Die Causa Özil ist in Wahrheit eine Causa Erdogan

Nicht türkischer Patriotismus, sondern der türkische Nationalismus ist das Problem

Lange habe ich gezögert, mich zur Causa Özil zu äußern. Denn gleich dreifach fühle ich mich durch sie persönlich angesprochen: als Fußballfan, der den Sport leidenschaftlich verfolgt. Als Deutscher, der durch den Komplex Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in besonderer Weise historisch belastet ist. Und als Grieche, den ein spezielles Verhältnis mit dem Türkischen verbindet, das noch älter und tiefer ist als das deutsch-türkische Verhältnis.

Vorab: man muss Özils oft sehr zurückgenommene Selbstdarstellung auf und neben dem Spielfeld nicht mögen. Doch die Statistik spricht für sich: kein Mittelfeldspieler hat in den vergangenen Jahren in der deutschen Nationalelf so viele Torvorlagen geliefert wie Mesut Özil, und der Weltmeistertitel 2014 ist auch sein Verdienst. Bei einer solchen spielerischen Bilanz nachzutreten und ihm, wie es jüngst Uli Hoeneß tat, vorzuhalten, er habe zuletzt „nur einen Dreck gespielt“, ist unwürdig und schäbig – unabhängig davon, dass Özil bei seiner letzten WM in diesem Jahr tatsächlich versagte und, etwa im Südkoreaspiel, massenweise Chancen vergab. Ehre, wem Ehre gebührt.

Gegen Özil Patriotismus ist nichts einzuwenden

Etwas anders liegt die Sache beim leidigen Erdogan-Thema. Nun ist patriotisches Brimborium außerhalb Deutschlands nicht nur nicht ungewöhnlich, sondern gehört fest zur populären Kultur, so gut wie überall auf der Welt. Meine deutschamerikanischen Expartnerinnen mutierten gerne mal zu geradezu fanatischen US-Amerikanerinnen, denn das gehört sich nun mal. Ich selber habe meine erste Militärparade im Griechenlandurlaub in Athen erlebt: Mein Opa hatte mich mitgenommen, es war Anfang der Neunziger, und ich weiß heute noch, dass ich den Anblick der schier endlosen marschierenden Kolonnen, der aufgesessenen Artillerie und natürlich den Überflug der Luftwaffenformationen sehr genossen habe – auch wenn es heiß war und ich, wie alle Kinder, ellenlanges Herumlaufen und -stehen in der großstädtischen Sommerhitze eigentlich zutiefst hasste.

Und um schließlich nochmals auf die Fußball-Weltmeisterschaft zurückzukommen: wer sah, wie nach dem siegreichen Finale im Lushniki-Stadion der immer lustige, immer zu einem Scherz aufgelegte Antoine Griezmann vor seinem, kaum zehn Jahre älteren, Staatspräsidenten Emanuel Macron im strömenden Regen salutierte; wer anschließend Macron in der Kabine mit Pogba, Mbappé und Umtiti herumalbern sah, der wusste: dieser Sieg und diese Siegerehrung waren auch ein Akt der patriotischen Selbstvergewisserung eines Landes, das sich längst in einer wirtschaftlichen und auch politischen Krise befindet. Dieser Patriotismus aber ist nichts Dogmatisches oder gar Gewaltvolles, sondern etwas Spielerisches, quasi ein Rollenspiel mit der eigenen nationellen Identität, hilfreich eben bei der existenziellen Selbstvergewisserung, aber mehr auch nicht.

Gegen den patriotischen Gehalt in Özils Inszenierung mit Erdogan mitsamt einem zum Teil reichlich altmodischen Gepräge („hochachtungsvoll, für meinen Präsidenten“) ist also aus meiner Sicht nichts einzuwenden. Auch ich bin gerne Deutscher – und fühle dennoch in bestimmten Momenten sehr stark und sehr pathetisch den griechischen Anteil in mir. Das macht mich nicht weniger loyal gegenüber Deutschland.

