Nähe, nicht Fremdheit. Der Islam und wir.

Durch seine behauptete Voraussetzungslosigkeit schneidet sich der Westen selbst von seinen orientalischen Wurzeln ab

Seit 2001, eigentlich schon seit Huntington – an dessen Buch ich immer wieder “gescheitert” bin, weil mir der Inhalt gegenüber den durch den Titel evozierten Erwartungen bei jedem Versuch schlicht zu banal vorkam – wurden wir – sofern nicht ausdrücklich links sozialisiert – erzogen, den Islam als gefährlich, expansionistisch und radikal, jedenfalls aber dem Westen fremd und dazu historisch überholt abzulehnen. Mein erster journalistischer Beitrag, in der Schülerzeitung meines Gymnasiums, ging ebenso in diese Richtung. Heute schäme ich mich der hochtrabend daherkommenden Naivität des Achtzehnjährigen.
In den Schulen nimmt man zwar Nathan den Weisen und vielleicht Mozarts Entführung durch, seit meiner Jugend auch das Leben des Malcom X und das Schicksal von Pakistanis im postkolonialen England. Carrie Mathison, die blonde, grünäugige Madonna des Westens, empfing eine Tochter mit dem schönen, germanischsten aller Mädchennamen, Frances, von einem Muslim, und sie half Abu Nazir dabei, Rache zu nehmen für den grausamen Tod seines Sohnes Issa an ihrem eigenen Oberbefehlshaber Walden, in dessen Figur man unschwer George W. Bush wiedererkannte (oder Trump antezipieren konnte).
Doch selbst heute erfährt man viel zu wenig – hier kann ich nur für Deutschland sprechen – über die enge Wesensverwandtschaft zwischen orientalisch-islamischer und christlich-europäischer Welt. Etwa darüber dass Maria, die Mutter Jesu, auch im Islam als Jungfrau gilt. Auch bei der Schilderung der beiden großen islamischen Fremdherrschaften in Europa, der in Spanien und der in Griechenland, wird gern geflissentlich unterschlagen, dass diese niemals so lange hätten Bestand haben können, wären sie nicht auch irgendwann gerecht und ertragbar geworden (insgeheim wissen die Spanier und Griechen das natürlich ganz genau).
Man zieht wieder gern eine imaginäre Trennlinie zwischen christlich-jüdischer und islamischer Kultur. Was für eine Idiotie! sage ich mir, nachdem ich neulich erst einem muslimischen Freund Schinkels Mausoleum der Königin Luise zeigte und selber zum wiederholten Mal darüber erstaunte, dass im Blickzentrum der Apsis doch nicht die vier mitteleuropäischen Sarkophage, auch nicht der der schönen Königin, stehen, sonder der Syrer am Kreuz, umgeben von in den Marmor gemeißelten Zitaten altorientalischer Prediger und Fürsten.
Was für eine Idiotie, sage ich mir auch, wo doch das Hebräische und Arabische einander ähnlicher sind als die romanische der germanischen Sprachfamilie. Von den 25 Propheten des Islam sind 24 Juden, Jesus übrigens inbegriffen. Das kultur- und geschichtsblinde exklusionistische Pochen aufs Christliche ist kein christlicher, auch kein abendländischer (was, wie Joschka Fischer erstaunlich klug klarstellte, im engeren Sinne ein mediterraner, kein atlantischer ist) Zug, sondern etwas Germanisches, Barbarisches, Seefahrerisch-Reitervölkisches.
Kein Wort darüber, dass der Orient nie einer Renaissance bedurfte, weil er kulturell niemals ein Mittelalter durchlaufen hat. In Nordeuropa musste man, über lange Umwege, die Tempel der Antike schlicht und einfach deshalb nachbauen, weil dort nie welche gestanden hatten. Die schöne Luise kam aus einem Landstrich, in dem noch im zweiten Jahrtausend das germanische Heidentum geherrscht hatte. Ihr, der Carrie Mathison von Mecklenburg-Strelitz, inmitten der barbarischen brandenburgischen Streusandbüchse mit ihren aus jedem Orts- und Adelsnamen Bände sprechenden heidnischen Überbleibseln ein christlich-jüdisches Grabmal in Form eines griechischen Monopteros zu setzen, entsprach der, schon damals verleugneten, weil nicht begriffenen, Orientalität dieser christlich-jüdischen Tradition selbst, aber insbesondere dem Bildungswillen und Bildungshunger des Germanentums, das Brücken zu etwas schlagen musste und wollte, mit dem das islamische Kernland immer verbunden gewesen war. Seine eigene Brücke, nämlich Byzanz, hatte Westeuropa längst aufgegeben,  bevor sie an die islamische Welt fiel.
In der Levante aber wuchs und wächst man seit je inmitten der Antike auf. Hier gab es kein finsteres Mittelalter, das mühsam abzuschütteln gewesen wäre. Dass die Griechen jemals aufgehört hätten, Griechisch zu sprechen, glauben nur Nordeuropäer, die mit dem Griechischen erst im sechzehnten Jahrhundert in Kontakt kamen. Im Orient funktionierte die Amalgamierung jüdisch-altarabischer Mythe (die, wie wir wissen, starke Einschläge in der griechisch-römischen Mythologie hinterließ), hellenistischer Gelehrtheit, mediterraner Stadt- und Handelsbürgerlichkeit und vorderasiatischer Staatslehre anstrengungslos.
Die Kreuzfahrer schauten sich dort ihre diesseitige Grals-Sex-Minne-und-Seefahrer-Eschatologie ab, die heute den common sense unserer gesamten Populär- und Hochkultur darstellt, und die Fürsten und Könige Europas den zentralisierten und rationalisierten Ordnungs- und Obrigkeitsstaat, mitsamt der, fürs Sultanat schon immer typischen, Abschaffung der Standesunterschiede, die in Europa jedoch so sehr in Stein gemeißelt dastanden, dass man dafür sage und schreibe mehr als achthundert Jahre brauchte. Auch dies ist eins der ungeschriebenen Ruhmesblätter Europas: dass sich Friedrich von Hohenstaufen und der Heilige Ludwig den modernen Staat (und mit ihm die moderne Toleranz und die strikte Trennung von Staat und Kirche) ebenso bei der islamisch-orientalischen Überlieferung abschauten wie die Gelehrten von Schottland bis Ungarn erst ihre Philosophie und dann ihre Naturwissenschaft.
Religion als Hingabe, als schwärmerisches Sich-ins-Meer-der-Liebe-Versenken und zugleich als kraftvoller, nicht redender, sondern handelnder Aufschlag, als jenes “Im Anfang war die Tat”, wonach der Germane sich immerzu sehnt: sie ist keine etwa immanent widersprüchliche und folgerichtig politisch neurotische Kreation des Islam, sondern tief in Geschichte und Charakter des Orient veranlagt.
Maria, die Gott-Mutter, in der wir die hundertbrüstige Artemis von Ephesos wiedererkennen, und Christos Pantokrator, Jesus nicht als Gemarterter mit Dornenkrone, sondern als imperialer, majestätischer All-Herrscher mit goldenem Heiligenschein: das Weibliche und das Männliche in reiner Vollkommenheit, in stolzer Ungebrochenheit: sie sind die Archetypen des Orientalischen. Nicht sie, nicht Judentum und Islam haben sich vom Christentum entfernt; sondern das Christentum, sich den ungepflegten, kulturlosen Barbarenheeren aus dem kalten Norden und Osten adaptierend, hat sich von seiner orientalischen Wurzel entfernt.
Das Christentum ist antiheroisch und antiintellektuell zugleich. Leiden, Selbstopfer, Demütigen und Gedemütigtwerden sind seine Konstanten, die ihm den freien Blick auf seine eigene Orientalität verstellen. Den Bezug zur frei waltenden Kraft und Schönheit hat es verloren. Er kann nicht wiederhergestellt werden, solange der Wunsch nach Erlösung überlagert wird von dem Komplex, überhaupt unerlöst zu sein. Das Dogma der eigenen Voraussetzungslosigkeit ist die erste Hürde, die fallen muss, will der europäische Westen jemals zu einer wirklichen Verständigung mit dem Orient kommen.
Header: “Sehet das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.” Carrie Mathison, die amerikanische Madonna des Westens, empfängt den Leib des Herrn. Ein orientalischer Ritus und eine orientalische Mythologik – im katholischen Christentum wie im Islam, konvertiert in die westlich-atlantische Sehnsucht nach Erlösung im und durch das Orientalische, verkörpert in der Inkarnation Jesu. Szenenfoto mit der Hauptdarstellerin Claire Danes aus der Serie Homeland, Season 5, Episode 1, © Showtime 2015.
© Konstantin Johannes Sakkas, 2017. All rights reserved.
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Griechenland. Europas Intervention ignoriert Geschichte

Die Geschichte der Griechen wiederholt sich: Seit 1830 entzündet sich ihr Zorn immer wieder an nationalem Unvermögen gepaart mit ausländischer Einmischung. Wäre die europäische Politik klug, würde sie dies berücksichtigen.

Die Deutschen unterschätzten die Griechen – damals 1941, als sie gemeinsam mit den Italienern am Ende des Balkanfeldzuges das Land besetzten und die Briten vertrieben. Sie wussten um die griechische Tapferkeit. Mit starkem Widerstand aber rechneten sie nicht – weder dem der Armee noch dem der Partisanen.

Wehrmacht und SS überzogen Griechenland mit einem brutalen Besatzungsregime. Gnadenlos wurden Güter requiriert, im ersten Besatzungswinter verhungerten schätzungsweise hunderttausend Griechen. Und Gegenwehr bekämpfen die Deutschen mit erbarmungslosen Repressalien.

120 Kommunen, die bis heute als Märtyrerdörfer in Erinnerung sind, wurden ausgelöscht, die berühmtesten unter ihnen: Kalavryta, Komneno, Distomo. Beinahe die ganze jüdische Bevölkerung Griechenlands fiel dem Holocaust zum Opfer, darunter die einst größte jüdische Gemeinde Europas in Saloniki.

Deutsche Besatzung politisierte Griechenland

Das Aufbegehren gegen Besatzung und Repression politisierte die Griechen. Mehrheitlich unterstützten sie den kommunistischen Widerstand, der nach und nach die ländlichen Regionen weitgehend kontrollierte. Seine Mitglieder verübten nicht nur Sabotageakte gegen die Wehrmacht, sondern bekämpften auch griechische Kollaborateure, die mit den Besatzern einträgliche Geschäfte machten und diese teilweise militärisch unterstützten.

Als sich die Deutschen zurückziehen mussten, steigerten sich die Feindseligkeiten zwischen Kommunisten und Royalisten zum erbitterten Bürgerkrieg. Er endete mit der Eingliederung Griechenlands ins westliche Bündnis. Dafür hatte sich besonders Winston Churchill stark gemacht, der Hellas nicht an den Stalin verlieren wollte.

Doch der von außen beeinflusste Regimewechsel hinterließ eine schwärende Wunde im Nationalbewusstsein, das sich von Briten und Amerikanern um seine eigene Heldengeschichte betrogen sah. Denn dieselben linksgerichteten Politiker und deren Parteigänger, die die Herrschaft der Nazis abgeschüttelt hatten, wurden jetzt erneut Opfer von Verfolgung und Unterdrückung.

Bürgerkrieg und Westbindung stabilisierten Klassensystem

Für die griechische Unter- und Mittelschicht setzte sich zudem das alte Klassensystem fort. Eine schmale Oberschicht aus Adel und Besitzenden regiert das Land seit seiner Neugründung 1830, damals noch unter dem Protektorat Englands und Frankreichs. Dabei herausgekommen waren immer wieder Staatspleiten und außenpolitische Niederlagen wie das Scheitern des Feldzuges gegen die Türkei 1922.

Fünfundsiebzig Jahre sind seit dem Bürgerkrieg vergangen – Jahre, in denen sich die verfeindeten gesellschaftlichen Lager nicht versöhnten – auch nicht, nachdem die Militärdiktatur von Demokratie und Mitgliedschaft in der EU abgelöst worden war.

Mehr noch: heute widerholt sich Geschichte. Der Wunsch, sich nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich zu befreien, geriet zum Desaster, an dem der Westen seinen Anteil hat, erst als großzügiger Kreditgeber, dann als drakonischer Gläubiger.

