Die Dritte Flandernschlacht

Selten hat sich Geschichte so oft wiederholt wie im Ersten Weltkrieg. Die Soldaten im Westen, sofern sie überlebten, kehrten immer wieder zu ihren Schlachtfeldern zurück. im Frühjahr 1917 waren dies der Pas-de-Calais und die Champagne gewesen. Im Sommer wurde es Flandern. Dort hatten sich Deutsche und Franzosen im Herbst 1914 einst den „Wettlauf zum Meer“ geliefert, um sich schließlich einzugraben und im bitteren Stellungskrieg zu verharren.

In Flandern wollten die Briten 1917 den Krieg beenden

Hier wollte Marschall Haig mit seinen Tommies nun den Durchbruch schaffen. Die letzte Großoffensive der Briten war 1915/16 vor Gallipoli auf der Chersonnes kläglich gescheitert, die Sommeschlacht 1916 war mehr ein Entlastungsangriff als eine eigenständige Offensive. In Flandern aber wollte die britische Heeresführung nun ihr Meisterstück liefern. Nach dem Vorspiel von Arras (April) und Messines (Mai/Juni) gingen am 31. Juli zwei britische Armeen auf breiter Front zum Angriff über, unterstützt von der französischen 1. Armee. Ihnen gegenüber lag die 4. deutsche Armee. Ziel der Briten war zuerst einmal, den Zugang zu den deutschen U-Boothäfen an der belgischen Küste abzuschneiden. Seit Monaten tobte in den Weltmeeren der uneingeschränkte U-Bootkrieg, mit dem sich die OHL aus den Fesseln der englischen Hungerblockade befreien wollte. In Reaktion hierauf waren die USA in den Krieg gegen die Mittelmächte eingetreten – das gab der Entente zusätzlichen Auftrieb, konnte sie nun doch hoffen, bald frische Truppen aus Übersee an ihrer Seite zu haben.

3000 Geschütze nahmen die deutschen Gräben unter massives Feuer, mittlerweile ein eingespieltes Ritual. Dann ging es los. Die angreifenden Infanteristen wurden von Maschinengewehrgarben empfangen, die Deutschen wehrten sich mit allen Mitteln, erstmals auch mit Senfgas, das nicht nur die Lunge schädigte, sondern auch die Haut furchtbar verätzte. Die 22 Mark IV-Panzer, der Stolz der britischen Rüstungsindustrie, kamen nur schwerfällig voran, etliche blieben in den unzähligen Granattrichtern stecken, mit denen das Schlachtfeld übersät war. Um Langemarck wurde, wie schon 1914 heftig gerungen, doch diesmal lagen hier keine unausgebildeten Abiturienten, sondern abgehärtete Frontschweine mit drei Jahren Fronterfahrung, die nichts mehr aus der Ruhe brachte.

Die Briten hatten alles gegeben, doch es war nicht genug

Haig wechselte seine Befehlshaber aus und ließ auf Poelkapelle vorrücken. Seine Männer nahmen das Dorf im Nordosten von Ypern unter schwersten Verlusten, doch es reichte nicht. Paschendaele, ein Flecken ein paar Kilometer weiter östlich, hieß das Ziel. Hier wollte Haig die Entscheidung erzwingen. Mitte Oktober begann hier das furchtbarste Gemetzel in der Geschichte des britischen Heeres nach der Somme.  Truppen aus Kanada, Australien und Neuseeland gaben alles für ihr Empire. Die erste Offensive wurde abgeschlagen, Ende Oktober folgte die zweite. Die Deutschen unter ihrem General Sixt v. Arnim – bald hieß er nur noch „Der Löwe von Flandern“ wehrten sich erbittert, doch am Ende waren die Kanadier siegreich. Paschendaele fiel. Doch es war ein teuer erkaufter Sieg. 16.000 Mann kostete die Einnahme des flämischen Dorfes. Und die deutsche Siegfriedlinie hielt noch immer. Die Briten hatten alles gegeben, doch es war immer noch nicht genug. Am 10. November stellte Haig die Offensive ein. Nun setzte er alles auf die bevorstehende Panzerschlacht, die er den Deutschen bei Cambrai liefern wollte Sie sollte den Übergang vom infanteristischen Stellungs- zum motorisierten Bewegungskrieg bringen.

Der junge Leutnant Ernst Jünger erlebte die Dritte Flandernschlacht, das das Jahr 1917 an der Westfront dominierte, als Führer eines Spähtrupps. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Da wir unsere Aufgabe als Späher mit Eifer betrieben, kamen wir oft an Orte, die eben noch unbeschreitbar gewesen waren. So taten wir einen Einblick in das Verborgene, das auf dem Schlachtfeld geschah. Überall stießen wir auf die Spuren des Todes; es war fast, als hause keine lebende Seele in dieser Wüste mehr. Hier lag hinter einer zerzausten Hecke ein Gruppe, die Körper noch von der frischen Erde bedeckt, die nach dem Einschlag auf sie heruntergerieselt war; dort waren zwei Meldeläufer neben einem Trichter, aus dem noch der stickige Dunst der Sprenggase schwelte, zu Boden gestreckt. An einer anderen Stelle fanden wir viele Leichen auf einer kleinen Fläche verstreut: ein in den Mittelpunkt eines Feuerwirbels geratener Trägertrupp oder ein verirrter Reservezug, der hier sein Ende gefunden hatte. Wir tauchten auf, umfassten die Geheimnisse dieser tödlichen Winkel mit einem Blick und verschwanden wieder im Rauch.“

Mythos Paschendaele

In England ist Paschendaele bis heute ein Mythos. Es war das letzte große Blutvergießen an der Westfront. 500.000 Mann, Deutsche und Briten, wurden verwundet, erkrankten oder blieben vermisst. 80.000 starben in der Schlacht, auf den Mohnfeldern Flanderns, die so ungeheures Leid sahen.

 

Der Text erschien 2014 in Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (München: Piper). © Konstantin Sakkas, 2014. Header: Schlussszene aus Blackadder, SE04E06 “Goodbyeee”, BBC 1989: Tim McInnerny, Hugh Laurie, Rowan Atkinson, Tony Ronbinson.

Der Kriegseintritt der USA

Der Eintritt der USA entschied den Ersten Weltkrieg. Schon zur Jahrhundertwende waren die Vereinigten Staaten die stärkste Wirtschaftsmacht der Erde. Anders als in Europa, wo der Feudalismus auch lange nach der Französischen Revolution 1789 intakt blieb, herrschten in den USA Liberalismus und Demokratie. Dies sorgte, gemeinsam mit den reichen Ressourcen des Landes, für ein beispielloses Wirtschaftswachstum im 19. Jahrhundert, insbesondere nach dem Bürgerkrieg von 1861 bis 1865. In dem „goldenen Zeitalter“ zwischen 1877 und der Jahrhundertwende, das zusätzlich Millionen von Einwanderern aus dem Alten Europa in die Neue Welt führte, wurden die USA zur größten Wirtschaftsmacht der Welt.
Neben den gesellschaftlichen gab es hierfür auch politische Gründe. Seit der „Monroe-Doktrin“ von 1823 verfolgte die amerikanische Politik das Konzept einer strikten Nichteinmischung. In den europäischen Mächtekonstellationen spielten die USA folglich keine Rolle, an den Kriegen auf dem Kontinent zwischen Wiener Kongress (1814) und Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1914) nahmen sie nicht teil, entsprechende Rüstungsausgaben entfielen. Aufgrund dessen konnte Amerika im 19. Jahrhundert gewaltige Überschüsse erzielen.

Fast zwangsläufig stellte sich so zur Jahrhundertwende die Frage, welche internationale Stellung die USA einnehmen sollten. Theodore Roosevelt, der von 1901 bis 1909 Präsident der USA war, vollzog schließlich die offizielle Abkehr von der Monroe-Doktrin, indem er in seinem „Corollarium“ die Schaffung einer US-amerikanischen Hegemonie in der westlichen Hemisphäre als Ziel der amerikanischen Außenpolitik statuierte. Diese Hegemonie sollte nicht durch Eroberungen, sondern durch wirtschaftliche Dominanz erreicht werden.

Bereits im Russisch-Japanischen Krieg von 1905/6 vermittelte Roosevelt zwischen den verfeindeten Parteien. 1913 wurde mit Woodrow Wilson ein Verfechter der traditionellen Nichtintervention Präsident. 1914 war er zunächst darauf bedacht, die USA aus dem Krieg herauszuhalten. Doch Roosevelts Plan war bei den amerikanischen Eliten nach wie vor aktuell.

Als am 7. Mai 1915 das britische Passagierschiff „Lusitania“ durch das deutsche U-Boot U 20 im Rahmen einer Transatlantikfahrt vor Irland versenkt wurde, befanden sich unter den Toten auch 128 US-Bürger. Die USA protestierten scharf, die deutsche Seekriegsleitung schränkte daraufhin den U-Boot-Krieg ein. Künftig durften Passagierschiffe und Frachter nicht mehr ohne Vorwarnung versenkt werden. Das hieß aber zugleich, dass deutsche U-Boote nun gezwungen waren, vor einem Angriff aufzutauchen und das entsprechende Schiff zu durchsuchen. Dadurch verrieten sie zwangsläufig ihren eigenen Standort und machten sich angreifbar. Die Wiedereröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges auf Druck General Ludendorffs im Jahr 1917 entsprang so einem strategischen Dilemma auf deutscher Seite.

Dem Kriegseintritt der USA voraus ging das Scheitern der Friedensbemühungen im Dezember 1916. Wilson hatte allen am Krieg beteiligten Staaten einen Vermittlungsvorschlag zugesandt. Bereits damit verließ er den Kurs der Nichtintervention und stellte eine Doktrin auf, wonach die USA das Selbstbestimmungsrecht der Völker sowie den Ausbau der Demokratisierung der europäischen Staaten durchzusetzen hätten. Er stellte sich und sein Land damit in die Tradition der US-amerikanischen Gründerväter, die an eine historische, göttlich legitimierte Mission der USA als Verbreiter von Fortschritt und Wohlstand in aller Welt glaubten.