Erdogan führt in Syrien einen lupenreinen Angriffskrieg

Problematisch aber ist hier die Figur Erdogans, und das heißt: die Figur, zu der er durch sein politisches Handeln in den vergangenen Jahren geworden ist. Erdogan führt in Syrien einen lupenreinen Angriffskrieg, der sich als Krisenintervention tarnt. Die Einnahme Afrins durch türkische Soldaten ist ein völkerrechtswidriger Akt, der indessen von der Weltgemeinschaft bislang nahezu widerspruchslos hingenommen wird. Die Gefangennahme und Inhaftierung Deniz Yücels war ebenso ein Rechtsbruch und mit den Normen des internationalen politischen Liberalismus nicht in Einklang zu bringen. Daran ändert auch nichts, dass sie womöglich als Retourkutsche für das abscheuliche so genannte „Schmähgedicht“ von Jan Böhmermann aus dem Jahr 2016 gedacht war, dessen Inhalt und Aussage sich bekanntlich Yücels Arbeitgeber, Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, coram publico„zu eigen gemacht“ hatte. Einen Journalisten wie Yücel, der einfach nur seien Job macht, dafür durch Einzelhaft büßen zu lassen, wäre derart Ausdruck eines vordemokratischen, autokratischen Politikverständnisses, dass er vielleicht in Game of Thrones passen würde, aber schwerlich ins Jahr 2018.

Man kann ein großer, mächtiger Staat sein, ohne Recht zu brechen, wenigstens nicht derart eklatant. Kein Journalist der New York Times, kein Mitarbeiter der BILD-Zeitung muss fürchten, im Gefängnis zu landen, wenn er oder sie Donald Trump oder Angela Merkel öffentlich kritisiert.

Erschwerend kommt im Fall Özil, der eigentlich ein Fall Erdogan ist, hinzu, dass sich Erdogan auf eine nationalistische Tradition stützen kann, die in seinem Land fester verankert ist als in vielen anderen modernen Gesellschaften. Wie das Deutsche Reich wurde das Osmanische Reich 1919 von den (westlichen) Siegermächten zerschlagen, doch anders als Deutschland hat der türkische Nationalismus und Expansionismus nie einen derart scharfen Dämpfer erhalten wie Deutschland schließlich 1945.

Seit 1974 hält die Türkei Nordzypern völkerrechtswidrig besetzt

Das sieht man an der politischen Kultur wie an der (außen)politischen Praxis der Türkei gestern wie heute. Seit 1974 hält die türkische Armee das nördliche Drittel Zyperns besetzt – gegen das Völkerrecht und gegen den Willen der Weltgemeinschaft. Bis heute hat kein Staat, nicht die USA, nicht Russland, das türkische Protektorat über Nordzypern anerkannt. Bis heute kommt es beinahe im Wochentakt zu Verletzungen des griechischen Hoheitsgebiets in der Ägäis durch die türkische Luftwaffe, ohne spürbare Sanktionen. Und im Syrienkrieg schließlich sieht Erdogan seine Chance gekommen, sein Territorium zu arrondieren – scheinbar legitimiert durch die Rolle als geopolitische Ordnungsmacht, die die Westmächte der Türkei mangels Alternativen gelassen haben – 1923 im Vertrag von Lausanne und 1952 durch den – synchron mit Griechenland vollzogenen – Beitritt zur NATO.

Die Türkei müsse sich vergrößern, hieß es vor einiger Zeit in einem O-Ton aus einer türkischen Stadt, der in den deutschen Hauptnachrichten gesendet wurde. Hier stellt sich die Frage: wie vergrößern, und in welche Richtung? Waren wir da nicht schon weiter?

Das Problem ist nicht der Islam. Das Problem ist der türkische Nationalismus

Die Causa Özil wirft ein Schlaglicht auf einen gefährlichen türkischen Nationalismus, der seine Sprengkraft aus seiner Anachronizität gewinnt – gerade auch im Vergleich mit seinem geopolitischen Umfeld. Deutscher oder griechischer Patriotismus etwa ist – abgesehen von den paar Verrückten, die tatsächlich noch ernsthaft von der Rückholung Konstantinopels träumen oder immer noch den verlorenen Ostgebieten hinterhertrauern – nicht mehr als eine pittoreske, durchaus liebenswerte Allüre. Und in der arabischen Welt sieht es ähnlich aus. Die Syrer singen in ihrer Hymne von Assur und Harun Ar-Raschid, die Ägypter sind stolz auf die Pharaonen, die Mamelucken und Muhammad Ali (den Feldherrn, nicht den Boxer) – doch beide wissen sie, dass ihre großen Zeiten als Nationalstaaten längst vorbei sind. Lieber sehen sie sich als Araber und als Muslime – was, entgegen einem leider auch in Deutschland häufig anzutreffenden Vorurteil, zur Schaffung und Stärkung demokratischer Strukturen und auch zu einer gewissen weltanschaulichen Liberalität eher beiträgt als nationalistische Borniertheit. Sowohl dem Konzept der westernness als auch dem des Panarabismus wohnt ein bestimmter Universalismus inne, der ethnische und ideologische Grenzen durchbricht und nach innen und außen für Verständigung sorgen kann.

