Der Philhellenismus lebt! Hans-Werner Kroesingers “Graecomania 200 years” im Hebbel am Ufer

Bericht von der Premiere von Hans-Werner Kroesingers Graecomania 200 years am HAU, Berlin, 30. Januar 2016

Der deutsche Philhellenismus lebt. Wer daran Zweifel hatte, dürfte sie nach der Premiere von Hans-Werner Kroesingers “Graecomania 200 years” im Berliner HAU am vergangenen Samstagabend nicht mehr haben. Das Stück, dokumentarisch im Stil, aber literarisch in der Aufführung, ist ein eineinhalbstündiger Parforceritt durch die Geschichte der griechisch-deutschen Beziehungen seit dem griechischen Unabhängigkeitskrieg 1821-1830, als sich Tausende deutscher Männer freiwillig zu den Waffen meldeten, um das Mutterland Europas von der türkischen Fremdherrschaft zu befreien, bis zur aktuellen deutschen Medienhetze gegen die “Pleitegriechen”.

Der deutsche Philhellenismus lebt

Der Autor und sein Werk lassen keinen Zweifel daran, auf wessen Seite ihre Sympathien sind. Vor einer Leinwand, auf die Filmaufnahmen der Akropolis geworfen werden, gruppiert um bzw. auf vier Liegestühlen, die verknappt ein strandtouristisches Setting bedeuten sollen, rezitieren die vier jungen Schauspieler Sina Martens, Mila Dargies, Lajos Talamonti und Niels Heuser die im Programmheft zusammengestellten Texte: aber ihre Rezitation lebt, ist mal emphatisch-bewegt, mal verhalten-statuarisch.

Sina Martens ist der heimliche Star des Abends

Vor allem die umwerfende Sina Martens mit ihrer ansteckend frischen Art und ihrem herrlichen Dutt, der – was für eine Pointe! – Berliner 2.0-Sexiness und das erotische  Ideal der alten Griechen miteinander vereint (bzw. ineinander zusammensteckt), ist der heimliche Star des Abends. Überhaupt ist das Spiel der vier bei dieser Premiere sehr präsent. Das Schöne: sie packen durch Sprache, nicht durch inszenatorische Exzesse.

Während es draußen im schon nächtlichen Berlin in Strömen regnet, erleben wir drinnen – der Saal ist ausverkauft – ein Feuerwerk der philhellenischen Emphase. Von romantisch tenorierenden Zeitungsannoncen aus den frühen 1820er Jahren, die “teutsche Jünglinge” zur Teilnahme am griechischen Befreiungskampf aufrufen, bis zu einem von Martens deklamierten Interview mit Thomas Piketty, worin der französische Starökonom mit den Mythen um die internationale Finanzkrise abrechnet, die planmäßig zu einer Existenzkrise der griechischen Wirtschaft und des griechischen Staates ausgeweitet wurde: alle wesentlichen Aspekte dieser zweihundertjährigen amour fou zwischen Deutschland und Griechenland, diesen zwei verspäteten Nationen, werden in diesem feurigen Parcours berührt.

Zweihundertjährige Amour fou zwischen Deutschland und Griechenland

Besonders skandalös: der Umgang der Adenauerregierung mit der Schuld und den Schulden, die das Deutsche Reich während der dreijährigen Besatzung des Landes angehäuft hat und die ihm, wie von neunundsechzig weiteren Staaten, so auch vom ausgehungerten Griechenland (die Prokopf-Kosten der deutschen Besatzung waren außerhalb Osteuropas nirgends so hoch wie dort) auf dem Londoner Schuldenabkommen von 1953 überwiegend erlassen wurden. Kroesinger, sonst bekannt für einen strikt dokumentarischen Stil in seinen Stücken, lässt bei aller Dichte des Stoffs das darstellerische Element nicht zu kurz kommen und sichert sich so die Aufmerksamkeit der Zuschauer: mal reihen sich die grauen Styroporkisten zum epidaurischen Theater, mal zur antiken Tempelkulisse, und am Ende balanciert die grazile Sina Martens, nachdem sie sich zuvor noch ein paar Euro-Cent-Münzen aus ihren Pumps geholt hat (die Münzen rieselt und regnet es nämlich das ganze Stück hindurch von überallher und überallhin, finden sich, natürlich, auch in den ominösen Kisten zuhauf, und manchmal hat man Angst, die Darsteller möchten damit einander gegenseitig wehtun), einen Turm aus vielleicht zehn solcher Kisten, Sinnbild des Schuldenbergs, für den die Spekulationssucht der geldgebenden Großbanken – daran lassen Stück und Aufführung keinen Zweifel – hauptverantwortlich ist.

