder auch mehr stark unterernährte Häftlinge, gepäckbeladen, in frischem, uneingelaufenem Schuhwerk auf schwer gangbarem, “naturechtem” Untergrund marschierend, zu Tode geschunden wurden, wenn sie nicht vorher unter der unmenschlichen Last zusammenbrachen, woraufhin sie der Schäferhund, den der brutale Aufsichtsführende, ein Beamter des Reichswirtschaftsministeriums, dann auf sie hetzte, zerriss.

Dass die KZ-Insassen zugleich als Versuchskaninchen für hochdosiertes Rauschgift missbraucht wurden, dürfte so noch der harmloseste Teil ihrer Tortur gewesen sein:

Vom 17. bis 20. November 1944 mietete die Marine […] das Schuhläuferkommando an. Am ersten Abend um Punkt halb neun erhielten die Häftlinge von Marinearzt Richert ihre hoch dosierten Drogen: die enorm große Menge von fünfzig bis einhundert Milligram reines Kokain in Pillenform, zwanzig Milligram im Kaugummi oder zwanzig Milligram Pervitin, ebenso als Kaugummi (die etwa siebenfache Dosierung einer herkömmlichen Temmler-Tablette).

Drogenerprobung und Vernichtung durch Arbeit: auch dieses Kapitel lässt Ohler nicht aus, im Gegenteil. Bei allem Potenzial zum Sensationismus, den der Stoff (sic) haben mag, hat man nie, oder nur ganz selten, das Gefühl bei der Lektüre, einen SPIEGEL-Artikel zu lesen. Dafür ist Ohler zu sehr Profi. Und es ist eben kein Argument gegen den Ernst seines Anspruches und seiner Darstellung, wenn er die Haltungen und Handlungen, die kriminellen wie die wunderlichen, zu denen ihr Konsum die decision-makers des Dritten Reiches trieb, immer wieder mit teils fantastisch anmutenden, aber korrekt belegten Anekdoten illustriert:

Am Abend des 6. Juni [1944, K.S.] glaubte Hitler immer noch nicht, dass die Invasion an der Nordatlantikküste tatsächlich stattfand, sondern begnügte sich mit der Vorstellung, dies sei nur ein Scheinangriff […] Doch das traf nicht zu. Wahrhaftig waren die Alliierten gegen Mitternacht auf einer Frontbreite von 50 Kilometern eingebrochen und hatten die Deutschen komplett überrumpelt. Die Westfront war damit eröffnet. Militärisch hatte das Deutsche Reich nun keinerlei Aussichten mehr. Doch gab es da etwas, das Hitler dieser Tage freudig stimmte: Goebbels hatte endlich mit dem Rauchen aufgehört.

 

Auch die Terrorwelle, die nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli desselben Jahres über das Reich schwappte, und sogar den Entschluss zur Ardennenoffensive, technisch und logistisch a priori ein aussichtsloses Unterfangen, führt Ohler auf Hitlers gesteigerten Konsum von Pervitin und Eukodal in diesem Abschnitt des Krieges zurück. Mit großem, fast erheiterndem Realismus und, wenn wir die Wochenschau- und Privataufnahmen von Hitler, die wir im Kopf haben, damit vergleichen, durchaus historisch glaubwürdig illustriert Ohler, wie wir uns den “Führer auf Crack” vorstellen können:

Was die künstlichen Paradiese anging‚ schöpfte der Diktator in diesem letzten Herbst des Krieges und seines Lebens aus dem Vollen. Wenn Patient A in der Lagebesprechung seinen pharmakologisch kreierten Olymp durchschritt, den Hacken dabei zuerst aufsetzte, die Knie durchdrückte, mit der Zunge schnalzte und mit den Händen schlenkerte, kristallklar denken zu können glaubte und sich die Welt so  zurechtlegte‚ wie es sich für sein Führer-High geziemte, war es für die von der bedruckenden Frontsituation mehr als ernüchterten Generäle unmöglich, zu ihm durchzudringen. Die Medikamentierung hielt den Oberbefehlshaber stabil in seinem Wahn, errichtete einen uneinnehmbaren Wall, eine lückenlose Verteidigung, durch die nichts und niemand mehr dringen konnte. Jedes Bedenken wurde von der artifiziell herbeigeführten Zuversicht hinweggewischt.

