Nähe, nicht Fremdheit. Der Islam und wir.

Durch seine behauptete Voraussetzungslosigkeit schneidet sich der Westen selbst von seinen orientalischen Wurzeln ab

Seit 2001, eigentlich schon seit Huntington – an dessen Buch ich immer wieder “gescheitert” bin, weil mir der Inhalt gegenüber den durch den Titel evozierten Erwartungen bei jedem Versuch schlicht zu banal vorkam – wurden wir – sofern nicht ausdrücklich links sozialisiert – erzogen, den Islam als gefährlich, expansionistisch und radikal, jedenfalls aber dem Westen fremd und dazu historisch überholt abzulehnen. Mein erster journalistischer Beitrag, in der Schülerzeitung meines Gymnasiums, ging ebenso in diese Richtung. Heute schäme ich mich der hochtrabend daherkommenden Naivität des Achtzehnjährigen.
In den Schulen nimmt man zwar Nathan den Weisen und vielleicht Mozarts Entführung durch, seit meiner Jugend auch das Leben des Malcom X und das Schicksal von Pakistanis im postkolonialen England. Carrie Mathison, die blonde, grünäugige Madonna des Westens, empfing eine Tochter mit dem schönen, germanischsten aller Mädchennamen, Frances, von einem Muslim, und sie half Abu Nazir dabei, Rache zu nehmen für den grausamen Tod seines Sohnes Issa an ihrem eigenen Oberbefehlshaber Walden, in dessen Figur man unschwer George W. Bush wiedererkannte (oder Trump antezipieren konnte).
Doch selbst heute erfährt man viel zu wenig – hier kann ich nur für Deutschland sprechen – über die enge Wesensverwandtschaft zwischen orientalisch-islamischer und christlich-europäischer Welt. Etwa darüber dass Maria, die Mutter Jesu, auch im Islam als Jungfrau gilt. Auch bei der Schilderung der beiden großen islamischen Fremdherrschaften in Europa, der in Spanien und der in Griechenland, wird gern geflissentlich unterschlagen, dass diese niemals so lange hätten Bestand haben können, wären sie nicht auch irgendwann gerecht und ertragbar geworden (insgeheim wissen die Spanier und Griechen das natürlich ganz genau).
Man zieht wieder gern eine imaginäre Trennlinie zwischen christlich-jüdischer und islamischer Kultur. Was für eine Idiotie! sage ich mir, nachdem ich neulich erst einem muslimischen Freund Schinkels Mausoleum der Königin Luise zeigte und selber zum wiederholten Mal darüber erstaunte, dass im Blickzentrum der Apsis doch nicht die vier mitteleuropäischen Sarkophage, auch nicht der der schönen Königin, stehen, sonder der Syrer am Kreuz, umgeben von in den Marmor gemeißelten Zitaten altorientalischer Prediger und Fürsten.
Was für eine Idiotie, sage ich mir auch, wo doch das Hebräische und Arabische einander ähnlicher sind als die romanische der germanischen Sprachfamilie. Von den 25 Propheten des Islam sind 24 Juden, Jesus übrigens inbegriffen. Das kultur- und geschichtsblinde exklusionistische Pochen aufs Christliche ist kein christlicher, auch kein abendländischer (was, wie Joschka Fischer erstaunlich klug klarstellte, im engeren Sinne ein mediterraner, kein atlantischer ist) Zug, sondern etwas Germanisches, Barbarisches, Seefahrerisch-Reitervölkisches.
Kein Wort darüber, dass der Orient nie einer Renaissance bedurfte, weil er kulturell niemals ein Mittelalter durchlaufen hat. In Nordeuropa musste man, über lange Umwege, die Tempel der Antike schlicht und einfach deshalb nachbauen, weil dort nie welche gestanden hatten. Die schöne Luise kam aus einem Landstrich, in dem noch im zweiten Jahrtausend das germanische Heidentum geherrscht hatte. Ihr, der Carrie Mathison von Mecklenburg-Strelitz, inmitten der barbarischen brandenburgischen Streusandbüchse mit ihren aus jedem Orts- und Adelsnamen Bände sprechenden heidnischen Überbleibseln ein christlich-jüdisches Grabmal in Form eines griechischen Monopteros zu setzen, entsprach der, schon damals verleugneten, weil nicht begriffenen, Orientalität dieser christlich-jüdischen Tradition selbst, aber insbesondere dem Bildungswillen und Bildungshunger des Germanentums, das Brücken zu etwas schlagen musste und wollte, mit dem das islamische Kernland immer verbunden gewesen war. Seine eigene Brücke, nämlich Byzanz, hatte Westeuropa längst aufgegeben,  bevor sie an die islamische Welt fiel.
In der Levante aber wuchs und wächst man seit je inmitten der Antike auf. Hier gab es kein finsteres Mittelalter, das mühsam abzuschütteln gewesen wäre. Dass die Griechen jemals aufgehört hätten, Griechisch zu sprechen, glauben nur Nordeuropäer, die mit dem Griechischen erst im sechzehnten Jahrhundert in Kontakt kamen. Im Orient funktionierte die Amalgamierung jüdisch-altarabischer Mythe (die, wie wir wissen, starke Einschläge in der griechisch-römischen Mythologie hinterließ), hellenistischer Gelehrtheit, mediterraner Stadt- und Handelsbürgerlichkeit und vorderasiatischer Staatslehre anstrengungslos.
Die Kreuzfahrer schauten sich dort ihre diesseitige Grals-Sex-Minne-und-Seefahrer-Eschatologie ab, die heute den common sense unserer gesamten Populär- und Hochkultur darstellt, und die Fürsten und Könige Europas den zentralisierten und rationalisierten Ordnungs- und Obrigkeitsstaat, mitsamt der, fürs Sultanat schon immer typischen, Abschaffung der Standesunterschiede, die in Europa jedoch so sehr in Stein gemeißelt dastanden, dass man dafür sage und schreibe mehr als achthundert Jahre brauchte. Auch dies ist eins der ungeschriebenen Ruhmesblätter Europas: dass sich Friedrich von Hohenstaufen und der Heilige Ludwig den modernen Staat (und mit ihm die moderne Toleranz und die strikte Trennung von Staat und Kirche) ebenso bei der islamisch-orientalischen Überlieferung abschauten wie die Gelehrten von Schottland bis Ungarn erst ihre Philosophie und dann ihre Naturwissenschaft.
Religion als Hingabe, als schwärmerisches Sich-ins-Meer-der-Liebe-Versenken und zugleich als kraftvoller, nicht redender, sondern handelnder Aufschlag, als jenes “Im Anfang war die Tat”, wonach der Germane sich immerzu sehnt: sie ist keine etwa immanent widersprüchliche und folgerichtig politisch neurotische Kreation des Islam, sondern tief in Geschichte und Charakter des Orient veranlagt.
Maria, die Gott-Mutter, in der wir die hundertbrüstige Artemis von Ephesos wiedererkennen, und Christos Pantokrator, Jesus nicht als Gemarterter mit Dornenkrone, sondern als imperialer, majestätischer All-Herrscher mit goldenem Heiligenschein: das Weibliche und das Männliche in reiner Vollkommenheit, in stolzer Ungebrochenheit: sie sind die Archetypen des Orientalischen. Nicht sie, nicht Judentum und Islam haben sich vom Christentum entfernt; sondern das Christentum, sich den ungepflegten, kulturlosen Barbarenheeren aus dem kalten Norden und Osten adaptierend, hat sich von seiner orientalischen Wurzel entfernt.
Das Christentum ist antiheroisch und antiintellektuell zugleich. Leiden, Selbstopfer, Demütigen und Gedemütigtwerden sind seine Konstanten, die ihm den freien Blick auf seine eigene Orientalität verstellen. Den Bezug zur frei waltenden Kraft und Schönheit hat es verloren. Er kann nicht wiederhergestellt werden, solange der Wunsch nach Erlösung überlagert wird von dem Komplex, überhaupt unerlöst zu sein. Das Dogma der eigenen Voraussetzungslosigkeit ist die erste Hürde, die fallen muss, will der europäische Westen jemals zu einer wirklichen Verständigung mit dem Orient kommen.
Header: “Sehet das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.” Carrie Mathison, die amerikanische Madonna des Westens, empfängt den Leib des Herrn. Ein orientalischer Ritus und eine orientalische Mythologik – im katholischen Christentum wie im Islam, konvertiert in die westlich-atlantische Sehnsucht nach Erlösung im und durch das Orientalische, verkörpert in der Inkarnation Jesu. Szenenfoto mit der Hauptdarstellerin Claire Danes aus der Serie Homeland, Season 5, Episode 1, © Showtime 2015.
© Konstantin Johannes Sakkas, 2017. All rights reserved.
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Terror und Teilhabe

Europa nach dem Anschlag von Nizza

Paris, nochmal Paris und jetzt Nizza. Der Terror lässt Europa nicht los. Längst befindet sich der Kontinent in einem kalten Kriegszustand, der Belagerungszutand, den Frankreichs Staatspräsident Hollande – so hieß es noch am Vorabend des Anschlags – zu Ende Juli auslaufen lassen wollte, wird nun verlängert werden. Verlängert auf unbestimmte Zeit. Denn eines ist klar: es wird nicht besser werden. Sondern schlimmer.

Warum? Die Frage aller Fragen stellt sich im Angesicht des Terrors, stellt sich im Angesicht realer, körperlicher und struktureller Bedrohung mit einer Vehemenz, die Europa nach dem Kalten Krieg lange nicht gewohnt war. Warum Terrorismus? Warum eine Serie von Anschlägen, die einen Anfang, aber kein absehbares Ende hat? Warum diese radikale Verunsicherung, die über die friedlichste Großregion der Erde seit einigen Jahren mit jäher Rasanz hereinbricht wie ein Gewitter über einen Sommerstrand?

Europa hat das Politische vergessen

Warum wir uns mit diesem Warum so schwertun, hat zwei Gründe. Zum einen die Unübersichtlichkeit in der globalisierten und digitalisierten Welt von heute. Zum anderen die Verleugnung des Politischen. Denn das Europa, die europäische Öffentlichkeit von heute hat das Politische vergessen.

Dass es überhaupt so etwas wie große Politik nach 1990 noch gebe, ist allein schon eine ungeheuerliche Zumutung für einen Zeitgeist, der seit 1990 tatsächlich glaubte, das „Ende der Geschichte“ sei gekommen. Nun: wir stehen zwar tatsächlich an der historischen Wegscheide zwischen dem Zeitalter der Politik und dem kommenden age of the cyborg, das der israelische Starhistoriker Yuval Harari neulich ausgerufen hat. Nationalität hat die Rolle als essential von Politik, die sie zwischen 1789 und 1945 spielte, endgültig eingebüßt. Dennoch ist Politik nicht tot, soweit wir als das ihr zugrundeliegende Prinzip Partizipation, also Teilhabe verstehen, wie es der Philosoph Volker Gerhardt vor einigen Jahren formulierte. Die Frage der Teilhabe steht im Raum, wann immer mehr als ein Mensch auf dem Planeten lebt. Heute sidn es an die acht Milliarden. Acht Milliarden Menschen, die sich in sozialen Schichten und in territorialen Regionen organisieren: von der New Yorker Upper East Side bis in die Kriegs- und Krisengebiete von Syrien.

Die Angst, zu kurz zu kommen

Wo es Teilhabe gibt, gibt es seit Menschengedenken auch Angst. Angst darum, bei der Teilhabe benachteiligt zu werden, zu kurz zu kommen, herunterzufallen, um persönliche Chancen des Glücks, des Aufstiegs und des Genusses betrogen zu werden. Terror – das lateinische Wort dafür – ist die expressive, gewalttätige Form dieser Angst. Und diese Angst ist real. Sie steckt in den Köpfen, in den Herzen, in den Körpern der Menschen. Die Angst, abgehängt, die Angst, zurückgelassen zu werden. Die Angst, nicht mithalten zu können. Diese Angst betrifft jeden von uns. Und sie betrifft, wie einzelne Menschen, so auch ganze Regionen. Nicht Nationen, nicht „Völker“, wie es Rechtspopulisten in ganz Europa denen von ihnen verführten Wählern weismachen wollen. Aber Regionen und ihre Bewohner. Afrika. Und auch den Orient.

Europa, der vielleicht selbstbewussteste Kontinent der Erde, ist geologisch und auch gepolitisch betrachtet nichts als der äußerste westliche Ausläufer einer riesigen Landmasse namens Eurasien. Europa zeichnet sich, so lange es besteht, aus durch eine explosive Mischung aus unerhörter geistiger Potenz, aus Erfinderreichtum einerseits und einer unglaublich fragilen und verletzlichen territorialen Situation andererseits. So lang es bestand, war dieses Europoa verletzlich. Der Kalte Krieg gönnte ihm von dieser Verletzlichkeit, die es an der Rand der Zerstörung, der phyisischen Auslöschung gebracht hatte, eine Atempause. Siebzig Jahre währt nun diese Atempause. Doch, so viel ist klar, diese Atempause ist zu Ende. Und die Einschläge kommen näher.

Frankreich ist nur der Anfang

Frankreich ist nur ein Anfang. Frankreich ist so verwundbar nicht etwa, weil es ein Problem mit seiner Einwanderung hätte, denn Deutschland ist inzwischen mindestens genauso ein Einwanderungsland, wie es Frankreich seit dem Ende der Kolonialzeit ist. Frankreich ist verletzlich, weil es die politische stärkste Macht Kontinentaleuropas ist. Frankreich verfügt über eine expressive politische Kultur. Frankreich verfügt über einen historischen Mythos. Frankreich verfügt über eine imperiale und eine koloniale Vergangenheit. Und Frankreich verfügt über eigene Atomwaffen.

Aus allen diesen Gründen verfügt Frankreich auch über geopolitische Konzeptionen, die weit über den kerneuropäischen Rahmen hinausreichen, in dem sich der Europadiskurs insbesondere in Deutschland seit Langem bewegt. Nicholas Sarkozy bewegte sich mit seinem Projekt einer Mittelmeerunion in diese Richtung. Wieso nennen wir den Orient Orient und nicht etwa Westasien? Weil der Orient historisch und geopolitisch nichts anderes ist als der Osten Europa, der vergessene östliche, eben „orientalische“ Flügel unseres Kontinents. Die Gründungsmythen Europas, vom Gilgameschepos über die attische Polis bis zum Leiden und der Auferstehung Jesu, sind orientalische Mythen. Europas, die abendländische Geschichte ist in the long run betrachtet nichts anderes als die Geschichte der praktischen Adaption dieser morgenländischen Mythen. Nur hat Europa diese seine Wurzel, und damit auch seine politische Verantwortung jenseits seiner Grenzen, gründlich vergessen.

Solang Europa seine Verantwortung wegdelegiert, wird sich die Schlinge weiter zuziehen

Solange sich die europäischen Mächte, und allen voran Deutschland, nicht dieser Wurzel und dieser Verantwortung besinnen, wird sich die Lage nicht bessern. Solange Europa immer noch glaubt, seine außenpolitische Verantwortung wegdelegieren zu können an die USA und Russland, wird sich die Schlinge um Europa weiter zuziehen mit unabsehbaren Folgen.

Terrorismus ist nicht die einzige Bedrohung, die unserer harrt. Genauso bedrohlich, wenn nicht bedrohlicher ist die Verarmung, auf die wir zurasen. Italien sei wie Griechenland, nur schlimmer, heißt es schon auf den Fluren Brüssels. Die Generation Y wird die erste europäische Generation seit Langem sein, aus der mehr Menschen sozial ab- als aufsteigen werden. Das äußere Problem Europas heißt Terror. Das innere Problem Europas heißt Angst.

Der Orient gehört zu Europa

Die Randregionen Europas sind der Orient und Nordafrika. In Intellektuellenkreisen in Frankreich und Deutschland ist dieses Denken längst Gemeingut. Nur politische wird dieses Denken immer noch nicht, oder nicht stark genug, kommuniziert. Millionen von Menschen leben dort, die teilhaben wollen an den unglaublichen Reichtümern, am Luxus der Globalisierung und des Sozialstaates, von dem das kleine Europa profitiert wie keine andere Region dieser Welt. Wer das Politische für old fashioned und nicht mehr aktuell hält, verkennt, dass es Wettbewerb und Distinktion auf der Welt gibt und geben wird, solange zwei Menschen an einunddemselben Platz leben werden, die sich voneinander unterscheiden und die einander überlegen sein wollen. Diese Distinktion, wir sagten es bereits, betrifft Individuen genauso wie Gruppen von Individuen. Die Mittelschicht wird durch den digital shift, den Wegfall von Millionen traditionellen Arbeitsplätzen und die Übermacht der Finanzwirtschaft aufgerieben. Die emerging middle class im Orient und der Levante wird durch Krieg und Bürgerkrieg ihrer wirtschaftlichen und materiellen Grundlage brutal beraubt und flieht in den Westen, flieht nach Kontinentaleuropa. Großbritannien, genauer England und Wales, haben darauf bereits reagiert und mit dem leave vote den Weg in die isolationistische Richtung eingeschlagen, den die USA, von jeher das politische und ideologische Vorbild des modernen Englands, seit Ende des Kalten Krieges bereits gehen.

Europa, das heißt Kontinentaleuropa, kann diesen Weg nicht gehen. Europa trennt kein Ärmelkanal vom Orient, geschweige denn ein atlantischer Ozean. Europa hat keinen Panzergraben. Europa muss den Tatsachen ins Auge sehen. Europa muss auch seine Geschichte wiederentdecken, anstatt dieses Feld den Rechtspopulisten vom Front national und von der AfD zu überlassen. Europa muss endlich eine gemeinsame außenpolitische Agenda auflegen. Europa muss sich politisch erweitern, nicht Richtung Russland, sondern Richtung Orient. Europa muss eine gemeinsame Wirtschaftspolitik auflegen, die hinausreicht über Subventionen und eine Währungsunion, die die reichen Volkswirtschaften reicher und die armen ärmer gemacht hat. Europa muss endlich eine außenpolitische Vision entwickeln. Wenn nicht, dann fällt irgendwann der Vorhang.

Europa muss endlich eine außenpolitische Vision entwickeln

Der Orient ist Europas Hinterland. An dieser Erkenntnis führt, das zeigen die jüngsten Ereignisse, kein Weg vorbei. Entweder die europäische Politik stellt sich dieser Erkenntnis; oder sie zerbricht irgendwann daran. Der Mensch, heißt es, lernt entweder durch Einsicht, oder durch Katastrophen.

Seit fünf Jahren stehen die USA und Russland einander im Orient gegenüber. Den IS versuchen sie, mit Drohnenschlägen zu bekämpfen. Bodentruppen will keiner von ihnen schicken, obwohl jeder weiß, dass nur das die Lösung bringen könnte. Warum? Weil niemand in Washington und Moskau sich einen zweiten Checkpoint Charlie leisten will und leisten kann. Beide Länder bilden in sich geschlossene politische und gesellschaftliche Kosmen. Beide haben ein Mittelschichtenproblem und kämpfen mit einer wachsenden öffentlichen Vesrschuldung. Beide werden autoritär regiert, beide fördern ihre Wirtschaft durch einen dezidierten Liberalismus, der zwar global agiert, aber das eigene Wohl – natürlich – in den Vordergrund stellt. Die europäischen Eliten und auch Teile der europäischen Mittelschicht orientieren sich längst gezielt in eine der beiden Richtungen. Sie wissen, was jeder von uns spürt: dass in Europa bald die Lichter ausgehen könnten, und dass es dann darauf ankommt, auf der richtigen Seite zu stehen.

Die angestammte europäische Indifferenz ist eine Sackgasse

Die alte europäische Indifferenz, die nirgends so ausgeprägt ist wie in Deutschland mit seiner auf Konsens und Quietismus ausgelegten politischen Kultur, ist eine Sackgasse. Europa, das wollen viele hier nicht hören, verdankt seinen beispiellosen Aufstieg zu Ruhe, Frieden und Reichtum dem Agreement der beiden Supermächte nach 1945, die Deutschland und in seinem Windschatten die übrigen Länder West- und Osteuropas nach Kräften pamperten, um es nicht zum Schlachtfeld künftiger Weltkriege, die sehr wahrscheinlich das Ende der Welt bedeutet hätten, werden zu lassen, und um den Europäern die Lust auf imperialistische Abenteuer ein für allemal zu nehmen. Wer hat schon noch Lust darauf, die Welt zu erobern, wenn er sich jederzeit ein Flugticket in jeden Winkel der Welt kaufen kann? Wer hat es nötig, Lebensraum oder rohstoffreiche Räume zu erobern, wenn er im Überfluss lebt, seine Rechnungen zahlen und dazu noch Vermögen anhäufen kann?

Das war die europäische Vision von 1945 bis 2015, eine exogene Vision, Europa und den Europäern oktroyiert von Amerika und Russland, nicht im Kontinent selbst geboren. Ihr verdankten unsere Großeltern und Eltern den Frieden und Wohlstand der vergangenen Jahrzehnte. Diese Epoche geht nun ihrem Ende zu, wenn sie nicht schon vorüber ist. Die alten Eliten müssen den Jungen Platz machen, die wirklich Ahnung vom heutigen Leben haben, weil sie dieses Leben und seinen brutalen Ernst on the edge kennen, und nicht nur aus Hollywood oder aus der Berichterstattung. Terror und Teilhabe: beides ist im Zeitalter der Globalisierung nicht voneinander zu trennen, so wie die Opfer von Nizza nicht zu trennen sind von den Unzähligen, die sich kein Ticket nach Nizza und kein Hotelzimmer dort leisten können.

Terrorismus wird man nur durch ein Mehr an Teilhabe bekämpfen können

Den Terrorismus wird man nur durch ein Mehr an Teilhabe bekämpfen können, nicht durch ein weniger. Die Angst wird man nur bekämpfen durch lautes und offenes Aussprechen der Dinge, nicht durch ihr geflissentliches Verschweigen und Beschönigen. Entweder die europäische Politik, allen voran Deutschland und Frankreich, lernen diese Lektion und setzen sie um. Oder es gibt noch mehr Terroranschläge, noch mehr Abgehängte und Verarmte, noch mehr tote Flüchtlinge im Mittelmeer, und irgendwann wird Deutschland Ground Zero des nächsten Terroranschlags.

© Konstantin Sakkas, 2016

Header: Der LKW von Nizza, 14./15. Juli 2016

 

 

Weltkrieg der Mittelschichten

Künftige Konflikte werden weltweite Konflikte zwischen den Mittelklassen sein

400 Dollar. So viel kostet eine durchschnittliche Autoreparatur in den USA. Ein Betrag, den sich viele in der hochverschuldeten amerikanischen Mittelschicht nicht oder nur schwer leisten können. Amerikas Mittelklasse ächzt und stöhnt unter ihrer wachsenden Verschuldung und Verarmung.

400 Euro. So viel kostet bei uns in Deutschland der TÜV, ein neues Inlay, eine neue Winterjacke. Eine Summe, an der auch hier immer mehr Menschen zu knabbern haben. Wohlgemerkt nicht Arbeitslose und Ein-Euro-Jobber. Sondern Menschen aus der Mittelklasse. Akademiker, Angestellte, Selbstständige.

Was immer man über den französischen Ökonomen Thomas Piketty denken mag: mit seiner Analyse, dass den Mittelschichten der westlichen Industriestaaten eine gigantische Verarmungswelle bevorsteht, wird der Autor des Bestsellers „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ Recht behalten.

Zwischen 1950 und 2000 vollziehen die westlichen Gesellschaften einen gigantischen Aufstiegsprozess

Hinter uns liegen fünfzig erfolgreiche Jahre. Den „dreißig glorreichen Jahren“ des Wirtschaftswunders zwischen 1950 und 1980, in denen die Weichen für eine moderne Betriebsverfassung mitsamt Kündigungsschutz und großzügigen Rentenanpassungen gestellt wurden, folgten ab 1970 die dreißig glorreichen Jahre der Bildung.

Kinder von Arbeitern und kleinen Angestellten machten auf einmal Abitur, studierten, wurden Akademiker. Die gesamte Gesellschaft machte einen riesigen Aufstiegsprozess durch. Staat und Wirtschaft flankierten diesen Prozess durch breitangelegte Förderprogramme und eine großzügige Kreditpolitik. Der amerikanische Traum der Nachkriegszeit, wie wir ihn aus „Brokeback Mountain“ kennen, hielt Einzug in Europa: ein eigenes Haus oder Reihenhaus, mindestens ein Auto, Gymnasialbesuch und anschließend ein Hochschulstudium für die Kinder waren nicht länger ein Privileg der Oberschicht, sondern wurden zur Regel für fast alle.

Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft ist seit den 1980ern Realität

Bereits in den Sechzigern erfand der Soziologe Helmut Schelsky für diesen Prozess den Begriff der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“. Damals freilich war die Gesellschaft noch weit davon entfernt. Der eigentliche Durchbruch kam in den Achtzigerjahren. Im Schatten des Kalten Krieges und unter dem Schutzschirm der amerikanischen Containmentpolitik schien sich in Europa ein ewiger Sabbat des Friedens und Wohlstandes auszubreiten.

Verantwortlich waren dafür allerdings nicht nur die Marshall-Milliarden, die bald nach Kriegsende in die öffentlichen Kassen aller westlichen Länder und auch Jugoslawiens und der Türkei flossen. Der Zusammenhang ist ein viel größerer.

Vor einhundert Jahren stirbt die klassische europäische Oberschicht

Vor einhundert Jahren tobte in Europa der Erste Weltkrieg. Seine vielleicht wichtigste Folge war keine politische, sondern eine gesellschaftliche: der Tod der alten europäischen Oberschicht und zeitgleich die Geburt der Mittelschicht von heute. Von 1914 bis 1923 wütete in allen kriegführende Staaten eine verheerende Inflation. Das Deutsche Reich und Österreich waren als Kriegsverliere am stärksten davon betroffen, was bei uns bekanntlich in der Hyperinflation von 1923 gipfelte. Aber auch in England und Frankreich vernichteten die Geldabwertung sowie die immer erdrückendere Konkurrenz der USA auf dem Weltmarkt die Kapitalbasis der alten Oberschicht. Bis zu diesem Zeitpunkt war es in den höheren Gesellschaftsklassen üblich, von Kapitalerträgen zu leben, die mit schöner Regelmäßigkeit aus Fonds auf die Konten der Privatleute flossen. Der Romancier Marcel Proust etwa († 1923), Sohn eines reichen Pariser Bankiers, bezog umgerechnet 12.000 € Zinsen – damals vornehm auf Französisch Renten genannt – aus seinem Anlagevermögen– pro Monat, wohlgemerkt.

Die große Inflation machte damit Schluss. Wirtschaftshistoriker sprechen in dem Zusammenhang vom Tod der Rentiers. Auf einmal war arbeiten gehen keine Frage des Status oder des Vergnügens mehr, sondern bittere Not. Der Film „Just a Gigolo“ (1979) mit David Bowie und Marlene Dietrich in ihrer letzten Leinwandrolle sing genau davon ein Lied. Die frühere Oberschicht bröckelte ab und vermischte sich mit Aufsteigern aus der Arbeiterklasse, die ebenfalls der Erste Weltkrieg hervorgebracht hatte, zu einer neuen Mitteklasse.

