Der Zusammenbruch Österreich-Ungarns im I. Weltkrieg 

Der Weltkrieg war auf österreichischem Territorium ausgebrochen. Österreich verlangte nach Rache an Serbien, Deutschland leistete ihm dabei bereitwillig Hilfe. Erst dadurch wurde der Krieg ein Weltkrieg. Doch Österreich war von Anfang an Deutschlands Juniorpartner, der k. u. k.-Kriegsschauplatz ein ständiges Zuschussgeschäft für das deutsche Heer.
Die österreichisch-ungarische Monarchie selber geriet durch den Krieg in die schwerste Krise seit ihrem Bestehen. Das Heer war rüstungstechnisch auf den Krieg nicht vorbereitet, die Kampfmoral der Truppe war miserabel. Generale und Offiziere waren in der Regel Deutsche oder Ungarn, die Mannschaften aber entstammten zum erheblichen Teil der armen slawischen Landbevölkerung des Vielvölkerreiches. Sie strebten nach Unabhängigkeit und eigenen Nationalstaaten. Die oftmals erniedrigende Behandlung durch ihre Vorgesetzten steigerte noch diesen Wunsch. Immer wieder gingen ganze Truppenteile mit slawischer Mehrheit geschlossen zu den Russen über oder verweigerten zumindest den Gehorsam.

Im Kampf erlitt die k. u. k. Armee fast durchweg Niederlagen. Sowohl gegen Serbien als auch gegen Rumänien und insbesondere Russland rettete sie jeweils erst das Eingreifen der Deutschen vor einer Katastrophe. Zudem verübten österreichische Einheiten vor allem in Galizien und auf dem Balkan schwere Kriegsverbrechen. Nur gegen Italien konnten die Alpentruppen, darunter besonders die legendären Kaiserjäger, Erfolge erzielen. Am Grenzfluss Isonzo im heutigen Slowenien wurde seit 1915 unaufhörlich gekämpft. In der zwölften und letzten Isonzoschlacht bei Karfreit/Caporetto im Oktober 1917 wurden die Italiener tatsächlich entscheidend geschlagen, wobei sich ein junger deutscher Kompanieführer namens Erwin Rommel den Pour-le-Mérite erwearb. Die Österreicher stießen bis zum Piave nach.

Dort endete allerdings ihr Siegeszug. Mit Unterstützung der Engländer und Amerikaner stabilisierten die Italiener ihre Front und konnten so später bei den Pariser Friedensverträgen nach den drei Westmächten als vierte große Siegermacht auftreten. 

In Österreich-Ungarn, dessen Kriegswirtschaft ohne deutsche Hilfsleistungen nicht überlebensfähig war, wuchs derweil die Unzufriedenheit, Soldaten und Zivilbevölkerung litten Armut und Hunger. Der Separatismus blühte und die Völker der Monarchie planten bereits für die Zeit nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches, so die drei südslawischen Nationen in der Deklaration von Korfu im Juli 1917. 

Um dieser Entwicklung vorzubeugen, erließ Kaiser Karl I., der im November 1916 dem greisen Franz Joseph I. auf dem Thron gefolgt war, am 16. Oktober 1918 sein „Völkermanifest“. Er versprach darin insbesondere den Slawen eine begrenzte politische Autonomie. Doch sein Ruf verhallte ungehört. Am 29. Oktober 1918 wurde der südslawische SHS-Staat, bestehend aus Serbien, Kroatien und Slowenien, ausgerufen. Am 31. erklärte die amtierende ungarische Regierung das Ausscheiden Ungarns aus dem Reichsverband mit Österreich. Das Habsburgerreich in seiner seit dem 16. Jahrhundert bestehenden Ausdehnung hatte aufgehört zu existieren.

Kurz darauf wurde die österreichische Armee in der dritten Piaveschlacht bei Vittorio Veneto von den Italienern geschlagen. Das Armeeoberkommando musste den Waffenstillstand von Villa Giusti unterzeichnen. Am 11. November, dem Tag des deutschen Waffenstillstands im Westen, erklärte Kaiser Karl schließlich seinen Thronverzicht und verließ das Land. Eine formelle Abdankung war es allerdings nicht: diese hielt er, darin bestärkt von seiner Gattin Zita, für unvereinbar mit dem Gedanken des Gottesgnadentums. Doch die über sechshundertjährige Herrschaft der Dynastie über die österreichischen Erblande war vorbei. 