Europa muss den Zorn über ausländische Einmischung verstehen

Und wieder richtet sich der Zorn der Griechen gegen sich selbst, gegen den Staat und gegen die Einmischung von außen, vor allem gegen die Deutschen mit ihrer Austerity oder die Amerikaner mit ihrer Wallstreet. Man mag die ganze Schulden-Banken-und-Strukturkrise als selbstverschuldet ansehen oder auch als heilsam. Doch stiftet nichts mehr Unfrieden als das Déjà-vu des Gefühls, erneut fremdgesteuert zu werden.

Die europäische Idee verspricht, jede Nation mit ihrer eigenen Heldenerzählungen ernst zu nehmen. Das hieße auch, dass einflussreiche Partner von heute wie England, Frankreich und besonders Deutschland ihre unrühmliche Rolle in Griechenlands Geschichte nicht vergessen.

Kluge Politik ließe Athen deshalb seinen eigenen Weg aus der Krise finden. Und keinesfalls dürfte solidarische Hilfe oder eigennützige Strenge wie eine fremde Intervention daherkommen. Kluge Politik sollte die Griechen nicht unterschätzen, anders als es einst die nationalsozialistischen Deutschen taten.

Dieser Beitrag wurde am 27. Juli 2016 im Politischen Feuilleton auf Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt. © Konstantin Sakkas

Header: Generalfeldmarschall Walther v. Brauchitsch (Mitte, mit Marschallstab) vor der Akropolis, Mai 1941. Quelle/Rechte: Bundesarchiv

Das Wesen des Islams und der Westen. Teil 4: Der heroische Individualismus als Tradition Amerikas und Russlands. Die Überwindung des Katholizismus und somit des Glaubens durch sie und der Islam als Inbegriff von Glaube

Es stellt sich nach dem oben Erörterten die Frage, wie der Islam heute sich zu alldem verhalte. Wir haben als die zwei Konstanten des europäischen, d.h. euro-amerikanischen Geistes, der irgendwann in der Geschichte vom Orient ausging (was sich nirgends vielleicht deutlicher zeigt als daran, dass der mit Abstand mächtigste Gründungs- und Lebensmythos ausgerechnet des US-amerikanischen Bewusstseins der judäo-abrahamitische Mythos ist), als diese beiden Grundkonstanten also haben wir oben den Individualismus und den Ordinalismus ausgemacht. Wir können den historischen Progress, den der Individualismus dabei genommen hat, politisch-religiös als Prozess der Emanzipation vom Monotheismus und damit vom religiösen Glauben in seiner reinsten und härtesten Form nachvollziehen: je weiter der Individualismus, der in den Mythen der israelitischen Urväter und insbesondere natürlich in der Legende Jesu angelegt ist, je weiter also dieser Individualismus sich Bahn brach, desto unnötiger wurde die Verhaftung zum strengen Autoritarismus des institutionalisierten Glaubens an den einen Gott, den man in jeder weltlichen Ordnung, in den Natur- wie in den Staatsgesetzen, repräsentiert, abgebildet sah und dem sich zu unterwerfen das erste, noch aus der mosaischen Zeit – einer Zeit in der Wüste! – herrührende Gebot des europäischen Menschen wurde, so beschlossen in der Zeit am Übergang zwischen Altertum und Mittelalter, auf den Konzilien, als sich abspielte, was der Historiker Charles Freeman “the closing of the Western mind” nennt.

Die Ablösung dieses starren, brutalen und seine Subjekte zur Unbeweglichkeit und zum Autismus erziehenden intellektuellen pactum subiectionis vollzog sich in drei großen Wellen: in der Renaissance, als griechische Flüchtlinge wie Bessarion, Georgios Gemistos Plethon und El Greco, der eigentlich Theotokopoulos hieß, den Geist der Freiheit, angereichert mit deutlichen neoheidnischen Tendenzen, in der philosophischen Gestalt des Neoplatonismus nach Westeuropa brachten; in der Aufklärung, als das hochgebildete und weltlich asketische, smarte, aber politisch im Europa der Dreiständegesellschaft machtlose britische, niederländische und deutsche Bürgertum nach Nordamerika emigrierte und dort gleichsam from scratch, auf dem Reißbrett einen neuen, auf Perfektion angelegten Staat schuf, der explizit und zum ersten Mal in der Geschichte des Christentums nicht auf eine fiktionale, im Jenseits und in unbestimmter räumlicher und zeitlicher Ferner liegende civitas Dei, sondern auf eine ganz und gar diesseitige, reale und als realisierbar angenommene vollkommene beziehungsweise auf Vollkommenheit angelegte civitas terrena konzipiert war; und schließlich im Zeitalter der Weltkriege, als erst, unter dem darob stets etwas schwermütig dreinschauenden Woodrow Wilson, vergeblich, dann, unter dem ewig strahlenden Franklin D. Roosevelt, erfolgreich der Versuch unternommen wurde, diesen neuen europäischen Geist, der nun ein amerikanischer war, nach Europa zu reimportieren.
In diesen drei Schritten vollzog sich die schmerzhafte, mühevolle Abnabelung Europas vom brutalen, zwingenden und bezwingenden Diktat einer Religion, die sich den Corpus eines zu Tode Gefolterten als Signum und dieses Signum zur Signatur ihrer Zeit auserkoren. Es war ein langer Weg von der Unbeschwertheit einer Epoche, in der überlebensgroße Phalloi, nackte, eingeölte Knabenkörper und explizite Darstellungen von Sexualität den öffentlichen Raum dominierten, über ein zweitausend Jahre währendes Äon, in dem das Sexuelle an sich offiziell unter Strafe stand und dessen geistlicher Leitfigur man auf den frühen Konzilien bereits seine Menschlichkeit ab- und dafür eine abstrakte Göttlichkeit zusprach (die stark in der Antike verwurzelt bleibende Orthodoxie wich hiervon stellenweise ab, so im Filioque-Streit, der schließlich zum Schisma von 1054 führte), um auch nur die Möglichkeit sexueller Attributionen zu dieser Leitfigur kategorisch auszuschließen (denn ein Christus, der Gott ist im Sinne des “alten Mannes mit weißem Bart” – und dies ist ja nun die christliche Gottesvorstellung –, kann unmöglich sexuell aktiv sein), bis hin zu einer wiederum unbeschwerten Zeit, in der man nicht nur die physikalische Schwerkraft durch menschliche und menschengemachte Leistung überwunden, sondern in der es Frauen gestattet ist und von ihnen sogar gewünscht und erwartet wird, sich im öffentlichen Raum als Sexgöttinnen zu zeigen.

Der Siegeszug des Sexuellen, der im Zeitalter des mobilen Internet und des postpostmodernen Show- und Filmbusiness so selbstverständlich und allgegenwärtig geworden, dass niemand mehr ernsthaft sich darüber aufregt, markiert einschlägig die Überwindung des Christentums und damit auch des Monotheismus als Dogma, als Glaubensinhalt (als Denkinhalt ist das Christentum, gleich allem, was jemals auf diesem Planeten von einem denkenden Wesen ge- und erdacht wurde, potenziell unsterblich). Den Prozess dieses Sieges des Sexuellen und der Überwindung des Monotheismus in Europa lesen wir als Progress, als historisches Voranschreiten des Individualismus.

Was den Ordinalismus angeht, die andere Konstante, so ließe sich mit einigem Recht behaupten, er nun sei im Monotheismus ja gut aufgehoben gewesen und werde seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Übermacht, mit der der Individualismus sich nunmehr entfalte, erdrückt und aus dem europäischen Geiste ausgestrichen. Diese Annahme aber, so naheliegend sie auch sein mag, ist falsch. Der Ordinalismus, das Reichs- und Ordnungsdenken, hat dieselben historischen Wurzeln wie der Individualismus. Auch er kam, wie die Ideen der persönlichen Freiheit, die Verehrung von Venus und Adonis usw. usw., aus dem europäischen Osten, dem Orient nach Griechenland, von wo er sich zuerst in einer Gegenbewegung über den Orient selbst (unter Alexander nämlich), und dann, im Anschluss, im Wege der politischen Aufsaugung der griechischen Welt durch das römische Imperium, über das westliche Mittelmeer hinweg ausbreitete, was dazu führte, dass es keine genuine römische Kultur gab, sondern Rom im Grunde in der Nachahmung des griechischen Vorbilds verharrte (man kann weitergehen und darauf hinweisen, dass das Wort „Rom“ dem griechischen Wort „rhomé“, die Kraft, entspricht, und dass die Römer ein westkleinasiatischer Volksstamm waren, der ein dem Griechischen verwandtes beziehungsweise diesem entstammendes Idiom sprach, sich vorzeitig auf der Apenninenhalbinsel niederließ, sich dort mit den autochthonen Etruskern vermischte und, indem sie später Griechenland unterwarfen, im Grunde ihre eigene Heimat heim in ihr Reich holten –). Freiheit und Freizügigkeit des Einzelnen standen in der europäischen Vererbungslinie stets in Korrespondenz mit Mächtigkeit und Stabilität des Ganzen.

Anders als der Individualismus ist der Ordnungsgedanke freilich nicht mit Aufkommen des Christentums aus dem europäischen Zusammenhang verbannt worden. Als sich Kaiser Konstantin im frühen vierten Jahrhundert nach Jesu Tod dazu entschloss, das Christentum politisch und juristisch zu legitimieren (Toleranzedikt von Mailand 313), verfolgte er damit genau jenen Stabilitätsplan, der das Wesen des Römischen Imperiums ausmachte und der durch die Entwicklungen der vorangegangenen dreihundert Jahre beschädigt worden war. Das Christentum wurde im Römischen Reich und seinen Nachfolgestaaten bewusst als Ordnungsmittel eingesetzt; wirklich wirksam war es aber nur im westlichen Teil, der seit der Völkerwanderung von neu hinzugezogenen germanischen Stämmen besiedelt wurde, die aus der asiatischen Steppe kamen und über Osteuropa und das Schwarzmeerbecken langsam Richtung Westen gezogen waren. Das Christentum im Ostteil des Römischen Reiches, also vom heutigen Jugoslawien bis nach Syrien und dem Irak, hatte bereits zu Anfang eine ganz andere Prägung, war lebensbejahender, weltoffener, „heidnischer“ und somit anfällig für ideologische Störungen. Eine solche ideologische Störung trat ein mit dem Aufkommen des islamischen Glaubens, der im mittleren siebten Jahrhundert aus der arabischen Halbinsel in die durch die Justinianische Pest entvölkerte Levante wanderte und sich dort mit rasender Geschwindigkeit ausbreitete.

Der Islam war dort erfolgreich, wo er sich als die attraktivere Ordnungsmacht als das Christentum darstellen und etablieren konnte; was freilich zugleich jene Gegenden waren, die aufgrund ihrer tieferen Verwurzelung im heidnischen, antiken heroischen Individualismus das Christentum längst nicht so nötig hatten wie andere. Das Christentum nämlich blieb ausgerechnet siegreich in Gegenden, die nicht eigentlich zum antiken griechisch-römischen Kosmos gehört hatten, so in Gallien und Germanien; in denen es keine Erinnerung an den alten Individualismus, die alte Freiheit gab und deren Bevölkerung schon von Hause aus zu „hart“ war, zu abgehärtet dem Leben gegenüber, als dass sie des Islam als Schubkraft und Regulierungsmacht noch bedurft hätte. Im östlichen Mittelmeer, das kulturell seit den Tagen Alexanders des Großen ein griechisches Mittelmeer war (und dies bis auf Kavafis, den 1863 in Alexandrien geboren Sohn griechischer Kaufleute, in gewisser Weise blieb), wurde das Christentum wohl als Glaubensinhalt (mit, wir bemerkten es bereits, stärkeren heidnischen Zügen als im Westen: so ist die heroisch-weltliche, auch erotisch aufgeladene Gestalt des Christus Pantokrator im lateinischen Westen, in dem man Jesus nach und nach mit bewusst weiblichen, “passiven” Zügen darstellte, unbekannt), nicht aber als autoritative Kraft in demselben Maße anerkannt wie im Westen – eine religiös liberale Haltung, die freilich eben auch dem Einfall des Islam die Tore öffnete.

