Die Verteidigung der Feigheit. Die deutschen Eliten und der 20. Juli 1944

Viel ist in den letzten Jahren über das Verhältnis des konservativen deutschen Widerstands zum NS-Regime geschrieben worden. Dass es für die deutschen Eliten, insbesondere den Adel, ein “langer Weg zum 20. Juli” war, hat die jüngere Forschung eindrücklich bewiesen, insbesondere Stephan Malinowski mit seiner bahnbrechenden Studie “Vom König zum Führer. Deutscher Adel und Nationalsozialismus”. Heute steht fest: Dem viel gepriesenen Opfergang des deutschen Adels und Großbürgertums nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 ging eine lange und tiefe Kollaboration mit dem NS-Regime voraus. Doch ein wesentlicher Aspekt wurde bis heute kaum thematisiert: nämlich die Bedingungen in Sozialcharakter und Habitus, die die Verstrickung der deutschen Eliten mit der NS-Diktatur erst möglich machten. Und diese Bedingungen reichen weit in die Geschichte vor Hitler zurück.

Sebastian Haffner stellte 1947 zur Geschichte der konservativen Eliten fest:

Es ist keine glanzvolle Geschichte. Der eine kurze Moment des Glanzes und der Tat, den sie enthält, führt unmittelbar zur Katastrophe und ist vielleicht, von einem möglichen Gesichtspunkt aus, nur das Ergebnis eines furchtbaren Fehlers. Es ist eine Geschichte des ‘Beinahe’ – quälend und tief unbefriedigend, herzbewegend und beunruhigend.

Doch woher kommt dieses politische Versagen im Widerstand gegen Hitler? Die Sozialgeschichte verweist hier gern auf die ideologische Affinität der Eliten zum Nationalsozialismus; die wahren Gründe liegen aber woanders. Zweifellos fanden zwar manche von Untergangsängsten geplagte Adlige und Großbürger in völkischer Bewegung und Rassenlehre verwandte Motive; dem gegenüber stehen indessen zahllose, durchaus glaubwürdige Äußerungen von Desinteresse, ja Belustigung über die theoretischen Inhalte der NS-Bewegung. Und tatsächlich: Für die meisten von ihnen war – nicht anders als für Hermann Göring, von dem das Zitat stammt – der Nationalsozialismus gerade in seinen wesentlichen Aspekten in Wahrheit nicht mehr als “ideologischer Kram”.

Die Gesellschaft sah den Parvenü in Hitler – und freute sich doch über sein Ritterkreuz

Doch das hinderte nicht nur, nein: Es begünstigte vielmehr gerade die Allianz der gesellschaftlich Einflussreichen mit den politisch Mächtigen. Denn die gesellschaftliche Elite, übrigens nicht nur in Deutschland, blickte schon immer gern auf die politischen Machthaber herab – und folgte trotzdem willig ihren Befehlen, auch unter Hitler. Rolf Hochhuth drückt dies in seinem “Stellvertreter” unvergleichlich treffend aus:

Die Gesellschaft [ … ] sieht den Parvenü in Hitler – und freut sich doch, nicht wahr, wenn ihre Söhne sein Ritterkreuz erhalten.

Immer in der Geschichte vertraten die Oberschichten, die sich ja eben nicht durch Genie und Leistung, sondern durch Tradition definieren, den Vorbehalt der Distinguierten gegenüber der Staatsgewalt. Oft genug ähnelte der Monarch mit seiner mal plumpen, mal kreischigen Exzentrik viel mehr dem einfachen Volk als den Aristokraten, die seinen Hofstaat bildeten; ein genialischer Feuerkopf wie Friedrich der Große entsprach der elitären Zucht des Adels ebenso wenig wie der gutherzige Biedermann Ludwig XVI. Die klassische Antipathie der Reichen und Schönen gegenüber den Mächtigen hat Thomas Mann in seinem Roman “Königliche Hoheit” einfühlsam illustriert:

Nein, es war klar, dass [Prinz] Klaus Heinrich mit Trümmerhauf” – einem seiner adeligen Spielgefährten – “an Vornehmheit nicht wetteifern konnte. Seine rechte Hand war ziemlich breit, er hatte Backenknochen wie alles Volk, und geradezu stämmig kam er sich vor an Dagoberts Seite. [ … ] Er [ … ] war kein Aristokrat, war keiner, deutliche Tatsachen sprachen dagegen. Wie war es mit seinem Namen? Klaus Heinrich, so hießen die Schustersöhne im Land, und Herrn Stavenüters Kinder dort drüben, die die Finger zum Schneuzen gebrauchten, wurden wie er, wie seine Eltern, sein Bruder genannt. Aber die Adligen hießen Bogumil und Dagobert.

Die hier skizzierte Kluft zwischen den Regierenden und der ersten Bevölkerungsklasse hatte eine schwerwiegende Konsequenz: nämlich die Verurteilung der Oberschichten zur fortwährenden Selbstverleugnung. Über Jahrhunderte hinweg musste sich der Adel krampfhaft beherrschen, um Leuten zu dienen, die er eigentlich verachtete; ohne die er aber soziologisch betrachtet nichts war. Und das war geltendes Recht: Noch 1903 galt in Preußen-Deutschland, dass “alle Adelssachen reine Gnadensachen” seien. Der Adelsstatus an sich unterlag noch in moderner Zeit keiner unabhängigen Judikative, sondern allein dem Gutdünken des Königs. Ohne jede Rechtfertigung konnte der König einem Adeligen den Adel aberkennen, ihn aus der Armee ausstoßen, ihn seiner Ämter und Würden für verlustig erklären, ihm die Pension streichen.

Der erste Stand im Staat konnte jederzeit alles verlieren; seine soziale Fallhöhe war beispiellos; das einfache Volk dagegen hatte wenig zu verlieren, entschloss sich leichter zur Rebellion und erreichte auf diese Weise nach und nach bedeutende Verbesserungen seiner Rechtsstellung. Der letzte schlesische Industriearbeiter hätte gegen eine ungerechte Behandlung vor einem ordentlichen Gericht klagen können; Fürst Bismarck aber, der bewunderte Reichsgründer, wäre 1891 wegen Majestätsbeleidigung von Kaiser Wilhelm II. um ein Haar auf die Festung Spandau geschickt worden – wogegen er sich kaum hätte wehren können.

Selbstverleugnung verdirbt den Charakter

Die Selbstverleugnung, die unweigerliche Konsequenz der Zwitterstellung zwischen sozialem Prestige und politischer Ohnmacht, bildet nicht den Charakter, auch wenn der Adel das bis heute gern behauptet; nein, sie verdirbt ihn. Sie war die eigentliche politische Tradition des deutschen, vor allem des preußischen Adels, und sie reicht lange zurück. Ausgerechnet über Friedrich den Großen, der vom Adel, dem er ungeheuere Opfer abverlangte, zu Lebzeiten nie geliebt wurde, kennen wir einen bemerkenswerten Bericht:

Im vierten und fünften Jahr des Siebenjährigen Krieges war Friedrich II. von seinen nahen und nächsten Umgebungen weder geliebt noch geschätzt noch sogar mehr gefürchtet. Ich sage dies, weil ich es mit Augen gesehen habe. Während dass wir hinter ihm herritten, machte ein junger Polisson namens Wodtke, Brigademajor von der Kavallerie, oft allerlei lächerliche Posituren hinter seinem Rücken, ahmte seine Stellung nach, wies auf ihn hin und dergleichen, um uns andere zu belustigen. Wodtke hatte Friedrichen auch den Beinamen Totengräber gegeben; der Kürze wegen nannte er ihn nur Gräber, und so hieß auch der Held in unseren vertraulichen, scherzenden und spottenden Unterhaltungen.

Die Gründe dafür lagen nicht nur in den Strapazen, denen sich Adel und Offizierkorps in Friedrichs Kriegen fortwährend ausgesetzt sahen (kein anderer Stand hatte prozentual so hohe blutige Verluste im Krieg vorzuweisen wie der Adel); in ihre Empörung hinein spielte zudem vielfach das Bewusstsein herrschaftlicher Anciennität gegenüber den Hohenzollern, einem ursprünglich unbedeutenden süddeutschen Geschlecht, das ihnen im 15. Jahrhundert der Kaiser als Statthalter in der Mark Brandenburg vor die Nase gesetzt hatte. Und als 1757 “die Nachricht von Friedrichs Niederlage bei Kolin ins Magdeburgische kam, freuten sich die Herren [gar], dass es nun ‘mit den Hohenzollern bald aus’ sein werde.” Nach außen freilich drang nichts davon. Man fluchte innerlich – und gehorchte.

Niemand war von der Obrigkeit so abhängig wie der Adel

Denn niemand war von der Monarchie als Institution so sehr abhängig wie der Adel, der deutsche ganz besonders. Als Gutsbesitzer, deren Existenzgrundlage die ländliche Scholle war, wussten die Adligen, dass jedes Aufbegehren gegen den König sofort vom nächstniederen Stand, nämlich Bauern und Bürgern, reflektiert und imitiert würde. Wenn – so die heimliche Überlegung, die jedem Aristokraten noch im Schlaf geläufig war – die Gutsbesitzer gegen die Krone rebellieren, so stellen sie automatisch deren übergesetzliche Legitimation infrage; damit aber die Legitimität von Herrschaft überhaupt, also auch ihre eigene!

Wenn ein Adliger einen König absetzen kann, warum dann nicht auch ein Leibeigener seinen adligen Gutsherrn? Dann wäre es wohl mit dem Feudalismus vorbei gewesen. Um seine eigene materielle und gesellschaftliche Lebensgrundlage zu erhalten, wählte der Adel die Knechtschaft unter dem monarchischen Absolutismus, der ihm freilich moralisch das Genick brach.

Der deutsche Partikularismus, der aus jedem Duodezherrn im Heiligen Römischen Reich einen kleinen Sonnenkönig machte, hat den deutschen niederen Adel über Jahrhunderte zu einer ausgesprochenen Hörigkeit erzogen. Anfangs freilich nicht ohne Widerstände: Etwa in Brandenburg-Preußen schlugen der Große Kurfürst 1672 und sein Enkel, der Soldatenkönig, 1731 adelige Opposition brutal nieder.

Die Hinrichtung Kattes, des Jugendfreundes Friedrichs des Großen, nach dessen gescheitertem Fluchtversuch war auch ein Exempel des Königs gegenüber seinem Adel; und wenn es in jener berühmten Kabinettsorder, die den Tod Kattes besiegelte, hieß: “fiat justitia et pereat mundus”, also: “Die Gerechtigkeit soll leben, und wenn die Welt dabei untergeht” – so meinte “Mundus” auch “Le Monde”, also die große Welt der Schönen und Reichen, die glaubten, für sie gelte Recht und Gesetz nicht. Eben doch: Vor der Staatsgewalt, so das Fanal des Königs, zählen weder Rang noch Herkunft. Und der Soldatenkönig brachte auch den preußischen Absolutismus auf die berühmte Formel: “Ich ruiniere die Junkers ihre Autorität und stabilisiere die Souveränität wie einen “rocher de bronce”, wie einen Felsen von Erz.

Ausgerechnet im etatistischen Frankreich entwickelte sich dagegen eine recht selbstständige, unbequeme und rebellische Elite. Im ganzen 16. Jahrhundert kämpfte die französische Krone gleich an zwei Seiten mit dem Adel: einerseits mit der hugenottische Aristokratie, repräsentiert durch charismatische Persönlichkeiten wie den Admiral de Coligny; andererseits mit der katholischen Reaktion und selbstbewussten Grandseigneurs wie den Herzögen von Guise an der Spitze.

Das Selbstgefühl des französischen Adels erlitt zwar unter Ludwig XIV. erhebliche Einbußen; doch ganz verschwand es nie. Einen neuen Höhepunkt erreichte es dann in der Französischen Revolution 1789, die in ihrer frühen Phase ganz maßgeblich von Aristokraten – man denke etwa an den Grafen Mirabeau – getragen wurde. In seinem Roman Narrenweisheit hat Lion Feuchtwanger dem oft selbstlosen Einsatz des französischen Adels für Aufklärung und Revolution ein Denkmal gesetzt.

Ähnliches gilt für die englische Entwicklung. Die politischen Revolutionen auf der Insel gingen fast ausschließlich von der Oberschicht aus, die sich von der Magna Charta 1215 bis zur Glorious Revolution 1688, mal mit guten, mal mit weniger guten Folgen, als effektives Korrektiv monarchischer Entscheidungen bewährte. Noch 1936 zwang die englische aristocracy den deroutierten Edward VIII. zur Abdankung, nachdem dieser sich als Bräutigam der kapriziösen Wallis Simpson unmöglich gemacht hatte.

Zum Vergleich: Als zwei Jahre zuvor Hitler während der RöhmAffäre die SA-Führung liquidieren ließ, waren am Ende auch zwei adelige Reichswehrgeneräle in ihren Privatwohnungen unter den Ermordeten. Doch deren Standesgenossen rührten keinen Finger; Reichswehrminister General von Blomberg erließ sogar einen Tagesbefehl, in dem es hieß: “Die Wehrmacht dankt dem Führer durch Hingebung und Treue!”

Selbstverleugnung und  Selbstaufgabe gehörten seit Jahrhunderten zum Habitus des Adels

Aber das war – es sei wiederholt – eben keine neue Entwicklung. Selbstverleugnung und Selbstaufgabe waren kein Produkt der besonderen Gegebenheiten des NS-Staates; sondern sie gehörten schon seit Jahrhunderten zum politischen Habitus des Adels. Wenn im 19. Jahrhundert der preußische General Julius von Hartmann in seinen Memoiren behauptete, es sei “von jeher sehr viel Liberalismus in dem Offizierskorps gewesen”, so meinte dies lediglich das hergebrachte Privileg des Adels, ein besonderes Standesbewusstsein im Staat haben zu dürfen, weil man diesen Staat exemplarisch verkörperte. Adeliger Liberalismus bezog sich auf das klassische Recht auf den Kasinowitz über den Monarchen, mehr nicht. Der Adel durfte meckern und Witze machen, weil er, wenn es ernst wurde, auch als Erster gehorchen musste.

Besonders deutlich wurde dies in der Bismarck-Zeit, als, nach dem Sieg über die konservative Brudermacht Österreich 1866, der preußische Adel anfing, seinen entfremdeten Standesgenossen Bismarck zu hassen, der überdies eine bürgerliche Mutter hatte Während seiner ganzen Reichskanzlerschaft war dann der “Eiserne Kanzler” nirgends so unbeliebt wie beim Adel: wegen seiner prinzipienlosen Politik, seines rauen Stils in Personalfragen und seiner persönlichen Erfolge, die den Rahmen des Gewohnten sprengten.

1865 noch einfacher Freiherr und Reserveoffizier, war er 1871 Fürst und General mit einem Millionenvermögen; dass manch ostelbischer Junker in seinen Salongesprächen Bismarck vor Neid, aber auch aus ideologischen Gründen die Pest an den Hals wünschte, belegen einschlägige Passagen in Theodor Fontanes “Irrungen, Wirrungen”. Als Bismarck schließlich 1874 den Grafen Harry Arnim wegen Landesverrats vor Gericht stellen ließ, bestätigte das nur die Vorurteile seiner konservativen Kritiker. Freilich: Aufbegehrt haben sie nicht.

Das Gleiche wiederholte sich dann unter dem viel gehassten Wilhelm II. Nicht die Arbeiter spotteten über den Kaiser und seinen verkümmerten Arm; sondern die elitären Offiziere der Potsdamer Garde. Sie ließen im Kasino nach dem ersten Glas Wein die Ordonnanzen wegtreten, um ohne Furcht vor Denunziation über den Obersten Kriegsherrn lästern zu können; sie verunglimpften ihn als “Guillaume le timide”, “Wilhelm den Ängstlichen”, weil ihnen seine Politik nicht offensiv genug erschien; und sie fielen als Erste über ihn in ihren Memoiren her, als Wilhelm 1918 schließlich abdankte und ins Exil ging. Und auch hier zeigt sich wieder ihre Doppelmoral: Als nämlich 1919 Paul Graf Hoensbroech die Führungsschwäche des Kaisers öffentlich anprangerte, forderte ihn der pensionierte General von der Schulenburg zum Duell, obwohl der sich ganz genauso über Wilhelm II. geäußert hatte – allerdings privat!

Für den deutschen Adel war es nie ein Problem, eine eigene Meinung zu haben; wohl aber, nach ihr zu handeln

Für den deutschen Adel war es nie ein Problem, eine eigene Meinung zu haben; wohl aber, nach ihr zu handeln. Die abstruse Maxime Kants: “Räsonniert, soviel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!”, passt ideal auf die preußisch-deutsche Oberschicht, die sich ihre soziale Privilegiertheit über Jahrhunderte hinweg mit einer beispiellosen politischen Impotenz erkauft hat. Symbolisch steht hier das Wort eines Flügeladjutanten aus der Entourage des letzten Hohenzollernherrschers: “Der Kaiser hat uns alle entmannt!”

Dies fand seine fatale Fortsetzung im Dritten Reich. Wieder begegnen wir jener seltsamen moralischen Indifferenz und typisch elitären “Mischung aus Verdrängung, Disziplin und Lebenslüge”, die ausgerechnet Hitlers früheste Kritiker – und das waren ja gewiss die Konservativen – zu seinen zuverlässigsten Stützen werden ließ.

Erinnert sei nur an die obskuren Planungen, wie man Hitler, den “tollwütigen Hund”, den “böhmischen Gefreiten” umbringen wolle, um am Ende meistens doch wieder vor ihm strammzustehen, wie man schon vor Friedrich, vor Bismarck und vor Wilhelm strammgestanden hatte: 1938 während der Sudetenkrise, 1940 beim Einmarsch in Frankreich, 1943 an der Ostfront – Überlegungen, Pläne, und Versuche hat es viele gegeben, und ihr moralischer Wert steht außer Frage; doch ihr Dilettantismus war beispiellos und Gott sei’s geklagt beschämend.

Jener Dilettantismus aber kam auch daher, dass diese Elite seit Jahrhunderten keinen Schuss mehr abgegeben hatte, der ihr nicht von oben, will sagen von der Obrigkeit befohlen worden war, von jener Obrigkeit, die Martin Luther einst heiliggesprochen hatte. Was geschehen konnte, wenn die Elite wenigstens einmal gegen diese Obrigkeit handelte, zeigte sich beim Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944.

Unfähig zu selbständigem, entschlossenem Handeln

Nirgends kam ihr indolenter, passiver Habitus so deutlich zum Vorschein wie an jenem so bitter erfolglos endenden Tag: Der leichtsinnige Gedanke, ausgerechnet einen halb verkrüppelten Offizier wie Stauffenberg mit einem Bombenattentat zu betrauen; die Trägheit des Generals Fellgiebel, der noch nach der Explosion in der “Wolfsschanze” Hitler mit der Pistole hätte erschießen können, es aber nicht tat; die Nervosität General Olbrichts, der drei Stunden lang in Berlin die Hände in den Schoß legte, während Stauffenberg mit Müh und Not ein Flugzeug bekam; schließlich die aberwitzige Naivität, mit der man ausgerechnet Major Remer, einem notorischen Nationalsozialisten, die Verhaftung von Goebbels anvertraute: All dies zeigt, wie ungeeignet und unfähig diese Männer zu selbstständigem, entschlossenem Handeln waren, mochten ihre Grundsätze und Überzeugungen moralisch noch so aufrichtig gewesen sein.

So versteht man auch den bissigen Kommentar des Hitler-Gegners Friedrich Reck-Malleczewen, der am Tag nach dem Attentat in sein Tagebuch notierte:

Ein wenig spät, ihr Herren, die ihr diesen Erzzerstörer Deutschlands gemacht habt, die ihr ihm nachliefet, solange alles gut zu gehen schien, die ihr, alle Offiziere der Monarchie, unbedenklich jeden von euch gerade verlangten Treueid schworet, die ihr euch zu armseligen Mamelucken des mit hunderttausend Morden, mit dem Jammer und dem Fluch der Welt belasteten Verbrechers erniedrigt habt und ihn jetzt verratet, wie ihr vorgestern die Monarchie und gestern die Republik verraten habt.

Ähnlich sah es auch Joachim Fest, dessen Vater Hans einst lieber Amt und Würden aufgegeben hatte, als jene Zwitterstellung zwischen innerer Rebellion und äußerem Konformismus zu wählen, in der man allein schon dadurch zum Täter werden kann, indem man es unterlässt, das Richtige zu tun. Beispielhaft hier der Vergleich zwischen deutschem und italienischem Widerstand, den Fest anstellt:

Als Dino Grandi sich am 25. Juli 1943 zur Sitzung des faschistischen Großrats begab, auf der Mussolini gestürzt werden sollte, hatte er zwei Handgranaten bei sich. Am Eingang des Saales zum Palazzo Venezia war das erste Mitglied des Rates, auf das er stieß, Cesare de Vecchi. Da Grandi fürchtete, Mussolini werde sich zur Wehr setzen und auf ihn schießen, fragte er kurz entschlossen de Vecchi, ob er eine der Granaten übernehmen und notfalls auf den Duce werfen wolle, und de Vecchi willigte augenblicklich und ohne irgendeine Gegenfrage ein. Es war die Schwäche des deutschen Widerstands, dass er keinen Grandi hatte und selbst einen de Vecchi nicht.

Freilich: Die deutschen Widerstandskämpfer durften für sich in Anspruch nehmen, es wenigstens versucht zu haben, und diesen Ruhm kann ihnen niemand nehmen. Gleichwohl gibt es eine bedenkliche Nähe zwischen ihnen, die immerhin etwas taten, und jener großen Mehrheit, die zwar über Hitler grummelte, aber nichts tat. Gerade in Militär und Diplomatie fanden sich viele Mitwisser der Attentatspläne.

Sie alle wären nach einem erfolgreichen Staatsstreich mit fliegenden Fahnen zu den neuen Machthabern übergegangen, denn mit Hitler verband sie kaum etwas; doch sie leisteten nach wie vor brav ihren Dienst und igelten sich ein in ein Gehäuse aus Hoffnung, Fatalismus und sogenannter Pflichterfüllung – eine Haltung, die noch im Jahr 2009 ausgerechnet Richard von Weizsäcker prononcierte, als er in einem Interview mit dem SPIEGEL versuchte, seinen Vater Ernst, Staatssekretär bei Außenminister von Ribbentrop und früh eingeweiht in die Judenvernichtung, von den Vorwürfen der Nachwelt mit ziemlich aggressiver Apologetik freizusprechen. Wenn der deutsche Adel je eine Ideologie hatte, dann jene dumpfe, schwerfällige und einfallslose Ideologie des “Auf-dem-Posten-Bleibens”.