Freilich: die Quellenlage hierzu ist wenigstens abschnittsweise immer wieder lückenhaft. Doch Ohler weiß seine Mutmaßungen gut zu begründen. Morell verabreichte Hitler wöchentlich zahllose Präparate, teils Inkjektionen, teils Tabletten: neben Vitaminbomben, die er unter dem zeittypisch pompösen Namen “Vitamultin” neben dem Führer über seine eigene Firma auch an gewöhnliche Volksgenossen vertrieb, auch tierische Extrakte zur Nahrungsergänzung, Potenzmittel (sic) und eben – Aufputsch- und Schlafmittel. Gespritzt wurde sowohl intravenös, als auch intramuskulär.

Hitler: ein durch und durch kaputter Charakter, der seine Kaputtheit mit Heroin und Amphetamin am Leben hielt, bis ihm schließlich der Nachschub ausging.

Für den Leistungsabfall, den die meisten Historiker bei Hitler ab der Jahreswende 1944/45 feststellen, hat Ohler eine besondere Erklärung parat. Aufgrund der kriegsbedingt immer prekäreren Versorgungslage konnte der Dealer Morell seinen Kunden Hitler (in den Unterlagen des Leibarztes stets als “Patient A.” paraphiert) nicht mehr mit frischem Stoff versorgen.

Morell passierte nun das Einzige, was einem Dealer nie passieren darf, die Kardinalssünde (sic) der Versorger: den gewohnten Stoff plötzlich nicht mehr zu Verfügung zu haben. ‘Seit 4-5 Tagen ist der Patient äußerst nachdenklich und macht einen müden, unausgeschlafenen Eindruck. Er will versuchen, ohne Beruhigungsmittel auszukommen’, kommentierte Morell den Engpass und fügte beunruhigt hinzu: ‘Führer ist etwas eigenartig zu mir, kurz und in verärgerter Stimmung.’ All dies ist noch kein Beweis, aber es sind Indizien, dass Hitler im letzten Quartal 1944 süchtig geworden war nach Eukodal – und das Betäubungsmittel nun weiterhin ersehnte. […] Das Ende des Endkampfes nahte, und Hitler hatte sein High, seinen Führerrausch unwiederbringlich verloren.

In dieses Bild, wenn es denn wahr ist, fügte sich, dass Hitler einen seiner fatalsten Wutausbrüche ausgerechnet am 22. April erlitt – einen Tag, nachdem er Morell schroff und formlos aus seinen Diensten entlassen hatte. Es war jener durch die Darstellung Bruno Ganz’ in Eichingers “Untergang” unsterblich gewordene Anfall, mit dem der völlig erschöpfte Diktator auf die Meldung reagierte, der ominöse “Angriff Steiner” sei “nicht erfolgt”. Ohler führt diesen finalen Nervenzusammenbruch auf den Wegfall der gewohnten chemischen Stabilisatoren zurück.

Auch Hitlers vermeintliche Leistungsfähigkeit war am Ende so unecht wie alles an dieser verderblichsten Unperson der jüngeren Geschichte

Wie gesagt: man kann diese Darstellung für übertrieben, für zu literarisch oder auch glattweg für unprofessionell halten. In meinen Augen jedoch wahrt Norman Ohler das durch die Gesetze der Wissenschaft vorgeschriebene Dekorum zu jeder Zeit – wohl kaum auch hätte er sich sonst ein Nachwort von einer so unbestrittenen Kapazität wie Hans Mommsen verdient, der nur wenige Monate nach Erscheinen des Buches verstarb.

Mommsen, der einst in den Siebzigerjahren, in Abgrenzung von den kaum verhohlenen Glorifizierungstendenzen der Bullock, Fest und Haffner, die These von Hitler als “schwachem Führer” prägte, ist auch inhaltlich die denkbar beste Referenz, auf die Ohler sich stützen kann. Denn er teilt mit ihm die unemphatische und unpathetische Sicht auf das politische und affektive Phänomen Hitler. Weit davon entfernt, großer Visionär oder auch nur genialischer Stratege und Feldherr zu sein, war Hitler in seinem Handeln, politisch und privat, vor allem dies: ein Verbrecher und ein Drogensüchtiger, ein durch und durch kaputter Charakter, der seine Kaputtheit mit Heroin und Amphetamin auch noch am Leben hielt, bis ihm schließlich der Nachschub ausging. Sogar seine viel beschworene Leistungsfähigkeit, sein vermeintliches Durchhaltevermögen waren am Ende unecht wie so vieles an dieser verderblichsten Unperson der jüngeren Geschichte.