Kroesinger rüttelt nicht durch Blut, Schweiß und Tränen auf, sondern durch Worte

Kroesinger rüttelt nicht durch Blut, Schweiß und Tränen auf, sondern durch Worte. Das ist seine Stärke, eine Stärke, deren Wert und Kraft man in Zeiten, die das Regietheater fast schrankenlos dominiert, erst wieder schätzen lernen muss. Tatsächlich ist das Wort, ist das Verbale an diesem Ort die schärfere Waffe, insbesondere da es um den Zwiespalt der beiden wohl wortgewaltigsten Völker Europas geht, des alten und des neuen Gründervolkes europäischer Kultur. Der alte Goethe schrieb am Frauenplan noch Lobeshymnen auf Kanaris und Kolokotronis, zwei Heroen des griechischen Befreiungskampfes, und dies mit deutlich mehr Herzblut, als der notorische Franzosenfreund zehn Jahre zuvor die Befreiungskriege gegen Napoleon kommentiert hatte (bekanntlich verbot er Sohn August die Teilnahme daran).

Doch schon die beiden Londoner Protokolle, unterzeichnet 1830 und 32, suchten den Idealismus und die Aufbruchstimmung, die von Griechenland ausgehend ganz Europa wie ein Lauffeuer durchliefen, einzuhegen, soweit es ging. Die Ermordung des Grafen Ioannis Kapodistrias im September 1831, neben Ypsilantis, der bereits 1828 in österreichischer Festungshaft starb, und dem außerhalb Griechenlands gern vergessenen Rhegas Velestinlis (1757-1798) der wichtigste Kopf der griechischen Unabhängigkeit und ein emphatischer Befürworter einer engeren Bindung Griechenlands an Russland, ist bis heute ein Stachel im kollektiven Gedächtnis Griechenlands; dieser weichenstellende Moment in der neuesten Geschichte des Landes fehlt im Skript. Das ist aber, neben der durchweg sehr “deutschen” Aussprache aller griechischen Eigennamen, auch das einzige Monitum an diesem politisch aufklärenden, literarisch hochwertigen und ästhetisch, das darf man sagen, sehr gelungenen Abend.

Land deutscher Sehnsüchte vom Wittelsbachischen König bis zum Pauschaltouristen

Gräcomanie ist eigentlich ein Schlagwort aus der Kulturgeschichte. Es beschreibt die politische und weltanschauliche Grundhaltung der deutschen Intelligenz zwischen etwa 1770 und 1830 – dies nicht nur die Eckdaten dessen, was der Historiker Reinhart Koselleck als die “Sattelzeit” des deutschen Geistes und Blüte des zweiten Humanismus benannte, sondern zugleich zwei Eckdaten des modernen griechischen nation building: der von Sankt Petersburg aus gesteuerten Orloff-Aufstand, der im Jahr 1770 schnell aufflammte und ebenso schnell scheiterte, und eben die in Griechenland bis heute als solche bezeichnete Revolution, die zwar auch von Russland ausging – in einer legendären Szene, die jedes griechische Kind kennt, überschreitet Prinz Ypsilanti, der Schwarm der Wiener Salonièren der Biedermeierzeit, die Fahne mit dem aus den Flammen auferstehenden Phönix im Arm, den Pruth, damals Grenzfluss zwischen der russischen Ukraine und dem osmanischen Rumänien, das ursprünglich ebenfalls befreit werden sollte -; die 1830 aber schließlich in eine Art Semiprotektorat der beiden Westmächte Frankreich und England über dem neuen Staat mündete, das wider Willen zum absolutistischen Königreich hingemodelt wurde, unter der Regierung freilich des ausgesprochenen Philhellenen Otto von Bayern, dessen Vater Ludwig München in ein Athen an der Isar verwandelte.

Leider sind wir pleite!