Anders aber sieht es mit dem türkischen Nationalismus aus, der mit einer unseligen Wagenburgmentalität einhergeht. Die offensive Vereinnahmung Özils durch Erdogan ist ein Instrument dieses Nationalismus. Er bewirkt nicht Verständigung und Ausgleich, sondern er verschärft Widersprüche und führt schlimmstenfalls zur Eskalation.

Was uns Hoffnung geben kann: viele Türkinnen und Türken sehen die Sache genauso. Auch unter ihnen sind viele ein anachronistisches autoritäres Regime leid und wünschen sich demokratische Reformen und eine Überwindung des Nationalismus, der nicht in unsere Zeit passt. Mesut Özil aber kann man nur bedauernd zurufen: nicht Dein Patriotismus als Türke war der Funke, der das Pulverfass zur Explosion brachte. Sondern die konkrete Person dieses Präsidenten, mit dem Du Dich öffentlich identifiziert hast, und die Politik, für die er steht.

© Konstantin Johannes Sakkas, 2018. Header. Messt Özil (.) und Recep Tayyip Erdogan, 2018. Quelle: http://www.zdf.de

 

Nähe, nicht Fremdheit. Der Islam und wir.

Durch seine behauptete Voraussetzungslosigkeit schneidet sich der Westen selbst von seinen orientalischen Wurzeln ab