In Österreich brach die Revolution aus. Am 12. November riefen die Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung Franz Dinghofer und Karl Seitz vor dem Parlamentsgebäude in Wien die “Republik Deutschösterreich” aus. Im Land kam es zu tiefgreifenden Reformen. Der Adel wurde abgeschafft. Aus dem „Oberhaus Europas“ mit seinen strengen Standesschranken wurde unter dem neuen Staatskanzler, dem Sozialdemokraten Karl Renner, eine Republik. Die neue territoriale Ordnung aber wurde von den Siegermächten in den Verträgen von Saint-Germain-en-Laye (September 1919) und Trianon (Juni 1920) festgelegt: Das Königreich Böhmen ging in der Tschechoslowakei auf, Ungarn wurde selbständig, allerdings in weitaus engeren Grenzen als vorher, Siebenbürgen ging an Rumänien, die Balkanländer, darunter auch Bosnien-Herzegowina, gingen im Königreich Jugoslawien unter serbischer Führung auf, Tirol und Istrien fielen an Italien, das weißrussische Galizien teils an Polen, teils an die spätere Sowjetunion. Dem Reststaat Österreich selber wurde die Bezeichnung „Deutschösterreich“ sowie der Anschluss an das Deutsche Reich verboten, obwohl er von den demokratisch gewählten Regierungen beider Länder beschlossen worden war.

Mit Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich gingen jene Vielvölkerimperien unter, die sich in den vorangegangenen tausend Jahren in Südosteuropa auf dem Gebiet des alten byzantinischen Reiches etabliert hatten. An ihrer Stelle  entstanden nun Nationalstaaten, in denen freilich Spannungen zwischen ethnischer Majorität und Minoritäten vorprogrammiert waren. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das der amerikanische Präsident Woodrow Wilson vor dem Ende des Weltkrieges in seinem Vierzehn-Punkte-Plan so emphatisch beschworen hatte, unterlag letztlich der Auslegung und Anwendung durch die Sieger.
Header: Thronvezichtserklärung Kaiser Karls I., 11.11.1918 (oben). Ausrufung der Republik Deutschösterreich vor dem Parlamentsgebäude in Wien, 12.11.1918 (unten). Quelle: Wikimedia Commons
Der Text erschien in: Ralf-Georg Reuth, Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München 2014. © Konstantin Sakkas

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Europas 11. September. Der Terroranschlag von Paris und Deutschlands europäische Verantwortung