Diese neue Mittelklasse musste versorgt werden: mit sicheren und vor allem ausreichenden Arbeitsplätzen, mit großzügigen Bankkrediten, mit sozialer Absicherung. Der Tod des Rentiers war zugleich die Geburt der heutigen Mittelschicht.

Der Tod des Rentiers war zugleich die Geburt der Mittelschicht von heute

Sowohl Europa als auch die USA stehen in den Dreißigerjahren ganz im Zeichen dieser neuen Mittelschichtpolitik. Roosevelts von John Maynard Keynes inspirierter New Deal und Hitlers kreditfinanzierte Wohlfahrts- (und Rüstungs-) Politik sind die bekanntesten Beispiele hierfür.

Dieser Trend setzte sich nach dem Krieg fort: in Deutschland sowie in der ganzen westlichen Welt. Die USA als tonangebende westliche Siegermacht hatten ein Ziel: die Förderung einer möglichst wohlhabenden Mittelschicht in ganz Westeuropa, um so einen Abfall zum Kommunismus (wie er vor allem in Klassengesellschaften wie Italien und Griechenland drohte), aber auch einen Rückfall in kontinentale Alleingänge wie den Nationalsozialismus (denn als solcher wurde er jenseits des Atlantiks wahrgenommen) zu verhindern.

Der Zweite Weltkrieg vollendete wirtschaftspolitisch, was der Erste begonnen hatte

Der Zweite Weltkrieg vollendete so gesellschafts- und wirtschaftspolitisch, was der Erste begonnen hatte. Die westlichen Gesellschaften vermittelschichteten. Viele Söhne der Unterklasse waren 1918 als Unteroffiziere, deren Söhne dann 1945 als Offiziere nach Hause gekommen. Ihre Familien strebten in die unternehmerische Selbstständigkeit und ins Akademikertum. Studieren war kein Privileg abgesicherter Bürgerskinder mehr, sondern wurde zum Volkssport.

Achtundsechzig tat dann das Übrige. Seine wichtigste Folge war weniger die Politisierung der Studentenschaft, als vielmehr die Akademisierung der Nichtakademiker. Viele von ihnen wollten nun auch Studenten sein – um mitreden zu können und um dazuzugehören. Die neuen sozialen Bewegungen als politische Folge von Achtundsechzig schufen hierzu die Grundlagen: es wurde Mode, das Abendgymnasium zu besuchen, die Universitäten erhielten immer mehr Zulauf und lockten durch ein de facto kostenloses Studienangebot, das direkt in bessere Beschäftigungsverhältnisse zu führen versprach, BAFÖG und Sozialhilfe gewährleisteten die Freiheit von extremer Not und Armut während und nach dem Studium. In den 1980er Jahren war aus Deutschland die perfekte Mittelschichtgesellschaft geworden.

Seit den Achtzigern geht es bergab

Seitdem geht es bergab. Zur Überflutung der Universitäten, die längst keine individuelle Betreuung mehr gewährleisten, kommt eine immer erdrückendere Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Sozialer Status hat sich längst vom Einkommen entkoppelt. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse betreffen nicht nur den ungelernten Arbeiter, der von Zeit- und Leiharbeitsfirmen ausgebeutet wird, sondern auch den Mittelschichtler mit Hochschulabschluss, der sich von Job zu Job hangelt, mal schlechter, mal besser bezahlt, immer mit dem Damoklesschwert des finanziellen Absturzes und der Altersarmut über dem Kopf. Angestellte gehen mit hohen Abschlägen in die Rente, Immobilien sind keine Wertanlage, sondern reine Wohnobjekte, die oft entweder noch verschuldet an die Kinder vererbt, oder von diesen im Wege der Erbteilung veräußert werden. Dabei spielt elterliches Vermögen bei der sozialen Absicherung der Generation Y und der Millennials, also der zwischen 1970 und 2000 Geborenen, in demselben Maße eine immer größere Rolle, wie es immer kleiner wird.

Das Prekariat ist längst ein Mittelschichtenphänomen

Die Krise der Mittelschichten ist ein weltweites Phänomen. Die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA werden am Ende nichts anderes als ein Referendum über die Zukunft der amerikanischen Mittelklasse sein. Einer Mittelklasse, die längst vom Fortschritt abgehängt wurde und als deren Sprecher aller Voraussicht nach Donald Trump ins Rennen gegen Hillary Clinton gehen wird.

Auch die Krise in Syrien, dem Irak und Ägypten ist eine Krise der dortigen Mittelklassen. Die Flüchtlinge, die bei uns ankommen, sind längst nicht mehr nur ungelernte Arbeiter mehr, die sich mit einem 400-Euro-Job hinter er McDonald’s-Theke abspeisen lassen. Sondern Ärzte, Anwälte und Ingenieure, die im reichen Europa den Standard wieder erreichen wollen, den sie in ihrer vom Krieg geplagten Heimat einst innehatten.

In Europa aber treffen sie auf eine Mittelschicht, die selber ums Überleben kämpft. Im längst verarmten Südeuropa ebenso wie in Frankreich, Österreich und Deutschland. Osteuropa, das seit dem Ende des Kalten Krieges 1990 verzweifelt den Anschluss an den reichen Westen sucht und seit je scharf an der Überschuldung entlangsegelt, war von vorneherein ein Gegner der deutschen Flüchtlingspolitik. Der wirtschaftliche Absturz, der den Mittelschichten auf dem ganzen Kontinent droht, wird die Länder des früheren Ostblocks als erste treffen.

Für die Mittelschicht gilt die Parole: rette sich, wer kann

Längst gilt für die Mittelklasse in Europa: rette sich, wer kann. Jobmigration ist schon lange nicht mehr das Unterschichtenphänomen, das es früher einmal war, zuletzt während des europäischen Wirtschaftswunders, als Millionen unqualifizierter Gastarbeiter aus Italien und der Türkei, später auch aus Ostasien und dem Orient nach Europa strebten. Hochqualifizierte Expatriates migrieren aus Industriestaaten in andere Industriestaaten wie die USA, oder ins aufstrebende China.

Noch suggerieren die Politiker der reichen EU-Staaten, es könne alles so weitergehen wie bisher. Doch öffentliche und private Verschuldung werden früher oder später das traditionelle Gefüge von Tariflöhnen und öffentlichen Leistungen aufgefressen haben. Was folgt, ist nicht Hunger – aber Verschuldung, Armut und der Tod der Mittelklasse. Leinwandepen wie die „Hunger Games“-Trilogie oder auch Serien wie „Orange ist the new black“, die den sozialen Absturz von westlichen Mittelschichtlern erzählen, bereiten ihre Zuschauer auf genau dieses Szenario vor

Im Westen wird fieberhaft an alternativen Modellen der sozialen Absicherung gearbeitet

Schon arbeiten Think Tanks und Bürgerinitiativen in der ganzen westlichen Welt fieberhaft an alternativen Einkommensmodellen. Anfang Juni findet in der Schweiz das erste landesweite Referendum über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens statt. In den USA wird bereits eine negative Einkommenssteuer auf Niedriglöhne erhoben, die als Zuschuss auf diese Löhne ausgezahlt wird.

Und auch in Deutschland werden solche Überlegungen immer populärer. Manager wie dm-Gründer Götz Werner oder Telekom-CEO Timotheus Höttges erwarten für die nächsten Jahrzehnte einen massiven Wegfall von Arbeitsplätzen durch die weitere Automatisierung von Produktionsvorgängen. Beide Manager gehören zu den Befürwortern eines Grundeinkommens.

Grundeinkommensmodelle werden überall im Westen diskutiert

Die Industrialisierung der Landwirtschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat den uralten Feind der Menschheit, Hunger, in den Industriestaaten faktisch ausgerottet. Die digitale Revolution, in der wir uns befinden, macht nun auch Millionen Arbeitsplätze überflüssig. Mit Hochdruck forschen Wissenschaftler in aller Welt an künstlicher Intelligenz. Schon experimentiert die Deutsche Post mit Paketzustellungen per Drohne. Skandale wie der um manipulierte Abgaswerte bei VW und Mitsubishi zeigen, dass nicht mehr Maschinenbau, sondern Softwareentwicklung die wirtschaftliche Kernkompetenz der Industriestaaten ist. Internetkonzerne wie Google, Apple oder Facebook dominieren folglich schon jetzt die Aktienmärkte und bauen diese Position weiter aus. Ihre Stärke rührt auch daher, dass sie mit weitaus weniger Beschäftigten auskommen als ein klassischer Industriekonzern.

Jeder sucht den Statuserhalt

Aus der Industriegesellschaft ist längst eine Dienstleitungsgesellschaft geworden. Nun geht es auch dem Dienstleistungssektor an den Kragen. Die Folge: viele klassische Karrierepfade der Mittelschicht führen ins Leere. Die Politik sucht nach neuen Konzepten der sozialen Absicherung. Der Einzelne aber sucht den Statuserhalt. Auch ein Grundeinkommen wird nicht den ewigen Drang des Menschen nach Distinktion und Wettbewerb beseitigen. Wir werden einen kalten Weltkrieg der Mittelschichten erleben, einen Weltkrieg um Statuserhalt und Statusgewinn.

Europa wird Schauplatz des kalten Kriegs der Mittelschichten sein

Europa ist in diesem Kampf besonders gefährdet. Durch seine geopolitische Lage und durch seine politische Uneinigkeit. Die Großmächte Russland und China verfolgen längst eine Politik der gesellschaftlichen Abschottung und ziehen bewusst eine ehrgeizige und expansive Mittelschicht heran. Die Supermacht USA erkennt – das zeigt der Wahlkampf –, dass sie wieder ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten für die eigene middle class werden muss, will sie im internationalen Wettbewerb nicht zurückfallen. In Europa sind die Mittelschichten überall im Wanken, am schwersten im Süden, aber immer mehr auch im reichen und bisher stabilen Mitteleuropa. Nun kommt Konkurrenz aus dem Orient dazu, der immer im Windschatten Europas fuhr.

Es wird spannend. Niemand kann vorhersagen, wo sich Europa und die Europäische Union in zwanzig Jahren befinden werden. Gut möglich, dass die derzeitige Krise den Kontinent wieder enger zusammenrücken und erstarken lässt. Genauso gut aber ist es möglich, dass der Doppeldruck der geopolitischen Situation und der digitalen Transformation des Arbeits- und Wirtschaftslebens Europa dauerhaft schwächen wird. Eine neue Unterschicht wird entstehen, die mit vielen gefallenen Mittelschichtlern gefüllt werden wird. Und politisch könnte Europa nach tausend Jahren der weltpolitischen Dominanz endgültig durch die Flügelmächte USA im Westen und China im Osten marginalisiert werden.

© Konstantin Sakkas, 2016

 

 

 

 

 

 

Zeitenwende 1913. Das Geburtsjahr der Moderne

1913 schließt sich das Tor zur Vergangenheit Alt-Europas und öffnet sich zugleich die Tür zu einer neuen Zeit – es ist das Jahr, in dem sich zwei Epochen in finaler Verdichtung berühren. Blicken wir darauf zurück, sehen wir ein Bild, das unserer heutigen Welt erstaunlich ähnelt
Noch nie in der Geschichte hat sich die Welt in so kurzer Zeit so radikal verändert wie in den 100 Jahren zwischen 1913 und 2013. 1913 war das letzte Jahr des Ancien Régime: Die europäischen Großmächte waren, mit Ausnahme Frankreichs, monarchisch verfasst. Lediglich in England hatte das Parlament weitergehende Kompetenzen, aber selbst dort war das Königshaus einflussreich, wie sich in der Julikrise am Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 zeigte.

Die Gesellschaft war, zumindest oberflächlich, vor allem noch ständisch gegliedert, noch immer bestimmte weitgehend die Geburt, ob man zu den privilegierten Kreisen aus Adel und Bürgertum zählte oder nicht. Unterbürgerlich – das waren 85 Prozent der Gesellschaft; die Eliten, insbesondere in Deutschland, rekrutierten sich aus einem Reservoir adliger und großbürgerlicher Familien, das sich zwar stetig, aber nur langsam erweiterte.

Die große Weltpolitik wurde von den fünf Großmächten England, Deutschland, Frankreich, Russland und Österreich-Ungarn bestimmt; die USA waren zwar damals schon, vor dem Deutschen Reich und Großbritannien, die Wirtschaftsmacht Nummer eins, pflegten aber ihre splendid isolation, die sie erst 1917, mit dem Eintritt in den Weltkrieg aufseiten der Entente, aufgeben sollten – dann aber, um im Handumdrehen die erste und lange Zeit einzige Supermacht der Welt zu werden.

Asien spielte damals als Subjekt von Politik keine Rolle. Indien, heute eine kommende Weltmacht, war britische Kolonie, 1911 hatte sich Georg V in einer bombastischen und sündhaft teuren Zeremonie zum Kaiser von Indien gekrönt. Japan machte seit dem 19. Jahrhundert ehrgeizige Versuche, in der Weltpolitik eine Rolle zu spielen, arbeitete sich aber vorerst an Russland ab, dem größten Staat der Erde, der, unterstützt durch die panslawistische Ideologie in Osteuropa, ein eurasisches Großreich ansteuerte, dessen innenpolitische Probleme aber dem Land keine Ruhe ließen und 1917 schließlich zur kommunistischen Revolution führten. Das kaiserliche China erwachte erst mit der Revolution 1911 aus seinem jahrhundertelangen Dornröschenschlaf, und es sollte weitere 50 Jahre brauchen, bis es auf der Bühne der Weltpolitik als vollwertiger Player auftreten konnte; dennoch sprach man vorausahnend schon damals von der „gelben Gefahr“.

In den europäischen Hauptstädten ahnte man, dass es mit der politischen Dominanz der Alten Welt bald vorbei sein würde. Nach außen freilich schien die alte Ordnung, die sich im 19. Jahrhundert vom Wiener Kongress 1815 über die bürgerlichen Revolutionen 1848 bis zur deutschen Reichseinigung 1871 eingepegelt hatte, fest und unerschütterlich. „Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen“, hatte Deutschlands Kaiser Wilhelm II bei seinem Regierungsantritt 1888 verkündet, meinte damit aber eigentlich die „guten alten Zeiten“, von denen ganz Europa insgeheim hoffte, dass sie ewig dauern würden. Seit 1871 hatte zwischen den europäischen Mächten kein Krieg mehr stattgefunden; stattdessen Wirtschaftswachstum, langsame Öffnung der gesellschaftlichen Schranken, steigender Wohlstand auch für die klein- und unterbürgerlichen Schichten. Europa erlebte 1913 seine halkyonischen Tage.

Andererseits ist 1913 ein vorweggenommenes 2013. Die Wirtschaft war damals international so sehr verflochten, wie es erst nach dem Ende des Kalten Krieges in den neunziger Jahren wieder der Fall sein sollte. Die weltweite familiäre und institutionelle Verflechtung vieler Industriellendynastien stammt aus eben jener Zeit; darin taten sie es den Monarchen gleich, deren Häuser untereinander heirateten und die durch dieses Konnubium die internationale Stabilität zu sichern schienen. Die ehemals stand- und rechtlosen Massen emanzipierten sich, die Arbeiterbewegung, 1913 genau ein halbes Jahrhundert alt, hatte, anstatt blind gegen den Staat zu rebellieren, die Unterschicht behutsam an eben diesen Staat herangeführt, und der Erfolg der Sozialdemokratie bei der Reichstagswahl 1912 bewies eindrucksvoll, dass die Arbeiter zum Staat gehörten und Mitsprache bei der Leitung dieses Staates verlangten. Bismarcks Sozialgesetzgebung, in den 1880er Jahren als Reaktion auf die erstarkende Sozialdemokratie begonnen, ebnete den Weg in den modernen Sozialstaat. Zum 1. Januar 1900 war das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft getreten; es gilt noch heute.

Vielleicht am deutlichsten werden die Gemeinsamkeiten von 1913 und 2013 am Beispiel der technischen Entwicklung. 1913 ist die Zeitscheide, der Dreh- und Angelpunkt in den 200 Jahren zwischen 1813, dem Jahr der Befreiungskriege, und 2013, dem Jahr der Eurokrise. 1813 schlief Europa noch den Schlaf der Gerechten; man heizte mit Holz, leuchtete mit Kerzen, reiste in der Postkutsche auf meistens schlecht oder gar nicht gepflasterten Straßen. Das Impfwesen stand ganz an seinem Anfang, Kindersterblichkeit und Unterernährung waren gang und gäbe.

1913 dagegen war Europa von einem dichten Netz aus Eisenbahnlinien durchzogen, das Reisen mit dem Dampfzug war längst kein Privileg der Wohlhabenden mehr, in der Holzklasse saßen Arbeiter und einfache Soldaten auf dem Weg in ihre Garnison. 1813, nach der Völkerschlacht bei Leipzig, waren die siegreichen Monarchen zu Pferde in die eroberte Stadt eingeritten; 1913 ließ sich Kaiser Wilhelm II, ein Techniknarr wie alle großen Herren seiner Zeit, in der Mercedeslimousine chauffieren, auf dem Grill freilich nicht der Stern, sondern das Hohenzollernwappen.

Die Medizin hatte ungeheure Fortschritte gemacht, schon Rudolf Virchow hatte die erste erfolgreiche Herz-OP durchgeführt, Impfungen und eine immer professionellere Anästhesie verlängerten Jahr für Jahr die durchschnittliche Lebenserwartung. Der Tod im Wochenbett wurde seltener, es gab keine Epidemien mehr, und die Arbeiter verdienten zwar in der Regel immer noch schlecht, hatten aber wenigstens genug zu essen und konnten sich anständig kleiden. 1813 hatte man noch die Nachttöpfe in den Gassen ausgekippt, 1913 gab es großflächig funktionierende Kanalisationen und in immer mehr Wohnungen fließendes Wasser. Hungerperioden, die wie 1816, im „Jahr ohne Sommer“, noch ganz Europa heimgesucht hatten, gehörten nun der grauen Vorzeit an. Der europäische Mensch, der 1789 mit seiner Lebenswelt noch tief im Mittelalter gesteckt hatte, war 1913 in der Moderne angekommen.

Längst fuhr man in den Städten nicht mehr mit der Pferdedroschke, sondern mit der „Elektrischen“; überhaupt war Elektrizität die Technologie der Zukunft. Gaslaternen und Petroleumlampen verschwanden, bald erhellte elektrisches Licht die Straßen, Plätze und öffentlichen Gebäude. „Glühwürmchen, Glühwürmchen flimm’re“ – der Schlager von Paul Lincke tönte aus dem Grammofon in Tanzlokalen und Betrieben. Fotografie und Film waren die Medien der Zeit, und die Monarchen, allen voran der deutsche Kaiser, waren die ersten Medienstars.

Überhaupt, die Medien: Wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch fleißig zensiert, so waren Zeitungen und Zeitschriften am Vorabend des Ersten Weltkriegs in der Unabhängigkeit angekommen. Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte wurden Meinungen „gemacht“, Verleger waren nicht nur schwerreich und gehörten selbstverständlich zum Establishment, sondern konnten mit ihren Erzeugnissen Regierungen stürzen oder wenigstens – wie Maximilian Harden, der mit seiner „Zukunft“ 1906 die Eulenburg-Affäre auslöste und damit Kaiser Wilhelm II an den Rand der Abdankung brachte – in arge Bedrängnis versetzen. Das Analphabetentum war im Zuge der Industrialisierung so gut wie verschwunden, und so gab es zum ersten Mal wirklich so etwas wie eine öffentliche Meinung. Klassische Kabinettspolitik, wie Bismarck sie in seinen ersten Jahren als preußischer Ministerpräsident noch gemacht hatte, wurde da unmöglich. Auch deshalb geriet der Weltkrieg zum ersten modernen „Volkskrieg“: Die Massen waren informiert und wollten mitreden.
Längst fuhr der reiche Landadel in Wien, Berlin und London im Sommer mit dem eigenen Automobil „auf die Länder“, die Industriellenfamilien von heute, ob Großkonzerne oder Mittelstand, legten vielfach in der Hochkonjunktur von 1900 das Fundament für ihren Reichtum. Das Geld, das heute die Welt regiert, ob in den USA oder in Europa, ist oft fünf oder sechs Generationen alt, seine Ursprünge liegen in jener Zeit des aggressiven Wirtschaftswachstums, zwischen 1815 und 1914 flankiert von einer Politik der „balance of power“ ohne größere kriegerische Zwischenfälle. Übrigens etablierte sich auch die Schweiz, um 1850 noch ein bitterarmes Land, als Nibelungenhort der Reichen und Mächtigen, die dort ihr Vermögen vor dem kommenden Gewitter in Sicherheit brachten; Österreichs schöne Kaiserin Elisabeth, die 1898 einem Mordanschlag zum Opfer fiel, war eine der Ersten, die in der Schweiz mit sicherem Instinkt ihre Millionen anlegte.

Der Weltkrieg schließlich, der 1914 überraschend und zugleich von allen erwartet ausbrach, offenbarte vollends, dass man nicht mehr im 19. Jahrhundert lebte. Schon lange war das Telefon als erste Wahl in der Telekommunikation in den Ämtern und Kontoren, aber auch in den Häusern der Wohlhabenden angekommen. Im Krieg schlug dann die Stunde der drahtlosen Kommunikation. Wovon Leonardo da Vinci 400 Jahre zuvor geträumt hatte, war nun Realität: Man kämpfte nicht nur zu Wasser und zu Lande, sondern auch in der Luft und unter Wasser. Luft- und U‑Boot-Waffe entschieden zwar nicht den Krieg, aber sie läuteten das Zeitalter der modernen Kriegstechnologien ein. Ihre kriegerische Nutzung wirkte, wie immer, als gewaltiger Katalysator auf die Entwicklung der Luftfahrt.

Marcel Proust beschrieb in seinem Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mit gruseliger Faszination die ersten deutschen Bombenangriffe auf Paris. Die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs durch das Deutsche Reich 1917 rief die USA auf den Plan und legte so eigentlich den Grundstein zur Weltmachtstellung, die Amerika, einmal aus seinem Isolationismus erwacht, in kürzester Zeit erringen sollte. Zugleich schuf er die Voraussetzung für die politische Entwicklung der kommenden 30 Jahre: Was den verbündeten Engländern und Franzosen auf den Schlachtfeldern zwischen Kanalküste und Schweizer Grenze in drei Jahren nicht gelungen war, schafften sie mit Hilfe der materiell himmelhoch überlegenen Amerikaner in sechs Monaten: Deutschland bat um Waffenstillstand, verlor seinen Kaiser und seine Landesfürsten und, wie sich zeigen sollte, seine innere Stabilität. Die Geburtsstunde des „Politikers“ Adolf Hitler hatte geschlagen.
1913 ist das Jahr, in dem alte und neue Zeit einander in finaler Verdichtung berühren. Als am 24. Mai in der Reichshauptstadt Berlin, die sich längst von der niedlichen biedermeierlichen Residenz zur Wirtschafts- und Kulturmetropole von internationalem Rang entwickelt hat, die Hochzeit der Kaisertochter Prinzessin Viktoria Luise mit dem braunschweigischen Thronprätendenten Prinz Ernst August von Hannover gefeiert wird, feiert sich zugleich das alte, monarchische Europa – es sollte die letzte glänzende Zusammenkunft der europäischen Fürsten sein, an ihrer Spitze Wilhelm II und seine beiden Cousins, König Georg V von England und Zar Nikolaus II von Russland. Anlässlich dieses Ereignisses entstand übrigens der erste Farbfilm und lieferte Bilder von Berlins festlich geschmücktem Prachtboulevard Unter den Linden, aufgesessenen Gardekürassieren in schimmernder Rüstung und mit schwarz-weißen Wimpelchen an ihren Paradelanzen.
Auch da also eine Begegnung von Tradition und Moderne, genauso wie bei der Verkündung der Mobilmachung ein Jahr später: Mit altmodisch gesetzten Worten sprach der Kaiser, der den Krieg, genauso wie seine royalen Vettern, nicht wirklich gewollt hatte, zur Bevölkerung vor dem Berliner Stadtschloss: „Wir werden kämpfen bis zum letzten Atemzug von Mann und Ross“ – doch die Rede wurde mithilfe modernster Technik aufgezeichnet und ist als Tondokument bis heute überliefert. Und nicht mehr Rösser sollten im folgenden Krieg die Entscheidung bringen, sondern motorisierte Einheiten, Panzer und Giftgas.

So schließt sich 1913 das Tor zur Vergangenheit Alt-Europas und öffnet sich zugleich die Tür zu einer neuen Zeit, einer Zeit, wie es der Historiker Christian Graf von Krockow formulierte, die nicht mehr „Neuzeit“ ist, sondern eine neue, noch unbekannte und unbenannte Zeit. 1990 war nicht, wie Francis Fukuyama schrieb, das Ende der Geschichte, aber 1914 war der Abschluss der Neuzeit, die mit der Reformation und dem Einzug von Nationalstaat und Kapitalismus begonnen hatte – und gleichzeitig Beginn eines neuen Zeitalters, auf dessen Namen man sich wohl erst in den kommenden Generationen festlegen wird. Wenn wir Heutige auf 1913 schauen, so sehen wir ein Bild, das unserer Welt erstaunlich ähnelt, während die Jahrzehnte und Jahrhunderte davor verblassen, als gehörten sie zu einem anderen, längst vergangenen und vergessenen Strom in der Weltgeschichte.

Doch die Gemeinsamkeiten zwischen heute und gestern reichen noch tiefer. 1913 ist das Abschlussjahr des „fin de siècle“, jener geistigen Strömung, die tief im 19. Jahrhundert, im früh modern gewordenen Paris erwachte und sich nach und nach über das ganze zivilisierte Europa ausbreitete. 1913 ist auch das eigentliche Geburtsjahr einer echten Weltliteratur: Oscar Wilde und Marcel Proust, Musil, Kafka und der junge Brecht, Schnitzler und Kraus, Rilke und Trakl, Stefan Zweig sowie, als melancholischer Nachklang, Joseph Roth – sie zusammen haben das neue Testament der mitteleuropäischen Literatur geschrieben, in einer Verdichtung von Stil, Ausdruck und philosophischem Gestus, die niemals wieder erreicht wurde und die die große Literatur bis in unsere Tage geprägt hat.

Dasselbe gilt von Bildender Kunst und Musik. Der Expressionismus öffnete das Tor zu unserer heutigen Wahrnehmung von Kunst, die sich von der gefälligen Abbildung der Realität verabschiedet hat, um in die Tiefen der Seele zu steigen mit ihren Schlacken und ihrer unharmonischen Verbogenheit. Arnold Schönberg verabschiedete sich mit der Zwölftonmusik vom klassischen Ideal der Diatonik, wie es seit den Tagen Bachs bis zu Bruckner und Mahler unerschütterlich gegolten hatte. Wer immer vom 20. Jahrhundert spricht, bezieht sich auf 1913 und die Vorarbeiten, die damals die geistige Situation der Zeit prägten und eine Strömung lostraten, die noch heute, noch nach 100 Jahren, aktiv und mächtig ist. 1913 ist das eigentliche Geburtsjahr der Moderne.

Alles, was den europäischen Menschen von heute prägt und verstört – die ideologische Orientierungslosigkeit, das Gefühl von (wie es Hannah Arendt nannte) Weltlosigkeit, von absoluter Freiheit des Geistes, die aber eben zugleich völlige Halt- und Hilf­losigkeit bedeutet, ist in jenem Schicksalsjahr 1913 angelegt. Unter ihrem Pionier Sigmund Freud, auf dessen Couch in Wien sich das halbe Großbürgertum „Kakaniens“ behandeln ließ, etablierte sich damals die Psychologie, die irrlichternde Wissenschaft von der menschlichen Seele, die sich bekanntlich keiner Wissenschaft erschließt, als Leitdisziplin der Moderne.