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2015.

Header: Ausschnitt Cover Ohler, Der totale Rausch.

Eine Biographie, die Maßstäbe setzt: Gunter Hofmann, Helmut Schmidt

„Keine der zahlreichen Biographien, die bereits über ihn zu Papier gebracht wurden, erfasse ihn ganz, kommentierte Helmut Schmidt [einmal] die Lektüre über ein langes Politikerleben, sein Leben. Wenig allerdings trug er selber dazu bei, aufzuklären, was er vermisste oder worin er sich getroffen fühlte und worin nicht.“

Mit Helmut Schmidt starb die letzte Heroengestalt der alten Bundesrepublik. Einen Tag nach seinem Tod annoncierte der Münchner Beck-Verlag das Erscheinen einer neuen Biographie. Das Vierhundert-Seiten-Opus des ZEIT-Journalisten Gunter Hofmann über die „nationale Weihefigur“ Helmut Schmidt wird Maßstäbe setzen. Mit dem Verstorbenen abgesprochen war die Veröffentlichung nicht, so heißt es, vielmehr sei der Autor schon länger mit der Arbeit beauftragt gewesen. Dass Beck in Schmidts Ableben den denkbar günstigsten Zeitpunkt für den Rollout des Titels sah, ist zwar perfekte PR, aber nicht zwingend pietätlos.

Hofmann schreibt Schmidts Lebensgeschichte nicht als bloßes Storytelling. Er will „Deutungen liefern“ und tut dies schon im Untertitel: „Soldat, Kanzler, Ikone“, durchaus im Sinne Schmidts, der zu Hofmann einmal sagte, seine acht wichtigsten politischen Jahre seien nicht die acht Jahre Kanzlerschaft von 1974 bis 82 gewesen, sondern seine acht Jahre als Soldat und Offizier von 1937 bis 45.

Dass Schmidts Auftritte, so Hofmann, stets „etwas seltsam Altmodisches“ ausgestrahlt hätten, liegt sicher an der intensiven Prägung durch das Erlebnis von Krieg und Diktatur. Dabei war Schmidts Lebenslauf denkbar typisch für das deutsche zwanzigste Jahrhundert: Kind sozialer Aufsteiger, das diesen Aufstieg in NS-Zeit und früher Bundesrepublik fortsetzte, dabei aber immer einen globalen politischen und ideologischen Horizont beibehielt.

In der Sehnsucht nach einem solchen Horizont in der phantasielosen Berliner Republik liegt für Hofmann sicherlich der tiefere Grund für jene „ungewöhnliche Affäre der Deutschen mit Helmut Schmidt“, die ja erst nach seiner Abwahl so richtig begann. Dabei war die Rolle des elder statesman, die der schneidige Hanseat dreißig Jahre lang spielte, sorgsam choreographiert:

 

„Er inszenierte sich und blieb Schmidt. Auf diese Mischung verstand er sich schon als Kanzler. Die Zeit der einfachen Erklärungen, der Übersichtlichkeit, der großen Politiker, der herausragenden Einzelstimmen, ist sie nicht vergangen? Mit Helmut Schmidt schien es noch einmal so, als könne einer alleine – eine Instanz in der Mitte – Ordnung ins Chaos, Vernunft in die Verhältnisse, Maßstäbe in maßstablose Zeiten bringen. […] Als ein Mann aus dem vorigen Jahrhundert erschien er, der in modernen Zeiten noch einmal Halt geben könnte. […]“

 

Schmidts Elemente waren das Heroische und das Sexuelle. Während man aber im Biedermeier der Berliner Republik nicht mehr heroisch sein darf, so durfte man zu Schmidts Zeiten das Sexuelle nicht zeigen. Dass Hofmann, der das Heroisch-Militärische so betont, sich an Schmidts zahlreichen Affären konsequent vorbeidrückt, ist der einzige Makel, den man seinem sehr gelungenen Buch ankreiden muss.

Anders als der Märchenprinz Kennedy wählte Schmidt die Rolle des nüchternen Steuermanns, der seine heroischen Ambitionen nach eigener Auskunft im Winter 1941/42 an der Ostfront aufgegeben hatte. Dass Hofmanns Biographie dennoch, ohne dabei in billige Hagiographie abzugleiten, Schmidts Leben als Heldengeschichte erzählt, ist um so verdienstvoller.