Das bedeutete allerdings einen immanenten Widerspruch zum Selbstbestimmungsrecht. In Wahrheit ebneten die USA sich so den Weg zur informellen Hegemonialmacht in der atlantischen Sphäre. Großbritannien, dessen dominierende Stellung dadurch besonders getroffen wurde, opponierte dagegen so wenig wie Frankreich, da beide Länder nach dem Stocken ihrer Offensiven im Westen dringend auf die amerikanische Hilfe angewiesen waren. Deutschland dagegen, dass, solange es nicht besiegt war, nach wie vor die Zentralmacht Europas war, wurde durch diesen Anspruch Amerikas, eine neue Weltordnung („novus ordo seclorum“) einzuführen, vital bedroht.

Der Kriegseintritt Amerikas im April 1917 setzte die deutsche Führung unter enormen Zugzwang. Ab Herbst 1917 setzten die USA Truppen in Frankreich an Land. Bereits im Juni erschien der amerikanische Oberbefehlshaber, General John J. Pershing, am Grabe Lafayettes, jenes französischen Heerführers, der im 18. Jahrhundert den Unabhängigkeitskampf der Amerikaner gegen England unterstützt hatte. Sein Adjutant, Colonel Stanton, sprach die historischen Worte: „Lafayette, nun sind wir da!“

Dieser Text erschien 2014 in Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (Piper: München). Header: Werbungsplakat für die US-Streitkräfte, 1917/18. Quelle: Deutsches Historisches Museum, Berlin. 

8. August 1918 – Der schwarze Tag des deutschen Heeres 

Am 21. März 1918 begann die letzte deutsche Offensive: die „Große Schlacht um Frankreich“. Nach 1916, dem bisher schwersten Jahr des Krieges, hatte sich das Blatt 1917 durch die russische Revolution, den Sieg über Rumänien und das Scheitern der alliierten Offensiven im Westen für Deutschland gewendet. Allerdings waren im selben Jahr die USA auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten. Man rechnete damit, dass 1918 ihre Truppen in voller Stärke auf dem europäischen Festland angekommen würden. Gegen diese Übermacht würde Deutschland keine Chance haben.
Die Oberste Heeresleitung, die längst die faktische Macht im Deutschen Reich ausübte, sah sich unter Zugzwang. Durch den Frieden von Brest-Litowsk, der am 3. März 1918 zwischen Mittelmächten und bolschewistischem Russland geschlossen wurde, wurde eine Million deutsche Soldaten für die Westfront frei. Mit ihnen wollten Hindenburg und Ludendorff eine schnelle Entscheidung herbeizwingen. Ziel war ein Verständigungsfrieden. Es ging nicht mehr um Annexionen, wie sie einst im Septemberprogramm 1914 vor allem von den nationalistischen Alldeutschen lautstark gefordert worden waren, sondern nur noch um die Sicherung Deutschlands als souveräne Macht in Europa.

Keine Woche war seit der Ratifizierung des Brest-Litowsker Friedens vergangen, da gingen zweihundert deutsche Divisionen mit 3,5 Millionen Mann zum Angriff über. „Operation Michael“ war die erste von insgesamt fünf Offensiven im letzten Kriegsjahr. Drei deutsche Armeen griffen an der Aisne an, um einen Keil zwischen Briten und Franzosen zu treiben. Nach großen Anfangserfolgen geriet die Offensive ins Stocken. Nach der vergeblichen Belagerung von Amiens Anfang April wurde sie abgebrochen.

Unmittelbar im Anschluss ließ Ludendorff seine Truppen in Flandern vorrücken. Hier wollte er die britischen Truppen getrennt von ihren französischen Verbündeten zu stellen und zu schlagen. „Operation Georgette“, in deren Verlauf besonders heftig um den Kemmelberg bei Ypern gerungen wurde, verlief zwar erfolgreicher als „Michael“, wurde aber am 29. April auf Befehl Ludendorffs ebenfalls eingestellt. Er brauchte Soldaten für den entscheidenden Durchbruch, und der sollte, wie schon 1914, auf Paris zielen.

So begann am 27. Mai die Operation „Blücher-Yorck“. 42 deutsche Divisionen gingen an der Marne vor. Dank der flexiblen Stoßtrupptaktik drangen sie in den ersten Tagen tatsächlich 30 Kilometer weit vor, nahm 60.000 Franzosen gefangen und näherte sich Paris bis auf 92 Kilometer. Das „Paris-Geschütz“ feuerte mitten in die Stadt hinein. Parallel dazu griffen deutsche Einheiten an der Matz weiter nördlich an („Operation Gneisenau“), um Paris in einer Zangenbewegung einzunehmen. Doch inzwischen erhielten die Franzosen monatlich mehrere Hunderttausend amerikanische Soldaten Verstärkung, während die Deutschen ihre Verluste nicht ausgleichen konnten. Denn trotz der Friedensschlüsse mit Russland und Rumänien stand immer noch eine halbe Million Mann im Osten, um die eroberten Gebiete zu sichern. Schließlich verrieten deutsche Kriegsgefangene die Pläne ihrer Führung an die Franzosen. So konnte General Mangin den deutschen Vormarsch am 11. Juni bei Compiègne zurückschlagen. Gegen seine 150 Renault-Panzer waren die mangelhaft motorisierten deutschen Infanteristen machtlos.

Ludendorff unternahm einen letzten Anlauf. Seine fünfte Offensive, „Operation Marneschutz-Reims“, begann am 15. Juli. Sie zielte auf Reims, die alte französische Krönungsstadt in der Champagne. Doch auch diesmal machte ihm ein französischer Gegenangriff unter großem Panzeraufgebot einen Strich durch die Rechnung. Zudem war die deutsche Front um 130 Kilometer überdehnt, längst hatte sich das Kräfteverhältnis zugunsten der Westmächte verschoben. Am 6. August wurde die Offensive eingestellt.

Nur zwei Tage später gingen die Alliierten mit voller Wucht zum Gegenangriff über. Ihre „Hunderttageoffensive“ begann bei Amiens, wo sie die deutschen Linien durchbrachen und mehrere Kilometer tief vorstießen. Allein der 8. August 1918 kostete die Deutschen 30.000 Mann Verluste. Er ging als „schwarzer Tag des Deutschen Heeres“ in die Geschichte ein. Woche für Woche rückten die Alliierten nun vor, während es auf deutscher Seite immer häufiger zu Befehlsverweigerungen und Waffenniederlegungen kam. Vorrückende Soldaten wurden von ihren Kameraden als „Streikbrecher“ beschimpft. Die Offiziere waren nicht mehr Herr ihrer Mannschaften. Schließlich lag die Hauptkampflinie wieder auf der „Siegfriedstellung“ zwischen Arras im Artois und Soissons in der Champagne. Am 27. September 1918 wurde sie von drei alliierten Armeen bei Ypern durchbrochen. Nun war der Weg nach Deutschland frei. Die Oberste Heeresleitung, eben noch siegesgewiss, alarmierte die Regierung in Berlin und verlangte einen sofortigen Waffenstillstand. Der Krieg war verloren.

© Konstantin Sakkas, Ralf-Georg Reuth, 2016

Dieser Text erschien in Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München 2014.

Header: Frontverlauf Westfront September/November 1918. Quelle: Wikipedia

100 Jahre Schlacht um Verdun

Am 21. Februar 1916 begann die Schlacht um Verdun. Sie wurde zum Inbegriff des Ersten Weltkriegs, von Stellungskrieg und Materialschlacht, von ungeheuren Verlustziffern und sinnlosem Massensterben. „Blutpumpe“, „Knochenmühle“ – diese Begriffe wurden zu Synonymen für die bis dahin längste und blutigste Schlacht in Europa. Insgesamt 317.000 Soldaten starben, bis die Schlacht am 19. Dezember ohne wesentliches Ergebnis abgebrochen wurde. Dazu kamen fast 400.000 Verwundete, Kranke und Vermisste.Die OHL unter General v. Falkenhayn plante nach den vergeblichen Versuchen in Flandern und Nordostfrankreich, die französische Frontlinie im Süden in Lothringen anzugreifen, dort durchzubrechen und die Front dann „aufzurollen“. Die Festung Verdun, seit dem Mittelalter ein ewiger Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich, hatte eine besondere strategische Bedeutung. Unter Ludwig XIV. hatten die Franzosen ihre Ostgrenze mit einem breiten „Festungsgürtel“ versehen. Diese Festungen wurden nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 ausgebaut. Im Kriegsfall spielten sie eine zentrale Rolle.

Falkenhayns Plan, der im Dezember 1915 unter dem Codenamen „Chi 45“/Operation „Gericht“ von Kaiser Wilhelm II. abgesegnet wurde, sah vor, die Festungsanlagen rund um Verdun unter Ausnutzung des Überraschungseffekts einzunehmen. Dabei sollten die Soldaten auf dem Ostufer der Maas vorrücken, nicht jedoch auf dem Westufer, was von Historikern als schwerer Anfangsfehler angesehen wird.

Am 21. Februar 1916 begann der Angriff. Der französische Oberbefehlshaber Joffre war vorgewarnt worden und hatte um Verdun, das in der Kalkulation des französischen Hauptquartiers eher eine ungeordnete Rolle spielte, Truppen zusammengezogen. In den ersten fünf Tagen machten die Deutschen unter Kronprinz Wilhelm, der dem Projekt Verdun skeptisch gegenüberstand, große Fortschritte. Am 26. Februar kam der Vormarsch ins Stocken. In den nächsten Monaten entbrannten heftige Kämpfe von bis dahin nicht gekannter Brutalität und Verbissenheit. Besonders schwer gerungen wurde um die Forts Douaumont und Vaux, die mehrmals den Besitzer wechselten.