Das Papsttum, das seine Sonderstellung daraus ableitete, dass es das westlichste und eo ipso für den gesamten Westen zuständige Patriarchat war, konnte sich in der Levante, in der weitere vier Patriarchate bestanden, nie etablieren. Das Kaisertum Karls des Großen, dessen Entstehung man in der Wissenschaft gern den Nöten zuschreibt, die Papst Leo III. mit dem römischen Patriziat hatte, kam in Wahrheit zustande, weil der Westen sich nur dadurch vor einer drohenden islamischen Landnahme schützen zu können meinte, indem er seinen eigenen Hinterhof, Italien, dessen territoriale Spitze direkt die islamisch-arabische Welt berührte, in Besitz nahm und dort eine Herrschaft installierte, die einerseits die klassische, römische Herrschaftsform, das Kaisertum, reminiszierte, aber die zugleich aufgeladen war mit der Erinnerung an die alte kaiserlicher Beschützerfunktion über Italien, die sich in dem Titel „rex Langobadorum“ ausdrückte. Man darf im Kontext der Errichtung des fränkischen Römischen Reiches durch Karl den Großen niemals vergessen, dass Karl der Enkel Karl Martells war; dass er nur fünfzehn Jahre, ein halbes Menschenalter, nach der Schlacht bei Tours und Poitiers geboren wurde und dass die arabische Bedrohung durch den Abwehrerfolg seines Großvaters keineswegs gebannt war. Es ging bei der Erhebung des fränkischen Königs Karl nicht um den Schutz des schwächlichen Papstes Leo III. vor marodierenden römischen Stadtadligen, und es ging auch nicht darum, dem byzantinischen Kaisertum, das zu dem Zeitpunkt in den Händen der athenischen Irene lag und darum als vakant galt, eins auszuwischen; sondern es ging darum, Europa, das Abendland beziehungsweise sein fränkisches Hinterland gegen eine drohende Islamisierung zu verteidigen.

Auch dieses Imperium Romanum, späterhin bekannt unter seinem Vulgärnamen „römisch-deutsches Reich“, erfüllte also die klassische Ordinalfunktion, die die großen orientalisch-europäischen Reiche von Assur bis zum Alten Rom erfüllt hatten. Freilich fällt auf, dass die östliche Grenze dieses Ordnungsreiches sich immer mehr nach Westen verschob, während der Islam unter den Kalifen, die sich als direkte, geistliche und weltliche, Rechtsnachfolger Mohammeds des Propheten verstanden, die Lücke füllte, die zwischen dem – nunmehr sich überhaupt erst als solchen verstehenden – Westen und Fernost, also dem chinesisch-indisch-japanischen Komplex aufklaffte. Dieses Gebiet zwischen eurasischer Steppe und Persischem Golf, zwischen Sibirien und Indischem Ozean, dieses Herzland des Alexanderreiches bezeichnet Zbiginiew Brzezinski als Eurasian Balkans, als den Balkan Eurasiens. Er spannt in Ostwestrichtung sich auf vom usbekischen Samarkand, dem alten Marakanda, Alexanders östlichstem Vorposten, im Osten, und Mazedonien, Alexanders altem Stammland, im Westen. Die Kernzelle der islamischen Welt und zugleich der Pivot der Weltpolitik, der Angelpunkt also, um den herum sich auf der Weltkarte die Potenzen Westen hier und China-Indien dort gruppieren, fällt zusammen mit dem Reich, das Alexander von Makedonien zwischen 334 und 323 vor Christus erobert hat. Wenn der Westen um die Erhaltung des Orients kämpft, dann kämpft er unbewusst – und freilich aus gewandelten aktuellen Motivationen – um die Erhaltung des alexandrinischen Erbes.

Seit dem siebten Jahrhundert also, in dem mit der islamischen Expansion und der bulgarischen Landnahme auf dem Balkan gleichsam die beiden Urkatastrophen der nachklassischen Europäität stattfanden, hat sich die Ostgrenze des europäischen Ordnungsreiches, das ursprünglich ein eurasisches war, immer mehr nach Westen verschoben. Unter Herakleios, dem großen byzantinischen Kaiser zur Zeit Mohammeds, waren Syrien und Ägypten die Vorposten des Christentums und damit Europas; zur Zeit Luthers, etwa neunhundert Jahre später, war es Kroatien, dem der Papst den Ehrentitel antemurale cristianitatis, Vorwerk der Christenheit, verlieh, und selbst dieses Vorwerk war nicht hundertprozentig belastbar, wie die beiden türkischen Vorstöße auf Wien zeigten. Jedoch: seit dem Jahr 1700 kehrt sich die Richtung, in der die Ostgrenze Europas sich verschiebt, um. Im Jahr 1699 schließen Kaiser und Sultan im serbischen Karlowitz einen Frieden, der den Wendepunkt in der Geschichte der islamischen Expansion markiert. Fünfundsiebzig Jahre später kommt es, bei Kücük- Kaynarca, zu einem ähnlichen Friedensschluss, doch diesmal wird der Westen nicht vom Römischen Kaiser in Wien repräsentiert, sondern von der Russischen Kaiserin Katharina. In dem Dreivierteljahrhundert, das zwischen Karlowitz und Kücük-Kaynarca liegt, hat sich das Russische Reich als neuer Faktor innerhalb des europäischen Ordnungsgefüges erst vorgestellt, nämlich am Abschluss des Nordischen Krieges, der im Windschatten des Spanischen Erbfolgekrieges vorwiegend zwischen Schweden und Russland stattgefunden und bei dessen Friedensschluss der Zar, Peter I., erstmals den Kaisertitel für sich reklamierte; und schließlich etabliert: dies auf dem Separatfrieden, den im Jahr 1762 Kaiser Peter III., Enkel des ersten Peter, mit Friedrich II. von Preußen schließt und der von seiner Witwe Katharina im selben Jahr bestätigt wird. Seit dem achtzehnten Jahrhundert wird Europa gegenüber der islamischen Welt nicht mehr vom Römischen Kaiser deutscher Nation, sondern vom Kaiser von Russland vertreten.

Man neigt, insbesondere in Deutschland, dazu, diese historisch gewachsenen und etablierten Tatsachen angesichts der jüngeren politischen Vorgänge zu vergessen beziehungsweise nicht ausreichend zu würdigen. Russlands geopolitisches Selbstbewusstsein rührt aus der Vertreterrolle gegenüber dem islamischen Reich, die ihm in den erwähnten fünfundsiebzig Jahren auf höchst natürliche Weise, nämlich sich ergebend aus den weltpolitischen Vorgängen zwischen Spanischem Erbfolgekrieg und Siebenjährigem Krieg, zuwuchs und zufiel. Das Ziel der russischen Politik war nie der Vormarsch nach Zentraleuropa und die Inbesitznahme Berlins, wie man es in Deutschland aufgrund der Erfahrungen des Kalten Krieges und der deutschen Teilung glauben mag; sondern der Vormarsch auf Konstantinopel und die Etablierung eines neuen, christlichen, und das heißt in der Sprache und im Denken des einundzwanzigsten Jahrhunderts: eines religiös neutralen, aber mit den Werten und Überzeugungen des Westens ausgestatteten Großreiches zwischen Mazedonien und Usbekistan.

Die Preisgabe Ostmitteleuropas an die Armeen Stalins, beschlossen auf den interalliierten Konferenzen von Teheran bis Jalta 1943 bis 1945, ergab sich nicht nur aus der dira necessitas der Westalliierten, Deutschland von Osten her durch einen Dritten erobern lassen zu müssen, da hierzu die Kräfte und strategischen Möglichkeiten selbst der reichen USA und Großbritanniens nicht ausreichten (es gab im britischen Hauptquartier in den Vierzigerjahren in der Tat Überlegungen, im Alleingang eine zweite Front quer durch Osteuropa aufzuziehen, die von Jugoslawien über Österreich und die Slowakei nach Polen verlaufen wäre und einen russischen Vormarsch über weißrussisches Territorium hinaus erübrigt hätte; treibende Kraft dieser Erwägungen war natürlich die antikommunistisch ausgerichtete und großpolnisch denkenden polnische Exilregierung unter Wladyslaw Sikorski, die hiermit beim Geopolitiker Churchill, der sich ein starkes Polen, oder eben ein starkes Deutschland, als antibolschewistische Puffermacht in Mitteleuropa wünschte, freilich durchaus und über lange Zeit auf Verständnis stieß); sie ergab sich insbesondere aus dem Kalkül der USA, Stalin gleichsam Osteuropa, in dem bis dahin die westlichen Traditionen fest verankert waren (Schlesien, Böhmen und Ungarn waren Zentren der Renaissance), als Tauschobjekt für den Orient anzudrehen.

Die kontinentalen Westmächte schlossen sich diesem Kalkül nicht aus Überzeugung an, sondern aus purer Not, Churchill insbesondere nur mit großem Zähneknirschen; am meisten unzufrieden mit diesem Tausch freilich war Stalin selbst. Russland hatte als Besatzermacht in Mitteleuropa 1945 so wenig etwas zu suchen, wie das Deutsche Reich 1914 etwas in Paris oder Lyon verloren gehabt hätte. Osteuropa und Mitteldeutschland kamen an Russland als speergeworfenes Land, das man, einmal in Besitz genommen, wenigstens vorläufig halten musste. Die Stalinnoten aus dem Jahr 1952 waren deshalb auch nicht die hinterlistig-satanische Finte des Gewaltmenschen Stalin, für die sie die westliche Historiographie selbstverständlich nimmt, sondern vielmehr das Angebot einer militärischen Neutralisierung Mitteleuropas, die Russland umso willkommener gewesen wäre, als es dann nämlich seine Aktivitäten im Orient hätte ausbauen können, den ihm nach 1945, beginnend mit dem griechischen Bürgerkrieg 1944, kulminierend mit der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 und abschließend mit der Rezipierung sowohl Griechenlands, als auch der Türkei in die NATO – und zwar eben im schicksalhaften Jahr 1952, und gerade einmal einen Monat vor Bekanntmachung der Stalinnoten! –, die USA vor der Nase weggeschnappt hatten. Berlin und Mitteldeutschland waren der ungewollte Köder, den Hitler, ob absichtsvoll oder nicht, gleichsam im Wege einer Geschäftsführung ohne Auftrag für die USA den Russen hinlegte, den diese dann, da sie ihn nun einmal schlucken mussten, um selber nicht unterzugehen, fürs erste nicht mehr herauswürgen konnten. Vom Orient aber, ihrer alten target range seit Kücük-Kaynarca, seit 1774, waren sie abgelenkt, allein schon wegen des ungeheuren militärischen Aufwands, den sie die Administration der unterworfenen und anschließend in Satellitenstaaten umgewandelten Länder zwischen Lemberg und Fulda kostete und dessen Kosten sie, anders als die USA, denen mit England und Frankreich zwei wirtschaftlich nicht gleichrangige, aber ebenbürtige Partner zur Seite standen, auf russischen Schultern allein lastete. Der Orient war nach 1952 für die nächsten fünfzig Jahre dem russischen Zugriff entzogen, und es waren die Amerikaner selbst, war Brzezinski, ausgerechnet, der Russland durch das Kuckucksei, das er ihm mit Afghanistan ins Nest zu legen meinte, im Orient überhaupt erst wieder auf den Plan rief.

Russland träumt vom Orient. Schon im alten Griechenland kannte man den Mythos der Hyperboreer, also derer, die „jenseits des Nordens“ wohnen und bei denen ewige Ruhe und Wohlgefallen herrsche. Zweitausend Jahre später, um das Jahr 1700, wurde im griechischen Kulturraum, zwischen Rumänien, das damals Walachei hieß, und Ionien, der heutigen türkischen Westküste, der Mythos des Agathangelos populär, eine angeblich aus dem dreizehnten Jahrhundert stammende Prophetie über die Wiederauferstehung alter griechischer Größe und den Untergang der islamischen Macht. Tatsächlich handelte es sich dabei wohl um eine Fälschung, die der griechische Geistliche und Gelehrte Theoklet Polyeides gezielt in Umlauf brachte, um Stimmung zu machen für eine Invasion der russischen Glaubensbrüder in osmanisches Territorium. Der Agathangelos, was wörtlich „der gute Bote“ bedeutet, schuf im achtzehnten Jahrhundert die geistigen Voraussetzungen, die dann im neunzehnten zum griechischen Befreiungskrieg und schließlich zum beinahe vollständigen Rückzug des osmanischen Reiches vom europäischen Festland führten.