Seit 2001, eigentlich schon seit Huntington – an dessen Buch ich immer wieder „gescheitert“ bin, weil mir der Inhalt gegenüber den durch den Titel evozierten Erwartungen bei jedem Versuch schlicht zu banal vorkam – wurden wir – sofern nicht ausdrücklich links sozialisiert – erzogen, den Islam als gefährlich, expansionistisch und radikal, jedenfalls aber dem Westen fremd und dazu historisch überholt abzulehnen. Mein erster journalistischer Beitrag, in der Schülerzeitung meines Gymnasiums, ging ebenso in diese Richtung. Heute schäme ich mich der hochtrabend daherkommenden Naivität des Achtzehnjährigen.
In den Schulen nimmt man zwar Nathan den Weisen und vielleicht Mozarts Entführung durch, seit meiner Jugend auch das Leben des Malcom X und das Schicksal von Pakistanis im postkolonialen England. Carrie Mathison, die blonde, grünäugige Madonna des Westens, empfing eine Tochter mit dem schönen, germanischsten aller Mädchennamen, Frances, von einem Muslim, und sie half Abu Nazir dabei, Rache zu nehmen für den grausamen Tod seines Sohnes Issa an ihrem eigenen Oberbefehlshaber Walden, in dessen Figur man unschwer George W. Bush wiedererkannte (oder Trump antezipieren konnte).
Doch selbst heute erfährt man viel zu wenig – hier kann ich nur für Deutschland sprechen – über die enge Wesensverwandtschaft zwischen orientalisch-islamischer und christlich-europäischer Welt. Etwa darüber dass Maria, die Mutter Jesu, auch im Islam als Jungfrau gilt. Auch bei der Schilderung der beiden großen islamischen Fremdherrschaften in Europa, der in Spanien und der in Griechenland, wird gern geflissentlich unterschlagen, dass diese niemals so lange hätten Bestand haben können, wären sie nicht auch irgendwann gerecht und ertragbar geworden (insgeheim wissen die Spanier und Griechen das natürlich ganz genau).
Man zieht wieder gern eine imaginäre Trennlinie zwischen christlich-jüdischer und islamischer Kultur. Was für eine Idiotie! sage ich mir, nachdem ich neulich erst einem muslimischen Freund Schinkels Mausoleum der Königin Luise zeigte und selber zum wiederholten Mal darüber erstaunte, dass im Blickzentrum der Apsis doch nicht die vier mitteleuropäischen Sarkophage, auch nicht der der schönen Königin, stehen, sonder der Syrer am Kreuz, umgeben von in den Marmor gemeißelten Zitaten altorientalischer Prediger und Fürsten.
Was für eine Idiotie, sage ich mir auch, wo doch das Hebräische und Arabische einander ähnlicher sind als die romanische der germanischen Sprachfamilie. Von den 25 Propheten des Islam sind 24 Juden, Jesus übrigens inbegriffen. Das kultur- und geschichtsblinde exklusionistische Pochen aufs Christliche ist kein christlicher, auch kein abendländischer (was, wie Joschka Fischer erstaunlich klug klarstellte, im engeren Sinne ein mediterraner, kein atlantischer ist) Zug, sondern etwas Germanisches, Barbarisches, Seefahrerisch-Reitervölkisches.
Kein Wort darüber, dass der Orient nie einer Renaissance bedurfte, weil er kulturell niemals ein Mittelalter durchlaufen hat. In Nordeuropa musste man, über lange Umwege, die Tempel der Antike schlicht und einfach deshalb nachbauen, weil dort nie welche gestanden hatten. Die schöne Luise kam aus einem Landstrich, in dem noch im zweiten Jahrtausend das germanische Heidentum geherrscht hatte. Ihr, der Carrie Mathison von Mecklenburg-Strelitz, inmitten der barbarischen brandenburgischen Streusandbüchse mit ihren aus jedem Orts- und Adelsnamen Bände sprechenden heidnischen Überbleibseln ein christlich-jüdisches Grabmal in Form eines griechischen Monopteros zu setzen, entsprach der, schon damals verleugneten, weil nicht begriffenen, Orientalität dieser christlich-jüdischen Tradition selbst, aber insbesondere dem Bildungswillen und Bildungshunger des Germanentums, das Brücken zu etwas schlagen musste und wollte, mit dem das islamische Kernland immer verbunden gewesen war. Seine eigene Brücke, nämlich Byzanz, hatte Westeuropa längst aufgegeben,  bevor sie an die islamische Welt fiel.
In der Levante aber wuchs und wächst man seit je inmitten der Antike auf. Hier gab es kein finsteres Mittelalter, das mühsam abzuschütteln gewesen wäre. Dass die Griechen jemals aufgehört hätten, Griechisch zu sprechen, glauben nur Nordeuropäer, die mit dem Griechischen erst im sechzehnten Jahrhundert in Kontakt kamen. Im Orient funktionierte die Amalgamierung jüdisch-altarabischer Mythe (die, wie wir wissen, starke Einschläge in der griechisch-römischen Mythologie hinterließ), hellenistischer Gelehrtheit, mediterraner Stadt- und Handelsbürgerlichkeit und vorderasiatischer Staatslehre anstrengungslos.
Die Kreuzfahrer schauten sich dort ihre diesseitige Grals-Sex-Minne-und-Seefahrer-Eschatologie ab, die heute den common sense unserer gesamten Populär- und Hochkultur darstellt, und die Fürsten und Könige Europas den zentralisierten und rationalisierten Ordnungs- und Obrigkeitsstaat, mitsamt der, fürs Sultanat schon immer typischen, Abschaffung der Standesunterschiede, die in Europa jedoch so sehr in Stein gemeißelt dastanden, dass man dafür sage und schreibe mehr als achthundert Jahre brauchte. Auch dies ist eins der ungeschriebenen Ruhmesblätter Europas: dass sich Friedrich von Hohenstaufen und der Heilige Ludwig den modernen Staat (und mit ihm die moderne Toleranz und die strikte Trennung von Staat und Kirche) ebenso bei der islamisch-orientalischen Überlieferung abschauten wie die Gelehrten von Schottland bis Ungarn erst ihre Philosophie und dann ihre Naturwissenschaft.
Religion als Hingabe, als schwärmerisches Sich-ins-Meer-der-Liebe-Versenken und zugleich als kraftvoller, nicht redender, sondern handelnder Aufschlag, als jenes „Im Anfang war die Tat“, wonach der Germane sich immerzu sehnt: sie ist keine etwa immanent widersprüchliche und folgerichtig politisch neurotische Kreation des Islam, sondern tief in Geschichte und Charakter des Orient veranlagt.
Maria, die Gott-Mutter, in der wir die hundertbrüstige Artemis von Ephesos wiedererkennen, und Christos Pantokrator, Jesus nicht als Gemarterter mit Dornenkrone, sondern als imperialer, majestätischer All-Herrscher mit goldenem Heiligenschein: das Weibliche und das Männliche in reiner Vollkommenheit, in stolzer Ungebrochenheit: sie sind die Archetypen des Orientalischen. Nicht sie, nicht Judentum und Islam haben sich vom Christentum entfernt; sondern das Christentum, sich den ungepflegten, kulturlosen Barbarenheeren aus dem kalten Norden und Osten adaptierend, hat sich von seiner orientalischen Wurzel entfernt.
Das Christentum ist antiheroisch und antiintellektuell zugleich. Leiden, Selbstopfer, Demütigen und Gedemütigtwerden sind seine Konstanten, die ihm den freien Blick auf seine eigene Orientalität verstellen. Den Bezug zur frei waltenden Kraft und Schönheit hat es verloren. Er kann nicht wiederhergestellt werden, solange der Wunsch nach Erlösung überlagert wird von dem Komplex, überhaupt unerlöst zu sein. Das Dogma der eigenen Voraussetzungslosigkeit ist die erste Hürde, die fallen muss, will der europäische Westen jemals zu einer wirklichen Verständigung mit dem Orient kommen.
Header: „Sehet das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.“ Carrie Mathison, die amerikanische Madonna des Westens, empfängt den Leib des Herrn. Ein orientalischer Ritus und eine orientalische Mythologik – im katholischen Christentum wie im Islam, konvertiert in die westlich-atlantische Sehnsucht nach Erlösung im und durch das Orientalische, verkörpert in der Inkarnation Jesu. Szenenfoto mit der Hauptdarstellerin Claire Danes aus der Serie Homeland, Season 5, Episode 1, © Showtime 2015.
© Konstantin Johannes Sakkas, 2017. All rights reserved.