Gesamtstrategisch gab es für die Deutschen während der Kämpfe um Verdun, die sich bis zum 20. Dezember 1916 hinzogen, zwei gewichtige Einschnitte. Im Mai eröffnete der österreichisch-ungarische Generalstabschef Feldmarschall Conrad eine wenig sinnvolle Offensive gegen die Italiener. Die Russen nutzten dies aus und starten im Juni die Brussilow-Offensive im Osten. Infolgedessen musste Falkenhayn vier Divisionen von Verdun abziehen, um den Österreichern zu Hilfe zu kommen.

Am 1. Juli eröffneten die Briten unter Feldmarschall Haig an der Somme nördlich von Verdun eine große Offensive, um die Franzosen zu entlasten. Auch diese neue Offensive zog deutsche Kräfte von Verdun ab. Währenddessen fanden die Kämpfe um die Forts Douaumont und Vaux kein Ende. Der Oberbefehlshaber der 5. Armee, Kronprinz Wilhelm, der von Anfang an gegen die Verdun-Offensive gewesen war, drängte immer mehr auf einen Abbruch der Schlacht.

Inzwischen war am 28. August unter dem Eindruck der russischen Erfolge gegen Österreich Rumänien auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten. Endlich erkannte man im Großen Hauptquartier, dass Falkenhayns strategische Mittel erschöpft waren, und berief ihn ab. An seine Stelle trat Generalfeldmarschall Paul v. Hindenburg, der Sieger von Tannenberg. Ihm zur Seite stand sein Stabschef General Ludendoff als „Erster Generalquartiermeisters“. Als erste Amtshandlung stellten sie die Offensive ein.

Im Oktober begann die französische Gegenoffensive. Erst fiel Fort Douaumont, dann Vaux. Das französische Oberkommando hatte inzwischen den umsichtigen Pétain, den „Helden von Verdun“, durch General Robert Nivelle ersetzt. Nivelle setzte voll auf Offensive, ohne Rücksicht auf die ihm anvertrauten Soldaten. Am 20. Dezember endeten die Kämpfe. Die Deutschen gingen mit einem geringen Geländegewinn aus der Schlacht, viel wesentlicher war aber der Rückzug (Codename „Alberich“) auf die „Siegfriedstellung“, den Ludendorff im Anschluss an Verdun vollzog.

Verdun wurde zum Inbegriff der Grausamkeit des modernen, industrialisierten Krieges. In Frankreich wurde die Schlacht zum nationalen Mythos, in Deutschland zum Symbol sinnlosen Blutvergießens. Die Soldaten der Wehrmacht im II. Weltkrieg fürchteten nichts mehr, als in ein „zweites Verdun“ zu geraten.

Einen Platz in der gesamteuropäischen Erinnerungskultur erhielt Verdun 1984, als Helmut Kohl und François Mitterand einander über den Soldatengräbern von Verdun die Hand reichten. Verdun, das einen Höhepunkt in der jahrhundertealten „Erbfeindschaft“ zwischen beiden Ländern markiert hatte, wurde so umgewandelt zum Symbol der Versöhnung und der europäischen Einigung.
Obiger Text findet sich gedruckt in: Ralf-Georg Reuth (mit Konstantin Sakkas): Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München 2014. © Konstantin Sakkas



Header: Staatspräsident Mitterand und Bundeskanzler Kohl reichen einander vor dem Beinhaus von Douaumont die Hand. Verdun, 22. September 1984. Rechte: Corbis Images 

Zeitenwende 1913. Das Geburtsjahr der Moderne

1913 schließt sich das Tor zur Vergangenheit Alt-Europas und öffnet sich zugleich die Tür zu einer neuen Zeit – es ist das Jahr, in dem sich zwei Epochen in finaler Verdichtung berühren. Blicken wir darauf zurück, sehen wir ein Bild, das unserer heutigen Welt erstaunlich ähnelt
Noch nie in der Geschichte hat sich die Welt in so kurzer Zeit so radikal verändert wie in den 100 Jahren zwischen 1913 und 2013. 1913 war das letzte Jahr des Ancien Régime: Die europäischen Großmächte waren, mit Ausnahme Frankreichs, monarchisch verfasst. Lediglich in England hatte das Parlament weitergehende Kompetenzen, aber selbst dort war das Königshaus einflussreich, wie sich in der Julikrise am Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 zeigte.

Die Gesellschaft war, zumindest oberflächlich, vor allem noch ständisch gegliedert, noch immer bestimmte weitgehend die Geburt, ob man zu den privilegierten Kreisen aus Adel und Bürgertum zählte oder nicht. Unterbürgerlich – das waren 85 Prozent der Gesellschaft; die Eliten, insbesondere in Deutschland, rekrutierten sich aus einem Reservoir adliger und großbürgerlicher Familien, das sich zwar stetig, aber nur langsam erweiterte.

Die große Weltpolitik wurde von den fünf Großmächten England, Deutschland, Frankreich, Russland und Österreich-Ungarn bestimmt; die USA waren zwar damals schon, vor dem Deutschen Reich und Großbritannien, die Wirtschaftsmacht Nummer eins, pflegten aber ihre splendid isolation, die sie erst 1917, mit dem Eintritt in den Weltkrieg aufseiten der Entente, aufgeben sollten – dann aber, um im Handumdrehen die erste und lange Zeit einzige Supermacht der Welt zu werden.

Asien spielte damals als Subjekt von Politik keine Rolle. Indien, heute eine kommende Weltmacht, war britische Kolonie, 1911 hatte sich Georg V in einer bombastischen und sündhaft teuren Zeremonie zum Kaiser von Indien gekrönt. Japan machte seit dem 19. Jahrhundert ehrgeizige Versuche, in der Weltpolitik eine Rolle zu spielen, arbeitete sich aber vorerst an Russland ab, dem größten Staat der Erde, der, unterstützt durch die panslawistische Ideologie in Osteuropa, ein eurasisches Großreich ansteuerte, dessen innenpolitische Probleme aber dem Land keine Ruhe ließen und 1917 schließlich zur kommunistischen Revolution führten. Das kaiserliche China erwachte erst mit der Revolution 1911 aus seinem jahrhundertelangen Dornröschenschlaf, und es sollte weitere 50 Jahre brauchen, bis es auf der Bühne der Weltpolitik als vollwertiger Player auftreten konnte; dennoch sprach man vorausahnend schon damals von der „gelben Gefahr“.

In den europäischen Hauptstädten ahnte man, dass es mit der politischen Dominanz der Alten Welt bald vorbei sein würde. Nach außen freilich schien die alte Ordnung, die sich im 19. Jahrhundert vom Wiener Kongress 1815 über die bürgerlichen Revolutionen 1848 bis zur deutschen Reichseinigung 1871 eingepegelt hatte, fest und unerschütterlich. „Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen“, hatte Deutschlands Kaiser Wilhelm II bei seinem Regierungsantritt 1888 verkündet, meinte damit aber eigentlich die „guten alten Zeiten“, von denen ganz Europa insgeheim hoffte, dass sie ewig dauern würden. Seit 1871 hatte zwischen den europäischen Mächten kein Krieg mehr stattgefunden; stattdessen Wirtschaftswachstum, langsame Öffnung der gesellschaftlichen Schranken, steigender Wohlstand auch für die klein- und unterbürgerlichen Schichten. Europa erlebte 1913 seine halkyonischen Tage.

Andererseits ist 1913 ein vorweggenommenes 2013. Die Wirtschaft war damals international so sehr verflochten, wie es erst nach dem Ende des Kalten Krieges in den neunziger Jahren wieder der Fall sein sollte. Die weltweite familiäre und institutionelle Verflechtung vieler Industriellendynastien stammt aus eben jener Zeit; darin taten sie es den Monarchen gleich, deren Häuser untereinander heirateten und die durch dieses Konnubium die internationale Stabilität zu sichern schienen. Die ehemals stand- und rechtlosen Massen emanzipierten sich, die Arbeiterbewegung, 1913 genau ein halbes Jahrhundert alt, hatte, anstatt blind gegen den Staat zu rebellieren, die Unterschicht behutsam an eben diesen Staat herangeführt, und der Erfolg der Sozialdemokratie bei der Reichstagswahl 1912 bewies eindrucksvoll, dass die Arbeiter zum Staat gehörten und Mitsprache bei der Leitung dieses Staates verlangten. Bismarcks Sozialgesetzgebung, in den 1880er Jahren als Reaktion auf die erstarkende Sozialdemokratie begonnen, ebnete den Weg in den modernen Sozialstaat. Zum 1. Januar 1900 war das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft getreten; es gilt noch heute.

Vielleicht am deutlichsten werden die Gemeinsamkeiten von 1913 und 2013 am Beispiel der technischen Entwicklung. 1913 ist die Zeitscheide, der Dreh- und Angelpunkt in den 200 Jahren zwischen 1813, dem Jahr der Befreiungskriege, und 2013, dem Jahr der Eurokrise. 1813 schlief Europa noch den Schlaf der Gerechten; man heizte mit Holz, leuchtete mit Kerzen, reiste in der Postkutsche auf meistens schlecht oder gar nicht gepflasterten Straßen. Das Impfwesen stand ganz an seinem Anfang, Kindersterblichkeit und Unterernährung waren gang und gäbe.

1913 dagegen war Europa von einem dichten Netz aus Eisenbahnlinien durchzogen, das Reisen mit dem Dampfzug war längst kein Privileg der Wohlhabenden mehr, in der Holzklasse saßen Arbeiter und einfache Soldaten auf dem Weg in ihre Garnison. 1813, nach der Völkerschlacht bei Leipzig, waren die siegreichen Monarchen zu Pferde in die eroberte Stadt eingeritten; 1913 ließ sich Kaiser Wilhelm II, ein Techniknarr wie alle großen Herren seiner Zeit, in der Mercedeslimousine chauffieren, auf dem Grill freilich nicht der Stern, sondern das Hohenzollernwappen.

