Byzanz, Eurasiens Wunde. Das Sykes-Picot-Abkommen vor 100 Jahren und Europas orientalische Schuld

„Alle heutigen Konflikte des Nahen Ostens gehen zurück auf den Ersten Weltkrieg.“ (David Fromkin)

Das osmanische Reich, das politisch auf der Friedenskonferenz von Sèvres im Jahre 1920, geistlich mit der Absetzung des letzten Kalifen, des gewesenen Sultans Abdülmecid des Zweiten, im Jahre 1924 nach langem, mählichem Verfall zu Ende ging, stand am 28. Juni 1914 an der letzten Schwelle zu seinem Untergang. An jenem Tag – es herrschte bestes, sonniges Balkanwetter oder, wie man in der weiter nördlichen, waldigen und regnerischen norischen Tiefebene sagte: Kaiserwetter – begaben sich Seine K. u. K. Hoheit der Erzherzog-Thronfolger von Österreich, Königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, Franz Ferdinand, und seine morganatische Gemahlin, die Herzogin von Hohenberg, leider nur eine einfache Hoheit und auch dies, da eigentlich eine geborene Gräfin aus landständigem Adel, nur von Kaisers Gnaden, zum Abschlussempfang in den Konak, den Sitz des Statthalters zu Sarajewo. Keine sechs Jahre war es her, dass durch kaiserliche Entschließung Bosnien und die Herzegowina, um deren Besitzes willen ein Menschenalter zuvor beinahe ein Weltkrieg entbrannt wäre, offiziell der österreichisch-ungarischen Monarchie einverleibt wurden, unter Sonderverwaltung aus Wien, versteht sich, um den ewigen Zwist zu vermeiden, der seit dem Ausgleich von 1867 zwischen der cisleithanischen Reichshälfte und den Ländern der Heiligen Stephanskrone tobte. Heute, an diesem schicksalhaften 28. Juni, wurde ein Weltkrieg daraus. –

Nach dreißig Jahren international, kraft nämlich der zu Berlin unter der bauernschlauen, aber nicht immer vorausschauenden Regie des pommerschen Kavallerieoffiziers Otto von Bismarck getroffenen Vereinbarungen sanktionierter Militärverwaltung, hatte also der Kaiser Franz Joseph, der erste und letzte seines Namens, in einer solennen Deklaration und pünktlich zur Feier seines sechzigjährigen Regierungsjubiläums, die vollständige Herauslösung der westbalkanischen Provinz aus dem ottomanischen Reichsgebilde verfügt – freilich nicht ohne vorher Rücksprache mit Russland, dem alten Feind und Nachbarn, getroffen zu haben, das sich durch den Ballhausplatz im Gegenzug die freie Durchfahrt durch Bosporus und Dardanellen zusichern ließ. So wurde Bosnien und die Herzegowina zur letzten friedlichen Landerwerbung einer europäischen Monarchie auf dem europäischen Kontinent.

Wo heute Bosnien liegt, wenige Tagesmärsche vom Lauf der Donau entfernt, siedelten im Altertum, zweitausend Jahre zuvor, die Kelten. In seiner Anabasis des Alexander schildert Arrian, wie der junge Makedonenkönig, ehe er den Weg nach Osten einschlug, mit ihren Abgesandten zusammentraf. Auf die Frage, was sie denn am meisten auf der Welt fürchteten, gaben sie indessen nicht die erhoffte und erwartete Antwort – nämlich ihn, der die Frage stellte, selbst –, sondern sagten, so will es die Legende, sie fürchteten nur dies eine: dass ihnen der Himmel auf den Kopf falle.

Herausforderung weckt Eroberungslust, Schlichtheit aber, sie mag Ausdruck innerer Stärke sein oder nicht, macht gleichgültig. Der große Alexander merkte, was er merken sollte, an dieser Antwort: dass auf dem Balkan, in dessen Herzen er als Sohn des Königs Philipp des Zweiten im prächtigen, aber barbarischen Pella geboren, für ihn keine Lorbeeren zu gewinnen seien. So wandte er sich, nicht unbeeindruckt zwar, wieder ab von den merkwürdigen, unrasierten Männern in ihrer primitiven, bäurischen Tracht und nahm in Angriff, was seinen Namen ins Buch der Geschichte einschreiben sollte, so lange es eine Menschheit geben mag: den Zug nach Asien, das große europäisch-asiatische Reich.

Der Kampf um den Balkan, so ließe sich sagen, dieser Kampf, der schon bald, keine zweihundert Jahre nach des großen Alexanders Tod, zum Schicksalskampf Europas werden sollte und dies geblieben ist bis auf den heutigen Tag, da durch den Schlauch dieser Halbinsel tagtäglich Zehntausende Flüchtige, vom ägäischen Meer kommend, den schweren, hoffnungsvollen Gang nach Mitteleuropa, nach Deutschland auf sich nehmen: dieser Kampf war im Grunde immer ein Kampf um das Stammland Alexanders, ein ewiger tomb raid mit der obskuren Wiegen- und Grabesstätte des Ruhmreichen und Vielgeliebten als Gralsburg, als heiß ersehntem und nie gefundenem Munsalvasch.

Darein, in diese topographische Heldenerzählung fügt sich die geologische Stellung des Balkans als Schnittpunkt Europas und Asiens. Hier verläuft, neben dem Ural und dem Kaukasus, die dritte, große, lange und breite Grenze, die Asien von Europen reißt, doch die Liebe nicht schreckt; die, wie eben jede Grenze, beide in einem unauflöslichen clinch zu dem großen Einen verbindet, das wir langsam wieder Eurasien zu nennen uns gewöhnen.

In die Meldungen um die Krim, Griechenland und Syrien, alle drei im Schnittpunkt der großen Landmasse, die Zbiginiew Brzezinski in seiner Programmschrift „The Grand Chessboard“ von 1997 denn auch the Eurasian Balkans, den „eurasischen Balkan“ nannte, mischte sich im Spätsommer 2014 die Nachricht, beim makedonischen Amphipolis, in alter, längst versunkener Zeit einst eine Stadt von historischem Rang, eine Grabanlage von bis dahin unbekannter Ausdehnung und Pracht aufgefunden zu haben. Rasch wurden, insbesondere in griechischen Medien, Vermutungen laut, hier könne sich das Grab des großen Alexanders befinden. Und wenn auch wohl eher der Wunsch der Vater solcher Gedanken sein mag, so wäre es doch ein arger Zufall, wenn das Grab von Amphipolis und damit der Alexandermythos, der in the nutshell den eurasischen enthält, nicht ausgerechnet in jenem historischen Augenblick ins kollektive Bewusstsein Europas gerückt wäre, in dem die Frage nach und der Kampf um die Neuordnung Europas und Eurasiens in ihre entscheidende Phase zu treten begannen.

In dem Dreieck, dessen gedachte Hypotenuse, auf dem Balkan, längs der alten kroatischen Militärgrenze, beginnend, hinüber nach Markanda, dem heutigen Samarkand in Usbekistan sich erstreckt, während seine imaginären Katheten, die linke etwas kürzer, die rechte etwas länger, spitz aufeinander zulaufend durchs östliche Mittelmeer hier, durch Afghanistan und Persien dort, am südlichsten Punkt der arabischen Halbinsel sich vereinigen: in diesem Dreieck vollzieht sich der Kern dessen, was wir Weltgeschichte heißen. Auf den Sinai führte der ägyptische Prinz Mose, ein israelitischer Bastard und daher ausgeschlossen von der legalen Thronfolge, zu der er doch mehr legitimiert als irgendein anderer, seine Getreuen, ausgelöste und entlaufene Sklavenarbeiter und Esoteriker, um aus ihnen das Muttervolk einer neuen Herrscherschicht in dem politisch aufgewühlten phönizischen Landstreifen längs der Mittelmeerküste zu schaffen. Zur Oase Siwa nahm Prinz Alexander, König der Makedonen aus menschlichem und bald Kaiser des Orients aus göttlichem Recht, den Umweg auf dem Marsch nach Susa und Persepolis, vielermahnt und getadelt von seinen Generalen, diesen zeitraubenden Unsinn zu lassen, nichtsahnend, unwissend sie um den tieferen Grund, der den Ahnenden und Suchenden, dessen Achilleertum nur der eine Teil seiner Seele war, diesen Umweg nehmen ließ. Nach Ägypten schließlich führte auch, so will es das Evangelium, den neugeborenen Heiland seine erste Reise, auf der Flucht vor den Häschern des Herodes.