Der Erste Weltkrieg im Nahen Osten

Der Erste Weltkrieg war ein Weltkrieg im buchstäblichen Sinne. Er wurde nicht nur auf dem europäischen Kriegsschauplatz ausgetragen, sondern auch auf allen Weltmeeren, in Afrika – und im Nahen Osten.

Auf Seiten der Mittelmächte kämpfte seit August 1914 auch das Osmanische Reich. Der „kranke Mann am Bosporus“ war ein Vielvölkerstaat, das islamische Pendant zum katholischen Österreich-Ungarn, mit dem gemeinsam es im fünfzehnten Jahrhundert die Nachfolge des gefallenen Oströmischen Reiches, die Nachfolge von Byzanz angetreten hatte. Der Sultan in Konstantinopel, wie die frühere Hauptstadt des griechisch-römischen Kaiserreiches nach wie vor hieß, herrschte nicht nur über die Türkei, sondern über den gesamten Nahen Osten unter Einschluss von Mesopotamien und Teilen der arabischen Halbinsel.Im Innern rückschrittlich und nach westlichen Standards desorganisiert, gewährleistete dieses Reich seinen Bewohnern dennoch Ruhe, Ordnung und eine gewisse Toleranz.

Gleichwohl fand die arabische Bevölkerung, in der seit dem späten achtzehnten Jahrhundert der Wahabitismus, eine besonders aggressive und missionarische Strömung innerhalb des sunnitischen Islam, blühte, im Zeitalter des Nationalismus nach und nach Gefallen am Gedanken der Unabhängigkeit. Bei Kriegsausbruch sah sie ihre Stunde gekommen: Arabische Führer schlossen mit den Briten, die über Ägypten – einst eine byzantinische, dann eine arabische und schließlich eine osmanische Provinz – als Vizekönigreich herrschten, ein Abkommen, das ihnen im Falle eines Sieges die Unabhängigkeit zusicherte. Eine besondere Rolle spielte hier der englische Abenteurer Thomas Edward Lawrence, der als „Lawrence of Arabia“ in die Geschichte einging.