Die Medizin hatte ungeheure Fortschritte gemacht, schon Rudolf Virchow hatte die erste erfolgreiche Herz-OP durchgeführt, Impfungen und eine immer professionellere Anästhesie verlängerten Jahr für Jahr die durchschnittliche Lebenserwartung. Der Tod im Wochenbett wurde seltener, es gab keine Epidemien mehr, und die Arbeiter verdienten zwar in der Regel immer noch schlecht, hatten aber wenigstens genug zu essen und konnten sich anständig kleiden. 1813 hatte man noch die Nachttöpfe in den Gassen ausgekippt, 1913 gab es großflächig funktionierende Kanalisationen und in immer mehr Wohnungen fließendes Wasser. Hungerperioden, die wie 1816, im „Jahr ohne Sommer“, noch ganz Europa heimgesucht hatten, gehörten nun der grauen Vorzeit an. Der europäische Mensch, der 1789 mit seiner Lebenswelt noch tief im Mittelalter gesteckt hatte, war 1913 in der Moderne angekommen.

Längst fuhr man in den Städten nicht mehr mit der Pferdedroschke, sondern mit der „Elektrischen“; überhaupt war Elektrizität die Technologie der Zukunft. Gaslaternen und Petroleumlampen verschwanden, bald erhellte elektrisches Licht die Straßen, Plätze und öffentlichen Gebäude. „Glühwürmchen, Glühwürmchen flimm’re“ – der Schlager von Paul Lincke tönte aus dem Grammofon in Tanzlokalen und Betrieben. Fotografie und Film waren die Medien der Zeit, und die Monarchen, allen voran der deutsche Kaiser, waren die ersten Medienstars.

Überhaupt, die Medien: Wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch fleißig zensiert, so waren Zeitungen und Zeitschriften am Vorabend des Ersten Weltkriegs in der Unabhängigkeit angekommen. Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte wurden Meinungen „gemacht“, Verleger waren nicht nur schwerreich und gehörten selbstverständlich zum Establishment, sondern konnten mit ihren Erzeugnissen Regierungen stürzen oder wenigstens – wie Maximilian Harden, der mit seiner „Zukunft“ 1906 die Eulenburg-Affäre auslöste und damit Kaiser Wilhelm II an den Rand der Abdankung brachte – in arge Bedrängnis versetzen. Das Analphabetentum war im Zuge der Industrialisierung so gut wie verschwunden, und so gab es zum ersten Mal wirklich so etwas wie eine öffentliche Meinung. Klassische Kabinettspolitik, wie Bismarck sie in seinen ersten Jahren als preußischer Ministerpräsident noch gemacht hatte, wurde da unmöglich. Auch deshalb geriet der Weltkrieg zum ersten modernen „Volkskrieg“: Die Massen waren informiert und wollten mitreden.
Längst fuhr der reiche Landadel in Wien, Berlin und London im Sommer mit dem eigenen Automobil „auf die Länder“, die Industriellenfamilien von heute, ob Großkonzerne oder Mittelstand, legten vielfach in der Hochkonjunktur von 1900 das Fundament für ihren Reichtum. Das Geld, das heute die Welt regiert, ob in den USA oder in Europa, ist oft fünf oder sechs Generationen alt, seine Ursprünge liegen in jener Zeit des aggressiven Wirtschaftswachstums, zwischen 1815 und 1914 flankiert von einer Politik der „balance of power“ ohne größere kriegerische Zwischenfälle. Übrigens etablierte sich auch die Schweiz, um 1850 noch ein bitterarmes Land, als Nibelungenhort der Reichen und Mächtigen, die dort ihr Vermögen vor dem kommenden Gewitter in Sicherheit brachten; Österreichs schöne Kaiserin Elisabeth, die 1898 einem Mordanschlag zum Opfer fiel, war eine der Ersten, die in der Schweiz mit sicherem Instinkt ihre Millionen anlegte.

Der Weltkrieg schließlich, der 1914 überraschend und zugleich von allen erwartet ausbrach, offenbarte vollends, dass man nicht mehr im 19. Jahrhundert lebte. Schon lange war das Telefon als erste Wahl in der Telekommunikation in den Ämtern und Kontoren, aber auch in den Häusern der Wohlhabenden angekommen. Im Krieg schlug dann die Stunde der drahtlosen Kommunikation. Wovon Leonardo da Vinci 400 Jahre zuvor geträumt hatte, war nun Realität: Man kämpfte nicht nur zu Wasser und zu Lande, sondern auch in der Luft und unter Wasser. Luft- und U‑Boot-Waffe entschieden zwar nicht den Krieg, aber sie läuteten das Zeitalter der modernen Kriegstechnologien ein. Ihre kriegerische Nutzung wirkte, wie immer, als gewaltiger Katalysator auf die Entwicklung der Luftfahrt.

Marcel Proust beschrieb in seinem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mit gruseliger Faszination die ersten deutschen Bombenangriffe auf Paris. Die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs durch das Deutsche Reich 1917 rief die USA auf den Plan und legte so eigentlich den Grundstein zur Weltmachtstellung, die Amerika, einmal aus seinem Isolationismus erwacht, in kürzester Zeit erringen sollte. Zugleich schuf er die Voraussetzung für die politische Entwicklung der kommenden 30 Jahre: Was den verbündeten Engländern und Franzosen auf den Schlachtfeldern zwischen Kanalküste und Schweizer Grenze in drei Jahren nicht gelungen war, schafften sie mit Hilfe der materiell himmelhoch überlegenen Amerikaner in sechs Monaten: Deutschland bat um Waffenstillstand, verlor seinen Kaiser und seine Landesfürsten und, wie sich zeigen sollte, seine innere Stabilität. Die Geburtsstunde des „Politikers“ Adolf Hitler hatte geschlagen.
1913 ist das Jahr, in dem alte und neue Zeit einander in finaler Verdichtung berühren. Als am 24. Mai in der Reichshauptstadt Berlin, die sich längst von der niedlichen biedermeierlichen Residenz zur Wirtschafts- und Kulturmetropole von internationalem Rang entwickelt hat, die Hochzeit der Kaisertochter Prinzessin Viktoria Luise mit dem braunschweigischen Thronprätendenten Prinz Ernst August von Hannover gefeiert wird, feiert sich zugleich das alte, monarchische Europa – es sollte die letzte glänzende Zusammenkunft der europäischen Fürsten sein, an ihrer Spitze Wilhelm II und seine beiden Cousins, König Georg V von England und Zar Nikolaus II von Russland. Anlässlich dieses Ereignisses entstand übrigens der erste Farbfilm und lieferte Bilder von Berlins festlich geschmücktem Prachtboulevard Unter den Linden, aufgesessenen Gardekürassieren in schimmernder Rüstung und mit schwarz-weißen Wimpelchen an ihren Paradelanzen.
Auch da also eine Begegnung von Tradition und Moderne, genauso wie bei der Verkündung der Mobilmachung ein Jahr später: Mit altmodisch gesetzten Worten sprach der Kaiser, der den Krieg, genauso wie seine royalen Vettern, nicht wirklich gewollt hatte, zur Bevölkerung vor dem Berliner Stadtschloss: „Wir werden kämpfen bis zum letzten Atemzug von Mann und Ross“ – doch die Rede wurde mithilfe modernster Technik aufgezeichnet und ist als Tondokument bis heute überliefert. Und nicht mehr Rösser sollten im folgenden Krieg die Entscheidung bringen, sondern motorisierte Einheiten, Panzer und Giftgas.

So schließt sich 1913 das Tor zur Vergangenheit Alt-Europas und öffnet sich zugleich die Tür zu einer neuen Zeit, einer Zeit, wie es der Historiker Christian Graf von Krockow formulierte, die nicht mehr „Neuzeit“ ist, sondern eine neue, noch unbekannte und unbenannte Zeit. 1990 war nicht, wie Francis Fukuyama schrieb, das Ende der Geschichte, aber 1914 war der Abschluss der Neuzeit, die mit der Reformation und dem Einzug von Nationalstaat und Kapitalismus begonnen hatte – und gleichzeitig Beginn eines neuen Zeitalters, auf dessen Namen man sich wohl erst in den kommenden Generationen festlegen wird. Wenn wir Heutige auf 1913 schauen, so sehen wir ein Bild, das unserer Welt erstaunlich ähnelt, während die Jahrzehnte und Jahrhunderte davor verblassen, als gehörten sie zu einem anderen, längst vergangenen und vergessenen Strom in der Weltgeschichte.

Doch die Gemeinsamkeiten zwischen heute und gestern reichen noch tiefer. 1913 ist das Abschlussjahr des „fin de siècle“, jener geistigen Strömung, die tief im 19. Jahrhundert, im früh modern gewordenen Paris erwachte und sich nach und nach über das ganze zivilisierte Europa ausbreitete. 1913 ist auch das eigentliche Geburtsjahr einer echten Weltliteratur: Oscar Wilde und Marcel Proust, Musil, Kafka und der junge Brecht, Schnitzler und Kraus, Rilke und Trakl, Stefan Zweig sowie, als melancholischer Nachklang, Joseph Roth – sie zusammen haben das neue Testament der mitteleuropäischen Literatur geschrieben, in einer Verdichtung von Stil, Ausdruck und philosophischem Gestus, die niemals wieder erreicht wurde und die die große Literatur bis in unsere Tage geprägt hat.