Es ist natürlich kein Zufall, dass der Agathangelos just in dem historischen Augenblick populär wurde, als Zar Peter durch sein Eingreifen in den dritten Nordischen Krieg die militärischen und diplomatischen Voraussetzungen schuf für Russlands Großmachtstellung. Über die selbstherrliche, aber nach und nach von den übrigen europäischen Mächten anerkannte Aneignung des Kaisertitels auf dem Frieden zu Nystad in Finnland 1721 sprachen wir bereits. Die spätere Frontstellung zwischen Ost und West, die im Spanischen Erbfolgekrieg, an dem Russland nicht beteiligt war, noch keine Rolle spielte, wurde 1748 antizipiert, als Kaiserin Elisabeth, Tochter und Erbin Peters des Großen, androhte, eine Interventionsarmee an den Rhein zu entsenden, würde Frankreich nicht sein Heer, das unter dem Marschall von Sachsen den Österreichern und damit dem Reich eine Niederlage nach der anderen zugefügt hatte, nicht zurückziehen. Der Friede von Aachen, mit dem im selben Jahr und also unter diesem Druck Russlands der Krieg um die österreichische Erbfolge zuende ging, galt der öffentlichen Meinung in Frankreich, das alle seine Eroberungen in den österreichischen Niederlanden und am Rhein zurückgeben musste, als die größte Schmach des Landes.

Wirkte die elisabethanische Außenpolitik mehr nach Westen hin, in die europäische Halbinsel hinein, so schwenkte Elisabeths Schwiegertochter und Nachnachfolgerin Sophie Friederike von Anhalt-Zerbst wieder in die alte, angestammte geographische Richtung, die seit der Hochzeit der Anna von Byzanz mit dem Großfürsten Wladimir im zehnten Jahrhundert die russische Außenpolitik (die damals noch eine ukrainische war) bestimmte. Katharinas der Großen großes Projekt war der Orient, während die Inbesitznahme des Landes an der Weichsel, sanktioniert durch den ersten Vertrag über die polnische Teilung 1772 mit Österreich, das hier als Erzherzogtum agierte (die neuerworbenen polnischen Gebiete wurden nicht Teil des Reiches, das gleiche galt für die Gebietsgewinne Preußens), und Preußen, vorwiegend der Absicherung gegen die kommende Großmacht an der Westgrenze, Preußen nämlich, diente, das man, genauer: ihr 1762 entmachteter und ermordeter Mann Peter (III.), ja selber großgezogen hatte (1762 fand nach dem Tod der Kaiserin Elisabeth im Januar ein Seitenwechsel Russlands statt, der dem König von Preußen die Haut und sein Reich rettete und zugleich das Fundament legte, die conditio sine qua non herstellte für den Fortgang, den die europäische und im weiteren Sinne die Weltgeschichte in den kommenden Jahrhunderten nahm). Insbesondere aber diente das Vorgehen gegen en polnischen Staat, dessen König Stanislaw II. nicht über den internationalen Rückhalt verfügte wie seine beiden Wettinischen Vorgänger, der zweite und der dritte August, der Absicherung gegen die Türken, die nach der Verausgabung Russlands im Siebenjährigen Krieg Morgenluft witterten und die immer noch den südlichen Teil der Ukraine und das alte Gebiet der Krimgoten am Schwarzen Meer, ein ehemaliges byzantinisches Exarchat und griechisch besiedelt seit dem Altertum, in Besitz hatten. Die Konföderation von Bar, geschlossen 1768 von oppositionellen polnischen Aristokraten zu Stärkung der polnischen Nationalidentität, hatte eine klare proosmanische Tendenz und führte somit mittelbar nicht nur zum fünften russischen Türkenkrieg, der im selben Jahr ausbrach, sondern auch zur ersten polnischen Teilung, die 1772 vollzogen wurde.

Russland, diese Kopfgeburt der moskowitischen Großfürsten, des Hauses Romanow und dann dessen westeuropäischer Nebenlinien, sprang im achtzehnten Jahrhundert in die Bresche, die aufklaffte zwischen der alten Ostgrenze des Römischen Imperiums, die auf der Linie vom Kaspischen Meer durch den Irak und Syrien bis hinunter an den Persischen Golf verlief, und der neuen Ostgrenze des lateinischen Westeuropa, die zusammenfiel mit den östlichen Grenzen der habsburgischen Erblande und die auf einer Linie von der Slowakei bis nach Dalmatien verlief. Dabei verfehlte es freilich die eigentliche Region seiner Ausbreitung: statt im Orient vorzudringen und das pivotale Konstantinopel einzunehmen, was zwischen 1770 und 1915 fünfmal versucht wurde und fünfmal nicht gelang, ließ es sich nach dem peninsularen Europa, dem Westzipfel Eurasiens statt seinem Bauch, ablenken. Die Ablenkung begann 1772 mit der ersten polnischen Teilung, die tatsächlich die spätere polnische Westverschiebung präjudizierte, sie wurde festgeschrieben auf dem Wiener Kongress, manifestiert durch die Niederschlagung wiederholter polnischer Aufstände zwischen 1830 und 1863, kurz unterbrochen durch die Zeit zwischen den Weltkriegen 1918 bis 1939, als die Sowjetunion Marschall Pilsudski im russo-polnischen Krieg unterlag, sich aus der großen europäischen Politik heraushielt und alle ihre Kräfte auf die innere Formgebung lenkte, und dann wiederum fortgeschrieben und dabei in ungekannte Extreme getrieben durch den Vormarsch der Roten Armee bis vor Fulda 1945, die Einrichtung einer sowjetischen Besatzungszone auf dem Gebiet des alten deutschen Reiches und die Gründung des Warschauer Paktes 1955.

Russland hat diese Ablenkung seiner geopolitischen Stoßrichtung in einer für das Land typischen Mischung aus Fatalismus und Entschlossenheit in Kauf genommen, wie es die „siebzig verlorenen Jahre“ der Sowjetherrschaft im Innern in Kauf nahm, die indessen kein anderes Ziel hatten und zu keinem anderen Ergebnis führten als dazu, dass es zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt so etwas wie eine Gesellschaft im modernen europäischen Sinne auf russischem Territorium gab; aber Russland hat, auch zu Sowjetzeiten, niemals diese seine eigentliche geopolitische Stoßrichtung, die eurasische Steppe nämlich, the Eurasian Balkans, das alte Alexanderreich von Makedonien und Thrakien bis nach Usbekistan, aus dem Auge verloren, und genau dies war der Gedanke, der hinter Gorbatschows Konzept von Glasnost und Perestroika stand und den zehn Jahre nach der Deklaration der Auflösung der schwerfällig und unzeitgemäß gewordenen Sowjetunion Gorbatschows Nachnachfolger Putin pünktlich im Jahr des elften September wieder aufnahm und fortspann. –

Wir sind bei der Erörterung der Rolle Russlands als „neuer“ europäischer Ordnungsmacht abgekommen von der Beschreibung der Traditionslinien des Ordinalismus. Wir behaupten, dass der Ordinalismus in derselben freiheitlichen und antiklerikalen Vererbungslinie stehe wie der Individualismus; dass der militante Heroismus des griechisch-römischen Weltbildes und die gleichzeitige Begeisterung am Sexuellen und damit pars pro toto am grenzenlosen, ausschweifenden Vollzug der Individualität des Einzelnen zwei Seiten derselben Münze seien. Diese Behauptung unterstellt freilich zugleich, dass das zweitausendjährige Äon der Herrschaft des Christentums über Geist, Seele und Körper eine, obzwar notwendige, Brückenepoche darstellt, die das zwanzigste Jahrhundert in der ersten Welt glücklich überwunden hat. Tatsächlich besitzt das Christentum strenger Observanz in der Ersten Welt nur mehr antiquarische Geltung; geprägt sind „wir“ von keinem Katechismus, sondern von Vertreterinnen und Vertretern des heroischen, freiheitlichen und dabei nach Ordnung verlangenden und unter Anstrengungen und Opfern herstellenden Individualismus, der das historische Erbteil Eurasiens ist, von Jesus von Nazareth bis Madonna (i.e. M. Louise Veronica Ciccone), und dies waren auch, wofür sie sich allesamt den Vorwurf des Sakrilegs zuzogen, je schon die großen Gestalter der europäischen Ordnung auch in früherer Zeit. Gleich zweimal wurde der staufische Kaiser Federico Secondo di Puglia, der mit dem ayyubidischen Kalifen den Frieden von Jaffa schloss, als König in Jerusalem das Haupt unter dem Türbogen zur Grabeskapelle neigte und seine Tochter Konstanze, die den Namen ihrer sizilianischen Großmutter erbte, mit dem griechischen Kaiser Johannes von Nizäa verheiratete, vom Papst mit dem Bann belegt, und sein namens- und nummerngleicher Vetter aus dem dekadenten achtzehnten Jahrhundert, der preußische Friedrich, galt seinen Zeitgenossen nicht minder als Ketzer und Antichrist; Maria Theresia nannte ihn stets nur den „bösen Mann“, Clemens XIII. ließ dem Marschall Fürsten Daun nach dessen Sieg bei Hochkirch 1758 einen geweihten Hut und Degen überreichen, und formell anerkannte der Heilige Stuhl das Markgrafentum Brandenburg als nunmehr preußisches Königreich erst im Jahr 1788, zwei Jahre nach des Großen Königs Tod.

Die endgültige Lösung Europas von der klebrigen Masse der weltlosen und weltfeindlichen konziliaren Dogmatik, die dieses im Anfang so zerbrechliche, von wilden Völkerschaften überflutete Nord- und Westeuropa allerdings tausend Jahre lang zusammengehalten hatte, gelang freilich erst, indem das alte atlantische Projekt gelang: die Transposition Europas auf den anderen Kontinent jenseits des atlantischen Ozeans, mit der Erschaffung des nordamerikanischen Staates. Das heutige Amerika vereint Individualismus und Ordinalismus, vereint Popkultur und Heroismus, Sex und Militarismus, den Kult der Venus und den Kult des Mars in einer Weise wie sonst nur – Russland. Beiden Ländern gemein, dass sie nie durch den Katholizismus, durch „Rom“, i.e.: durch das Diktat des Glaubens und der (monotheistischen) Religion, geprägt wurden. Das Rom, worauf beide sich de facto berufen, ist in Wahrheit nicht jenes Rom mit seiner Peterskirche und seinen augusteischen Ruinen, ist überhaupt nicht eine einzelne Stadt, sondern deren zwei: hier Athen (Washington), dort Konstantinopel (St. Petersburg). Washington ist das protestantische, Sankt Petersburg das griechisch-orthodoxe Rom, „griechisch“ beide in dem Sinne, dass beide Traditionen Geschöpfe der Renaissance sind, beide aus jener geistigen translatio imperii schöpfen, die sich zwischen 1453, dem Jahr des Falls Konstantinopels, und 1789, dem Jahr des Inkrafttretens der US-amerikanischen Verfassung, vollzog.

Nordamerika und Russland sind beide unangekränkelt vom weltverleugnenden, kraftlosen und lebenshemmenden Erbe des römischen Katholizismus, beide speisen sie sich aus dem Bewusstsein einer weltgeschichtlichen Mission, die nicht gedacht werden kann ohne einen extremen Freiheits- und Entfaltungswillen, nicht gedacht werden kann ohne eine tiefe Affirmativität gegenüber dem Leben. Beider geistiges Mutterland ist der Orient, ist das alte ägyptisch-phönizisch-persische Dreieck, die alexandrinische Welt mit ihrer geistlichen Tradition von der abrahamitischen Mythe bis zur Kontemplation der Stiliten, diese Welt, die durch den hellenistischen Imperialismus ihre ganzheitliche politische und kulturelle Gestalt verliehen bekam und die ausstrahlte in die Erste Welt, die – politisch, nicht wirtschaftlich –die USA und Russland gemeinsam bilden. Beider größter Feind ist der Islam, das Produkt Arabiens, der Halbinsel, die Alexander nicht mehr erobert hat und die darum unberührt blieb vom griechischen Individualismus und vom griechischen Ordnungswillen. Beide, die USA und Russland, sind laizistische, aufgeklärte und antireligiöse Staaten; beider größter Feind aber, der seine Fühler nach ihrem gemeinsamen orientalischen Mutterland ausstreckt, ist zugleich der Inbegriff von Religiosität, ist die Offenbarung Mohammeds, ist der Islam.

Header: Die Häupter der freien (= heroisch-individualistischen) Welt zu Besuch im Herzen des alexandrinischen Orient. Stalin und Rossevelt auf der Konferenz von Teheran. November/Dezember 1943. Quelle: Wikimedia Commons.

