Die Dritte Flandernschlacht

Selten hat sich Geschichte so oft wiederholt wie im Ersten Weltkrieg. Die Soldaten im Westen, sofern sie überlebten, kehrten immer wieder zu ihren Schlachtfeldern zurück. im Frühjahr 1917 waren dies der Pas-de-Calais und die Champagne gewesen. Im Sommer wurde es Flandern. Dort hatten sich Deutsche und Franzosen im Herbst 1914 einst den „Wettlauf zum Meer“ geliefert, um sich schließlich einzugraben und im bitteren Stellungskrieg zu verharren.

In Flandern wollten die Briten 1917 den Krieg beenden

Hier wollte Marschall Haig mit seinen Tommies nun den Durchbruch schaffen. Die letzte Großoffensive der Briten war 1915/16 vor Gallipoli auf der Chersonnes kläglich gescheitert, die Sommeschlacht 1916 war mehr ein Entlastungsangriff als eine eigenständige Offensive. In Flandern aber wollte die britische Heeresführung nun ihr Meisterstück liefern. Nach dem Vorspiel von Arras (April) und Messines (Mai/Juni) gingen am 31. Juli zwei britische Armeen auf breiter Front zum Angriff über, unterstützt von der französischen 1. Armee. Ihnen gegenüber lag die 4. deutsche Armee. Ziel der Briten war zuerst einmal, den Zugang zu den deutschen U-Boothäfen an der belgischen Küste abzuschneiden. Seit Monaten tobte in den Weltmeeren der uneingeschränkte U-Bootkrieg, mit dem sich die OHL aus den Fesseln der englischen Hungerblockade befreien wollte. In Reaktion hierauf waren die USA in den Krieg gegen die Mittelmächte eingetreten – das gab der Entente zusätzlichen Auftrieb, konnte sie nun doch hoffen, bald frische Truppen aus Übersee an ihrer Seite zu haben.

3000 Geschütze nahmen die deutschen Gräben unter massives Feuer, mittlerweile ein eingespieltes Ritual. Dann ging es los. Die angreifenden Infanteristen wurden von Maschinengewehrgarben empfangen, die Deutschen wehrten sich mit allen Mitteln, erstmals auch mit Senfgas, das nicht nur die Lunge schädigte, sondern auch die Haut furchtbar verätzte. Die 22 Mark IV-Panzer, der Stolz der britischen Rüstungsindustrie, kamen nur schwerfällig voran, etliche blieben in den unzähligen Granattrichtern stecken, mit denen das Schlachtfeld übersät war. Um Langemarck wurde, wie schon 1914 heftig gerungen, doch diesmal lagen hier keine unausgebildeten Abiturienten, sondern abgehärtete Frontschweine mit drei Jahren Fronterfahrung, die nichts mehr aus der Ruhe brachte.

Die Briten hatten alles gegeben, doch es war nicht genug

Haig wechselte seine Befehlshaber aus und ließ auf Poelkapelle vorrücken. Seine Männer nahmen das Dorf im Nordosten von Ypern unter schwersten Verlusten, doch es reichte nicht. Paschendaele, ein Flecken ein paar Kilometer weiter östlich, hieß das Ziel. Hier wollte Haig die Entscheidung erzwingen. Mitte Oktober begann hier das furchtbarste Gemetzel in der Geschichte des britischen Heeres nach der Somme.  Truppen aus Kanada, Australien und Neuseeland gaben alles für ihr Empire. Die erste Offensive wurde abgeschlagen, Ende Oktober folgte die zweite. Die Deutschen unter ihrem General Sixt v. Arnim – bald hieß er nur noch „Der Löwe von Flandern“ wehrten sich erbittert, doch am Ende waren die Kanadier siegreich. Paschendaele fiel. Doch es war ein teuer erkaufter Sieg. 16.000 Mann kostete die Einnahme des flämischen Dorfes. Und die deutsche Siegfriedlinie hielt noch immer. Die Briten hatten alles gegeben, doch es war immer noch nicht genug. Am 10. November stellte Haig die Offensive ein. Nun setzte er alles auf die bevorstehende Panzerschlacht, die er den Deutschen bei Cambrai liefern wollte Sie sollte den Übergang vom infanteristischen Stellungs- zum motorisierten Bewegungskrieg bringen.