Und schließlich: Ägypten war auch das erste Opfer der islamischen Expansion. Keine fünf Jahre nach dem Tod des Propheten im Jahr des Herrn 632, der fünf Sechstel seines Lebens ein Verfolgter, Geächteter und Flüchtender war, bis er im sechsten der stolze, brutale und unbestrittene Anführer einer stetig wachsenden Schar von Getreuen, ihm auf den Tod Verfallenen wurde: keine fünf Jahre also nach dem Tode Mohammeds schwappte die Sturmwelle seiner Gläubigen – denn so nannte sich die neue Religion, schlicht und outspoken: Islam, „Glaube“ – von der arabischen Wüste, wo sie sich aufgestaut, hinüber ins stolze, reiche und schöne Ägypten, das China Europas, die älteste Stätte menschlicher Kultur am Schnittpunkte der drei Erdteile Afrika, Asien und Europa. Ägypten, das ein halbes Jahrtausend lang eine römische Provinz mit einer griechischen Bevölkerung gewesen, fiel unter die Banner der Gotteskrieger, die, vom südlichsten Rand der eurasischen Wüste kommenden, aufbrachen, Eurasien sich zu unterwerfen.

Von diesem Ägypten, wie vom Orient im Ganzen, dessen Länder in rascher Folge dem Ansturm der Mohammedaner erlagen, sprachen die Griechen, die einst von der Costa Brava bis auf die Krim die gesamte Mittelmeerküste besiedelt und ins reinigende Bad ihrer Zivilisation getaucht hatten, noch im zwanzigsten Jahrhundert als von „ihrem Osten“, nannten es tin kath’ imas anatoli. Konstantinos Kafavis, der größte Dichter der „neugriechischen“ Athener Schule, wurde Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als Sohn einer griechischen Kaufmannsfamilie in Alexandria geboren. Etwa um dieselbe Zeit heiratete die phanariotische Kaufmannstochter Eleni Valtazzi, die reichste Erbin Konstantinopels, den österreichischen Diplomaten Albin Vetsera, einen baronisierten slowakischen Aufsteiger in die Wiener „Zweite Gesellschaft“. Ihre gemeinsame Tochter Mary (eine unter zahllosen Legenden will, dass sie gar die Frucht einer Liebschaft zwischen der Helene Vetsera und dem Kaiser Franz Joseph höchstselbst gewesen) ging zwanzig Jahre später, an einem Januarmorgen des Jahres 1889, mit dem Kronprinzen Rudolf von Österreich, dessen letzte sie ebenso wie er ihre erste Liebschaft gewesen, im Jagdschloss Mayerling in den Tod.

Das Griechentum, dessen Geschichte der europäische Norden mit der durch Kaiser Justinian verordneten Schließung der athenischen Akademie im Jahre 529 in einer gewissen bornierten Einfalt gern für abgeschlossen hält (dies eine Behauptung, die von der westeuropäischen Geschichtswissenschaft des Aufklärungszeitalters aufgestellt und in Umlauf gebracht wurde), reichte ethnisch und geistig vom Südzipfel Italiens, wo heute noch ein griechisches Idiom gesprochen wird, bis nach Ägypten, Palästina und Syrien. So wie vor zweitausend Jahren mit Kleopatra, einer Prinzessin aus ptolemäischem Hause, eine Griechin auf dem ägyptischen Thron saß, so bildeten hellenisierte Assyrer die Stammbevölkerung der römischen Ostprovinz Syria, welche 637 in arabische, vier Jahrhunderte später dann in seldschukische Hände überging. –

Wenn wir heute von einer Syrienkrise reden, so haben wir es also tatsächlich mit einer Krise des griechischen – und das heißt: des europäischen – Orients zu tun. Die romantisierende morgenländische Erzählung vom islamischen Orient, von feilschenden Kamelhändlern, vorbeiziehenden Karawanen und wirbelnden Derwischen, vom morgendlichen Rufen des Muezzin und von den Geschichten der Scheherazade, die sich in Europa in den Jahrhunderten nach dem Scheitern der Kreuzzüge, der großen, nie verwundenen Kränkung des politischen Selbstbewusstseins des christlichen Kontinents, konsequent einübte, hat die Erinnerung an die europäische Urgestalt des Orients ebenso ausstreichen geholfen wie jene an die orientalische Urgestalt Europas.

Doch es war eine phönizische Prinzessin mit semitischem Namen, die der Stier Zeus vom Libanon nach Kreta entführte, und es war ein balkanischer Prinz mit dem vorderasiatischen Namen Alaksandus, der seine westlichen Heerscharen über Halys, Euphrat und Tigris bis nach dem Nil, bis an den Indus führte. Die europäische Idee des Königtums, noch heute sichtbar repräsentiert durch popkulturelle Identifikationsfiguren wie die Prinzen William und Harry Wales, ist ein orientalischer Import, die vorgeblich primitive, altertümliche Wirtschaftsform des Orients aber, ablaufend nach den Gesetzen von Tausch und Täuschung, ist nichts als die, um zivilisatorische, also normativistische Milderungen, bereinigte Variante der Beute-Ökonomie, die David Graeber als das Wesen des Kapitalismus, also des westlichen Wirtschaftslebens jüngst herausgestellt hat.

Erst das Aufkommen des Islam im siebten Jahrhundert nach Christus bewirkte jene tiefgreifende Disruption zwischen Europa und dem Orient, also wörtlich: dem Osten, dem östlichen Flügel Europas, die bis heute nicht mehr überwunden wurde. Wir haben es hier gleichsam mit einer geistigen Kontinentaldrift zu tun mit der paradoxen Wirkung, dass etwa der griechische und der türkische Teil Thrakiens, künstlich auseinandergehalten durch die im Frieden von Bukarest 1913 gezogene Grenze, einander fremder sind als die USA und Russland, die zwei Ozeane voneinander trennen. Taylor Swift und Helene Fischer sind Kinder eines gemeinsamen Stammes, aber an der Ostgrenze der Türkei beginnt für den Europäer und den Asiaten jeweils eine fremde Welt.

Nachdem das Projekt der Kreuzzüge, angestoßen durch den Hilferuf des byzantinischen Kaisers an die lateinische Welt, gescheitert war, klaffte der Riss zwischen Abendland und Orient immer weiter auf. Nun waren es nicht mehr wie in den Jahren der Conquista die „Sarazenen“, also arabische Reiterheere, vor denen Europa zitterte, sondern die seldschukischen Türken, ein westmongolisches Nomadenvolk, das seit dem elften Jahrhundert die ganze eurasische Steppe überschwemmte, 1453, nach tausend fehlgeschlagenen Versuchen und einem heldenhaften Abwehrkampf des sterbenden byzantinischen Kaisertums, Konstantinopel nahm und seine Macht bis nach Mitteleuropa ausdehnte. Fast zwei Jahrhunderte lang war Budapest eine türkische Stadt, und zweimal, 1529 und 1683, standen die Heere des Sultans vor Wien. Als er endlich zurückgeschlagen wurde; als Russland um die Wende vom siebzehnten zum achtzehnten Jahrhundert als ein zweites Byzanz sich zu erheben begann und schließlich, sous les aigles orientales, unter den Bannern des Generals Bonaparte, der merkwürdigerweise den griechischen Vornamen Napoléon trug, die türkische Herrschaft in Griechenland und auf Westbalkan langsam zerbrach: da war auch die Disruption zwischen West und Ost irreversibel geworden. Am augenfälligsten drückte sie sich darin aus, dass man von nun an den Sultan nicht mehr als Antichristen behandelte, sondern als seriösen diplomatischen Gegenpart, geographisch ein Nachbar, geistig aber wie vom andern Ende der Welt. Genau hundert Jahre lang ging dies so: von 1814, als der Kaiser der Franzosen, der von einem vereinigten West- und Ostrom träumte und gegen den sogar England, Russland und die Türkei in der wohl sonderbarsten Allianz überhaupt sich verbündeten, in Fontainebleau zum Abschied von seiner Garde und seiner Macht die Trikolore küsste, bis 1914, als sich der Sultan von den Westmächten, die ihm hundertmal den Thron gerettet, losriss und auf die Seite der Mittelmächte stellte.