Repost anlässlich des islamistischen Terroanschlags in Paris am 13 November 2015
Ganz Europa erwartet von Deutschland ein Wort der Richtung, eine Geste der Führung in der aktuellen Krise, die sich so entwickelt, als habe Samuel Huntington (1927-2008), der Prophet des „Kampfes der Kulturen“, das Drehbuch zu ihr geschrieben. Von Paris bis Athen, von Madrid bis Warschau hoffen die Völker der Europäischen Union darauf, dass Deutschland, das sich in den vergangenen zweihundert Jahren seit dem Wiener Kongress zur Führungsmacht Europas entwickelt hat, dieser Rolle nun auch endlich gerecht werde. Denn die orientalische Krise, das lehren die letzten Wochen und Monate, tangiert Europa unmittelbar.
Um auf diesem Feld angemessen agieren, um seiner Rolle als Ordnungsmacht adäquat gerecht werden zu können, bedarf es in Deutschland freilich zuallererst einer Klärung des historischen Standortes: des eigenen und des europäischen. Die wohlfeile politisch korrekte Empörung über Rechtsruck und Rechtsregime in Polen und Ungarn, die Vorwürfe gegenüber dem Verhalten der Balkanstaaten und Österreichs ignorieren vollkommen die historische Dimension der aktuellen Vorgänge in der Levante und in Vorderasien. Natürlich ist man in Ungarn, das anders als Deutschland zudem kein reiches Land ist, über den Flüchtlingszustrom besorgt! Während des letzten halben Jahrtausends war Budapest 150 Jahre lang von den Türken besetzt, während die Heere des Sultans nur zweimal, 1529 und 1683, knapp die Einnahme Wiens und damit den Durchbruch nach Zentraleuropa verfehlten. Die Geschichte des Balkans, Griechenland inbegriffen, in den letzten tausend Jahren ist die Geschichte eines einzigen erbitterten Kampfes um die Bewahrung seiner religiösen, politischen und kulturellen Identität. Der europäischen Idee und dem europäischen Zusammenhalt ist nicht geholfen, wenn das offizielle und offiziöse Deutschland weiterhin so tut, als kenne es diese Zusammenhänge nicht. Das Gedächtnis der Nationen reicht weit, sicherlich weiter als bis 1945.
So viel zum Historischen. Wenn nun Deutschland nicht selbst in absehbarer Zeit innen- und sozialpolitisch ersticken will unter dem Ansturm der Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten, der durch die Arabellion, durch den systematischen Umsturz der autoritären, aber stabilen und stabilisierenden Regimes im Orient ausgelöst wurde: dann muss es sich trauen, in die Weltpolitik, die sich – natürlich, möchte man sagen – wieder einmal im Orient abspielt, aktiv einzugreifen. Statt den kryptoislamistischen türkischen Staatschef Erdogan zu hofieren, täte man besser daran, die Bildung säkularer, wirtschaftlich handlungsfähiger Staaten im Nahen Osten zu unterstützen und möglicherweise auch über eine Neustrukturierung des Vielvölkerstaates zwischen Dardanellen und Mesopotamien zumindest nachzudenken. Denn dass das Dogma des Demokratieexports, unter dem Bush junior und Obama ihre Feldzüge im Orient geführt haben, ein bloßer Vorwand war zur Sicherung von Ölquellen, Handelswegen und Absatzmärkten, dürfte inzwischen eine Binsenweisheit sein.
Wir Europäer, deren östlicher Flügel der Orient ja buchstäblich ist, können und dürfen uns nicht dieselbe Handlungsweise gestatten wie das insulare Amerika, das umso bedenkenloser Verwirrung in fernen Regionen stiften kann, als diese weit weg sind vom amerikanischen Mutterland. Wir Europäer sind unmittelbare Anrainer des Orients, die Türkei ragt bis aufs europäische Festland mit dem ausgehungerten Griechenland und dem strukturschwachen Bulgarien als unmittelbaren Nachbarn. Über tausenddreihundert Jahre lang, vom Beginn der arabisch-islamischen Expansion im siebten Jahrhundert nach Christus, bis zum Vertrag von Lausanne 1923, mit dem der griechisch-türkische Krieg und damit eigentlich erst der Erste Weltkrieg beendet wurde, wurde die Politik und die territoriale Gestalt Europas maßgeblich, wenn nicht sogar ausschließlich von den orientalischen Verhältnissen bestimmt. Diese Verhältnisse sind in den vergangenen Jahrzehnten nicht einfach verschwunden; höchstens wurden sie überlagert durch den Ost-West-Konflikt und kehren nun seit dessen Ende, seit den Neunzigerjahren, immer mehr ins öffentliche Bewusstsein zurück.
Bei alldem geht es nicht um Nationalismus, und auch nicht um Säbelgerassel; sondern es geht um Verantwortung. Unsere europäischen Nachbarn sehen das ganz klar; denn die fürchten sich ganz und gar nicht vor einem starken, wohl aber vor einem wankelmütigen und indolenten Deutschland. Sollte aber dieses Deutschland auf blutigen Wegen und Umwegen die wirtschaftliche und damit zugleich auch politische Hegemonialmacht Europas geworden sein, nur um damit nichts anzufangen wissen: dann wäre es lieber ein geteiltes und besetztes Land geblieben.
Die Zeit der Scheckbuchdiplomatie ist vorbei. Der Westen, jedenfalls Deutschland sollte sich gut überlegen, ob es weiterhin schwere Waffen an Länder exportiert, deren Kollaboration mit dem islamistischen Terror einwandfrei belegt oder belegbar ist. Deutschland sollte sich nicht weiter von den Ereignissen treiben lassen, sondern schnellstens einen intellektuell hochkarätigen Think Tank zusammenstellen, der eine eigene, mit historischen Kenntnissen fundierte Mindmap vorlegt zum Schicksal und zu Zukunft der Levante und des Orients. Und Deutschland sollte nicht nur hier im Lande die nötige und auch richtige humanitäre Hilfe leisten für die ankommenden Flüchtlinge; sondern es sollte und es muss in der Türkei und im Nahen Osten mit allen zu Gebote stehenden Mitteln darauf hinwirken, dass die dortigen Verhältnisse sich dahingehend ändern, dass die Menschen in diesen Ländern wieder eine Perspektive bekommen. Sonst ist nämlich nicht nur der Orient verloren – sondern auf lange Frist auch der Okzident, auch Europa. Die Geschichte spricht hierüber Bände, und die Geschichte irrt sich nicht.


Header: Französische Sicherheitkräfte patrouillieren vor der Kirche Notre-dame-de-Paris. Paris, Nacht vom 13. zum 14. November 2015. 

Notabene: Obiger Text wurde am 1. November 2015 vom Deutschlandradio Kultur zur Publikation als “politisches Feuilleton” abgelehnt. Zwölf Tage später kam es in Paris zum bisher schwersten islamistischen Terroranschlag in Europa mit bislang mindestens 140 bestätigten Todesopfern und hunderten Verletzten. (Stand: 14. November nachmittags)