Verdienstvoll ist auch die straffe Gliederung des Buches in nur sechs Kapitel, von denen das vierte, das von Kanzlerschaft und Rücktritt handelt, das weitaus umfangreichste ist. Welche Leistung von Schmidt dauerhaft bleibe außer seiner Monumentalität? Hofmann beantwortet diese Frage, indem er einen Ausspruch von Golo Mann zitiert:

 

„Manchmal eine Art von Vermittlung zwischen beiden Weltmächten, obgleich man den Verdacht hat, dass die beiden Weltmächte einen Vermittler nicht eigentlich brauchen“

 

Diesen Verdacht freilich teilt Hofmann nicht. Für ihn ist es genau diese Vermittlerrolle Schmidts, die ihm weltgeschichtliche Größe verleiht.

Auch heute, ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges, da es um die Stabilität in Innereurasien geht, am Schnittpunkt US-amerikanischer und russischer Interessen mitten im Pulverfass des politischen Islam, wäre solch ein Vermittler, diesen Schluss kann man aus Hofmanns Buch ziehen, im deutschen Kanzleramt nötiger denn je. Und das gleiche gilt für Schmidts Konzept eines maßvollen, aber selbstbewussten Deutschlands.

 

Zum Buch: Guter Hofmann: Helmut Schmidt Soldat, Kanzler, Ikone. München: Beck 2015, 464 Seiten, € 24,95. 

Obiger Text wurde am 20. November 2015 im Format “Die Buchkritik” im SWR2 gesendet. © SWR2/Konstantin Sakkas

Header: Oberst Ulrich Wegener, Einsatzleiter bei der Erstürmung der “Landshut”, meldet Bundeskanzler Schmidt die angetretene GSG 9. Vermutlich Oktober 1977. Quelle: http://www.bundesregierung.de

Mehr Mut zur Deutung, bitte! Michaela und Karl Vocelkas Biographie Kaiser Franz Josephs I.

Bei wenigen historischen Persönlichkeiten driften innere und äußere Bedeutung so weit auseinander wie bei Kaiser Franz Joseph I. von Österreich, dessen Todestag im kommenden Jahr sich zum hundertsten Mal jährt.
Franz Joseph war ein durchschnittlicher Mensch, sein geistiger Horizont begrenzt, seine politische Grundhaltung reaktionär und phantasielos. Dennoch prägte der Mann, der achtundsechzig Jahre lang, vom Revolutionsjahr 1848 bis zum Kriegsjahr 1916, ein Reich von Tirol bis nach Galizien, von Krakau bis nach Bosnien als semiabsolutistischer Herrscher regierte, seine Epoche wie sonst nur Queen Victoria und Kaiser Wilhelm II. Sein politisches und privates Leben hat das österreichische Historikerpaar Michaela und Karl Vocelka nun in der ersten zeitgemäßen wissenschaftlichen Biographie verewigt.

Die große Stärke dieser flüssig lesbaren und reich bebilderten Lebenserzählung ist ohne Frage ihr monumentalischer Charakter. Wir lesen gleichsam einen wissenschaftlich fundierten Kostümschinken. Die großen Linien freilich treten hierbei kaum hervor, ebenso bleibt die intuitive Frage des Lesers, worin denn nun eigentlich Franz Josephs weltgeschichtliche Bedeutung, seine historische Größe im Sinne Jacob Burckhardts bestanden habe, unbeantwortet. Wenn das Buch besticht, dann durch die Darstellung von Fakten, jedoch kaum durch deren Einordnung.

Lob verdienen vor allem die ersten beiden Kapitel, die Kindheit und Jugend des Kaisers und seinen Regierungsantritt im Sturmjahr 1848 schildern. Sie zeigen, wie sehr der „rothosige Leutnant“ ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts, des Absolutismus und des Metternichschen Systems war. Erzogen von seiner dominanten, aber nicht besonders klarsichtigen Mutter Sophie, fand der achtzehnjährige Kaiser eine Welt vor, auf die er nur unzureichend vorbereitet war.