Die Philosophie Friedrich Nietzsches, die keine Philosophie gewesen war, sondern ein einziger Hilfeschrei des erwachsen und damit standlos gewordenen modernen Menschen nach Orientierung und Halt, nach Glauben und Erlösung, beherrschte das europäische Denken in allen seinen Schattierungen und warf in seinen militanten, rassistischen Verhärtungen, die langsam, oben wie unten, in Mode kamen, erste dunkle Schatten. Und die Lehre von Karl Marx breitete sich mit unheimlicher Geschwindigkeit in der ganzen Welt aus, mit der Parole Schillers, die sie zur geschichtlichen Wirklichkeit erhob: „Zu was Besserem sind wir geboren!“

Aber nicht in Europa zündete der bestrickende Gedanke von der Gleichheit aller Menschen, sondern in den Randmächten Russland und China – und genau diese Mächte sind es, die heute, nach 100-jährigem, strammem Aufstieg, nach etlichen Verwerfungen und ungeheuren Opfern, immer mehr den Ton in der Weltpolitik angeben. Gemeinsam mit dem Islam, der mit dem Zerbrechen des Osmanischen Reiches zu seinem geschichtlichen Selbstbewusstsein gelangte, das heute mit unheimlicher Macht seine Stimme erhebt. An diesem Zerbrechen aber, das in der Zeit Napoleons, 100 Jahre zuvor, seinen Anfang genommen hatte und dann schließlich auf dem Balkan seinen Kulminationspunkt erreichte, entzündete sich wiederum 1914 der Erste Weltkrieg – auch hier schließt sich der Kreis zwischen damals und heute, da der Orient durch die arabische Revolution endgültig das postkoloniale Zeitalter hinter sich lässt.

Die Welt von 1913 war, wie der Heilige Augustinus 1500 Jahre zuvor, an einem anderen Epochenbruch, geschrieben hatte, „wie in einem Kelter“: Alles wurde infrage gestellt, alles durcheinandergewirbelt, Stabilität gab es nur noch äußerlich, in den wankenden Machtgebilden, die das 19. Jahrhundert hinterlassen hatte, die aber keinen wirklichen Halt mehr gaben, was die Eliten dieser Mächte am besten wussten. Der Sturm, der damals in den Höhlen hauste, um im Jahr des Kriegsausbruchs 1914 loszubrechen, fegt auch heute noch durch die Welt, freilich mit anderer Richtung und mäßiger Geschwindigkeit. Doch die Ungewissheit von damals ist geblieben, mitsamt jenem brisanten, krisenhaften Gefühlscocktail aus Nervosität und Lethargie, aus Selbstbewusstsein und Angst, aus Aufklärung nach außen und Hilflosigkeit nach innen. Das abgeklärte Wissen um die Souveränität des Menschen in einer Weltgeschichte ohne göttliche Eingriffe, dieses Erbteil des 19. Jahrhunderts, haben wir bezahlt mit dem bangen Nichtwissen, wohin uns diese Geschichte führen wird – 1913 wie 2013.

Dieser Text erschien im Januar 2013 im Magazin CICERO. 

Header: Kronprinz Wilhelm des Deutschen Reiches und von Preußen auf dem Weg zur Hochzeit seiner Schwester Prinzessin Viktoria Luise. Berlin, 24.  Mai 1913. Rechte: picture-alliance / akg-images. 

Das Wesen des Islams und der Westen. Teil 4: Der heroische Individualismus als Tradition Amerikas und Russlands. Die Überwindung des Katholizismus und somit des Glaubens durch sie und der Islam als Inbegriff von Glaube

Es stellt sich nach dem oben Erörterten die Frage, wie der Islam heute sich zu alldem verhalte. Wir haben als die zwei Konstanten des europäischen, d.h. euro-amerikanischen Geistes, der irgendwann in der Geschichte vom Orient ausging (was sich nirgends vielleicht deutlicher zeigt als daran, dass der mit Abstand mächtigste Gründungs- und Lebensmythos ausgerechnet des US-amerikanischen Bewusstseins der judäo-abrahamitische Mythos ist), als diese beiden Grundkonstanten also haben wir oben den Individualismus und den Ordinalismus ausgemacht. Wir können den historischen Progress, den der Individualismus dabei genommen hat, politisch-religiös als Prozess der Emanzipation vom Monotheismus und damit vom religiösen Glauben in seiner reinsten und härtesten Form nachvollziehen: je weiter der Individualismus, der in den Mythen der israelitischen Urväter und insbesondere natürlich in der Legende Jesu angelegt ist, je weiter also dieser Individualismus sich Bahn brach, desto unnötiger wurde die Verhaftung zum strengen Autoritarismus des institutionalisierten Glaubens an den einen Gott, den man in jeder weltlichen Ordnung, in den Natur- wie in den Staatsgesetzen, repräsentiert, abgebildet sah und dem sich zu unterwerfen das erste, noch aus der mosaischen Zeit – einer Zeit in der Wüste! – herrührende Gebot des europäischen Menschen wurde, so beschlossen in der Zeit am Übergang zwischen Altertum und Mittelalter, auf den Konzilien, als sich abspielte, was der Historiker Charles Freeman “the closing of the Western mind” nennt.

Die Ablösung dieses starren, brutalen und seine Subjekte zur Unbeweglichkeit und zum Autismus erziehenden intellektuellen pactum subiectionis vollzog sich in drei großen Wellen: in der Renaissance, als griechische Flüchtlinge wie Bessarion, Georgios Gemistos Plethon und El Greco, der eigentlich Theotokopoulos hieß, den Geist der Freiheit, angereichert mit deutlichen neoheidnischen Tendenzen, in der philosophischen Gestalt des Neoplatonismus nach Westeuropa brachten; in der Aufklärung, als das hochgebildete und weltlich asketische, smarte, aber politisch im Europa der Dreiständegesellschaft machtlose britische, niederländische und deutsche Bürgertum nach Nordamerika emigrierte und dort gleichsam from scratch, auf dem Reißbrett einen neuen, auf Perfektion angelegten Staat schuf, der explizit und zum ersten Mal in der Geschichte des Christentums nicht auf eine fiktionale, im Jenseits und in unbestimmter räumlicher und zeitlicher Ferner liegende civitas Dei, sondern auf eine ganz und gar diesseitige, reale und als realisierbar angenommene vollkommene beziehungsweise auf Vollkommenheit angelegte civitas terrena konzipiert war; und schließlich im Zeitalter der Weltkriege, als erst, unter dem darob stets etwas schwermütig dreinschauenden Woodrow Wilson, vergeblich, dann, unter dem ewig strahlenden Franklin D. Roosevelt, erfolgreich der Versuch unternommen wurde, diesen neuen europäischen Geist, der nun ein amerikanischer war, nach Europa zu reimportieren.
In diesen drei Schritten vollzog sich die schmerzhafte, mühevolle Abnabelung Europas vom brutalen, zwingenden und bezwingenden Diktat einer Religion, die sich den Corpus eines zu Tode Gefolterten als Signum und dieses Signum zur Signatur ihrer Zeit auserkoren. Es war ein langer Weg von der Unbeschwertheit einer Epoche, in der überlebensgroße Phalloi, nackte, eingeölte Knabenkörper und explizite Darstellungen von Sexualität den öffentlichen Raum dominierten, über ein zweitausend Jahre währendes Äon, in dem das Sexuelle an sich offiziell unter Strafe stand und dessen geistlicher Leitfigur man auf den frühen Konzilien bereits seine Menschlichkeit ab- und dafür eine abstrakte Göttlichkeit zusprach (die stark in der Antike verwurzelt bleibende Orthodoxie wich hiervon stellenweise ab, so im Filioque-Streit, der schließlich zum Schisma von 1054 führte), um auch nur die Möglichkeit sexueller Attributionen zu dieser Leitfigur kategorisch auszuschließen (denn ein Christus, der Gott ist im Sinne des “alten Mannes mit weißem Bart” – und dies ist ja nun die christliche Gottesvorstellung –, kann unmöglich sexuell aktiv sein), bis hin zu einer wiederum unbeschwerten Zeit, in der man nicht nur die physikalische Schwerkraft durch menschliche und menschengemachte Leistung überwunden, sondern in der es Frauen gestattet ist und von ihnen sogar gewünscht und erwartet wird, sich im öffentlichen Raum als Sexgöttinnen zu zeigen.

Der Siegeszug des Sexuellen, der im Zeitalter des mobilen Internet und des postpostmodernen Show- und Filmbusiness so selbstverständlich und allgegenwärtig geworden, dass niemand mehr ernsthaft sich darüber aufregt, markiert einschlägig die Überwindung des Christentums und damit auch des Monotheismus als Dogma, als Glaubensinhalt (als Denkinhalt ist das Christentum, gleich allem, was jemals auf diesem Planeten von einem denkenden Wesen ge- und erdacht wurde, potenziell unsterblich). Den Prozess dieses Sieges des Sexuellen und der Überwindung des Monotheismus in Europa lesen wir als Progress, als historisches Voranschreiten des Individualismus.

Was den Ordinalismus angeht, die andere Konstante, so ließe sich mit einigem Recht behaupten, er nun sei im Monotheismus ja gut aufgehoben gewesen und werde seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Übermacht, mit der der Individualismus sich nunmehr entfalte, erdrückt und aus dem europäischen Geiste ausgestrichen. Diese Annahme aber, so naheliegend sie auch sein mag, ist falsch. Der Ordinalismus, das Reichs- und Ordnungsdenken, hat dieselben historischen Wurzeln wie der Individualismus. Auch er kam, wie die Ideen der persönlichen Freiheit, die Verehrung von Venus und Adonis usw. usw., aus dem europäischen Osten, dem Orient nach Griechenland, von wo er sich zuerst in einer Gegenbewegung über den Orient selbst (unter Alexander nämlich), und dann, im Anschluss, im Wege der politischen Aufsaugung der griechischen Welt durch das römische Imperium, über das westliche Mittelmeer hinweg ausbreitete, was dazu führte, dass es keine genuine römische Kultur gab, sondern Rom im Grunde in der Nachahmung des griechischen Vorbilds verharrte (man kann weitergehen und darauf hinweisen, dass das Wort „Rom“ dem griechischen Wort „rhomé“, die Kraft, entspricht, und dass die Römer ein westkleinasiatischer Volksstamm waren, der ein dem Griechischen verwandtes beziehungsweise diesem entstammendes Idiom sprach, sich vorzeitig auf der Apenninenhalbinsel niederließ, sich dort mit den autochthonen Etruskern vermischte und, indem sie später Griechenland unterwarfen, im Grunde ihre eigene Heimat heim in ihr Reich holten –). Freiheit und Freizügigkeit des Einzelnen standen in der europäischen Vererbungslinie stets in Korrespondenz mit Mächtigkeit und Stabilität des Ganzen.

Anders als der Individualismus ist der Ordnungsgedanke freilich nicht mit Aufkommen des Christentums aus dem europäischen Zusammenhang verbannt worden. Als sich Kaiser Konstantin im frühen vierten Jahrhundert nach Jesu Tod dazu entschloss, das Christentum politisch und juristisch zu legitimieren (Toleranzedikt von Mailand 313), verfolgte er damit genau jenen Stabilitätsplan, der das Wesen des Römischen Imperiums ausmachte und der durch die Entwicklungen der vorangegangenen dreihundert Jahre beschädigt worden war. Das Christentum wurde im Römischen Reich und seinen Nachfolgestaaten bewusst als Ordnungsmittel eingesetzt; wirklich wirksam war es aber nur im westlichen Teil, der seit der Völkerwanderung von neu hinzugezogenen germanischen Stämmen besiedelt wurde, die aus der asiatischen Steppe kamen und über Osteuropa und das Schwarzmeerbecken langsam Richtung Westen gezogen waren. Das Christentum im Ostteil des Römischen Reiches, also vom heutigen Jugoslawien bis nach Syrien und dem Irak, hatte bereits zu Anfang eine ganz andere Prägung, war lebensbejahender, weltoffener, „heidnischer“ und somit anfällig für ideologische Störungen. Eine solche ideologische Störung trat ein mit dem Aufkommen des islamischen Glaubens, der im mittleren siebten Jahrhundert aus der arabischen Halbinsel in die durch die Justinianische Pest entvölkerte Levante wanderte und sich dort mit rasender Geschwindigkeit ausbreitete.

Der Islam war dort erfolgreich, wo er sich als die attraktivere Ordnungsmacht als das Christentum darstellen und etablieren konnte; was freilich zugleich jene Gegenden waren, die aufgrund ihrer tieferen Verwurzelung im heidnischen, antiken heroischen Individualismus das Christentum längst nicht so nötig hatten wie andere. Das Christentum nämlich blieb ausgerechnet siegreich in Gegenden, die nicht eigentlich zum antiken griechisch-römischen Kosmos gehört hatten, so in Gallien und Germanien; in denen es keine Erinnerung an den alten Individualismus, die alte Freiheit gab und deren Bevölkerung schon von Hause aus zu „hart“ war, zu abgehärtet dem Leben gegenüber, als dass sie des Islam als Schubkraft und Regulierungsmacht noch bedurft hätte. Im östlichen Mittelmeer, das kulturell seit den Tagen Alexanders des Großen ein griechisches Mittelmeer war (und dies bis auf Kavafis, den 1863 in Alexandrien geboren Sohn griechischer Kaufleute, in gewisser Weise blieb), wurde das Christentum wohl als Glaubensinhalt (mit, wir bemerkten es bereits, stärkeren heidnischen Zügen als im Westen: so ist die heroisch-weltliche, auch erotisch aufgeladene Gestalt des Christus Pantokrator im lateinischen Westen, in dem man Jesus nach und nach mit bewusst weiblichen, “passiven” Zügen darstellte, unbekannt), nicht aber als autoritative Kraft in demselben Maße anerkannt wie im Westen – eine religiös liberale Haltung, die freilich eben auch dem Einfall des Islam die Tore öffnete.

Das Papsttum, das seine Sonderstellung daraus ableitete, dass es das westlichste und eo ipso für den gesamten Westen zuständige Patriarchat war, konnte sich in der Levante, in der weitere vier Patriarchate bestanden, nie etablieren. Das Kaisertum Karls des Großen, dessen Entstehung man in der Wissenschaft gern den Nöten zuschreibt, die Papst Leo III. mit dem römischen Patriziat hatte, kam in Wahrheit zustande, weil der Westen sich nur dadurch vor einer drohenden islamischen Landnahme schützen zu können meinte, indem er seinen eigenen Hinterhof, Italien, dessen territoriale Spitze direkt die islamisch-arabische Welt berührte, in Besitz nahm und dort eine Herrschaft installierte, die einerseits die klassische, römische Herrschaftsform, das Kaisertum, reminiszierte, aber die zugleich aufgeladen war mit der Erinnerung an die alte kaiserlicher Beschützerfunktion über Italien, die sich in dem Titel „rex Langobadorum“ ausdrückte. Man darf im Kontext der Errichtung des fränkischen Römischen Reiches durch Karl den Großen niemals vergessen, dass Karl der Enkel Karl Martells war; dass er nur fünfzehn Jahre, ein halbes Menschenalter, nach der Schlacht bei Tours und Poitiers geboren wurde und dass die arabische Bedrohung durch den Abwehrerfolg seines Großvaters keineswegs gebannt war. Es ging bei der Erhebung des fränkischen Königs Karl nicht um den Schutz des schwächlichen Papstes Leo III. vor marodierenden römischen Stadtadligen, und es ging auch nicht darum, dem byzantinischen Kaisertum, das zu dem Zeitpunkt in den Händen der athenischen Irene lag und darum als vakant galt, eins auszuwischen; sondern es ging darum, Europa, das Abendland beziehungsweise sein fränkisches Hinterland gegen eine drohende Islamisierung zu verteidigen.

Auch dieses Imperium Romanum, späterhin bekannt unter seinem Vulgärnamen „römisch-deutsches Reich“, erfüllte also die klassische Ordinalfunktion, die die großen orientalisch-europäischen Reiche von Assur bis zum Alten Rom erfüllt hatten. Freilich fällt auf, dass die östliche Grenze dieses Ordnungsreiches sich immer mehr nach Westen verschob, während der Islam unter den Kalifen, die sich als direkte, geistliche und weltliche, Rechtsnachfolger Mohammeds des Propheten verstanden, die Lücke füllte, die zwischen dem – nunmehr sich überhaupt erst als solchen verstehenden – Westen und Fernost, also dem chinesisch-indisch-japanischen Komplex aufklaffte. Dieses Gebiet zwischen eurasischer Steppe und Persischem Golf, zwischen Sibirien und Indischem Ozean, dieses Herzland des Alexanderreiches bezeichnet Zbiginiew Brzezinski als Eurasian Balkans, als den Balkan Eurasiens. Er spannt in Ostwestrichtung sich auf vom usbekischen Samarkand, dem alten Marakanda, Alexanders östlichstem Vorposten, im Osten, und Mazedonien, Alexanders altem Stammland, im Westen. Die Kernzelle der islamischen Welt und zugleich der Pivot der Weltpolitik, der Angelpunkt also, um den herum sich auf der Weltkarte die Potenzen Westen hier und China-Indien dort gruppieren, fällt zusammen mit dem Reich, das Alexander von Makedonien zwischen 334 und 323 vor Christus erobert hat. Wenn der Westen um die Erhaltung des Orients kämpft, dann kämpft er unbewusst – und freilich aus gewandelten aktuellen Motivationen – um die Erhaltung des alexandrinischen Erbes.

Seit dem siebten Jahrhundert also, in dem mit der islamischen Expansion und der bulgarischen Landnahme auf dem Balkan gleichsam die beiden Urkatastrophen der nachklassischen Europäität stattfanden, hat sich die Ostgrenze des europäischen Ordnungsreiches, das ursprünglich ein eurasisches war, immer mehr nach Westen verschoben. Unter Herakleios, dem großen byzantinischen Kaiser zur Zeit Mohammeds, waren Syrien und Ägypten die Vorposten des Christentums und damit Europas; zur Zeit Luthers, etwa neunhundert Jahre später, war es Kroatien, dem der Papst den Ehrentitel antemurale cristianitatis, Vorwerk der Christenheit, verlieh, und selbst dieses Vorwerk war nicht hundertprozentig belastbar, wie die beiden türkischen Vorstöße auf Wien zeigten. Jedoch: seit dem Jahr 1700 kehrt sich die Richtung, in der die Ostgrenze Europas sich verschiebt, um. Im Jahr 1699 schließen Kaiser und Sultan im serbischen Karlowitz einen Frieden, der den Wendepunkt in der Geschichte der islamischen Expansion markiert. Fünfundsiebzig Jahre später kommt es, bei Kücük- Kaynarca, zu einem ähnlichen Friedensschluss, doch diesmal wird der Westen nicht vom Römischen Kaiser in Wien repräsentiert, sondern von der Russischen Kaiserin Katharina. In dem Dreivierteljahrhundert, das zwischen Karlowitz und Kücük-Kaynarca liegt, hat sich das Russische Reich als neuer Faktor innerhalb des europäischen Ordnungsgefüges erst vorgestellt, nämlich am Abschluss des Nordischen Krieges, der im Windschatten des Spanischen Erbfolgekrieges vorwiegend zwischen Schweden und Russland stattgefunden und bei dessen Friedensschluss der Zar, Peter I., erstmals den Kaisertitel für sich reklamierte; und schließlich etabliert: dies auf dem Separatfrieden, den im Jahr 1762 Kaiser Peter III., Enkel des ersten Peter, mit Friedrich II. von Preußen schließt und der von seiner Witwe Katharina im selben Jahr bestätigt wird. Seit dem achtzehnten Jahrhundert wird Europa gegenüber der islamischen Welt nicht mehr vom Römischen Kaiser deutscher Nation, sondern vom Kaiser von Russland vertreten.

Man neigt, insbesondere in Deutschland, dazu, diese historisch gewachsenen und etablierten Tatsachen angesichts der jüngeren politischen Vorgänge zu vergessen beziehungsweise nicht ausreichend zu würdigen. Russlands geopolitisches Selbstbewusstsein rührt aus der Vertreterrolle gegenüber dem islamischen Reich, die ihm in den erwähnten fünfundsiebzig Jahren auf höchst natürliche Weise, nämlich sich ergebend aus den weltpolitischen Vorgängen zwischen Spanischem Erbfolgekrieg und Siebenjährigem Krieg, zuwuchs und zufiel. Das Ziel der russischen Politik war nie der Vormarsch nach Zentraleuropa und die Inbesitznahme Berlins, wie man es in Deutschland aufgrund der Erfahrungen des Kalten Krieges und der deutschen Teilung glauben mag; sondern der Vormarsch auf Konstantinopel und die Etablierung eines neuen, christlichen, und das heißt in der Sprache und im Denken des einundzwanzigsten Jahrhunderts: eines religiös neutralen, aber mit den Werten und Überzeugungen des Westens ausgestatteten Großreiches zwischen Mazedonien und Usbekistan.

Die Preisgabe Ostmitteleuropas an die Armeen Stalins, beschlossen auf den interalliierten Konferenzen von Teheran bis Jalta 1943 bis 1945, ergab sich nicht nur aus der dira necessitas der Westalliierten, Deutschland von Osten her durch einen Dritten erobern lassen zu müssen, da hierzu die Kräfte und strategischen Möglichkeiten selbst der reichen USA und Großbritanniens nicht ausreichten (es gab im britischen Hauptquartier in den Vierzigerjahren in der Tat Überlegungen, im Alleingang eine zweite Front quer durch Osteuropa aufzuziehen, die von Jugoslawien über Österreich und die Slowakei nach Polen verlaufen wäre und einen russischen Vormarsch über weißrussisches Territorium hinaus erübrigt hätte; treibende Kraft dieser Erwägungen war natürlich die antikommunistisch ausgerichtete und großpolnisch denkenden polnische Exilregierung unter Wladyslaw Sikorski, die hiermit beim Geopolitiker Churchill, der sich ein starkes Polen, oder eben ein starkes Deutschland, als antibolschewistische Puffermacht in Mitteleuropa wünschte, freilich durchaus und über lange Zeit auf Verständnis stieß); sie ergab sich insbesondere aus dem Kalkül der USA, Stalin gleichsam Osteuropa, in dem bis dahin die westlichen Traditionen fest verankert waren (Schlesien, Böhmen und Ungarn waren Zentren der Renaissance), als Tauschobjekt für den Orient anzudrehen.

Die kontinentalen Westmächte schlossen sich diesem Kalkül nicht aus Überzeugung an, sondern aus purer Not, Churchill insbesondere nur mit großem Zähneknirschen; am meisten unzufrieden mit diesem Tausch freilich war Stalin selbst. Russland hatte als Besatzermacht in Mitteleuropa 1945 so wenig etwas zu suchen, wie das Deutsche Reich 1914 etwas in Paris oder Lyon verloren gehabt hätte. Osteuropa und Mitteldeutschland kamen an Russland als speergeworfenes Land, das man, einmal in Besitz genommen, wenigstens vorläufig halten musste. Die Stalinnoten aus dem Jahr 1952 waren deshalb auch nicht die hinterlistig-satanische Finte des Gewaltmenschen Stalin, für die sie die westliche Historiographie selbstverständlich nimmt, sondern vielmehr das Angebot einer militärischen Neutralisierung Mitteleuropas, die Russland umso willkommener gewesen wäre, als es dann nämlich seine Aktivitäten im Orient hätte ausbauen können, den ihm nach 1945, beginnend mit dem griechischen Bürgerkrieg 1944, kulminierend mit der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 und abschließend mit der Rezipierung sowohl Griechenlands, als auch der Türkei in die NATO – und zwar eben im schicksalhaften Jahr 1952, und gerade einmal einen Monat vor Bekanntmachung der Stalinnoten! –, die USA vor der Nase weggeschnappt hatten. Berlin und Mitteldeutschland waren der ungewollte Köder, den Hitler, ob absichtsvoll oder nicht, gleichsam im Wege einer Geschäftsführung ohne Auftrag für die USA den Russen hinlegte, den diese dann, da sie ihn nun einmal schlucken mussten, um selber nicht unterzugehen, fürs erste nicht mehr herauswürgen konnten. Vom Orient aber, ihrer alten target range seit Kücük-Kaynarca, seit 1774, waren sie abgelenkt, allein schon wegen des ungeheuren militärischen Aufwands, den sie die Administration der unterworfenen und anschließend in Satellitenstaaten umgewandelten Länder zwischen Lemberg und Fulda kostete und dessen Kosten sie, anders als die USA, denen mit England und Frankreich zwei wirtschaftlich nicht gleichrangige, aber ebenbürtige Partner zur Seite standen, auf russischen Schultern allein lastete. Der Orient war nach 1952 für die nächsten fünfzig Jahre dem russischen Zugriff entzogen, und es waren die Amerikaner selbst, war Brzezinski, ausgerechnet, der Russland durch das Kuckucksei, das er ihm mit Afghanistan ins Nest zu legen meinte, im Orient überhaupt erst wieder auf den Plan rief.

Russland träumt vom Orient. Schon im alten Griechenland kannte man den Mythos der Hyperboreer, also derer, die „jenseits des Nordens“ wohnen und bei denen ewige Ruhe und Wohlgefallen herrsche. Zweitausend Jahre später, um das Jahr 1700, wurde im griechischen Kulturraum, zwischen Rumänien, das damals Walachei hieß, und Ionien, der heutigen türkischen Westküste, der Mythos des Agathangelos populär, eine angeblich aus dem dreizehnten Jahrhundert stammende Prophetie über die Wiederauferstehung alter griechischer Größe und den Untergang der islamischen Macht. Tatsächlich handelte es sich dabei wohl um eine Fälschung, die der griechische Geistliche und Gelehrte Theoklet Polyeides gezielt in Umlauf brachte, um Stimmung zu machen für eine Invasion der russischen Glaubensbrüder in osmanisches Territorium. Der Agathangelos, was wörtlich „der gute Bote“ bedeutet, schuf im achtzehnten Jahrhundert die geistigen Voraussetzungen, die dann im neunzehnten zum griechischen Befreiungskrieg und schließlich zum beinahe vollständigen Rückzug des osmanischen Reiches vom europäischen Festland führten.

Es ist natürlich kein Zufall, dass der Agathangelos just in dem historischen Augenblick populär wurde, als Zar Peter durch sein Eingreifen in den dritten Nordischen Krieg die militärischen und diplomatischen Voraussetzungen schuf für Russlands Großmachtstellung. Über die selbstherrliche, aber nach und nach von den übrigen europäischen Mächten anerkannte Aneignung des Kaisertitels auf dem Frieden zu Nystad in Finnland 1721 sprachen wir bereits. Die spätere Frontstellung zwischen Ost und West, die im Spanischen Erbfolgekrieg, an dem Russland nicht beteiligt war, noch keine Rolle spielte, wurde 1748 antizipiert, als Kaiserin Elisabeth, Tochter und Erbin Peters des Großen, androhte, eine Interventionsarmee an den Rhein zu entsenden, würde Frankreich nicht sein Heer, das unter dem Marschall von Sachsen den Österreichern und damit dem Reich eine Niederlage nach der anderen zugefügt hatte, nicht zurückziehen. Der Friede von Aachen, mit dem im selben Jahr und also unter diesem Druck Russlands der Krieg um die österreichische Erbfolge zuende ging, galt der öffentlichen Meinung in Frankreich, das alle seine Eroberungen in den österreichischen Niederlanden und am Rhein zurückgeben musste, als die größte Schmach des Landes.