Der Erste Weltkrieg, der im selben Jahr und auf dem Balkan ausbrach und dessen heimlicher, geistiger Schwerpunkt nicht etwa am Rhein oder an der Weichsel lag, sondern auf einer Linie von Neurussland über die Levante bis nach dem Sinai verlief, bot den westlichen Großmächten England und Frankreich, die in diesen Krieg als Wirtschaftskrieg hineingegangen waren, die Gelegenheit, sich aus der Erbmasse des Osmanischen Reiches sattsam zu bedienen. Die Wunde der gescheiterten Gallipoli-Expedition, auf der australische und neuseeländische Truppen in einem schweren, blutigen Ringen versucht hatten, dem Zaren den Weg auf Konstantinopel freizuschießen und so eine Bresche in die ewig wankende Südostfront des Mittelmächteblocks zu schlagen (auf andere, geschmeidigere Weise, nämlich im Wege des Kriegseintritts Griechenlands auf Seiten der Entente am 28. Juni 1917, ausgerechnet an einem 28. Juni, sollte diese Strategie schließlich doch noch zum Erfolg führen), war noch nicht verheilt, die zusammengeschmolzenen Reste des Australian New Zealand Army Corps mit letzter Kraft nach Thessaloniki geflüchtet (was, welch Pointe, erst seit drei Jahren überhaupt wieder eine griechische Stadt war, nachdem die Türken sie den Venezianern fünfhundert Jahre zuvor entrissen hatten): da begannen bereits der französische Diplomat François Georges-Picot und der britische Oberst Baronet Mark Sykes die Verhandlungen über das mit Spannung und Gier erwartete Dismemberment des osmanischen Ostens.

Der Länderschlauch zwischen Antolien und Ägypten, der Halbmond im engeren Sinne, hatte nie wirklich türkisch-osmanisch gedacht und gefühlt. Die Mamelucken in Ägypten machten unter dem Mäntelchen der türkischen Oberherrschaft stets ihre eigene Politik, was im Aufstand des Muhammad Ali zur Napoleonzeit gipfelte, während nach der Machtübernahme durch die Seldschuken im frühen zweiten Jahrtausend Syrer und Iraker im Norden, Araber im Süden der dann osmanischen Ostprovinzen ein Momentum latenter Aufsässigkeit bildete. Als es mit der Macht des Sultans nach dem Frieden zu Karlowitz 1699 unwiderruflich zu Ende ging, entstand – mitten im achtzehnten Jahrhundert, dem Äon der europäischen Aufklärung, die, transmittiert durch die griechische Diaspora, bis auf den Balkan hin ausstrahlte und dort die Abschüttelung des osmanischen Jochs vorbereitete – wiederum in der arabischen Wüste mit dem Wahabitismus eine neue, orthodoxe und radikale Strömung des Islam, die sich in zweihundertfünfzig Jahren mit Macht zur Gegenpotenz gegen die aufgeklärte, säkulare christliche Welt aufbaute, die nun abwechselnd „Europa“, „Westen“,„Abendland“ oder schließlich „Erste Welt“ hieß. (Was wir heute als Krieg zwischen dem „Westen“, der in diesem Fall besser Euroatlantis hieße, und dem Islam erleben, ist ein genuines Ergebnis dieses Antagonismus und kein Produkt von CIA-Geheimfonds und Washingtoner Think Tanks.)

Zutreffend beziehungsweise umfassend ist keine dieser vier Bezeichnungen. So bleibt paradoxerweise nur das Prädikat „christlich“, um den Kulturraum zu beschreiben, der, von San Francisco nach Wladiwostok sich erstreckend, in einem Jahrhundert, politisch gezeichnet von drei großen Herrschern: Peter, Friedrich und Napoleon, Schluss machte nicht zwar mit seiner Christlichkeit, aber – mit dem Christentum als Dogma, mit seiner Identität als Glaubensraum. In der Kontraposition von Aufklärung und Wahabitismus finden wir den Konflikt vorgeformt, der im Ersten Weltkrieg schlussendlich aufbrach mit der arabischen Rebellion, die, mit britischem Geld finanziert, die osmanischen Strukturen unterminieren und so, zum zweiten Mal nach Gallipoli 1915, nun also 1916, die Südostflanke des Mittelblocks aufknacken sollte.

Wie Gallipoli, so scheiterte auch dieser Plan, nicht ebenso krachend, aber dafür gründlicher. Gallipoli hatte, was undenkbar gewesen in der neuesten Geschichte Europas, die unter dem Stern des britisch-russischen Gegensatzes gestanden, die russische Herrschaft in Kleinasien vorgesehen, also die heißersehnte und langangekündigte Aufrichtung des Dritten Roms und die, wenn auch russisch gesteuerte, Erfüllung der griechischen megáli idéa, der „Großen Idee“ eines wiedererstandenen griechischen Raums am Westrand des eurasischen Balkans, eines „Griechenlands der fünf Meere“, beginnend beim ionischen, endend am Schwarzen Meer. Dieser Plan – wie ernst und unernst er auch immer gemeint gewesen sein mag – bedeutete einen Twist in der gesamten, hundertjährigen Tradition europäischer, und das heißt: westeuropäischer Orientpolitik, die seit dem zweiten Koalitionskrieg immer die Türkei gleichsam „übersprungen“ und direkt nach dem Nahen Osten gegriffen hatte.

Ägypten, Syrien, Irak, diese territoriale Füllmenge zwischen Afrika, der rudis indigestaque moles im Süden, und Russland, dem unter einer deutschen Dynastie und ostslawisch-skandinavischen Adelsgeschlechtern aus dem ewigen Eise erwachten Bären in Hyperboreia, waren der Kuchen, um den es den big players England, Frankreich und Russland bereits auf dem Wiener Kongress eigentlich ging – nicht die Frage, ob Tirol bei Bayern bleibe, Hessen-Homburg seine Souveränität wiedererlange und Isenburg-Birstein sie verliere. Nur ans Sultanat und seine Heimstatt, an die Türkei selbst, deren Name auf Landkarten der Zeit stets mit unverschämt großer Laufweite gedruckt wurde, weil er ja von der mittleren Adriaküste bis hin an die persische Grenze reichen musste, traute man sich damals nicht heran – und tat nach dem Paukenschlag der griechischen Befreiung zwischen 1821 und 1830, die die komplette Außen- und Innenpolitik des postnapoleonischen Europas durcheinanderwirbelte, alles dafür, sie zu erhalten – eine Politik, die 1915 nicht endete und heute, 2015, mutatis mutandis im Zeichen Merkelscher Bittgänge nach und Obamascher Garantieerklärungen für Istanbul wieder im Schwange ist.

Nach dem blutigen Zwischenspiel von Gallipoli, das durch deutsche Sperrminen und Schiffsartillerie beendet wurde – hier und nicht im Skagerrak erfüllte die manische, teure und anachronistische kaiserliche Flottenrüstung paradoxerweise ihren eigentlichen Sinn –, da man im deutschen Großen Hauptquartier schon die Befehle für die Operation Chi (das Codewort für Verdun) schrieb, griffen die Westmächte, deren östlicher Verbündeter 1915 auf breiter Front empfindliche Niederlagen hatte einstecken müssen, vorausschauend wie immer in ihrer Geschichte, die mit so vorteilhaften geopolitischen Bedingungen gesegnet (die eine an zwei, die andre gar an vier Seiten vom Meer umschlossen, dem besten Schutzwall überhaupt), nach Mesopotamien und teilten es untereinander auf: Syrien, wozu man auch den Libanon zählte, kam an Frankreich, der Irak, das alte Babylon, an Großbritannien, während man Palästina mit Jerusalem gemeinschaftlicher Verwaltung vorbehielt, die auf dem Vertrag zu San Remo 1920 in ein Völkerbundsmandat umgewandelt wurde. Dreißig Jahre und einen Völkermord später gingen hieraus Jordanien und Israel hervor, während 1921 das Königreich Irak, 1930 die Republik Syrien als formell unabhängige Staaten proklamiert wurden, deren Mandatarstaaten freilich umfangreiche – und in der außen- und innenpolitischen Praxis entscheidende – Sonderrechte eingeräumt wurden.