Das zeigt sich insbesondere in den Fünfzigerjahren, in denen Franz Joseph im Innern absolutistisch durchregiert und außenpolitisch das Ordnungssystem der Heiligen Allianz zerstört, indem er sich im Krimkrieg ohne Not auf Seiten der Westmächte schlägt. Seine Schaukelpolitik sät den Samen des österreichisch-russischen Gegensatzes, der sechzig Jahre später zum Ersten Weltkrieg führt, hindert aber Frankreich unter Napoleon III. nicht daran, drei Jahre später die Einigung Italiens mit Soldaten und Geld zu unterstützen und der Donaumonarchie die Lombardei und Venetien zu entreißen.

Die Ehe mit der kindlichen Herzogin Elisabeth in Bayern, die als Sisi unsterblich wird, beschreiben die Autoren so nüchtern und illusionslos, wie sie entgegen allen Romantisierungslegenden war. Gut geraten ist das Kapitel „Seitensprünge“, das die intensive, aber traditionell gern lieber beschwiegene sexuelle Aktivität des Kaisers schildert. Die Wege der beiden Eheleute, die beide mit ihrem Rang und ihrer sozialen Stellung sichtlich überfordert sind, trennen sich früh.

Denn nicht nur Sisi, auch der Kaiser richtet sich ein in einer Parallelwelt aus Zeremoniell und Schreibtischroutine und überlässt wichtige Entscheidungen seinen Ministern, die überwiegend aus dem alten österreichischen und ungarischen Adel stammen und kaum über zeitgemäße Konzepte und Ideen verfügen.

Einen Anflug von Größe zeigt er dort, wo er repräsentiert, das große Ganze darstellt und manchmal auch gegen extreme Standpunkt verteidigt: So weigert er sich in den Neunzigerjahren dreimal, den demokratisch gewählten Wiener Bürgermeister Karl Lueger, einen radikalen Antisemiten und Wegbereiter Hitlers, in seinem Amt zu bestätigen.

Am Beispiel der Julikrise 1914 und der Beteiligung Österreichs am Ersten Weltkrieg versuchen die Vocelkas eine Ehrenrettung Franz Josephs, indem sie dessen Worte aus dem Juli 1916, fünf Monate vor seinem Tod, zitieren:

 

„Es steht schlecht um uns, vielleicht schlechter, als wir ahnen. Die hungernde Bevölkerung des Hinterlandes kann auch nicht mehr weiter. Wir werden sehen, ob und wie wir noch den Winter übertauchen können. Im nächsten Frühjahr mache ich aber unbedingt Schluss mit dem Krieg. Ich will nicht, dass wir ganz und rettungslos zugrunde gehen!“

 

Ingesamt bleibt trotz großen Fleißes das Bild Franz Josephs blass und unbestimmt, was gar nicht einmal an inhaltlichen Mängeln liegt, sondern vor allem an der passiven und schwunglosen Darstellung. Mehr Mut zur Deutung und Wertung hätte man den Autoren zweifellos gewünscht. Freilich: dass sie dies: Deutung und Wertung, respektvoll dem Leser überlassen, kann auch eine Tugend sein.

 

 

Michaela und Karl Vocelka: Franz Joseph I. Kaiser von Österreich und König von Ungarn. München: C. H. Beck 2015, 456 Seiten, 26,95 €.


Header: Trauerkondukt Franz Josephs I. am 30.11.1916, Wien: Kaiser Karl und Kaiserin Zita, an ihrer Hand Kronprinz Erzherzog Otto. 

Der Orient ist nicht der Islam. Gedanken zu Navid Kermanis “West-östlichen Erkundungen”