Wirkte die elisabethanische Außenpolitik mehr nach Westen hin, in die europäische Halbinsel hinein, so schwenkte Elisabeths Schwiegertochter und Nachnachfolgerin Sophie Friederike von Anhalt-Zerbst wieder in die alte, angestammte geographische Richtung, die seit der Hochzeit der Anna von Byzanz mit dem Großfürsten Wladimir im zehnten Jahrhundert die russische Außenpolitik (die damals noch eine ukrainische war) bestimmte. Katharinas der Großen großes Projekt war der Orient, während die Inbesitznahme des Landes an der Weichsel, sanktioniert durch den ersten Vertrag über die polnische Teilung 1772 mit Österreich, das hier als Erzherzogtum agierte (die neuerworbenen polnischen Gebiete wurden nicht Teil des Reiches, das gleiche galt für die Gebietsgewinne Preußens), und Preußen, vorwiegend der Absicherung gegen die kommende Großmacht an der Westgrenze, Preußen nämlich, diente, das man, genauer: ihr 1762 entmachteter und ermordeter Mann Peter (III.), ja selber großgezogen hatte (1762 fand nach dem Tod der Kaiserin Elisabeth im Januar ein Seitenwechsel Russlands statt, der dem König von Preußen die Haut und sein Reich rettete und zugleich das Fundament legte, die conditio sine qua non herstellte für den Fortgang, den die europäische und im weiteren Sinne die Weltgeschichte in den kommenden Jahrhunderten nahm). Insbesondere aber diente das Vorgehen gegen en polnischen Staat, dessen König Stanislaw II. nicht über den internationalen Rückhalt verfügte wie seine beiden Wettinischen Vorgänger, der zweite und der dritte August, der Absicherung gegen die Türken, die nach der Verausgabung Russlands im Siebenjährigen Krieg Morgenluft witterten und die immer noch den südlichen Teil der Ukraine und das alte Gebiet der Krimgoten am Schwarzen Meer, ein ehemaliges byzantinisches Exarchat und griechisch besiedelt seit dem Altertum, in Besitz hatten. Die Konföderation von Bar, geschlossen 1768 von oppositionellen polnischen Aristokraten zu Stärkung der polnischen Nationalidentität, hatte eine klare proosmanische Tendenz und führte somit mittelbar nicht nur zum fünften russischen Türkenkrieg, der im selben Jahr ausbrach, sondern auch zur ersten polnischen Teilung, die 1772 vollzogen wurde.

Russland, diese Kopfgeburt der moskowitischen Großfürsten, des Hauses Romanow und dann dessen westeuropäischer Nebenlinien, sprang im achtzehnten Jahrhundert in die Bresche, die aufklaffte zwischen der alten Ostgrenze des Römischen Imperiums, die auf der Linie vom Kaspischen Meer durch den Irak und Syrien bis hinunter an den Persischen Golf verlief, und der neuen Ostgrenze des lateinischen Westeuropa, die zusammenfiel mit den östlichen Grenzen der habsburgischen Erblande und die auf einer Linie von der Slowakei bis nach Dalmatien verlief. Dabei verfehlte es freilich die eigentliche Region seiner Ausbreitung: statt im Orient vorzudringen und das pivotale Konstantinopel einzunehmen, was zwischen 1770 und 1915 fünfmal versucht wurde und fünfmal nicht gelang, ließ es sich nach dem peninsularen Europa, dem Westzipfel Eurasiens statt seinem Bauch, ablenken. Die Ablenkung begann 1772 mit der ersten polnischen Teilung, die tatsächlich die spätere polnische Westverschiebung präjudizierte, sie wurde festgeschrieben auf dem Wiener Kongress, manifestiert durch die Niederschlagung wiederholter polnischer Aufstände zwischen 1830 und 1863, kurz unterbrochen durch die Zeit zwischen den Weltkriegen 1918 bis 1939, als die Sowjetunion Marschall Pilsudski im russo-polnischen Krieg unterlag, sich aus der großen europäischen Politik heraushielt und alle ihre Kräfte auf die innere Formgebung lenkte, und dann wiederum fortgeschrieben und dabei in ungekannte Extreme getrieben durch den Vormarsch der Roten Armee bis vor Fulda 1945, die Einrichtung einer sowjetischen Besatzungszone auf dem Gebiet des alten deutschen Reiches und die Gründung des Warschauer Paktes 1955.

Russland hat diese Ablenkung seiner geopolitischen Stoßrichtung in einer für das Land typischen Mischung aus Fatalismus und Entschlossenheit in Kauf genommen, wie es die „siebzig verlorenen Jahre“ der Sowjetherrschaft im Innern in Kauf nahm, die indessen kein anderes Ziel hatten und zu keinem anderen Ergebnis führten als dazu, dass es zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt so etwas wie eine Gesellschaft im modernen europäischen Sinne auf russischem Territorium gab; aber Russland hat, auch zu Sowjetzeiten, niemals diese seine eigentliche geopolitische Stoßrichtung, die eurasische Steppe nämlich, the Eurasian Balkans, das alte Alexanderreich von Makedonien und Thrakien bis nach Usbekistan, aus dem Auge verloren, und genau dies war der Gedanke, der hinter Gorbatschows Konzept von Glasnost und Perestroika stand und den zehn Jahre nach der Deklaration der Auflösung der schwerfällig und unzeitgemäß gewordenen Sowjetunion Gorbatschows Nachnachfolger Putin pünktlich im Jahr des elften September wieder aufnahm und fortspann. –

Wir sind bei der Erörterung der Rolle Russlands als „neuer“ europäischer Ordnungsmacht abgekommen von der Beschreibung der Traditionslinien des Ordinalismus. Wir behaupten, dass der Ordinalismus in derselben freiheitlichen und antiklerikalen Vererbungslinie stehe wie der Individualismus; dass der militante Heroismus des griechisch-römischen Weltbildes und die gleichzeitige Begeisterung am Sexuellen und damit pars pro toto am grenzenlosen, ausschweifenden Vollzug der Individualität des Einzelnen zwei Seiten derselben Münze seien. Diese Behauptung unterstellt freilich zugleich, dass das zweitausendjährige Äon der Herrschaft des Christentums über Geist, Seele und Körper eine, obzwar notwendige, Brückenepoche darstellt, die das zwanzigste Jahrhundert in der ersten Welt glücklich überwunden hat. Tatsächlich besitzt das Christentum strenger Observanz in der Ersten Welt nur mehr antiquarische Geltung; geprägt sind „wir“ von keinem Katechismus, sondern von Vertreterinnen und Vertretern des heroischen, freiheitlichen und dabei nach Ordnung verlangenden und unter Anstrengungen und Opfern herstellenden Individualismus, der das historische Erbteil Eurasiens ist, von Jesus von Nazareth bis Madonna (i.e. M. Louise Veronica Ciccone), und dies waren auch, wofür sie sich allesamt den Vorwurf des Sakrilegs zuzogen, je schon die großen Gestalter der europäischen Ordnung auch in früherer Zeit. Gleich zweimal wurde der staufische Kaiser Federico Secondo di Puglia, der mit dem ayyubidischen Kalifen den Frieden von Jaffa schloss, als König in Jerusalem das Haupt unter dem Türbogen zur Grabeskapelle neigte und seine Tochter Konstanze, die den Namen ihrer sizilianischen Großmutter erbte, mit dem griechischen Kaiser Johannes von Nizäa verheiratete, vom Papst mit dem Bann belegt, und sein namens- und nummerngleicher Vetter aus dem dekadenten achtzehnten Jahrhundert, der preußische Friedrich, galt seinen Zeitgenossen nicht minder als Ketzer und Antichrist; Maria Theresia nannte ihn stets nur den „bösen Mann“, Clemens XIII. ließ dem Marschall Fürsten Daun nach dessen Sieg bei Hochkirch 1758 einen geweihten Hut und Degen überreichen, und formell anerkannte der Heilige Stuhl das Markgrafentum Brandenburg als nunmehr preußisches Königreich erst im Jahr 1788, zwei Jahre nach des Großen Königs Tod.

Die endgültige Lösung Europas von der klebrigen Masse der weltlosen und weltfeindlichen konziliaren Dogmatik, die dieses im Anfang so zerbrechliche, von wilden Völkerschaften überflutete Nord- und Westeuropa allerdings tausend Jahre lang zusammengehalten hatte, gelang freilich erst, indem das alte atlantische Projekt gelang: die Transposition Europas auf den anderen Kontinent jenseits des atlantischen Ozeans, mit der Erschaffung des nordamerikanischen Staates. Das heutige Amerika vereint Individualismus und Ordinalismus, vereint Popkultur und Heroismus, Sex und Militarismus, den Kult der Venus und den Kult des Mars in einer Weise wie sonst nur – Russland. Beiden Ländern gemein, dass sie nie durch den Katholizismus, durch „Rom“, i.e.: durch das Diktat des Glaubens und der (monotheistischen) Religion, geprägt wurden. Das Rom, worauf beide sich de facto berufen, ist in Wahrheit nicht jenes Rom mit seiner Peterskirche und seinen augusteischen Ruinen, ist überhaupt nicht eine einzelne Stadt, sondern deren zwei: hier Athen (Washington), dort Konstantinopel (St. Petersburg). Washington ist das protestantische, Sankt Petersburg das griechisch-orthodoxe Rom, „griechisch“ beide in dem Sinne, dass beide Traditionen Geschöpfe der Renaissance sind, beide aus jener geistigen translatio imperii schöpfen, die sich zwischen 1453, dem Jahr des Falls Konstantinopels, und 1789, dem Jahr des Inkrafttretens der US-amerikanischen Verfassung, vollzog.

Nordamerika und Russland sind beide unangekränkelt vom weltverleugnenden, kraftlosen und lebenshemmenden Erbe des römischen Katholizismus, beide speisen sie sich aus dem Bewusstsein einer weltgeschichtlichen Mission, die nicht gedacht werden kann ohne einen extremen Freiheits- und Entfaltungswillen, nicht gedacht werden kann ohne eine tiefe Affirmativität gegenüber dem Leben. Beider geistiges Mutterland ist der Orient, ist das alte ägyptisch-phönizisch-persische Dreieck, die alexandrinische Welt mit ihrer geistlichen Tradition von der abrahamitischen Mythe bis zur Kontemplation der Stiliten, diese Welt, die durch den hellenistischen Imperialismus ihre ganzheitliche politische und kulturelle Gestalt verliehen bekam und die ausstrahlte in die Erste Welt, die – politisch, nicht wirtschaftlich –die USA und Russland gemeinsam bilden. Beider größter Feind ist der Islam, das Produkt Arabiens, der Halbinsel, die Alexander nicht mehr erobert hat und die darum unberührt blieb vom griechischen Individualismus und vom griechischen Ordnungswillen. Beide, die USA und Russland, sind laizistische, aufgeklärte und antireligiöse Staaten; beider größter Feind aber, der seine Fühler nach ihrem gemeinsamen orientalischen Mutterland ausstreckt, ist zugleich der Inbegriff von Religiosität, ist die Offenbarung Mohammeds, ist der Islam.

Header: Die Häupter der freien (= heroisch-individualistischen) Welt zu Besuch im Herzen des alexandrinischen Orient. Stalin und Rossevelt auf der Konferenz von Teheran. November/Dezember 1943. Quelle: Wikimedia Commons.

Das Wesen des Islams und der Westen. Teil 3: Individualismus und Ordinalismus als die beiden Konstanten Europas

Europa hat nach dem Fall Konstantinopels und seit dem Beginn der Seefahrt – dies nun kein bloßes Abenteuer mehr, sondern eine bittere Notwendigkeit, da dank der türkischen Expansion die Landwege nach Fernost völlig versperrt waren und man sich wohl oder übel nach einer neuen, tragfähigen Handelsroute umsehen musste –, seit dem Beginn der Seefahrt also und, damit koinzident, dem Beginn des kapitalistischen, also auf Lagerung von Waren fernab der Produktionsstätte und ihrer Bezahlung in Wechselscheinen basierenden Wirtschaftens hat Europa weiterhin einige Jahrhunderte darein investiert, für das alte Problem der Menschheit, eine Ordnung auf diesem Planeten herzustellen, eine territoriale Lösung zu finden. England war das erste Land, das hierin enttäuscht wurde und deshalb als erstes, klugerweise, Abstand nahm vom Konzept der Territorialität. Ausgerechnet im Jahr 1453, als sich das Problem der Herstellung von Ordnung und Systematik dem europäischen Norden mit Macht zu stellen begann (denn auf dem Balkan und in Vorderasien wehten ja nun die grünen Banner des türkischen Sultans, der zugleich in vierter Reihe Inhaber des mohammedanischen Kalifats war), ausgerechnet also in diesem europäischen und weltgeschichtlichen Schicksalsjahr 1453 besiegelte ein französischer Sieg bei dem obskuren Ort Castillon in Aquitanien, einer heute ebenso obskuren französischen Region, das Ende der englischen Besatzungsherrschaft auf französischem, und damit kontinentalem, Boden und damit das Ende klassischer Territorialpolitik für den Inselstaat. Die blutige Nase, die das Haus Plantagenet (selbst, was wenig verwunderlich ist, eine französische Dynastie, die aus intrinsischen Motiven, dem ödipalen Wunsch, die alte Heimat in Besitz zu nehmen, seine vorwiegend angelsächsische Bevölkerung in Sippenhaftung nahm und auf französischen Schlachtfeldern verheizte) sich in dem vorangegangenen, mehr als hundert Jahre währenden Krieg in und um Frankreich, schlussendlich holte, war der wirkmächtigste Denkzettel, den eine große Macht in der Geschichte Europas vielleicht jemals erhalten hat. England sah früher als die anderen Mächte ein, dass man besser indirekt als direkt herrscht, so wie die englische Oberschicht mit dem Königshaus an der Spitze einsah, dass man ein Land besser informell, als formell regiert (so hat Großbritannien, das Mutterland der Demokratie und damit der heute in aller Welt präponderanten Staatsform, bekanntlich bis heute keine geschriebene Verfassung, sondern kennt lediglich eine Zahl über die Jahrhunderte zusammengekommener Staatsgrundgesetze).

Die anderen Mächte brauchten fünfhundert Jahre, um diesen Erkenntnisprozess nachzuvollziehen. William Shakespeare schuf im elisabethanischen England, also hundertfünfzig Jahre nach jenen Entwicklungen von 1453 (es schloss sich der Niederlage in Frankreich ein blutiger, langwieriger Bürgerkrieg an, die Rosenkriege, in dem das Land dieses Scheitern, die Impotenz und Konzeptlosigkeit der alten Dynastie politisch verarbeitete und schließlich eine neue, eigenständige und indigene englische Dynastie auf den Schild hob), im elisabethanischen England also schuf Shakespeare ein Dramenwerk, das nichts anderes ist als die literarische Abrechnung mit dem Kindheitsalter einer Nation. Die seltsame innere Distance, aus der geschrieben alle, auch seine tragischsten Stücke wirken, der merkwürdige Mangel an Potenzial zur Rührung, die Abgeklärtheit Shakespeares, die ihn so ganz vom deutschen Shakespeare, von Schiller nämlich, unterscheidet: sie rührt daher, dass Shakespeare ganz genau wusste, dass all die Affekte und Emotionen, die er in seinem Werk darstellt, in ihrer Outspokenness und Ungefiltertheit, ihrer nackten, brutalen Wirksamkeit Teile einer für ihn und seine Landsleute vergangenen, für immer untergegangenen Welt sind. Man bedurfte ihrer nicht mehr.

Man stelle einmal die Bild- und Tonaufnahmen Chamberlains, Churchills und Georgs VI. denen Hitlers gegenüber, und man wird wissen, was ich meine. Dieser bunt und merkwürdig uniformierte, seltsam ungepflegt und stillos wirkende Mann, der wie ein schreiendes, unreifes Kind wirkt, und ihm gegenüber diese vom und durch das Leben, das „richtige“ Leben erzogenen, reifen und stabilen Männer: schnell wird klar, wer von ihnen mehr „Ahnung vom Leben“ hat und wessen Nation, nach und trotz allem mühevollen und sicherlich spannenden Hinundher, den Sieg davontragen wird. Dass Kindsköpfe wie der Mischling Wilhelm II. und das niederösterreichische Inzestkind Adolf Schicklgruber siegreich in die Weltgeschichte eingehen könnten, musste ein dumpfer Traum bleiben. Walter Rathenau erkannte dies am Beispiel des Ersteren bereits während des Ersten Weltkrieges – und bezahlte auch für diese Erkenntnis mit seinem Leben (die rechtsradikale „Organisation Consul“ ermordete den gefeierten Außenminister der Weimarer Republik im Jahr 1922 in Berlin Grunewald).

Während also England sein Kindheitsalter bereits 1453 beziehungsweise einhundert Jahre später, mit dem Regierungsantritt Elisabeths, hinter sich ließ, dauerte der Prozess der Befreiung auf dem Kontinent länger. Frankreich und Deutschland kämpften seit jenem fünfzehnten Jahrhundert einen fast fünfhundert Jahre währenden Kampf um die Vorherrschaft in Europa und damit koinzident um die Installation eines ordinalen Systems auf dem Kontinent. Diktiert wurden dieser Kampf und der Wunsch nach Ordnung stets von der Bedrohungslage, in welcher man den Kontinent seit der türkischen Phase der islamischen Expansion wähnte. Das Zeitalter des osmanischen Reiches beginnt mit dem Herrschaftsantritt seines Namensgebers im Jahr 1299. Vier Jahre zuvor endete mit dem Fall der Festung Akkon die Epoche der Kreuzzüge, in denen der Westen einen fruchtlosen Versuch unternommen hatte, sich den alten, verlorenen Osten Europas, den Orient nämlich, mit Gewalt wieder zuzueignen, ohne dabei – dies das proton pseudos der westlichen Kreuzzugsidee überhaupt – den eigentlichen Statthalter Europas im Osten, das griechische Kaiserreich, zu berücksichtigen. Seit 1299 also, seit dem Übergang vom dreizehnten zum vierzehnten Jahrhundert stellt die Möglichkeit eines muslimischen Einfalls auf zentraleuropäisches Terrain eine reale und valable Möglichkeit dar, gegen die der Kontinent sich wappnet. Es geht um die Verteidigung der Okzidentalität, der Westlichkeit, auch wenn niemand davon spricht, niemand es so nennt.

Der französische Rationalismus und die deutsche Reformation, die west- und die ostfränkische Variante der festländischen Renaissance, sind beides Reaktionsmodi auf die Gefahr, vom Islam aufgesaugt zu werden. Von den beiden Wiener Türkenbelagerungen war weiter oben bereits die Rede. Im Widerstreit zwischen Frankreich und Deutschland, einem harten, aber eben auch fruchtbaren und produktiven Widerstreit entwickelt sich, zwischen dem Beginn des ersten Krieges um Italien zwischen den Häusern Valois und Habsburg im Jahr 1494 bis zur Versöhnungsgeste Adenauers und De Gaulles in der Kathedrale zu Reims im Jahr 1963, also wiederum über fast ein halbes Jahrtausend hinweg, der moderne europäische Geist, entwickelt sich das Wesen der europäischen Politik: ein aufgeklärtes, freiheitliches, aber nach innen stabiles, nach außen wehrhaftes System der Staaten. Das Wesen dieses europäischen politischen Geistes ist Ordnung, Systematik, Kontinuität, was sowohl eine zeitliche, als auch eine räumliche Bedeutungsebene hat. Die Idee des Reiches ist diesem europäischen Geist eingeschrieben, seit es Europa, und das heißt: seit es den Kulturraum vom Orient bis zum Atlantik, gibt. Auf Sumer folgte Assur, auf Assur Persien, auf Persien Alexander und seine Diadochen, auf die Diadochen schließlich Rom. Im Kielwasser Roms schwimmt dieses europäische Staatsschiff heute noch, noch heute beruft sich die Europäische Union auf die “Römischen Verträge” als ihr Gründungsdokument, noch heute schart sich die europäische Staatengemeinschaft um das Land, das bis 1806 offiziell Römisches Reich hieß und das in einer juristisch zwar umstrittenen, auratisch aber tatsächlichen Rechtsnachfolgerschaft zu diesem Reich steht.

Diese Reichsidee ist die territorialistische, in gewisser Weise terrestrische Antwort auf den kolonialen, maritimen Weg, den das insulare England im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert ging und auf dem als englische Ausgründung die Vereinigten Staaten von Amerika entstanden. Der angloamerikanische Komplex hat den europäischen Individualismus zur Höchstform entwickelt, mit der Popkultur und der Informationstechnologie als ihrer Krönung. Das kontinentale Europa aber, in den letzten fünfhundert Jahren maßgeblich vertreten durch Frankreich und Deutschland, hat den europäischen Ordinalismus entwickelt, das Reichs-, Ordnungs- und Stabilitätsdenken, als dessen Produkt heute die Europäische Union dasteht. Geopolitik, ein Begriff aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, ist ein europäisches Phänomen, sie ist als Theorem nur denkbar in einem topographischen Kontext, der seinen Bewohnern immer wieder ihre irdische Begrenztheit und Bedingtheit vor Augen führt. Europa ist dieser geopolitische Kontext kat’exochen, dieses Europa, das stets in einem westöstlichen, atlantisch-orientalischen Spannungsfeld stand und stets bedroht war oder sich bedroht fühlte durch Landnahme aus dem Osten. Der angespannte, heroische kontinentale Ordinalismus Alt-Europas und der smarte, entspannte Individualismus Amerikas, Neu-Europas: das sind die beiden geistigen Prämissen, die das Wesen der Ersten Welt konstituieren. Davon, ob und wie es Europa, und zwar unabhängig von den USA, gelingt, diese beiden Prämissen, den atlantischen Liberalismus und den kontinentalen Konservatismus, das popkulturelle und das geopolitische Moment miteinander in Einklang zu bringen, wird der Ausgang des geopolitischen Konflikts auf eurasischem Boden abhängen, der sich seit dem Ende des Kalten Krieges anbahnt und der mit den europäischen und orientalischen Entwicklungen seit dem Jahr 2014 in eine neue Phase getreten ist.

Header: Popkultur und Geopolitik, Individualismus und Ordinalismus in einem Bild vereint – allerdings unter amerikanischen Vorzeichen. Mariah Carey besucht US-amerikanische Truppen. Quelle: The Guardian (2008).

Fragment zum europäisch-islamischen Gegensatz

Drei große Kräfte bestimmen das gegenwärtige Welttheater: der westliche Kapitalismus, der islamische Fundamentalismus und der chinesische Komplex. China hat sich, wie zuvor Russland, den Kommunismus als Hebel zu Eigen gemacht, mit welchem sein gesellschaftliches System auf industrielle Produktivität und geistigen Zusammenhalt eingeschworen wurde. Das heutige chinesische System ist deshalb so stabil, weil jeder Chinese und jede Chinesin sich sagen kann, dass mit dem System auch er und sie selbst profitieren. Und es ist sicher auch deshalb so stabil, weil China schon als geographisches Objekt von solch schierer Größe und Kohärenz ist, dass es einen eigenen politischen Großraum, gleichsam einen Subkontinent innerhalb des Festlandes darstellt, der es sich qua dessen, wie sonst nur die USA (Russland versucht seit der späten Zarenzeit mit aller Kraft, sich ähnlich einzurichten), leisten kann, seine eigenen territorialen Grenzen auch als eigenen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Horizont zu begreifen.

Das ist der zentrale Unterschied zu Europa. Europa ist ein Amalgam von im internationalen Vergleich kleinen und kleinsten Staaten. Deutschland als altes und neues Zentrum Europas hat diesen europäischen Partikularismus gleichsam im Vergrößerungsglas noch einmal durchexerziert, als es vom Allgemeinen Landfrieden bis zur Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 und dann des Kaiserreiches 1871 in zeitweise über dreihundert souveräne Territorien und noch einmal fast eintausendfünfhundert reichsunmittelbare Ritterschaften eingeteilt war. Die deutsche Föderalverfassung ist ein Nachklang dessen, genauso wie der Partikularismus in Großbritannien, in Spanien oder in Italien. Was Deutschland in Europas Neuzeit, das war Griechenland im Altertum: niemals ein geeinter Staat (wenn auch zuletzt unter der Oberhoheit der makedonischen Dynastie, die sich freilich nur mit Einschränkungen als Zentralmacht durchsetzen konnte und alsbald durch Rom als Besatzungsmacht abgelöst wurde), sondern zusammengewürfelt aus zahllosen, für sich jeweils sehr potenten und prosperierenden, aber durch ihre Partikularität eben auch verwundbaren und international instabilen Poleis. Auch Griechenland ist bis heute ein partikularistischer Staat, wenn auch mit einer gemeinsamen nationalen Ideologie, die sich aus dem kollektiven Bewusstsein seiner Vergangenheit ergibt, und so wie Deutschland von seinem Partikularismus in den vergangenen siebzig Jahren stets profitiert hat, so leidet Griechenland heute darunter, dass jede Peripherie und jede Gemeinde vor sich selbst hinwirtschaftet.

Das ist Europa, das darin das Gegenteil der USA ist, eines zwar ebenfalls föderal organisierten Bundesstaates, der freilich nach außen geschlossen auftritt, militärisch, wirtschaftlich und diplomatisch. Beide, old Europe und die USA, ergeben zusammen die westlich-petrinische Hemisphäre, die auf das Vermächtnis des Evangeliums zurückgeht: einen individualistischen Expansionismus, eine koloniale Attitüde, die die Unterworfenen freilich nicht zur Knechtschaft zwingen, sondern sie zur Freiheit anstiften will. Die kapitalistisch-individualistische Mission ist im Grunde der Passion Jesu nachgebildet, in der ein heroischer Einzelkämpfer, statt sich buddhistisch-weltentsagend zurückzuziehen, oder aber alexandrinisch-mohammedanisch triumphierend ein weltliches Reich zu errichten, im Wege seiner Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zwar „scheitert“, aber in diesem Scheitern am Ende noch Sieger bleibt.

Das ist der Westen, dem man deshalb stets unlautere Motive unterstellte, weil sein expliziter Individualismus mit seinem impliziten Herrschaftsanspruch nicht recht zusammenpassen will. – In direkter Nachbarschaft zu ihm und territorial-geographisch zwischengelagert zwischen ihm und dem Fernen Osten, also China, liegt jener Länderschlauch, der in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends nach Christus in rasend schnellem Tempo den Glauben Mohammeds annahm und islamisch wurde. Von der levantinischen Küste bis nach Pakistan und Indien hinein verehrt man den Koran und die Offenbarung Mohammeds. Ausgegangen ist der Islam von der arabischen Halbinsel, jenem vergessenen Anhängsel der alten Welt, das Alexander nicht mehr erobern konnte (der Plan hierzu war schon gemacht), weil ihn vorher die Malaria in Babylon dahinraffte. Ausgerechnet von dieser peninsularen Wüste aus griff der Glaube, der weniger Religion, als ein politisch-ästhetisches Konstrukt ist, mit unstillbarer Gewalt nach West und Ost aus, drang hier bis nach Samarkand, einst dem östlichsten Vorposten des Alexanderreiches im heutigen Usbekistan, und dort bis nach Spanien, ja nach Südfrankreich. Als die Spanier die Moslems 1492, im selben Jahr, in dem Kolumbus in Amerika landete, nach sieben langen Jahrhunderten endlich vertrieben hatte, hatten sich die Truppen des türkischen Sultans, dessen Vorfahren einst aus der Peripherie Chinas nach Westen aufgebrochen und dabei muslimisch geworden waren, bereits auf der anderen Seite des Mittelmeerbeckens festgesetzt, hatten das über Jahrtausende griechische Kleinasien und zuletzt auch das griechische Mutterland selbst besetzt.