Der US-amerikanische Historiker David Fromkin, der die westliche, spätkoloniale Interventionspolitik im Nahen Osten äußerst kritisch betrachtet, zieht in seinem Standarwerk A peace to end all peace (1989/2009) eine bittere Bilanz unter das Sykes-Picot-Abkommen:

 

„Großbritannien und, in geringerem Maße, Frankreich [waren] die prägenden Mächte der Region. Mit der Beseitigung des Osmanischen Reiches radierten sie die Landkarte des alten Mittleren Ostens aus und entwarfen eine neue. Der Irak, Jordanien und Israel sind britische Kreaturen, Syrien und der Libanon sind französische – mit verheerenden Folgen. Seit 1919 herrschen im Mittleren Osten Wirrwarr und Blutvergießen.“

 

Tatsache ist, dass die Regelungen von 1916 und später 1920 an dem Makel litten, ausgerechnet jenes Prinzip, das die Westmächte selbst zum Grundsatz ihrer Nachkriegsordnung erklärt hatten, weitgehend zu ignorieren: das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Was im Falle Griechenlands 1830 gleichsam fahrlässig zugelassen, in dem der Balkanstaaten nach und nach immerhin zähneknirschend gebilligt worden, wollte man im primitiven Orient, zumal in Erwägung des enormen wirtschaftlichen Interesses, das man an den dortigen Bodenschätzen hatte und hundert Jahre später immer noch hat, nicht gelten lassen. Dieser Makel aber war das proton pseudos, die politische Ursünde der westlichen Nahostpolitik des Weltkriegszeitalters: Stammes- und Konfessionskonflikte, in Palästina mit seiner starken jüdischen Minderheit ein regelrechter Religionskonflikt waren vorprogrammiert.

Es sollte vierzig Jahre dauern, bis, in den Sechzigerjahren, in doppelter zeitlicher Koinzidenz mit der Unabhängigkeit der afrikanischen Kolonien und mit der Zuspitzung des amerikanisch-russischen Konflikts und seiner Verlagerung nach Deutschland sowie nach Mittel- und Südamerika, also in die jeweiligen unmittelbaren territorialen Vorhöfe, sich im Nahen Osten eine gewisse, freilich immer noch zittrige, Ordnung einstellte: vom nasseristischen Ägypten bis zum baathistischen Syrien befreite man sich durch Putsch und Staatsstreich vom lästigen Zugriff der Mandatarstaaten, und ein Geist säkularer Staatlichkeit breitete über die Levante sich aus, wie er zuletzt während der Kreuzzüge geherrscht hatte, als der Ayyubiden-Kalif al-Kamil mit dem katholischen Römischen Kaiser den Vertrag von Jaffa schloss und der alte, verderbliche Doublebind von religiös-eiferndem Überbau und ökonomisch-exploitativer Gegenständlichkeit aufgehoben zu werden schien im hegenden und behütenden Gehäuse einer strengen, aber toleranten Staatlichkeit. In Persien regierte zwar nicht mehr Mossadegh, aber immerhin noch ein Schah aus autochthoner Dynastie, während Israel mit dem Präventivschlag von 1967 weniger das orientalische Ordnungsgefüge, dessen Teil es selbst war, als den arabischen Fundamentalismus als seinen und des muslimischen Orients gemeinsamen Feind treffen wollte und traf. Freilich: die Siebzigerjahre mit der Jom-Kippur-Krise und der iranischen Revolution bereiteten der kurzen Blüte eines freien, souveränen und säkularen Orients dann schon wieder ein jähes Ende.

Wiederkehrte dafür das Urdilemma des Sykes-Picot-Abkommens: dass hier den Völkern des Orients die eigenen Grenzen und die eigene Staatlichkeit von außen, von Europa noch dazu, einst ein kahles Stück Fels, ein in die breite gegangenes Étretat, da Ninive, Memphis und Palmyra schon längst und fruchtbar blühten, octroyiert wurden und dass dieses Europa über diesen seinen Octroy bis heute nicht mit sich diskutieren lässt. Die so genannte, durch westliche Thinktanks vorgedachte und westliche Gelder finanzierte, Arabellion, die im Namen schon die furchtbare Anmaßung, ein einziges Volk, das arabische nämlich, gegenüber einem halben Dutzend anderer, noch dazu älterer und kulturell höherrangiger, zu bevorzugen, ausspricht, spricht eine deutliche Sprache über die fragwürdige Tradition, in die man sich am Vorabend des einhundertsten Jubiläums des Sykes-Picot-Abkommens wieder gestellt hat.

Geopolitisch spricht diese Tradition sich aus in der beharrlichen Ausklammerung ausgerechnet der beiden Länder aus der Arabellion, die äußerlich zwar in der scheinbar stabilsten Staatlichkeit in der Region sich erhalten, innerlich aber am wenigsten unter allen ihren Nachbarn zu ihr qualifiziert sind: der Türkei und Saudi-Arabiens: diese eine polyethnische salad bowl, begründet auf der jungtürkisch-kemalistischen Ausrottungspolitik gegenüber Griechen, Armeniern und Kurden und ausgehöhlt durch die schwärende Wunde, die jene im nationalen Gedächtnis hinterlassen; jenes ein Gottesstaat, gegründet in der brachialen Anwendung archaischer Auslegungen einer Religion, die von ihrem Anbeginn an stets mehr politische Theologie war als geistliche Offenbarung.

Diese Drachensaat des durch den Westen in seiner, freilich allzumenschlichen, Ängstigung um täglich klammer werdende energetische Ressourcen begünstigten oder doch wenigstens gebilligten türkisch-arabischen Kondominiums, ausgeübt auf dem Rücken von Millionen Kurden, Syrern, Israelis und Ägyptern, Moslems, Juden und Christen unter ihnen allen, wurde auch durch die Akteure von 1916 gesät. Ihr abermaliges Aufgehen, provoziert durch die scharfäugige, aber nicht weitsichtige Doktrin des divide et impera seit dem Jahre 2001, dem eigentlichen Schlussjahr des Kalten Krieges, spüren wir heute, ein Jahrhundert nach Gallipoli, ein Jahrhundert nach Sykes-Picot, so unmittelbar wie nie zuvor in der europäischen Moderne. Was wir auch spüren sollten, ist die Angst und sei es vor der bloßen Möglichkeit, dass heute der Orient den Krieg nach Europa tragen könnte, wie vor hundert Jahren Europa den Krieg nach dem Orient trug.

 

Obiger Text wurde zum Abdruck in der Zeitschrift Die Drei, Ausgabe Januar 2016, nicht angenommen.

Header: Karte zum Sykes-Picot-Agreement. Quelle: Wikimedia Commons

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Das Wesen des Islams und der Westen. Teil 4: Der heroische Individualismus als Tradition Amerikas und Russlands. Die Überwindung des Katholizismus und somit des Glaubens durch sie und der Islam als Inbegriff von Glaube

Es stellt sich nach dem oben Erörterten die Frage, wie der Islam heute sich zu alldem verhalte. Wir haben als die zwei Konstanten des europäischen, d.h. euro-amerikanischen Geistes, der irgendwann in der Geschichte vom Orient ausging (was sich nirgends vielleicht deutlicher zeigt als daran, dass der mit Abstand mächtigste Gründungs- und Lebensmythos ausgerechnet des US-amerikanischen Bewusstseins der judäo-abrahamitische Mythos ist), als diese beiden Grundkonstanten also haben wir oben den Individualismus und den Ordinalismus ausgemacht. Wir können den historischen Progress, den der Individualismus dabei genommen hat, politisch-religiös als Prozess der Emanzipation vom Monotheismus und damit vom religiösen Glauben in seiner reinsten und härtesten Form nachvollziehen: je weiter der Individualismus, der in den Mythen der israelitischen Urväter und insbesondere natürlich in der Legende Jesu angelegt ist, je weiter also dieser Individualismus sich Bahn brach, desto unnötiger wurde die Verhaftung zum strengen Autoritarismus des institutionalisierten Glaubens an den einen Gott, den man in jeder weltlichen Ordnung, in den Natur- wie in den Staatsgesetzen, repräsentiert, abgebildet sah und dem sich zu unterwerfen das erste, noch aus der mosaischen Zeit – einer Zeit in der Wüste! – herrührende Gebot des europäischen Menschen wurde, so beschlossen in der Zeit am Übergang zwischen Altertum und Mittelalter, auf den Konzilien, als sich abspielte, was der Historiker Charles Freeman “the closing of the Western mind” nennt.