Der junge Leutnant Ernst Jünger erlebte die Dritte Flandernschlacht, das das Jahr 1917 an der Westfront dominierte, als Führer eines Spähtrupps. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Da wir unsere Aufgabe als Späher mit Eifer betrieben, kamen wir oft an Orte, die eben noch unbeschreitbar gewesen waren. So taten wir einen Einblick in das Verborgene, das auf dem Schlachtfeld geschah. Überall stießen wir auf die Spuren des Todes; es war fast, als hause keine lebende Seele in dieser Wüste mehr. Hier lag hinter einer zerzausten Hecke ein Gruppe, die Körper noch von der frischen Erde bedeckt, die nach dem Einschlag auf sie heruntergerieselt war; dort waren zwei Meldeläufer neben einem Trichter, aus dem noch der stickige Dunst der Sprenggase schwelte, zu Boden gestreckt. An einer anderen Stelle fanden wir viele Leichen auf einer kleinen Fläche verstreut: ein in den Mittelpunkt eines Feuerwirbels geratener Trägertrupp oder ein verirrter Reservezug, der hier sein Ende gefunden hatte. Wir tauchten auf, umfassten die Geheimnisse dieser tödlichen Winkel mit einem Blick und verschwanden wieder im Rauch.“

Mythos Paschendaele

In England ist Paschendaele bis heute ein Mythos. Es war das letzte große Blutvergießen an der Westfront. 500.000 Mann, Deutsche und Briten, wurden verwundet, erkrankten oder blieben vermisst. 80.000 starben in der Schlacht, auf den Mohnfeldern Flanderns, die so ungeheures Leid sahen.

 

Der Text erschien 2014 in Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (München: Piper). © Konstantin Sakkas, 2014. Header: Schlussszene aus Blackadder, SE04E06 “Goodbyeee”, BBC 1989: Tim McInnerny, Hugh Laurie, Rowan Atkinson, Tony Ronbinson.

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Die Schlacht an der Somme

Am 1. Juli 1916 begannen die Briten unter ihrem Oberbefehlshaber, dem späteren Feldmarschall Douglas Haig, eine große Entlastungsoffensive an der Somme. Sie wurde zur blutigsten Schlacht an der Westfront im Ersten Weltkrieg.