Dasselbe gilt von Bildender Kunst und Musik. Der Expressionismus öffnete das Tor zu unserer heutigen Wahrnehmung von Kunst, die sich von der gefälligen Abbildung der Realität verabschiedet hat, um in die Tiefen der Seele zu steigen mit ihren Schlacken und ihrer unharmonischen Verbogenheit. Arnold Schönberg verabschiedete sich mit der Zwölftonmusik vom klassischen Ideal der Diatonik, wie es seit den Tagen Bachs bis zu Bruckner und Mahler unerschütterlich gegolten hatte. Wer immer vom 20. Jahrhundert spricht, bezieht sich auf 1913 und die Vorarbeiten, die damals die geistige Situation der Zeit prägten und eine Strömung lostraten, die noch heute, noch nach 100 Jahren, aktiv und mächtig ist. 1913 ist das eigentliche Geburtsjahr der Moderne.

Alles, was den europäischen Menschen von heute prägt und verstört – die ideologische Orientierungslosigkeit, das Gefühl von (wie es Hannah Arendt nannte) Weltlosigkeit, von absoluter Freiheit des Geistes, die aber eben zugleich völlige Halt- und Hilf­losigkeit bedeutet, ist in jenem Schicksalsjahr 1913 angelegt. Unter ihrem Pionier Sigmund Freud, auf dessen Couch in Wien sich das halbe Großbürgertum „Kakaniens“ behandeln ließ, etablierte sich damals die Psychologie, die irrlichternde Wissenschaft von der menschlichen Seele, die sich bekanntlich keiner Wissenschaft erschließt, als Leitdisziplin der Moderne.

Die Philosophie Friedrich Nietzsches, die keine Philosophie gewesen war, sondern ein einziger Hilfeschrei des erwachsen und damit standlos gewordenen modernen Menschen nach Orientierung und Halt, nach Glauben und Erlösung, beherrschte das europäische Denken in allen seinen Schattierungen und warf in seinen militanten, rassistischen Verhärtungen, die langsam, oben wie unten, in Mode kamen, erste dunkle Schatten. Und die Lehre von Karl Marx breitete sich mit unheimlicher Geschwindigkeit in der ganzen Welt aus, mit der Parole Schillers, die sie zur geschichtlichen Wirklichkeit erhob: „Zu was Besserem sind wir geboren!“

Aber nicht in Europa zündete der bestrickende Gedanke von der Gleichheit aller Menschen, sondern in den Randmächten Russland und China – und genau diese Mächte sind es, die heute, nach 100-jährigem, strammem Aufstieg, nach etlichen Verwerfungen und ungeheuren Opfern, immer mehr den Ton in der Weltpolitik angeben. Gemeinsam mit dem Islam, der mit dem Zerbrechen des Osmanischen Reiches zu seinem geschichtlichen Selbstbewusstsein gelangte, das heute mit unheimlicher Macht seine Stimme erhebt. An diesem Zerbrechen aber, das in der Zeit Napoleons, 100 Jahre zuvor, seinen Anfang genommen hatte und dann schließlich auf dem Balkan seinen Kulminationspunkt erreichte, entzündete sich wiederum 1914 der Erste Weltkrieg – auch hier schließt sich der Kreis zwischen damals und heute, da der Orient durch die arabische Revolution endgültig das postkoloniale Zeitalter hinter sich lässt.

Die Welt von 1913 war, wie der Heilige Augustinus 1500 Jahre zuvor, an einem anderen Epochenbruch, geschrieben hatte, „wie in einem Kelter“: Alles wurde infrage gestellt, alles durcheinandergewirbelt, Stabilität gab es nur noch äußerlich, in den wankenden Machtgebilden, die das 19. Jahrhundert hinterlassen hatte, die aber keinen wirklichen Halt mehr gaben, was die Eliten dieser Mächte am besten wussten. Der Sturm, der damals in den Höhlen hauste, um im Jahr des Kriegsausbruchs 1914 loszubrechen, fegt auch heute noch durch die Welt, freilich mit anderer Richtung und mäßiger Geschwindigkeit. Doch die Ungewissheit von damals ist geblieben, mitsamt jenem brisanten, krisenhaften Gefühlscocktail aus Nervosität und Lethargie, aus Selbstbewusstsein und Angst, aus Aufklärung nach außen und Hilflosigkeit nach innen. Das abgeklärte Wissen um die Souveränität des Menschen in einer Weltgeschichte ohne göttliche Eingriffe, dieses Erbteil des 19. Jahrhunderts, haben wir bezahlt mit dem bangen Nichtwissen, wohin uns diese Geschichte führen wird – 1913 wie 2013.

Dieser Text erschien im Januar 2013 im Magazin CICERO. 

Header: Kronprinz Wilhelm des Deutschen Reiches und von Preußen auf dem Weg zur Hochzeit seiner Schwester Prinzessin Viktoria Luise. Berlin, 24.  Mai 1913. Rechte: picture-alliance / akg-images. 

Der Erste Weltkrieg im Nahen Osten

Der Erste Weltkrieg war ein Weltkrieg im buchstäblichen Sinne. Er wurde nicht nur auf dem europäischen Kriegsschauplatz ausgetragen, sondern auch auf allen Weltmeeren, in Afrika – und im Nahen Osten.

Auf Seiten der Mittelmächte kämpfte seit August 1914 auch das Osmanische Reich. Der „kranke Mann am Bosporus“ war ein Vielvölkerstaat, das islamische Pendant zum katholischen Österreich-Ungarn, mit dem gemeinsam es im fünfzehnten Jahrhundert die Nachfolge des gefallenen Oströmischen Reiches, die Nachfolge von Byzanz angetreten hatte. Der Sultan in Konstantinopel, wie die frühere Hauptstadt des griechisch-römischen Kaiserreiches nach wie vor hieß, herrschte nicht nur über die Türkei, sondern über den gesamten Nahen Osten unter Einschluss von Mesopotamien und Teilen der arabischen Halbinsel.Im Innern rückschrittlich und nach westlichen Standards desorganisiert, gewährleistete dieses Reich seinen Bewohnern dennoch Ruhe, Ordnung und eine gewisse Toleranz.

Gleichwohl fand die arabische Bevölkerung, in der seit dem späten achtzehnten Jahrhundert der Wahabitismus, eine besonders aggressive und missionarische Strömung innerhalb des sunnitischen Islam, blühte, im Zeitalter des Nationalismus nach und nach Gefallen am Gedanken der Unabhängigkeit. Bei Kriegsausbruch sah sie ihre Stunde gekommen: Arabische Führer schlossen mit den Briten, die über Ägypten – einst eine byzantinische, dann eine arabische und schließlich eine osmanische Provinz – als Vizekönigreich herrschten, ein Abkommen, das ihnen im Falle eines Sieges die Unabhängigkeit zusicherte. Eine besondere Rolle spielte hier der englische Abenteurer Thomas Edward Lawrence, der als „Lawrence of Arabia“ in die Geschichte einging.

Der Nahe Osten wird heute eher als Nebenkriegsschauplatz wahrgenommen. Doch in Wahrheit liegt im Ersten Weltkrieg der Schlüssel zum Nahostkonflikt unserer Tage, so wie im Orientkonflikt der Schlüssel zu den großen europäischen Kriegen und schließlich zum atlantisch-eurasischen Gegensatz seit Beginn der Neuzeit liegt. So schreibt auch der US-amerikanische Historiker David Fromkin:

 

„Alle heutigen Konflikte des Nahen Ostens gehen zurück auf den Ersten Weltkrieg.“

 

Im 19. Jahrhundert stützen die Westmächte noch das Osmanische Reich, um ein Vordringen Russlands dort zu verhindern. Seit dem Berliner Kongress 1879 jedoch wurde das Deutsche Reich zum stärksten Verbündeten des Sultans. Projekte wie der Bau der Bagdadbahn und die türkische Militärmission unter den preußischen Generalen Colmar Graf v. der Goltz und Otto Liman v. Sanders festigten das Band zwischen Berlin und Konstantinopel.

Als der Krieg 1914 ausbrach, fürchtete der Sultan den definitiven Verlust des Nahen Ostens an die Westmächte, während Kaiser Nikolaus II. von Russland die jahrhundertealte Vision seiner Dynastie, die griechischen Glaubensbrüder in Ionien und an der Schwarzmeerküste zu befreien und sich in Konstantinopel zum Kaiser des neuerstandenen Byzantinischen Reiches zu krönen, auf einmal Wirklichkeit werden sah. In der Tat war es

 

„seit Jahrhunderten der russische Traum gewesen, Konstantinopel zu erobern, zum neuen Byzanz und zur Seemacht im Mittelmeer aufzusteigen, ja schließlich zu einer Weltmacht zu werden.“

 

Seit der Hussein-McMahon-Korrespondenz von 1915/16 zwischen dem osmanischen Scherifen (Statthalter) von Arabien, Hussein ibn Ali, der die Herrschaft des Sultans abschütteln wollte, und dem britischen Hochkommissar von Ägypten, Sir Henry McMahon,betrieben England und Frankreich die Zersetzung des muslimischen Großreichs. Grundlage hierfür wurde das Sykes-Picot-Abkommen vom Mai 1916, unter russischer Billigung geschlossen zwischen zwei Spitzendiplomaten der beiden Entente-Staaten, das „heute in arabischen Ländern immer noch als Synonym für koloniale Willkür gilt“ (Fromkin).Den arabischen Völkern im Nahen Osten versprachen sie für die Zeit nach Kriegsende eigene Staaten, Russland hingegen sollte Konstantinopel und damit einen Teil der Türkei erhalten.