Navid Kermani, der deutsche Gelehrte mit persischen Eltern, verkörpert wie kein Zweiter jenen intellektuellen Islam, der “zu Deutschland gehört” – spätestens, seit er im vergangenen Mai die Rede zum fünfundsechzigjährigen Jubiläum des Grundgesetztes hielt. Nun erschien im Beck-Verlag mit “Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen” eine Anthologie von Essays und Reden – zweifellos ein Dokument großer und klarer Gelehrsamkeit, wie es im öffentlichen deutschen Geistesleben heute immer seltener wird. Auch wenn es in den 16 Reden und Essays, darunter auch die Bundestagesrede, ihren Titeln nach um Literatur und Literaten geht, haben seine Texte immer auch eine ausgesprochen politische Dimension. Sie handeln vom Koran und der Poesie, Shakespeare und dem Menschen, Lessing und dem Terror. In seinem Essay “Kafka und Deutschland”, auf den der Titel der Sammlung anspielt, wird sein Ansatz deutlich: weniger ums Literarische geht es ihm, als ums Biographische als Spiegel genereller geistesgeschichtlicher und sozialpsychologischer Tendenzen.
Bei Kafka ist es das Dilemma der Nationalität in seiner Biographie. Kaum verhohlen identifiziert sich Kermani mit dem deutsch-jüdisch-böhmischen Literaten, den der Erste Weltkrieg wurzellos machte:
“Kafka hatte, wovor man heute Migrantenkinder in Deutschland bewahren möchte: eine ausgesprochen multiple Identität. Als Staatsbürger gehörte er dem Habsburger Reich an, später der Tschechoslowakischen Republik. Für die Tschechen waren Kafka und die gesamte deutschsprachige Minderheit in Prag einfach Deutsche. Unter den Prager Deutschen wiederum galt jemand wie Kafka vor allem als Jude. Nicht einmal Kafka selbst konnte klar sagen, zu welchem Kollektiv er gehörte.”
Die Spannweite von Judentum, Christentum und Islam ist das eine Feld, in dem sich Kermani in seinen Texten bewegt. Das andere ist die Kluft zwischen geistiger Heimat und irdischer Stand- und Weltlosigkeit, die die Erbschaft und die Bürde des Weltbürgers ist. Und da ist er schnell bei Goethe und seiner Zeit, dem inneren Zentrum seiner Texte.
Die Goethezeit ist Kermanis großer Referenzpunkt: geistig, moralisch, und auch politisch, zumindest soweit es um religiöse Toleranz geht. Auch seine Feststellung:
“Das gelehrte Deutschland ist nicht identisch mit dem politischen.”
leitet sich aus der Goethezeit her, bezieht sie aber ebenso auf die Zeit Kafkas oder die Gegenwart. Denn darum geht es Kermani auf fast vierhundert Seiten: die Differenz zwischen geistiger und politischer Existenz – auch und gerade im Islam, der sich heute in Zeiten islamistischen Terrors so sehr wie nie dem Vorwurf ausgesetzt sieht, dass er im Kern eine politische Theologie sei.
Kermani widerspricht dem nicht. Stattdessen beschreibt er den Koran als wesenhaft ästhetisches Phänomen, seinen Offenbarungsinhalt versteht er deskripitiv, nicht normativ. So heißt es in “Der Koran und die Poesie”:
“Im muslimischen Selbstverständnis […] ist die ästhetische Faszination, die vom Koran ausgeht, konstitutiv für die eigene Glaubenstradition. […] Nur im Islam führte die Rationalisierung des ästhetischen Erlebens zu einer eigenen theologisch-poetologischen Doktrin. […] Ich glaube an den Koran, weil seine Sprache zu vollkommen ist, als dass sie von einem Menschen erdichtet worden sein könnte. Man kann das durchaus als einen ästhetischen Gottes- oder Wahrheitsbeweis verstehen. Eine Entsprechung in einem westlichen Kulturkreis lässt sich in der Sphäre der Religion kaum finden.”
Von diesem religiösen Ästhetentum zieht Kermani die Parallele zur deutschen Sattelzeit zwischen Aufklärung und Moderne, zum Idealismus Lessings und Goethes, die beide ein positives, aufgeschlossenes Verhältnis zum Orient, aber auch zum Islam hatten: denn damals schienen Lebenswelt und politische Praxis des Islam noch nicht so sehr voneinander getrennt wie heute.