Das Problem der konservativen Eliten in Preußen-Deutschland lag nicht in ideologischer Verführung, sondern in ihrem politischen Opportunismus

Das Problem der konservativen Eliten in Preußen-Deutschland lag nicht in ideologischer Verführung; eher schon, wie Stephan Malinowski richtig betont, in ihrer mentalen Depravation seit dem Ersten Weltkrieg, ihrer ungeheuerlichen Brutalisierung von Haltungen und Meinungen; vor allem aber in ihrem tief verwurzelten politischen Opportunismus. Dieses Problem gründet sich nicht auf eine Ideologie, sondern auf den unfreien Habitus. Dessen Konstanten Anpassung, Selbstverleugnung, Gehorsam und Resignation wirken viel verderblicher als manche Überzeugung.

Nazis und NS-Gegner wussten, was sie taten, und taten es aus freien Stücken; die Eliten aber gingen 1933 die alten, eingetretenen Pfade durch die Institutionen weiter, die sie schon zweihundert Jahre lang gegangen waren. Sie wurden Generäle und Staatssekretäre, manche auch SS-Führer, so wie ihre Väter und Ahnen eben Obristen, Kammerherren oder Botschafter geworden waren, und bildeten sich noch ein, sie könnten sich die Abzeichen des neuen Regimes wie Modeartikel an den Rock heften und trotzdem rein bleiben von seinen Verbrechen.

Gerade durch diese Unentschlossenheit und Trägheit aber wurden viele von ihnen schuldig. Gewiss waren die meisten von ihnen keine Nazis; doch waren sie moralisch deshalb besser? Sie waren ideologisch gar niemand, mit dem Wort Hannah Arendts: Sie waren “Niemande”, sie “weigerten sich, Personen zu sein”. Und genau dies macht die Schwere ihres Versagens aus:

Sie folgten keinem Idealismus, auch nicht dem falschesten. Sie waren Getriebene, zutiefst unsichere und unselbstständige Charaktere, die an gar nichts glaubten. Nicht brutaler Voluntarismus oder imperialistischer Ehrgeiz, sondern Gedankenlosigkeit und moralische Indifferenz degradierten sie zu den willenlosen Vollstreckern der Unmenschlichkeit.

Der Historiker Christian Gerlach wies vor einigen Jahren nach, dass die Einsatzmeldungen der SS-Mordkommandos im Russlandfeldzug 1941 auch über die Schreibtische Tresckows und seines Adlaten Rudolf-Christoph von Gersdorff gingen. Hier zeigt sich das moralische Dilemma in voller Schärfe: Denn natürlich ist dieser Nachweis ja kein Beleg für eine Mittäterschaft; aber allein schon das bloße Mitwissen macht jemanden in einer Position wie Tresckow und Gersdorff schon mitschuldig. Gerade Gersdorffs Karriere – Tresckow nahm sich nach dem gescheiterten Attentat 1944 das Leben – zeigt exemplarisch die Realitätsblindheit des konservativen Widerstands:

Da steht einer eindeutig gegen Hitler, riskiert mehrmals sein Leben bei Attentats- und Umsturzversuchen, entgeht knapp der Verhaftung – und bleibt dennoch bis zum letzten Kriegstag auf seinem Posten, wird General, Stabschef einer Armee, Ritterkreuzträger, alles unter dem Oberbefehl von Adolf Hitler, kurz: Er tut nach außen hin so, als wäre nichts gewesen, mag er im Inneren auch noch so sehr in Opposition stehen. Kann man sich eine schlimmere Form der Selbstverleugnung vorstellen?

Zum Nicht-Handeln gehört, dass man nicht Wir sagt, sondern dass man Ich sagt

Auf diesen Habitus passt musterhaft, was Hannah Arendt in ihrem Buch “Eichmann in Jerusalem” über die so genannte “innere Emigration” sagte:

Über alle jene, die im Dritten Reich Stellungen, und oft genug hohe Stellungen, innehatten und dann nach dem Kriege sich selbst und der Welt erklärten, sie seien jederzeit ‘innerlich Gegner des Regimes’ gewesen. Nicht, ob sie die Wahrheit sagen oder nicht, ist hier die Frage; entscheidend ist, dass es in der ganzen geheimnisverseuchten Atmosphäre des Hitlerregimes kein besser gehütetes Geheimnis gegeben hat als solche ‘innere Opposition’. Das war unter den Bedingungen des Naziterrors fast eine Selbstverständlichkeit; wie mir einmal ein sehr bekannter ‘innerer Emigrant’ [ … ] versichert hat, mussten sie ‘nach außen’ sogar nazistischer auftreten als gewöhnliche Nazis, um ihr Geheimnis zu wahren.

Wirklicher Widerstand wäre entweder ein klarer, sehr wahrscheinlich ein hoffnungsloser Kampf gewesen, den man freilich niemandem abfordern kann, da wir wissen, welche Risiken er für den Betreffenden mit sich brachte; oder aber Nicht-Handeln, konsequenter Rückzug aus dem gesellschaftlichen Organismus überhaupt, freiwillige Isolation und Einsamkeit, so wie der Vater Hans von Joachim C. Fest sie beispielhaft vorlebte. Hannah Arendt:

In Wahrheit gab es nur einen Weg, im Dritten Reich zu leben, ohne sich als Nazi zu betätigen, nämlich, überhaupt nicht in Erscheinung zu treten: sich aus dem öffentlichen Leben nach Möglichkeit ganz und gar fernzuhalten war die einzige Möglichkeit, in die Verbrechen nicht verstrickt zu werden, und dies Nicht-Teilnehmen war das einzige Kriterium, an dem wir heute Schuld und Schuldlosigkeit des Einzelnen messen können.

Zu diesem Nicht-Handeln aber gehört, in Arendts Worten, dass man “nicht Wir sagt, sondern dass man Ich sagt”; dass man sich vom Spiel des Gesellschaftlichen, das nur allzu schnell bitterer, schmutziger und verbrecherischer Ernst werden kann, freiwillig isoliert; dass man auf sichere Posten und glatte Lebensläufe, auf schmucke Orden und hohe Ränge verzichtet hätte.

Man macht niemandem eine Szene: nicht der eigenen Ehefrau und auch nicht dem Führer

Doch gerade dazu fehlten der Elite: Adel und Militär, aber auch der Wirtschaftselite, der Wille und der Mut. Sie waren es zwar gewohnt, auf der Bühne zu stehen; aber als Statisten, wenn auch gut betucht. Sie lebten, mit Heideggers Wort, im “man”, und dies wurde ihnen zum Verhängnis: “Man” tritt ins Heer ein; “man” tut seine sogenannte Pflicht; “man” erhält das System aufrecht, um Schlimmeres – etwa den viel beschworenen Bürgerkrieg! – zu verhüten; “man” macht niemandem eine Szene, nicht der eigenen Ehefrau und auch nicht dem Führer, auch wenn die Ehe eine Farce und das Regime eine Mörderbande ist.

Das machte sie zu Komplizen Hitlers, und auch die wenigen, die dann wirklich am 20. Juli zur Tat schritten und dafür mit dem Leben bezahlten, waren in ihrer Haltung immer noch so sehr vom “man” bestimmt, dass sie in jenem Augenblick, in dem sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte wirklich handeln und nicht gehorchen sollten, bitter und tragisch versagten.

 

Obiger Beitrag wurde am 24. Juli 2011 im Rahmen der Sendung “Essay und Diskurs” im Deutschlandfunk ausgestrahlt. Nach der Veröffentlichung kam es zu heftigen Kontroversen im Sender sowie zu persönlichen Angriffen auf den Autor durch Hörer. © Konstantin Sakkas, 2011. Beitragsbild: Claus Graf Schenk von Stauffenberg als Hauptmann, ca. 1940. © Alamy.

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Das Dritte Reich und die Drogen

Norman Ohler: Der totale Rausch

Norman Ohlers Buch über Drogen im Dritten Reich als Meisterwerk zu bezeichnen, ist keine Übertreibung. Sicher ist das Wissen um den Drogenkonsum in Wehrmacht und NS-Führungsclique längst kein Geheimwissen mehr; sicher ist der Siegeszug, den der Chrystal-Meth-Vorläufers Pervitin bei Usern wie Heinrich Böll oder Hitler selbst erlebte, mittlerweile gemeinhin bekannt. Aber ein umfassendes Werk, das fundiert und dabei ausgesprochen literarisch geschrieben (was ein Kompliment ist) die Rolle, die Rauschmittel im und für den Nationalsozialismus spielten, quantitativ und qualitativ bewertet, gab es bislang in deutscher Sprache noch nicht. Ohler, Jahrgang 1970 und bisher als Belletrist hervorgetreten, hat nun das einschlägige Referenzwerk hierzu geschaffen und damit ein wahrhaftes Desiderat befriedigt – volle siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur. Man sieht daran, wie sehr und wie lange Deutschland von dieser ganz speziellen Banalität dieses, seines Bösen nichts wissen wollte.

Ohler schreibt schneidig und elegant, nicht reißerisch und platt. Das verdient Erwähnung, denn klassische Geschichtsliteratur in Deutschland leidet traditionell an einem bräsigen, bemüht unspektakulären Stil, scheut den großen Bogen und liebt die Langeweile aus Angst, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Ohler lehnt sich aus dem Fenster – aber er fällt nicht heraus

Ohler lehnt sich aus dem Fenster, aber er fällt nicht aus ihm heraus. Seine faktizitären Erkenntnisse sind sauber recherchiert, belegt durch Archivfunde, die er seinem Text immer wieder im Faksimile anheftet; wo es sich aber um Behauptungen und Hypothesen handelt, da macht er dies auch kenntlich. Nur ein unaufmerksamer Leser – dergleichen soll es freilich geben – könnte dem Autor vorwerfen, er verkaufe pure Behauptungen als fraglos gesicherte Erkenntnisse.

Etwa anhand der Frage, ob und in welchem Maße Hitler 1944 und 45 vom Schmerzmittel Eukodal abhängig war, einem Heroin-Vorläufer, den Dr. Theo Morell, des Diktators vierschrötiger Leibarzt, immer wieder explizit verordnete, während er sich sonst, so Ohlers These, möglicherweise unter der ominösen Chiffre X verborgen habe, die sich seit Mitte des Krieges beinahe täglich in Morells minutiös geführtem Medikationstagebuch findet. Bis heute ist nicht ganz geklärt, in welchem Ausmaß Hitler dem Eukodal zusprach. Dass er aber mit der Droge, ebenso wie mit Kokain, vertraut war (womit übrigens auch der Mythos vom Abstinenzler Hitler flagrant widerlegt wäre), ist historisch sicher:

Kokain und Eukodal – die Führermischung, der Cocktail in Hitlers Blut, mutierte in diesen Wochen zum klassischen Speedball: Die sedierende Wirkung des Opioids glich der aufputschende Effekt des Kokains wieder aus. Enorme Euphorie und bis in die letzte Körperfaser empfundene Hochgefühle werden als Wirkung dieses pharmakologischen Zweifrontenangriffs beschrieben, bei dem zwei potente, sich biochemisch entgegenstehende Moleküle um die Vormachtstellung im Körper kämpfen.

Dr. Theo Morell war von 1936 bis April 1945 offizieller Leibarzt Hitlers und vermochte sich in dieser Stellung unentbehrlich zu machen. Parallel zu seiner Tätigkeit in der Entourage des Führers etablierte er sich als Pharmaunternehmer, sammelte Dotationen, Titel und Ehrenränge, darunter – natürlich – die Professur ehrenhalber. Seine Eigenschaft als Arzt verschaffte ihm unbeschränkten und vor allem täglichen Zugang zu Hitler – ein Privileg, in dessen Genuss selbst hohe und höchste politische Funktionsträger im Dritten Reich mit seinem notorischen Kompetenzchaos umso weniger mehr kamen, je länger der Krieg dauerte, von Goebbels und Bormann vielleicht abgesehen.

Unumstritten war Morells Position dabei zu keiner Zeit. Vor allem aus den Reihen der SS, vom “Reichsärzteführer” und SS-General Leonardo Conti bis zu Reichsführer Himmler höchstselbst, warf man dem promovierten Mediziner Morell, der sich früh auf die Verschreibung alternativer Präparate verlegte, immer wieder Quacksalbertum vor. Nach Kriegsende fand die Ansicht Verbreitung, Morell sei für Hitlers schlechten Gesundheitszustand verantwortlich gewesen und habe ihn überhaupt erst drogenabhängig gemacht – eine Meinung, die sich bis heute hält.

Diese geistig, moralisch und nervlich durch und durch defizitären Charaktere bedurften ständig der künstlichen Aufputschung, um sich bei Kräften und den von ihnen angezettelten Terror am Laufen zu halten

Ohler kehrt den Spieß um. Er fragt vielmehr danach, wie viele Anteile am Phänomen Hitler seinem politischen Charakter und wie viele seinem Drogenkonsum zuzuschreiben seien, und kommt zu dem Schluss, das Genie des Nationalsozialismus, um ein Wort Joachim Fests abzuwandeln, sei weder Vision, noch Kraft, sondern schlicht ein ungezügelter Drogenkonsum gewesen, der das in ihm angelegte Schlechte noch schlechter werden ließ. Damit freilich will er Hitler und seiner Helfer nicht von ihrer Verantwortung entlasten. Nein, Ohler will zeigen, wie primitiv diese Männer waren, wie wenig weit ihr Atem tatsächlich reichte, so wenig, dass diese geistig, moralisch und nervlich durch und durch defizitären Charaktere ständig der künstlichen Aufputschung bedurften, um sich bei Kräften und den von ihnen angezettelten Terror am Laufen zu halten.

Ohler geht weit zurück, bis auf Friedrich Sertürner, der im Jahr 1804 – Napoleon Bonaparte hatte sich gerade zum Kaiser proklamieren lassen, Europa steckte lebensweltlich noch tief im Mittelalter – in einer Offizin im frisch mediatisierten Hochstift Paderborn das Morphium entdeckte – ausgerechnet ein Deutscher, ausgerechnet ein Zeitgenosse Goethes, des Schöpfers des Homunculus, des ewig vom Rausch, vom Übernatürlichen in der Natur Faszinierten.

Der verspäteten Nation Deutschland fehlten mit eigenen Kolonien Tabak und Tee – Ersatz schufen Morphium und Pervitin

Deutschland, die verspätete Nation, kam auch als Kolonialmacht zu spät – Opium, Kaffee, Tabak und Tee bezogen Briten und Franzosen aus ihren Kolonien, während die Deutschen sie teuer einkaufen mussten, und nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurde die Genussmittel- und Rauschgift-Nachschublage für sie vollends katastrophal. Wie in so vielen Bereichen der Volkswirtschaft, hieß auch hier das Zauberwort: Ersatz.

Das Volk der Dichter und Denker, das längst eines der Ingenieure und Pharmazeuten geworden, kompensierte, wie so oft, sein geopolitisches Defizit durch Erfindergeist. Die Berliner Temmler-Werke patentierten im Oktober 1937 Methamphetamin, das unter dem Handelsnamen Pervitin zur deutschen Volksdroge werden sollte. Bis 1941 rezeptfrei, wurde das pillenförmige Präparat zum beliebten Aufputschmittel, gleichermaßen beliebt und konsumiert an der Heimatfront und in der Hauptkampflinie.

Treibende Kraft bei der militärischen Nutzbarmachung der Droge war der Militärarzt Otto Friedrich Ranke, der, ebenfalls im Jahr 1937, zum Leiter des Instituts für Wehrphysiologie an der Militärärztlichen Akademie in Berlin bestellt wurde. Unter der griffigen Oberzeile “Vom Graubrot zum Hirnfood”, die ihm in der traditionell besser durchlüfteten angloamerikanischen Historikerzunft einen Ruf als großartiger Stilist verdienen würde, beschreibt Ohler Rankes Impetus in drastischen Sätzen:

Als führender Wehrphysiologe des Dritten Reiches kannte Ranke einen Hauptfeind, und das waren nicht die Russen im Osten und auch nicht die Franzosen im Westen. Der Gegner, den er zur Strecke bringen wollte, hieß Müdigkeit.

Insgesamt 35 Millionen Dosierungen Pervitin wurden allein während des Frankreichfeldzuges 1940 von Ranke für die Wehrmacht bestellt. Der Fliegeroffizier Johannes Steinhoff, der nach dem Krieg als Inspekteur der Luftwaffe unter Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt berühmt wurde, schildert, wie sich Kampfpiloten im Einsatz aufputschten:

In der Knietasche steckt ein handlanger Leinenstreifen mit einem Zellophanüberzug, unter dem fünf oder sechs milchweiße Tabletten haften, groß wie Schokoladenriegel. Pervitin steht auf dem Streifen. Tabletten gegen Müdigkeit […] Ich öffne die Tasche und reiße erst zwei, dann drei dieser Plättchen von der Unterlage, nehme kurz die Atemmaske vom Gesicht und beginne, die Tabletten zu zerkauen. Sie schmecken abscheulich bitter und sind mehlig, aber zum Nachspülen habe ich nichts.

Leistungssteigerung und Weltflucht

Leistungssteigerung und – Weltflucht – beide Aspekte sind gestern wie heute drogensoziologisch nicht voneinander zu trennen. Das gilt auch für Deutschland, dessen politische Geschichte seit der wilhelminischen Zeit bis zum Untergang 1945 sich affekthistorisch als Wechselbad der Gefühle beschreiben ließe. Die gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen trending lines der Weimarer Zeit erlebten, wie auf so vielen Feldern, auch in puncto Drogenkonsum eine Kontinuität im Nationalsozialismus, mochte der sich auch nach außen steiflippig-abstinenzlerisch geben und Kokain und Morphium als “jüdische Infektion” des ach so natur- und jugendbewegten deutschen Volkskörpers brandmarken. Die politische Geschichte Deutschlands zwischen 1918 und 1945 kann, dies die Quintessenz, die man aus Ohlers Buch guten Gewissens ziehen kann, nicht gedacht noch geschrieben werden ohne eine Kultursoziologie des Drogenkonsums in dieser Zeit.

Die ersten Handreichungen dazu liefern uns die schreibenden und reimenden Zeitgenossen selbst, allen voran Fritz v. Ostini mit seinem heute fast vergessenen, aber damals enorm populären “Neuen Berliner Kommerslied” von 1919. Es erhält in the nutshell alles, was man vulgäranthroplogisch über den state of mind der Deutschen, der “rechten” wie der “linken”, in der Zwischenkriegszeit wissen muss:

Einst ward uns durch den Alkohol,
Das süße Ungeheuer,
Zu Zeiten kannibalisch wohl –
Doch jetzt kommt das zu teuer.
Und wir Berliner greifen drum
Zu Kokain und Morphium –
Mag’s donnern draußen und blitzen,
Wir schnupfen und wir spritzen!

Den Sekt, der so verlockend schäumt,
Genießt nur mehr der Schieber
Und auch vom edlen Rheinwein träumt
Ein Andrer nur im Fieber;
Das Bier, das ist so dünn und leer,
Mit dem bekneipt sich keiner mehr –
Drum, wenn uns Sorgen zupfen,
Wir spritzen und wir schnupfen!

Der Ober bringt im Restaurang
Das Kokadöschen gerne,
Dann lebt man ein paar Stunden lang
Auf einem besseren Sterne;
Das Morphium wirkt (subkutan)
Gar prompt auf das Zentralorgan,
Die Geister zu erhitzen –
Wir schnupfen und wir spritzen!

Die Mittelchen sind zwar verwehrt
Durch das Gesetz von oben,
Doch das was man offiziell entbehrt,
Wird heutzutag geschoben.
So kommt man leicht zur Euphorie –
Und wenn uns wie das liebe Vieh
Die bösen Feinde rupfen –
Wir spritzen und wir schnupfen!

Und spritzt man sich ins Irrenhaus
Und schnupft man sich zu Tode –
Du lieber Gott, was macht das aus
In dieser Weltperiode!
Ein Narrenhaus ist ohnedies
Europa und in’s Paradies
Mag einer gern heut schlupfen
Durch Spritzen und durch Schnupfen!

Rommel, der “Chrystal-Fuchs”

General Rommel, der sich als Kommandeur der 7. Panzerdivision im Frankreichfeldzug den Ruf eines tollkühnen Draufgängers erarbeitete, der mit seiner Truppe unglaubliche Tagesdistancen überwand, wird bei Ohler zum “Chrystal-Fuchs”. Ernst Udet, Flieger-Ass des Ersten Weltkriegs, aber als Generalluftzeugmeister im Reichsluftfahrtministerium heillos überfordert mit der Koordination der deutschen Luftrüstung und unsterblich geworden in der allzu anheimelnden Verschlüsselung als Genral Harras in Zuckmayers “Des Teufels General”, war nicht nur schwerer Alkoholiker, sondern, so Ohler, auch schwer methamphetaminabhängig – freilich eine Neben- bzw. Folgeabhängigkeit, die bei vielen berufstätigen Alkoholikern vorkommt. Und Udets Oberbefehlshaber Hermann Göring verfiel nach dem Morphium, dem klassischen Schmerz- und Betäubungsmittel der Frontkämpfergeneration, dem Kokain, und Ohler schildert in amüsanten Zitaten, wie sich der dicke Reichsmarschall in seiner weißen Uniform mithilfe des ebenso weißen Pulvers durch manch ermüdende Besprechung in seinem wuchtigen Ministeriumsbau, heute Sitz des Bundesfinanzministeriums, kämpfte:

Mitunter war auch das Gesicht des mächtigen Ministers geschminkt, die Fingernägel waren rot lackiert. Häufig kam es bei Besprechungen vor, dass Göring, wenn der Opiatgehalt seines Blutes gesunken war, sich derart derangiert fühlte, dass er abrupt und ohne ein erklärendes Wort den Saal verließ und erst ein paar Minuten später wiederkehrte – in deutlich frischerer Verfassung.

Methamphetamin und Kokain, die Lieblingsdrogen der Jobholder- und Fungesellschaft von heute, waren auch erprobte und beliebte Aufputschmittel des ersten und des letzten Aufgebots in Wehrmacht und Waffen-SS. Die Besatzungen der Kleinst-U-Boote, mit denen Großadmiral Dönitz 1944/45 die Wende im längst verlorenen Atlantikkrieg herbeizwingen wollte, wurden mit einem speziell für sie entwickelten Mix aus Kokain und Methamphetamin ausgestattet.

Drogenerprobung im KZ und Vernichtung durch Arbeit

Getestet wurde das Medikament im berüchtigten Schuhläuferkommando im KZ Sachsenhausen bei Oranienburg, nördlich von Berlin. Kein Geringerer als Vizeadmiral Hellmuth Heye, nachmals CDU-Abgeordneter und Wehrbeauftragter im Deutschen Bundestag, war verantwortlich für die Erprobung des Drogencocktails in einem der schlimmsten Strafkommandos im nationalsozialistischen KZ-System, in dem Tag für Tag zwanzig oder auch mehr stark unterernährte Häftlinge, gepäckbeladen, in frischem, uneingelaufenem Schuhwerk auf schwer gangbarem, “naturechtem” Untergrund marschierend, zu Tode geschunden wurden, wenn sie nicht vorher unter der unmenschlichen Last zusammenbrachen, woraufhin sie der Schäferhund, den der brutale Aufsichtsführende, ein Beamter des Reichswirtschaftsministeriums, dann auf sie hetzte, zerriss.