Fragment zum europäisch-islamischen Gegensatz

Drei große Kräfte bestimmen das gegenwärtige Welttheater: der westliche Kapitalismus, der islamische Fundamentalismus und der chinesische Komplex. China hat sich, wie zuvor Russland, den Kommunismus als Hebel zu Eigen gemacht, mit welchem sein gesellschaftliches System auf industrielle Produktivität und geistigen Zusammenhalt eingeschworen wurde. Das heutige chinesische System ist deshalb so stabil, weil jeder Chinese und jede Chinesin sich sagen kann, dass mit dem System auch er und sie selbst profitieren. Und es ist sicher auch deshalb so stabil, weil China schon als geographisches Objekt von solch schierer Größe und Kohärenz ist, dass es einen eigenen politischen Großraum, gleichsam einen Subkontinent innerhalb des Festlandes darstellt, der es sich qua dessen, wie sonst nur die USA (Russland versucht seit der späten Zarenzeit mit aller Kraft, sich ähnlich einzurichten), leisten kann, seine eigenen territorialen Grenzen auch als eigenen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Horizont zu begreifen.

Das ist der zentrale Unterschied zu Europa. Europa ist ein Amalgam von im internationalen Vergleich kleinen und kleinsten Staaten. Deutschland als altes und neues Zentrum Europas hat diesen europäischen Partikularismus gleichsam im Vergrößerungsglas noch einmal durchexerziert, als es vom Allgemeinen Landfrieden bis zur Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 und dann des Kaiserreiches 1871 in zeitweise über dreihundert souveräne Territorien und noch einmal fast eintausendfünfhundert reichsunmittelbare Ritterschaften eingeteilt war. Die deutsche Föderalverfassung ist ein Nachklang dessen, genauso wie der Partikularismus in Großbritannien, in Spanien oder in Italien. Was Deutschland in Europas Neuzeit, das war Griechenland im Altertum: niemals ein geeinter Staat (wenn auch zuletzt unter der Oberhoheit der makedonischen Dynastie, die sich freilich nur mit Einschränkungen als Zentralmacht durchsetzen konnte und alsbald durch Rom als Besatzungsmacht abgelöst wurde), sondern zusammengewürfelt aus zahllosen, für sich jeweils sehr potenten und prosperierenden, aber durch ihre Partikularität eben auch verwundbaren und international instabilen Poleis. Auch Griechenland ist bis heute ein partikularistischer Staat, wenn auch mit einer gemeinsamen nationalen Ideologie, die sich aus dem kollektiven Bewusstsein seiner Vergangenheit ergibt, und so wie Deutschland von seinem Partikularismus in den vergangenen siebzig Jahren stets profitiert hat, so leidet Griechenland heute darunter, dass jede Peripherie und jede Gemeinde vor sich selbst hinwirtschaftet.

Das ist Europa, das darin das Gegenteil der USA ist, eines zwar ebenfalls föderal organisierten Bundesstaates, der freilich nach außen geschlossen auftritt, militärisch, wirtschaftlich und diplomatisch. Beide, old Europe und die USA, ergeben zusammen die westlich-petrinische Hemisphäre, die auf das Vermächtnis des Evangeliums zurückgeht: einen individualistischen Expansionismus, eine koloniale Attitüde, die die Unterworfenen freilich nicht zur Knechtschaft zwingen, sondern sie zur Freiheit anstiften will. Die kapitalistisch-individualistische Mission ist im Grunde der Passion Jesu nachgebildet, in der ein heroischer Einzelkämpfer, statt sich buddhistisch-weltentsagend zurückzuziehen, oder aber alexandrinisch-mohammedanisch triumphierend ein weltliches Reich zu errichten, im Wege seiner Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zwar „scheitert“, aber in diesem Scheitern am Ende noch Sieger bleibt.

Das ist der Westen, dem man deshalb stets unlautere Motive unterstellte, weil sein expliziter Individualismus mit seinem impliziten Herrschaftsanspruch nicht recht zusammenpassen will. – In direkter Nachbarschaft zu ihm und territorial-geographisch zwischengelagert zwischen ihm und dem Fernen Osten, also China, liegt jener Länderschlauch, der in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends nach Christus in rasend schnellem Tempo den Glauben Mohammeds annahm und islamisch wurde. Von der levantinischen Küste bis nach Pakistan und Indien hinein verehrt man den Koran und die Offenbarung Mohammeds. Ausgegangen ist der Islam von der arabischen Halbinsel, jenem vergessenen Anhängsel der alten Welt, das Alexander nicht mehr erobern konnte (der Plan hierzu war schon gemacht), weil ihn vorher die Malaria in Babylon dahinraffte. Ausgerechnet von dieser peninsularen Wüste aus griff der Glaube, der weniger Religion, als ein politisch-ästhetisches Konstrukt ist, mit unstillbarer Gewalt nach West und Ost aus, drang hier bis nach Samarkand, einst dem östlichsten Vorposten des Alexanderreiches im heutigen Usbekistan, und dort bis nach Spanien, ja nach Südfrankreich. Als die Spanier die Moslems 1492, im selben Jahr, in dem Kolumbus in Amerika landete, nach sieben langen Jahrhunderten endlich vertrieben hatte, hatten sich die Truppen des türkischen Sultans, dessen Vorfahren einst aus der Peripherie Chinas nach Westen aufgebrochen und dabei muslimisch geworden waren, bereits auf der anderen Seite des Mittelmeerbeckens festgesetzt, hatten das über Jahrtausende griechische Kleinasien und zuletzt auch das griechische Mutterland selbst besetzt.

Die Installation eines muslimischen Weltreiches – als solches führt es etwa Jacob Burckhardt in seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen – schuf für etwa sechshundert Jahre einen Zwischenraum zwischen dem Westen, der nun, nach dem Verlust von Byzanz, auch geographisch endgültig zum „Westen“ wurde, und China, das sich nach wiederholter Blüte nun immer mehr zurückzog und mit dem Abschluss des Großen Mauer Mitte des siebzehnten Jahrhunderts endgültig die Fenster zu Welt schloss. Um 570, kurz nach dem Tode Justinians, des letzten Kaisers von Gesamtrom, brach die nach ihm benannte Pest aus, durchwütete das ganze Mittelmeerbecken und schuf das infrastrukturelle chaos, das Voraussetzung war für die islamische Expansion aus der arabischen Wüste hinaus nach Ägypten, Syrien, Palästina, Mesopotamien und Unteritalien.

711 besiegten die Sarazenen – die Türken traten erst im elften Jahrhundert auf den Plan – die Westgoten am Guadalete und errichteten anstelle des alten Reiches von Toledo das Kalifat von Cordoba. Sieben Jahrhunderte später, im Jahr 1354, wütete abermals der Schwarze Tod in Europa, und während in Konstantinopel wie überall in Europa die Pestkranken auf der Straße lagen, gingen die nunmehr türkischen Muslime vor Ostthrakien, bei dem schicksalhaften Ort Gallipoli (wörtlich: kallé pólis = die schöne Stadt) vor Anker, setzten erstmals den Fuß auf im engeren Sinne osteuropäisches Territorium und eroberten die alte Kaiserstadt Adrianopel, die seither Edirne heißt. Neunundneunzig Jahre später stürmten sie von hier aus und von der See in einer Zangenbewegung dann die kaiserliche Residenzstadt Konstantinopel und machten daraus Istanbul (offiziell heißt die Stadt allerdings erst seit der Gründung der modernen Türkei in den 1920er Jahren so). Zwei große Epidemien, die das kulturelle Gedächtnis des alten Europa in christlicher Zeit wahrscheinlich mehr geprägt haben als uns Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts zwei Weltkriege und mehrere Völkermorde, waren im Abstand von siebenhundert Jahren die Geburtsstunden der islamischen Expansion nach Europa hinein. Interessanterweise waren es die Mongolen, war es Dschingis Khan, dessen Reiterhorden nicht nur beim Schlesischen Liegnitz, dem heutigen Legnice in Polen, 1241 ein christliches Ritterheer vernichteten und damit ganz Europa in Angst und schrecken versetzten; sie waren es auch, die dem türkischen Kalifat in den Rücken fielen und es so auf seinem Vormarsch auf Konstantinopel, Griechenland und den Balkan beinahe noch gestoppt hätten. Der mongolische Sieg bei Ankara im Jahr 1402 hätte um ein Haar das Rad der Geschichte zurückgedreht.

Doch wie die Hunnen eintausend Jahre zuvor (die nicht nur die Kaiserstadt Konstantinopel mit einer saftigen Kontribution belegten, sondern dem Kaiser zugleich wertvolle Hilfstruppen im Kampf gegen seine, damals noch nicht muslimischen, Gegner an der Ostgrenze stellten), so zogen sich auch die Mongolen, überfordert mit dem gigantischen imperial overstretch, den diese flächenmäßig größte Expansion eines Volkes in der Menschheitsgeschichte bedeutete, wenig später in ihre Heimat zurück und überließen Europa seinem Schicksal. – Erschüttert durch den türkischen Vorstoß auf den Balkan, das eigentliche, aber immer vernachlässigte europäische Herzland, und nunmehr endgültig abgeschnitten von den traditionellen Handelsrouten nach Fernost, sah das immer noch unzivilisierte, in der alten germanischen Trägheit verharrende und eine sehr jenseitige, melancholisch-schwermütige Christlichkeit pflegende Westeuropa sich nun ultimativ gezwungen, nach neuen Handelsrouten Ausschau zu halten. Die moderne Seefahrt wurde geboren, und mit ihr der Kapitalismus. (Am Rande sei erwähnt: Der sagenhafte Reichtum Konstantinopels, vor dem noch im Hochmittelalter London, Paris und Rom wie bessere Dörfer aussahen, rührte natürlich aus seiner geographischen Position als Schnittstelle des Welthandels zwischen Europa und China beziehungsweise dem asiatischen Osten insgesamt, der damals in Europa kollektiv als „Indien“ bezeichnet wurde. Russland versuchte im 19. Jahrhundert militärisch und versucht nun, im 21. Jahrhundert, wirtschaftlich und diplomatisch, genau die Position, die Byzanz vor tausend Jahren innehatte, nun wieder neu aufzubauen.)

Das Wesen des Kapitalismus ist antiterritorial. Die Engländer, die als Inselvolk nie besonders in territorialen Kategorien dachten (denn ein entferntes Festland lässt sich von einer Insel eben nie dauerhaft sicher beherrschen, weshalb England ja auch trotz äußerster Anstrengungen den Hundertjährigen Krieg um Frankreich verlor), erkannten dies als erste und bauten bereits im fünfzehnten Jahrhundert ein effizientes kapitalistisches System auf, das sie in den beiden folgenden Jahrhunderten soweit verbesserten, dass sie um die Wende vom 17. Zum 18. Jahrhundert, als um die spanische Thronfolge ein europäischer Weltkrieg ausbrach, bereits als Schiedsrichter und Zünglein an der Waage auftreten konnten. Die Bank of England, damals keine zehn Jahre alt, gab das Geld an die Verbündeten, und ein britischer Aristokrat, der Herzog von Marlborough, kommandierte alliierte Armeen, die im Allgäu und in den Niederlanden große, blutige Schlachten schlugen. Der pompöse Landsitz der Marlborough, unter deren Nachfahren auch der künftige König von England ist, Blenheim Palace, heist nach dem Städtchen Blindheim im bayrischen Schwaben. –

Der Kapitalismus ist, das erkannte Max Weber zu Recht, in seinem Wesen melancholisch, daher die These von der innerweltlichen Askese. Er ist melancholisch wie ein Don Juan, der es aufgegeben hat, eine Frau zu finden, die er heiraten kann, weil er selbst ein ewiger Wanderer, ein Wurzelloser ist, eben in diesem Sinne antiterritorial. Stattdessen zieht er wie der fliegende Holländer – Holland ist in der Frühen Neuzeit die kontinentaleuropäische Version Englands, New York hieß bekanntlich zuerst Neu Amsterdam, die Ostküsten-Oberschicht setzte sich ursprünglich fast überwiegend aus niederländischen Kaufmannsfamilien wie den Roosevelts zusammen) –, wie der Fliegende Holländer also zieht der Kapitalismus als politisch-wirtschaftlicher Donjuanismus über die Weltmeere und verführt überall, wo er vor Anker geht, eine andere fremde Schönheit und macht sie, nach Möglichkeit, von sich abhängig. Machte er sie nicht abhängig, müsste er irgendwann betrübt und schlagartig im Bewusstsein der eigenen Weltlosigkeit, des eigenen Alleinseins zurückkehren auf seine einsame, langweilige und weltabgeschiedene Insel und dort an gebrochenem Herzen einen langsamen, traurigen Tod sterben.