Hafis und der Diwan, die sinnliche Freude am Schönen und die Schönheit der puren Sinnlichkeit, die ins Pantheistische weist, aber auch die Topoi von Mitleid, Erbarmen und Gnade: nicht zufällig und in nicht bloß einem Text beschwört Kermani Lessings Menschheitsethik und Goethes Weltbürgertum, die den Islam nicht nur mit einschlossen, sondern ihn sogar in ein ausgesprochen positives Licht rückten. Damit will er das Wesen des Islam, wie er ihn sieht, verteidigen, er will aber zugleich Europa und Deutschland an das Band erinnern, das sie mit dem Orient und der orientalischen Kultur verbindet, deren Ab- und manchmal Zerrbild bloß der Islam ist – so in dem Essay “Lessing und der Terror”.
Bezeichnenderweise geht es Kermani in dieser Hermeneutik von Lessings “Nathan” und seinem Toleranzideal nicht um den islamistischen, sondern um den deutschen Terror, um den Nationalsozialistischen Untergrund – der wohl größte deutsche Skandal seit der Wiedervereinigung. Dem NSU ging es ja nicht um Islamismus oder den Nahostkonflikt, sondern um den schlichten, brutalen Hass auf das “Ausländische”, ja: um das Orientalische als Archetyp des Fremden, das vermeintlich nicht in die westliche Welt passt. Und hier entdeckt Kermani Tendenzen, die er im ganz normalen Zivilisationshochmut des Westens wiederfindet, auch und gerade in seinen Toleranz- und Betroffenheitsriten:
“Tatsächlich ist Nathan genauso ein Orientale wie Saladin und hat Lessing einzig den Tempelherrn, also just den Vertreter seiner eigenen, der christlichen Religion, als religiösen Fanatiker dargestellt. Wo Lessing gegen die Intoleranz des Westens anschrieb, wird im heutigen Theater die Toleranz verwestlicht. Träger ist keiner von denen, wie bei Lessing, sondern einer von uns: Nathan der Weiße.”
Freilich ließe sich diese Kulturkritik am Westen ebenso als Kritik am Islamismus lesen, der sich in seinem blutigen Kampf um die Anerkennung seiner Ursprünglichkeit eben von diesem Ursprung immer weiter entfernt, und damit auch von den westlichen Gesellschaften, die vielleicht niemals seit dem Fall von Byzanz “orientalischer” im Sinne Kermanis waren – also toleranter, gelassener, auch bequemer – als nach 1945 beziehungsweise 1990.
Im Wissen um diese Verbindung liegt für Kermani die Chance auf eine Versöhnung von Orient und Okzident auf der Hand. Dass sie heute indessen vital bedroht ist, liegt für ihn daran, dass der Westen um seine geistige Verbindung mit dem Orient viel zu wenig weiß, und dass er die historischen Wurzeln des Nahostkonflikts fundamental verkennt. Denn – darauf weist er in seinem Essay “Hannah Arendt und die Revolution” sehr kenntnisreich hin – der Nahostkonflikt ist wesentlich ein Phänomen des Postkolonialismus und der nicht bewältigten Vergangenheit des Orients unter westlicher Mandatsherrschaft seit dem Ersten Weltkrieg. Nicht so sehr der Gegensatz zwischen Israel – ein uraltes orientalisches Land – und seinen arabischen Nachbarn, als der zwischen dem islamischen Orient im Ganzen und dem Westen, durch den jener sich politisch verraten und wirtschaftlich ausgebeutet fühlt, ist für ihn Keimzelle der Gewalt im nahen Osten. Darauf gelte es zu reagieren.
“Was die arabischen Völker jetzt am dringendsten benötigen, ist nicht die Aufklärung über ihre Rechte, es ist ein handfester Beitrag zum Abbau der Massenarmut.”
So versteht sich Kermanis Buch als ein Appell an den Westen, sich auf seine orientalischen Wurzeln zu besinnen und entsprechend zu handeln. Von diesem, geistigen und historischen, Standpunkt aus allein, so sein Plädoyer, kann die politische Krise, die zum Weltenbrand zu werden droht, gelöst werden – nicht vom religiösen aus, dessen der politische Furor in seiner Wut und Hoffnungslosigkeit sich je nur bedient.
Der Text wurde am 15.9.2014 im SWR2, “Buch der Woche”, gesendet. 