Die Installation eines muslimischen Weltreiches – als solches führt es etwa Jacob Burckhardt in seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen – schuf für etwa sechshundert Jahre einen Zwischenraum zwischen dem Westen, der nun, nach dem Verlust von Byzanz, auch geographisch endgültig zum „Westen“ wurde, und China, das sich nach wiederholter Blüte nun immer mehr zurückzog und mit dem Abschluss des Großen Mauer Mitte des siebzehnten Jahrhunderts endgültig die Fenster zu Welt schloss. Um 570, kurz nach dem Tode Justinians, des letzten Kaisers von Gesamtrom, brach die nach ihm benannte Pest aus, durchwütete das ganze Mittelmeerbecken und schuf das infrastrukturelle chaos, das Voraussetzung war für die islamische Expansion aus der arabischen Wüste hinaus nach Ägypten, Syrien, Palästina, Mesopotamien und Unteritalien.

711 besiegten die Sarazenen – die Türken traten erst im elften Jahrhundert auf den Plan – die Westgoten am Guadalete und errichteten anstelle des alten Reiches von Toledo das Kalifat von Cordoba. Sieben Jahrhunderte später, im Jahr 1354, wütete abermals der Schwarze Tod in Europa, und während in Konstantinopel wie überall in Europa die Pestkranken auf der Straße lagen, gingen die nunmehr türkischen Muslime vor Ostthrakien, bei dem schicksalhaften Ort Gallipoli (wörtlich: kallé pólis = die schöne Stadt) vor Anker, setzten erstmals den Fuß auf im engeren Sinne osteuropäisches Territorium und eroberten die alte Kaiserstadt Adrianopel, die seither Edirne heißt. Neunundneunzig Jahre später stürmten sie von hier aus und von der See in einer Zangenbewegung dann die kaiserliche Residenzstadt Konstantinopel und machten daraus Istanbul (offiziell heißt die Stadt allerdings erst seit der Gründung der modernen Türkei in den 1920er Jahren so). Zwei große Epidemien, die das kulturelle Gedächtnis des alten Europa in christlicher Zeit wahrscheinlich mehr geprägt haben als uns Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts zwei Weltkriege und mehrere Völkermorde, waren im Abstand von siebenhundert Jahren die Geburtsstunden der islamischen Expansion nach Europa hinein. Interessanterweise waren es die Mongolen, war es Dschingis Khan, dessen Reiterhorden nicht nur beim Schlesischen Liegnitz, dem heutigen Legnice in Polen, 1241 ein christliches Ritterheer vernichteten und damit ganz Europa in Angst und schrecken versetzten; sie waren es auch, die dem türkischen Kalifat in den Rücken fielen und es so auf seinem Vormarsch auf Konstantinopel, Griechenland und den Balkan beinahe noch gestoppt hätten. Der mongolische Sieg bei Ankara im Jahr 1402 hätte um ein Haar das Rad der Geschichte zurückgedreht.

Doch wie die Hunnen eintausend Jahre zuvor (die nicht nur die Kaiserstadt Konstantinopel mit einer saftigen Kontribution belegten, sondern dem Kaiser zugleich wertvolle Hilfstruppen im Kampf gegen seine, damals noch nicht muslimischen, Gegner an der Ostgrenze stellten), so zogen sich auch die Mongolen, überfordert mit dem gigantischen imperial overstretch, den diese flächenmäßig größte Expansion eines Volkes in der Menschheitsgeschichte bedeutete, wenig später in ihre Heimat zurück und überließen Europa seinem Schicksal. – Erschüttert durch den türkischen Vorstoß auf den Balkan, das eigentliche, aber immer vernachlässigte europäische Herzland, und nunmehr endgültig abgeschnitten von den traditionellen Handelsrouten nach Fernost, sah das immer noch unzivilisierte, in der alten germanischen Trägheit verharrende und eine sehr jenseitige, melancholisch-schwermütige Christlichkeit pflegende Westeuropa sich nun ultimativ gezwungen, nach neuen Handelsrouten Ausschau zu halten. Die moderne Seefahrt wurde geboren, und mit ihr der Kapitalismus. (Am Rande sei erwähnt: Der sagenhafte Reichtum Konstantinopels, vor dem noch im Hochmittelalter London, Paris und Rom wie bessere Dörfer aussahen, rührte natürlich aus seiner geographischen Position als Schnittstelle des Welthandels zwischen Europa und China beziehungsweise dem asiatischen Osten insgesamt, der damals in Europa kollektiv als „Indien“ bezeichnet wurde. Russland versuchte im 19. Jahrhundert militärisch und versucht nun, im 21. Jahrhundert, wirtschaftlich und diplomatisch, genau die Position, die Byzanz vor tausend Jahren innehatte, nun wieder neu aufzubauen.)

Das Wesen des Kapitalismus ist antiterritorial. Die Engländer, die als Inselvolk nie besonders in territorialen Kategorien dachten (denn ein entferntes Festland lässt sich von einer Insel eben nie dauerhaft sicher beherrschen, weshalb England ja auch trotz äußerster Anstrengungen den Hundertjährigen Krieg um Frankreich verlor), erkannten dies als erste und bauten bereits im fünfzehnten Jahrhundert ein effizientes kapitalistisches System auf, das sie in den beiden folgenden Jahrhunderten soweit verbesserten, dass sie um die Wende vom 17. Zum 18. Jahrhundert, als um die spanische Thronfolge ein europäischer Weltkrieg ausbrach, bereits als Schiedsrichter und Zünglein an der Waage auftreten konnten. Die Bank of England, damals keine zehn Jahre alt, gab das Geld an die Verbündeten, und ein britischer Aristokrat, der Herzog von Marlborough, kommandierte alliierte Armeen, die im Allgäu und in den Niederlanden große, blutige Schlachten schlugen. Der pompöse Landsitz der Marlborough, unter deren Nachfahren auch der künftige König von England ist, Blenheim Palace, heist nach dem Städtchen Blindheim im bayrischen Schwaben. –

Der Kapitalismus ist, das erkannte Max Weber zu Recht, in seinem Wesen melancholisch, daher die These von der innerweltlichen Askese. Er ist melancholisch wie ein Don Juan, der es aufgegeben hat, eine Frau zu finden, die er heiraten kann, weil er selbst ein ewiger Wanderer, ein Wurzelloser ist, eben in diesem Sinne antiterritorial. Stattdessen zieht er wie der fliegende Holländer – Holland ist in der Frühen Neuzeit die kontinentaleuropäische Version Englands, New York hieß bekanntlich zuerst Neu Amsterdam, die Ostküsten-Oberschicht setzte sich ursprünglich fast überwiegend aus niederländischen Kaufmannsfamilien wie den Roosevelts zusammen) –, wie der Fliegende Holländer also zieht der Kapitalismus als politisch-wirtschaftlicher Donjuanismus über die Weltmeere und verführt überall, wo er vor Anker geht, eine andere fremde Schönheit und macht sie, nach Möglichkeit, von sich abhängig. Machte er sie nicht abhängig, müsste er irgendwann betrübt und schlagartig im Bewusstsein der eigenen Weltlosigkeit, des eigenen Alleinseins zurückkehren auf seine einsame, langweilige und weltabgeschiedene Insel und dort an gebrochenem Herzen einen langsamen, traurigen Tod sterben.

Der Verlauf der europäischen und der Weltgeschichte seit der Frühen Neuzeit hat dieses Modell zum tragenden Modell der internationalen Politik erhoben. Eine Konsequenz dessen ist die völlige Ausstreichung des Prinzips der Territorialität und damit der Nationalität aus der europäischen Politik. Die Errichtung des alliierten Besatzungsstatuts über Deutschland 1945, die Grundlegung der Europäischen Gemeinschaft ein Jahrzehnt darauf in den Römischen Verträgen, schließlich die westöstliche Annäherung, die deutsche Wiedervereinigung, der Zusammenbruch der kommunistischen Satellitensysteme im slawischen Osteuropa, der Zwei-plus-Vier-Vertrag und, zuletzt,, die formelle Ausrufung der Europäischen Union mitsamt dem Abkommen von Schengen in den Neunzigerjahren sind die krönenden Höhe- und Endpunkte in dieser Entwicklung. – Es ist im September 2015 durch eine interessante Fügung der politischen Geschehnisse für jedermann ersichtlich, dass die Entwicklungen der vergangenen vierzehn Jahre, also seit den Ereignissen des elften September 2001, und, in ihrem Verfolg, die Aufwühlung des Nahen und Mittleren Ostens, also des orientalischen Länderschlauchs von Syrien am Mittelmeer bis nach Afghanistan und Pakistan am indischen Ozean, dazu geführt haben, dass dieses Prinzip der Antiterritorialität nunmehr grundlegend infrage gestellt wird, und zwar aus zwei Gründen:

  1. der internationalen Finanzkrise, die in Südeuropa, beginnend bei Griechenland, zu einem sich stetig ausweitenden wirtschaftlichen Chaos geführt hat und weiterhin führt;
  2. der Flüchtlingsbewegung aus dem Nahen und Mittleren Osten in Richtung Zentral-, West- und Nordeuropa, die eine direkte Konsequenz der Bürgerkriege und Kriege ist, die seit 2001 – wenn wir Palästina und die Zweite Intifada nehmen, dann ist das Stichjahr glatt 2000 – von der Levante bis an die indische Grenze toben und die, das sei der Gerechtigkeit halber nicht unerwähnt, durch die russische Regierung unter dem seither amtierenden Wladimir Putin mit Müh und Not daran gehindert werden, nach Norden, ins Herzland des „Eurasischen Balkans“ überzugreifen, also sich vom südlichen Orient nach dem nördlichen auszudehnen, der sich vom Kaukasus über das alte Hyrkanien östlich des Kaspischen Meeres über Kasachstan, Tadschikistan und wie die Staaten alle heißen bis ins bereits erwähnte Samarkand, das alte alexandrinische Marakanda, direkt an der chinesischen Grenze erstreckt.

Das ist der gegenwärtige politisch-geographische beziehungsweise geopolitische Plan, in dem sich die Welt, Afrika und Südamerika ebenso wie die staatliche Dimension der Raumfahrt einmal beiseite gelassen, zur Zeit bewegt.

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Wenn wir unserer Bertachtung die Feststellung zugrunde legen, dass das europäische System, in dem wir leben und um das es uns also naturaliter vorrangig geht, gehen muss, dass dieses System also in seinen gewachsenen und überlieferten Grundfesten erschüttert wird und weiterhin und mit fortschreitender Intensität erschüttert werden wird: so gilt es zuvörderst zu klären, was die Ursachen dieser Erschütterung sind. Wenig überraschend, sind die Ursachen der Erschütterung, wie eigentlich immer im Leben und also auch immer in de Geschichte, dieselben Ursachen, die einmal zur Stabilität des Systems und damit zum System als System überhaupt geführt haben. Es sind, wie schon gesagt, zwei Ursachen: einmal der Kapitalismus, zum anderen der Islam beziehungsweise die Ausschließung des Islam vom westlichen politischen und also vom weltpolitischen Geschehen, die im Ganzen sechshundert Jahre lang Bestand hatte und die Europa, das sich in dieser Zeit als vom Islam berannte und sich immer wieder erfolgreich dagegen verteidigende Festung verstand, überhaupt erst die Chance gab, sich politisch, aufsteigend vom frühen Absolutismus über den revolutionären Konstitutionalismus bis hin zum System der demokratischen Multilateralität der EU, so sehr zu konsolidieren und dabei wirtschaftlich eine schier uneinnehmbare Spitzenposition aufzubauen. Der Zeitstrang dieser sechshundert Jahre beginnt also bei der türkischen Eroberung Gallipolis im Jahr 1354, und er endet genau 598 Jahre später, mit der Aufnahme der Türkei, diesmal ein formal laizistischer Staat, ohne Sultanat, ohne Kalifat und ohne orientalische Provinzen, im Jahr 1952.

In diesen sechshundert Jahren gehen Vasco Da Gama, Magellan und Kolumbus auf Entdeckungsfahrt, wird Amerika entdeckt und sein nördlicher Teil vom westeuropäischen Bürgertum kolonisiert und dabei ganz aufs Wirtschaftliche hin ausgerichtet, werden Recht und Administration der europäischen Länder modernisiert und rationalisiert und wird schließlich der uralte Traum von einem konsistenten europäischen Reich unter demokratisch-republikanischen Vorzeichen verwirklicht. Mit der Einführung des Euro im Jahr 2002, allerdings drei Monate bereits nach der neuen Zäsur, Nine Eleven, wird diesem Prozess der europäischen Einigung die Krone aufgesetzt: eine einzige Währung für inzwischen neunzehn europäische Staaten, deren meiste zuvor oftmals und jahrhundertelang in erbittertem Streit miteinander lagen: so etwas hat es in unserer Geschichte noch nie gegeben.

Diese gewaltige, eigentlich unvorstellbare Konsolidierung verdankte sich der Abspaltung des alten europäischen Ostens, den wir gemeinhin Orient nennen, ohne freilich genau zu wissen, was Orient bedeutet, aus der Abspaltung des Orients, unseres europäischen Ostens also vom Rest Europas. Sie vollzog sich mittels der Aufsaugung des griechischen Kaiserreiches, das ja Kaiser- beziehungsweise Königreich der Romäer ließ, durch das türkisch-islamische Sultanat, und sie führte überhaupt erst dazu, dass „Europa“ und „Westen“ auf einmal Synonyme wurden und es bis heute blieben. Wer heute „Europa“ sagt, meint etwas Westliches, den Westen eben, und kann sich damit auf Los Angeles ebenso beziehen wie auf Warschau, auf die Hudson Bay genauso wie auf die adriatische Küste vor Dubrovnik oder die griechischen Dodekanes vor der westtürkischen Küste.

Durch den Zusammenbruch des Islams als staatliches System, als welches das Osmanische Reich sich verstand, im Ersten Weltkrieg – es war übrigens, weil dies in der offiziellen Geschichtsschreibung in der Regel unerwähnt bleibt, der Zusammenbruch der Salonikifront auf dem Südbalkan, der General Ludendorff am 30. September 1918 davon überzeugte, dass der Krieg für die Mittelmächte nun definitiv verloren sei und Frieden geschlossen werden müsse –, durch den Zusammenbruch des Osmanischen Systems also geriet das europäisch-westliche System selbst sofort und unmittelbar ins Wanken. Europa, also der Westen war am Ausgang des Ersten Weltkrieges zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um eine tragfähige Lösung für die Erbschaft der orientalischen Provinzen des Sultans zu finden, die erst unter ein französisch-englisches koloniales Mandat kamen und dann, in eine prekäre Unabhängigkeit entlassen, unter das informelle Mandat der westlichen Industrie gerieten, die in den rohstoffreichen Landmassen zwischen der levantinischen Küste und den opiumreichen Hochebenen Afghanistans ein ideales Feld der Exploitation und der Versorgung der westlichen Wirtschaft und der westlichen Staaten mit Überschüssen erkannten. Es sprang also nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall des Osmanischen Reiches, der um die Mitte der Zwanzigerjahre abgeschlossen war, nicht etwa der Westen als Staat, als staatliches Gebilde, als Reich oder was auch immer in die Bresche, die der Fall des Sultanats gerissen hatte; sondern es sprang der Kapitalismus, ein im Westen gewachsenes und erprobtes Wirtschaftskonzept in diese Bresche. Es ist einleuchtend, dass ein Wirtschaftskonzept allein die Lücke nicht schließen konnte, die der plötzliche Schwund von Staatlichkeit in das Leben so vieler Völker im Orient riss.

Es gab zu der Zeit, da sich diese Dinge abspielten, also vor neunzig bis hundert Jahren, einen Versuch, nicht die Wirtschaft, sondern tatsächlich eine staatliche Ordnung mit der Aufgabe zu betrauen, im Orient die Ordnung wiederherzustellen. Zu den Siegermächten des Ersten Weltkrieges gehörte auch das kleine Griechenland. Griechenland, das jüngste, schwächste und am wenigsten angesehene Glied im System der europäischen Staaten, die überwiegend noch Monarchien waren, war erst im Juni 1917, zwei Monate nach den Vereinigten Staaten, in den Krieg gegen Deutschland und seine Verbündeten eingetreten – nachdem unter bürgerkriegsähnlichen Zuständen der regierende König Konstantin, dessen Schwager der Deutsche Kaiser Wilhelm II. war, zur Abdankung und ins Exil gezwungen worden war. Schon eineinhalb Jahre zuvor hatte die griechische Regierung unter Evangelos Venizelos und gegen den Widerstand des deutschfreundlichen Königs der französisch-britischen Expeditionsarmee, die bei dem Versuch, Konstantinopel einzunehmen, eben bei jenem schicksalsschweren Ort Galliopoli eine furchtbare Niederlage erlitten hatte, Asyl geboten und dem französischen General Maurice Sarrail erlaubt, bei Saloniki im griechischen Makedonien eine neue Frontlinie aufzubauen. Nun, nach dem griechischen Kriegseintritt und nach der türkisch-bulgarischen Kapitulation im Herbst 1918, sah der griechische Nationalismus, dessen Gallionsfigur und Spiritus rector eben Venizelos war, seine Chance gekommen und betrieb die Annexion der Westtürkei, in der einige Millionen Griechen unter türkischer Herrschaft lebten, an das griechische Königreich. Die großen drei westlichen Alliierten am Verhandlungstisch in Sèvres bei Paris waren mit diesem Plan vorerst auch einverstanden – doch als ihnen die griechische Armee in Kleinasien, die schließlich nur noch einhundert Kilometer vor Ankara und damit tief in Anatolien stand, zu erfolgreich wurde, entzogen sie dem kleinen Staat ihre Unterstützung. So wurde aus der kleinasiatischen Expedition die kleinasiatische Katastrophe. Im Jahr 1922 trat die griechische Armee einen schmachvollen Rückzug an, Atatürk, Präsident der jungen türkischen Republik, triumphierte und konnte die Grenzziehung des neuen Staates, zu dem mit Gallipoli und Ostthrazien auch kontinentaleuropäische Gebiete gehörten, im Vertrag von Lausanne international durchsetzen. Die ehemaligen orientalischen Provinzen der Türkei freilich blieben sich selbst überlassen, und Atatürk wusste nur zu gut, weshalb er ihnen keine Träne nachweinte. Die kleinasiatische Katastrophe aber und der sich ihr anschließende Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, die erste Massenmigration in Europa im 20. Jahrhundert, wurden zum tiefsten und stärksten Trauma der griechischen Volksseele, das das politische und ebenso das wirtschaftliche Schicksal des Landes bis heute bestimmt.

So hatte sich der Westen des orientalischen Problems auf schlanke Weise entledigt, indem es den Griechen verbot, den europäischen Orient wieder in Europa einzugliedern, den Orient dafür aber zu dem Schicksal verurteilte, Spielball zwischen zwei nichtstaatlichen, apolitischen und antiterritorialen Interessen zu sein: hier dem kapitalistischen, also wirtschaftlichen Interesse westlicher Unternehmen; dort dem dogmatischen, religiös-ideologischen Interesse des Islams, der nach wie vor von der arabischen Halbinsel aus „regiert“ wird unter einem absolutistisch-fundamentalistischen Königreich, das dort über Hunderte von Jahren ein geschichtliches Schattendasein führte, bis es die Entscheidungen von Sèvres und Lausanne aus der Versenkung holten.

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Das Wort System kommt aus dem Griechischen. Ihm zugrunde liegt das Verb synistamai, das übersetzt „zusammenstehen“ bedeutet. Ein System ist also ein Gebilde, dessen Teile beziehungsweise Glieder sich nebeneinander stellen und an ihrem jeweiligen Platz verharren, um so dem Ganzen, das sie bilden, nach außen eine klar umrissene und identifizierbare Gestalt zu geben. Das westlich-europäische System, das wir meinen, wenn wir vom Westen sprechen, gilt in der offiziellen politischen Sprache geradewegs als das Musterbeispiel dafür, wie ein System in diesem Wortsinne zustande kommt: Mehrere, ursprünglich freie und gleichberechtigte Glieder schließen sich zusammen, stehen zusammen und bilden so ein Ganzes, das seine Solidität und Stabilität dem Beharrungsvermögen und dem Beharrungswillen jedes einzelnen seiner Teile schuldet.

Die Unterscheidung zwischen Wille und Vermögen ist eine moralische. Sie gehört in den Bereich der Ethik, der Psychologie, sicher des Rechts und insbesondere des Strafrechts. In der politischen Welt dagegen sind Wille und Vermögen koinzident. Es geschieht nichts, was nicht den Umständen ebenso sehr geschuldet wäre wie dem Willen oder Nichtwillen des oder der Agierenden. Gerade am Beispiel Griechenlands und seines mutigen, aber am Ende hilflosen Eingreifens in die Weltgeschichte vor neunzig Jahren sehen wir dies, und wir sehen es aktuell wieder an der wirtschaftlichen Krise des Landes, von der jeder weiß, dass sie nicht einfach mit der Einführung eines effizienten Besteuerungssystems und auch nicht mit noch mehr Ausgabenkürzungen wird behoben werden können. Das Land ist schlicht von der Hauptquelle einer jeden kapitalistischen Betätigung abgeschnitten: dem Vorhandensein eines ausreichend großen industriellen Produktionsstocks, dessen Güter auf dem Markt nachgefragt werden. England verdankte seine wirtschaftliche Vormachtstellung, die fast vierhundert Jahre lang anhielt, nicht seinem Bankensystem, sondern den ungeheuren Mengen an verarbeitetem Material, die es, ob im Mutterland oder in den Kolonien hergestellt, in alle Welt exportierte. Dasselbe gilt für die USA, die zuerst im Zweiten Weltkrieg und dann während des Marshallplans nicht nur erhebliche Summen Bargeldes, sondern noch größere Volumina an Produktions- und Industriegütern, an Kleidung, Lebensmitteln und Werkzeug in die von ihnen unterstützten Länder exportierte.

Wenn ein System darin besteht, dass seine Teile alle an einem bestimmten Ort und in einem bestimmten, klar definierten Verhältnis zueinander stehen, so gilt das, wie für die Familie und jede weitere menschliche Gemeinschaft im engeren, so im weiteren Sinne für Staaten und Staatengemeinschaften. Seit dem Ende des Zweiten, in gewisser Weise schon seit dem des ersten Weltkrieges denken wir die internationalen Beziehungen in der Kategorie von Systemen. Das unterscheidet die Politik des späten 20. Jahrhunderts fundamental von der des 19. sowie aller vorhergehenden Jahrhunderte. Der Zeit der großen Reiche, in denen ein machtvolles, dominantes Zentrum über eine mehr oder weniger weit sich erstreckende territoriale und ethnische Peripherie gebot und dieser Peripherie, oftmals gegen ihren Willen, die politische Ordnung diktierte, schloss sich mit Beginn der karolingischen Epoche in Europa die Periode der Nationalstaaten an, deren jeder seine eigenen Interessen im Auge hatte und imperiale Politik nur, oder doch vorrangig, zur Absicherung eben dieser Interessen betrieb. So versuchte etwa England, das nach dem Aussterben des normannischen Herrscherhauses im Mannesstamm von einer französischen Dynastie regiert wurde, in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends wiederholt Frankreich zu erobern, scheiterte aber daran ,dass es über den expansiven Impuls hinaus kein tragfähiges und attraktives Konzept für eine solche Fremdherrschaft anzubieten hatte. Die Tendenz zur Nationalisierung und Partikularisierung im Anschluss an die römische beziehungsweise oströmische imperiale Periode ging so weit, dass das Zentrum Europas, nämlich Deutschland, seine Zersplitterung in mehr oder weniger autonome Teilstaaten erst relativ spät überwand – zwischen 1867 und 1934, also in einer Zeit, in der die Nationalstaatenbildung in Westeuropa bereits weitgehend abgeschlossen war. Jedenfalls aber sitzt einem beliebten Schulirrtum auf, wer den Beginn der Nationalstaatenbildung erst mit Beginn der Renaissance oder gar erst um die Zeit der Französischen Revolution herum verortet. Tatsächlich beginnt die große Welle der Nationalisierung und Partikularisierung am Übergang vom Altertum zum Mittelalter, genauer: zur Zeit der fränkischen Expansion, zur Zeit Karls des Großen.

Im Jahr 2015 blicken wir auf diese Epoche mit der Auf- beziehungsweise Abgeklärtheit einer Generation zurück, die von ihrer unmittelbaren Aszendenz das Andenken an zwei angeblich im Zeichen des Nationalitätenprinzips geführte Weltkriege geerbt hat und durch die Kultur, Bildung und Erziehung gegenüber nationalistischen Bestrebungen immunisiert worden ist. Wir sind mit der Gründung des Völkerbundes während der Pariser Vorortkonferenzen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, endgültig mit der Promulgation der Atlantikcharta durch die damals putativen Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und schließlich die Gründung der Vereinten Nationen im Schicksalsjahr 1945 ins Zeitalter der multilateralen Staatenblöcke eingetreten. Der Kalte Krieg zeichnete sich wesentlich dadurch aus, dass in ihm nicht mehr separate Staaten, sondern zwei solcher Staatenblöcke, wenn auch jeweils unter der Dominanz eines politisch, wirtschaftlich und auch demographisch übermächtigen Einzelstaates, einander gegenüberstanden. Den Einschnitt, welchen historisch das ende des Kalten Krieges 1990/91 bedeutet, ermisst man am besten, indem man sich vor Augen führt, dass damit das etablierte System der Blöcke zerbrach und an ihre Stelle wiederum die Nationalstaaten, unter ihnen eine Reihe neuer oder wieder gegründeter beziehungsweise in die Unabhängigkeit entlassener Länder, traten.

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Header: Kronprinz Giorgos (= König Georg II.) von Griechenland betritt das von griechischen Truppen eroberte Smyrna (heute Izmir). Mai 1919, Quelle: Wikimedia Commons.

Das Wesen des Islams und der Westen. Teil 2: Das Wesen des Westens in seiner Entwicklung 1453 bis 1974

Der Prozess des Kapitalismus, der – möglicherweise paradoxerweise, aber dazu später mehr – ein Produkt, jedenfalls eine Folge der europäischen Renaissance und des Humanismus ist, ist ein Prozess der Zunahme des Abstands des Menschen von der Erde, ein Prozess der fortschreitenden Überwindung von Grenzen, kurz: ein Prozess der Enterdlichung. Er begann mit der Überquerung des Atlantischen Meeres durch die Pioniere der Seefahrt im kolumbianischen Zeitalter, die in den Augen des hierin klassisch denkenden Mittelalters ein Sakrileg darstellte (die Säulen des Herakles, also Gibraltar, zu überschreiten, galt den Alten als Herausforderung des Schicksals, die man nicht ungestraft wagte); er erreichte seinen Höhepunkt mit der Durchbrechung der Erdatmosphäre, mit dem Start erst in die unbemannte, dann die bemannte Raumfahrt und schließlich mit jenem great step for mankind, der ersten Landung von Menschen auf dem Mond im Jahr 1969; und er wird fortgesponnen und fortgelebt mit den oben genannten Plänen, Mond und Mars in absehbarer Zeit zu kolonisieren und der Erde somit ein außerirdisches, dem Leben ein unlebendiges Reservoir zu schaffen.