Die Ablösung dieses starren, brutalen und seine Subjekte zur Unbeweglichkeit und zum Autismus erziehenden intellektuellen pactum subiectionis vollzog sich in drei großen Wellen: in der Renaissance, als griechische Flüchtlinge wie Bessarion, Georgios Gemistos Plethon und El Greco, der eigentlich Theotokopoulos hieß, den Geist der Freiheit, angereichert mit deutlichen neoheidnischen Tendenzen, in der philosophischen Gestalt des Neoplatonismus nach Westeuropa brachten; in der Aufklärung, als das hochgebildete und weltlich asketische, smarte, aber politisch im Europa der Dreiständegesellschaft machtlose britische, niederländische und deutsche Bürgertum nach Nordamerika emigrierte und dort gleichsam from scratch, auf dem Reißbrett einen neuen, auf Perfektion angelegten Staat schuf, der explizit und zum ersten Mal in der Geschichte des Christentums nicht auf eine fiktionale, im Jenseits und in unbestimmter räumlicher und zeitlicher Ferner liegende civitas Dei, sondern auf eine ganz und gar diesseitige, reale und als realisierbar angenommene vollkommene beziehungsweise auf Vollkommenheit angelegte civitas terrena konzipiert war; und schließlich im Zeitalter der Weltkriege, als erst, unter dem darob stets etwas schwermütig dreinschauenden Woodrow Wilson, vergeblich, dann, unter dem ewig strahlenden Franklin D. Roosevelt, erfolgreich der Versuch unternommen wurde, diesen neuen europäischen Geist, der nun ein amerikanischer war, nach Europa zu reimportieren.
In diesen drei Schritten vollzog sich die schmerzhafte, mühevolle Abnabelung Europas vom brutalen, zwingenden und bezwingenden Diktat einer Religion, die sich den Corpus eines zu Tode Gefolterten als Signum und dieses Signum zur Signatur ihrer Zeit auserkoren. Es war ein langer Weg von der Unbeschwertheit einer Epoche, in der überlebensgroße Phalloi, nackte, eingeölte Knabenkörper und explizite Darstellungen von Sexualität den öffentlichen Raum dominierten, über ein zweitausend Jahre währendes Äon, in dem das Sexuelle an sich offiziell unter Strafe stand und dessen geistlicher Leitfigur man auf den frühen Konzilien bereits seine Menschlichkeit ab- und dafür eine abstrakte Göttlichkeit zusprach (die stark in der Antike verwurzelt bleibende Orthodoxie wich hiervon stellenweise ab, so im Filioque-Streit, der schließlich zum Schisma von 1054 führte), um auch nur die Möglichkeit sexueller Attributionen zu dieser Leitfigur kategorisch auszuschließen (denn ein Christus, der Gott ist im Sinne des “alten Mannes mit weißem Bart” – und dies ist ja nun die christliche Gottesvorstellung –, kann unmöglich sexuell aktiv sein), bis hin zu einer wiederum unbeschwerten Zeit, in der man nicht nur die physikalische Schwerkraft durch menschliche und menschengemachte Leistung überwunden, sondern in der es Frauen gestattet ist und von ihnen sogar gewünscht und erwartet wird, sich im öffentlichen Raum als Sexgöttinnen zu zeigen.

Der Siegeszug des Sexuellen, der im Zeitalter des mobilen Internet und des postpostmodernen Show- und Filmbusiness so selbstverständlich und allgegenwärtig geworden, dass niemand mehr ernsthaft sich darüber aufregt, markiert einschlägig die Überwindung des Christentums und damit auch des Monotheismus als Dogma, als Glaubensinhalt (als Denkinhalt ist das Christentum, gleich allem, was jemals auf diesem Planeten von einem denkenden Wesen ge- und erdacht wurde, potenziell unsterblich). Den Prozess dieses Sieges des Sexuellen und der Überwindung des Monotheismus in Europa lesen wir als Progress, als historisches Voranschreiten des Individualismus.

Was den Ordinalismus angeht, die andere Konstante, so ließe sich mit einigem Recht behaupten, er nun sei im Monotheismus ja gut aufgehoben gewesen und werde seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Übermacht, mit der der Individualismus sich nunmehr entfalte, erdrückt und aus dem europäischen Geiste ausgestrichen. Diese Annahme aber, so naheliegend sie auch sein mag, ist falsch. Der Ordinalismus, das Reichs- und Ordnungsdenken, hat dieselben historischen Wurzeln wie der Individualismus. Auch er kam, wie die Ideen der persönlichen Freiheit, die Verehrung von Venus und Adonis usw. usw., aus dem europäischen Osten, dem Orient nach Griechenland, von wo er sich zuerst in einer Gegenbewegung über den Orient selbst (unter Alexander nämlich), und dann, im Anschluss, im Wege der politischen Aufsaugung der griechischen Welt durch das römische Imperium, über das westliche Mittelmeer hinweg ausbreitete, was dazu führte, dass es keine genuine römische Kultur gab, sondern Rom im Grunde in der Nachahmung des griechischen Vorbilds verharrte (man kann weitergehen und darauf hinweisen, dass das Wort „Rom“ dem griechischen Wort „rhomé“, die Kraft, entspricht, und dass die Römer ein westkleinasiatischer Volksstamm waren, der ein dem Griechischen verwandtes beziehungsweise diesem entstammendes Idiom sprach, sich vorzeitig auf der Apenninenhalbinsel niederließ, sich dort mit den autochthonen Etruskern vermischte und, indem sie später Griechenland unterwarfen, im Grunde ihre eigene Heimat heim in ihr Reich holten –). Freiheit und Freizügigkeit des Einzelnen standen in der europäischen Vererbungslinie stets in Korrespondenz mit Mächtigkeit und Stabilität des Ganzen.

Anders als der Individualismus ist der Ordnungsgedanke freilich nicht mit Aufkommen des Christentums aus dem europäischen Zusammenhang verbannt worden. Als sich Kaiser Konstantin im frühen vierten Jahrhundert nach Jesu Tod dazu entschloss, das Christentum politisch und juristisch zu legitimieren (Toleranzedikt von Mailand 313), verfolgte er damit genau jenen Stabilitätsplan, der das Wesen des Römischen Imperiums ausmachte und der durch die Entwicklungen der vorangegangenen dreihundert Jahre beschädigt worden war. Das Christentum wurde im Römischen Reich und seinen Nachfolgestaaten bewusst als Ordnungsmittel eingesetzt; wirklich wirksam war es aber nur im westlichen Teil, der seit der Völkerwanderung von neu hinzugezogenen germanischen Stämmen besiedelt wurde, die aus der asiatischen Steppe kamen und über Osteuropa und das Schwarzmeerbecken langsam Richtung Westen gezogen waren. Das Christentum im Ostteil des Römischen Reiches, also vom heutigen Jugoslawien bis nach Syrien und dem Irak, hatte bereits zu Anfang eine ganz andere Prägung, war lebensbejahender, weltoffener, „heidnischer“ und somit anfällig für ideologische Störungen. Eine solche ideologische Störung trat ein mit dem Aufkommen des islamischen Glaubens, der im mittleren siebten Jahrhundert aus der arabischen Halbinsel in die durch die Justinianische Pest entvölkerte Levante wanderte und sich dort mit rasender Geschwindigkeit ausbreitete.

Der Islam war dort erfolgreich, wo er sich als die attraktivere Ordnungsmacht als das Christentum darstellen und etablieren konnte; was freilich zugleich jene Gegenden waren, die aufgrund ihrer tieferen Verwurzelung im heidnischen, antiken heroischen Individualismus das Christentum längst nicht so nötig hatten wie andere. Das Christentum nämlich blieb ausgerechnet siegreich in Gegenden, die nicht eigentlich zum antiken griechisch-römischen Kosmos gehört hatten, so in Gallien und Germanien; in denen es keine Erinnerung an den alten Individualismus, die alte Freiheit gab und deren Bevölkerung schon von Hause aus zu „hart“ war, zu abgehärtet dem Leben gegenüber, als dass sie des Islam als Schubkraft und Regulierungsmacht noch bedurft hätte. Im östlichen Mittelmeer, das kulturell seit den Tagen Alexanders des Großen ein griechisches Mittelmeer war (und dies bis auf Kavafis, den 1863 in Alexandrien geboren Sohn griechischer Kaufleute, in gewisser Weise blieb), wurde das Christentum wohl als Glaubensinhalt (mit, wir bemerkten es bereits, stärkeren heidnischen Zügen als im Westen: so ist die heroisch-weltliche, auch erotisch aufgeladene Gestalt des Christus Pantokrator im lateinischen Westen, in dem man Jesus nach und nach mit bewusst weiblichen, “passiven” Zügen darstellte, unbekannt), nicht aber als autoritative Kraft in demselben Maße anerkannt wie im Westen – eine religiös liberale Haltung, die freilich eben auch dem Einfall des Islam die Tore öffnete.