Dass die KZ-Insassen zugleich als Versuchskaninchen für hochdosiertes Rauschgift missbraucht wurden, dürfte so noch der harmloseste Teil ihrer Tortur gewesen sein:

Vom 17. bis 20. November 1944 mietete die Marine […] das Schuhläuferkommando an. Am ersten Abend um Punkt halb neun erhielten die Häftlinge von Marinearzt Richert ihre hoch dosierten Drogen: die enorm große Menge von fünfzig bis einhundert Milligram reines Kokain in Pillenform, zwanzig Milligram im Kaugummi oder zwanzig Milligram Pervitin, ebenso als Kaugummi (die etwa siebenfache Dosierung einer herkömmlichen Temmler-Tablette).

Drogenerprobung und Vernichtung durch Arbeit: auch dieses Kapitel lässt Ohler nicht aus, im Gegenteil. Bei allem Potenzial zum Sensationismus, den der Stoff (sic) haben mag, hat man nie, oder nur ganz selten, das Gefühl bei der Lektüre, einen SPIEGEL-Artikel zu lesen. Dafür ist Ohler zu sehr Profi. Und es ist eben kein Argument gegen den Ernst seines Anspruches und seiner Darstellung, wenn er die Haltungen und Handlungen, die kriminellen wie die wunderlichen, zu denen ihr Konsum die decision-makers des Dritten Reiches trieb, immer wieder mit teils fantastisch anmutenden, aber korrekt belegten Anekdoten illustriert:

Am Abend des 6. Juni [1944, K.S.] glaubte Hitler immer noch nicht, dass die Invasion an der Nordatlantikküste tatsächlich stattfand, sondern begnügte sich mit der Vorstellung, dies sei nur ein Scheinangriff […] Doch das traf nicht zu. Wahrhaftig waren die Alliierten gegen Mitternacht auf einer Frontbreite von 50 Kilometern eingebrochen und hatten die Deutschen komplett überrumpelt. Die Westfront war damit eröffnet. Militärisch hatte das Deutsche Reich nun keinerlei Aussichten mehr. Doch gab es da etwas, das Hitler dieser Tage freudig stimmte: Goebbels hatte endlich mit dem Rauchen aufgehört.

 

Auch die Terrorwelle, die nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli desselben Jahres über das Reich schwappte, und sogar den Entschluss zur Ardennenoffensive, technisch und logistisch a priori ein aussichtsloses Unterfangen, führt Ohler auf Hitlers gesteigerten Konsum von Pervitin und Eukodal in diesem Abschnitt des Krieges zurück. Mit großem, fast erheiterndem Realismus und, wenn wir die Wochenschau- und Privataufnahmen von Hitler, die wir im Kopf haben, damit vergleichen, durchaus historisch glaubwürdig illustriert Ohler, wie wir uns den “Führer auf Crack” vorstellen können:

Was die künstlichen Paradiese anging‚ schöpfte der Diktator in diesem letzten Herbst des Krieges und seines Lebens aus dem Vollen. Wenn Patient A in der Lagebesprechung seinen pharmakologisch kreierten Olymp durchschritt, den Hacken dabei zuerst aufsetzte, die Knie durchdrückte, mit der Zunge schnalzte und mit den Händen schlenkerte, kristallklar denken zu können glaubte und sich die Welt so  zurechtlegte‚ wie es sich für sein Führer-High geziemte, war es für die von der bedruckenden Frontsituation mehr als ernüchterten Generäle unmöglich, zu ihm durchzudringen. Die Medikamentierung hielt den Oberbefehlshaber stabil in seinem Wahn, errichtete einen uneinnehmbaren Wall, eine lückenlose Verteidigung, durch die nichts und niemand mehr dringen konnte. Jedes Bedenken wurde von der artifiziell herbeigeführten Zuversicht hinweggewischt.

Freilich: die Quellenlage hierzu ist wenigstens abschnittsweise immer wieder lückenhaft. Doch Ohler weiß seine Mutmaßungen gut zu begründen. Morell verabreichte Hitler wöchentlich zahllose Präparate, teils Inkjektionen, teils Tabletten: neben Vitaminbomben, die er unter dem zeittypisch pompösen Namen “Vitamultin” neben dem Führer über seine eigene Firma auch an gewöhnliche Volksgenossen vertrieb, auch tierische Extrakte zur Nahrungsergänzung, Potenzmittel (sic) und eben – Aufputsch- und Schlafmittel. Gespritzt wurde sowohl intravenös, als auch intramuskulär.

Hitler: ein durch und durch kaputter Charakter, der seine Kaputtheit mit Heroin und Amphetamin am Leben hielt, bis ihm schließlich der Nachschub ausging.

Für den Leistungsabfall, den die meisten Historiker bei Hitler ab der Jahreswende 1944/45 feststellen, hat Ohler eine besondere Erklärung parat. Aufgrund der kriegsbedingt immer prekäreren Versorgungslage konnte der Dealer Morell seinen Kunden Hitler (in den Unterlagen des Leibarztes stets als “Patient A.” paraphiert) nicht mehr mit frischem Stoff versorgen.

Morell passierte nun das Einzige, was einem Dealer nie passieren darf, die Kardinalssünde (sic) der Versorger: den gewohnten Stoff plötzlich nicht mehr zu Verfügung zu haben. ‘Seit 4-5 Tagen ist der Patient äußerst nachdenklich und macht einen müden, unausgeschlafenen Eindruck. Er will versuchen, ohne Beruhigungsmittel auszukommen’, kommentierte Morell den Engpass und fügte beunruhigt hinzu: ‘Führer ist etwas eigenartig zu mir, kurz und in verärgerter Stimmung.’ All dies ist noch kein Beweis, aber es sind Indizien, dass Hitler im letzten Quartal 1944 süchtig geworden war nach Eukodal – und das Betäubungsmittel nun weiterhin ersehnte. […] Das Ende des Endkampfes nahte, und Hitler hatte sein High, seinen Führerrausch unwiederbringlich verloren.

In dieses Bild, wenn es denn wahr ist, fügte sich, dass Hitler einen seiner fatalsten Wutausbrüche ausgerechnet am 22. April erlitt – einen Tag, nachdem er Morell schroff und formlos aus seinen Diensten entlassen hatte. Es war jener durch die Darstellung Bruno Ganz’ in Eichingers “Untergang” unsterblich gewordene Anfall, mit dem der völlig erschöpfte Diktator auf die Meldung reagierte, der ominöse “Angriff Steiner” sei “nicht erfolgt”. Ohler führt diesen finalen Nervenzusammenbruch auf den Wegfall der gewohnten chemischen Stabilisatoren zurück.

Auch Hitlers vermeintliche Leistungsfähigkeit war am Ende so unecht wie alles an dieser verderblichsten Unperson der jüngeren Geschichte

Wie gesagt: man kann diese Darstellung für übertrieben, für zu literarisch oder auch glattweg für unprofessionell halten. In meinen Augen jedoch wahrt Norman Ohler das durch die Gesetze der Wissenschaft vorgeschriebene Dekorum zu jeder Zeit – wohl kaum auch hätte er sich sonst ein Nachwort von einer so unbestrittenen Kapazität wie Hans Mommsen verdient, der nur wenige Monate nach Erscheinen des Buches verstarb.

Mommsen, der einst in den Siebzigerjahren, in Abgrenzung von den kaum verhohlenen Glorifizierungstendenzen der Bullock, Fest und Haffner, die These von Hitler als “schwachem Führer” prägte, ist auch inhaltlich die denkbar beste Referenz, auf die Ohler sich stützen kann. Denn er teilt mit ihm die unemphatische und unpathetische Sicht auf das politische und affektive Phänomen Hitler. Weit davon entfernt, großer Visionär oder auch nur genialischer Stratege und Feldherr zu sein, war Hitler in seinem Handeln, politisch und privat, vor allem dies: ein Verbrecher und ein Drogensüchtiger, ein durch und durch kaputter Charakter, der seine Kaputtheit mit Heroin und Amphetamin auch noch am Leben hielt, bis ihm schließlich der Nachschub ausging. Sogar seine viel beschworene Leistungsfähigkeit, sein vermeintliches Durchhaltevermögen waren am Ende unecht wie so vieles an dieser verderblichsten Unperson der jüngeren Geschichte.

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2015.

Header: Ausschnitt Cover Ohler, Der totale Rausch.

Hitlers Marschall Vorwärts

Erwin Rommel im Lichte seiner Filmbiographie von 2012.

“Wir werden fechten, wo wir stehen, keinen Fußbreit Boden ohne Kampf aufgeben. Und wenn wir einen Fußbreit aufgeben, sofort wieder vorstoßen. Und wir sind ja so glücklich, es seit gestern zu wissen, dass unser Generaloberst Rommel …“

Weiter kommt Hitler in seiner Rede zum neunten Jahrestag der „Machtergreifung“ am 30. Januar 1942 im Berliner Sportpalast nicht. Tosender Beifall unterbricht den „Führer“. Der Name des hochdekorierten Truppenführers, der mit seiner Panzerarmee seit einem Dreivierteljahr die britischen Truppen in Nordafrika in Schach hält, reißt die Zuschauer zu Jubelstürmen hin. Rommel ist nicht nur ein General, er ist ein Phänomen, ein Mythos, der NS-Ritter ohne Fehl und Tadel, ein schwäbischer Biedermann in Epauletten und Schirmmütze, mit Pourle- Mérite und Ritterkreuz. Glühende Nationalsozialisten können sich ebenso mit ihm identifizieren wie nüchterne, „unpolitische“ Militärs und heimliche Gegner Hitlers.

Vor allem um Letztere geht es in den vergangenen Jahren immer wieder. Das Verhältnis von Johannes Eugen Erwin Rommel – letzter Dienstgrad Generalfeldmarschall, geboren am 15. November 1891 in Heidenheim an der Brenz, gestorben am 14. Oktober 1944 auf einer Autofahrt bei Herrlingen nahe Ulm – zum deutschen Widerstand gegen Adolf Hitler gehört zu den letzten ungelösten Rätseln des Dritten Reiches. Ein TV‑Dokudrama, das am 1. November im Abendprogramm der ARD ausgestrahlt wird, versucht nun, im 70. Jahr seines Bestehens, die Annäherung an den „Mythos Rommel“.

Es ist ein großer Film, sicherlich auch dank der umsichtigen Beratung durch den renommierten Widerstandsforscher Peter Steinbach, mittlerweile emeritierter Geschichtsprofessor an der Universität Mannheim. Wäre er in Hollywood gedreht worden, käme er in die Kinos, fürs Fernsehen ist er fast zu schade. Die Dialoge sind, von einigen wenigen offenbar unvermeidlichen Fehlerchen im historischen Detail abgesehen, präzise. Mit Geschick bedient man sich cineastischer Anleihen, vor allem aus dem US‑Epos The Longest Day von 1962, das hier quasi am laufenden Band zitiert wird. Johannes Silberschneider spielt Hitler um Längen besser als der geifernde Bruno Ganz in „Der Untergang“, trifft insbesondere dessen oberösterreichischen Tonfall, ohne dabei ständig wie ein Epileptiker schreien zu müssen, während die rassige Aglaia Szyszkowitz, auch eine Österreicherin, eindeutig die bessere Corinna Harfouch ist.

Den Marschall selber, dessen letzte Monate der Film erzählt und der als deutsche Schlüsselfigur des Jahres 1944 inszeniert wird, stellt Ulrich Tukur dar, der sich hierfür extra de Dialekt der Schwäbischen Alb, freilich in seiner bourgeoisen Version, antrainiert hat, und seine biedere, aber nicht unschneidige und vor allem hochaufgeschossene Gymnasialrektorenstatur bildet den Charakter und das Dilemma des Württemberger Mittelstandskindes Rommel tatsächlich ziemlich ideal ab.

An seiner Seite spielt Benjamin Sadler als Stabschef Hans Speidel den intellektuell soignierten Einflüsterer, gleichsam einen guten Mephisto, wie er ihn schon als Spalatin in “Luther” an der Seite des unvergessenen Peter Ustinov spielte. Der Generalleutnant – Spiritus Rector der deutschen Küstenverteidigung und nach dem Krieg Viersternegeneral der Bundeswehr und schließlich Oberbefehlshaber der Nato-Landstreitkräfte – ist der zweite Heldentenor in dieser Besetzung, und auch er ist ein gespaltener Charakter. Seinen unentschlossenen Oberbefehlshaber hält er erst aus der Schusslinie der NS‑Verfolger, nach dem Krieg modelt er ihn zum Widerstandshelden um. Er ist es, der beim Feldmarschall Oberstleutnant Cäsar von Hofacker einschleust, Emissär der Widerstandsgruppe um Stauffenberg in Berlin und nach dem 20. Juli verhaftet, gefoltert und schließlich in Berlin-Plötzensee gehenkt, der Rommel wahrscheinlich über die Attentatsplanungen informiert, ohne ihm allerdings eine eindeutige Stellungnahme gegen Hitler abzuringen. Dabei weiß Rommel inzwischen, dass der Krieg mit Hitler an der Spitze nur verloren werden kann; als deutscher Generalfeldmarschall im Jahr 1944 weiß er mit großer Sicherheit auch, dass im Osten Juden ermordet werden.

Auch wenn er mit dem Letzteren nichts zu tun haben will und es als Truppenführer in Frankreich, Nordafrika und Italien auch nicht musste, so hat er qua Amt mit Ersterem so viel zu tun, dass ihn sein nüchternes Tatsachenwissen um die himmelhohe Überlegenheit der Alliierten und den absehbaren Erfolg der Invasion bald in Opposition zu Hitler bringt. Die legendäre Lagebesprechung mit dem „Führer“ kurz nach der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 verlässt er als von der Hitler- Kamarilla misstrauisch beäugter Querulant. Vom Bombenattentat Stauffenbergs am 20. Juli erfährt er aus dem Radio, nachdem ihn ein Tieffliegerangriff drei Tage zuvor ans Krankenbett geworfen hat. Den Oberbefehl über die Heeresgruppe verliert er Anfang August, und bei den Verhören, die die Gestapo mit den verhafteten Verschwörern anstellt, fällt immer wieder sein Name als der eines möglichen Mitwissers.

Das genügt Hitler. Er schickt ihm die Generäle Burgdorf und Maisel nach Hause, die dem immer noch angeschlagenen Rommel die Giftampulle mit der Versicherung Hitlers überbringen, dass die Öffentlichkeit über die Umstände seines Todes nichts erfahren und er stattdessen, als „seinen Verletzungen erlegen“, ein Staatsbegräbnis erhalten und in das ehrende Gedächtnis Deutschlands als im Kampf tödlich verwundeter Truppenführer eingehen werde. Am 14. Oktober 1944 nimmt sich Rommel im Dienstwagen der beiden Generäle – SS und Polizei haben derweil sein Grundstück umstellt – das Leben. Es folgt der pompöse Staatsakt in Ulm, mit der Hakenkreuzfahne als Bahrtuch, Ordenskissen und Ehrenwachen im Generalsrang mit gezogenem Degen.

Das, was unmittelbar vor Rommels Tod geschah und was bis heute im Unklaren ist, steht im inhaltlichen Zentrum des Filmes. Hier müssen sich Drehbuch und Regie beweisen, und daran, wie sie das tun, werden sich fraglos heftige Kontroversen entzünden. Im Vorfeld, insbesondere aufseiten der Familie Rommel, haben sie das bereits getan. Rommels letzte Filmworte an Frau und Sohn Manfred Rommel – später der langjährige Oberbürgermeister Stuttgarts und, wie Albert Speer junior, trotz seiner Aszendenz eine feste Größe in der deutschen Hautevolée – lauten: Er sei „unschuldig“, er habe „das Attentat abgelehnt“.

Dieses Schlusswort ist ein eklatanter Bruch mit der gesamten Rommel-Tradition seit der ersten amerikanischen Verfilmung von 1951, als James Mason ihn mit straffer Mimik als geläuterten Helden verkörperte, der sich von Hitler klar distanziert hat. Rommel, war das nicht „unser Rommel“, und zwar nicht im Sinne Hitlers, sondern im Sinne der Hitler-Gegner, die ihn als moralisch lernbereiten, auf sein Gewissen hörenden, korrekten Heerführer erlebt haben wollen? Der zwar erst am Ende, aber dann entschieden auf die Seite des Widerstands getreten war und der sich dem ihm offerierten Hochverratsprozess vor dem Volksgerichtshof nur deshalb entzog, weil man ihm für diesen Fall Sippenhaft für Frau und Sohn angedroht hatte?

Der Film spart, was nicht ganz unproblematisch ist, diese letzte Konfrontation mit dem seiner Familie angedrohten Schicksal aus. Aber hat er damit so sehr Unrecht? Sippenhaft, das war nach dem 20. Juli für die Familien der Widerstandskämpfer und ihrer Mitwisser, wie schon für Millionen Namenlose in ganz Europa, ein alltägliches Schicksal. Natürlich steht es den Nachgeborenen nicht zu, als Unbeteiligte eine moralische Haltung in einer solchen Grenzsituation einzufordern. Aber es ist ein legitimer Zugriff auf das Phänomen Rommel, dass man diese Frage zurücktreten lässt hinter die viel drängendere, gewichtigere Frage, ob Rommel anders hätte handeln können, als er gehandelt hat.

Hannah Arendt, die zum konservativen deutschen Widerstand in ihrem „Eichmann“-Buch von 1963 harte, aber kluge Worte fand, hat das Wesen der Moral in einem Satz zusammengefasst, den sie in der Lehre und im Schicksal des Sokrates vorgefunden hatte: dass es besser sei, Böses zu erleiden, als Böses zu tun. Rommel hat, als General des Massenmörders Hitler, der ihm im Westen die Stange halten sollte und auch bis zuletzt hielt, am Bösen zweifellos mitgewirkt, und je näher das Ende rückte, desto klarer muss ihm dies geworden sein. Wie Ernst Udet, der in den Selbstmord getriebene Chef der Luftwaffenrüstung, war auch er „des Teufels General“. Selbst wenn er sich wie auch Udet weniger zuschulden kommen ließ als seine Generalskameraden, die, wie die Möchtegern-Spätpreußen Gerd von Rundstedt und Erich von Manstein, im Osten die Einsatzgruppen der SS morden ließen oder, wie der Musternazi Walter von Reichenau, zu diesem Morden sogar noch anfeuerten, so verschafft ihm das nicht zugleich mildernde Umstände. Im Gegenteil: Von ihm als einem von den „Guten“, diesem chevalier sans peur et sans reproche, der sich an den Verbrechen des Regimes nie beteiligt hat, erwartet man doch gerade volles Engagement, wenigstens ein klares Bekenntnis für den Widerstand und gegen den Teufel, dessen Marschall er zuletzt ohnehin nur mehr sorgenvoll und voller Zweifel spielte. Von wem denn sonst, wenn nicht von ihm?

Von diesem Rommel dachten wir doch alle, er sei letztendlich doch ein Saubermann und Hitler-Gegner gewesen – und die geduldige Lobbyarbeit der konservativen Widerstandsforschung, mit seinen Nachfahren an der Spitze, hat uns darin stets bestärkt. Und nun soll er, als man ihm auf Befehl Hitlers die Giftkapsel überbrachte – sie wirkte in drei Sekunden, der Volksgerichtshof hätte ihn zu einem qualvollen Tod durch den Strang verurteilt – gesagt haben, er sei „unschuldig“ am Attentat? Ein letztes Bekenntnis zum „Führer“, von ihm, dem „Wüstenfuchs“, den Churchill und Montgomery als ritterlichen Gegner respektierten? Der als Sinnbild eines besseren Deutschen in Uniform ins kollektive Gedächtnis eingegangen war?

Man muss einige hermeneutische Volten schlagen, um diese Unterstellung zu begreifen, um sie nicht zu eng, aber auch nicht zu weit auszulegen. Nur wer sich dieser Mühe – es ist eine – unterwirft, geht mit der nötigen Nachdenklichkeit, aber auch dem ebenso nötigen Gefühl der Befreiung aus diesem Film. Der nämlich sorgt mit dem eindringlichen Narrativ von Rommels quecksilbriger Unverbindlichkeit, Unentschlossenheit und Unverantwortlichkeit, seinem typisch deutschen Für-alles- und-nichts-zu-haben-sein für starke Beklemmungen.

Rommel war in seiner Art ein typischer Deutscher des Jahres 1944, ein Bilderbuchrepräsentant der nivellierten Mittelstandsgesellschaft des Nationalsozialismus. Er konnte sich nicht entscheiden. Man darf seinem Schlusswort nicht allzu viel Gewicht beimessen. Letztlich ist es genauso Kolportage wie die Anti-Hitler-Bekenntnisse, die ihm im Zuge der Reinwaschung der Wehrmacht durch die auf die deutsche Wiederbewaffnung lauernden Westalliierten in der Nachkriegszeit in den Mund gelegt wurden. Als Deutungsversuch aber spiegelt es in denkbar knapper Verdichtung das Dilemma der deutschen Gutbürgerlichkeit wider, die sich mit einem Sturz Hitlers zugleich um ihre Privilegien, ihr protestantisches Wohlleben, ihre Beamtenpensionen, Dividenden und Landhäuser betrogen sah; die mit dem Ende des „Führers“ zugleich das Ende ihres spätromantischen Traumes von Ordnung, Macht und Geborgenheit fürchtete und die ihm auch deshalb bis zuletzt, in kümmerlicher innerer Zerknirschung, die Treue hielt.

Wer heute durchs Schwabenland fährt, begegnet einer Welt der scheinbaren Sekurität, einer Welt der Bausparverträge, der abbezahlten Mittelklassewagen und sorgsam gepflegten Vorgärten; einer Welt, in der die Welt noch in Ordnung zu sein scheint, aber eben nur scheint, wie jeder weiß, der diese Provinz von innen kennt. Aus den Vorläufern dieser Welt stammte Erwin Rommel. Die historischen Ereignisse führten ihn ins Epizentrum einer Entwicklung, die mit mephistophelischer Eindringlichkeit Ruhm versprach, alexandrinische Eroberungszüge, Nennungen im Wehrmachtsbericht, das Ritterkreuz mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten. Doch der Preis, um den dieses Versprechen eingelöst wird, ist die Teilnahme am Verbrechen, die Einweihung in düstere Geheimnisse, der Sturz in den Dreck.

Sein Schlussbekenntnis für Hitler und gegen das Attentat hat eine tiefere Schlüsselfunktion. Denn das eigentlich Schlimme an ihm ist nicht, dass es ein Bekenntnis zu Hitler und gegen die Widerständler war, die bis zuletzt um den „Wüstenfuchs“ als Galionsfigur gebuhlt hatten, sondern dass auch dieses letzte Bekenntnis unaufrichtig und falsch war. Das wissen auch die Macher des Filmes, und auf diese Wirkung haben sie dieses letzte Bekenntnis dramaturgisch berechnet. Rommel war weder ein fanatischer Nazi noch ein überzeugter Widerstandskämpfer. Er war moralisch letztlich ein Niemand, ein Nichts. Am Ende weigerte er sich, wie es bei Hannah Arendt heißt, „Person zu sein“, sich wenigstens zu irgendetwas, und sei es zum Bösen, ehrlich zu bekennen. Er, der große, starke Mann, der mit seinen Panzermännern erst die Franzosen und dann die Engländer vor sich her getrieben hatte, entpuppte sich in seiner letzten Seelenhäutung, im Angesicht des Todes, als zu klein für die Titanenaufgabe, die das Schicksal und das Gewissen ihm am Ende einer so steilen Karriere als Abschlussprüfung gestellt hatten. Freilich: damit stand Erwin Rommel nicht allein.