Seit Februar tobte die Schlacht um Verdun. Die Franzosen hatten dort bereits zahlreiche wichtige Stellungen aufgeben müssen und brauchten dringend Hilfe. Ende Juni begannen die Briten ein siebentägiges Bombardement an dem Fluss Somme nordwestlich von Verdun, um die deutschen Stellungen sturmreif zu schießen. Die britische Führung wollte so erreichen, dass ihre Infanteristen am Tag des Angriffs das Niemandsland „nur mit dem Spazierstock bewaffnet“ würden überqueren können. Entscheidender Nachteil dieses Dauerfeuers war allerdings, dass es den Deutschen den Ort des bevorstehenden Angriffs verriet.
Im Vorfeld des Angriffs wurden auch erstmals in diesem Krieg gigantische Sprengungen vorgenommen. In monatelanger Arbeit hatten britische Pioniere die deutsche Stellung „Schwabenhöhe“ bei dem Weiler La Boisselle unterminiert und Sprengstoff im Umfang von 27 Tonnen angebracht. Am 1. Juli um 7 Uhr 28 brachten sie die Höhe zur Explosion. Erdbrocken und Trümmerteile wurden einen Kilometer und höher in die Luft geschleudert, es gab Hunderte von Toten. Der Knall der Explosion war so laut, dass er noch in London zu hören gewesen sein soll. Die Briten gaben dem entstandenen Krater den Namen „Lochnagar-Krater“, in Anlehnung an die schottischen Regimenter, die hier lagen.
Zwei Minuten später traten dann 120.000 britische Soldaten zum Sturm auf die deutschen Stellungen an. Sie wurden sofort von heftigem MG-Feuer empfangen. Entgegen der Annahme der englischen Führung waren die deutschen Gräben nämlich zwar stark beschädigt, aber dennoch intakt geblieben. Es kam zu einem furchtbaren Blutbad: 20.000 britische Soldaten starben an diesem Tag, allein achttausend in der ersten halben Stunde. Es war der verlustreichste Tag in der britischen Militärgeschichte.
Besonders schlimm traf es die „Ulster Division“, in der nordirische Soldaten dem Vereinigten Königreich dienten. Bis heute gilt für sie der 1. Juli 1916 als Opfergang für Großbritannien. Um halb acht Uhr morgens griffen sie bei dem Dörfchen Thiepval an und stießen auf den fanatischen Widerstand württembergischer Truppen. Captain Wilfred Spencer, der dem Divisionsstab angehörte, sagte nach der Schlacht in einem Interview:
„Die Ulster Division hat mehr als die Hälfte ihrer Männer beim Angriff verloren und sich dadurch für das Empire geopfert, das sie nicht immer gut behandelt hat. Ihre Hingabe, die zweifelsohne das Ihre zum Vormarsch an den anderen Abschnitten beitrug, hat den Dank des ganzen Britischen Empire verdient. Diesen braven Jungs ist es zu verdanken, wenn ihre geliebte Heimat gut behandelt wird.“
Aus der Entlastungsoffensive wurde schnell ein eigener Kampfplatz, der bis dahin ungekannte Mengen an Menschen und Material verschlang. Bis in den November hinein rangen Deutsche und Briten, unterstützt von der 6. Französischen Armee unter General Fayolle, und verwandelten die idyllische Landschaft in eine Trichterwüste. Den britischen Hauptstoß führte die 4. Armee unter General Henry Rawlinson. Haig, der Oberbefehlshaber, versteifte sich so wie auf deutscher Seite ein halbes Jahr zuvor Falkenhayn auf eine Strategie der „Abnutzung“ und des „Weißblutens“. Tatsächlich kam dabei aber, wie der britische Militärhistoriker Basil Lidell Hart, der selber an der Schlacht teilnahm, später festhielt, nur „dummes, massenweises gegenseitiges Abschlachten“ heraus. Nirgends trat die geistige Unbeweglichkeit von im 19. Jahrhundert sozialisierten Truppenführern angesichts der Dimensionen des modernen Materialkrieges deutlicher zutage wie an der Somme.
Ernst Jünger, der an der Schlacht als Leutnant teilnahm, beschreibt die schreckliche Wirkung des Artilleriefeuers in seinem Buch „In Stahlgewittern“:
„Der Hohlweg erschien nur noch als eine Reihe riesiger, mit Uniformstücken, Waffen und toten gefüllter Trichter; das umliegende Gelände war, soweit der Blick reichte, völlig von schweren Granaten umgewälzt. Nicht ein einziger armseliger Grashalm zeigte sich dem suchenden Blick. Der zerwühlte Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die toten. Beim Ausgraben von Deckungslöchern bemerkten wir, dass sie in Lagen übereinandergeschichtet waren. Eine Kompanie nach der anderen war, dicht gedrängt im Trommelfeuer ausharrend, niedergemäht, dann waren die Leichen durch die von Geschossen hochgeschleuderten Erdmassen verschüttet worden, und die Ablösung war an den Platz der Gefallenen getreten.“
Einen weiteren Einschnitt in dieser Schlacht stellte der erstmalige Einsatz von Panzern dar. Am 15. September griffen die Engländer mit 32 „Tanks“ bei Flers nahe der Stadt Bapaume an. Der Name war bewusst gewählt, um den Gegner über den wahren Zweck der neuartigen, gepanzerten Fahrzeuge irrezuführen. Tatsächlich war die Verwirrung unter den Deutschen groß, entscheidende Wirkung konnte die Panzerwaffe aber noch nicht erzielen, zudem verspielten die Engländer durch den beschränkten Einsatz das Überraschungsmoment. Die Hauptlast des Angriffs lag nach wie vor bei der Infanterie, das Nahziel der alliierten Offensive, die Einnahme von Bapaume, wurde nicht erreicht. Auch bei Verdun wurde die deutsche Linie gehalten. Am 18. November wurde die Offensive eingestellt.
Die Schlacht an der Somme war neben Verdun die blutigste des ganzen Krieges. Gemessen an ihrer Dauer war sie die verlustreichste. Haig wurde zwar Anfang 1917 zum Feldmarschall befördert, doch der Ruf als „Schlächter von der Somme“, der einem veralteten Schlachtplan Hunderttausende Soldaten blind opferte, blieb an ihm haften. Der Historiker Jörn Leonhard schreibt:
„Nach der Somme-Schlacht war das Missverhältnis zwischen Raumgewinn und Opferzahlen unübersehbar. In etwa 150 Tagen hatten die deutschen Truppen auf 35 Kilometern Frontbreite etwa zehn Kilometer Gelände eingebüßt. Mit dem Rückzug auf die stark befestigte Siegfried-Linie Anfang 1917 konnten sie aber die Front insgesamt stabilisieren. Die Briten und die Empire-Truppen verloren insgesamt 420.000 Mann, die Franzosen 204.000 Mann, insgesamt hatten die Alliierten 146.000 Tote oder Vermisste zu beklagen. Dem standen 465.000 Mann deutsche Verluste gegenüber, darunter 164.000 Tote und Vermisste.“
Der Text erschien in: Ralf Georg Reuth, Im großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München: Piper 2014. © Konstantin Sakkas

Header: Die Schlacht an der Somme ist, wie der I. Weltkrieg insgesamt, bis heute fester Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses in der englischsprachigen Welt insbesondere natürlich im Vereinigten Königreich selbst. Im Bild die “eingefrorene” Schlussszene der letzten Staffel der BBC-Sitcom “Blackadder”, “Goodbyeee”, von 1989 mit den beiden späteren Weltstars Hugh Laurie und Rowan Atkinson (2. und 3. v.l.)