Vom kapitalistischen, und das heißt im weiteren Sinne: vom westlichen, auch vom individualistischen Standpunkt aus sind diese Planungen, ist diese Entwicklung logisch und nachvollziehbar. Wir müssen uns das alte Europa, um das es uns hier geht, vorstellen als einen geschlossenen Kessel, unter dessen Deckel im Mittelalter ein furchtbarer Druck lastete. Das alte, starre, menschen- und lebensfeindliche christliche Weltbild, das vielerorts selbst heute noch in der Ersten Welt eine erstaunliche Fortgeltung besitzt, schnürte die Menschen ein und ließ ihnen keine Luft zur Entfaltung. Alles, was das Leben des Menschen lebenswert macht: Sexualität, freies Denken und Forschen, Freizügigkeit der Person, Unverletzlichkeit des Leibes, soziale und konnubiale Mobilität und Fluktuation: all dies war verpönt, war strengsten Regularien unterworfen, bei deren Übertretung grausame Strafen drohten.

So das Europa des Mittelalters, und so auch das Europa der Frühen Neuzeit, im Wesentlichen auch der Moderne bis zum Jahr 1945, bis zur Ankunft Amerikas auf dem europäischen Kontinent. Anders als 1917 – Lafayette, wir sind da! – blieben 1945 die Amerikaner in Europa, finanzierten den Wiederaufbau des zerstörten und geschundenen Kontinents von Schottland bis nach Thrazien und ließen in die Köpfe und Herzen der Menschen Rock ’n’ Roll einziehen, den Geist der swingenden Fünfziger, der rockenden Sechziger und schließlich der poppigen Siebziger. Und im Strahlungsfeld dieses Geistes stehen wir heute, steht ganz und gar die Generation Y, deren Beginn von der demographischen Statistik auf das Jahr 1974 festgesetzt wird: das Jahr, in dem in den USA unter der Federführung Spielbergs, Coppolas und Scorceses New Hollywood begann; das Jahr nach der Ölkrise, mit der die grüne Bewegung ihren Gründungsimpuls erhielt; das Jahr nach Jom Kippur, das den Nahostkonflikt in seiner enervierenden Iterativität für die kommenden Jahrzehnte präjudizierte; das Jahr der Abwahl Brandts, mit welcher zugleich das alte rheinische Adenauerdeutschland abgewählt wurde und das spätrepublikanische Biedermeier begann; das Jahr, in dem vorerst zum letzten Mal Menschen den Mond betraten in froher Erwartung künftiger Missionen, die das damals Erreichte weit in den Schatten stellen würden; kurz: das Schwellenjahr der Siebzigerjahre, in denen die moderne Informationstechnologie, die moderne materielle und idelle Kultur von unseren Essgewohnheiten bis zu Pornographie erfunden wurden. 1974 ist das Befreiungsjahr schlechthin, das Jahr, in dem der Westen und die Westlichkeit strahlend aus dem Muff und dem Schutt von Jahrhunderten der Tristesse, der Eintönigkeit und Negativität aufstanden.

1974, so lässt sich sagen, ist das Jahr, in dem die Weltgeschichte über die Schwelle geht. Es ist das Jahr, in dem der Westen sich endgültig herausschält aus der Verpuppung, in der er sich seit Anhub der Frühen Neuzeit, seit den Tagen Magellans, Kolumbus’ und Kopernikus’ befand; das Jahr, in dem wir definitiv anfangen, „modern“ zu werden. Wenn wir die historische Kontraposition, in der wir uns heute befinden und die seit dem elften September 2001 die politische Realität dieser Erde beschreibt, wenn wir diese Kontraposition also in die Allegorie zweier Epochenjahre setzen wollen, so sind die die Jahre 1453 und 1974. 1453, das Jahr des Falls von Konstantinopel, des Fanals, das das alte Europa des Mittelalters mit Gewalt aus seinem Dornröschenschlaf riss und buchstäblich anfeuerte und anspornte zu dem steilen, überragenden Flug, zu dem es also ansetzte, vom Vor-Anker-Gehen der Santa Maria in der Karibik bis zum militärischen Gruß, den Neill Armstrong dem Star sprangled banner auf dem Mond erwies. Und 1974, das Jahr, in dem die letzte Spannung von „uns“, das heißt von uns Westlern abfiel und das die Hochphase des Individualismus einleitete.

Wir haben weiter oben von den Menschen gesprochen, die aus dem Druckkessel des alten Europa ausbrachen, um anderswo Entfaltung erleben zu können, die Entfaltung, die ihnen auf dem alten Kontinent versagt wurde. Diese Menschen waren die ersten Seefahrer und die ersten Kapitalisten, heute sind es Investmentbanker und IT-Spezialisten, die überall auf der Erdkugel zu potenziell jedem beliebigen Zeitpunkt neue Mittel und Methoden entwickeln, Grenzen zu überschreiten, es seien physische, materielle oder finanzielle Grenzen (nur die idellen Grenzen, die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens, bleiben durch die bloße gegenständliche Technik vorläufig unangetastet; sie aufzubrechen oder zu verschieben, kann Aufgabe einer neuen, einheitlichen westlichen Philosophie sein, die es freilich vorläufig nicht gibt). Die Theorien einer so genannten Dialektik der Aufklärung, die von der reaktionären Philosophie des späten neunzehnten Jahrhunderts über Heidegger und die anthropologisch-existenzphilosophische Schule bis Adorno und Hannah Arendt insbesondere in der deutschen Philosophie gute Tradition hat: diese Lehren von der Dialektik, das heißt der Negativität und “eigentlichen” moralischen Defizienz der Moderne (was hier die Frühe Neuzeit miteinbegreift) überbieten einander gern darin, die ersten Entdecker und Kapitalisten, nicht anders als ihre späten Nachfahren heute, abzuqualifizieren und zu verurteilen als Abenteurer, als wurzel- und charakterlose Desperados und Zerstörer einer vermeintlich guten alten Zeit, eines vermeintlich schönen alten Raumes, eines raumzeitlichen Kontinuums, das im Unterschied zu seinem heutigen Substrat nicht sinnleer, sondern sinnerfüllt gewesen sei. In dieser Verurteilung wissen linker und rechter Jargon sich seit je miteinander eins, und sowohl Marx als auch Heidegger pflegten die arbiträre Rede von einer angeblichen „Idylle des Mittelalters“ und von der Verderbnis, welche die Neuzeit, die „Zeit des Weltbildes“, über uns gebracht habe. Hannah Arendt sah die Massenvernichtungen unter Hitler und Stalin in der Tradition von Kapitalismus und Kolonialismus und phantasierte in ihrem Werk Vita activa von 1955 von einer „Weltlosigkeit“, die mit der Neuzeit über uns gekommen sei und welche „ohnegleichen“ sei. Die normative Schule in der Politikwissenschaft, vertreten von Persönlichkeiten wie dem nicht weniger brillanten Eric Voegelin, schloss sich Arendt darin weitgehend an. Nirgendwo ist der Westen, ist die Westlichkeit so sehr verschrien wie im Westen selbst, und das meint insbesondere: in Europa. –

Das Wesen des Westens – wir können, dies der Grund dieses Exkurses, nicht über das des Islam schreiben, ohne nicht auch ein Wort über jenes des Westens verloren zu haben -, das Wesen des Westens also ist Partikularisierung, Individualisierung, Spezifikation und Spezialisierung, und all dies sind Ausprägungen von Freiheit. Eine späte Explikation dieses Wesens mag man zum Beispiel darin erkennen, dass es bei Facebook deutlich mehr als zwei Optionen gibt, das eigene Geschlecht zu bestimmen. Der Dampf aus dem Kessel, der Europa war, der es vor allem in den eineinhalb Jahrtausenden zwischen der Passion Christi und dem Fall Konstantinopels und dem Schlachtentod des letzten legitimen Kaisers der Römer Konstantins des Elften war: der Dampf aus diesem Kessel ist entwichen, entweicht seit fünfhundertfünfzig Jahren, und niemand, keine Macht der Welt wird es fertig bringen, diesen Dampf wieder zurückzustauen in den Kessel, der Europa einmal war. Was aber geschehen kann, ist, dass der Dampf, nachdem er einige Zeit aufgestiegen ist, sich ablagern wird in der Stratosphäre, Wolken bilden und schließlich abregnen wird auf die Gefilde, aus denen er einst emporgestiegen, und dann wird sich fragen, wo, wann und wie dieses aus dem entwichenen Dampf der Jahrhunderte kondensiertes Wasser abregnen soll. Die Abläufe in der Geschichte sind strukturell die gleichen wie die Abläufe in der Natur. Die Abläufe als solche, mögen wir sie auch selbst geschaffen haben, können wir nicht beeinflussen; was wir beeinflussen können aber, ist die Art, wie wir in diese Abläufe eingreifen.

Entfaltung und Freiheit sind Wechselbegriffe. All das, was die westliche Kulturkritik gern als dekadent bezichtigt und was der Islamische Staat, der sich auf dem Gebiet des alten griechisch-römischen Kaiserreiches breit macht, mit aller Brutalität bekämpft und bekriegt, ist Ausfluss und Wirkung von Freiheit. Pornographie ist Freiheit. Promiskuität ist Freiheit. Mobilität und Tourismus sind Freiheit. Die universelle Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, die Universalität von Kommunikation, die freie Verfügbarkeit fast aller möglichen Daten und Gegenstände in einer globalisierten Welt ist Freiheit. Niedrigpreise für Dienstleistungen, die vor einem halben Jahrhundert noch ein halbes Vermögen kosteten und für die Mehrheit der Menschen unerschwinglich und also unvorstellbar waren: etwa fürs Flugreisen oder für wertvolle Kleidung oder Gebrauchtwagen: auch dies Freiheit. Und all diese Freiheit im Gegenständlichen: der erlöste, befreite Zustand des Leiblichen und der Leiber, die Möglichkeit, mit einem Smartphone das Weltwissen seit der Schöpfung dieser Welt abzurufen oder mit jeder beliebigen Person über das Internet in eine intime Kommunikation zu treten: diese Befreiung des Leiblichen ist es, was sich der europäische Geist, was sich unser Geist erträumt hat, seit es eine abendländisch-orientalische Geistesgeschichte gibt.

Das Wesen des Westens ist Freiheit. Das Wesen des Islam ist Kraft. Kraft ist Freiheit, die noch nicht frei geworden ist, die noch nicht zu sich gefunden hat.

Die letzten Tage der Neuzeit. Der Erste Weltkrieg und die eigentliche Idee von Europa

Vor bald hundert Jahren brach der Erste Weltkrieg aus, und mit ihm endete nicht nur eine Epoche, sondern ein Zeitalter. Was danach kam, so schrieb Christian Graf von Krockow in seiner vielbeachteten Studie „Die Entscheidung“ von 1954, ist noch neu, unbekannt und unbenannt. Wir Heutigen blicken auf diese hundert Jahre zurück als auf das erste vollbürtige Jahrhundert einer neuen Zeit, eines neuen Zeitalters.

Die kanonische Dreiteilung der Weltgeschichte in Altertum, Mittelalter und Neuzeit war dabei ein vergleichsweise junger Topos. Erst im Jahr 1702 führte ihn der Hallenser Gelehrte Christoph Martin Keller („Cellarius“) in die Wissenschaft ein; zuvor hatte man die Geschichte – von der Erde selbst nahm man damals an, sie bestünde seit sechstausend Jahren – eingeteilt nach den so genannten vier großen Reichen: dem assyrischen, dem persischen, dem griechischen und dem römischen. Den Brückenschlag vom römischen Reich, das 476 n. Chr. mit der zweiten Einnahme Roms durch Odoaker und den Sturz des letzten Kaisers Romulus unterging, vollzog man mittels der Denkfigur der „translatio imperii“: der (geistigen) Übergabe der (Kaiser-)Reichsidee von Rom an die Franken, deren Staat sich im 8. Jahrhundert als europäisches Großreich, von der Bretagne bis nach Mittelitalien, von den Pyrenäen bis nach Ostsachsen zu etablieren begann; mit der Kaiserkrönung Karls des Großen am Weihnachtstage des Jahres 800 als eindrücklichem Höhepunkt.

Der Gedanke, sich nicht mehr im Mittelalter, sondern in einer andren, eben der „neuen“ Zeit zu befinden, tauchte freilich schon früh in den Köpfen der Menschen auf; Jacob Burckhadt datierte in seinem kanonischen Werk „Die Kultur der Renaissance in Italien“ ebenderen Beginn aufs frühe 14. Jahrhundert, und in der Geschichtswissenschaft gelten die geistes-, rechts- und wirtschaftsgeschichtlichen Strömungen, die über Europa seit der Stauferzeit, seit dem 12., Jahrhundert hereingebrochen waren, seit Langem als eindeutige Vorboten der Neuzeit („Renaissance des 12. Jahrhunderts“ ist hier zum Beispiel ein gängiges Schlagwort). Das Gefühl freilich, Neuzeit zu sein, war auch im Jahre noch 1914 ein recht junges – trotzdem ging in ebendiesem Jahr diese Neuzeit, wie es neben Graf Krockow Denker auch wie Martin Heidegger, Hannah Arendt und Hans Blumenberg sehen sollten, schon wieder zu Ende.

Um dies zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die geistig-politischen Konstellationen zu werfen, die dem Ausbruch des Krieges vorausgegangen waren. Der Krieg fand statt zwischen den fünf europäischen Großmächten; diese waren seit dem 18. Jahrhundert England, Frankreich, Russland, Österreich (seit 1867 in Realunion: Österreich-Ungarn) und das Deutsche Reich, das 1871 quasi aus dem Königreich Preußen hervorgegangen war. Man sprach hiervon auch als von der „europäischen Pentarchie“. Hinzugekommen als stiller Konkurrent auf dem Feld der Weltwirtschaft waren mit der Unabhängigkeitserklärung 1776 bzw. mit seiner definitiven inneren politischen Einigung 1865 die Vereinigten Staaten von Amerika; eine veritable weltpolitische Rolle spielen sollten sie allerdings erst mit ihrem Eintritt in den Krieg, 1917.

Wir haben es also beim Ersten Weltkrieg konstellativ im Ausgang vorerst mit nichts anderem zu tun als mit einer Neuauflage des uralten europäischen Motivs des Bruderkrieges. Seine Wesensdimensionen konnten religiös, territorial, wirtschaftlich oder allgemein geistig sein; 1914 waren sie vordergründig wirtschaftlich-territorial, aber auf gewisse, unbestimmte Weise auch geistig. Man kann sagen, dass alle europäischen Erschütterungen seit der karolinigschen Zeit, also seit der Zeit Karls des Großen, darauf zurückzuführen sind, dass das von jenem angestrebte und für kurze Zeit auch realisierte Großreich in lauter kleine Einzelstaaten zerfiel, die seit etwa der ersten Jahrtausendwende nach Christus mit Macht nach ihrer politischen, wirtschaftlichen und später auch religiösen und ideologischen Selbstentfaltung strebten.

Besonders deutlich wurde diese Tendenz seit dem Beginn der Neuzeit, der nämlich zugleich der Beginn der so genannten deutsch-französischen Erbfeindschaft ist. Sie begann mit dem Italienfeldzug des Königs Karl VIII. von Frankreich 1494 und endete mit dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, dem so genannten Élysée-Vertrag, am 22. Januar 1963, dieses letztere ein recht junges Datum, wenn man bedenkt, dass die Mehrheit der Bevölkerung heute es noch erlebt hat (50 Jahre). Sie ging aus vom Kampf um die Vorherrschaft in jenem Teil des alten Karlischen Reiches, der in der Reichsteilung, nach dem Tod seines Sohnes, Ludwig des Frommen († 840), im Vertrag von Verdun 843 als Mittelreich hervorgegangen war. Er erstreckte sich im Groben von der heute niederländischen Nordseeküste über Lothringen, Burgund und die Provence bis nach Norditalien, Mailand und die Lombardei, und von dort aus bis nach Rom, das politisch seit der Einnahme durch die Goten im Fünften Jahrhundert nicht mehr zur Ruhe gekommen war.

Es ist genau dieser Länderschlauch von Norden nach Süden, von Mediävisten spöttisch auch gern als „Kegelbahn“ bezeichnet, in und um den im Ersten Weltkrieg in der Hauptsache gekämpft werden sollte. Der deutsche Feldzugsplan, vom späteren Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen bereits in den 1890er Jahren entworfen, sollte sich genau an diesem territorialen Szenario orientieren: die Masse der deutschen Armeen sollte das französische Heer in einer gewaltigen Umfassung von „rechts“ nach „links“, also von Norden nach Süden drücken und an der Schweizerischen Grenze „zerquetschen“ (daher das bekannte Schlagwort, das der todkranke Schlieffen im Fieberwahn gebraucht haben soll: „macht mir den rechten Flügel stark!“). Der Frontbogen im Westen reichte von Belgien, dessen völkerrechtlich garantierte Neutralität die deutsche Reichsleitung unseligerweise brach (und damit England auf den Plan lief, das ansonsten sehr wahrscheinlich neutral geblieben wäre; aber Belgien, und damit eine Zähmung unsinniger deutscher Annexionswünsche hatte es nun einmal garantiert!), durch Flandern, Vogesen, die Champagne und das alte Herzogtum Burgund (so hatte früher das gesamte Mittelreich zwischen West- und Ostfranken geheißen) bis nach Pontarlier an die Schweizer Grenze.

1915 zerfiel der Dreibund, ein wackliges Bündniskonstrukt aus den 1880er Jahren zwischen den in „Nibelungentreue“ verbundenen Reichen Deutschland und Österreich einerseits und dem jungen Königreich Italien andererseits, und es wurde, und zwar direkt in den Alpen, eine neue Front eröffnet, diesmal zwischen Österreich und Italien, das den Habsburgern noch lange nicht vergessen hatte, dass ihre Sekundo- und Tertiogenituren, ihre Vizekönige und Militärgouverneure einst drei Viertel des Landes beherrscht hatten. Der Krieg erstreckte sich also ziemlich genau in dem Länderschlauch von der flandrischen Nordseeküste bis hinunter in die Lombardei und an die Adriaküste, um dessen Besitz sich nicht nur die Enkel Karls des Großen im Neunten Jahrhundert gerissen hatten; sondern um den noch in der gesamten frühen Neuzeit, von den so genannten Italienkriegen (1494-1558) über die „Raubkriege“ Ludwigs XIV. und den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) bis zu den so genannten Koalitionskriegen zwischen dem revolutionären Frankreich und den alten europäischen Monarchien (1792-1814) gerungen wurde. Rein territorial und rein europäisch betrachtet, war es das Erbe Karls des Großen, um das die fünf europäischen Großmächte 1914 bis 1919 stritten.

Anders betrachtet ging es freilich um viel, viel mehr. 1814, als Napoleon in der Schlacht bei der Stadt Arcis-sur-Aube durch den österreichischen Fürsten Schwarzenberg geschlagen wurde und ein paar Wochen Paris die weiße Fahne hisste, befand Europa strukturell sich noch tief im Mittelalter. Es gab keine Elektrizität, keine Mobilität auf der Schiene, keine Aviatik. 1914 dagegen steht Europa tief in der Moderne. In keinem Jahrhundert wurden so viele wegweisende Erfindungen und Entdeckungen gemacht wie im 19. Quantitativ sind ihm das 20. und 21. sicher überlegen, aber qualitativ ist der Abstand zwischen 1814 und 1914 viel größer als der zwischen 1914 und 1963 es war, oder der zwischen 1963 und 2013. Die Informationstechnologien und die Verteilungsstrukturen des Wohlstandes haben sich zum Teil radikal verändert; aber mentalitär steht Europa seit der „Stunde Null“, seit 1945 in einer Art positiver Schockstarre, einem Gefühl des Nicht-mehr-beteiligt-seins, der Entpolitisierung, das dann 1992, als auch der Kalte Krieg Geschichte war, Francis Fukuyama mit dem Schlagwort vom „Ende der Geschichte“ auf den Punkt bringen sollte.

Winston Churchill sah bekanntlich die Zeit von 1914 bis 1945 als einen zweiten „europäischen Dreißigjährigen Krieg“ an, in dem alles durcheinandergewirbelt wurde. Zwei unmittelbare Konsequenzen hatte dieser Dreißigjährige Krieg: erstens: er rief die USA auf den Plan, die sich binnen Kurzem als den europäischen Vorstellungen von Wirtschaftlichkeit und militärischer Schlagkraft heillos überlegen entpuppten. Zweitens: er holte den Orient und mit ihm den Islam auf die Bühne des weltpolitischen Theaters.

Seit dem Kreuzzugszeitalter hatte sich das Türkische Reich, das sich später nach seinem dynastischen Gründer osmanisch nennen sollte, klandestin als heimliche Ordnungsmacht herauspräpariert, die, zwar dem Anschein nach gegen Europa gerichtet, in Wahrheit durch äußeren Druck immer wieder dafür sorgt, dass Europa zusammenbleibt. Letztmalig manifestierte sich dies in jener Klausel der Wiener Gründungsakte der Heiligen Allianz, die den Sultan in Konstantinopel vom Beitritt ausschloss, da er eben kein Christ sei.

Das ganze 19. Jahrhundert dann drehte sich machtpolitisch um die Erhaltung der Türkei, des „kranken Mannes am Bosporus“. Hatten die Türken noch 1683 „vor Wien“ gestanden und als der Schrecken der zivilisierten Welt gegolten, so wurden sie nun von der europäischen Diplomatie auf einmal geradezu liebevoll gepflegt. Die große Angst, die alle umtrieb, war nämlich: dass im Nahen Osten, der alten geographischen Schlüsselregion Europas, die beiden großen Gegenspieler im Kampf um die „Aufteilung der Welt“ einmal blutig zusammenstoßen würden: England und Russland.

Noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts war die große Angst des gebildeten Europäers, dass es zu einem „Weltkrieg“ zwischen diesen beiden Mächten kommen könnte. England, das Mutterland des Kolonialismus, damals Herrscherin über ein Viertel der Erdoberfläche, und Russland, der spätberufene Neuzugang ins europäische Mächtekonzert, der sich seine Rolle als heimlich Schutzmacht Preußens zwischen 1763 und 1871 erarbeitet hatte und nun nicht nur als Schutzpatron der panslawistischen Freiheitsbewegung im österreichisch regierten Osteuropa auftrat, sondern zugleich die „Befreiung“ der orthodoxen Glaubensbrüder auf dem Balkan und im Kaukasus im Schilde führte, was auf nichts anderes hinauslief als auf eine Expansion in den Nahen und Mittleren Osten, nach Syrien und Persien, an die Grenzen Indiens, das britische Kronkolonie war, seit 1876 mit dem Status eines Titularkaisertums. Hier, sowie auf den Weltmeeren – die Kriegsmarine galt als Teilstreitkraft der Zukunft – erwartete man den großen Zusammenstoß von Bär und Walfisch, von Russland und England.

Vergleichsweise unbedeutend nahm sich daneben der andere Konflikt aus, der das europäische politische Geschehen seit 1871 dominierte. Der deutsch-französische Gegensatz schien dadurch, wenn auch gewaltsam, gelöst, dass es Deutschland unter „Führung“ Preußens und Otto von Bismarcks gelungen war, sich politisch zu einigen und dabei die linksrheinischen Gebiete zu verteidigen. Einziger Stachel im Fleische: die neuen „Reichslande“ Elsass-Lothringen, die die Sieger 1871 sich gleichsam als Kriegsbeute ausbedungen hatten – Land, das zwar vor Jahrhunderten einmal deutsch gewesen, seit Ludwig XIV. aber nun einmal französisch war, dessen Bevölkerung mehrheitlich französisch dachte und fühlte und, auch der wohlwollendsten Behandlung durch die deutschen Behörden trotzend, im Traum nicht daran dachte, seine eigentliche, innere Nationalidentität aufzugeben. Hier lag die Keimzelle des französischen Revanchismus seit 1871, und der Grund, warum in den vierzig Jahren bis zum Ausbruch des Weltkrieges Deutschland und Frankreich schlechterdings nie ein Bündnis miteinander eingegangen sind.

Durch die Reichseinigung und das durch sie freigesetzte wirtschaftliche und militärische Potenzial aber – Deutschland war um 1900 hinter den USA und vor England die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt – war Deutschland zum Zünglein an der Waage geworden; es war de facto, wie Sebastian Haffner festhielt, die stärkste Macht des Kontinents geworden, und – man bedenke! – dies aus dem Nichts! 1866 gab es noch den alten Deutschen Bund, verfassungsrechtlich eine Art Blinddarm des Heiligen Römischen Reiches, mit einer fürstenrepublikanischen Verfassung und zeitweise 39 Mitgliedsstaaten; fünf Jahre später gab es ein Deutsches Reich. Jeder, mit Ausnahme Frankreichs natürlich, wollte mit diesem Deutschen Reich verbündet sein, um seine jeweiligen Ziele durchzusetzen. Nur Deutschland selber, das hatte sein Gründer Bismarck erstaunlich aufrichtig eingeräumt, hatte kein wirkliches außenpolitisches Ziel mehr; es war gesättigt, „saturiert“.

Kritiker Deutschlands, d.h. Preußens, warfen und werfen Bismarck, dem „Barbaren von Genie“, denn auch bis heute vor, er sei ein Unruhestifter gewesen, der das alte europäische Gleichgewicht zerstört habe. Fakt ist, dass Bismarck selber um die Labilität seines machtpolitischen Konstrukts am besten wusste: der sprichwörtliche „Alptraum der Koalitionen“ (cauchemar des coalitions) sollte ihn bis an sein Lebensende nicht mehr verlassen.

Dass der alte Fürst Bismarck 1890 durch eine Hofintrige und mit Wissen und Wollen des jungen, juvenilen Kaisers Wilhelm II. gestürzt wurde, wird bis heute bei Laien und Fachpublikum als schwerer Fehler angesehen und als πρῶτον ψεῦδος, als erster Fehler, der schließlich 24 Jahre später zum Ausbruch des Weltkrieges geführt habe. Erst in den letzten zehn Jahren wurde das ehedem fast schon kanonische Verdammungsurteil über den letzten Deutschen Kaiser behutsam korrigiert, unter anderem von Christopher Clark und Eberhard Straub, nachdem bereits in den Neunziger Jahren der Berliner Essayist Nicolaus Sombart einen ingeniösen Vorstoß in diese Richtung unternommen hatte.