Der Nahe Osten wird heute eher als Nebenkriegsschauplatz wahrgenommen. Doch in Wahrheit liegt im Ersten Weltkrieg der Schlüssel zum Nahostkonflikt unserer Tage, so wie im Orientkonflikt der Schlüssel zu den großen europäischen Kriegen und schließlich zum atlantisch-eurasischen Gegensatz seit Beginn der Neuzeit liegt. So schreibt auch der US-amerikanische Historiker David Fromkin:

 

„Alle heutigen Konflikte des Nahen Ostens gehen zurück auf den Ersten Weltkrieg.“

 

Im 19. Jahrhundert stützen die Westmächte noch das Osmanische Reich, um ein Vordringen Russlands dort zu verhindern. Seit dem Berliner Kongress 1879 jedoch wurde das Deutsche Reich zum stärksten Verbündeten des Sultans. Projekte wie der Bau der Bagdadbahn und die türkische Militärmission unter den preußischen Generalen Colmar Graf v. der Goltz und Otto Liman v. Sanders festigten das Band zwischen Berlin und Konstantinopel.

Als der Krieg 1914 ausbrach, fürchtete der Sultan den definitiven Verlust des Nahen Ostens an die Westmächte, während Kaiser Nikolaus II. von Russland die jahrhundertealte Vision seiner Dynastie, die griechischen Glaubensbrüder in Ionien und an der Schwarzmeerküste zu befreien und sich in Konstantinopel zum Kaiser des neuerstandenen Byzantinischen Reiches zu krönen, auf einmal Wirklichkeit werden sah. In der Tat war es

 

„seit Jahrhunderten der russische Traum gewesen, Konstantinopel zu erobern, zum neuen Byzanz und zur Seemacht im Mittelmeer aufzusteigen, ja schließlich zu einer Weltmacht zu werden.“

 

Seit der Hussein-McMahon-Korrespondenz von 1915/16 zwischen dem osmanischen Scherifen (Statthalter) von Arabien, Hussein ibn Ali, der die Herrschaft des Sultans abschütteln wollte, und dem britischen Hochkommissar von Ägypten, Sir Henry McMahon,betrieben England und Frankreich die Zersetzung des muslimischen Großreichs. Grundlage hierfür wurde das Sykes-Picot-Abkommen vom Mai 1916, unter russischer Billigung geschlossen zwischen zwei Spitzendiplomaten der beiden Entente-Staaten, das „heute in arabischen Ländern immer noch als Synonym für koloniale Willkür gilt“ (Fromkin).Den arabischen Völkern im Nahen Osten versprachen sie für die Zeit nach Kriegsende eigene Staaten, Russland hingegen sollte Konstantinopel und damit einen Teil der Türkei erhalten.

Nach der Oktoberrevolution 1917 wurden die russischen Pläne zwar hinfällig, in der Türkei übernahm nach dem Sturz des Sultans Mustafa Kemal „Atatürk“ die Macht. Doch die neuen nahöstlichen Staaten kamen unter westliches Mandat: der Irak unter britisches, Syrien unter französisches.Ihre Grenzen wurden willkürlich gezogen, Muslime und Juden aber, die unter dem Sultan noch relativ ungestört nebeneinander gelebt hatten, fanden von nun an zu keiner friedlichen Koexistenz mehr, immer öfter kam es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Voll souverän wurden alle diese Staaten erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Westmächte hatten auf dem Rücken der Bevölkerung neue Provinzen gewonnen.Fromkin schreibt:

 

„Großbritannien und, in geringerem Maße, Frankreich [waren] die prägenden Mächte der Region. Mit der Beseitigung des Osmanischen Reiches radierten sie die Landkarte des alten Mittleren Ostens aus und entwarfen eine neue. Der Irak, Jordanien und Israel sind britische Kreaturen, Syrien und der Libanon sind französische – mit verheerenden Folgen. Seit 1919 herrschen im Mittleren Osten Wirrwarr und Blutvergießen.“

 

Im März 1916 stellte die Oberste Heeresleitung ein eigenes Asien-Korps auf, das der Heeresgruppe F („Yildirim“) angegliedert wurde. Die Heeresgruppe selbst bestand aus drei osmanischen Armeen, hatte aber bis 1918 deutsche Oberbefehlshaber: erst General Erich v. Falkenhayn (den man nach seiner Entlassung als Chef der 2. OHL im August 1916 auf diesen Posten abschob), dann Liman v. Sanders.