Header: Adolf Hitler und Generalmajor Erwin Rommel, hier Kommandeur der 7. Panzerdivision. Zwischen Mai 1940 und Februar 1941. 

Obiger Text erschien unter dem Titel “Der Held, der keiner war“ mit leichten Textvarianten im Oktober 2012 im Magazin “Cicero”.

Schicksalsstunde in der Reichskanzlei. Die “Hoßbach-Besprechung” 1937

Berlin, Reichskanzlei, am 5. November 1937. Die Spitzen der deutschen Reichsregierung und der Wehrmacht sind zu einer Geheimbesprechung zusammengekommen. Den Vorsitz hat der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler. Neben ihm sind anwesend: der Reichsminister des Auswärtigen, Konstantin Freiherr von Neurath, der Reichskriegsminister und Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Werner von Blomberg, sowie die ihm unterstellten Oberbefehlshaber der drei Wehrmachtteile: Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch (Heer), Generaladmiral Erich Raeder (Kriegsmarine) und Generaloberst Hermann Göring (Luftwaffe), der zugleich Preußischer Ministerpräsident, Reichsluftfahrtminister und Beauftragter für den Vierjahresplan ist. Der einzige Statist in dieser Personnage: Oberst im Generalstab Friedrich Hoßbach, Wehrmachtsadjutant des Führers, der das Kriegsende acht Jahre später als Vollgeneral und Oberbefehlshaber der 4. Armee erleben wird. Überliefert wird die Besprechung durch seine Aufzeichnungen: die Hoßbach-Niederschrift. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46 wird sie eines der wichtigsten Zeugnisse der Anklage sein.
Das Jahr 1937 gilt in der NS-Forschung als „ruhiges Jahr“. Es gehört in den Abschnitt zwischen der Zeit der ersten Gewaltmaßnahmen, mit denen die Diktatur sich zwischen 1933 und 1934 im Innern etablierte, und dem Aktionismus der Jahre 1938 und 1939, als Hitler zielgenau und durch kein Zugeständnis beirrt auf den Kriegsausbruch zusteuerte. Selbst der Terror, den das Regime gegen seine – wahren und vermeintlichen – Gegner ausübte, erreichte in diesem Jahr einen formellen Tiefststand: Mit 7500 Menschen waren so wenige NS‑Opfer wie niemals sonst in den sechs Konzentrationslagern inhaftiert, die die SS damals in Deutschland unterhielt. Die Olympischen Spiele 1936 hatten dem nationalsozialistisch regierten Deutschland internationalen Glamour verliehen (und die Machthaber zu einer gewissen Zurückhaltung gegenüber ihren Opfern gezwungen); mit der Wiedergewinnung des Saarlands 1935 und der Remilitarisierung des Rheinlands 1936 hatte Hitler glänzende außenpolitische Triumphe gefeiert. Deutschland zahlte keine Kriegsentschädigungen mehr, und die Wiederaufrüstung war eine beschlossene und vom Ausland (wenn auch zähneknirschend) anerkannte Tatsache. Seit 1935 galt im Deutschen Reich wieder die allgemeine Wehrpflicht, und ein Flottenabkommen mit Großbritannien aus demselben Jahr manifestierte die behutsame Wiederaufnahme Deutschlands in den Kreis der europäischen Großmächte. Adolf Hitler hätte sich zufrieden zurücklehnen können.
Doch Hitler wäre nicht Hitler gewesen, hätte er nicht erneut die Eskalation gesucht, die Entzweiung mit ganz Europa. Das große Drama, auf das seine Politik zusteuerte, der Weltkrieg, stand noch bevor. Bereits im Februar 1933, wenige Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler, hatte Hitler in einer vertraulichen Besprechung die damalige Reichswehrführung auf die Ziele Aufrüstung und Krieg eingeschworen. Das erste Ziel war erreicht; nun galt es, das konkrete Kriegsszenario zu planen; darum sollte es in der Besprechung vom November 1937 gehen – und zugleich darum, ob er sich hierbei auf seine militärische und diplomatische Elite verlassen konnte.
Gegenstand der Besprechung war offiziell die Rüstungslage des Reiches. Doch Hitler lenkte die Konferenz schnell auf das eigentliche, sein Thema: „Das Ziel der deutschen Politik“, so resümiert Hoßbach in seiner einige Tage später ohne dienstlichen Auftrag angefertigten Niederschrift Hitlers Eröffnungsvortrag, „sei die Sicherung und die Erhaltung der Volksmasse und deren Vermehrung. Somit handele es sich um das Problem des Raumes.“ Das deutsche Volk mit seinen 85 Millionen Angehörigen – die Bevölkerung des bis dahin immer noch selbstständigen Österreich wird hier geflissentlich mitgezählt – stelle „in Europa einen in sich so fest geschlossenen Rassekern [dar], wie er in keinem anderen Land wieder anzutreffen sei und wie er andererseits das Anrecht auf größeren Lebensraum mehr als bei anderen Völkern in sich schlösse. Wenn kein dem deutschen Rassekern entsprechendes politisches Ergebnis auf dem Gebiet des Raumes vorläge, so sei das eine Folge mehrhundertjähriger historischer Entwicklung und bei Fortdauer dieses politischen Zustandes die größte Gefahr für die Erhaltung des deutschen Volkstums auf seiner jetzigen Höhe.“
Die Deutschen als „Volk ohne Raum“ – Hitler greift hier zeitgenössische Topoi auf, die bei Konservativen aller Couleur durchaus gängig waren: das Denken in einer deutschnationalen „longe durée“, die beim glorreichen Hochmittelalter mit seinem (angeblichen) deutsch-staufischen Großreich beginnt, im Dreißigjährigen Krieg, in dem Deutschland als Spielball auswärtiger Mächte auftritt, ihren Tiefpunkt erreicht und mit Bismarcks Reichsgründung 1871 ihren Wiederaufschwung nimmt, dessen Vollendung nach dem verlorenen Weltkrieg freilich noch aussteht. Das Zerreißen des „Diktats von Versailles“, das Hitler in unzähligen Reden beschwor, war nur ein Nahziel gewesen; tatsächlich, so der Tenor seines Vortrags, gehe es um 1648, um die Revision des Westfälischen Friedens, und zwar unter rassischen Gesichtspunkten: Die deutschen Minderheiten in ganz Europa sollten peu à peu „heim ins Reich“ überführt werden – allen voran ganz Österreich sowie das Sudetenland, der nordwestliche Zipfel der Tschechoslowakei, 1918 aus der Konkursmasse dreier habsburgischer Kronländer entstanden und der Stachel im Fleische aller Deutschnationalen.
Darum geht es Hitler in seinem wie immer weitschweifigen, aber erstaunlich sachlichen (von Judentum ist gar nicht, vom Bolschewismus nur einmal, ganz am Rande die Rede) Referat; die Wirtschaftslage dient ihm nur als pragmatischer Aufhänger: Dass nach dem Aufschwung der zurückliegenden Jahre Deutschlands Rüstungsvorsprung gegenüber seinen Feinden nur noch schrumpfen könne, ist Hitlers Argument für ein rasches militärisches Vorgehen. Deutschland müsse spätestens 1943 handeln, doch dann sei es womöglich schon zu spät. Auch die, zur Bedarfsdeckung angeblich benötigten, zusätzlichen „Rohstoffgebiete seien zweckmäßiger im unmittelbaren Anschluss an das Reich in Europa“ zu suchen als in Übersee. Unter günstigen Bedingungen – einer Verschärfung des Gegensatzes zwischen Mussolinis Italien, Deutschlands Verbündetem, und Frankreich –, so Hitler, sei auch an ein Losschlagen gegen Österreich und Tschechien bereits 1938 zu denken. Wie sich zeigen wird, wird es genau darauf hinauslaufen. Das eigentliche Hauptthema der Konferenz, die Wirtschaftslage, wird nach hinten verschoben: „Der zweite Teil der Besprechungen“, heißt es nüchtern, „befasste sich mit materiellen Rüstungsfragen.“ Mit diesem Satz enden Hoßbachs Notizen.
Dem Oberst im Generalstab war die Bedeutungslosigkeit der ökonomischen Details vor dem Panorama von Hitlers Eroberungs- und Raumfantasien offensichtlich klar. Weniger klar dürften ihm die personellen Konsequenzen gewesen sein, welche die Besprechung haben sollte.
Hitler selbst charakterisierte sein Verhältnis zur militärischen Führungsebene Jahre später bei einem Frontbesuch im Osten so: „Als ich noch nicht Reichskanzler war, habe ich gemeint, der Generalstab gleiche einem Fleischerhund, den man fest am Halsband haben müsse, weil er sonst jeden anderen Menschen anzufallen drohe. Nachdem ich Reichskanzler geworden war, habe ich feststellen müssen, dass der deutsche Generalstab nichts weniger als ein Fleischerhund ist. Dieser Generalstab hat mich immer gehindert, das zu tun, was ich für nötig halte. Ich bin es, der diesen Fleischerhund immer erst antreiben muss.“
Tatsächlich, so hält Hoßbach es in seiner Niederschrift fest, fanden sich die größten Bedenkenträger in Hitlers unmittelbarem Umfeld; besonders die beiden Spitzenmänner der Wehrmacht, Blomberg und Fritsch, äußern mehrmals in der Besprechung Zweifel an der Realisierbarkeit von Hitlers Plänen und mahnen zur Vorsicht. Sie werden mit stereotypen Beschwichtigungen abgebügelt: „Zu den seitens des Feldmarschalls von Blomberg und des Generalobersten von Fritsch hinsichtlich des Verhaltens Englands und Frankreichs angestellten Überlegungen äußerte der Führer in Wiederholung seiner bisherigen Ausführungen, dass er von der Nichtbeteiligung Englands überzeugt sei und daher an eine kriegerische Aktion Frankreichs gegen Deutschland nicht glaube.“
Nach der Novemberbesprechung ist Hitler klar: Mit diesen beiden Militärs alter Schule kann er seine Feldzüge nicht führen. So kommt es am 4. Februar zum großen Frühjahrsrevirement, das auch als Blomberg-Fritsch-Krise bekannt wird: Der Reichskriegsminister und sein Heereschef werden durch eine Intrige gestürzt.
Blomberg, frisch verliebt in die 24-jährige Luise Margarethe Gruhn, Sekretärin im „Reichsnährstand“, hatte sich vertrauensvoll und vertrauensselig an Göring gewandt und um Akzeptanz für seine Angebetete geworben, die nicht nur keine standesgemäße Braut für einen adeligen Generalfeldmarschall war, sondern auch eine „Frau mit Vergangenheit“ (unter anderem als Pornodarstellerin in einschlägigen Publikationen). Göring, ganz der joviale Generalskamerad, hatte den leicht beeinflussbaren Blomberg seiner Unterstützung versichert – mit dem Standesdünkel sei im Nationalsozialismus ja nun gerade Schluss! – und gleich noch hilfsbereit einen Luftwaffenoffizier, der ebenfalls für Fräulein Gruhn schwärmte, auf eine lange Dienstreise nach Südamerika wegbefördert. Doch kaum war die Trauung vollzogen, lief der Luftwaffenchef, auf einmal gar nicht mehr loyal, zu Hitler, unterm Arm die Kriminalakte der nunmehrigen Frau Feldmarschall (inklusive anschaulichen Bildmaterials aus dem Archiv der Sittenpolizei). Der Führer gerät außer sich, im engsten Kreis erklärt er laut und nachdrücklich: Wenn ein deutscher Feldmarschall eine Hure heirate, sei in der Welt alles möglich, und zeigt sich noch hysterisch indigniert darüber, dass er „dieser Person“ die Hand geküsst habe. Das Ergebnis: Blomberg muss gehen.

Anschließend trifft es Fritsch. Der Reichsführer-SS Heinrich Himmler, dem die konservative Heeresgeneralität stets ein Dorn im Auge ist, streut das Gerücht, Fritsch, der nur mit seinem Beruf verheiratet ist, sei homosexuell – was nicht nur mit dem Ehrenkodex des Offizierstands unvereinbar ist, sondern auch mit dem Strafgesetz. Fingierte Beweise und unwahre, teils durch die Gestapo erpresste Zeugenaussagen bringen Fritsch, der wacker seine Unschuld verteidigt, in die Bredouille – schließlich nimmt auch er, gezwungenermaßen, seinen Abschied. (Monate später wird der Vorwurf offiziell entkräftet und Fritsch von Hitler „rehabilitiert“ – doch abgeschoben bleibt abgeschoben.)
Damit ist der Weg frei für die von Hitler ersehnte Umgliederung der Wehrmachtspitze. Das Reichskriegsministerium wird gestrichen, oberster Befehlshaber der Wehrmacht (und damit Inhaber nicht nur der formellen Befehls-, sondern auch der ungleich wichtigeren Kommandogewalt) wird der „Führer“ selbst; ihm unterstellt ist das neu geschaffene „Oberkommando der Wehrmacht“ unter seinem Chef, dem General der Artillerie Wilhelm Keitel: niedersächsisches Großbürgertum, eine „fantasielose Null“ (Will Berthold), aber genau der Typ Bürovorsteher, den Hitler für dieses dienstbare Amt braucht; sein Spitzname wird bald „Lakaitel“ sein.
Neuer Oberbefehlshaber des Heeres anstelle des geschassten Fritsch wird Generaloberst Walther von Brauchitsch. Auch er preußischer Schwertadel, auch er wie Blomberg zahnlos und gefügig, unter anderem durch die 80 000 Reichsmark, die ihm Hitler zur Abfindung seiner Frau – noch ein frisch Geschiedener im zweiten Frühling – hat zukommen lassen. Marine und Luftwaffe behalten ihre Oberbefehlshaber; der geschmeidige, notorisch faule und prunkliebende Göring, dem Hitler insgeheim nicht einmal eine vernünftige Truppenvisite zutraut, wird für sein hilfreiches Zuträgertum mit dem Feldmarschallsrang belohnt. Außenminister Konstantin von Neurath, ein alter Deutschnationaler und Relikt des „Kabinetts der Barone“ von 1932, der auf der Hoßbach-Konferenz ebenfalls Bedenken geäußert hatte, wird durch Joachim von Ribbentrop ersetzt, „Hitlers Papagei“, der schon als Botschafter in London durch den völligen Mangel an diplomatischer Qualifikation glänzte, es dafür aber liebt, in seiner Uniform als SS-Obergruppenführer ehrenhalber im Auswärtigen Amt herumzustolzieren.
Mit dieser Mannschaft kann Hitler den Griff nach den Nachbarn seines Reiches wagen. Noch im März 1938 annektiert er im Handstreich Österreich; im Oktober folgt, nach entwürdigendem Gezerre, das Sudetenland. Die „Hassgegner England und Frankreich“, denen „ein starker deutscher Koloss inmitten Europas ein Dorn im Auge“ hätte sein müssen, geben klein bei und erfüllen unwissend, was Hitler auf der Novemberkonferenz – durchaus ohne seine skeptischen Generäle zu überzeugen – orakelt hatte: „An sich glaube der Führer, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit England, voraussichtlich aber auch Frankreich die Tschechen bereits im Stillen abgeschrieben und sich damit abgefunden hätten, dass diese Frage eines Tages durch Deutschland bereinigt würde. Die Schwierigkeiten des Empire und die Aussicht, in einen lang währenden europäischen Krieg erneut verwickelt zu werden, seien bestimmend für eine Nichtbeteiligung Englands an einem Kriege gegen Deutschland. Die englische Haltung werde gewiss nicht ohne Einfluss auf die Frankreichs sein.“

Hitler behielt recht: Auf der Münchner Konferenz im Oktober 1938 wurde ihm das deutsch besiedelte Sudetenland zugesprochen; die Annexion der „Rest-Tschechei“ im folgenden März war zwar offen vertrags- und versprechungswidrig („Deutschland ist gesättigt“) und wurde von den Westmächten entsprechend missbilligt; aber auch diesmal griff niemand ein, und die Standfotos vom deutschen Einmarsch in Prag überliefern die zornigen Gesichter tschechischer Passanten, in deren Hass auf die Invasoren sich Wut über die Nichtintervention der westlichen Schutzmächte mischen mochte. Ein letztes Mal hatte Hitler auf volles Risiko gespielt und gewonnen.
Doch auch diesmal war er nicht saturiert. Er wollte weitermarschieren, wenn auch alles in Scherben fiel, wie schon seine Pimpfe und Jungmädel auf den Heimabenden sangen. In der Novemberbesprechung mimte er, wie später noch oft, noch in den Tagen des Zusammenbruchs, den souveränen Spieler am Pokertisch der Macht; der Nihilist setzte die Maske des Machiavellisten auf, der zwar nicht die Moral, wohl aber – wenigstens – die Vernunft als Ratgeberin achtet; in Wahrheit achtete er weder die eine noch die andere. Er war der „Revolutionär des Nihilismus“, als den Hermann Rauschning, einst nationalsozialistischer Senatspräsident in Danzig, der sich früh vom Regime losgesagt hatte, in einem damals (im Exil) erschienenen Buch beschrieb.
Und so war der Diktator auch nach der Annexion Tschechiens, dem er in der Rechtsform des „Reichsprotektorats Böhmen und Mähren“ ein brutales Besatzungsregime oktroyierte, nicht mit seinem Raub zufrieden. Schon liefen die Planspiele für den Überfall auf Polen. Doch diesmal sollten die Garantiemächte England und Frankreich (das faschistische Italien war mittlerweile offizieller Verbündeter des Deutschen Reiches) Wort halten: Am 3. September 1939, zwei Tage nach dem Überfall, gingen, nach fristlos verstrichenem Ultimatum, die Kriegserklärungen beider Mächte in der Reichskanzlei ein. Bis zuletzt hatte Hitler gehofft, England würde neutral bleiben; doch diese Illusion erfüllte sich nicht.
Ihm, dem Nihilisten und „Vollstrecker des Bösen“ – so nannte ihn Graf Berthold Stauffenberg, der nach dem Attentatsversuch auf Hitler vom 20. Juli 1944 seinem Bruder auf dem Schafott folgte –, dürfte diese Enttäuschung letztlich gleichgültig gewesen sein; er hatte nun, was er wollte und was er auf der Hoßbach-Konferenz, wenngleich unter taktischen Klauseln verborgen, als sein eigentliches Ziel skizziert hatte: den europäischen Krieg, den er mit dem gleichen fatalen Zielbewusstsein zur europäischen Katastrophe machen sollte, vor deren Grausamkeit selbst die Düsternis von 1648, der Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, verblassen würde.
© Konstantin Sakkas, 2012

Der Text erschien in der Ausgabe November 2012 des Magazins “CICERO”.  

Header: Hitler und Adjutant Friedrich Hoßbach, vor 1939. Quelle: https://www2.bc.edu/~heineman/roadi.html

Die totale Negation. Hitler und der deutsche Nihilismus

Hitler, der aus engsten Verhältnissen zum Lenker des Kontinents aufgestiegen war, ging es um nichts Geringeres, als die Welt nach seinem Willen einzurichten, ohne Kompromisse und Rücksichten. Dieser Plan war in der Tat einzigartig. Weder Caesar noch Napoleon hätten sich angemaßt, diese Welt, in der wir leben, zu verneinen und an ihre Stelle etwas Neues setzen zu wollen. Auch die großen ideologischen Bewegungen wie etwa der Sowjetkommunismus, haben irgendwann in ihrer Entwicklung ihre extremistischen, manichäischen Ursprünge hinter sich gelassen und sich darauf beschränkt, in der Realität, wie der Mensch sie vorfindet, die punktuellen Änderungen in Staat und Gesellschaft vorzunehmen, die ihrem jeweiligen Dogma entsprachen. Niemals geschah das ohne Gewalt, selten mit dauerhaftem Erfolg; immer aber ging man, bei allen sonstigen Differenzen, von einer gemeinsamen Prämisse aus: Das menschliche Dasein zu erhalten und nach den Vorgaben der eigenen ideologischen Grundsätze zu verbessern. Die großen Ideologien haben viel Gewalt und Elend hervorgebracht; dennoch waren sie im Grundsatz lebensbejahend, bekannten sich also zum Sein, das ihnen zwar nicht vollkommen, aber doch irgendwie hinnehmbar erschien.

Hitler aber ging gegen das Sein selbst vor und dieser Plan musste notwendig im Verbrechen enden. Denn niemand, der selber nur als Teil der Welt geboren wird, ist imstande, sie nach seinen individuellen Wünschen vollständig umzuformen. Wer es dennoch versucht, erfährt schnell die Enttäuschung, dass auch er den Zwängen der Existenz unterworfen ist. Hitler, von einer unsäglichen Hybris besessen, war auf diese Weise von der Welt enttäuscht und richtete demnach seine ganze Energie darauf, an ihr furchtbar Rache zu nehmen. Als dieser Rachefeldzug gegen die Welt ist der Vernichtungskrieg anzusehen, vor allem aber der Holocaust. Indem er beide zur Ausführung brachte, brach Hitler mit jeder Tradition, mit jeder Vergangenheit, auch mit jeder ideologischen Utopie, die sich ja oftmals dadurch auszeichnet, dass sie sich an dem Ideal einer vergangenen besseren Epoche orientiert.

Hannah Arendt hat vom Holocaust als dem Menschheitsverbrechen gesprochen. Gegen das Ganze, gegen die ganze Menschheit ging Hitlers wahnhaftes Verlangen, entweder alles nach ihm auszurichten oder aber alles in den Abgrund zu stürzen. Diese beiden Momente bedingen einander wechselseitig; am Ende aber siegt immer die Verneinung, so auch bei Hitler. Den Weltlauf kann kein Individuum zurechtbiegen; wer es dennoch unternimmt, wird zum Verbrecher, und Hitler hat als Verbrecher von monumentaler Wirkungsmacht in der Geschichte seine Spur hinterlassen. Durch ihn kam es zu einer in der europäischen Geschichte beispiellosen Zivilisationskatastrophe; durch ihn erlebte die Schöpfung selbst, wie es der Schriftsteller Rolf Hochhuth formulierte, ihren Schiffbruch.