Das Papsttum, das seine Sonderstellung daraus ableitete, dass es das westlichste und eo ipso für den gesamten Westen zuständige Patriarchat war, konnte sich in der Levante, in der weitere vier Patriarchate bestanden, nie etablieren. Das Kaisertum Karls des Großen, dessen Entstehung man in der Wissenschaft gern den Nöten zuschreibt, die Papst Leo III. mit dem römischen Patriziat hatte, kam in Wahrheit zustande, weil der Westen sich nur dadurch vor einer drohenden islamischen Landnahme schützen zu können meinte, indem er seinen eigenen Hinterhof, Italien, dessen territoriale Spitze direkt die islamisch-arabische Welt berührte, in Besitz nahm und dort eine Herrschaft installierte, die einerseits die klassische, römische Herrschaftsform, das Kaisertum, reminiszierte, aber die zugleich aufgeladen war mit der Erinnerung an die alte kaiserlicher Beschützerfunktion über Italien, die sich in dem Titel „rex Langobadorum“ ausdrückte. Man darf im Kontext der Errichtung des fränkischen Römischen Reiches durch Karl den Großen niemals vergessen, dass Karl der Enkel Karl Martells war; dass er nur fünfzehn Jahre, ein halbes Menschenalter, nach der Schlacht bei Tours und Poitiers geboren wurde und dass die arabische Bedrohung durch den Abwehrerfolg seines Großvaters keineswegs gebannt war. Es ging bei der Erhebung des fränkischen Königs Karl nicht um den Schutz des schwächlichen Papstes Leo III. vor marodierenden römischen Stadtadligen, und es ging auch nicht darum, dem byzantinischen Kaisertum, das zu dem Zeitpunkt in den Händen der athenischen Irene lag und darum als vakant galt, eins auszuwischen; sondern es ging darum, Europa, das Abendland beziehungsweise sein fränkisches Hinterland gegen eine drohende Islamisierung zu verteidigen.

Auch dieses Imperium Romanum, späterhin bekannt unter seinem Vulgärnamen „römisch-deutsches Reich“, erfüllte also die klassische Ordinalfunktion, die die großen orientalisch-europäischen Reiche von Assur bis zum Alten Rom erfüllt hatten. Freilich fällt auf, dass die östliche Grenze dieses Ordnungsreiches sich immer mehr nach Westen verschob, während der Islam unter den Kalifen, die sich als direkte, geistliche und weltliche, Rechtsnachfolger Mohammeds des Propheten verstanden, die Lücke füllte, die zwischen dem – nunmehr sich überhaupt erst als solchen verstehenden – Westen und Fernost, also dem chinesisch-indisch-japanischen Komplex aufklaffte. Dieses Gebiet zwischen eurasischer Steppe und Persischem Golf, zwischen Sibirien und Indischem Ozean, dieses Herzland des Alexanderreiches bezeichnet Zbiginiew Brzezinski als Eurasian Balkans, als den Balkan Eurasiens. Er spannt in Ostwestrichtung sich auf vom usbekischen Samarkand, dem alten Marakanda, Alexanders östlichstem Vorposten, im Osten, und Mazedonien, Alexanders altem Stammland, im Westen. Die Kernzelle der islamischen Welt und zugleich der Pivot der Weltpolitik, der Angelpunkt also, um den herum sich auf der Weltkarte die Potenzen Westen hier und China-Indien dort gruppieren, fällt zusammen mit dem Reich, das Alexander von Makedonien zwischen 334 und 323 vor Christus erobert hat. Wenn der Westen um die Erhaltung des Orients kämpft, dann kämpft er unbewusst – und freilich aus gewandelten aktuellen Motivationen – um die Erhaltung des alexandrinischen Erbes.

Seit dem siebten Jahrhundert also, in dem mit der islamischen Expansion und der bulgarischen Landnahme auf dem Balkan gleichsam die beiden Urkatastrophen der nachklassischen Europäität stattfanden, hat sich die Ostgrenze des europäischen Ordnungsreiches, das ursprünglich ein eurasisches war, immer mehr nach Westen verschoben. Unter Herakleios, dem großen byzantinischen Kaiser zur Zeit Mohammeds, waren Syrien und Ägypten die Vorposten des Christentums und damit Europas; zur Zeit Luthers, etwa neunhundert Jahre später, war es Kroatien, dem der Papst den Ehrentitel antemurale cristianitatis, Vorwerk der Christenheit, verlieh, und selbst dieses Vorwerk war nicht hundertprozentig belastbar, wie die beiden türkischen Vorstöße auf Wien zeigten. Jedoch: seit dem Jahr 1700 kehrt sich die Richtung, in der die Ostgrenze Europas sich verschiebt, um. Im Jahr 1699 schließen Kaiser und Sultan im serbischen Karlowitz einen Frieden, der den Wendepunkt in der Geschichte der islamischen Expansion markiert. Fünfundsiebzig Jahre später kommt es, bei Kücük- Kaynarca, zu einem ähnlichen Friedensschluss, doch diesmal wird der Westen nicht vom Römischen Kaiser in Wien repräsentiert, sondern von der Russischen Kaiserin Katharina. In dem Dreivierteljahrhundert, das zwischen Karlowitz und Kücük-Kaynarca liegt, hat sich das Russische Reich als neuer Faktor innerhalb des europäischen Ordnungsgefüges erst vorgestellt, nämlich am Abschluss des Nordischen Krieges, der im Windschatten des Spanischen Erbfolgekrieges vorwiegend zwischen Schweden und Russland stattgefunden und bei dessen Friedensschluss der Zar, Peter I., erstmals den Kaisertitel für sich reklamierte; und schließlich etabliert: dies auf dem Separatfrieden, den im Jahr 1762 Kaiser Peter III., Enkel des ersten Peter, mit Friedrich II. von Preußen schließt und der von seiner Witwe Katharina im selben Jahr bestätigt wird. Seit dem achtzehnten Jahrhundert wird Europa gegenüber der islamischen Welt nicht mehr vom Römischen Kaiser deutscher Nation, sondern vom Kaiser von Russland vertreten.

Man neigt, insbesondere in Deutschland, dazu, diese historisch gewachsenen und etablierten Tatsachen angesichts der jüngeren politischen Vorgänge zu vergessen beziehungsweise nicht ausreichend zu würdigen. Russlands geopolitisches Selbstbewusstsein rührt aus der Vertreterrolle gegenüber dem islamischen Reich, die ihm in den erwähnten fünfundsiebzig Jahren auf höchst natürliche Weise, nämlich sich ergebend aus den weltpolitischen Vorgängen zwischen Spanischem Erbfolgekrieg und Siebenjährigem Krieg, zuwuchs und zufiel. Das Ziel der russischen Politik war nie der Vormarsch nach Zentraleuropa und die Inbesitznahme Berlins, wie man es in Deutschland aufgrund der Erfahrungen des Kalten Krieges und der deutschen Teilung glauben mag; sondern der Vormarsch auf Konstantinopel und die Etablierung eines neuen, christlichen, und das heißt in der Sprache und im Denken des einundzwanzigsten Jahrhunderts: eines religiös neutralen, aber mit den Werten und Überzeugungen des Westens ausgestatteten Großreiches zwischen Mazedonien und Usbekistan.

Die Preisgabe Ostmitteleuropas an die Armeen Stalins, beschlossen auf den interalliierten Konferenzen von Teheran bis Jalta 1943 bis 1945, ergab sich nicht nur aus der dira necessitas der Westalliierten, Deutschland von Osten her durch einen Dritten erobern lassen zu müssen, da hierzu die Kräfte und strategischen Möglichkeiten selbst der reichen USA und Großbritanniens nicht ausreichten (es gab im britischen Hauptquartier in den Vierzigerjahren in der Tat Überlegungen, im Alleingang eine zweite Front quer durch Osteuropa aufzuziehen, die von Jugoslawien über Österreich und die Slowakei nach Polen verlaufen wäre und einen russischen Vormarsch über weißrussisches Territorium hinaus erübrigt hätte; treibende Kraft dieser Erwägungen war natürlich die antikommunistisch ausgerichtete und großpolnisch denkenden polnische Exilregierung unter Wladyslaw Sikorski, die hiermit beim Geopolitiker Churchill, der sich ein starkes Polen, oder eben ein starkes Deutschland, als antibolschewistische Puffermacht in Mitteleuropa wünschte, freilich durchaus und über lange Zeit auf Verständnis stieß); sie ergab sich insbesondere aus dem Kalkül der USA, Stalin gleichsam Osteuropa, in dem bis dahin die westlichen Traditionen fest verankert waren (Schlesien, Böhmen und Ungarn waren Zentren der Renaissance), als Tauschobjekt für den Orient anzudrehen.