Nach der Oktoberrevolution 1917 wurden die russischen Pläne zwar hinfällig, in der Türkei übernahm nach dem Sturz des Sultans Mustafa Kemal „Atatürk“ die Macht. Doch die neuen nahöstlichen Staaten kamen unter westliches Mandat: der Irak unter britisches, Syrien unter französisches.Ihre Grenzen wurden willkürlich gezogen, Muslime und Juden aber, die unter dem Sultan noch relativ ungestört nebeneinander gelebt hatten, fanden von nun an zu keiner friedlichen Koexistenz mehr, immer öfter kam es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Voll souverän wurden alle diese Staaten erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Westmächte hatten auf dem Rücken der Bevölkerung neue Provinzen gewonnen.Fromkin schreibt:

 

„Großbritannien und, in geringerem Maße, Frankreich [waren] die prägenden Mächte der Region. Mit der Beseitigung des Osmanischen Reiches radierten sie die Landkarte des alten Mittleren Ostens aus und entwarfen eine neue. Der Irak, Jordanien und Israel sind britische Kreaturen, Syrien und der Libanon sind französische – mit verheerenden Folgen. Seit 1919 herrschen im Mittleren Osten Wirrwarr und Blutvergießen.“

 

Im März 1916 stellte die Oberste Heeresleitung ein eigenes Asien-Korps auf, das der Heeresgruppe F („Yildirim“) angegliedert wurde. Die Heeresgruppe selbst bestand aus drei osmanischen Armeen, hatte aber bis 1918 deutsche Oberbefehlshaber: erst General Erich v. Falkenhayn (den man nach seiner Entlassung als Chef der 2. OHL im August 1916 auf diesen Posten abschob), dann Liman v. Sanders.

Der Heeresgruppe Yildirim gegenüber stand die britische Egyptian Expeditionary Force mit drei Armeekorps, erst unter Generalleutnant Archibald Murray, dann (ab 1917) unter General Edmund Allenby als Kommandierendem General. Im Dezember 1917 nahmen die Briten nach mehrwöchigen Kämpfen Jerusalem ein.

Am 9. Dezember fiel die Stadt, zwei Tage darauf zog Allenby mit seinem Stab in die Heilige Stadt ein. Als er das Stadttor erreichte, stieg er vom Pferd und betrat so, bis dahin einmalig in der Kriegsgeschichte, zu Fuß die eroberte Stadt – aus Respekt vor der Heiligkeit dieser Kultstätte dreier Weltreligionen.

Die Palästinaschlacht im September 1918, die sich über mehrere Tage hinzog und deren Höhepunkt die Einnahme von Damaskus durch die Briten war, beendete schließlich das Kapitel der deutschen Intervention im Nahen Osten, besiegelte aber auch das geopolitische Schicksal der nahöstlichen Erbmasse des Osmanischen Reiches bis in die heutige Zeit, also für ein volles Jahrhundert.

Die Türkei kapitulierte am 30. Oktober, Deutsche und Österreicher kehrten in ihre Heimatländer zurück. Den Oberbefehl über die Heeresgruppe übernahm Atatürk, der sie auf türkischen Boden zurückführte, wo sie alsbald den Kampf gegen die siegreichen griechischen Truppen aufnahm, die sich anschickten, in ihren kleinasiatischen Feldzug aufzubrechen, Konstantinopel zu befreien und altes griechisch-byzantinisches Gebiet wiederzuerobern.

Im deutschen Asienkorps, zu dem auch Soldaten Österreich-Ungarns gehörten, kämpften Bodentruppen und Fliegereinheiten. Anders als in den afrikanischen oder ostasiatischen Kolonien hielten sie sich erstaunlich lange. Anders auch als in Europa spielten Graben- und Stellungskrieg hier keine Rolle. Die Kämpfe in Wüstensand und Orienthitze wurden ähnlich kameradschaftlich geführt wie später im II. Weltkrieg der Afrikafeldzug.

Der moralisch und geopolitisch fragwürdige, aber aus seiner Haltung als “verspätete Nation” (Helmuth Plessner) heraus verständliche Einsatz des kaiserlichen Deutschland für die Integrität des Osmanischen Reiches, das im Windschatten der Kriegshandlungen 1915 bis 1923 an den Pontosgriechen und an der armenischen Minderheit, den beiden ältesten christlichen Ethnien auf vorderasiatischem Boden, einen bis heute ungesühnten Völkermord mit mehreren Millionen Opfern verübte, schuf ein freundschaftliches Band zwischen Türken und Deutschen, das für viele Jahrzehnte halten sollte.

Doch immerhin: auch der Gegner erwies den Deutschen im Rückblick seine Reverenz. In seinen berühmten Memoiren Die sieben Säulen der Weisheit schreibt T. E. Lawrence:

 

„Sie waren zweitausend Meilen von ihrer Heimat entfernt, ohne Hoffnung in fremdem unbekannten Land, in einer Lage, verzweifelt genug, um auch die stärksten Nerven zu brechen. Dennoch hielten ihre Trupps fest zusammen, geordnet in Reih und Glied, und steuerten durch das wild wogende Meer von Türken und Arabern wie Panzerschiffe, schweigsam und erhobenen Hauptes. Wurden sie angegriffen, so machten sie halt, gingen in Gefechtsstellung und gaben wohlgezieltes Feuer. Da war keine Hast, kein Geschrei, keine Unsicherheit. Prachtvoll waren sie.“

 

Header: Fieldmarshal Viscount Allenby, der Sieger von Jerusalem, zieht am 11. Dezember 1917 zu Fuß in die Heilige Stadt ein.

Obiger Text erschien in: Ralf-Georg Reuth (mit Konstantin Sakkas), Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München: Piper 2014.

Mehr Mut zur Deutung, bitte! Michaela und Karl Vocelkas Biographie Kaiser Franz Josephs I.

Bei wenigen historischen Persönlichkeiten driften innere und äußere Bedeutung so weit auseinander wie bei Kaiser Franz Joseph I. von Österreich, dessen Todestag im kommenden Jahr sich zum hundertsten Mal jährt.
Franz Joseph war ein durchschnittlicher Mensch, sein geistiger Horizont begrenzt, seine politische Grundhaltung reaktionär und phantasielos. Dennoch prägte der Mann, der achtundsechzig Jahre lang, vom Revolutionsjahr 1848 bis zum Kriegsjahr 1916, ein Reich von Tirol bis nach Galizien, von Krakau bis nach Bosnien als semiabsolutistischer Herrscher regierte, seine Epoche wie sonst nur Queen Victoria und Kaiser Wilhelm II. Sein politisches und privates Leben hat das österreichische Historikerpaar Michaela und Karl Vocelka nun in der ersten zeitgemäßen wissenschaftlichen Biographie verewigt.

Die große Stärke dieser flüssig lesbaren und reich bebilderten Lebenserzählung ist ohne Frage ihr monumentalischer Charakter. Wir lesen gleichsam einen wissenschaftlich fundierten Kostümschinken. Die großen Linien freilich treten hierbei kaum hervor, ebenso bleibt die intuitive Frage des Lesers, worin denn nun eigentlich Franz Josephs weltgeschichtliche Bedeutung, seine historische Größe im Sinne Jacob Burckhardts bestanden habe, unbeantwortet. Wenn das Buch besticht, dann durch die Darstellung von Fakten, jedoch kaum durch deren Einordnung.

Lob verdienen vor allem die ersten beiden Kapitel, die Kindheit und Jugend des Kaisers und seinen Regierungsantritt im Sturmjahr 1848 schildern. Sie zeigen, wie sehr der „rothosige Leutnant“ ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts, des Absolutismus und des Metternichschen Systems war. Erzogen von seiner dominanten, aber nicht besonders klarsichtigen Mutter Sophie, fand der achtzehnjährige Kaiser eine Welt vor, auf die er nur unzureichend vorbereitet war.

Das zeigt sich insbesondere in den Fünfzigerjahren, in denen Franz Joseph im Innern absolutistisch durchregiert und außenpolitisch das Ordnungssystem der Heiligen Allianz zerstört, indem er sich im Krimkrieg ohne Not auf Seiten der Westmächte schlägt. Seine Schaukelpolitik sät den Samen des österreichisch-russischen Gegensatzes, der sechzig Jahre später zum Ersten Weltkrieg führt, hindert aber Frankreich unter Napoleon III. nicht daran, drei Jahre später die Einigung Italiens mit Soldaten und Geld zu unterstützen und der Donaumonarchie die Lombardei und Venetien zu entreißen.

Die Ehe mit der kindlichen Herzogin Elisabeth in Bayern, die als Sisi unsterblich wird, beschreiben die Autoren so nüchtern und illusionslos, wie sie entgegen allen Romantisierungslegenden war. Gut geraten ist das Kapitel „Seitensprünge“, das die intensive, aber traditionell gern lieber beschwiegene sexuelle Aktivität des Kaisers schildert. Die Wege der beiden Eheleute, die beide mit ihrem Rang und ihrer sozialen Stellung sichtlich überfordert sind, trennen sich früh.

Denn nicht nur Sisi, auch der Kaiser richtet sich ein in einer Parallelwelt aus Zeremoniell und Schreibtischroutine und überlässt wichtige Entscheidungen seinen Ministern, die überwiegend aus dem alten österreichischen und ungarischen Adel stammen und kaum über zeitgemäße Konzepte und Ideen verfügen.

Einen Anflug von Größe zeigt er dort, wo er repräsentiert, das große Ganze darstellt und manchmal auch gegen extreme Standpunkt verteidigt: So weigert er sich in den Neunzigerjahren dreimal, den demokratisch gewählten Wiener Bürgermeister Karl Lueger, einen radikalen Antisemiten und Wegbereiter Hitlers, in seinem Amt zu bestätigen.

Am Beispiel der Julikrise 1914 und der Beteiligung Österreichs am Ersten Weltkrieg versuchen die Vocelkas eine Ehrenrettung Franz Josephs, indem sie dessen Worte aus dem Juli 1916, fünf Monate vor seinem Tod, zitieren:

 

„Es steht schlecht um uns, vielleicht schlechter, als wir ahnen. Die hungernde Bevölkerung des Hinterlandes kann auch nicht mehr weiter. Wir werden sehen, ob und wie wir noch den Winter übertauchen können. Im nächsten Frühjahr mache ich aber unbedingt Schluss mit dem Krieg. Ich will nicht, dass wir ganz und rettungslos zugrunde gehen!“

 

Ingesamt bleibt trotz großen Fleißes das Bild Franz Josephs blass und unbestimmt, was gar nicht einmal an inhaltlichen Mängeln liegt, sondern vor allem an der passiven und schwunglosen Darstellung. Mehr Mut zur Deutung und Wertung hätte man den Autoren zweifellos gewünscht. Freilich: dass sie dies: Deutung und Wertung, respektvoll dem Leser überlassen, kann auch eine Tugend sein.