Im Bewusstsein dieser singulären Stellung Hitlers in der Weltgeschichte verwundert es, dass zwar der Nationalsozialismus durchaus in den geistesgeschichtlichen Kontext eingeordnet worden ist, die Person Hitler hingegen bei dieser Einordnung bislang nicht immer voll berücksichtigt wurde. Dabei würde erst diese Einordnung die ganzheitliche Wertung einer Biographie ermöglichen. Bezieht doch zum Beispiel Napoleon seine überragende historische Größe daher, dass er nicht nur politischer Gestalter seiner Zeit war, sondern ihre Symbolfigur. Deshalb konnte er mit Dostojewski und Nietzsche als maßgebende Persönlichkeit des neunzehnten Jahrhunderts gelten – eine Einschätzung, die beispielsweise auf Metternich und Bismarck keine Anwendung fand, die als Staatsmänner, aber eben nur als Staatsmänner, gewiss richtunggebend für ihre Zeit gewirkt haben.

Auch Hitler ist so eine maßgebende Persönlichkeit, Symbolfigur seiner Zeit, die eine Zeit des Umbruches war. Wie kein Zweiter vereinigte er die Erwartungen seines Zeitalters in sich; wie keinen Zweiten aber beherrschte ihn jenes Gefühl, das immer die Mentalität der Menschen an epochalen Umbrüchen bestimmt hat: Die Angst. Angst vor dem Sein und vor der Welt ist die wesentliche charakterliche Auszeichnung Hitlers wie die seiner Epoche, die keinen unvermittelten Bezug zur Vergangenheit mehr kannte. Die so genannte „gute alte Zeit“ politischer und wirtschaftlicher Stabilität war ihr durch das Trauma des Ersten Weltkrieges ebenso fremd geworden wie der Fortschrittspositivismus in Geschichtswissenschaft und Philosophie des späten neunzehnten Jahrhunderts. Die Menschheit, die in den Schützengräben Flanderns ihre „letzten Tage“ erlebt hatte, war heimatlos; nicht nur Gott, auch die Vernunft hatte ihre Rolle als unanfechtbare Instanz verloren.

Keine Nation in Europa empfand damals größere Angst als die Deutschen. Die besondere Intensität ihres Leidens an der Gegenwart leitete sich von dem eigentümlichen Defizit ab, auf keine glänzende Tradition zurückblicken zu können. Der „verspäteten Nation“, wie Helmuth Plessner sie nannte, fehlte das historische Erfolgserlebnis; und als innerlich nicht nur zerstrittener, sondern auch niemals in der neuzeitlichen Vergangenheit irgendwie geeinter Gesellschaft fehlte ihr auch die Erinnerung, wenigstens früher einmal ein glückliches Ganzes gewesen zu sein. Die Suche nach der verlorenen Zeit, der Roman der Aussöhnung des Menschen mit der Gegenwart im Gedenken an eine frühere Identität, wurde in Frankreich geschrieben, dessen im Ursprung nicht weniger extremistischer Faschismus schließlich ins Leere lief.

Deutschland stand also nicht nur vor der Zukunft, sondern auch vor der Vergangenheit ohne Hoffnung da. So kam es, dass sich der revolutionäre Bruch der Weltkriegsepoche gerade hier in katastrophalen Bahnen vollzog. Denn ganz Europa ging damals, wie zuvor in der Spätantike und im ausgehenden Mittelalter, einer ungewissen Zukunft entgegen. Die Weltkriegsepoche bereitete der bislang letzten Form von Glauben, dem postrevolutionären Vertrauen in die menschliche Vernunft, ein Ende. In Deutschland aber waren die Fundamente der alten Ordnung so schwach herausgebildet, dass nur hier die Angst, die alle europäischen Nationen erfasste, hysterische, ja manichäische Züge annahm; sowohl Frankreich als auch die späterhin faschistischen Staaten wie Spanien und Italien hatten sich eine zumindest rudimentäre Orientierung an ihrer vergangenen nationalen Größe und Ordnung bewahrt; in Deutschland allein aber, das mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg allen Glauben an sich selbst verloren hatte, gedieh der Nährboden für einen so voraussetzungslosen, keine moralischen Grundsätze achtenden Machtwillen, wie er im Nationalsozialismus zur Entfaltung kommen sollte. Daher geriet hier der Epochenbruch zur Zivilisationskatastrophe mit Hitler als Hauptfigur, dem entwurzelten, voraussetzungslosen Kleinbürger.

Der Philosoph Emile Cioran hat einmal von „zusammengebrochenen Horizonten“ gesprochen. Die Formulierung trifft exakt die Stimmung, die Hitler und seine deutschen Zeitgenossen in ihrem Verhältnis zum Vergangenen prägte und aus der er seine politische Motivation her bezog. Die Vergangenheit mit ihrer Religion und ihrer Ratio war abgetan, wertlos; man wollte etwas ganz Neues, suchte den Aufbruch in die eigentliche, die richtige Existenz. Diese Suche nach dem absoluten, dem eigentlichen Sein wurde damals, nach dem Zusammenbruch von 1918, politisch aktuell; im europäischen Geistesleben hatte sie indes schon einhundert Jahre zuvor begonnen.

Hitler war nicht nur im chronologischen Sinne ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts. Die entscheidenden Motive in seiner persönlichen und politischen Laufbahn, die auszeichnenden Momente seines Charakters entstammen allesamt der Gedankenwelt des postrevolutionären Zeitalters. Dies war in erster Linie das Zeitalter der Verneinung, geprägt von einem unbändigen Widerwillen gegen ein Dasein voller Widersprüche, gegen eine entfremdete Welt; vor allem aber geprägt von einem grenzenlosen Hass auf die im Ursprung fehlerhafte Natur des Menschen selbst. Das sind die Grundmotive der absoluten Verneinung, die im Nihilismus Nietzsches ihre philosophische, in der Vernichtungspolitik Hitlers ihre politische Vollendung finden sollte. Diese Motive kündigten sich schon früh im romantischen Zeitalter, in unmittelbarer Nachbarschaft zur klassischen Weltanschauung, an.

Goethe und Hegel, die beiden großen Denker der klassischen Epoche, hatten danach gestrebt, in der Welt, so schlecht sie auch sein mag, eine Heimat zu finden. Nicht dass sie das Übel in der Welt geleugnet hätten; es war ja gerade der Sinnstifter der Aufklärungsphilosophie, Immanuel Kant, der die polare, die antinomische Grundstruktur der Welt offen gelegt hatte. Die Entscheidungsfreiheit des Menschen, so Kant, eröffne ihm die Wahl zwischen den feindlichen Gegensätzen, von denen der eine niemals ohne den anderen bestehen kann. Zugleich aber begründete er gerade auf der Erkenntnis des grundsätzlichen Widerspruches in unserer Existenz den Vorrang des moralischen Gesetzes, dem der Mensch als verantwortliches, weil intellektuell begabtes Lebewesen verpflichtet sei: Kant hatte mit seiner umfassenden Kritik der klassischen Metaphysik einerseits den Boden für den Irrationalismus des neunzehnten Jahrhunderts bereitet; indem er aber die Pflicht zum sittlichen Handeln in Form seines kategorischen Imperativs zur obersten Maxime erhob, rettete er gleichsam die Philosophie vor dem Abgleiten in einen heillosen Skeptizismus und Nihilismus. Wie wenige andere war sich der Königsberger Philosoph darüber klar, in welche Abgründe der Hader mit der Negativität den Menschen führen kann. Goethes Werther, der sich am Widerspruch der Welt gleichsam den Schädel einrennt, ist für diese abgründige Gefahr ebenso Zeugnis wie das Werk des Marquis de Sade, dessen Helden allesamt enttäuschte Idealisten sind, die nur noch die Negativität sehen und ihr Heil in einem verbrecherischen Nihilismus suchen.

Verbrechen und Selbstmord sind aber keine Auswege. Das achtzehnte Jahrhundert hatte, nicht zuletzt unter dem Eindruck des Erbebens von Lissabon, Grund genug gefunden, an dieser Welt zu verzweifeln; doch es erkannte zugleich die ungleich größere Gefahr, die vom Nihilismus ausging, der den verzweifelten Denkern wie nachmals Friedrich Nietzsche zum Grundsatz wurde. Es galt, sich mit der Negativität abzufinden, wollte man das Sein nicht völlig aufgeben und zum Verbrecher an sich selbst und den anderen werden.

Goethe und Hegel gingen den von Kant eingeschlagenen Weg zu Ende. Ihr Ziel war die Überwindung des Negativen in seiner Anerkennung. Sie sahen das Schlechte in der Welt, aber indem sie es als Teil eines großen und notwendig guten Ganzen begriffen, kamen sie darüber hinweg. Das klassische Denken hatte sich mit der Negativität abgefunden. Das Denken der Romantik aber sollte sich in eine ganz andere, fatale Richtung entwickeln.

Es war Arthur Schopenhauer, der große Antipode der Hegelschen Weltbejahung, der in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ eigentlich nur einen wesentlichen Gedanken zur Ausformung brachte: dass diese Welt, in der wir leben, besser nicht sei. Dementsprechend dachte man im antiklassischen neunzehnten Jahrhundert das Sein wesentlich vom Nichts her, das Leben vom Tod; das Leben war, mit dem Wort Chateaubriands, nur mehr das „Jenseits des Grabes“. Zu dieser Geringschätzung des Lebens kam der Wille zur definitiven existenziellen Entscheidung, der sich als fatalistisches Leitmotiv zuerst bei Kierkegaard, dann bei Nietzsche ausdrücken sollte.

Es sollte nicht als pseudowissenschaftliche Assoziation genommen werden, dass einerseits das Hauptwerk des dänischen Existenzphilosophen den Namen Entweder-Oder trägt und dass andererseits Adolf Hitler genau dieses Entweder-Oder zu seinem Grundsatz machte. Joachim Fest hat von einem „Vernarrtsein“ des Diktators in ausweglose Lagen gesprochen. In eben eine solche ausweglose Lage hatte sich aber Kierkegaard hinein manövriert, als er in infantiler Sturheit auf den unendlichen Unterschied zwischen Mensch und Gott hinwies und daraus die Forderung nach der endgültigen Emanzipation des Menschen von der Vorstellung Gottes, das hieß: von sich selbst ableitete. Der neue Mensch, so war Kierkegaards und Nietzsches Gedanke, würde selbst die Stelle Gottes einnehmen, würde endlich die volle Existenzmacht haben, nicht mehr „ins Ungewisse hinab“ fallen, wie es Friedrich Hölderlin beklagte, der selber an seinem unerfüllbaren Anspruch an das Sein wahnsinnig wurde – wie übrigens auch Kierkegaard und Nietzsche.

Das persönliche Schicksal dieser drei Denker illustriert die dem romantischen Denken eigentümliche Fatalität und Ausweglosigkeit: Da sie als Menschen (selbstverständlich) nicht Gott sein konnten, wurden sie verrückt. Hitler aber, der natürlich nicht die ganze Welt haben, der natürlich nicht den neuen Menschen erschaffen konnte, wurde zum größten Menschheitsverbrecher der Weltgeschichte.

Das romantische Denken, insoweit es auf der Ablehnung der Welt überhaupt beharrte, blieb in seiner fatalen Vernarrtheit in Tod und Verneinung bei der Negativität stehen und sollte schließlich an ihr scheitern. Der Vollstrecker dieses Scheiterns im Politischen heißt Adolf Hitler.

Wie aber, wird man nun fragen, äußert sich Hitlers Verneinungswahn konkret? Gewiss, wird man einwenden, Hitler hat den Holocaust veranlasst, und auf sein Geheiß praktizierten die deutschen Behörden in den eroberten Ostgebieten einen barbarischen Besatzungsterror. Gewiss trägt er die Verantwortung für die erbarmungslose Vernichtung von Millionen unschuldiger Menschen, was nicht nur ein zutiefst amoralisches, sondern auch völlig sinnloses Unternehmen war. Das alles sind Indizien für eine nihilistische Motivation. Was aber liegt jenseits dieser allzu deutlichen Äußerungen seiner Wahnideen? Nicht etwa doch das Ideal eines zwar rassistischen und zivilisationsfernen, aber dennoch irgendwie geordneten, systematisch durchorganisierten Nazireiches, gebaut auf den Fundamenten rassischer Auslese, Helotisierung der Schwachen und zügelloser Gewaltherrschaft der neuen „Herrenrasse“? Lässt sich nicht doch ein Hitlerstaat nach einem für Deutschland siegreichen Zweiten Weltkrieg vorstellen, etwa mit den schaurig-realistischen Zügen, die ihm der Romanautor Robert Harris in seinem Buch „Fatherland“ verliehen hat? Musste der Weg Hitlers, wie es hier behauptet wird, unweigerlich in Tod und Untergang führen?

Untergang – unter diesem Titel versammelte der Historiker und Publizist Joachim Fest seine Betrachtungen zum Zusammenbruch des Dritten Reiches, deren Auswertung zur Klärung dieser Fragen beitragen kann. Fest zeigt, wie wenig Hitler nicht nur für seine erklärten Todfeinde, allen voran die Juden, sondern auch für sein eigenes Volk empfand. Der berühmte Nerobefehl, in dem der Diktator im März 1945 die buchstäbliche Verwüstung des eigenen Landes anordnete, ist zugleich Ausdruck der Preisgabe des eigenen Volkes. Hitlers Verantwortungslosigkeit, die schon sein erster Biograph Konrad Heiden als fundamentalen Charakterzug erkannt hatte, war von universeller Natur. Das zeigt sich nicht erst gegen Ende des Krieges. Schon die Umstände, unter denen Hitler ihn heraufbeschworen und entfesselt hatte: die leichtsinnige diplomatische Isolation, die bewusste Förderung eines Krieges gegen eine Welt von Feinden, die stillschweigende Inkaufnahme einer Niederlage, die der Überfall auf Russland, den nie bezwungenen Nachbarn im Osten, bedeuten musste – all dies zeugt von der heimlichen Orientierung an einem irrationalen Radikalismus, der auf nichts Rücksicht nahm.

Hitler hatte gewiss oft die Rolle des vernünftig kalkulierenden Machtpolitikers gespielt und so manchen Beobachter damit über seine wahren Absichten getäuscht. Tatsächlich aber ging es ihm um ein weltumfassendes Projekt: Alles oder nichts.

Die Indizien hierfür sind in ihrer Vielzahl geradezu erdrückend. Ein gleichsam klassischer Topos ist der für militärische Einkreisungssituationen typische Befehl, bis zum letzten Mann weiterzukämpfen und gerade in absolut aussichtslosen Situationen keinen Fußbreit Boden aufzugeben, es sei denn um den Preis völliger Vernichtung. Die fatale Konsequenz, die diese Haltung im Falle der Sechsten Armee in Stalingrad hervorrief, ist hinlänglich bekannt. Ein Gegenbeispiel mag illustrieren, wie ernst es Hitler um das radikale Entweder-Oder war: Als sich Paul Hausser, damals Befehlshaber eines SS-Panzerkorps, entgegen dem ausdrücklichen Führerbefehl im Frühjahr 1943 aus dem ukrainischen Charkow zurückzog, um seinen Männern einen sinnlosen Opfergang zu ersparen, erlitt Hitler einen heftigen Wutanfall. Dabei war dieser Rückzug ein überaus geschicktes Manöver! Die Russen besetzten kampflos die Stadt, worauf Hausser seinerseits aus einer sicheren Position zum Angriff überging und die Schlacht gewann. Der SS-General hatte seinem Führer eine Stadt erobert und dabei den Vormarsch der Roten Armee für Monate zum Erliegen gebracht. Die Berichte über Hitlers Stimmung im Anschluss an diesen Vorgang lassen indes vermuten, es wäre ihm lieber gewesen, das Panzerkorps hätte in der Stadt ausgeharrt und wäre in einem fatalistischen Hauen und Stechen auf Leben und Tod zugrunde gegangen, ähnlich wie die Soldaten des Feldmarschalls Paulus an der Wolga zwei Monate zuvor.

In solchen Episoden zeigt sich der irrationale, um Lebenserhaltung unbekümmerte Charakter der Hitlerschen Politik. Der Historiker Sebastian Haffner hat mit Recht darauf hingewiesen, dass Hitler nur Waffenstillstände kannte, keine Friedensverträge. Das Erreichbare widerte ihn an, das Unmögliche aber reizte seine weltflüchtige Phantasie: Als es im Sommer 1941 so aussah, als würde die gerade überfallene Sowjetunion dem Ansturm dreier deutscher Heersgruppen erliegen, befahl Hitler seinem Stabschef Jodl, Aufmarschpläne für Persien und Indien auszuarbeiten. Ein Einhalten gab es für ihn nicht. Auch die sechs Friedensjahre sind nur als Vorbereitungsstadium des Krieges zu verstehen. Und wenn Hitler vor Kriegsausbruch gestorben wäre, hätte Deutschland faktisch ohne Verwaltung und wirtschaftlich ruiniert dagestanden.

Das augenfälligste, historisch bedeutsamste Indiz für Hitlers nihilistischen Grundimpuls ist jedoch der Holocaust. Lange ist nach dem berühmten ungeschriebenen Befehl zur Judenvernichtung geforscht worden. Verschiedentlich wurde versucht, Hitlers unmittelbare Verantwortung für den Genozid in Abrede zu stellen. Indes kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Judenmord, Hitlers Lieblingsgedanke, auch auf seinen ausdrücklichen Befehl zurückgehen muss. Bezeichnenderweise setzt er zu einem Zeitpunkt ein, als der Krieg im Stillen bereits entschieden ist: Um den Jahreswechsel 1941/42 beginnt die SS mit dem planmäßigen Morden in den Gaskammern; und genau um diese Zeit scheitert die deutsche Offensive vor Moskau, während die Rote Armee ihre Front stabilisiert und die Vision eines schnellen deutschen Sieges zunichte macht. Dass bereits damit Hitlers Pläne zur Eroberung neuen Lebensraumes obsolet geworden sind, erkannten hellsichtige Beobachter schon damals. Zudem waren im Dezember 1941 die USA unter Roosevelt in den Krieg eingetreten, übrigens nach einer deutschen Kriegserklärung. Hitler hatte sich und Deutschland in die ausweglose Lage schlechthin hinein manövriert. Und gerade jetzt, wo er nichts mehr zu verlieren hatte, konnte er auch seinem manischen Hass auf das Judentum, in dem er gleichsam die Personifikation des von ihm so erbittert bekämpften Weltwiderspruches sah, freien Lauf lassen und seinen fürchterlichen Vernichtungsplan ins Werk setzen. „Juda“ sei die „Weltpest“ ließ Hitler mehr als einmal verlauten, und viele seiner Äußerungen deuten darauf hin, dass er sich in der weltgeschichtlichen Pflicht sah, einen imaginären Heilsplan durch den Kampf gegen die Juden zur Vollendung zu bringen.

Auf Deutschland bezogen bedeutete dies aber eine weitere Verschlechterung und Radikalisierung der Lage. Nun saß es, mit einem viel gebrauchten Wort der Goebbelspropaganda, wirklich mit Hitler in einem Boot, nun gab es kein Zurück mehr. Alle momentanen Triumphe, die Hitlers Heerführer in der Folgezeit noch erstreiten sollten – so Rommel 1942 in Nordafrika –, würden an der Tatsache nichts ändern, dass Deutschland von nun an dem Untergang geweiht war.

Es kann vor diesem Hintergrund kein Zweifel bestehen, dass Hitlers eigentliche Ideologie auf einem radikalen, voraussetzungslosen Nihilismus basierte, der das Leben, das Sein prinzipiell verneinte. Deshalb lässt sich ein Hitlerdeutschland als Ordnung stiftende Hegemonialmacht nicht vorstellen. Es entsprach der ursprünglichen, manichäischen Utopie des Nazismus, dass er alles, wirklich alles in Scherben schlagen wollte. Nach diesem Endziel, mit seinem eigenen Wort: nach dieser Endlösung strebte Hitler von Anfang an.

Adolf Hitler ist der große Verneiner in der Geschichte. Hierin liegt seine schreckliche Einzigartigkeit. Grausame Herrscher, so hat es Sebastian Haffner gesagt, hat es viele gegeben; gewaltlose Herrscher, wie wir ergänzen müssen, so gut wie gar nicht. Dennoch liegt der fundamentale Unterschied zwischen Hitler und den Fürsten, Feldherren und Staatsmännern Europas in seiner Unfähigkeit, der politischen Existenz und der ideologischen Utopie irgendeine Form zu geben. An diesem wesentlichen Mangel muss jeder Versuch der Gleichstellung scheitern, er mag sich auf noch so viele punktuelle Übereinstimmungen berufen.

In jüngster Zeit sind in einer neuen Napoleonbiographie vom Historiker Volker Ullrich die despotischen Züge in der Herrschaft des Franzosenkaisers verstärkt in den Blickpunkt gerückt worden; gewiss nicht zu Unrecht. Aber dennoch wird die Aussage eines anderen Biographen des großen Korsen hierdurch nicht angefochten: André Maurois, der seine rühmende, aber nicht unbedingt hagiographische Monographie mit der Feststellung schließt, Frankreich sei von Napoleons Hand geformt worden. – Genau diesen Satz aber – er gilt genauso für Alexander den Großen, für Friedrich von Preußen und sogar noch für den Tyrannen Stalin –; diesen Satz wird man von Hitler niemals sagen können.

Hier, am Begriff der Formgebung, lichtet sich die grundlegende Differenz, die Hitler als Person wie Hitler als Phänomen der politischen wie der Geistesgeschichte seine Einmaligkeit verleiht. Er kannte nur Zerstörung, kannte nur, mit Joachim Fests bedeutendem Wort, „atavistisches Wüten“, und nichts konnte ihm solche Befriedigung bereiten wie die Anschauung von Tod und Vernichtung. Dieses Hingezogensein zum Nichts, zur absoluten Negation äußerte sich indes nicht nur im eigentlich kriegerischen Bereich. Auch im Frieden ist Hitler der Feind jeder Ordnung, das heißt jeder Lebensordnung, was die Bezeichnung Frieden für den Zustand vor 1939 schon zweifelhaft erscheinen lässt.

Was den Theoretikern der Scholastik, Thomas von Aquin und seinem Dichter Dante, was jedem Denker überhaupt, jenseits aller theoretischen Divergenzen, ein Hauptanliegen war und ist: dem Leben eine Ordnung zu geben – für Hitler war es keines. Die Errichtung eines stabilen Deutschland – es mochte noch so rassistisch und nationalistisch pervertiert sein – lag nicht in seinem Interesse.

Sebastian Haffner hat in seinen Anmerkungen festgestellt, dass sich das Deutschland von 1939 beim plötzlichen Tod Hitlers als einziges Chaos dargestellt hätte; ein grenzenloser Kompetenzwirrwarr, fortgesetzte Rivalitäten der verschiedenen Machtträger und Funktionseliten, verbunden mit einer gigantischen Staatsverschuldung und beispielloser außenpolitischer Isolation hätten den destruktiven Grundgehalt der Hitlerschen Politik auch im Frieden schnell sichtbar werden lassen. Auch ohne die infernalische Peripetie von 1945 hätte sich Hitler als einer der kräftigen Ruinierer ausgewiesen, zu denen er nach Jacob Burckhardt gehört. Die Rastlosigkeit seines Charakters, das suchtartige Angewiesensein auf schnelle, immer neue Triumphe, die infantile Gier nach immer neuen Objekten der Aneignung – diese für Hitler und seine Bewegung zutiefst charakteristischen Wesenszüge machten ein Einhalten auf dem Wege, ein Sich-Einrichten in der Welt unmöglich.