Der Verlauf der europäischen und der Weltgeschichte seit der Frühen Neuzeit hat dieses Modell zum tragenden Modell der internationalen Politik erhoben. Eine Konsequenz dessen ist die völlige Ausstreichung des Prinzips der Territorialität und damit der Nationalität aus der europäischen Politik. Die Errichtung des alliierten Besatzungsstatuts über Deutschland 1945, die Grundlegung der Europäischen Gemeinschaft ein Jahrzehnt darauf in den Römischen Verträgen, schließlich die westöstliche Annäherung, die deutsche Wiedervereinigung, der Zusammenbruch der kommunistischen Satellitensysteme im slawischen Osteuropa, der Zwei-plus-Vier-Vertrag und, zuletzt,, die formelle Ausrufung der Europäischen Union mitsamt dem Abkommen von Schengen in den Neunzigerjahren sind die krönenden Höhe- und Endpunkte in dieser Entwicklung. – Es ist im September 2015 durch eine interessante Fügung der politischen Geschehnisse für jedermann ersichtlich, dass die Entwicklungen der vergangenen vierzehn Jahre, also seit den Ereignissen des elften September 2001, und, in ihrem Verfolg, die Aufwühlung des Nahen und Mittleren Ostens, also des orientalischen Länderschlauchs von Syrien am Mittelmeer bis nach Afghanistan und Pakistan am indischen Ozean, dazu geführt haben, dass dieses Prinzip der Antiterritorialität nunmehr grundlegend infrage gestellt wird, und zwar aus zwei Gründen:

  1. der internationalen Finanzkrise, die in Südeuropa, beginnend bei Griechenland, zu einem sich stetig ausweitenden wirtschaftlichen Chaos geführt hat und weiterhin führt;
  2. der Flüchtlingsbewegung aus dem Nahen und Mittleren Osten in Richtung Zentral-, West- und Nordeuropa, die eine direkte Konsequenz der Bürgerkriege und Kriege ist, die seit 2001 – wenn wir Palästina und die Zweite Intifada nehmen, dann ist das Stichjahr glatt 2000 – von der Levante bis an die indische Grenze toben und die, das sei der Gerechtigkeit halber nicht unerwähnt, durch die russische Regierung unter dem seither amtierenden Wladimir Putin mit Müh und Not daran gehindert werden, nach Norden, ins Herzland des „Eurasischen Balkans“ überzugreifen, also sich vom südlichen Orient nach dem nördlichen auszudehnen, der sich vom Kaukasus über das alte Hyrkanien östlich des Kaspischen Meeres über Kasachstan, Tadschikistan und wie die Staaten alle heißen bis ins bereits erwähnte Samarkand, das alte alexandrinische Marakanda, direkt an der chinesischen Grenze erstreckt.

Das ist der gegenwärtige politisch-geographische beziehungsweise geopolitische Plan, in dem sich die Welt, Afrika und Südamerika ebenso wie die staatliche Dimension der Raumfahrt einmal beiseite gelassen, zur Zeit bewegt.

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Wenn wir unserer Bertachtung die Feststellung zugrunde legen, dass das europäische System, in dem wir leben und um das es uns also naturaliter vorrangig geht, gehen muss, dass dieses System also in seinen gewachsenen und überlieferten Grundfesten erschüttert wird und weiterhin und mit fortschreitender Intensität erschüttert werden wird: so gilt es zuvörderst zu klären, was die Ursachen dieser Erschütterung sind. Wenig überraschend, sind die Ursachen der Erschütterung, wie eigentlich immer im Leben und also auch immer in de Geschichte, dieselben Ursachen, die einmal zur Stabilität des Systems und damit zum System als System überhaupt geführt haben. Es sind, wie schon gesagt, zwei Ursachen: einmal der Kapitalismus, zum anderen der Islam beziehungsweise die Ausschließung des Islam vom westlichen politischen und also vom weltpolitischen Geschehen, die im Ganzen sechshundert Jahre lang Bestand hatte und die Europa, das sich in dieser Zeit als vom Islam berannte und sich immer wieder erfolgreich dagegen verteidigende Festung verstand, überhaupt erst die Chance gab, sich politisch, aufsteigend vom frühen Absolutismus über den revolutionären Konstitutionalismus bis hin zum System der demokratischen Multilateralität der EU, so sehr zu konsolidieren und dabei wirtschaftlich eine schier uneinnehmbare Spitzenposition aufzubauen. Der Zeitstrang dieser sechshundert Jahre beginnt also bei der türkischen Eroberung Gallipolis im Jahr 1354, und er endet genau 598 Jahre später, mit der Aufnahme der Türkei, diesmal ein formal laizistischer Staat, ohne Sultanat, ohne Kalifat und ohne orientalische Provinzen, im Jahr 1952.

In diesen sechshundert Jahren gehen Vasco Da Gama, Magellan und Kolumbus auf Entdeckungsfahrt, wird Amerika entdeckt und sein nördlicher Teil vom westeuropäischen Bürgertum kolonisiert und dabei ganz aufs Wirtschaftliche hin ausgerichtet, werden Recht und Administration der europäischen Länder modernisiert und rationalisiert und wird schließlich der uralte Traum von einem konsistenten europäischen Reich unter demokratisch-republikanischen Vorzeichen verwirklicht. Mit der Einführung des Euro im Jahr 2002, allerdings drei Monate bereits nach der neuen Zäsur, Nine Eleven, wird diesem Prozess der europäischen Einigung die Krone aufgesetzt: eine einzige Währung für inzwischen neunzehn europäische Staaten, deren meiste zuvor oftmals und jahrhundertelang in erbittertem Streit miteinander lagen: so etwas hat es in unserer Geschichte noch nie gegeben.

Diese gewaltige, eigentlich unvorstellbare Konsolidierung verdankte sich der Abspaltung des alten europäischen Ostens, den wir gemeinhin Orient nennen, ohne freilich genau zu wissen, was Orient bedeutet, aus der Abspaltung des Orients, unseres europäischen Ostens also vom Rest Europas. Sie vollzog sich mittels der Aufsaugung des griechischen Kaiserreiches, das ja Kaiser- beziehungsweise Königreich der Romäer ließ, durch das türkisch-islamische Sultanat, und sie führte überhaupt erst dazu, dass „Europa“ und „Westen“ auf einmal Synonyme wurden und es bis heute blieben. Wer heute „Europa“ sagt, meint etwas Westliches, den Westen eben, und kann sich damit auf Los Angeles ebenso beziehen wie auf Warschau, auf die Hudson Bay genauso wie auf die adriatische Küste vor Dubrovnik oder die griechischen Dodekanes vor der westtürkischen Küste.

Durch den Zusammenbruch des Islams als staatliches System, als welches das Osmanische Reich sich verstand, im Ersten Weltkrieg – es war übrigens, weil dies in der offiziellen Geschichtsschreibung in der Regel unerwähnt bleibt, der Zusammenbruch der Salonikifront auf dem Südbalkan, der General Ludendorff am 30. September 1918 davon überzeugte, dass der Krieg für die Mittelmächte nun definitiv verloren sei und Frieden geschlossen werden müsse –, durch den Zusammenbruch des Osmanischen Systems also geriet das europäisch-westliche System selbst sofort und unmittelbar ins Wanken. Europa, also der Westen war am Ausgang des Ersten Weltkrieges zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um eine tragfähige Lösung für die Erbschaft der orientalischen Provinzen des Sultans zu finden, die erst unter ein französisch-englisches koloniales Mandat kamen und dann, in eine prekäre Unabhängigkeit entlassen, unter das informelle Mandat der westlichen Industrie gerieten, die in den rohstoffreichen Landmassen zwischen der levantinischen Küste und den opiumreichen Hochebenen Afghanistans ein ideales Feld der Exploitation und der Versorgung der westlichen Wirtschaft und der westlichen Staaten mit Überschüssen erkannten. Es sprang also nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall des Osmanischen Reiches, der um die Mitte der Zwanzigerjahre abgeschlossen war, nicht etwa der Westen als Staat, als staatliches Gebilde, als Reich oder was auch immer in die Bresche, die der Fall des Sultanats gerissen hatte; sondern es sprang der Kapitalismus, ein im Westen gewachsenes und erprobtes Wirtschaftskonzept in diese Bresche. Es ist einleuchtend, dass ein Wirtschaftskonzept allein die Lücke nicht schließen konnte, die der plötzliche Schwund von Staatlichkeit in das Leben so vieler Völker im Orient riss.

Es gab zu der Zeit, da sich diese Dinge abspielten, also vor neunzig bis hundert Jahren, einen Versuch, nicht die Wirtschaft, sondern tatsächlich eine staatliche Ordnung mit der Aufgabe zu betrauen, im Orient die Ordnung wiederherzustellen. Zu den Siegermächten des Ersten Weltkrieges gehörte auch das kleine Griechenland. Griechenland, das jüngste, schwächste und am wenigsten angesehene Glied im System der europäischen Staaten, die überwiegend noch Monarchien waren, war erst im Juni 1917, zwei Monate nach den Vereinigten Staaten, in den Krieg gegen Deutschland und seine Verbündeten eingetreten – nachdem unter bürgerkriegsähnlichen Zuständen der regierende König Konstantin, dessen Schwager der Deutsche Kaiser Wilhelm II. war, zur Abdankung und ins Exil gezwungen worden war. Schon eineinhalb Jahre zuvor hatte die griechische Regierung unter Evangelos Venizelos und gegen den Widerstand des deutschfreundlichen Königs der französisch-britischen Expeditionsarmee, die bei dem Versuch, Konstantinopel einzunehmen, eben bei jenem schicksalsschweren Ort Galliopoli eine furchtbare Niederlage erlitten hatte, Asyl geboten und dem französischen General Maurice Sarrail erlaubt, bei Saloniki im griechischen Makedonien eine neue Frontlinie aufzubauen. Nun, nach dem griechischen Kriegseintritt und nach der türkisch-bulgarischen Kapitulation im Herbst 1918, sah der griechische Nationalismus, dessen Gallionsfigur und Spiritus rector eben Venizelos war, seine Chance gekommen und betrieb die Annexion der Westtürkei, in der einige Millionen Griechen unter türkischer Herrschaft lebten, an das griechische Königreich. Die großen drei westlichen Alliierten am Verhandlungstisch in Sèvres bei Paris waren mit diesem Plan vorerst auch einverstanden – doch als ihnen die griechische Armee in Kleinasien, die schließlich nur noch einhundert Kilometer vor Ankara und damit tief in Anatolien stand, zu erfolgreich wurde, entzogen sie dem kleinen Staat ihre Unterstützung. So wurde aus der kleinasiatischen Expedition die kleinasiatische Katastrophe. Im Jahr 1922 trat die griechische Armee einen schmachvollen Rückzug an, Atatürk, Präsident der jungen türkischen Republik, triumphierte und konnte die Grenzziehung des neuen Staates, zu dem mit Gallipoli und Ostthrazien auch kontinentaleuropäische Gebiete gehörten, im Vertrag von Lausanne international durchsetzen. Die ehemaligen orientalischen Provinzen der Türkei freilich blieben sich selbst überlassen, und Atatürk wusste nur zu gut, weshalb er ihnen keine Träne nachweinte. Die kleinasiatische Katastrophe aber und der sich ihr anschließende Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei, die erste Massenmigration in Europa im 20. Jahrhundert, wurden zum tiefsten und stärksten Trauma der griechischen Volksseele, das das politische und ebenso das wirtschaftliche Schicksal des Landes bis heute bestimmt.

So hatte sich der Westen des orientalischen Problems auf schlanke Weise entledigt, indem es den Griechen verbot, den europäischen Orient wieder in Europa einzugliedern, den Orient dafür aber zu dem Schicksal verurteilte, Spielball zwischen zwei nichtstaatlichen, apolitischen und antiterritorialen Interessen zu sein: hier dem kapitalistischen, also wirtschaftlichen Interesse westlicher Unternehmen; dort dem dogmatischen, religiös-ideologischen Interesse des Islams, der nach wie vor von der arabischen Halbinsel aus „regiert“ wird unter einem absolutistisch-fundamentalistischen Königreich, das dort über Hunderte von Jahren ein geschichtliches Schattendasein führte, bis es die Entscheidungen von Sèvres und Lausanne aus der Versenkung holten.