 

 

Michaela und Karl Vocelka: Franz Joseph I. Kaiser von Österreich und König von Ungarn. München: C. H. Beck 2015, 456 Seiten, 26,95 €.


Header: Trauerkondukt Franz Josephs I. am 30.11.1916, Wien: Kaiser Karl und Kaiserin Zita, an ihrer Hand Kronprinz Erzherzog Otto. 

Der Zusammenbruch Österreich-Ungarns im I. Weltkrieg 

Der Weltkrieg war auf österreichischem Territorium ausgebrochen. Österreich verlangte nach Rache an Serbien, Deutschland leistete ihm dabei bereitwillig Hilfe. Erst dadurch wurde der Krieg ein Weltkrieg. Doch Österreich war von Anfang an Deutschlands Juniorpartner, der k. u. k.-Kriegsschauplatz ein ständiges Zuschussgeschäft für das deutsche Heer.
Die österreichisch-ungarische Monarchie selber geriet durch den Krieg in die schwerste Krise seit ihrem Bestehen. Das Heer war rüstungstechnisch auf den Krieg nicht vorbereitet, die Kampfmoral der Truppe war miserabel. Generale und Offiziere waren in der Regel Deutsche oder Ungarn, die Mannschaften aber entstammten zum erheblichen Teil der armen slawischen Landbevölkerung des Vielvölkerreiches. Sie strebten nach Unabhängigkeit und eigenen Nationalstaaten. Die oftmals erniedrigende Behandlung durch ihre Vorgesetzten steigerte noch diesen Wunsch. Immer wieder gingen ganze Truppenteile mit slawischer Mehrheit geschlossen zu den Russen über oder verweigerten zumindest den Gehorsam.

Im Kampf erlitt die k. u. k. Armee fast durchweg Niederlagen. Sowohl gegen Serbien als auch gegen Rumänien und insbesondere Russland rettete sie jeweils erst das Eingreifen der Deutschen vor einer Katastrophe. Zudem verübten österreichische Einheiten vor allem in Galizien und auf dem Balkan schwere Kriegsverbrechen. Nur gegen Italien konnten die Alpentruppen, darunter besonders die legendären Kaiserjäger, Erfolge erzielen. Am Grenzfluss Isonzo im heutigen Slowenien wurde seit 1915 unaufhörlich gekämpft. In der zwölften und letzten Isonzoschlacht bei Karfreit/Caporetto im Oktober 1917 wurden die Italiener tatsächlich entscheidend geschlagen, wobei sich ein junger deutscher Kompanieführer namens Erwin Rommel den Pour-le-Mérite erwearb. Die Österreicher stießen bis zum Piave nach.

Dort endete allerdings ihr Siegeszug. Mit Unterstützung der Engländer und Amerikaner stabilisierten die Italiener ihre Front und konnten so später bei den Pariser Friedensverträgen nach den drei Westmächten als vierte große Siegermacht auftreten. 

In Österreich-Ungarn, dessen Kriegswirtschaft ohne deutsche Hilfsleistungen nicht überlebensfähig war, wuchs derweil die Unzufriedenheit, Soldaten und Zivilbevölkerung litten Armut und Hunger. Der Separatismus blühte und die Völker der Monarchie planten bereits für die Zeit nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches, so die drei südslawischen Nationen in der Deklaration von Korfu im Juli 1917. 

Um dieser Entwicklung vorzubeugen, erließ Kaiser Karl I., der im November 1916 dem greisen Franz Joseph I. auf dem Thron gefolgt war, am 16. Oktober 1918 sein „Völkermanifest“. Er versprach darin insbesondere den Slawen eine begrenzte politische Autonomie. Doch sein Ruf verhallte ungehört. Am 29. Oktober 1918 wurde der südslawische SHS-Staat, bestehend aus Serbien, Kroatien und Slowenien, ausgerufen. Am 31. erklärte die amtierende ungarische Regierung das Ausscheiden Ungarns aus dem Reichsverband mit Österreich. Das Habsburgerreich in seiner seit dem 16. Jahrhundert bestehenden Ausdehnung hatte aufgehört zu existieren.

Kurz darauf wurde die österreichische Armee in der dritten Piaveschlacht bei Vittorio Veneto von den Italienern geschlagen. Das Armeeoberkommando musste den Waffenstillstand von Villa Giusti unterzeichnen. Am 11. November, dem Tag des deutschen Waffenstillstands im Westen, erklärte Kaiser Karl schließlich seinen Thronverzicht und verließ das Land. Eine formelle Abdankung war es allerdings nicht: diese hielt er, darin bestärkt von seiner Gattin Zita, für unvereinbar mit dem Gedanken des Gottesgnadentums. Doch die über sechshundertjährige Herrschaft der Dynastie über die österreichischen Erblande war vorbei. 

In Österreich brach die Revolution aus. Am 12. November riefen die Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung Franz Dinghofer und Karl Seitz vor dem Parlamentsgebäude in Wien die “Republik Deutschösterreich” aus. Im Land kam es zu tiefgreifenden Reformen. Der Adel wurde abgeschafft. Aus dem „Oberhaus Europas“ mit seinen strengen Standesschranken wurde unter dem neuen Staatskanzler, dem Sozialdemokraten Karl Renner, eine Republik. Die neue territoriale Ordnung aber wurde von den Siegermächten in den Verträgen von Saint-Germain-en-Laye (September 1919) und Trianon (Juni 1920) festgelegt: Das Königreich Böhmen ging in der Tschechoslowakei auf, Ungarn wurde selbständig, allerdings in weitaus engeren Grenzen als vorher, Siebenbürgen ging an Rumänien, die Balkanländer, darunter auch Bosnien-Herzegowina, gingen im Königreich Jugoslawien unter serbischer Führung auf, Tirol und Istrien fielen an Italien, das weißrussische Galizien teils an Polen, teils an die spätere Sowjetunion. Dem Reststaat Österreich selber wurde die Bezeichnung „Deutschösterreich“ sowie der Anschluss an das Deutsche Reich verboten, obwohl er von den demokratisch gewählten Regierungen beider Länder beschlossen worden war.

Mit Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich gingen jene Vielvölkerimperien unter, die sich in den vorangegangenen tausend Jahren in Südosteuropa auf dem Gebiet des alten byzantinischen Reiches etabliert hatten. An ihrer Stelle  entstanden nun Nationalstaaten, in denen freilich Spannungen zwischen ethnischer Majorität und Minoritäten vorprogrammiert waren. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das der amerikanische Präsident Woodrow Wilson vor dem Ende des Weltkrieges in seinem Vierzehn-Punkte-Plan so emphatisch beschworen hatte, unterlag letztlich der Auslegung und Anwendung durch die Sieger.
Header: Thronvezichtserklärung Kaiser Karls I., 11.11.1918 (oben). Ausrufung der Republik Deutschösterreich vor dem Parlamentsgebäude in Wien, 12.11.1918 (unten). Quelle: Wikimedia Commons
Der Text erschien in: Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München 2014. © Konstantin Sakkas

Der Wettlauf zum Meer und die Schlacht bei Langemarck

Die Marneschlacht war gescheitert. Die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) unter ihrem neuen Chef General Erich v. Falkenhayn setzte nun alles daran, die Franzosen im Norden zu umgehen und sie zugleich von den heraneilenden britischen Interventionstruppen (BEF=British Expedition Forces) abzuschneiden, die vom Ärmelkanal aus den Franzosen zur Hilfe kamen. Zugleich galt es, die belgische Armee niederzuwerfen. Vom 14. September bis zum 19. Oktober vollzog sich zwischen dem Fluss Aisne nordöstlich von Paris und der belgischen Nordseeküste das, was als „Wettlauf zum Meer“ in die Geschichtsbücher einging.

Es begann mit der Schlacht an der Aisne, nordöstlich der Marne. Die frisch eingetroffenen Briten unter ihrem Oberbefehlshaber General French wollten die deutschen Linien in einem schnellen Vorstoß durchbrechen, scheiterten aber damit. Die Deutschen reagierten, indem sie ihre Verbände nach Norden warfen, um so den Gegner einzukreisen und nach Süden zu drücken. Doch auch dieses Manöver war erfolglos. So verschoben sich die beiden Frontlinien in dem Versuch, einander gegenseitig zu umgehen, immer mehr nach Norden, erst durch Nordostfrankreich, dann über belgisches Territorium: Arras, La Bassée, Ypern, und schließlich Ostende und Zeebrügge. Über fast 200 Kilometer hinweg lagen sich die Gegner hier parallel gegenüber, manchmal keine hundert Meter voneinander entfernt.