Wie der britische Historiker Ian Kershaw zutreffend schreibt, konnte das Naziregime nur in einer beständigen Flucht bestehen. Diese Flucht führte von der stets als ungenügend empfundenen Realität weg und hinein in Abgründe, die die Weltgeschichte bis dahin nicht gekannt hatte. Was mit Straßenschlachten, manichäischen Beschwörungen und radikaler, antidiplomatischer Aggression nach innen und außen begonnen hatte, endete in Auschwitz und Treblinka, in einer wahren Orgie der Verneinung, einer vollkommen sinnlosen Verneinung, die am Ende dem Sein an sich galt. Hitler war sich dessen sicher nicht voll bewusst. Aber sein großes Projekt war nicht die Schaffung von irgendetwas, sondern die Abschaffung von allem, der Juden, der Kriegsgegner, am Ende auch der Deutschen – die Abschaffung des Seins.

Der antike Historiker Plutarch hat in seiner Rede Über das Schicksal Alexanders des Großen seine Lobeshymne auf den mazedonischen Eroberer in einer Aufzählung der Städte gipfeln lassen, die jener auf seinem Zug durch Asien gegründet hatte. Natürlich besaß Alexander pathologische Züge, die sich oft verderblich auswirkten. Es nähme hingegen Wunder, wenn sich überhaupt ein Herrscher finden ließe, an dem moralisch nichts auszusetzen ist. Natürlich gibt es keine perfekten Regenten, ebenso wenig wie es perfekte Menschen gibt. Das redliche Bemühen aber um eine verantwortungsvolle Einordnung in das geschichtliche Kontinuum ist das entscheidende Kriterium in der ganzheitlichen Beurteilung eines Staatsmannes. Da aber hat Hitler prinzipiell versagt: Er, von dessen zerbombter Reichshauptstadt Harry Hopkins 1945 bemerkte, sie sei das neue Karthago, hat keine Städte gegründet; er bezog gerade Stellung gegen die Geschichte. Hitlers Kampf – so sagte er es selber einmal in einer Rede vor jungen Offizieren – galt der Welt an sich, der Welt als dem großen Negativen, dem Widerspruch in den Dingen, die sich dem aneignungssüchtigen menschlichen Individuum entgegenstellen und verweigern. In seinem manischen Welthass, seiner nie überwundenen Unbefriedigung, seiner gänzlichen Unfähigkeit, sich selbst zu bezwingen und irgendwo einen Schlussstrich unter seine Forderungen zu ziehen zeigt sich Hitler wieder als Abkömmling des verneinenden neunzehnten Jahrhunderts.
Wogegen Hitler heute, jenseits der politischen Dimension, zur Warnung dienen kann, ist nicht weniger als das scheinbar Unmenschliche an ihm, was indes nach einem Wort des Historikers Eric Voegelin das Menschlichste in ihm war. Wie wir gesehen haben, verweisen seine Wahnsinnsideen direkt auf eine geistesgeschichtliche Entwicklung, deren Wurzeln sich schon in der Romantik aufspüren lassen. Hitler war nicht, wie es die eher mittelmäßige und ästhetisierende Verfilmung des Unterganges von Bernd Eichinger vermittelt, ein Fremder, ein Unmensch mit den Zügen eines Clowns, um Lichtjahre entfernt vom menschenüblichen Maß. Hitler, die Symbolgestalt der Weltkriegsepoche, war vielmehr in seinem Enttäuschtsein von der Welt, in seiner unbeherrschten Rebellion gegen die Welt geradezu das Musterexemplar des unverantwortlichen, allein seinen Begehrlichkeiten und seinem Beherrschungstrieb ergebenen Menschen.

Obiger Text wurde am 1. Mai 2005 aus Anlass des 60. Jahrestags des Kriegsendes im SWR2 ausgestrahlt.

Titelbild: Hitler mit dem SS-Gruppenführer Rattenhuber, Chef des Reichssicherheitsdienstes, in der zerstörten Neuen Reichskanzlei, Berlin, Frühjahr 1945

Hannah Arendt und das Böse

Die Kontroverse um Arendts „Banalität des Bösen“ ist heute so aktuell wie vor fünfzig Jahren, als das Buch erschien und im Handumdrehen einen Weltskandal auslöste. Bis heute ist Hannah Arendt in der jüdischen Community eine persona non grata; wer jüdische Freunde auf sie anspricht, bekommt oft zu hören, man kenne sie nur aus dem Zusammenhang ihres Eichmann-Buches, und deshalb müsse man sie ablehnen, denn dort schreibe sie ja den jüdischen Opfern eine Mitschuld an ihrem Schicksal im Holocaust zu. Andererseits macht man sich auch in der deutschen NS- Forschung mit dem Hinweis auf sie nicht unbedingt beliebt: Ebenfalls in ihrem Eichmann-Buch charakterisiert sie nämlich – übrigens zu Recht – den konservativen, adlig-bürgerlichen Widerstand gegen Hitler, und also insbesondere die Verschwörer vom 20. Juli 1944, als indolent, moralisch fragwürdig und zu entschlossenem Handeln unfähig. Dafür durfte sie sich von Golo Mann in einer vielgelesener Rezension in der ZEIT den Satz anhören, „ihre Charakteristik des deutschen Widerstandes [enthalte] die empörendsten Verleumdungen, die je über diese Bewegung verbreitet wurden.“ Arendt sitzt, bis heute, zwischen den Stühlen – eine geistes- und wissenschaftsgeschichtliche Situation, die ihr selber freilich schon immer klar gewesen war und in die sie auch nicht ganz unfreiwillig geraten ist. In einer Selbstcharakterisierung, schon in der Zeit ihres Ruhmes in der Nachkriegszeit, schrieb sie: „Ich stehe nirgendwo. Ich schwimme wirklich nicht im Strom des gegenwärtigen oder irgendeines anderen politischen Denkens.“
„Eichmann in Jerusalem“ ist in vielfacher Weise ein Schlüsselwerk Arendts, weil sich hier in idealer thematischer und stilistischer Verdichtung alle wesentlichen Elemente ihres Denkens wiederfinden. Und zwar durch alle philosophischen und historischen Teildisziplinen hindurch. Sozial- und geistesgeschichtlich ist es eine für eine breite Leserschaft adaptierte Kurzfassung ihrer beiden opera magna „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ und „Vita activa“ aus den fünfziger Jahren; in seiner Ethik ist es eine Vorwegnahme der Vorlesung „Über das Böse“, die sie bald nach der Eichmann-Kontroverse hielt und die erst vor wenigen Jahren in einer kritischen Edition auf Deutsch herausgegeben wurde.
Werkgeschichtlich gesehen zeigt es die Autorin Hannah Arendt auf der Höhe ihres literarischen Könnens und ihrer intellektuellen Brillanz, und ebenso im Zenit ihrer publizistischen Bedeutung. Ihr Aufstieg zu Anerkennung und Prominenz hatte nach bitteren, isolierten Jahren in der Emigration mit der englischen Urfassung des Totalitarismusbuches, „The Origins of Totalitarianism“ 1951 begonnen. Mit „Vita activa“, das 1955 unter dem Originaltitel „The human condition“ erschienen war, hatte sich die schon damals als feuilletonistisch und halbseiden verschriene Denkerin einen Namen als ernstzunehmende Philosophin machen können.
Als sie der New Yorker 1960 als Beobachterin zum Eichmann-Prozess nach Jerusalem schickt, ist das nur folgerichtig, denn Arendt ist in den Jahren um 1960 herum, als in der westlichen Welt eine freiere Luft wehte, die sich aber noch nicht zu hysterischer Ekstase verdickt hatte, die gar nicht so heimliche Meisterdenkerin des liberal-konservativen Bürgertums im atlantischen Raum. Keine Kommunistin, natürlich, aber ebenso wenig eine mccarthyanische Eisenfresserin, sondern eine Intellektuelle im allerbesten Sinne: vertrauend auf einen unbestechlichen common sense und ein leidvoll geschultes, gesundes Bauchgefühl; ausgestattet mit dem besten intellektuellen Rüstzeug, das ihr Kindheit und Jugend im Späthumanismus des untergehenden Kaiserreiches und der akademisch höchst produktiven Weimarer Republik mitgeben konnten. Unideologisch bis ins Mark, aber zugleich noch geprägt von einem tiefen, fast romantisch-altfränkisch anmutenden jüdisch-christlichen Wissen um die höhere Welt und das Göttliche und darum, dass der Mensch als Wesen in ihnen seinen Ursprung hat. Diese wenigen Jahre zwischen der intellektuell eisigen unmittelbaren Nachkriegszeit mit ihrem containment auch im Geistigen und den vom Beat der Jugendbewegung aufgeputschten Sechzigern, in denen der pure Wille zur Erkenntnis hinter den heißen Wunsch nach Selbstverwirklichung rasch zurücktrat, hatten in der westlichen Welt einen wahren intellektuellen Star: Das war Hannah Arendt.
In diesem geistes-, zeit- und wirkungsgeschichtlichen Umfeld also können wir das Erscheinen des Eichmann-Buches verorten. Der Spielfilm der Regisseurin Margarethe von Trotta mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle erscheint pünktlich zum fünfzigsten Jubiläum: Zugleich ist er auch eine Art Rückblende auf die Arendt- Rezeption der vergangenen zwanzig Jahre; denn seit der Achtundsechziger- Bewegung war diese Arendt-Rezeption – weltweit, aber insbesondere in Deutschland – praktisch tot. Man las Marx und Adorno, Sartre und Maos Rotes Buch, man kämpfte gegen den Vietnamkrieg und für die Emanzipation; Arendt, qua ihrer eigenen Biographie eine große Pazifistin und Feministin, galt dieser Generation als reaktionäre alte Schachtel: unmodern schon, bevor sie richtig hervorgetreten war. So schrieb ein Autor der „tageszeitung“, von dem man freilich kein tieferes Verständnis Hannah Arendts erwarten darf, vor einigen Jahren:
„Altmodischer als die Philosophin Hannah Arendt konnte man in jener Zeit kaum er- scheinen, als Herbert Marcuse zum kalifornischen Erweckungsprediger für die be- wegte akademische Jugend weltweit mutierte und Jean-Paul Sartre in Paris das Me- gafon als Argumentationshilfe entdeckte.“
Das änderte sich mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Einzug in die biedermeierlichen Neunziger Jahre. Langsam entwickelte sich eine zaghafte Hannah-Arendt-Renaissance, die Jahr für Jahr stärkere und mit der Jahrtausendwende und dem Doppeljubiläum 2005/2006 – 30. Todestag sowie 100. Geburtstag – zeitweise enthusiastische, ja: gigantische Formen annahm. Hannah Arendt war auf einmal akademisch salonfähig, und das nicht nur für Politikwissenschaftler, sondern auch in den beiden gestrengen Mutterdisziplinen einer integrierten Geisteswissenschaft: der Geschichtswissenschaft und der Philosophie. Wie am Fließband wurde im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts zu Hannah Arendt veröffentlicht. Und wer auf sich hielt, berief sich auf sie und zitierte sie wie unsere Eltern noch Adorno und Horkheimer zitierten.
In den letzten Jahren freilich ist der Hype um Hannah Arendt wieder abgeflaut. Jenseits des kalendarischen Event-Hoppings war nur noch wenig vom Enthusiasmus zu spüren, mit dem sich die mitteljunge akademische Bürgerlichkeit vor zehn, zwölf Jahren in das Abenteuer Hannah Arendt gestürzt hatte. Das deutlichste Zeichen dafür, dass es Arendt trotz ehrlicher Anstrengungen und engagierter Unterstützer auch unter ausgewiesenen Wissenschaftlern nicht in die Hall of Fame der großen Philosophen geschafft hat, ist ein großangelegtes Editionsprojekt ihrer nachgelassenen Schriften. Es wurde angestoßen von ihrer Biographin Antonia Grunenberg, die als Professorin das Hannah-Arendt-Zentrum an der Universität Oldenburg leitete und zu den Wegbereitern der zeitgenössischen Arendt-Rezeption in Deutschland zählt, und es scheiterte, weil sich keine Gelder dafür fanden. So stiefmütterlich behandelt die deutsche scientific community in der Blütezeit von Gleichstellung und Feminismus immer noch das Erbe der einzigen Frau, die es geschafft hat, mit den großen Philosophen des 20. Jahrhunderts, ja: der Moderne überhaupt gleichzuziehen.
Margarethe von Trottas Film, der neben der souverän und authentisch agierenden Hauptdarstellerin eine ganze Reihe bekannter deutscher Filmgesichter von Ulrich Noethen bis Julia Jentsch versammelt, zeigt das Dilemma der Arendt in gewisser Weise in seiner Antizipation. Da setzt sich eine Denkerin, anstatt ihren eigenen beginnenden Mythos zu pflegen, bewusst zwischen alle Stühle und läutet damit, im Jahrzehnt von Rock’n Roll und Studentenrevolte, als sich zumal in Deutschland alles um die Aufarbeitung der eigenen „jüngsten Vergangenheit“ drehte, ihren eigenen publizistischen Untergang ein. Doch diese Schonungslosigkeit auch und gerade im Umgang mit sich selbst und der eigenen Behaglichkeit war das Markenzeichen der Hannah Arendt, das sie mit ihrem „Bericht von der Banalität des Bösen“ ein letztes Mal brillant und unerschrocken unter Beweis stellen sollte. Wenden wir uns also diesem Buch zu, in dem sie einerseits geradlinig und unbeirrbar die Wahrheit über das Dritte Reich und den Holocaust aussprach – und dennoch zugleich sich als eine große Naive entpuppte.
Es sind im Wesentlichen zwei Punkte, an denen sich die Kritiker bis heute erhitzen. Der erste liegt im Untertitel selbst beschlossen, den das Buch bekam, das aus der in fünf Folgen im New Yorker angedruckten Gerichtsreportage entstanden war: „the banality of evil, die Banalität des Bösen“. Wie? Das Böse eine Banalität? Damals wie heute wirkt diese Gleichung auf viele wie ein Sakrileg: wie kann der Inbegriff der moralisch Negativen „banal“ sein? Arendts Buch schuf Erklärungsbedarf, bereits mit seinem bloßen Titel.
Nun, was sie darunter verstanden wissen wollte, hat Arendt selber in ihrem legendären Rundfunkgespräch mit Joachim Fest 1964 dargestellt, und der kluge Leser hätte das auch aus ihren bereits erschienen Werken, wie aus dem „Eichmann“ selber, schließen können:
“Wenn ich sage: ‘Das ist doch kein typischer Mörder’, dann meine ich doch nicht, dass er was Besseres ist. Sondern was ich meine, ist, dass er etwas unendlich Schlimmeres ist, obwohl er gar keine eigentlich – was wir nennen – ‘verbrecheri- schen Instinkte’ [hat]. Er ist in die Sache reingerutscht.”
Und kurz darauf:
“[Eichmanns] Dummheit hat etwas wirklich Empörendes [ … ] Eichmann war ganz intelligent, aber diese Dummheit hatte er. Das war die Dummheit, die so empörend war. Und das habe ich eigentlich gemeint mit der Banalität. Da ist keine Tiefe – das ist nicht dämonisch!”
Damit hat Arendt zweifellos recht. Und was für Eichmann gilt, gilt auch für den ganz überwiegenden Teil der NS-Verbrecher: sie waren, nach außen wenigstens, keine Charismatiker, keine Dämonen, keine „Todesengel“, sondern unterster Durchschnitt. Aber – was sagt diese vollkommen richtige sozialanthropologische Zuschreibung aus über die Qualität ihrer Bosheit und die Qualität des Bösen an sich?
Hier beginnen die Schwierigkeiten mit Arendts Schlagwort von der Banalität des Bösen. Nicht auf der analytischen oder intellektuellen Ebene, denn da ist bei ihr alles klar und richtig. Da fügt sich der Banalitäts-Topos elegant ein in ihr großes Denkgebäude, dessen Gerüst sie im Totalitarismusbuch aufgezeichnet hatte, aus dem man übrigens zu Unrecht eine „Theorie“ im strengen schulmäßigen Sinne hatte herauspräparieren wollen: Das Problem sind nicht Ideologien, sondern Mentalitäten. Die wahren moralischen Katastrophen werden nicht hervorgerufen durch falsche und schlechte Haltungen, sondern durch Nicht-Haltungen, durch Charakterlosigkeit. Deren Bedingung sind wiederum innere Welt- und Selbstlosigkeit, also die Abwesenheit einer eigenen ideellen, emotionalen und auratischen Identität, sie mag auch noch so defizitär und moralisch problematisch sein. Wirklich schlimm sind nicht die mit Vorsatz begangenen Verbrechen, denn diese ließen sich immerhin noch irgendwie kausal und damit auch rational und moralisch nachvollziehen; schlimm sind jene Taten, die gleichsam „einfach so“ passiert sind, in die die Täter „irgendwie hineingerutscht“ sind.
In dieses Schema schien der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in der Tat perfekt zu passen, und gleich ihm eine Vielzahl, ja: die Mehrzahl aller NS- Täter. Und dennoch wusste Arendt es im Grunde besser, als sie, zehn Jahre zuvor, in „Elemente und Ursprünge“ geschrieben hatte:
„Bis jetzt scheint der totalitäre Glaube, dass alles möglich ist, nur bewiesen zu haben, dass alles zerstörbar ist, auch das Wesen des Menschen. Aber in [diesem] Bestre- ben […] hat die totale Herrschaft […] entdeckt, dass es ein radikal Böses wirklich gibt.“
Und an anderer Stelle:
„Es gibt das radikal Böse, aber nicht das radikal Gute. Das radikal Böse entsteht im- mer, wenn ein radikal Gutes gewollt wird.“