Die kontinentalen Westmächte schlossen sich diesem Kalkül nicht aus Überzeugung an, sondern aus purer Not, Churchill insbesondere nur mit großem Zähneknirschen; am meisten unzufrieden mit diesem Tausch freilich war Stalin selbst. Russland hatte als Besatzermacht in Mitteleuropa 1945 so wenig etwas zu suchen, wie das Deutsche Reich 1914 etwas in Paris oder Lyon verloren gehabt hätte. Osteuropa und Mitteldeutschland kamen an Russland als speergeworfenes Land, das man, einmal in Besitz genommen, wenigstens vorläufig halten musste. Die Stalinnoten aus dem Jahr 1952 waren deshalb auch nicht die hinterlistig-satanische Finte des Gewaltmenschen Stalin, für die sie die westliche Historiographie selbstverständlich nimmt, sondern vielmehr das Angebot einer militärischen Neutralisierung Mitteleuropas, die Russland umso willkommener gewesen wäre, als es dann nämlich seine Aktivitäten im Orient hätte ausbauen können, den ihm nach 1945, beginnend mit dem griechischen Bürgerkrieg 1944, kulminierend mit der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 und abschließend mit der Rezipierung sowohl Griechenlands, als auch der Türkei in die NATO – und zwar eben im schicksalhaften Jahr 1952, und gerade einmal einen Monat vor Bekanntmachung der Stalinnoten! –, die USA vor der Nase weggeschnappt hatten. Berlin und Mitteldeutschland waren der ungewollte Köder, den Hitler, ob absichtsvoll oder nicht, gleichsam im Wege einer Geschäftsführung ohne Auftrag für die USA den Russen hinlegte, den diese dann, da sie ihn nun einmal schlucken mussten, um selber nicht unterzugehen, fürs erste nicht mehr herauswürgen konnten. Vom Orient aber, ihrer alten target range seit Kücük-Kaynarca, seit 1774, waren sie abgelenkt, allein schon wegen des ungeheuren militärischen Aufwands, den sie die Administration der unterworfenen und anschließend in Satellitenstaaten umgewandelten Länder zwischen Lemberg und Fulda kostete und dessen Kosten sie, anders als die USA, denen mit England und Frankreich zwei wirtschaftlich nicht gleichrangige, aber ebenbürtige Partner zur Seite standen, auf russischen Schultern allein lastete. Der Orient war nach 1952 für die nächsten fünfzig Jahre dem russischen Zugriff entzogen, und es waren die Amerikaner selbst, war Brzezinski, ausgerechnet, der Russland durch das Kuckucksei, das er ihm mit Afghanistan ins Nest zu legen meinte, im Orient überhaupt erst wieder auf den Plan rief.

Russland träumt vom Orient. Schon im alten Griechenland kannte man den Mythos der Hyperboreer, also derer, die „jenseits des Nordens“ wohnen und bei denen ewige Ruhe und Wohlgefallen herrsche. Zweitausend Jahre später, um das Jahr 1700, wurde im griechischen Kulturraum, zwischen Rumänien, das damals Walachei hieß, und Ionien, der heutigen türkischen Westküste, der Mythos des Agathangelos populär, eine angeblich aus dem dreizehnten Jahrhundert stammende Prophetie über die Wiederauferstehung alter griechischer Größe und den Untergang der islamischen Macht. Tatsächlich handelte es sich dabei wohl um eine Fälschung, die der griechische Geistliche und Gelehrte Theoklet Polyeides gezielt in Umlauf brachte, um Stimmung zu machen für eine Invasion der russischen Glaubensbrüder in osmanisches Territorium. Der Agathangelos, was wörtlich „der gute Bote“ bedeutet, schuf im achtzehnten Jahrhundert die geistigen Voraussetzungen, die dann im neunzehnten zum griechischen Befreiungskrieg und schließlich zum beinahe vollständigen Rückzug des osmanischen Reiches vom europäischen Festland führten.

Es ist natürlich kein Zufall, dass der Agathangelos just in dem historischen Augenblick populär wurde, als Zar Peter durch sein Eingreifen in den dritten Nordischen Krieg die militärischen und diplomatischen Voraussetzungen schuf für Russlands Großmachtstellung. Über die selbstherrliche, aber nach und nach von den übrigen europäischen Mächten anerkannte Aneignung des Kaisertitels auf dem Frieden zu Nystad in Finnland 1721 sprachen wir bereits. Die spätere Frontstellung zwischen Ost und West, die im Spanischen Erbfolgekrieg, an dem Russland nicht beteiligt war, noch keine Rolle spielte, wurde 1748 antizipiert, als Kaiserin Elisabeth, Tochter und Erbin Peters des Großen, androhte, eine Interventionsarmee an den Rhein zu entsenden, würde Frankreich nicht sein Heer, das unter dem Marschall von Sachsen den Österreichern und damit dem Reich eine Niederlage nach der anderen zugefügt hatte, nicht zurückziehen. Der Friede von Aachen, mit dem im selben Jahr und also unter diesem Druck Russlands der Krieg um die österreichische Erbfolge zuende ging, galt der öffentlichen Meinung in Frankreich, das alle seine Eroberungen in den österreichischen Niederlanden und am Rhein zurückgeben musste, als die größte Schmach des Landes.

Wirkte die elisabethanische Außenpolitik mehr nach Westen hin, in die europäische Halbinsel hinein, so schwenkte Elisabeths Schwiegertochter und Nachnachfolgerin Sophie Friederike von Anhalt-Zerbst wieder in die alte, angestammte geographische Richtung, die seit der Hochzeit der Anna von Byzanz mit dem Großfürsten Wladimir im zehnten Jahrhundert die russische Außenpolitik (die damals noch eine ukrainische war) bestimmte. Katharinas der Großen großes Projekt war der Orient, während die Inbesitznahme des Landes an der Weichsel, sanktioniert durch den ersten Vertrag über die polnische Teilung 1772 mit Österreich, das hier als Erzherzogtum agierte (die neuerworbenen polnischen Gebiete wurden nicht Teil des Reiches, das gleiche galt für die Gebietsgewinne Preußens), und Preußen, vorwiegend der Absicherung gegen die kommende Großmacht an der Westgrenze, Preußen nämlich, diente, das man, genauer: ihr 1762 entmachteter und ermordeter Mann Peter (III.), ja selber großgezogen hatte (1762 fand nach dem Tod der Kaiserin Elisabeth im Januar ein Seitenwechsel Russlands statt, der dem König von Preußen die Haut und sein Reich rettete und zugleich das Fundament legte, die conditio sine qua non herstellte für den Fortgang, den die europäische und im weiteren Sinne die Weltgeschichte in den kommenden Jahrhunderten nahm). Insbesondere aber diente das Vorgehen gegen en polnischen Staat, dessen König Stanislaw II. nicht über den internationalen Rückhalt verfügte wie seine beiden Wettinischen Vorgänger, der zweite und der dritte August, der Absicherung gegen die Türken, die nach der Verausgabung Russlands im Siebenjährigen Krieg Morgenluft witterten und die immer noch den südlichen Teil der Ukraine und das alte Gebiet der Krimgoten am Schwarzen Meer, ein ehemaliges byzantinisches Exarchat und griechisch besiedelt seit dem Altertum, in Besitz hatten. Die Konföderation von Bar, geschlossen 1768 von oppositionellen polnischen Aristokraten zu Stärkung der polnischen Nationalidentität, hatte eine klare proosmanische Tendenz und führte somit mittelbar nicht nur zum fünften russischen Türkenkrieg, der im selben Jahr ausbrach, sondern auch zur ersten polnischen Teilung, die 1772 vollzogen wurde.