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Das Wort System kommt aus dem Griechischen. Ihm zugrunde liegt das Verb synistamai, das übersetzt „zusammenstehen“ bedeutet. Ein System ist also ein Gebilde, dessen Teile beziehungsweise Glieder sich nebeneinander stellen und an ihrem jeweiligen Platz verharren, um so dem Ganzen, das sie bilden, nach außen eine klar umrissene und identifizierbare Gestalt zu geben. Das westlich-europäische System, das wir meinen, wenn wir vom Westen sprechen, gilt in der offiziellen politischen Sprache geradewegs als das Musterbeispiel dafür, wie ein System in diesem Wortsinne zustande kommt: Mehrere, ursprünglich freie und gleichberechtigte Glieder schließen sich zusammen, stehen zusammen und bilden so ein Ganzes, das seine Solidität und Stabilität dem Beharrungsvermögen und dem Beharrungswillen jedes einzelnen seiner Teile schuldet.

Die Unterscheidung zwischen Wille und Vermögen ist eine moralische. Sie gehört in den Bereich der Ethik, der Psychologie, sicher des Rechts und insbesondere des Strafrechts. In der politischen Welt dagegen sind Wille und Vermögen koinzident. Es geschieht nichts, was nicht den Umständen ebenso sehr geschuldet wäre wie dem Willen oder Nichtwillen des oder der Agierenden. Gerade am Beispiel Griechenlands und seines mutigen, aber am Ende hilflosen Eingreifens in die Weltgeschichte vor neunzig Jahren sehen wir dies, und wir sehen es aktuell wieder an der wirtschaftlichen Krise des Landes, von der jeder weiß, dass sie nicht einfach mit der Einführung eines effizienten Besteuerungssystems und auch nicht mit noch mehr Ausgabenkürzungen wird behoben werden können. Das Land ist schlicht von der Hauptquelle einer jeden kapitalistischen Betätigung abgeschnitten: dem Vorhandensein eines ausreichend großen industriellen Produktionsstocks, dessen Güter auf dem Markt nachgefragt werden. England verdankte seine wirtschaftliche Vormachtstellung, die fast vierhundert Jahre lang anhielt, nicht seinem Bankensystem, sondern den ungeheuren Mengen an verarbeitetem Material, die es, ob im Mutterland oder in den Kolonien hergestellt, in alle Welt exportierte. Dasselbe gilt für die USA, die zuerst im Zweiten Weltkrieg und dann während des Marshallplans nicht nur erhebliche Summen Bargeldes, sondern noch größere Volumina an Produktions- und Industriegütern, an Kleidung, Lebensmitteln und Werkzeug in die von ihnen unterstützten Länder exportierte.

Wenn ein System darin besteht, dass seine Teile alle an einem bestimmten Ort und in einem bestimmten, klar definierten Verhältnis zueinander stehen, so gilt das, wie für die Familie und jede weitere menschliche Gemeinschaft im engeren, so im weiteren Sinne für Staaten und Staatengemeinschaften. Seit dem Ende des Zweiten, in gewisser Weise schon seit dem des ersten Weltkrieges denken wir die internationalen Beziehungen in der Kategorie von Systemen. Das unterscheidet die Politik des späten 20. Jahrhunderts fundamental von der des 19. sowie aller vorhergehenden Jahrhunderte. Der Zeit der großen Reiche, in denen ein machtvolles, dominantes Zentrum über eine mehr oder weniger weit sich erstreckende territoriale und ethnische Peripherie gebot und dieser Peripherie, oftmals gegen ihren Willen, die politische Ordnung diktierte, schloss sich mit Beginn der karolingischen Epoche in Europa die Periode der Nationalstaaten an, deren jeder seine eigenen Interessen im Auge hatte und imperiale Politik nur, oder doch vorrangig, zur Absicherung eben dieser Interessen betrieb. So versuchte etwa England, das nach dem Aussterben des normannischen Herrscherhauses im Mannesstamm von einer französischen Dynastie regiert wurde, in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends wiederholt Frankreich zu erobern, scheiterte aber daran ,dass es über den expansiven Impuls hinaus kein tragfähiges und attraktives Konzept für eine solche Fremdherrschaft anzubieten hatte. Die Tendenz zur Nationalisierung und Partikularisierung im Anschluss an die römische beziehungsweise oströmische imperiale Periode ging so weit, dass das Zentrum Europas, nämlich Deutschland, seine Zersplitterung in mehr oder weniger autonome Teilstaaten erst relativ spät überwand – zwischen 1867 und 1934, also in einer Zeit, in der die Nationalstaatenbildung in Westeuropa bereits weitgehend abgeschlossen war. Jedenfalls aber sitzt einem beliebten Schulirrtum auf, wer den Beginn der Nationalstaatenbildung erst mit Beginn der Renaissance oder gar erst um die Zeit der Französischen Revolution herum verortet. Tatsächlich beginnt die große Welle der Nationalisierung und Partikularisierung am Übergang vom Altertum zum Mittelalter, genauer: zur Zeit der fränkischen Expansion, zur Zeit Karls des Großen.

Im Jahr 2015 blicken wir auf diese Epoche mit der Auf- beziehungsweise Abgeklärtheit einer Generation zurück, die von ihrer unmittelbaren Aszendenz das Andenken an zwei angeblich im Zeichen des Nationalitätenprinzips geführte Weltkriege geerbt hat und durch die Kultur, Bildung und Erziehung gegenüber nationalistischen Bestrebungen immunisiert worden ist. Wir sind mit der Gründung des Völkerbundes während der Pariser Vorortkonferenzen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, endgültig mit der Promulgation der Atlantikcharta durch die damals putativen Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und schließlich die Gründung der Vereinten Nationen im Schicksalsjahr 1945 ins Zeitalter der multilateralen Staatenblöcke eingetreten. Der Kalte Krieg zeichnete sich wesentlich dadurch aus, dass in ihm nicht mehr separate Staaten, sondern zwei solcher Staatenblöcke, wenn auch jeweils unter der Dominanz eines politisch, wirtschaftlich und auch demographisch übermächtigen Einzelstaates, einander gegenüberstanden. Den Einschnitt, welchen historisch das ende des Kalten Krieges 1990/91 bedeutet, ermisst man am besten, indem man sich vor Augen führt, dass damit das etablierte System der Blöcke zerbrach und an ihre Stelle wiederum die Nationalstaaten, unter ihnen eine Reihe neuer oder wieder gegründeter beziehungsweise in die Unabhängigkeit entlassener Länder, traten.

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Header: Kronprinz Giorgos (= König Georg II.) von Griechenland betritt das von griechischen Truppen eroberte Smyrna (heute Izmir). Mai 1919, Quelle: Wikimedia Commons.

Napoleons griechische Abstammung

In seinem Meisterwerk “Europe. The struggle for supremacy”, dessen Erzählung im griechischen Schicksalsjahr 1453 beginnt, schreibt Brendan Simms: «Napoleon never had a plan,’ his long-serving foreign minister, Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, later remarked, ‘it was always what had just happened that told him what to do next.’149 The pursuit of ‘glory’ and ‘destiny’ – two constants in Napoleon’s rhetoric – does not constitute a strategy in itself, beyond that of perpetual motion and conflict.»

Auch ich nannte Napoleon in meinem vor drei Jahren im Magazin “Cicero” erschienen Essay zum zweihundertjährigen Jubiläum des Russlanfeldzuges die “fleischgewordene Furie des Verschwindens” (siehe https://misterdarcysblog.wordpress.com/2015/05/05/europa-enges-land-napoleons-russlandfeldzug-1812-und-seine-weltgeschichtliche-dimension/). Nichts, so heißt es dort, liege offen an ihm “als seine schiere Kraft, nichts als die pure Gewalt seiner Wirkung, das ewig Drängende, Vorwärtsstürmende seiner Tätigkeit, die ihn von Feldzug von Feldzug führte, und die ihn doch in aller Tätigkeit, in allem Gestalten und Entwerfen doch merkwürdig geisterhaft, seltsam weltlos und ungreifbar erscheinen lässt.”

Dies sieht freilich anders aus, lässt man sich auf eine Theorie ein, die sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreut.  

Die Herzogin von Abrantès, Witwe des Generals Junot, erläutert im ersten Band ihrer Mémoiren die These, wonach Napoleon griechischer Abstammung gewesen sei. Tatsächlich lässt sich sein Familienname Buona Parte, also “der/ein gute(r) Teil”, als italianisierte Form des griechischen nomen gentile “Kalomero” bzw. “Kalomeris” lesen (kalo meros = der gute Teil).

Die Kalomeri lassen sich in Mani nachweisen, am westlichen Südzipfel der Peloponnes, wo der Widerstand gegen die slawische und später die türkische Landnahme stets besonders zäh gewesen. 1460, sieben Jahre nach der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmet II., fiel auch die Morea – so hieß diePeloponnes bis ins 19. Jahrhundert hinein – unter türkische Herrschaft. Doch ganz sicher konnte sich der Sultan der Halbinsel nie sein, die Morea blieb heiß umkämpft: im sechsten venezianisch-osmanischen Krieg errichtete die Serenissima im Jahr 1688 das Königreich Morea, das bis 1715 bestand, 1770 brach hier der Orlow-Aufstand aus, und der griechische Befreiungskrieg nahm 1821 von Patras aus seinen Ausgang.

Die vierhundert Jahre der Turkokratie führten zu einem intensiven kulturellen und demographischen Transfer zwischen Griechenland und Italien. Neben der Kolonisierung griechischen Territoriums durch Venedig, das so der türkischen Herrschaft entging, bedeutete dies vor allem Flucht von Griechen in den christlichen Westen. So emigrierte ein Abkömmling der Kalomeri im 16. Jahrhundert nach Italien und ließ sich unter dem italianisierten Namen Buonaparte erst in der Toskana, dann auf Korsika nieder.  

Napoleons Vater Carlo Maria Bonaparte, der Griechisch gesprochen haben soll, könnte selber einen Hinweis auf diese griechische Herkunft im Vornamen seines Sohnes versteckt haben: “Napoleon” lässt sich nämlich aus den griechischen Wörtern “nápos”, Tal, Einöde, und “léon”, Löwe, herleiten und hieße dann so viel wie “Löwe des Tales”. 

Napoleons Drang nach Osten und sein Wunsch, Griechenland von den Türken zu befreien und das römische Reich in den Grenzen des alten griechischen Kulturkreises wiederherzustellen, würden so verständlich. Napoleon war es nämlich, der den ersten unabhängigen modernen griechischen Staat schuf. Nach dem Frieden von Campo Formio im Oktober 1797, der unter anderem die Existenz der Republik Venedig, einst ein Exarchat des griechischen Kaiserreiches, nach eintausendjähriger Geschichte beendete,  wurden die ionischen Inseln, bis dahin venezianisches Territorium, als “Département des îles ioniennes” Teil der französischen Staates. Dazu gehörten Kephalonia, Kerkyra, Ithaka, Kythira, Lefkada, Zakynthos und Paxoi sowie eine Vielzahl von diesen Hauptinseln abhängiger kleinerer Eiländer. Ein griechisches Bataillon kämpfte im Regiment der Chasseurs de l’orient unter französischer Führung in Ägypten gegen die Truppen Englands und des Sultans. Der griechische Befreiungskampf der 1820er Jahre wurde von der antiosmanischen Politik des frühen Napoleon wesentlich inspiriert.   

Wie Jean Savant in seinem einschlägigen Werk “Sous les aigles orientales” ausführt, wollte Bonaparte das osmanische Reich auflösen und ein selbständiges Griechenland  wiedererrichten. Das führte im Zweiten Koalitionskrieg (1798-1802) zu einem historisch einzigartigen britisch-russisch-osmanischen Bündnis gegen Frankreich. Nach dem Ausscheiden Zar Pauls I. aus der Koalition wurde das Department der ionischen Inseln als “Republik der sieben Inseln” (griech. Eptanesa”) im Jahr 1800 unabhängig. Der erste freie griechische Staat der europäischen Neuzeit war geboren. 

Zunächst unter russischem Protektorat, kamen die Eptanesa im Frieden von Tilsit 1807 unter französische Garantie, bis 1814 nach dem Sturz Napoleons die britische Krone anstelle des Kaisers der Franzosen trat. Fünfzig Jahre später wurden die ionischen Inseln, bis heute untrennbar verbunden mit dem Odysseusmythos, endlich mit dem griechischen Mutterland vereint: Queen Victoria schenkte sie gleichsam dem jungen Prinzen von Dänemark, dem Schwager des Prince of Wales, zu seiner Inthronisation als König Georgios I. von Griechenland. 