Man darf nun freilich nicht unterstellen, Arendt habe ihre Meinung in den zehn Jahren zwischen der Veröffentlichung des ersten Buches und der des Eichmann-Buches schlichtweg um 180 Grad geändert. Vielmehr bot ihr die Konfrontation mit Eichmann psychologisch die Chance, das Problem des Bösen, dem die Autorin des Totalitarismusbuches noch hilflos-überwältigt gegenübergestanden hatte, so weit zu entzaubern, dass es seine furchtbare Dämonik ein Stück weit verlor und sich dem Zugriff einer rationalen Bewertung nicht mehr ganz so entzog. Doch eine solche Bewertung hatte, und zwar mit ganz den gleichen analytischen und hermeneutischen Kategorien, auch schon im Totalitarismusbuch stattgefunden. Auch hier zieht Arendt explizit eine Trennungslinie zwischen den Gewalttätern aus Prinzip – es handle sich bei diesem Prinzip um Ideologie oder Trieb – und den „ganz gewöhnlichen Männern“, die per Zufall und ohne richtige Neigung, gleichsam ohne Wissen und Wollen und also auch ohne eigentliche moralische Zurechenbarkeit im Sinne der klassischen Moral zu Folterknechten und Mördern wurden.
Hannah Arendt wusste also sehr wohl um das Böse und seine Radikalität, als sie vom Eichmann-Prozess berichtete. Und sie wusste, als heimliche jüdische Mystikerin, die sie hinter der kalten rationalistischen und agnostischen Maskerade immer blieb, ebenso um die universelle, welt- und heilsgeschichtliche Dimension des Bösen. Das spricht e contrario daraus, in was für altmodischen und eigentlich unsachlichen, poetischen Bildern sie immer wieder den Holocaust begrifflich einzufangen suchte:
„Die Macht des Menschen ist größer, als sie sich einzugestehen wagten, und man kann höllische Phantasien realisieren, ohne dass der Himmel einstürzt und die Erde sich auftut.“
Kurz darauf heißt es:
„Es liegt im Sinne unserer gesamten philosophischen Tradition, dass wir uns von dem radikal Bösen keinen Begriff machen können, und dies gilt auch noch von der christlichen Theologie, die selbst Satan noch einen himmlischen Ursprung zugestand, wie von Kant.“
Die Kategorie der Banalität, also die Einordnung des Bösen in das aus der Arendtschen Sozialpsychologie bekannte Schema Weltlosigkeit-Selbstlosigkeit- Charakterlosigkeit, lässt sich als Modus der Ausflucht verstehen vor einem Phänomen, das Hannah Arendt, einer denkbar scharfen Denkerin und denkbar mutigen Frau, unzugänglich und unbegreiflich bleiben sollte. Sie, diese kalte, klare Denkerin, war – es klingt abschätzig, aber es ist nicht so gemeint – ihr Leben lang zu gutgläubig und naiv, um dem Geheimnis des Bösen auf die Spur zu kommen. Bis zuletzt stand sie seinem Phänomen hilflos gegenüber; das Eichmann-Buch wurde zum emblematischen Ausdruck dieser Hilflosigkeit. Schon in „Vita activa“ hatte sie geschrieben:
„Auf jeden Fall können wir das ‚radikal Böse’ […] daran erkennen, dass wir es weder bestrafen noch vergeben können, was nichts anderes heißt, als dass es den Bereich menschlicher Angelegenheiten übersteigt und sich den Machtmöglichkeiten des Menschen entzieht. […] Das Böse zerstört den zwischenmenschlichen Machtbereich, wo immer es in Erscheinung tritt. Böse Taten sind buchstäblich Un-taten; sie machen alles weitere Tun unmöglich.“
Hier spricht ganz klar die jüdische Denkerin Hannah Arendt. Das Christentum setzte sich vom Anfang seines Bestehens an intensiv mit dem Bösen auseinander, etwa der Apostel Paulus in seinen Briefen, oder der Heilige Augustinus, dessen Werke Arendts Denken nachhaltig beeinflussen sollten. Arendt aber, die im mosaischen Ur- vertrauen in die Welt, ihre Ordnung und Gutheit aufgewachsen war; die auch in ihrer Jugendliebe Heidegger gleichsam einer gottvaterähnlichen Elternimago verfallen war, wurde durch die brutale Erfahrung des real existierenden Bösen überrumpelt – und radikal verunsichert.
Arendt fand diese Verunsicherung gespiegelt in der allgemeinen, gesellschaftlichen Verunsicherung, die das Markzeichen der Moderne und insbesondere der Weltkriegsepoche war und die mit ursächlich war für die moralische Instabilität, die zu den Menschheitsverbrechen unter der NS-Diktatur führen sollte. Der Verlust aller moralischen Maßstäbe im Dritten Reich hing unmittelbar zusammen mit der Gottesvergessenheit der späten Moderne und der, hierin inbegriffenen, Ignoranz gegenüber dem Bösen, seinem wahren Charakter und dem Preis, den man dafür, sei es im Dies- oder im Jenseits, zu zahlen hat. In ihrem legendären „Toronto- Kolloquium“ in den Sechzigern sagte sie:
„Ich bin ganz sicher, dass diese ganze totalitäre Katastrophe nicht eingetreten wäre, wenn die Leute noch an Gott oder vielmehr an die Hölle geglaubt hätten, das heißt, wenn es noch letzte Prinzipien gegeben hätte. Es gab aber keine. Und Sie wissen so gut wie ich, dass es keine letzten Prinzipien gab, an die man mit Aussicht auf Erfolg hätte appellieren können. Man könnte niemanden anrufen.“
Der Verlust des spirituellen Horizonts ist bei Arendt dem Verlust der irdischen Verhaltensmaßstäbe historisch und logisch vorgängig. Manche der Täter mochten das selber empfunden haben. In Rolf Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ von 1962 sagt der „Doktor“, die Verkörperung des bösen Prinzips und eine literarische Verschlüsselung des berüchtigten SS-Arztes Mengele, zur Hauptfigur, dem guten Pater Riccardo, der sich verzweifelt bemüht, einen Sinn hinter dem verbrecherischen Tun des SS-Führers zu finden, der an der „Rampe“ in Auschwitz die ankommenden jüdischen Opfer zur Vergasung selektiert:
„Ich schicke seit Juli 42, seit fünfzehn Monaten, Werktag wie Sabbat, Menschen zu Gott. Glauben Sie, er zeigte sich erkenntlich?
Er lenkt nicht einmal einen Blitz auf mich.“
Für Hannah Arendt war das Böse eine unbestreitbare Entität, eine Wesenheit, eine historische und anthropologische Realität. Das tatsächliche Dem-Bösen- Ausgesetztsein hingegen, und zwar in der Radikalität und Vehemenz des totalitären Zeitalters, überforderte sie. Und zwar nicht in seiner Analyse, die ihr von Anfang an brillant gelang, wohl aber in den hermeneutischen Schlüssen, die daraus zu ziehen waren. Dass die Menschen wirklich immer noch schlimmer, bösartiger, unmenschlicher und gemeiner sein können, als man denken mag, war eine Erfahrung, die die Überlebende des Holocaust ebenso überforderte wie all jene, die ihm zum Opfer fielen – und die sich auch deshalb, wie es immer heißt, „wie die Schafe zur Schlachtbank“ und fast immer ohne Widerstand zu leisten in den Tod führen ließen.
Damit wären wir bei dem zweiten großen Sakrileg der Autorin der „Banalität des Bösen“: Der Vorwurf, die letzten, intimsten Vernichtungsschritte hätten die Nazis von den Opfern selber durchführen lassen. Etwa von den jüdischen Sonderkommandos, die in den Vernichtungslagern die Leichen ihrer Leidensgenossen aus den Gaskammern bringen und in den Krematorien verbrennen mussten. Arendt nimmt in ihrer Schrift insbesondere die Tätigkeit der so genannten Judenräte ins Visier, die sich in den im Osten gebildeten Ghettos auf Befehl der SS bilden mussten. Sie hatten, neben anderen Aufgaben, insbesondere den zynischen Auftrag, den Abtransport der Juden in die Lager reibungslos zu organisieren – wohl wissend, dass sie selber auch nur solange verschont würden, bis sie ihre hässliche Pflicht erfüllt haben, um dann ebenfalls in den Tod geschickt zu werden. Genauso waren die Häftlinge der Sonderkommandos natürlich dem Tode geweiht; dennoch gelang es nicht wenigen von ihnen, die Aufstand oder Flucht wagten, den Krieg zu überleben.
Vor allem die heftige Kritik der jüdischen Community an diesem Vorwurf und Arendts standhafte Reaktion darauf, die sie aber auch in die Isolation trieb, sind Gegenstand des Films. Arendts ethische Beurteilung der Opfer lässt sich nicht getrennt denken von ihrer Beurteilung der Täter und des Bösen überhaupt. Man kann so weit gehen und sagen, dass ihr hartes und sicher ungerechtes Verdikt über Judenräte und Sonderkommandos, mit dem sie im Grunde die jüdischen Opfer in ihrer Gesamtheit treffen wollte (und auch traf), eine direkte Rückkoppelung ihrer Empörung ist über die ungeheuerliche Alltäglichkeit und Banalität, in der sich für sie das Böse historisch in der Shoa verwirklichte. Vorwerfbar, so viel ist klar, konnte für sie nur die Nichtreaktion auf ein Böses sein, was im Grunde so bürokratisch-simpel, so unpathetisch, unheroisch, so farblos und unauratisch sich realisierte wie das, was im Nationalsozialismus stattfand.
Entsprechend muss man Arendts bittere und gewiss ungerechte Verurteilung der Rolle der Judenräte verstehen, deren praktische Bedeutung sie zudem enorm überschätzt. Sie ist nur die Kehrseite ihres problematischen, unsicheren Verständnisses des Bösen, welches wiederum auf dem Horizont ihrer eigenen Leidensgeschichte nur höchst nachvollziehbar ist. Arendt, die Jüngerin Kants und Hegels, intellektuell aufgezogen im Geiste des deutschen Idealismus, der Freiheit des Willens und der Allmacht des Individuums, konnte und wollte – wer will es ihr verdenken? – nicht sehen, dass sich diese Freiheit eben auch absolut negativ, destruktiv und vernichtend äußern kann. Individualität gibt es eben nicht nur im Guten, sondern auch im Schlechten: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut – dieses Postulat der Weimarer Klassik, dieser kategorische Imperativ des deutschen Idealismus kann sich eben auch in sein negatives, negativistisches Gegenteil verkehren: unedel sei der Mensch, rücksichtslos und böse. Im „Dritten Reich“ – und nicht nur dort – wurde diese Parole zur allgemeinen Maxime, und Eichmann war einer ihrer Hauptvollstrecker. Die NS-Täter wussten sehr wohl, was sie taten, ob sie selber sich darüber nun Rechenschaft ablegten oder nicht. Das aber war für Arendt, das ewige, naive Mädchen, das bis zuletzt an die Inkorrumpierbarkeit des Individuums glaubte, schlicht undenkbar: dass ein Mensch sich nicht nur zum unreflektierten Handlanger des Bösen machen lassen, sondern dass er selber wirklich böse sein kann – das war ihr unbegreiflich.
Tatsächlich ist das Böse ebenso wenig banal, wie seine Opfer schwach sind. Das Böse ist gemein, hinterhältig und verschlagen. Und dass es sich den Anschein der Banalität geben kann, ist nur ein weiterer, vielleicht der höchste Ausdruck seiner Verschlagenheit. Auch Eichmann und die übrigen NS-Täter seiner Art – also die vermeintlich biederen, unideologischen, nicht besonders brutalen oder sadistischen Bürokraten des Todes – waren nicht einfach charakterlos, wie Arendt, in Anwendung ihres sozialpsychologischen Paradigmas von der Weltlosigkeit, vermeinte. Nein, sie hatten sich, wie jeder Mensch, durchaus einen Charakter erworben, einen durch und durch bösen, grausamen und mitleidlosen Charakter. Daran ändert auch nichts, dass das Böse ontologisch gewiss nichts Weiteres ist als eine deformierte Ausscheidung des Guten, quasi eine Missgeburt, so wie Satan in der Bibel der Beauftragte, in gewisser Weise sogar der Handlanger Gottes ist.
Der Böse hat, wie der Gute, jederzeit die Wahl, sich um Einsicht zu bemühen und umzukehren; auch über seiner Wiege stand der Satz aus der Genesis, der das Motto und das Motiv des Menschseins ist: eritis sicut Deus, scientes bonum et malum – Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Es steht jedem Menschen frei, von diesem Grundwissen seines In-der-Welt-seins Gebrauch zu machen oder nicht. Nicht nur entschuldigt Unwissenheit bekanntlich nicht; es gibt sie auf dieser Ebene gar nicht wirklich. Eichmann zum Beispiel wusste ziemlich gut, was er tat; dazu gehörte freilich auch, dass er seinen wahren Charakter gut zu maskieren wusste: beileibe nicht nur vor anderen, darunter auch der jüdisch-amerikanischen Gerichtsreporterin aus New York, sondern gewiss und am meisten vor sich selbst. Diese Taktik des Sich-vor-sich-selbst-Verschleierns gehört zum Grundbestand des radikal Bösen.
Man kann gleichwohl nicht sagen, Hannah Arendt habe mit „Eichmann in Jerusalem“ gänzlich daneben gelegen. Im Gegenteil: dass sie das Böse als solches hier plakativ zum Gegenstand einer sozialanthropologischen, historisch und philosophisch äußerst genauen und korrekten und dabei stilistisch meisterlichen Erörterung machte, ist für sich schon ein Verdienst, das ihr bis heute bleibt und das durch den Trotta-Film zurecht gewürdigt wird. Noch wesentlicher aber ist, dass Arendt mit dem Eichmann-Buch die Grundlegung dessen begann, was man ihre Ethik nennen kann und was sie in diesem Jahrzehnt in zwei weiteren Publikationen weiter ausführen und theoretisch festigen sollte. Diese Ethik ist womöglich Arendts größte philosophische Erbschaft, jedenfalls aber eine ganz besondere und eigentümliche, weil sie aus ihrem historischen Kontext heraus in die zeitlichen und wesenhaften Ursprünge der menschlichen Ethik überhaupt reicht. Auf diese Ethik wollen wir zum Schluss den Blick richten.
Vielleicht kannte Hannah Arendt das Schicksal der Clara Immerwahr. Die jüdische Chemikerin, eine der ersten Frauen mit Doktortitel im Kaiserreich, nahm sich in einem Akt tiefer Verzweiflung und echten, stillen Heldenmuts im Sommer 1915 in Berlin-Dahlem das Leben. Diese Tat war ein stummer Protest gegen ihren Mann Fritz Haber, den weltberühmten Erfinder des Haber-Bosch-Verfahrens, der maßgeblich an der Entwicklung des Giftgasprogramms der Obersten Heeresleitung beteiligt war. Clara Immerwahr hatte damit unmittelbar natürlich nichts zu tun. Aber sie fühlte sich verstrickt, dadurch, dass sie die Frau dieses Mannes war; dadurch, dass er von ihr Loyalität verlangte, als Gattin und als patriotische Deutsche, die ihre jüdischen Wurzeln möglichst verleugnete. Also erschoss sie sich, ohne zuvor mit jemandem darüber gesprochen zu haben. Sie erschoss sich aus stummem Protest gegen eine noch bösartigere und grausamere Kriegführung, und in stummem Mitleiden mit den Hunderttausenden Soldaten an den Fronten, die bei Giftgasangriffen qualvoll verenden sollten. Ich muss immer an diese, in Deutschland bis heute kaum bekannte, Frau denken, wenn ich die Worte Hannah Arendts lese, die sie in ihrem Gespräch mit Fest sagte und in denen sich das Wesen ihrer Moral kristallisiert:
„Es gab eine Alternative, hüben und drüben, und die hieß: nicht mitmachen, selber urteilen: ‘Bitte schön …, das mach’ ich nicht mit. Ich [ … ] versuche zu entkommen, ich versuche, wie ich um die andere Ecke komme.’ Nicht wahr? ‘Aber ich mache nicht mit. Und falls ich gezwungen sein sollte mitzumachen, dann werde ich mir das Leben nehmen.’ Diese Möglichkeit gab es. Dazu gehörte, dass man nicht Wir sagt, sondern dass man Ich sagt, dass man selbst urteilt.“
Bereits im Eichmann-Buch schrieb Arendt etwas, was in die gleiche Richtung weist:
„In Wahrheit gab es nur einen Weg, im Dritten Reich zu leben, ohne sich als Nazi zu betätigen, nämlich, überhaupt nicht in Erscheinung zu treten: sich aus dem öffentlichen Leben nach Möglichkeit ganz und gar fernzuhalten war die einzige Möglichkeit, in die Verbrechen nicht verstrickt zu werden, und dies Nicht-Teilnehmen war das einzige Kriterium, an dem wir heute Schuld und Schuldlosigkeit des Einzelnen messen können.“
Und in ihrer Vorlesung „Über das Böse“ schließlich, also ebenfalls im zeitlichen Umfeld der beiden anderen Äußerungen, charakterisierte Arendt das Wesen der abendländischen Moral, indem sie auf das Schicksal des Sokrates verwies und sagte: es sei besser, Böses zu erleiden, als Böses zu tun.
In diesen beiden Topoi: dem Opfergang der Clara Immerwahr und der Ethik der Hannah Arendt, verdichtet sich das Wesen der Moral, die die Menschheit aus dem zerstörerischen 20. Jahrhundert lernen könnte. Zugleich scheint in ihnen aber auch ein Grundelement der menschlichen Existenz auf, das in einem jahrhundertelangen Prozess der Säkularisierung und Rationalisierung erst marginalisiert, dann verschüt- tet und schließlich vergessen worden war, mit dem totalitären Zeitalter als dem Höhepunkt dieses Prozesses der inneren Verwüstung und des Vergessens. Dieses Grundelement ist die Transzendenz unserer Existenz.