Tatsache ist, dass sich Deutschland 1890 bündnispolitisch in einer unentscheidbaren Situation befand. Es konnte es nur falsch machen, wäre es nun mit Russland (wie zu Bismarcks Zeiten) oder mit England gegangen (wie es von der englischen Politik vor und nach Edward VII., der von 1901 bis 1910 regierte, immer wieder favorisiert wurde). Deutschland war zum ersten Mal in seiner Geschichte, um im Jargon der Bismarckzeit zu reden, vom „Amboss“ zum „Hammer“ geworden – aber es wusste mit diesem Hammer nichts anzufangen. Deutschland, nicht England, wählte mit dem Regierungsantritt Wilhelms II. 1888 die splendid isolation – in die weltpolitischen Konjekturen Englands und Russlands sinnvoll eingreifen konnte es nicht.

So kam es 1907 zu dem diplomatischen Ereignis, das niemand für möglich gehalten hätte: England und Russland, die auch ideologisch denkbar weit voneinander entfernt waren (England, eine parlamentarische Monarchie und hochindustrialisiert, Russland, ein autokratischer Agrarstaat, bei dem die große Revolution nur eine Frage der Zeit war), schlossen ein Bündnis miteinander, da beide jeweils schon mit Frankreich separat verbündet waren, gab es nun offiziell die „Tripleentente“. Der Ring der „Einkreisung“ um Deutschland war geschlossen.

Als am 28. Juni 1914 der Thronfolger der k. u. k. Monarchie, Erzherzog Franz Ferdinand, bei einem Manöverbesuch in Sarajewo von serbischen Nationalisten ermordet wurde, dauerte es noch fünf Wochen, bis sich ganz Europa im Krieg befand. Bosnien und die Herzegowina waren 1908 unter internationaler Duldung von Österreich besetzt worden, unter Missbilligung Russlands, das den Balkan seit den Tagen Katharinas der Großen als seine Hegemonialsphäre betrachtet hatte. Russlands Schutzmacht war Serbien, Serbien machte alle Anstalten, es der national empörten österreichischen Bevölkerung recht zu machen, aber es half nichts: unter den 26 Punkten des österreichischen Ultimatums an die königlich-serbische Regierung in Belgrad befanden sich jene berüchtigten zwei, die keine Regierung der Welt hätte annehmen können, ohne die Souveränität ihres Staates zu blamieren. Die Teilablehnung und damit der casus belli war von der österreichischen Kriegspartei eingeplant.

Unmittelbar darauf schaltete sich erwartungsgemäß Russland ein, das ein österreichisches Vorgehen gegen Serbien nicht dulden mochte; Russlands Vorstoß rief das Deutsche Reich auf den Plan, das sich mit Österreich auf Leben und Tod verbündet und der Regierung in Wien eine unbeschränkte Vollmacht (der berühmte „Blankoscheck“) für ihr Vorgehen gegen Serbien ausgestellt hatte (denn nur mit dem mächtigen, wirtschaftlich potenten und militärisch hochgerüsteten Deutschland im Rücken konnte das altmodische, zurückgebliebene Österreich einen Waffengang überhaupt wagen). „Unter Tränen“, wie es heißt, überreichte der deutsche Botschafter in St. Petersburg, Friedrich Graf v. Pourtalès, am 1. August die deutsche Kriegserklärung (noch vierzig Jahre zuvor waren Russland, das eine deutsche Dynastie, die Schleswig-Holstein-Gottorf, regiert, und Preußen eng Freunde gewesen). Da aber zwischen Russland und Frankreich seit 1894 ein Offensiv- und Defensivbündnis besteht, erklärt Deutschland vorauseilend am 3. August auch Frankreich den Krieg. Denn auf diesen, eigentlich unsinnigen, Konflikt hat man sich eingestellt, und das schon seit zwanzig Jahren.

Hier vollends wird der Hergang dieses Kriegsausbruches vollends unbegreiflich. Der Konflikt auf dem Balkan (der vier Jahre später im Übrigen erwartungsgemäß mit dem Auseinanderbrechen der beiden verbliebenen Vielvölkerreiche in Südosteuropa enden wird: Österreich-Ungarn und Osmanisches Reich) erweist sich als bloßer Seitenschlich, um den uralten Konflikt Frankreich-Deutschland wieder aufleben zu lassen. Die vielbeschworene Gefahr der „russischen Dampfwalze“ (tatsächlich ist die russische Armee kaum moderner als die österreichische, zudem ist die Kampfmoral der unter dem zaristischen System leidenden Rekruten miserabel) wird durch die Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen noch im Herbst durch die deutsche 8. Armee unter ihrem Generaloberst von Hindenburg, dem späteren Reichspräsidenten, aufgehalten. Dagegen beißen sich die sieben deutschen Armeen, die in einem hektischen Vorstoß Paris einzunehmen gehofft hatten und der französischen Hauptstadt auch schon auf hundert Kilometer nahegekommen waren, im September an der Marne fest („Wunder an der Marne“). Damit ist der Krieg im Westen für beide Seiten an den strategischen Nullpunkt gestoßen, bevor er richtig angefangen hat. Vier Jahre lang wird das jetzt so gehen: mal verbuchen die Franzosen, mal die Deutschen minimale Gebietsgewinne. Aber es bleibt ein Patt.

Entscheidend dafür ist allerdings, dass sich seit dem 4. August auch Großbritannien im Krieg mit Deutschland befindet. Die deutsche Oberste Heeresleitung hatte aus puren aufmarschtaktischen Gründen das neutrale Belgien überrennen lassen – und damit Englands ultimative Bedingung verletzt, unter der es in den Krieg im Westen nicht eingegriffen hätte (wodurch dieser vielleicht wirklich nach wenigen Wochen für Deutschland entschieden worden wäre). Und die vielen hunderttausend britischen Soldaten, die nun auf französischer Seite zum Einsatz kommen, verschieben das Kräftegleichgewicht natürlich zuungunsten Deutschlands.

Deutschlands ganzes Verhalten in diesem Krieg weist selbstzerstörerische Züge auf: vom unbedingten, aber gar nicht nötigen Eintreten für Österreich und seine verheerende Expansionspolitik auf dem Balkan über die fatale Verletzung der Neutralität, die Eröffnung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges im Jahr 1917, wodurch die USA auf Seiten der Entente in den Krieg gerufen werden, bis hin zu den unverschämten Friedensbedingungen von Brest-Litowsk im März 1918, wodurch faktisch ein osteuropäisches Kolonialreich unter deutscher Führung geschaffen werden soll – ein Gewaltakt, als dessen umgehende, gerechte Strafe man den Diktatfrieden von Versailles ein Jahr darauf mittlerweile auch in der Forschung auffasst. Unter allen beteiligten Mächten hatte das Deutsche Reich am wenigsten Grund zum Kriege, und unter allen Kriegszielen waren seine am wenigsten gedeckt, sei es durch Logik, sei es durch Emotion.

Die Frage nach der Kriegsschuld ist seit dem Krieg selber oft gestellt worden, und mit einer Insistenz wie sonst bei keinem Krieg in der Geschichte. Der Erste Weltkrieg brach aus, der zweite wurde entfesselt – über diese Formel herrscht in Forschung und Publikum seit Langem Einigkeit, und auch jüngere, meinungsstarke Beiträge aus der Literatur haben daran nichts geändert. Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, als die George F. Kennan den Weltkrieg in einer berühmten Wendung bezeichnete, ist in ihrer Genese heute so sehr ein Faszinosum wie vor einhundert Jahren.

Freilich folgt in der Geschichte alles einer inneren, und wiederum auch überzeitlichen, seinsmäßigen Logik. Und nach dieser Logik hatte das europäische Zeitalter politisch ausgedient. Fünfzehnhundert Jahre lang, seit dem Untergang Roms, hatten die europäischen Mächte das Politische in seiner territorialen Praxis ausgelotet in alle Richtungen; 1914 stießen sie endgültig an ihre Grenzen, und es war nur folgerichtig, dass sich die Bevölkerung Mitteleuropas mit der Niederlage 1918 zugleich ihrer Monarchen – allein in Deutschland waren dies zwanzig regierende Herren – entledigte; denn das abrahamitische Prinzip, wonach der Fürst Hirte seiner Völker ist und sie sicher durchs Ungewisse führt, hatte seine historische Legitimität verloren. Dass sich die Deutschen um ihr historisches Heldenepos betrogen fühlen sollten; dass der Verlust des Kaisers einen tief in der Volksseele verwurzelten Vaterkomplex aktivieren sollte, stand dabei auf einem anderen Blatt.

Vielleicht begreifen wir das Phänomen dieses Krieges, der aus seiner eigenen Tradition so sinnlos und fremd hervorragt, besser, wenn wir ihn aus der zukünftigen Perspektive heraus betrachten. Keine hundert Jahre sind seither vergangen, und das Antlitz Europas und der Welt hat sich vollständig geändert. Die klassische Machtpolitik ist, im Modus ihrer erratischen, infernalischen Überspitzung durch das Deutsche Reich in zwei Weltkriegen, aus dem Repertoire der europäischen Politik verschwunden; wir sind vollends ins Zeitalter des Wirtschaftlichen eingetreten, und das heißt auch: der konsequenten Wohlfahrts- und Wohlstandsförderung. Die USA und China haben die Rolle übernommen, die bis 1914 den fünf Großmächten vorbehalten gewesen; Europa kehrt stattdessen langsam zu seinen alten, unter dem Wust einer tausendjährigen Ver- und Entwicklung verschütteten Wurzeln zurück; es wird langsam wieder ein Europa der Regionen.

Regionalität ist die Wurzel des Europäischen. Der universelle, territorial nach innen vereinnahmende und nach außen ausgreifende Machtstaat war stets etwas Fremdes, ein orientalischer Oktroy, gegen den sich die Griechen einhundert Jahre lang gewehrt haben, bis der Große Alexander die Idee des Universalreiches im Rahmen eines genialen, abenteuerlichen, und doch wiederum wahnwitzigen Unternehmens in seine mediterrane Heimat importierte. Von Griechenland, das so auf einmal zum Mutterland der modernen Monarchien wurde – Alexander Demandt wies in seinem glänzenden Alexander-Buch, das vor vier Jahren erschien, zuletzt darauf hin –, ging diese Idee über auf Rom, dessen Imperium sich ja nicht um ein Land, sondern um eine einzelne, übermütige Stadt herumscharte (wen wundert es da, dass bis heute der Regionalismus gerade in Italien und Griechenland so besonders spürbar ist?), um sich dann im Gewimmel der Völkerwanderung zu verlieren. Karl der Große-Charlemagne, auf den sich die beiden Mutternationen des postmodernen Europa, Frankreich und Deutschland, als Ideenstifter berufen, stellte das Reich wieder her, aber nicht ursprünglich als politische, sondern vielmehr als Stammeseinheit. Die nationelle, politische Aufladung kam erst durch den Kaisertitel hinzu; seitdem glaubte sich jeder seiner Nachfahren dazu berufen, aus seiner eigenen Nationalität heraus Europa als Gesamtstaat einrichten zu müssen. Der europäische Urgedanke: ein freies Miteinander unterschiedlicher Stämme und damit Regionen zu sein, geriet in Vergessenheit. Es wurde beansprucht, arrondiert, geraubt und wieder zurückgeraubt, eintausend lange Jahre lang.

1914 brach das Kartenhaus des europäischen Nationalismus endlich in sich zusammen. Mit dem ersten Krieg allein war es freilich nicht getan; es bedurfte der noch viel schrecklicheren Entwicklungen über jenes Kontinuum von 1914 bis 1945 hinweg, bis sich Europas martialische, selbstzerstörerische Energien endgültig erschöpft hatten. Aber 1914 war das erste Aufleuchten, der erste laute Knall, der die Völker Europas daran gemahnte, dass sie Brüder sind, nicht Konkurrenten, und dass das Zeitalter der Bruderkriege seinem Ende entgegen geht.

So ist es kein Zufall – wie ohnehin überhaupt nichts in dem großen Zeitbogen, den wir Geschichte zu nennen gewohnt sind, „zufällig“ ist –, dass sich der „Große Krieg“, wie ihn Franzosen und Engländer mit pathetischer Hellsicht immer noch nennen, vorzüglich abspielte auf den Schlachtäckern auf jener Länderbahn zwischen Ostende und den Alpen; zwischen Belgien, dem jüngsten ,und der Schweiz, dem ältesten neutralen Staat in Mitteleuropa, deren einer nach dem ersten Krieg Sitz des Völkerbundes wurde, während der andere nach dem anderen, noch schlimmeren Krieg Sitz der Europäischen Union wurde. Der europäische Gedanke, das heißt: die Abkehr vom Nationalen, die Entschärfung des Politischen, die Übertragung der Ideale von Einheitlichkeit und Einheit vom Ganzen auf das Individuum: auf den Blutfeldern des Ersten Weltkriegs, der alle Grausamkeit und Absurdität des Kriegerischen in greller Schnörkellosigkeit ans Licht brachte, schälte er sich unter Mühen und Konvulsionen aus seiner historischen Verschalung.

Nicht verwunderlich, sondern nur folgerichtig ist die Doppelrolle, die hierbei Deutschland spielte. Wenngleich formell – das haben die Forschungen der vergangenen Jahre eindrücklich gezeigt – nicht mehr und nicht weniger schuld am Kriegsausbruch als die andern Beteiligten (hatte es doch selber am allerwenigsten Grund dazu), so war es doch, wie seit dem Mittelalter, wie schon in der Römerzeit, die „deutsche Frage“, woran sich die Zukunft Europas entscheiden sollte. Deutschland nahm, in unseliger, kindischer und zugleich gewalttätiger Verblendung, die Last der historischen Schuld auf sich: sich auf diesen sinnlosesten aller Kriege eingelassen, ihn erst zu dem gemacht zu haben, was er wurde: nämlich zu den „letzten Tagen der Menschheit“ (Karl Kraus), auf dass am Ende die Idee vom staat-losen, apolitischen Europa: dem Europa der Regionen, dem Europa der Brüderlichkeit, in der unwiderleglichen Alternativlosigkeit vor seinen Völkern stehe, wie sie nur das Erlebnis dieses Krieges in die Geister hat prägen können. Die falsche Form musste mit Gewalt zerbrochen werden, auf dass das gute Innere, die reine Materie zur Entfaltung kam: die uralte, mythische Idee von der Pax Europaea, vom europäischen Frieden.

© Konstantin Sakkas, 2013

Der Text erschien in leicht geänderter Fassung in der Ausgabe Januar 2014 in der Zeitschrift Die Drei.

Titelbild: Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich und seine Frau Sophie am Tag ihrer Ermordung, Sarajevo, 28. Juni 1914.

Europas verlorener Sohn. Das Schicksal Friedrichs des Großen

Eine politische Geschichte ist immer auch eine Lebensgeschichte. Doch kein politisches Schicksal war so sehr vom persönlichen bestimmt wie das König Friedrichs II. von Preußen. Das wussten schon die Zeitgenossen, und der bekannte Vierzeiler, den die Flugblätter bei seinem Tod, am 17. August 1786, als Nachruf druckten, sagt eigentlich schon alles Wesentliche über diesen merkwürdigsten unter allen großen Monarchen der europäischen Neuzeit aus:

„Es sagen, Friedrich zu erhöhn,

Geschichte und Nachruhm viel zu wenig.

Von allen Menschen kann man hier den größten König,

Von allen Königen den größten Menschen sehn.“[1]

Der Nachwelt, unserer heutigen abgeklärten zumal, mögen diese Verse als einfältige Hagiographie erscheinen; beim genauen Lesen aber entbirgt sich gerade in ihnen das Geheimnis, das Friedrich bis heute umgibt und das schon Goethe zu der nachdenklichen Feststellung brachte, es sei „was Einziges um diesen Menschen“[2]: Denn Friedrich, ohne Zweifel einer der schärfsten und klügsten Geister seiner Epoche, blieb zeitlebens, und gerade im politischen Handeln, doch von seiner Emotionalität bestimmt. Was er dennoch als politisches Erbe hinterließ, blieb Fragment, ideell und territorial; aber das Interesse, das er trotz aller goldener und schwarzer Preußenlegenden bis heute auf sich zieht, galt seit je vor allem seiner Persönlichkeit. Den statuarischen Eindruck eines runden, in sich kohärenten und schlüssigen und dabei recht eindimensionalen Lebens, den uns Caesar und Napoleon vermitteln, hat man bei ihm nie; Friedrich ist ein Zerrissener. Doch eben daher rührt auch jene uralte Friedrich-Faszination: dass ein Mensch seine Zerrissenheit lebt und auslebt, und dies nicht bloß erotisch oder künstlerisch, sondern auf der Weltbühne der großen Politik.

Zur politischen Verantwortung gehörte im ausgehenden ancien régime die Repräsentation des Ganzen; und zwar nicht im postmodernen Sinne medialer Außendarstellung; sondern als ganzheitlicher Ausdruck des Menschseins, und zwar vor und für die Masse der Untertanen. Paradoxerweise hat Friedrichs Königtum, das ja als Prototyp des aufgeklärten Absolutismus gilt, sehr viel von diesem esoterischen Symbolismus der Königsherrschaft, den Thomas Mann einmal glänzend in dem Satz zusammenfasste: „Die Hässlichkeit und Bitternis des Lebens kennt man ganz nur in den Niederungen der Gesellschaft und an ihrer höchsten Spitze.“[3]

Von der Bitternis des Lebens hat Friedrich schon früh gekostet. „Heimsuchung eines Prinzen“[4] nannte Wolfgang Venohr sein Jugendschicksal und traf damit den Kern dessen, was das psychologische Schlagwort vom „Vater-Sohn-Konflikt“ nicht ausreichend umschreibt: In Wahrheit war es eine fortwährende, fast zwanzigjährige Drangsal, eine gründliche körperliche und seelische Vergewaltigung, die dem Heranwachsenden von seinem Vater, dem „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., angetan wurde und die ihn für sein Leben beschädigte und ruinierte. Seiner Schwester Wilhelmine – der einzigen Frau, die er im tieferen Sinne in seinem Leben wohl „geliebt“ hat – beschrieb der Siebzehnjährige sein Martyrium so:

„Ich bin in der größten Verzweiflung. […] Der König hat gänzlich vergessen, dass ich sein Sohn bin. […] Ich trat heute morgen wie gewöhnlich in sein Zimmer. Kaum hatte er mich erblickt, als er mich am Kragen packte und in der grausamsten Weise mit dem Stocke auf mich losschlug. Ich suchte vergeblich, mich zu wehren; er war in einem so schrecklichen Zorn, dass er sich nicht mehr beherrschte, und er hielt erst inne, als sein Arm vor Müdigkeit erlahmte.“[5]

Körperliche Gewalt, mehr noch aber seelische Erniedrigung und der perverse Zwang zur Selbstverleugnung haben den Prinzen für sein Leben traumatisiert. Bei einem Manöver in Kursachsen 1728 schlägt ihn der Vater in aller Öffentlichkeit mit dem Stock blutig. Als Friedrich auf dem Höhepunkt des Konflikts 1730 bei einer Inspektionsreise am Rhein einen Fluchtversuch unternimmt und damit scheitert, kommt es zu einer weiteren Eskalation: Der Vater stürzt sich mit gezogenem Degen auf den Sohn und will ihn erstechen; nur das Dazwischentreten des Kommandanten der Festung Wesel, wo man sich gerade aufhält, verhindert einen Sohnesmord. Leutnant von Katte, der geliebte Jugendfreund des Prinzen, der ihm zur Flucht nach England verhelfen wollte, wird vor ein Kriegsgericht gestellt; man erkennt auf lebenslange Haft, aber der König persönlich ändert das Urteil ab und verurteilt Katte zum Tode. Der Hinrichtung muss Friedrich, der selber unter strenger Bewachung steht, zusehen. Und auch der Sohn soll sterben. Kaiser Karl VI. und der greise Prinz Eugen intervenieren persönlich für den preußischen Kronprinzen; Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, der erste Feldherr Preußens, fällt vor dem König auf die Knie und bittet um Gnade; das rettet dem Jungen das Leben.

Friedrich ist achtzehn Jahre alt, als dies über ihn hereinbricht. Das sind die Jugenderinnerungen, mit denen ein junger Mann, der den Thron erben soll, ins Erwachsenenleben tritt.

Man darf diese Vorgeschichte nie vergessen, wenn man das politische Schicksal Friedrichs des Großen voll begreifen will. Ihre Schatten haben ihn nie verlassen; der Schatten des gewalttätigen Vaters, der den Knaben aus heiterem Himmel mit der Vorhangskordel erdrosseln will. Hierher rührt jene „vergewaltigte Kindlichkeit, die hinter physischer Kraftleistung, Hochspannung, schallender Aktivität fühlbar wurde“[6] und die bei aller Genialität, bei aller hinreißenden Liebenswürdigkeit und Schneidigkeit nie ganz von ihm wich.

Vorerst freilich freute sich der Achtundzwanzigjährige, der 1740 den Thron bestieg, seiner neu gewonnenen Freiheit. Schnell erkennt er, dass Preußen, ein armer Agrarstaat von gerade zwei Millionen Einwohnern und noch deutlich vom Aderlass des Dreißigjährigen Krieges gezeichnet, nur bestehen kann, wenn er expandiert. Er entschließt sich zu einem folgenschweren Schritt und annektiert Schlesien, eine der reichsten Provinzen Österreichs. Diese schlesische Annexion wird nach dem Vater sein zweites Schicksal.

Europas politisches Gedächtnis hat Friedrich den Überfall auf Schlesien, den George P. Gooch recht gouvernantenhaft „eines der sensationellsten Verbrechen der neueren Geschichte“[7] nannte, bis heute nicht verziehen – wegen seines sensiblen Charakters, dessen Feinheit man mit Weichheit verwechselte und dem man kriegerische Ambitionen nicht zutraute; vor allem aber wegen der geistesgeschichtlichen Situation. Hätte Friedrich seinen so genannten schlesischen Raub ein halbes Jahrhundert früher begangen, spräche heute kein Mensch mehr davon; ebenso wenig wie von den Reunionen Ludwigs XIV., der Verwüstung der Pfalz und dem anschließenden Weltenbrand, den Frankreich und Habsburg im Jahr 1701 um die spanische Thronfolge entfachten. Aber 1740 lagen die Dinge anders. Die Philosophie der Aufklärung hielt langsam Einzug ins kollektive Bewusstsein; vor allem aber hatte niemand damit gerechnet, dass gerade Friedrich von Preußen die Vorstellungen von politischer Moral, die sich ja gerade erst herausbildeten, so fundamental infrage stellen würde. Denn 1739, nur ein Jahr zuvor, hatte er, noch als Kronprinz, jene Schrift veröffentlicht, an der sein Leben lang, und darüber hinaus, gemessen werden sollte: den Anti-Machiavel.

„Der ‚Antimachiavell‘“, so urteilte Joachim Fest, „ist häufig als ein Dokument unverbindlicher, literatenhafter Schwärmerei gedeutet worden. In Wirklichkeit traten in der Streitschrift Überzeugungen hervor, die mit [Friedrichs] innersten Wesen zu tun hatten. Doch hat er den Widerspruch zwischen humanitärem Ehrgeiz und den Zwängen der Staatsräson nie aufgelöst: er hat der Macht seine Träume, seine Maximen und, wie er selber geäußert hat, sein Leben geopfert – und sie doch illusionslos verachtet; er hat Kriege geführt – und darunter gelitten. Man verfehlt das Wesen der Erscheinung, Friedrichs lebenslangen Konflikt mit dem, was er für seine Schuldigkeit hielt, wen man darin nur den Ausdruck jener sentimentalen Cäsarenpose sieht, die auf Eroberungszügen die Tragik beklagt, dem Glück der Untertanen nicht auf andere, menschenfreundlichere Weise dienen zu können.

Die Bereitschaft zur Selbstverleugnung, die Neigung, alle sanfteren Bedürfnisse als Wehleidigkeit abzutun, hat schließlich typenbildend gewirkt und den Kern dessen hervorgebracht, was man den preußischen Charakter nennt. Nie zeigte er sich gelöst, nie frei, sondern immer überwach, nervös, immer auf dem Quivive, in […] ‚fürchterlicher Überspanntheit’ […].“[8]

Diese Überspanntheit war das Erbe seiner Jugend, das er, wenn auch modifiziert, ins Mannesalter mit hinüber nahm. Die verzehrende Angst vor Vernichtung war die eine, der brennende Ehrgeiz zur Selbstbewährung die andere Konstante seines Charakters. Mit dem schlesischen Raub, der freilich Preußen in der Tat territorial und machtpolitisch erst „eine Figur gab“[9], wie Friedrich es ausdrückte, wollte er sich bewähren, wollte der Welt zeigen, dass er es locker mit den royalen Vettern im Reich, in Frankreich, England und Österreich aufnehmen konnte. Doch Friedrich geriet an Maria Theresia. Für die blutjunge Erzherzogin wird das Jahr 1740, als halb Europa über ihr österreichisches Erbe herfällt, zum bleibenden Trauma; den Traum von der Rückgewinnung Schlesiens gibt sie bis an ihr Lebensende nicht mehr auf. Die Geister, die er hier rief, sollte Friedrich nicht mehr loswerden. Sein Biograph Johannes Kunisch schreibt:

„Schon hier fällt auf, wie sehr Friedrich dazu neigte, in Extremen zu denken, und dass er als Möglichkeiten seines Handelns nur die Katastrophe oder den Triumph zu erkennen glaubte. Es ist jenes Prinzip des alles oder nichts, das dann besonders in den Krisen des Siebenjährigen Krieges seinen Selbstbehauptungswillen ins Heroische zu steigern vermochte. […] Anzeichen für dieses aus einer traumatisch erfahrenen Bedrohung erwachsene Lebensgefühl hatte es auch während der Kronprinzenzeit gegeben. […] Seit dem Schlesienabenteuer jedoch gewann die innere Spannung zwischen einem elementaren Durchsetzungswillen auf der einen und einem bis in tiefe Depressionen reichenden Fatalismus auf der anderen Seite eine politische Dimension, die dann für die gesamte Regierungszeit des Königs prägend blieb,“[10]

Freilich: in den ersten Jahren gelingt dem jungen König Friedrich alles. Er erobert Schlesien im Handstreich, verteidigt die neugewonnene Provinz in einem zweiten schnellen Krieg und erwirbt sich Meriten als Reformer im Innern. Die Folter wird abgeschafft, die Zensur gelockert und strikte religiöse Toleranz geübt. Schloss Sanssouci wird errichtet, und die Freundschaft mit Voltaire, der sich 1752 für eine zeitlang in Potsdam niederlässt, verleiht dem frankophilen König, der Deutsch nur „wie ein Kutscher“[11] spricht, aber sechs Bände französischer Poesie hinterlassen hat, den legitimen Nimbus europäischer Geistesgröße.