Header: Eine kurdische Soldatin zerstört eine öffentliche Bekanntmachung des “Islamischen Staates” über die Vollverschleierung von Frauen. Nordostsyrien, November 2015. Quelle: Twitter. 

“Europas Schande” und die Ignoranz der Spötter

Nachdem Günter Grass Israel in einem Gedicht Kriegstreiberei vorgeworfen hat und dafür heftig kritisiert wurde, wird nun erneut über seine Reime diskutiert. In “Europas Schande” kritisiert Grass den Umgang mit Griechenland. Und er erntet Häme. Zu Unrecht, meint Konstantin Sakkas.

Bedenklich ist an all der Häme zweierlei: zum einen der Umgang mit dem Gedicht, zum anderen der mit dem Dichter Günter Grass selbst. In der inhaltlichen Ablehnung ist man sich in den angeblich so “bunten” Social Media bemerkenswert einig: Der heimliche Subtext etwa auf Twitter lautet immer wieder: “Wie kann man nur den Schuldenstaat Griechenland in Schutz nehmen!”

Auf den historischen und geistesgeschichtlichen Hintergrund, der sich bei Grass poetisch konzentriert, geht man mit keiner Silbe ein – vermutlich vor allem deshalb, weil er den selbsternannten Meinungsmachern der digitalen Bohème schlicht nicht geläufig ist. Antigone und der Schierlingsbecher dürften für sie ebenso böhmische Dörfer sein wie das Schicksal Griechenlands unter deutscher Besatzung oder die Diktatur der Obristen in den 60er und 70er Jahren.

An Arroganz überboten wird diese Ignoranz dann aber in der gezielten, verletzenden, ja: boshaften Häme, die sich über Grass selbst ergießt. Der Dichter wird als “betagter Mann” im Altersheim vorgeführt, von “Zivis”, “Schnabeltasse” und “Reinigungskraft” ist die Rede, und offenbar sehr spaßige Pointen, die Grass in einen Zusammenhang mit dem Eurovision Song Contest, dem Champions-League-Finale oder der Schlecker-Insolvenz rücken, schwirren durch den virtuellen Raum und werden ausgiebig und mit großem Hallo zitiert und favorisiert.

Das Schlimmste daran: Hier spricht nicht der “Stammtisch”, sondern der durchaus “informierte Leser”. Reihenweise stimmen nämlich die seriösen Medien in den Spottgesang gegen Grass ein, und in säuerlicher Überheblichkeit ergeht sich ein Leitartikler im “Fremdschämen mit Grass und Griechenland”. Kurz: Wer die Reaktionen auf das Gedicht im Internet abfragt, stößt auf eine Einheitsfront der brutalen Häme, die sich selbst als abgeklärte Ironie feiert.

Auf das, was Grass sagt, wollen sich die Spötter dabei nicht so recht einlassen. Auf die Verunglimpfung des Inhalts folgt vielmehr die Verhöhnung der Form. Von “dürren Versen” und einem “Dichter, der nicht dichtet”, ist auf Twitter zu lesen – dass sich Grass in seinem Gedicht des Versmaßes der asklepiadischen Ode bedient (und dies sehr souverän), dass er sich gleich in der zweiten Strophe elegant auf Goethes Iphigenie bezieht und nebenbei noch mit der deutschnationalen Hölderlin-Rezeption der konservativen Revolution ins Gericht geht: All das entgeht offensichtlich nicht nur den sich betont bildungsfern gebenden Digital Natives.

Auch einer großen deutschen Tageszeitung, die sich selbst als kulturelles Leitmedium der Republik versteht, waren Grass‘ Verse nicht mehr wert als die total witzige Behauptung, es handele sich bei “Europas Schande” in Wahrheit nicht um ein Gedicht von Günter Grass, sondern um eine Erfindung, die die Satirezeitschrift Titanic geschickt in die seriöse Süddeutsche lanciert habe. Das kann man als kesse Metasatire verstehen – oder als dumm-dreiste Frechheit.

Tatsächlich erweist sich Grass mit seinem Griechenlandgedicht als einer, der im Deutschland Adenauers, Kohls und Merkels stets in der Diaspora lebte: als echter, engagierter Intellektueller. In Frankreich, dem Mutterland der modernen Publizistik, hätte “Europas Schande” wohl eine große öffentliche Debatte, vielleicht auch einen politischen Richtungswechsel ausgelöst; und sogar noch seine Gegner hätten den Dichter immerhin für sein ästhetisches Können gelobt.

In Deutschland dagegen, dem Mutterland des Biedermeier mit seinem bräsigen Juste-Milieu und seiner großbürgerlich maskierten Kleinkariertheit, reicht es nur zum plumpen, primitiven Schulhofspott. Und das wiederum ist der Skandal um Günter Grass und sein Gedicht “Europas Schande”.

© Konstantin Sakkas

Der Text wurde am 1. Juni 2012 in der Sendung “Politisches Feuilleton” auf Deutschlandradio Kultur gesendet.

Header: Eugène Delacroix, La Grèce sur les ruines de Missolonghi (1826)