Obiger Text wurde am 17.3.2013 im SWR2 in der Sendung “Aula” ausgestrahlt.

Titelbild: Hannah Arendt im Alter

Vergangenheit, die vergeht

Europa hat den Übertritt von der Neuzeit in die Nachneuzeit längst vollzogen. Dass es dadurch in Deutschland bei den jüngeren Generationen zu einer Historisierung auch der NS-Zeit gekommen ist, ist folgerichtig und unproblematisch

Vor bald dreißig Jahren, nur kurze Zeit vor dem Mauerfall, mit dem nicht nur die Nachkriegszeit, sondern auch die Neuzeit überhaupt zu Ende ging, entbrannte in Westdeutschland der so genannte Historikerstreit. Ernst Nolte, Professor am renommierten Berliner Friedrich-Meinecke-Institut und bis dahin eine unbestrittene Autorität in der deutschen Geschichtswissenschaft, hatte in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Singularität des Holocaust infrage gestellt und die nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen in einen Kausalzusammenhang mit dem sowjetischen Bolschewismus gerückt. Noltes These provozierte sogleich heftige Reaktionen und führte schließlich zu seiner Ächtung im deutschen Wissenschaftsbetrieb. Die Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Systems und der unter ihm verübten Verbrechen, damit aber deren wesenhafte Ahistorizität, also Geschichtslosigkeit, galt seitdem implizit und explizit als Grundkonsens der deutschen Geschichtswissenschaft und der offiziellen deutschen Erinnerungskultur.
Heute, eine Generation später und ganze einhundert Jahre nach dem Beginn des Weltkriegszeitalters 1914, sieht die Sache anders aus. Die Zeit von 1933 bis 1945 hat sich im kollektiven Gedächtnis Deutschlands und Europas stillschweigend eingereiht in die große longue durée der europäischen Neuzeit überhaupt; die Aura des Einzigartigen, Präzedenzlosen und Unwiederholten hat sie verloren. Meine Generation – also die letzte, die noch vor der Wende und damit noch in der Neuzeit geboren wurde – war, sofern sie im Westen aufwuchs, die letzte, die überhaupt noch in der Denkfigur der Singularität der NS-Zeit aufgezogen worden war. Die Jungen, die Geburtenjahrgänge seit 1990, die nur mehr das vereinte Deutschland kennengelernt haben und die wie selbstverständlich groß wurden in einem global village, stehen mit ihrem Bewusstsein schon in einer ganz anderen Zeit; die Ganzheitlichkeit in ihrem Blick auf die Vergangenheit lässt sie jede Epoche wie selbstverständlich zurücktreten in den einen großen Zusammenhang, den der Zeitbogen von der Renaissance bis zum Weltkriegszeitalter beschreibt.
Freilich: diese Historisierung, welcher das historische Bewusstsein der „Generation 90“ die Epoche zwischen 1914 und 1945 und insbesondere die NS-Zeit unterwirft, entbehrt nicht bestimmter Akzentsetzungen, die erst durch die zeitliche und generationelle Distanz wieder möglich geworden sind. Man neigt heute wieder, wenn auch nur unter der Oberfläche und im Schutz des Verborgenen, dazu, das Moment der Kraftentfaltung, den ungebremsten Voluntarismus, die Emphase der Macht zu betonen, die mit dem Nationalsozialismus verbunden sind. Der deskriptive, anschauende, nicht mehr der normative, bewertende Zugriff bestimmt heute in der Breite die Beschäftigung mit dem Dritten Reich. Stilbildend wirken hie, wie immer, die modernen Massenmedien, insbesondere Film und Fernsehen, aber auch das Internet.
Insbesondere seit Beginn des zweiten Jahrzehnts im neuen Jahrhundert, also seit den letzten drei Jahren zeichnet sich die Tendenz zur Historisierung der NS-Zeit überdeutlich ab. TV-Produktionen wie etwa der abendfüllende Film „Rommel“ von 2012 oder der Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ von 2013 zeigten das Dritte Reich in seiner Auratik, zeigten es als Lebenswelt, unabhängig von den normativen Konnotationen, die mit ihm untrennbar verbunden sind. Bücher wie Timur Vermes Romansatire „Er ist wieder da“ spielen geschickt mit dem metaironischen Potential, das dem Dritten Reich, vor allem aber der Person Hitlers seit je innewohnt und das seit einiger Zeit insbesondere unter jungen Menschen verstärkt wieder reaktiviert wird.
Wir befinden uns heute in der seltenen historischen Situation, dass wir auf die Vergangenheit in toto zurückblicken können, ohne doch zugleich schon fester Teil eines neuen Zeitalters geworden zu sein. Ich will mich selber als Beispiel nehmen: 1982 in West-Berlin, dem Vorposten der alten Bundesrepublik geboren, wuchs ich auf erst im Geist der Fun-Gesellschaft – Neunziger Jahre –, dann der Globalisierung – „Nuller Jahre“ – und gehöre nun zu der Generation „junger Erwachsener“, die im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends in Politik und Gesellschaft immer einflussreicher wird, bis sie in ein paar Jahren selber den Ton angeben wird. Wir sitzen gleichsam, um ein Wort Jacob Burckhardts über Friedrich den Großen zu gebrauchen, auf der Zeitscheide zwischen zwei Zeitaltern: wir wurden noch geboren in der überschaubaren Behaglichkeit der auslaufenden Neuzeit, dann aber mit Gewalt hineingeworfen ins Meer der post- oder „metamodernen“ Unverbindlichkeit, die das Leben der westlichen Welt seit dem „Ende der Geschichte“ im Jahr 1991 kennzeichnet. Geistig, seelisch und wirtschaftlich sind wir Kinder dieser neuen Zeit, die seltsam außerhalb der Zeit zu stehen scheint; mit unserem frühen Bewusstsein aber sind wir geprägt von einer Lebenswelt, in der es keine Computer und kein Internet gab, in der Sexualität noch nicht ubiquitär verfügbar war und das Wirtschaftsleben tatsächlich noch entfernt irgendeinem allgemeinen Zweck zu dienen schien. Diese beiden konträren Prägungen bestimmen uns, die Generation am Übergang, und damit die geistige Situation der Zeit.
Die NS-Vergangenheit spielt auch im achtzigsten Jahr nach der so genannten Machtergreifung deshalb eine so prägnante Rolle in unserem Geschichtsbild, weil sie das letzte Stück „große Geschichte“ ist, das, soweit wir zurückblicken können, stattgefunden hat. Die Beengtheit der Lebensverhältnisse in der alten Zeit, die selbst für die höchsten Gesellschaftsklassen galt, erzeugte eben jene existenzielle Erwartungshaltung, die es möglich machte, dass sich in Europa seit der Römerzeit ständig irgendwer mit irgendwem im Krieg befand. Der Krieg war die willkommene Abwechslung von der scherfälligen Eintöngigkeit des alltäglichen Lebens, einer Eintönigkeit, die wir uns heute im Zeitalter der totalen Verfügbarkeit von allem und jedem überhaupt nicht mehr vorstellen können. Die Heilserwartung, mit der die Mächtigen ihre jeweiligen kriegerischen Intentionen aufluden, wurde ergänzt durch die ganz praktische Erwartung des Einzelnen, aus der Bedeutungslosigkeit eines Trabantenlebens zu erwachen und aus seiner stillen Ecke, und dies wortwörtlich, herauszukommen. Der weltbewegende Gestus, der allen politischen Begebenheiten der Zeit vor 1945 merkwürdig innewohnt, erklärt sich genau aus diesem Kontrast zwischen der lebensweltlichen Enge hier, der phantastischen Grenzenlosigkeit des Geistes dort. Aus der brisanten Spannung zwischen diesen Polen erwuchs jene Stimmung, die sich immer wieder in kriegerischen Eskalationen entlud, bis sich im Weltkriegszeitalter die Eskalation schließlich selber übertraf und dann mittels des technischen Fortschritts ad absurdum führte.
Heute kann niemand mehr mit kriegerischen Mitteln die Welt in den Abgrund reißen, weil dieser Abgrund keine emphatische Übertreibung mehr wäre, sondern nackte Realität. Der „große Krieg“ ist im Zeitalter der Atombombe ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Wir alle konnten im Jahr 2011 erleben, wie sich eine wahre Katastrophe anfühlt, als eine gigantische Flutwelle auf Japans Ostküste traf und das Reaktorunglück von Fukushima auslöste. Es ist paradox: aber die größten Bedrohungen für die Menschheit gehen im Zeitalter der Übertechnologisierung, so scheint es, nicht mehr vom Menschen aus, nicht mehr von einzelnen „großen Individuen“ und deren verrückter Phantasie, sondern ganz altmodisch von der Natur selber, dem Inbegriff des A-technischen. Der Mensch, der Entdecker des Feuers, ist im digitalen Zeitalter herabgesunken zum Spielball der Naturgewalten, die, ganz gleich, ob er selber nun nachgeholfen hat oder nicht, mit ihm ihre Kurzweil treiben und mit grausamer Ironie den Beweis darüber führen, dass eine hundsordinäre Schlechtwetterperiode ausreichen kann, Autobahnen, Kanalisationen und Mobilfunknetze in einer Sekunde in sich zusammenbrechen zu lassen. Der Katastrophenhorizont des Menschen 2.0 sind nicht mehr Kriegs- und Hungerperioden wie der Dreißigjährige Krieg, sondern Auslöschungsszenarien, die er sonst nur aus der Prähistorie kennt.
Uns Jüngere, die die Erfahrung menschengemachten Elends nur noch als fernes Echo trifft, beschäftigt umso mehr die Frage nach der Möglichkeit, als Mensch über das Menschsein hinauszuwachsen und einzugreifen in den Lauf der Geschichte. Mit Neugier, ja heimlicher Lüsternheit blicken wir Kinder einer unheroischen Zeit auf den Heroismus ferner Zeiten. Das historische Wissen wurde uns quasi mit in die Wiege gelegt. Die „Generation Guido Knopp“ bewegt sich mit eigentümlicher Sicherheit in Gefilden, die nur an der Oberfläche nicht zum Image aus digitaler Bohème und großstädtischer Promiskuität zu passen scheinen; tatsächlich steht die Phantomerfahrung politischer Gigantomanie immer mehr im Background der modernen Selbstverwirklichung, je mehr diese sich apolitisiert. Das Private ist das Politische, nicht mehr die Politik, wie noch Napoleon behauptete, ist das Schicksal, sondern das Privatleben. Gerade deshalb aber wird das Politische zu seiner idealen Aufladung. Die sündhafte Neigung zu Pathos und Grandeur aber wird zum eigentlichen Tabu in einer Zeit, in der die Eskapade legitim, das Politische aber langweilig geworden ist.
Auf diesem Prospekt spielt sich, noch kaum öffentlich wahrgenommen, der Prozess der Historisierung der NS-Vergangenheit ab – ein ideeller, nicht ideologischer Prozess, der reell flankiert wird dadurch, dass nicht nur die letzte Generation unmittelbarer Zeitzeugen, die Flakhelfer also, von der politischen Bühne abgetreten ist, sondern auch deren Kinder, also die zwischen 1950 und 1970 Geborenen, immer mehr in die Jahre kommen. Die Jahrgänge seit den späten Siebziger Jahren sind die ersten, die quasi ohne direkte politische Erbsünde aufwachsen. Ihre Beschäftigung mit der Vergangenheit ist wesenhaft spielerisch, das Spiel aber hat bekanntlich zwei Seiten: eine naive, harmlose, und eine sündhafte, sadistische. Das Spiel ist jenseits von gut und böse, aber diese unverbindliche Jenseitigkeit macht es gefährlich und damit schon böse sui generis.
Die wohl prominentste Neuerscheinung mit Bezug auf das Dritte Reich im vergangenen Jahr war Malte Herwigs Studie über die Flakhelfer. Er entwirft darin ein interessantes Psychogramm der Generation, die in den späten Zwanziger Jahren geboren wurde und das Kriegsende als Jugendliche erlebten, also den Eindrücken ihrer Zeit voll ausgesetzt waren. Die Integration beziehungsweise Nicht-Integration dieser Eindrücke, oftmals das Verleugnen der eigenen – und sei sie auch nur formell – Verstrickung ins NS-System wurde für viele von ihnen die Lebensaufgabe schlechthin. Eine Hauptrolle spielt die NSDAP-Mitgliedschaft, die Herwig ausgerechnet bei ihnen, den späteren Lehrmeistern der deutschen Nachkriegsdemokratie, in hoher Dichte nachweist. Dennoch: eine dezidierte ideologische Affinität wollte und konnte er ihnen in corpore nicht nachweisen, und das wäre auch unsinnig gewesen bei einer Gruppe, deren Altersdurchschnitt bei Kriegsende bei sechzehn, vielleicht höchstens zwanzig Jahren lag. Sie waren, von der geistigen Entwicklung her, halbe Kinder, und als Handlungen von halben Kindern sind ihre Handlungen, und sei es der Eintritt in die NSDAP wie bei Hans-Dietrich Genscher oder gar in die Waffen-SS wie bei Günter Grass, zu beurteilen.
Das ganz große Medienecho blieb diesem Buch folglich versagt. Interessant ist aber der Schluss, den man aus ihm ziehen konnte: dass nämlich historische Strukturen nicht nur eine dogmatische, normative, sondern auch eine deskriptive, auratische Seite haben. Diese auratische Dimension ist die, in der sich unser äußeres Leben eigentlich abspielt. Sie determinierte die Menschen 1933, Hitler zu wählen, so wie sie ihre Kinder 1945 dazu determinierte, wirklich „bis zum letzten Atemzug“ kämpfen zu wollen, auch wenn man wusste, dass dies sinn- und zwecklos sein würde. Diese billige Wahrheit mag die Altvorderen irritieren und desorientieren; tatsächlich liegt in ihr das Geheimnis historischer Erfahrung: die Faktizitäten zählen, nicht die Normen, unter denen sie stehen. Diese sind darum zwar nicht weniger in Geltung; aber ins Gewicht fallen sie erst, wenn die Fakten Geschichte geworden sind.
Die Geschichte selber aber ist – eine billige Weisheit, gewiss – immer das Produkt der jeweiligen Gegenwart. Die unmittelbare und mittelbare Nachkriegszeit, also die Zeit zwischen 1945 und 1968 beziehungsweise zwischen 1945 und 1990 oder auch 2001 war bestimmt von der unmittelbaren Erfahrung des Weltkrieges. Hitler und der Vergleich beziehungsweise Nicht-Vergleich mit ihm war in Politik und Medien omnipräsent. Seit dem elften September hat sich dies grundlegend gewandelt. Die politischen Konstellationen auf der Welt sind definitiv andere geworden in gewisser Weise findet gerade eine Reaktivierung von Frontstellungen statt, die es so zuletzt im Mittelalter gab – hier der Westen, dort die islamische Welt. Zugleich sind wir – auch das eigentlich eine „orientalische“, sehr gegenständliche, körperliche Entwicklung – tief eingetaucht ins Äon der jederzeitigen Verfügbarkeit von Ware und Information. Wir leben tatsächlich in einem Global Village, in einem Weltdorf. Die schrittweise Verbilligung der alltäglichen Lebenshaltung – paradoxe Begleiterscheinung einer krassen Inflation, die seit den späten Achtziger Jahren ununterbrochen im Gang ist – trägt das Ihre dazu bei, dass mittlerweile entweder jeder jedes topographische Ziel erreichen kann, oder aber jedenfalls die Mittel dazu hat, sich so umfassend zu informieren, als hätte er schon alles erlebt, als wäre er schon überall gewesen.
Aus dieser Auratik heraus erklärt sich wiederum die Auratik, mit der unser heutiges historisches Bewusstsein das Äon vor 1945 umgibt. Wir behandeln diese Phase nicht mehr mit der moralischen Finesse, die die Generationen vor uns, wollten sie redlich und vor allem reinen Gewissens bleiben, unbedingt einhalten mussten; sondern wir erlauben uns stillschweigend, sie vor allem als horrende Kuriosität zu betrachten, die in sich noch einmal das ganze Spektrum des politisch Erfahrbaren, die Politik als Schicksal in seiner krassesten, aberwitzigsten, schrecklichsten Form hatte auftreten lassen. In extremer, schauerlicher Verdichtung brachen da die menschlichen Urenergien hervor – so nackt und atavistisch, dass sie sich jede auch nur irgendwie sinngebende rationale Camouflage sparten.
Die politischen Konstellationen unsere Gegenwart, also des Jahrs 2014, sind nämlich kein Produkt des Zweiten Weltkrieges. Sie wurden bereits 1918, genauer: im Jahrzehnt des Ersten Weltkrieges vorgezeichnet: das Heranwachsen der USA und Russlands zu Supermächten; das Erwachen Chinas aus seinem Dornröschenschlaf; die militärische Selbstruinierung des alten Europa mit Deutschland als heimlichem Sieger; schließlich das Zerbrechen des Osmanischen Reiches und damit das Erwachen des politischen Islam, der seit der Einnahme von Konstantinopels fünfhundert Jahre lang geschlafen hatte. In der Tat muss man, geht man nach der bloßen Faktenlage, viel eher 1914 als 1945 als Geburtsjahr der Nachneuzeit ansehen, und genau so hat es ja auch etwa Christian Graf von Krockow in seiner Studie „Die Entscheidung“ zur geistigen Lage der Zwischenkriegszeit von 1954 getan.
Dennoch wäre der Ausklang der Neuzeit nicht komplett ohne das was sich zwischen 1914 und 1945 abspielte. Dieser so genannte zweite Dreißigjährige Krieg – wie oft ist dieses Schlagwort in den letzten Jahren in Literatur und Medien gefallen! – war das Resümee all dessen, was Europa in den letzten fünfhundert Jahren ausgemacht hatte. Auf Unsicherheit folgte die Chaotisierung des Kontinents durch Hitler, und auf das Chaos endlich die Friedensordnung, die sich Europa immer gewünscht hatte. Denn es gehört zu den typischen und doch immer wieder irritierenden Paradoxien der Geschichte, dass das Gegensätzliche einander bedingt. Aus dem Geist der Massenvernichtung erwuchs in kürzester Zeit der Gedanke der Massenversöhnung und der Massenwohlfahrt. Nie hat sich die Welt in so kurzer Zeit so radikal verändert wie in den einhundert Jahren zwischen 1914 und 2014.
Zweiter Weltkrieg und Holocaust erscheinen im Rückblick vielleicht nicht als Hegelsche „List der Vernunft“, wohl aber als notwendige Retardation zu den archaischen Ursprüngen Europas, die noch einmal aufzeigen sollte, auf welchem infernalischen Horizont das „gute Leben“ erst gedeiht. Eine Lust am Inferno gibt es heute ganz gewiss nicht; aber eine gruselige Faszination für das Harte, Grausame und Extreme. Nicht die Gewalt an sich fasziniert; sondern das Gewaltsame, der Gestus des Überweltlichen, mit dem die weltlichsten Dinge überhaupt ins Werk gesetzt werden. Das Politische heute ist so tatsachenbezogen, so steinkalt, so trocken geworden, die Politiker selber so unauratisch und gewöhnlich, dass man sich seien heroischen Imagines aus der Geschichte holt. Nach ihnen aber wird heute wieder verstärkt nachgefragt; nicht aus politischen Motiven, aber aus persönlicher Befindlichkeit heraus. Der Mensch ist in seiner Individualisierung so weit fortgeschritten, dass er dann und wann davon träumt, diese Individualität wieder einzutauschen gegen das sklavische, aber unheimlich fruchtbare Dasein als „Menschenmaterial“, das seine Vorfahren noch vor einem Jahrhundert geführt haben.
Auf diesem Grund gedeiht gegenwärtig eine merkwürdige Entwicklung, infolge derer man aufs Dritte Reich und Hitler eben nicht mehr als auf historische Singularitäten schaut, sondern nur mehr als auf eine einzigartig dichte Zusammenballung von Kräften, wie sie in der Geschichte anfänglich gewirkt haben und ursprünglich, ob offen oder latent, weiterwirken. Die Geschichtskultur, die sich seit den Neunziger Jahren mit ihren TV-Dokumentationen in Endlosschleife und ihren Abertausenden von Sach- und Fachbüchern entwickelt hat, hat diesem klammheimlichen Bedürfnis nach Vergegenwärtigung des Radikalen, Harten und Gigantischen ungebremst und kontinuierlich Vorschub geleistet. Genau dieser Geschichtskultur aber verdankt es sich, dass das, wovor man jahrzehntelang Angst hatte: die so genannte „Historisierung“ des Dritten Reiches, im Verborgenen längst stattgefunden hat.
Ob sich nun ein Berliner Rapper und seine Clique untereinander mit noms de guerres aus der Führungsriege der Nazis anreden; ob sich junge Männer auf Youtube den Riefenstahl-Parteitagsfilm „Triumph des Willens “anschauen; ob Leute, von denen man es nie erwarten würde, wie zum Beispiel Kfz-Meister und Immobilienmakler mit detaillierten Kenntnissen über Wehrmacht und Waffen-SS glänzen: das Dritte Reich ist allgegenwärtig, und zwar, dies das Merkwürdige, nicht als Erinnerungs-, sondern als Alltagssubkultur. Es ist Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden mit jenem popkulturellen Einschlag, der typisch ist für den alltäglichen, scheinbar schwerelosen Umgang mit der Vergangenheit. Geschichte nicht mehr als moralische Unterweisung, sondern als „Show“ – wir Deutsche lernen hier etwas kennen, was für Engländer, Amerikaner und Franzosen, wie für alle übrigen Nationen auch, längst selbstverständlich und normal ist.
Dieser heimliche Wandel im Umgang mit, im Zugriff auf unsere Geschichte hat sicher auch seinen Platz in dem Gesamtpanorama der Entwicklung Deutschlands zur tonangebenden Wirtschaftsmacht in der westlichen Welt seit dem Platzen der New-Economy-Blase und dem 11. September 2001. Aus dem biedern Westdeutschland Helmut Kohls ist unter seiner Elevin Merkel quasi im Handumdrehen der Tonangeber nicht nur Europas, sondern der atlantischen Welt überhaupt geworden. Was unter all den harten, männlichen Leitfiguren, die die deutsche Geschichte der Neuzeit in so einzigartiger, überschießender Dichte hervorgebracht hat, nur ein müder Traum gewesen war: Angela Merkel ist es gelungen. Sei es die Eurokrise oder die amerikanische Außenpolitik: hier wie dort schaut man auf Deutschland als den Arbiter und seine Kanzlerin, dieses merkwürdig geschlechtslose, sphinxhafte, aber irgendwie allwissende Mutterwesen als Wegweiserin.
Auf dieser Kontrastfolie – der unherrischen Herrschaft einer unfraulichen Frau – entsteht das Bedürfnis nach Reidentifizierung mit Männlichkeit und Heroentum, wie es vor kaum einem Dreivierteljahrhundert noch die politischen Faktizitäten bestimmte. Selbst Kennedy, der Don Juan im Weißen Haus, dem aber seine Kriegsverletzung das orphische Signum des Leidenden und Vielgeliebten gab, hatte noch die ganz klassische Aura des Führers, und als solcher wurde er von den Mensche gesehen und begrüßt, nicht zuletzt von den Berlinern 1962. Filme wie „Rommel “aus der bewährten Münchner Unterhaltungsschmiede Teamworx bedienten geschickt und unter dem legitimen Mäntelchen, sowohl politisch als auch historisch wirklich und bis in die Fingerspitzen korrekt zu sein, die Sehnsüchte nach „manliness“ und Führung, nach heroischer Dramatik und militaristischer Emphase, die bei jungen Frauen und Männern heutzutage sehr, sehr präsent sind. In Deutschland hat sich in den letzten zehn Jahren ein bestimmtes Ideal von Männlichkeit entwickelt, das den Habitus des Metrosexuellen und des Hipsters geschickt adaptiert hat, um ihn aber hinter sich zu lassen und zusammenzuführen mit dem Habitus des smarten, weltläufigen Kriegers. James Bond als Wehrmachtsoffizier, Goethe und Generalstab, Sherlock Holmes und Prinz William – die Synthese des scheinbar Antinomen hat die deutsche Heroen- und Herrenphantasie längst vollzogen, mit dem Panorama der Kriegszeit als virtuellem Abenteuerspielplatz, auf dem der Heros sich zu bewähren hat.
Die deutsche Gesellschaft ist mit meiner Generation, so viel lässt sich sagen, aus der Bräsigkeit der Nachkriegsjahrzehnte und der Achtziger Jahre erwacht. Mit den scheinbar konträren Matrizes von Pop- und Geschichtskultur hat sie sich – oder sie ist gerade dabei – ein eigenes kollektives Über-Ich erarbeitet, mit dem sich operieren lässt: im Privaten, indem man sich und seinen alltäglichen Lebenskampf, der durch die Wirtschafts- und Finanzkrise nicht leichter geworden ist, emphatisch mit den Topoi eines vergangenen Heroentums identifiziert; im Politischen dadurch, indem man diese Topoi bewusst ausblendet und einen möglichst staubtrockenen Pragmatismus pflegt. Auch deshalb ist Angela Merkels Position im achten Jahr ihrer Kanzlerschaft stabiler denn je: erstens will man keinen Heroen auf ihrem Thron; und zweitens haben die heroischen Typen selber wenig Lust auf das Bohren dicker Bretter, was Politik heute beinahe ausschließlich noch ist. Ihr Kampfplatz ist das Leben, ihr Schlachtfeld ist die Liebe: das reicht, dadurch sind sie genügend herausgefordert. Politiker wird beziehungsweise bleibt heute nur noch, wer es wirklich im zivilen Leben nicht geschafft hat.
Eine politische Aufladung besitzt die Neubebwertung oder besser Neuauffassung der deutschen Geschichte durch die Deutschen folglich nicht. Man wird niemandem rechtes Gedankengut unterstellen können, nur weil ihn der Anblick von Uniformen fasziniert, weil er vom Zeremoniell des Großen Zapfenstreichs ergriffen ist oder sich dank ZDF History in der „jüngsten Vergangenheit“ erstaunlich gut auskennt. Existenzielle Streitbarkeit, eine gewisse auratische Militanz sind nichts Abseitiges oder Verpöntes mehr, sondern gehören zum Selbstbild zahlreicher Männer ebenso wie zum Erwartungshorizont von Frauen, die auf dem Prinzenmarkt nach dem männlichen Gesamtkunstwerk Ausschau halten. Die USA, mehr aber noch England mögen bei dieser Popularisierung des Historischen, die zugleich eine Historisierung des Pop bedeutet, Pate gestanden sein. Denn es zeichnet das Mutterland der Popkultur aus, dass sich in ihm stets die Extreme berühren: der von allen Rechtskonservativen angebetete Hort der Reaktion, der zugleich die älteste Tradition in Demokratie und Toleranz vorweisen kann. Die steifoberlippige Erbmonarchie, die von den Beatles bis zu Robbie Williams der Popmusik ihren Stempel aufgedrückt hat. Das Land, in dem auf einem Popkonzert die Prinzen William und Harry einer jubelnden Menge ganz protokollarisch korrekt als „their royal highnesses“ angekündigt werden.
Da ist es kein Wunder, dass England, als Nation ein Gesamtkunstwerk, in den Deutschen seine treuesten Bewunderer hat: Das Royal Wedding 2011 wurde in Deutschland mehr als in jedem anderen europäischen Land abgesehen von Großbritannien zum Mediengroßereignis: ein Mädchen, das einen echten Prinzen heiratet, der sie in der Uniform eines Gardeoffiziers, die Abzeichen eines Obersten auf der Schulter, mit Ordensschärpe über der trainierten Brust und den Offiziersdegen an der Seite zum Altar führt – hier werden uralte, ewige Sehnsüchte angetriggert, die in der moralisch entspannten Atmosphäre der Zehner Jahre zu reicher Blüte finden.
Moralisch ist das alles, wie gesagt, unbedenklich, aber es muss eben festgestellt werden. Die seltsamen moralphilosophischen Verkrampfungen der Grass, Walser und wie sie hießen liegen uns so meilenweit fern wie die pseudopolitische Ausflucht in eine Dogmatisierung des Alltäglichen, die den Sozialcharakter der Jahrgänge von den späten Fünfzigern bis zu den frühen Siebzigern beherrschte und auf deren Grund zum Beispiel die grüne Bewegung erwuchs; eine Bewegung von Bausparern und Neuwagenkäufern, kurz: von Leuten, die vom Ernst des Lebens, wie ihre Eltern sie kannten und wie wir ihn wieder kennen, nicht die leiseste Ahnung haben, und die auch deshalb so unheroisch, so ausstrahlungslos wirken. Das geile Liebäugeln mit dem Militarismus, mit dem Genus Grande, wie es die europäische Weltgeschichte einst bestimmte, passt bei uns ganz gut zu der oft beschämend knappen Alltagssituation, die für die bestausgebildete, qualifizierteste Generation seit je der Preis ist, den sie für ihren Schick, ihre Schneidigkeitk ihre Feingliedrigkeit zahlt.
Ein Kollege von mir aus dem katholischen Lager nannte diese Generation vor einigen Jahren die Generation Credo. Nun sind derlei übergreifende Zuschreibungen empirisch zweifellos problematisch; Fakt aber ist, dass wir, ob katholisch oder evangelisch oder einfach nur spirituell orientiert, uns dem Religiösen wieder mehr zuwenden – nicht um des Glaubens, sondern um der Aura, um der Verwurzelung, der Aufgehobenheit willen. Die Ablösungskämpfe der Generationen vor uns sind obsolet geworden in einer Zeit, in der alles kann und nichts muss; in der ohnehin alles erlaubt ist. Worum es uns geht, ist es, dem Leben eine Form zu geben, und wenn es geht: eine schöne und gute Form. Dasselbe Motiv aber gilt für unser Geschichtsbewusstsein: es geht um Formgebung, es geht um die Widerlegung der Behauptung Hannah Arendts, das Weltkriegszeitalter habe uns Nachgeborene in Weltlosigkeit erzogen und weltlos hinterlassen.
Tatsächlich ist kein Mensch und ebenso keine Epoche weltlos; gerade weil nämlich jeder Mensch und jede Epoche in seiner und ihrer Unmittelbarkeit zu Gott gewiss einzigartig ist, und dies jenseits von ihrer moralischen Qualität, die etwas irdisches und daher immer nur vorläufig ist. Das Dogma von der Singularität des Weltkriegszeitalters und des Dritten Reiches hat genau diesen Topos produziert: seither fühlte man sich als wie aus der Zeit gefallen, und der bundesdeutsche Nationalcharakter, wenn man davon sprechen darf oder kann, wurde genau von diesem Topos in der Tiefe geprägt. Ich erinnere mich noch gut an den TV-Spot, mit dem 2001 die Einführung des Euro beworben wurde: da war die Rede von Millionen von Träumen, da sang eine merkwürdig triste Frauenstimme „Auf Wiedersehen, D-Mark“. Als ob man zu einer Währung Aufwiedersehen sagen könnte!
Unsere Generation ist die erste, die ohne Ideologie und ohne Verkrampfung wieder holistisch, ganzheitlich auf die Vergangenheit und damit auf das Welt- und Geschichtsganze an sich blicken kann. Dafür, und für nichts weiter, ist die Historisierung der NS-Vergangenheit Indiz. Auch nach außen werden die letzten Schlacken dieser Vergangenheit abgetragen: die Aufarbeitung des Flakhelfer-Traumas, von der schon die Rede war, einige viel zu späte Strafprozesse gegen NS-Täter, das brisante Spiel mit Hitlervergleichen natürlich, mit denen die gebeutelte Bevölkerung in den Krisenländern regelmäßig Angela Merkel und die Deutschen überzieht, ohne das freilich zu ernst zu meinen.
Freilich: unser Holismus ist nicht unser Verdienst, wie überhaupt keine Haltung per se verdienstvoll ist. Er ergibt sich schlicht aus der geistigen Situation der Zeit: wir stehen gleichsam mitten in einer neuen Renaissance und haben den Scheitelpunkt des Übergangs zwischen Neuzeit und Nachneuzeit schon hinter uns. Wir sind nicht mehr weltlos, sondern sind gerade dabei, uns eine neue Welt zu bauen, die Fundamente einer künftigen Geschichte zu legen. Das gibt uns die geistige Kraft, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und ihr damit das Recht zu geben, das sie so oder so, im Guten wie im Bösen, für sich reklamiert. Singulär und ahistorisch ist immer nur die unmittelbare, nicht fang- und fassbare Gegenwart; die Vergangenheit aber, die Geschichte ist das Bett, in das der Geist sich legt, wenn er sich ausruht von seiner Aufbauarbeit. Die „deutsche Vergangenheit“ ist eine Vergangenheit geworden wie andere Vergangenheiten auch; man mag das verurteilen, aber es ist ein Faktum, das nicht zu ändern ist. Und es ist, so viel lässt sich guten Gewissens sagen, alles, bloß keine Gefahr.

Obiger Essay entstand im Sommer 2013. Die weltpolitischen Ereignisse des Jahres 2014 – Gazakonflikt, Ukrainekrise, 4. Irakkrieg – werden in ihm nicht berücksichtigt.

Titelbild: Die Muse Kleio. Allegorischer Stich von Virgilius Solis, Nürnberg 1562. Quelle: Wikipedia.