Im Rahmen dieser Bewegung gelang es den Deutschen bis Mitte Oktober, erst Lille, dann das im Hinterland gelegene Antwerpen einzunehmen, beides wichtige Knotenpunkte. Am 15. Oktober kapitulierte die Küstenstadt Ostende. Dies bedeutete das Ende eines nennenswerten Widerstandes der belgischen Streitkräfte gegen die deutschen Invasoren. Die Kämpfe verlegten sich nunmehr direkt an die Nordseeküste. An der Mündung des Flusses Yser entbrannten im Oktober heftige Gefechte zwischen Engländern und Deutschen. Die erste Flandernschlacht begann.
Hier spielten sich am 10. November 1914 auch die Kämpfe bei Langemarck ab. Soldaten des XXIII. Reservekorps sowie des XV. Armeekorps, unter ihnen vorwiegend Gymnasiasten und Studenten, die sich freiwillig gemeldet hatten, rückten westlich des Ortes, der im Umkreis der hart umkämpften Stadt Ypern lag, unter Absingen des Deutschlandliedes gegen die Franzosen vor und erlitten dabei schwere Verluste. Der verantwortliche Kommandiere General, Berthold v. Deimling, erhielt für diese Aktion den wenig schmeichelhaften Beinamen „Schlächter von Ypern“, der Angriff selber brachte keinen nennenswerten Geländegewinn.
Dennoch wurde Langemarck schnell zum nationalen Mythos stilisiert. Die Oberste Heeresleitung meldete:

„Westlich Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesange ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie. Etwa 2.000 Mann französischer Linieninfanterie wurden gefangengenommen und sechs Maschinengewehre erbeutet.“
In der Weimarer Zeit, noch mehr im Nationalsozialismus verklärte man den Opfergang von Langemarck zum nationalen Mythos. Tatsächlich aber war der Angriff bei Langemarck aus deutscher Sicht militärisch und moralisch wenig sinnvoll. Vergessen werden darf aber nicht, dass Dasselbe für ähnliche Aktionen auf alliierter Seite galt. Langemarck fand gleichwohl Eingang ins kollektive Gedächtnis der Deutschen, auch jenseits der Glorifizierung vor 1945. So finden die Kämpfe auch in dem berühmten Antikriegsbuch „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque Erwähnung.

Flandern aber, also der nördliche Teil Belgiens, wurde nun für die kommenden eineinhalb Jahre zum Hauptaustragungsort der Kampfhandlungen im Westen. Daran wird auch deutlich, wie zentral die Rolle der britischen Intervention auf französischer Seite für den Verlauf des Krieges war: Denn erst durch das Eingreifen der Engländer wurde der Schwerpunkt der Kämpfe nach Norden verlegt. Nach dem Scheitern des Schlieffenplans und dem Rückzug auf Marne und Aisne war es nun Ziel der Deutschen, Calais in Besitz zu nehmen und dort die britische Nachschublinie zu durchtrennen.
Zugleich markiert die Erste Flandernschlacht den Übergang vom Bewegungskrieg zum Stellungskrieg. Die Truppenführer erkannten, dass sie den Gegner operativ nicht überflügeln konnten, und verlegten sich stur darauf, Vorstöße der Gegenseite mit schwerem Artillerie- und Maschinengewehrfeuer abzufangen und dann ihrerseits vorzugehen, in der Hoffnung, dann einen erschöpften Gegner vorzufinden, der weniger Widerstand leisten würde.
Das aber erwies sich als Trugschluss. Die Zeit des Stellungskrieges, des schrecklichen, aufreibenden Lebens in den Gräben und Unterständen begann.

Header: Fritz Grotemeyer, Soldaten der Infanterie ziehen singend in die Schlacht bei Langemarck am 10. November 1914 (nach 1914). © Preußischer Kulturbesitz

Obiger Text erschien in: Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (München 2014). © Konstantin Sakkas

Novemberevolution und Waffenstillstand in Deutschland 1918

 Am 9. November 1918 trat der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Philipp Scheidemann auf den Balkon des Reichstages und verkündete der wartenden Menschenmenge: „Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen, es lebe das Neue, es lebe die deutsche Republik.”Bis dahin war es ein weiter Weg. Das Deutsche Reich von 1871 war zwar eine konstitutionelle Monarchie, doch in den einzelnen Bundesstaaten, die hauptsächlich die Staatsgewalt ausübten, wurden die Parlamente überwiegend nach einem Zensuswahlrecht gewählt, das die besitzlosen Schichten benachteiligte. In Preußen war dies das Dreiklassenwahlrecht, das der König in der oktroyierten Verfassungscharta von 1850 den männlichen Untertanen gewährt hatte.  Auch die Reichsleitung, bestehend aus dem Reichskanzler und den Staatssekretären als Ressortchefs, war dem Kaiser, nicht dem Reichstag verantwortlich. Im Ersten Weltkrieg, der anders als die drei Bismarckschen Kabinettskriege 1864, 1866 und 1870/71 als “Volkskrieg” unter totaler Mobilisierung aller menschlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Ressourcen geführt wurde, wurde der Ruf nach politischer Mitsprache und nach parlamentarischer Verantwortlichkeit der Regierung unüberhörbar. Nach der Niederlage des mit dem Deutschen Reich verbündeten Königreichs Bulgarien in der Schlacht bei Dobro Polje und dem Durchbruch der alliierten Orientarmee bei Saloniki Ende September 1918, als General Ludendorff mit einem Mal Hals über Kopf die Aufnahme von Waffenstillstandsverhandlungen forderte, konnte sich auch Kaiser Wilhelm II. diesem Ruf nicht mehr entziehen. Unter dem neuen Reichskanzler, dem liberalen Prinzen Max von Baden, kam es zu den „Oktoberreformen“. Erstmals wurden auch Abgeordnete aus Zentrum und SPD in die Reichsleitung berufen. Seit dem 28. Oktober schließlich war das Reich eine parlamentarische Monarchie.

Doch bereits vier Tage zuvor hatte der Chef der Marineleitung, Admiral v. Hipper, ohne Rücksprache mit der Regierung an die deutsche Hochseeflotte den Befehl zu einer letzten Entscheidungsschlacht herausgegeben. Seit der Skagerrak-Schlacht 1916 hatte der Großteil der Flotte untätig vor Anker gelegen. Nach dem Zusammenbruch der Salonikifront und dem alliierten Durchbruch an der Westfront bei Amiens wollte man in einem letzten Kraftakt dem Krieg doch noch eine siegreiche Wendung geben. Die deutschen Matrosen hatten sich allerdings schon auf einen baldigen Friedensschluss eingestellt und wollten sich nicht mehr in einer sinnlosen Seeschlacht verheizen lassen. Es kam zum Matrosenaufstand in Kiel und Wilhelmshaven. Soldaten verweigerten ihren Offizieren den Gehorsam und rissen ihnen die Schulterstücke herunter. Arbeiter- und Soldatenräte übernahmen die zivile und militärische Macht. Kaum ein Truppenteil wurde mehr als kaisertreu eingestuft, nicht einmal mehr die traditionsreichen Garderegimenter.

Schnell breitete sich die Revolte von der Küste ins ganze Land aus. Alle politischen Kräfte erkannten, dass die Herrschaft des Kaisers nicht mehr zu retten war. Sowohl die Oberste Heeresleitung unter Feldmarschall von Hindenburg und General Groener, der an die Stelle Ludendorffs als Erster Generalquartiermeister getreten war, als auch die Führung der Sozialdemokraten drängten Wilhelm II., entweder den Tod an der Front zu suchen, oder aber abzudanken und das Land zu verlassen. Damit wollte man eine kommunistische Revolution nach russischem Vorbild verhindern. Während Wilhelm sich noch sträubte, gab Reichskanzler Prinz Max am 9. November eigenmächtig folgenden Erlass heraus: „Seine Majestät der Kaiser und König haben sich entschlossen, dem Throne zu entsagen.“ In allen deutschen Teilstaaten wurden die Könige, Großherzöge Herzöge und Fürsten gestürzt. Aus der Matrosenrevolte war die Novemberrevolution geworden. Der Kaiser verließ das Große Hauptquartier im belgischen Spa und ging ins Exil in die neutralen Niederlande. Von dort aus erklärte er am 28. November formell seine Abdankung. Kronprinz Wilhelm verzichtete auf seine Thronfolgerechte.

Die Angst von Prinz Max und der SPD-Führung vor einem kommunistischen Umsturz – dies zeigten die weiteren Ereignisse am 9. November – war nicht unberechtigt. Schon 1917 hatte sich die SPD in einen gemäßigten Mehrheitsflügel unter Friedrich Ebert und Scheidemann (MSPD) und einen radikalen unabhängigen Flügel (USPD) unter Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gespalten. Kurz nach Scheidemanns Auftritt proklamierte Liebknecht vom Balkon des Stadtschlosses aus vor einer Menschenmenge im Lustgarten die „sozialistische deutsche Republik“ nach dem Vorbild der russischen Bolschewiken. Dennoch konnten sich MSPD und USPD auf einen vorläufigen Kompromiss einigen. Je drei ihrer Vertreter bildeten den „Rat der Volksbeauftragten“, der die Regierungsgeschäfte übernahm. Max von Baden, dem der Kaiser und seine Anhänger die eigenmächtige Abdankungserklärung äußert verübelten, trat noch am Abend zurück und übergab das Kanzleramt an Ebert.

Zwei Tage später, am 11. November, unterzeichnete eine deutsche Delegation unter Leitung des Zentrumspolitikers Matthias Erzberger bei Compiègne im Salonwagen des französischen Oberbefehlshabers Marschall Foch unter großem Druck den Waffenstillstand. Aufgrund der verzweifelten Lage des deutschen Heeres und der Tatsache, dass kein Soldat mehr weiterkämpfen würde, nahm die deutsche Abordnung alle alliierten Bedingungen an: Räumung der französischen und belgischen Gebiete, Internierung der deutschen Flotte, Einziehung von schweren Waffen und Flugzeugen, Besetzung des linken Rheinufers durch Frankreich, Lieferung von Reparationen, sofortige Annullierung des im März mit Russland geschlossenen Friedens von Brest-Litowsk. Der Krieg war vorbei, Deutschland eine Republik.
Header: Philipp Scheidemann ruft am 9. November 1918 in Berlin die deutsche Republik aus (links). Am Tag darauf: Kaiser Wilhelm II. und sein Gefolge auf dem Bahnsteig von Ejisden an der belgischen Grenze kurz vor dem Übertritt auf niederländischen Boden (rechts). Quelle: ZDF/Wikimedia Commons. 


Der Text erschien 2014 in: Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein (München 2014).  © Konstantin Sakkas