Russland, diese Kopfgeburt der moskowitischen Großfürsten, des Hauses Romanow und dann dessen westeuropäischer Nebenlinien, sprang im achtzehnten Jahrhundert in die Bresche, die aufklaffte zwischen der alten Ostgrenze des Römischen Imperiums, die auf der Linie vom Kaspischen Meer durch den Irak und Syrien bis hinunter an den Persischen Golf verlief, und der neuen Ostgrenze des lateinischen Westeuropa, die zusammenfiel mit den östlichen Grenzen der habsburgischen Erblande und die auf einer Linie von der Slowakei bis nach Dalmatien verlief. Dabei verfehlte es freilich die eigentliche Region seiner Ausbreitung: statt im Orient vorzudringen und das pivotale Konstantinopel einzunehmen, was zwischen 1770 und 1915 fünfmal versucht wurde und fünfmal nicht gelang, ließ es sich nach dem peninsularen Europa, dem Westzipfel Eurasiens statt seinem Bauch, ablenken. Die Ablenkung begann 1772 mit der ersten polnischen Teilung, die tatsächlich die spätere polnische Westverschiebung präjudizierte, sie wurde festgeschrieben auf dem Wiener Kongress, manifestiert durch die Niederschlagung wiederholter polnischer Aufstände zwischen 1830 und 1863, kurz unterbrochen durch die Zeit zwischen den Weltkriegen 1918 bis 1939, als die Sowjetunion Marschall Pilsudski im russo-polnischen Krieg unterlag, sich aus der großen europäischen Politik heraushielt und alle ihre Kräfte auf die innere Formgebung lenkte, und dann wiederum fortgeschrieben und dabei in ungekannte Extreme getrieben durch den Vormarsch der Roten Armee bis vor Fulda 1945, die Einrichtung einer sowjetischen Besatzungszone auf dem Gebiet des alten deutschen Reiches und die Gründung des Warschauer Paktes 1955.

Russland hat diese Ablenkung seiner geopolitischen Stoßrichtung in einer für das Land typischen Mischung aus Fatalismus und Entschlossenheit in Kauf genommen, wie es die „siebzig verlorenen Jahre“ der Sowjetherrschaft im Innern in Kauf nahm, die indessen kein anderes Ziel hatten und zu keinem anderen Ergebnis führten als dazu, dass es zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt so etwas wie eine Gesellschaft im modernen europäischen Sinne auf russischem Territorium gab; aber Russland hat, auch zu Sowjetzeiten, niemals diese seine eigentliche geopolitische Stoßrichtung, die eurasische Steppe nämlich, the Eurasian Balkans, das alte Alexanderreich von Makedonien und Thrakien bis nach Usbekistan, aus dem Auge verloren, und genau dies war der Gedanke, der hinter Gorbatschows Konzept von Glasnost und Perestroika stand und den zehn Jahre nach der Deklaration der Auflösung der schwerfällig und unzeitgemäß gewordenen Sowjetunion Gorbatschows Nachnachfolger Putin pünktlich im Jahr des elften September wieder aufnahm und fortspann. –

Wir sind bei der Erörterung der Rolle Russlands als „neuer“ europäischer Ordnungsmacht abgekommen von der Beschreibung der Traditionslinien des Ordinalismus. Wir behaupten, dass der Ordinalismus in derselben freiheitlichen und antiklerikalen Vererbungslinie stehe wie der Individualismus; dass der militante Heroismus des griechisch-römischen Weltbildes und die gleichzeitige Begeisterung am Sexuellen und damit pars pro toto am grenzenlosen, ausschweifenden Vollzug der Individualität des Einzelnen zwei Seiten derselben Münze seien. Diese Behauptung unterstellt freilich zugleich, dass das zweitausendjährige Äon der Herrschaft des Christentums über Geist, Seele und Körper eine, obzwar notwendige, Brückenepoche darstellt, die das zwanzigste Jahrhundert in der ersten Welt glücklich überwunden hat. Tatsächlich besitzt das Christentum strenger Observanz in der Ersten Welt nur mehr antiquarische Geltung; geprägt sind „wir“ von keinem Katechismus, sondern von Vertreterinnen und Vertretern des heroischen, freiheitlichen und dabei nach Ordnung verlangenden und unter Anstrengungen und Opfern herstellenden Individualismus, der das historische Erbteil Eurasiens ist, von Jesus von Nazareth bis Madonna (i.e. M. Louise Veronica Ciccone), und dies waren auch, wofür sie sich allesamt den Vorwurf des Sakrilegs zuzogen, je schon die großen Gestalter der europäischen Ordnung auch in früherer Zeit. Gleich zweimal wurde der staufische Kaiser Federico Secondo di Puglia, der mit dem ayyubidischen Kalifen den Frieden von Jaffa schloss, als König in Jerusalem das Haupt unter dem Türbogen zur Grabeskapelle neigte und seine Tochter Konstanze, die den Namen ihrer sizilianischen Großmutter erbte, mit dem griechischen Kaiser Johannes von Nizäa verheiratete, vom Papst mit dem Bann belegt, und sein namens- und nummerngleicher Vetter aus dem dekadenten achtzehnten Jahrhundert, der preußische Friedrich, galt seinen Zeitgenossen nicht minder als Ketzer und Antichrist; Maria Theresia nannte ihn stets nur den „bösen Mann“, Clemens XIII. ließ dem Marschall Fürsten Daun nach dessen Sieg bei Hochkirch 1758 einen geweihten Hut und Degen überreichen, und formell anerkannte der Heilige Stuhl das Markgrafentum Brandenburg als nunmehr preußisches Königreich erst im Jahr 1788, zwei Jahre nach des Großen Königs Tod.

Die endgültige Lösung Europas von der klebrigen Masse der weltlosen und weltfeindlichen konziliaren Dogmatik, die dieses im Anfang so zerbrechliche, von wilden Völkerschaften überflutete Nord- und Westeuropa allerdings tausend Jahre lang zusammengehalten hatte, gelang freilich erst, indem das alte atlantische Projekt gelang: die Transposition Europas auf den anderen Kontinent jenseits des atlantischen Ozeans, mit der Erschaffung des nordamerikanischen Staates. Das heutige Amerika vereint Individualismus und Ordinalismus, vereint Popkultur und Heroismus, Sex und Militarismus, den Kult der Venus und den Kult des Mars in einer Weise wie sonst nur – Russland. Beiden Ländern gemein, dass sie nie durch den Katholizismus, durch „Rom“, i.e.: durch das Diktat des Glaubens und der (monotheistischen) Religion, geprägt wurden. Das Rom, worauf beide sich de facto berufen, ist in Wahrheit nicht jenes Rom mit seiner Peterskirche und seinen augusteischen Ruinen, ist überhaupt nicht eine einzelne Stadt, sondern deren zwei: hier Athen (Washington), dort Konstantinopel (St. Petersburg). Washington ist das protestantische, Sankt Petersburg das griechisch-orthodoxe Rom, „griechisch“ beide in dem Sinne, dass beide Traditionen Geschöpfe der Renaissance sind, beide aus jener geistigen translatio imperii schöpfen, die sich zwischen 1453, dem Jahr des Falls Konstantinopels, und 1789, dem Jahr des Inkrafttretens der US-amerikanischen Verfassung, vollzog.

Nordamerika und Russland sind beide unangekränkelt vom weltverleugnenden, kraftlosen und lebenshemmenden Erbe des römischen Katholizismus, beide speisen sie sich aus dem Bewusstsein einer weltgeschichtlichen Mission, die nicht gedacht werden kann ohne einen extremen Freiheits- und Entfaltungswillen, nicht gedacht werden kann ohne eine tiefe Affirmativität gegenüber dem Leben. Beider geistiges Mutterland ist der Orient, ist das alte ägyptisch-phönizisch-persische Dreieck, die alexandrinische Welt mit ihrer geistlichen Tradition von der abrahamitischen Mythe bis zur Kontemplation der Stiliten, diese Welt, die durch den hellenistischen Imperialismus ihre ganzheitliche politische und kulturelle Gestalt verliehen bekam und die ausstrahlte in die Erste Welt, die – politisch, nicht wirtschaftlich –die USA und Russland gemeinsam bilden. Beider größter Feind ist der Islam, das Produkt Arabiens, der Halbinsel, die Alexander nicht mehr erobert hat und die darum unberührt blieb vom griechischen Individualismus und vom griechischen Ordnungswillen. Beide, die USA und Russland, sind laizistische, aufgeklärte und antireligiöse Staaten; beider größter Feind aber, der seine Fühler nach ihrem gemeinsamen orientalischen Mutterland ausstreckt, ist zugleich der Inbegriff von Religiosität, ist die Offenbarung Mohammeds, ist der Islam.

Header: Die Häupter der freien (= heroisch-individualistischen) Welt zu Besuch im Herzen des alexandrinischen Orient. Stalin und Rossevelt auf der Konferenz von Teheran. November/Dezember 1943. Quelle: Wikimedia Commons.