In jenem zweiten Schlesischen Krieg von 1744 bis 45 bildet sich auch sein Feldherrntalent heraus, und beim Einzug im winterlichen Berlin Ende 1745 akklamiert man ihn, der bei Hohenfriedeberg seinen ersten selbständigen Sieg erfochten hat, schon als „Fridericus magnus“, als „Friedrich den Großen“[12]. Sekurität aber, das Gefühl, „angekommen zu sein“, will sich bei allem ernstgemeinten Verzicht auf weitere Eroberungen nicht einstellen. Die Preußen, so schreibt der König, müssten „toujours en vedette“ sein, ‚immer auf Posten’ und „stets mit gespanntem Ohr auf der Wacht gegen ihre Nachbarn stehen und jeden Augenblick bereit sein, die verderblichen Absichten ihrer Feinde abzuwehren“[13]. Dass das kein Grundsatz gesicherter Staatlichkeit ist, weiß Friedrich selber am besten; die Einverleibung Schlesiens stempelt ihn, der es den europäischen Großmächten doch nur gleichtun, sein Preußen von einer dritt- zur zweitklassigen Macht erheben wollte, zum „Aggressor und Friedensbrecher“[14]:

„Ich hoffe, die Nachwelt, für die ich schreibe, wird bei mir den Philosophen vom Fürsten und den Ehrenmann vom Politiker zu scheiden wissen. Ich muss gestehen: wer in das Getriebe der großen europäischen Politik hineingerissen wird, für den ist es sehr schwer, seinen Charakter lauter und ehrlich zu bewahren. Immerfort schwebt er in Gefahr, von seinen Verbündeten verraten, von seinen Freunden im Stich gelassen, von Neid und Eifersucht erdrückt zu werden“ [15]

Das waren ehrliche Worte, aber sie wurden nicht gehört. Seit dem Dresdner Frieden 1745 arbeitet Maria Theresia, die ihren lothringischen Gemahl Franz Stephan nun endlich auf dem Thron Karls des Großen placiert hat, an der Revanche, und 1756 ist es soweit. Friedrich, den seine Agenten in Dresden über die geheimen Bündnisverhandlungen zwischen Österreich, Sachsen und Russland auf dem Laufenden halten, entschließt sich zum Präventivschlag und marschiert in Sachsen ein. Wieder steht er als Rechtsbrecher da, wieder kommt zur existenziellen Bedrohung der Ruch des Verbrechertums und der Verworfenheit.

Freilich begründet dieser dritte Schlesische Krieg, der sieben Jahre dauern soll, auch den Ruhm des Großen Königs – und mit ihm den ersten deutschen Nationalmythos seit dem Dreißigjährigen Krieg, seit Gustav Adolf. „Und so war ich denn auch preußisch, oder um richtiger zu reden, Fritzisch gesinnt“, bekannte später Goethe, der als kleiner Junge im Frankfurter Elternhaus begierig die Neuigkeiten von der Front aufgesogen hatte, setzte aber hinzu: „Denn was ging uns Preußen an. Es war die Persönlichkeit des großen Königs, die auf alle Gemüther wirkte.“[16] Preußen: das war ein Phantom, das die Gestalt Friedrichs erst mit Leben füllte, dies allerdings so gründlich, dass auch der notorisch anti-nationale Goethe bekennen musste:

„Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen und die Thaten des siebenjährigen Krieges in die deutsche Poesie. Jede Nationaldichtung muß schal sein oder schal werden, die nicht auf dem Menschlich-Ersten ruht, auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für Einen Mann stehn. Könige sind darzustellen in Krieg und Gefahr, wo sie eben dadurch als die Ersten erscheinen, weil sie das Schicksal des Allerletzten bestimmen und theilen, und dadurch viel interessanter werden als die Götter selbst, die, wenn sie Schicksale bestimmt haben, sich der Theilnahme derselben entziehen.“[17]

Das ‚Schicksal des Allerletzten’ hat Friedrich allerdings geteilt, und wenn irgendetwas, dann machte ihn dies zum ‚Großen’ – nicht das im Überblick doch recht unkomplette, wenn auch im epochalen Durchschnitt sicher imposante innenpolitische Reformwerk. Der innere Wert der zahllosen Anekdotenblättchen, die seit damals generationenlang produziert wurden, liegt in ihrer auratischen Authentizität. Denn jenen König, der nach der schmerzlichen Niederlage von Kolin 1757 gedankenverloren auf einem Baumstamm sitzt und aus dem Dreispitz eines einfachen Kürassiers trinkt; der im Schneetreiben von Leuthen den Fahnenträger der Avantgarde zur Schlacht einweist und der auf den Stufen einer Dorfkirche und bei Kerzenschein den Tagesbefehl nach dem schweren, blutigen Sieg von Torgau 1760 schreibt, gab es wirklich. Und es war auch nicht Pose, sondern ehrliche Anklage eines brutalen Geschicks, wenn er, der Hochbegabte, der ein strahlender Sonnenkönig hätte werden können, aber nur der erste Grenadier seiner Armee sein durfte, im Feldlager die Verse Voltaires zitierte:

„ Ich bin bloß ein Mensch, dem Leide geweiht.

Mein Schutzschild ist nur die Standhaftigkeit.“[18]

Die Jahre von 1757 bis 1761 wurden zu einer beispiellosen Belastungsprobe für Preußen und seinen König; physisch und psychisch. Mit dem österreichischen Sieg beim böhmischen Kolin im Juni 1757 zerbrach nicht nur der militärische Nimbus des bis dahin unbesiegten roi connétable, der, für seine Zeit unüblich, die Strapazen des Feldzuges persönlich mit seinen Truppen teilte; hier zerbrach auch seine Hoffung auf einen schnellen Frieden mit Österreich und damit, wie Venohr schrieb, seine „heitre, optimistische Seele“[19]. Der Krieg, in den sich Kaiserin Elisabeth von Russland mit eindeutigen Eroberungsabsichten eingeschaltet hat, ist ein Zweifrontenkrieg, die numerische Übermacht der antipreußischen Koalition erdrückend; Friedrichs einziger nennenswerter Verbündeter ist England, das, ebenso wie Frankreich, im „Umsturz der Koalitionen“ 1756 die Seiten gewechselt hatte. Die, später übermäßig glorifizierten, Siege der Jahre 1757 und 58: Roßbach, Leuthen, Zorndorf, sind nur Atempausen; die Niederlage bei Kunersdorf an der Oder 1759 dagegen eine Katastrophe: Der König verliert die Hälfte seiner Armee, denkt, wie so oft, an Selbstmord und ist tagelang nicht ansprechbar.

Dann geschieht das erste „Wunder des Hauses Brandenburg“[20]: Die verbündeten österreichischen und russischen Truppen können sich auf keine gemeinsame Strategie einigen und ziehen ab, Friedrich hat, trotz einiger weiterer Rückschläge, bis zum Winter Ruhe. Das nächste Jahr bringt dann zwei Entlastungssiege, während ihm sein Schwager Ferdinand von Braunschweig auf dem westlichen Kriegsschauplatz gegen die schlecht geführten und unmotivierten Franzosen den Rücken freihält. 1761 steht Friedrich abermals am Rande des Abgrunds: Im August schließen ihn die Alliierten im Lager Bunzelwitz in Schlesien ein, 150.000 Mann gegen 50.000. Doch auch diesmal rettet den „bösen Mann aus Berlin“[21], wie ihn die zornige Maria Theresia nur nennt, die Uneinigkeit seiner Gegner.

Als dann nur wenige Monate später Zarin Elisabeth, seine verbissene Feindin, aus dem gewohnten Vollrausch endlich nicht mehr aufwacht, lichtet sich der Horizont. Auf den Thron folgt ihr Neffe Peter von Schleswig-Holstein – ein jugendlicher Enthusiast, der den Preußenkönig glühend verehrt, mit ihm sofort Frieden schließt und seine russische Heeresgruppe, die gerade noch Berlin besetzt hatte, preußischem Kommando unterstellt. Ein Jahr noch schleppen sich die Kampfhandlungen dahin, doch auch ein erneuter russischer Thronwechsel und die unveränderte Zähigkeit der Kaiserin in Wien können am Status quo nichts mehr ändern: Im Februar 1763 wird der Friede von Hubertusburg geschlossen. Schlesien bleibt preußisch.

Der Siebenjährige Krieg war Friedrichs Heldenepos; daran hat keine kritische Geschichtsschreibung etwas ändern können, ja, sie wollte es auch gar nicht. „Seit Alexander“, so sah es auch Rudolf Augstein, sicher sein luzidester Kritiker, „hatte kein Erbkönig sich dem Gedächtnis der Zeitgenossen so eingeschrieben wie Friedrich. Er war der letzte legitime Monarch, der seine Schlachten selber schlug.“[22] Aber der Siebenjährige Krieg, der das jugendzeitliche Trauma seines Königs endgültig ins Politische übersetzte, befestigte auch die geistige Gestalt Preußens als „abgerissener, immer ächzend verausgabter, von Zerbrechlichkeitsängsten heimgesuchter“[23] Staat, der seine Aufnahme in den Zirkel der europäischen Großmächte kaum realer Kraft und Stellung verdankte, sondern dem unheimlichen Mythos, der sich um seinen Fürsten gebildet hatte.

Nichts drückt vielleicht diesen Mythos authentischer aus als das Bild, das Adolph Menzel ein Jahrhundert später vom Zusammentreffen Friedrichs mit dem jungen Kaiser Joseph II. in Neiße 1769 gemalt hat: Hier der durch viele Leiden früh vergreiste, schon altersmilde lächelnde König; da der juvenile, feuerköpfige Kaiser, der dem einst vielgehassten Widersacher seiner Mutter nun mit der trunkenen Begeisterung eines Fans entgegentritt, der seinen angebeteten Star hinter der Bühne besuchen darf. Es ist die letzte große „ecce homo“-Szene des Absolutismus: die staunende Reverenz des tatendurstigen Jünglings vor dem weiß gewordenen Heroen, der in seiner Person nochmals das ganze Panoptikum menschlicher Größe und menschlicher Tragik wie in einem jener prächtigen Barockporträts hatte Gestalt werden lassen: die bravourösen Handstreiche und die dramatischen Abstürze; den Jammer der Untertanen und den Spott der Gegner; aber auch die seltsamen, zauberhaften Fügungen, das hans-im-Glück-hafte, so gar nicht rationalistische oder protestantische, aber wundersame und dabei allzumenschliche Dem-Tod-von-der-Schippe-Springen, das Friedrich so oft und so glücklich widerfahren war: von den fürstlichen Fürsprechern nach seinem Fluchtversuch über all die tüchtigen Generale, die seine genialischen, aber oft ungestümen und deshalb falschen Entscheidungen korrigierten und ihn aus dem Abgrund rissen, bis zu jenem wunderlichsten Requisit der Weltgeschichte: der Schnupftabakdose von Kunersdorf, die ihm im Kugelhagel das Leben rettete. Sie ist heute noch auf Burg Hohenzollern zu bewundern, samt Einschussstelle.

Seit 1763 gehörte Preußen zur europäischen Pentarchie; aber es war nur eine „Großmacht cum grano salis“[24], wie später Bismarck zugab, und das Problem seiner fehlenden historischen Legitimität, seines buchstäblichen Auf-die-Landkarte-Geworfenseins, in einem Wort: den Makel seiner mühseligen Konstruiertheit wurde es nie los, auch wenn es 1786, beim Tod des Königs, diplomatisch respektiert und militärisch potent, wirtschaftlich stabil und mit fünf Millionen Einwohnern einigermaßen gut besiedelt dastand. Zu Recht sah Heinrich Mann, an politischem Scharfsinn seinem Bruder keineswegs unterlegen, in Friedrichs Person

„das vorweggenommene Preußen – Deutschland wie es eines späten Endes werden sollte. Die Überspannung der Kräfte, das ist er. Das ‚gefährliche Leben’ für alle Tage, die herausgeforderte Entzweiung des einzelnen Landes mit der europäischen Ordnung, man erkennt ihn.“[25]

Diese Entzweiung war in seinem Lebensweg, vielleicht in seinem Charakter angelegt. Ob je ein Mensch sich ihrer Kraft hätte entziehen können, ist fraglich; Friedrich wenigstens konnte es nicht. Die Flucht vor der Peinigung, die sein Vater ihm angetan hatte, trieb ihn dem Abenteuer in die Arme; er, der ein talentvoller Beau auf dem Thron hätte sein können, der vielleicht auch einen wahren Musenhof, ein preußisches Weimar hätte errichten können, fügte sich stattdessen in die Rolle des gekrönten Schmerzensmannes, die ihm das Schicksal zugedacht hatte. Gerade die genauen Kenner seiner Geschichte hatten – mehr als die plumpen, bloß dilettierenden Vergötterer und Verteufeler – an dieser Relation zwischen Politischem und Privatem nie einen Zweifel. So ist auch für Kunisch nicht abwegig,

„den Zugriff auf Schlesien und dann die jahrzehntelange, gerade im Siebenjährigen Krieg immer wieder existenzbedrohende Auseinandersetzung mit dem Hause Habsburg als grandiose ‚Externalisation eines ursprünglich verinnerlichten traumatischen Konflikts’ zu betrachten. Es bestehe bei Persönlichkeiten wie Friedrich offensichtlich ein Zwang, schreibt der Psychoanalytiker Ernst Lürßen, die Bedrohungskonstellation ‚in der Inszenierung des eigenen Schicksals immer neu zu wiederholen’, ja diese geradezu heraufzubeschwören, um den eigenen Überlebenswillen immer wieder von Neuem unter Beweis zu stellen. Vor diesem Hintergrund könnte jenes ‚provokante Risikoverhalten’ zu erklären sein, das von Friedrichs Fluchtversuch bis zu den Schlachten von Kolin und Hochkirch so handgreiflich in Erscheinung tritt.“[26]

Friedrichs politische Aufgeklärtheit hinterließ, außerhalb des Mentalitären, jenseits der Verwaltungsorganisation nur wenige Spuren – bekanntlich auch, weil sein religiös schwärmerischer Nachfolger die alte Toleranzpolitik nicht weiterführte, und weil das heraufziehende Napoleonische Zeitalter mit seinem aggressiven Nationalismus keinen Raum mehr ließ für den nonchalanten royalen Internationalismus des ancien régime. Das Los der Leibeigenen hat er, wo er konnte, gemildert, einige Exempel an gar zu mittelalterlich auftretenden Gutsbesitzern statuiert, die königlichen Domanialbauern aus der Erbuntertänigkeit befreit; doch die feudale Gesellschaftsordnung im Ganzen ließ er unangetastet, und die große Rechtsreform blieb unvollständig. Wer Friedrichs zahlreiche Schriften aber – er wirkte als Philosoph, Historiker, Lyriker, Memorialist und nicht zuletzt als leidenschaftlicher Briefeschreiber – unvoreingenommen liest, kann sich über die Aufrichtigkeit seiner Ideen schwer täuschen. An die verwitwete Kurfürstin Maria Antonia von Sachsen schrieb er 1766:

Alle Menschen sollten von selber im Einvernehmen leben. Die Erde ist weit genug, um sie alle zu beherbergen, zu ernähren und zu beschäftigen. Zwei unselige Worte, mein und dein, haben alles verdorben. So entstanden Eigennutz, Missgunst, Ungerechtigkeit, Gewalttat und alle Verbrechen.“[27]

Der real existierende erleuchtete Despotismus, den Friedrich beispielhaft durchexerzierte, kam an dieses Ideal nicht heran; doch das war nicht seine Schuld. Eine Wirtschaftsordnung, die so alt ist wie die Weltgeschichte, wirft auch ein Schriftsteller auf dem Thron nicht in einem Menschenalter um. Und dennoch hat Friedrich auch als Politiker Erstaunliches geleistet; weniger durch praktische Innovationen, aber durch das Lehrstück seines politischen Schicksals: dass es am Ende besser sei, die Ruhe und damit den Frieden zu bewahren, als in Eroberung, in Revolution, ob auf oder gegen den Thron, sich zu verwirklichen. Wer einen Siebenjährigen Krieg durchgemacht hat, ist vom Furor des Politikmachens gründlich geheilt. Was Kunisch ihm, einig mit einem frühen Kenner, dem Grafen Mirabeau, für die preußische Monarchie attestiert, hätte durchaus ausstrahlen können auf ganz Alt-Europa: nämlich die Botschaft des Friedens, nicht aus verschwärmtem Idealismus, aber aus Besinnung und Selbstzurücknahme:

„Über den hemmungslosen, durchaus persönlich motivierten Expansionsdrang seiner ersten Regierungsjahre hinaus ist er schließlich in eine Herrschaftsauffassung hineingewachsen, die sich hingebungsvoll und uneigennützig an den Erfordernissen der preußischen Monarchie orientierte – eines Machtgebildes, das zu seinen Lebzeiten ununterbrochen bedroht und angefochten blieb. […] Je mehr ihm in den Feldzügen der Schlesischen Kriege bewusst wurde, welche weitreichenden Konsequenzen mit dem Zugriff auf Schlesien verbunden waren, desto entschiedener begriff er sein Herrscheramt als eine Aufgabe, die ihm harte Pflichten und ein hohes Maß an Selbstentäußerung auferlegte. Sein Handeln galt nun nicht mehr persönlicher Ruhmbegierde, sondern nur noch der Bewahrung des mühsam und unter hohen Opfern Erreichten.“[28]

Das ist zweifellos richtig, und hier liegt auch der Grund, warum selbst Leopold von Ranke, der Erzhistoriker der Bismarckzeit, „zu den Eroberern, welche die Welt mit ihrem Kriegsruhm zu erfüllen streben und nur immer weiter um sich greifen“[29], Friedrich gar nicht zählen wollte. Friedrich war kein Karl XII. von Schweden, schon gar kein Napoleon, und seine politischen Ziele waren im Grunde erstaunlich bescheiden. Der kämpferische Grundzug seines König-, aber vor allem seines Feldherrntums war defensiv, nicht offensiv; er gab seinem Leben die Tönung des Schwermütigen, Vergeblichen und Gescheiterten. Joachim Fest:

„Das Bewusstsein der Zerbrechlichkeit hat den preußischen Charakter im Ganzen geprägt und ihm den angestrengten Zug zur Härte gegeben, das häufig Verbogene, Malträtierte oder sogar Gebrochene, das am auffälligsten an seinen beiden großen Königen zutage tritt: der eine im Grunde ein leutseliger, gutmütiger Mann, aber Sklave einer tyrannischen Idee, unter der er selber zum Tyrannen wurde; der andere ein empfindsamer Schöngeist, weich, nervös, hochherzig, dekadentes 18. Jahrhundert, ein Flötenspieler und Menschheitsbeglücker.“[30]

Der Wahrheit am nächsten kommt vielleicht wirklich, was Thomas Mann in seiner Friedrich-Apologie schrieb, die – entgegen einem beliebten Vorurteil – Schönfärberei kaum nötig hatte, weil es an diesem traurigen Leben so wenig schönzufärben gab: „Er war ein Opfer. Er musste unrecht tun und ein Leben gegen den Gedanken führen, er durfte nicht Philosoph, sondern musste König sein.“[31] Da er dies nun aber, offenbar, sein „musste“, entschloss er sich, es auch voll und ganz zu sein, im Leiden und im Gelingen, in Pose und Ernst, in seiner Donquichotterie und in seiner Epopöe – der einzigen, die eine deutsche Dynastie hervorgebracht hat und mit der sich höchstens noch Karl V. und Wallenstein, beide ihm vielfach verwandt, vergleichen lassen. Er war kein Ritter ohne Fehl und Tadel, aber er war ein menschliches Gesamtkunstwerk. Ein rex tragicus, den man kaum lieben, aber immer liebhaben konnte. War Kaspar Hauser das Kind von Europa, so war Friedrich von Preußen sein verlorener Sohn.

Und doch bleibt ein Vorwurf: Mit seinem stoizistischen Postulat eines Lebens im Verborgenen[32], einer echten vita contemplativa nicht ernst gemacht zu haben. Hatte er nicht gedichtet:
„Als ich geboren ward, ward ich der Kunst geboren,

Die heiligen neun Schwestern reichten mir die Brust,

Und für des Herrschers Hochmut schien dies Herz verloren,

Das voller Mitleid war und kindlich unbewusst.“[33]

Natürlich ließ sich das für einen Souverän, der in seine öffentliche Verantwortlichkeit hineingeboren wird, nicht ohne Weiteres verwirklichen; doch hätte Friedrich sich nicht wirklich größeren, saubereren Ruhm erworben, hätte er sein Preußen beim Regierungsantritt in ein humanistisches Utopia umgewandelt, anstatt die eingetretenen Pfade europäischer Großmachtpolitik einzuschlagen, deren stumpfe Phlegmatik er doch gnadenlos durchschaute? Hätte er sich nicht doch dem scheinbar unbezwinglichen Diktat, das ihn einer Imperatorenkarriere entgegen trieb, entziehen und ein wahrer Friedensfürst werden können, zwar nur für sein kleines, armes Preußen, dort aber richtig?

Oder aber er hätte auf den Thron verzichtet, die Erbfolge an seinen Bruder abgetreten und als materiell sorgenloser Privatgelehrter sein Glück gefunden; denn dass ihm dies eigentlich angemessen gewesen wäre, darüber besteht kein Zweifel. Hinter jeder realen Biographie liegt als Schattenriss ihr im Leben verfehltes Ideal: Und wie Friedrich Wilhelm II. als vergnügter Playboy, Friedrich Wilhelm IV. als ein zweiter Schinkel und Kaiser Wilhelm II. als englischer Landedelmann glücklich geworden wären, so eben Friedrich II. als der Philosoph von Sanssouci: eine Mischung aus Voltaire und Prince de Ligne, ewig wissbegierig, ein Liebhaber nicht der schönen Frauen, aber des schönen Stils, vor allem mit genügend Zeit, sich die ihm in der Jugend geschlagenen Seelen-Wunden zu lecken. Er wäre seinen so geliebten Stoikern nachgefolgt, und zugleich vielleicht ein Prototyp des postmodernen Europäers geworden, der nicht mehr nach der Chimäre der Macht greift, sondern nach Selbsterkenntnis fragt.

Doch es sollte nicht sein. Friedrich wählte den Weg, der ihm schon leiblich als Sohn eines Königs vorgeschrieben war. Vielleicht war dies die größte Untat des Vaters an seinem Kind: dass er ihn einfach qua seiner Vaterschaft dazu zwang, denselben, unseligen Beruf zu ergreifen wie er; und hatte nicht der Vater selber einst die Regentschaft niederlegen und „aufs Land ziehen“ wollen – ein Wunsch, dessen Unerfüllbarkeit seine psychische Gereiztheit zweifelsohne nicht gemildert haben wird? Also wurde Friedrich König, tat seine so genannte Pflicht und wurde nicht glücklicher damit, als der Vater es geworden war.

Der spätere deutsche Nationalismus hat, bis zu Hitler, um all diese Hintergründe, die die wahre Geschichte ihres für die Propaganda zurechtgeschminkten Schlachtenlenker-Götzen ausmachten, nicht gewusst; oder er wusste darum und hat sie vor sich und dem „Volk“ geleugnet, oder aber, wie der listige Goebbels, sie ins Süßlich-Beschwichtigende umgebogen, getreu dem pseudo-optimistischen Motto aller Hysteriker ‚Davon geht die Welt nicht unter’, hinter dem sich tatsächlich ein seelenloser Fatalismus verbarg. Aber der linksliberale Emigrant Heinrich Mann, der sich als Patriziersohn mit Familienschicksalen und ihrer Wirkung gut auskannte, schrieb dem Philosophen von Sanssouci den ehrlichsten und wahrsten Nachruf, den der sich hätte wünschen können: „Lebt er dereinst mit keinem Staat mehr, dann umso sicherer in der Tragödie, die er sich selbst schrieb. Sein zerrissenes Königreich – vergangen. Übrig – der König von Preußen.“[34]

© Konstantin Sakkas, 2011

Eine gekürzte Fassung erschien im Dezember 2011 anlässlich Friedrichs 300. Geburtstages im Magazin CICERO.

Header: Carl Röchling: Friedrich der Große in der Schlacht bei Zorndorf (1904).

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[1] Johann Matthias Dreyer, Ueber das in Kupfer gestochene Bild des Preußischen Monarchen, in: Vorzüglichste deutsche Gedichte, Altona 1771.

[2] Brief an Karl Ludwig v. Knebel vom 25. Oktober 1788, in: Weimarer Ausgabe („Sophienausgabe“), Weimar 1887 ff., IV. Abteilung, Bd. 9, S. 44.

[3] Thomas Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, Frankfurt/Main 1989, S. 348.

[4] Wolfgang Venohr, Fridericus Rex, Bergisch-Gladbach 1990, S. 51.

[5] Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth. Aus dem Frz. von Annette Kolb, Leipzig 1923, S. 123.

[6] So Walther Rathenau über Wilhelm II., Der Kaiser. Eine Betrachtung, in: Samt und Stahl. Kaiser Wilhelm II. im Urteil seiner Zeitgenossen (ed. M. Kohlrausch), S. 267.

[7] Vgl. G. P. Gooch, Frederick the Great, London u.a. 1947, S. 11 (im Orig. engl.).

[8] Joachim Fest, Preußens letzter Untergang, in: Aufgehobene Vergangenheit, München 1983, S. 156 f.

[9] An den Grafen Algarotti am 17.1.1741, in: Œuvres de Frédéric le Grand, hrsg. v. Johann David Erdmann Preuß, 30 Bde., Berlin 1846-56, Bd. 18, S. 28 (im Orig. frz.).

[10] Johannes Kunisch, Friedrich der Große, München 2004, S. 173 f.

[11] Zit. n. Corina Petersilka, Zur Zweisprachigkeit Friedrichs II., in: Brunhilde Wehinger (Hrsg.), Geist und Macht. Friedrich der Große im Kontext der europäischen Kulturgeschichte, Berlin 2005, S. 54.

[12] Vgl. Venohr, Friedrich der Zweite, in: Sebastian Haffner, ders., Preußische Profile, Neuausgabe München 2001, S. 60.

[13] Vgl. Abriß der preußischen Regierung und der Grundsätze, auf denen sie beruht, nebst einigen politischen Betrachtungen (1776), in: Die Werke Friedrichs des Großen in deutscher Übersetzung, hrsg. v. Gustav Bernhard Volz, 10 Bde., Berlin 1913-14, Bd. 7, S. 216.

[14] Vgl. Venohr, Fridericus, S. 314.

[15] Denkwürdigkeiten (1742), in: Werke, Bd. 2, S. 2.

[16] Goethe, Dichtung und Wahrheit, in: Weimarer Ausgabe, I. Abt., Bd. 26, S. 71

[17] Goethe, a.a.O., S. 104.

[18] In einem Brief an Voltaire vom 9. September 1757, in: Œuvres, Bd. 23, S. 14 (dt. nach Venohr).

[19] Venohr, Fridericus, S. 343.

[20] Brief an Prinz Heinrich von Preußen, in: Politische Correspondenz Friedrich’s des Großen, hrsg. v. Johann Gustav Droysen u.a., Bd. 18, Berlin 1891, S. 510 (Nr. 11393).

[21] Vgl. Thomas Mann, Friedrich und die große Koalition, Berlin 1915, S. 60.

[22] Rudolf Augstein, Preußens Friedrich und die Deutschen, Neuausgabe Frankfurt/Main 1981, S. 27.

[23] Vgl. Fest, S. 167.

[24] Otto von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, Stuttgart 1959, S. 105.

[25] Heinrich Mann, Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen, Berlin-Weimar 1974, S. 152.

[26] Kunisch, S. 174.

[27] Brief vom 8.2.1766, in: Briefe Friedrichs des Großen, hrsg. v. Max Hein, Berlin 1914, Bd. 2, S. 150.

[28] Kunisch, S. 547.

[29] Leopold v. Ranke, Preußische Geschichte, Wiesbaden 1975, Teil II, S. 173.

[30] Fest, S. 156

[31]Thomas Mann, S. 118.

[32] In einem Gedicht an Charles Étienne Jordan vom 10. Juni 1742, in Werke, Bd. 10, S. 72 (Nr. 21).

[33] Ebd., S. 71.

[34] Heinrich Mann, S. 159.