Der neue Staat, ausgezehrt durch die vierhundertjährige Fremdherrschaft, ausgeblutet vom Krieg und bitter angewiesen auf die 60 Millionen Franc, die man ihm in London bewilligte, begann seine Schuldnerkarriere im Augenblick seiner juristischen Gründung. Sechzig Jahre später sprach Charilaos Trikoupis sein ikonisches “Leider sind wir pleite” im griechischen Parlament, und auch dieses epische Zitat transponieren die vier auf der Bühne lässig, aber mit der nötigen Gravität vom griechischen ins deutsche kulturelle Bewusstsein, das gern vergisst, dass es die bekannt billigen Urlaubskonditionen von Korfu bis Rhodos auch diesem chronischen Pleitesein verdankt.

Ehrenrettung des deutschen Bildungsbürgertums

Die Nonchalance und Bravour, mit der Kroesinger und sein Cast dem Theaterpublikum Nachhilfeunterricht in Sachen modernes Griechenland erteilen, täuschen zugleich nicht darüber hinweg, welche politische Brisanz dem Thema innewohnt, und zwar gestern wie heute. Einst war es der deutsche Sprachprofessor Fallmerayer, der im neunzehnten Jahrhundert die These aufwarf, die Griechen seien im ersten Jahrtausend nach Christus durch die bulgarische Landnahme und orientalische Einwanderung restlos ausgestorben (was erwiesenermaßen falsch ist). Dann kam 1941 der deutsche Feldwebel Erhart Kästner ins Land und fabulierte von den alten Griechen als Ariern (nach dem Krieg machte er, was Kroesinger nur streift, in seinen Büchern einiges wieder gut), während Wehrmacht und SS von 1941 bis 44 ein brutales, menschenverachtendes und ausbeuterisches Besatzungsregime über das Land mit Hunderttausenden Hungertoten, Zehntausenden Ermordeten und zahllosen zerstörten Ortschaften ausübten, das hier eindringlich dokumentiert wird. Und heute? Heute hetzen deutsche Mainstreammedien gegen den “Pleitestaat Griechenland”, während die EU-Troika schlimmste Erinnerungen an Besatzungsterror und Fremdherrschaft wiederaufleben lässt und das Land immer noch unter einer schweren Rezession ächzt, die Hunderttausende menschliche Tragödien hervorbringt.

Aber Griechenland ist nicht totzukriegen. Das ist die Botschaft, die an diesem Abend ausstrahlt von dieser Bühne im verregneten Berlin-Kreuzberg, wo einst der Eiserne Vorhang verlief, an dessen eurasischer Schnittstelle “das Land, wo die Zitronen blühn” (eine wundervolle Parodie auf Goethes Gesang des Harfners liefern Martens und Dargies im Stück) sich befindet, seit im Mythos der kretische Stier die phönizische Prinzessin entführte. Wer sich mit dieser Botschaft intellektuell auseinandersetzen will, dem sei wärmstens das Programmheft empfohlen, das mit seiner Selection der vorgetragenen Texte eine perfekte und bemerkenswert professionelle Handreichung zum griechisch-deutschen Komplex bietet. Hans-Werner Kroesinger aber verdanken wir mit “Graecomania 200 years” nichts weniger als die Ehrenrettung des deutschen Bildungsbürgertums, das schon viel zu lange vor dem schändlichen Umgang der westlichen Welt und insbesondere Deutschlands mit Griechenland seine Augen und Münder verschließt.

 

Graecomania 200 years. HAU 3, Berlin-Kreuzberg. Regie: Hans-Werner Kroesinger. Mit: Mila Dargies, Niels Heuser, Sina Martens, Lajos Talamonti. Raum/Video: Rob Moonen. Ton: Daniel Dorsch/Hanns Narva. Licht: Thomas Schmidt. Konzept/Dramaturgie: Regine Dura. Mitarbeit Bühne: Dominik von Stillfried. Regieassistenz: Chiara Galesi. Produktionsleitung: Maria Kusche. Weitere Vorstellungen: 1.2., 4.-6.2.2016, jw. 20 Uhr.

Header: Der heimliche Star des Abends: Sina Martens, ab der nächsten Spielzeit am Schauspiel Frankfurt, hier mit Niels Heuser, Lajos Talamonti, Mila Dargies (v.l.), in der Premierenaufführung von Graecomania 200 years, 30. Januar 2016, HAU 3, Berlin. Bildrechte: David Baltzer

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