Obwohl die Bonaparte traditionell ebenso auf Familien gleichen Namens in Sarzana bzw. Treviso zurückgeführt werden, beginnt ihre gesicherte korsische Stammreihe erst im 16. Jahrhundert. Eine griechische Abstammung Napoleons ist unbewiesen, aber nicht unwahrscheinlich. Sein bedingungsloser Drang nach europäischer Harmonie freilich, die unfassbare Spannweite seiner Biographie zwischen titanischer Gewalt und prometheischem Exil, sein brennender Wunsch schließlich, die uralte Einheit von Ost und West wiederherzustellen: sie fänden hier die Erklärung, der sich der große Unergründliche stets entzog. 

Titelbild: Napoleon I., Kaiser der Franzosen und König von Italien. Zeitgenössische griechische Darstellung, nach 1805. 

Griechenland in der deutschen Berichterstattung – ein Kommentar

“lhr griecht nix von uns!” tönt es seit Jahren durch die BILDzeitungsrepubIik Deutschland.
Darüber, dass in Amphipolis, einst eine der wichtigsten makedonischen Städte, seit Monaten die größte erhaltene Tempelanlage der Antike ausgegraben wird; dass sich vor 70 Jahren Athen und damit Griechenland – und zwar als einziger Mittelstaat durch eigene Kraft – von der deutschen Besatzung befreiten und kurz darauf Winston Churchill persönlich nach Griechenland reiste, was zum Auftakt der Containment-Politik in Europa wurde; und dass die islamistische Bedrohung der Südostgrenze der NATO ein historisches Praezedens in der mohammedanischen Bedrohung der griechischen Grenze Europas vor einem Jahrtausend hat, die dann in Gestalt der Türkengefahr erst die europäische, dann die Weltpolitik ein halbes Jahrtausend lang dominieren sollte (weshalb noch einmal brach denn der Erste Weltkrieg, die ach so berühmte Urkatastrophe, aus?): über all dies liest man hierzulande – nichts.
Und dabei schreit man hier doch so gern am lautesten “Abendland!”

Der Vorposten der Freien Welt. Griechenlands Rolle in Europa

Vor siebzig Jahren, am 12. Oktober 1944, wurde Athen von deutscher Besatzung befreit. Unmittelbar darauf begannen die Alliierten, das Land zum Vorposten der freien Welt gegen den Ostblock aufzubauen. Doch das Bild Griechenlands bei seinen westlichen Partnern ist immer noch unklar – insbesondere in Deutschland. Die Zeit ist reif für eine Standortbestimmung.

Das Bild Griechenlands in der Öffentlichkeit ist denkbar verschwommen. Während die Geschichte des klassischen Griechenland zum unangefochtenen Wissenskanon gehört und der Altgriechischunterricht immer noch als ultimativer Ausweis einer höheren Bildung gilt, ist über die Geschichte des Landes seit dem Ende der Antike kaum etwas in die Allgemeinbildung gedrungen – insbesondere nicht in Deutschland.

Doch das liegt weniger an der griechischen, als an der deutschen Geschichte. Die begann nämlich im nationalstaatlichen Sinne erst im Jahr 1867, als mit dem Norddeutschen Bund unter der Leitung Preußens der erste deutsche Gesamtstaat neuzeitlicher Prägung ins Leben gerufen wurde. Das moderne Griechenland existierte da schon mehr als dreißig Jahre lang, seine Geschichte aber war über zweitausend Jahre alt. Es brauchte und braucht sich, anders als die „verspätete Nation“ Deutschland, seine historische Legitimität nicht erst zu beweisen.
Vermutlich aber gerade deshalb werfen insbesondere die Deutschen den Griechen gern vor, sie hätten in den letzten fünfhundert Jahren „nichts geleistet“ – und vergessen dabei geflissentlich, dass Griechenland seit der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 unter türkischer Herrschaft stand und sich erst in einem heroischen Freiheitskampf in den 1820er Jahren vom osmanischen Joch befreite.

Davor aber hatte Griechenland, als Zentrum des byzantinischen Reiches, eintausend Jahre lang die Einheit und Stabilität Europas gegen die Bedrohung durch Perser, Araber und dann Türken garantiert. Das schloss freilich nicht aus, dass sich Griechenland stets in erster Linie als Kulturnation und Bewahrerin des geistigen Erbes Europas verstand, was zugleich heidnische Tradition wie christlichen Glauben meinte. Nach dem Fall Roms unter dem Ansturm der Goten im 5. Jahrhundert nach Christus übernahm Konstantinopel die Rolle als alleinige Verteidigerin Europas und wurde für ein Jahrtausend zur wichtigsten und größten Stadt in unserem Erdteil. Und der griechischen Sprache konnten auch vierhundert Jahre Fremdherrschaft nichts anhaben – sie ist die am längsten durchgehend gesprochene indoeuropäische Sprache.

Seit seinem Bestehen war Griechenland der Außenposten Europas – von den Perserkriegen vor zweieinhalbtausend Jahren bis 1944, als Winston Churchill unmittelbar nach dem Abzug der Deutschen nach Athen reiste und dort für das Containment, also den Zusammenhalt der freien westlichen Welt warb, noch ehe der Begriff durch die amerikanische Truman-Regierung 1947 offiziell geprägt wurde. Überhaupt hatten die Westmächte England und Frankreich, die 1832 die territoriale Integrität Griechenlands international garantierten und auf deren Seite das Land 1917 in den Ersten Weltkrieg eintrat, stets ein besseres Verständnis für die Bedeutung Griechenlands als die Deutschen in ihrer Mittellage.

Eigentlich sollte dies anders sein. Schließlich war es der deutsche Kaiser Karl der Große, der vor tausendzweihundert Jahren den byzantinischen Kaisertitel usurpierte, als der konstantinopolitanische Thron gerade vakant war. Durch diese „Translatio imperii“ übernahm der fränkische Herrscher zugleich die Verantwortung für die Integrität und Stabilität Europas – das Römische Reich nicht mehr griechischer, sondern deutscher Nation war geboren. Währenddessen zerbrach Byzanz, das sich ursprünglich bis in den Nahen Osten und nach Ägypten erstreckte, immer mehr unter dem Ansturm der Türken, im Stich gelassen vom fränkischen Reich und seinen Nachfolgestaaten, und als der Westen, im Spätmittelalter, endlich die Gefahr erkannte, war es zu spät. In der Folgezeit rückten die Türken, 1529 und 1683, zweimal bis auf Wien vor, dem Sitz des deutschen Kaisers.
1944 beziehungsweise 45 war es dann nicht mehr das Osmanische Reich, sondern der Ostblock, von dem die Gefahr ausging. So erklärt sich Churchills und später Trumans Unterstützung der Antikommunisten im griechischen Bürgerkrieg.

Wiederum siebzig Jahre danach, also heute, gibt es zwar keinen Ostblock mehr, dafür aber eine bedrohliche islamistische Bewegung im Nahen Osten, vor den Toren Europas. Auch der frisch gewählte türkische Staatspräsident Erdogan pflegt radikalislamische Tendenzen, womit er nicht zuletzt viele im eigenen Land verschreckt. Und zur gleichen Zeit schickt sich Wladimir Putin an, in Nachfolge der Zaren ein russisches Protektorat über den Schwarzmeerraum zu installieren – ein Gebiet, das, wie der Balkan, bis ins Mittelalter hinein griechisch und damit westlich dominiert war.
Auch im Jahr 2014 ist Griechenland der Vorposten des freien Europas. Wer immer zur aktuellen Schuldenproblematik Griechenlands Stellung nimmt, sollte sich über diese Zusammenhänge im Klaren sein – sonst ist er unseriös.

Titelbild: Titelseite der Athener “Befreiungs-Zeitung” am 12. Oktober 1944.

“Europas Schande” und die Ignoranz der Spötter

Nachdem Günter Grass Israel in einem Gedicht Kriegstreiberei vorgeworfen hat und dafür heftig kritisiert wurde, wird nun erneut über seine Reime diskutiert. In “Europas Schande” kritisiert Grass den Umgang mit Griechenland. Und er erntet Häme. Zu Unrecht, meint Konstantin Sakkas.

Bedenklich ist an all der Häme zweierlei: zum einen der Umgang mit dem Gedicht, zum anderen der mit dem Dichter Günter Grass selbst. In der inhaltlichen Ablehnung ist man sich in den angeblich so “bunten” Social Media bemerkenswert einig: Der heimliche Subtext etwa auf Twitter lautet immer wieder: “Wie kann man nur den Schuldenstaat Griechenland in Schutz nehmen!”

Auf den historischen und geistesgeschichtlichen Hintergrund, der sich bei Grass poetisch konzentriert, geht man mit keiner Silbe ein – vermutlich vor allem deshalb, weil er den selbsternannten Meinungsmachern der digitalen Bohème schlicht nicht geläufig ist. Antigone und der Schierlingsbecher dürften für sie ebenso böhmische Dörfer sein wie das Schicksal Griechenlands unter deutscher Besatzung oder die Diktatur der Obristen in den 60er und 70er Jahren.

An Arroganz überboten wird diese Ignoranz dann aber in der gezielten, verletzenden, ja: boshaften Häme, die sich über Grass selbst ergießt. Der Dichter wird als “betagter Mann” im Altersheim vorgeführt, von “Zivis”, “Schnabeltasse” und “Reinigungskraft” ist die Rede, und offenbar sehr spaßige Pointen, die Grass in einen Zusammenhang mit dem Eurovision Song Contest, dem Champions-League-Finale oder der Schlecker-Insolvenz rücken, schwirren durch den virtuellen Raum und werden ausgiebig und mit großem Hallo zitiert und favorisiert.

Das Schlimmste daran: Hier spricht nicht der “Stammtisch”, sondern der durchaus “informierte Leser”. Reihenweise stimmen nämlich die seriösen Medien in den Spottgesang gegen Grass ein, und in säuerlicher Überheblichkeit ergeht sich ein Leitartikler im “Fremdschämen mit Grass und Griechenland”. Kurz: Wer die Reaktionen auf das Gedicht im Internet abfragt, stößt auf eine Einheitsfront der brutalen Häme, die sich selbst als abgeklärte Ironie feiert.

Auf das, was Grass sagt, wollen sich die Spötter dabei nicht so recht einlassen. Auf die Verunglimpfung des Inhalts folgt vielmehr die Verhöhnung der Form. Von “dürren Versen” und einem “Dichter, der nicht dichtet”, ist auf Twitter zu lesen – dass sich Grass in seinem Gedicht des Versmaßes der asklepiadischen Ode bedient (und dies sehr souverän), dass er sich gleich in der zweiten Strophe elegant auf Goethes Iphigenie bezieht und nebenbei noch mit der deutschnationalen Hölderlin-Rezeption der konservativen Revolution ins Gericht geht: All das entgeht offensichtlich nicht nur den sich betont bildungsfern gebenden Digital Natives.

Auch einer großen deutschen Tageszeitung, die sich selbst als kulturelles Leitmedium der Republik versteht, waren Grass‘ Verse nicht mehr wert als die total witzige Behauptung, es handele sich bei “Europas Schande” in Wahrheit nicht um ein Gedicht von Günter Grass, sondern um eine Erfindung, die die Satirezeitschrift Titanic geschickt in die seriöse Süddeutsche lanciert habe. Das kann man als kesse Metasatire verstehen – oder als dumm-dreiste Frechheit.

Tatsächlich erweist sich Grass mit seinem Griechenlandgedicht als einer, der im Deutschland Adenauers, Kohls und Merkels stets in der Diaspora lebte: als echter, engagierter Intellektueller. In Frankreich, dem Mutterland der modernen Publizistik, hätte “Europas Schande” wohl eine große öffentliche Debatte, vielleicht auch einen politischen Richtungswechsel ausgelöst; und sogar noch seine Gegner hätten den Dichter immerhin für sein ästhetisches Können gelobt.

In Deutschland dagegen, dem Mutterland des Biedermeier mit seinem bräsigen Juste-Milieu und seiner großbürgerlich maskierten Kleinkariertheit, reicht es nur zum plumpen, primitiven Schulhofspott. Und das wiederum ist der Skandal um Günter Grass und sein Gedicht “Europas Schande”.

© Konstantin Sakkas

Der Text wurde am 1. Juni 2012 in der Sendung “Politisches Feuilleton” auf Deutschlandradio Kultur gesendet.

Header: Eugène Delacroix, La Grèce sur les ruines de Missolonghi (1826)