Der Heeresgruppe Yildirim gegenüber stand die britische Egyptian Expeditionary Force mit drei Armeekorps, erst unter Generalleutnant Archibald Murray, dann (ab 1917) unter General Edmund Allenby als Kommandierendem General. Im Dezember 1917 nahmen die Briten nach mehrwöchigen Kämpfen Jerusalem ein.

Am 9. Dezember fiel die Stadt, zwei Tage darauf zog Allenby mit seinem Stab in die Heilige Stadt ein. Als er das Stadttor erreichte, stieg er vom Pferd und betrat so, bis dahin einmalig in der Kriegsgeschichte, zu Fuß die eroberte Stadt – aus Respekt vor der Heiligkeit dieser Kultstätte dreier Weltreligionen.

Die Palästinaschlacht im September 1918, die sich über mehrere Tage hinzog und deren Höhepunkt die Einnahme von Damaskus durch die Briten war, beendete schließlich das Kapitel der deutschen Intervention im Nahen Osten, besiegelte aber auch das geopolitische Schicksal der nahöstlichen Erbmasse des Osmanischen Reiches bis in die heutige Zeit, also für ein volles Jahrhundert.

Die Türkei kapitulierte am 30. Oktober, Deutsche und Österreicher kehrten in ihre Heimatländer zurück. Den Oberbefehl über die Heeresgruppe übernahm Atatürk, der sie auf türkischen Boden zurückführte, wo sie alsbald den Kampf gegen die siegreichen griechischen Truppen aufnahm, die sich anschickten, in ihren kleinasiatischen Feldzug aufzubrechen, Konstantinopel zu befreien und altes griechisch-byzantinisches Gebiet wiederzuerobern.

Im deutschen Asienkorps, zu dem auch Soldaten Österreich-Ungarns gehörten, kämpften Bodentruppen und Fliegereinheiten. Anders als in den afrikanischen oder ostasiatischen Kolonien hielten sie sich erstaunlich lange. Anders auch als in Europa spielten Graben- und Stellungskrieg hier keine Rolle. Die Kämpfe in Wüstensand und Orienthitze wurden ähnlich kameradschaftlich geführt wie später im II. Weltkrieg der Afrikafeldzug.

Der moralisch und geopolitisch fragwürdige, aber aus seiner Haltung als „verspätete Nation“ (Helmuth Plessner) heraus verständliche Einsatz des kaiserlichen Deutschland für die Integrität des Osmanischen Reiches, das im Windschatten der Kriegshandlungen 1915 bis 1923 an den Pontosgriechen und an der armenischen Minderheit, den beiden ältesten christlichen Ethnien auf vorderasiatischem Boden, einen bis heute ungesühnten Völkermord mit mehreren Millionen Opfern verübte, schuf ein freundschaftliches Band zwischen Türken und Deutschen, das für viele Jahrzehnte halten sollte.

Doch immerhin: auch der Gegner erwies den Deutschen im Rückblick seine Reverenz. In seinen berühmten Memoiren Die sieben Säulen der Weisheit schreibt T. E. Lawrence:

 

„Sie waren zweitausend Meilen von ihrer Heimat entfernt, ohne Hoffnung in fremdem unbekannten Land, in einer Lage, verzweifelt genug, um auch die stärksten Nerven zu brechen. Dennoch hielten ihre Trupps fest zusammen, geordnet in Reih und Glied, und steuerten durch das wild wogende Meer von Türken und Arabern wie Panzerschiffe, schweigsam und erhobenen Hauptes. Wurden sie angegriffen, so machten sie halt, gingen in Gefechtsstellung und gaben wohlgezieltes Feuer. Da war keine Hast, kein Geschrei, keine Unsicherheit. Prachtvoll waren sie.“

 

Header: Fieldmarshal Viscount Allenby, der Sieger von Jerusalem, zieht am 11. Dezember 1917 zu Fuß in die Heilige Stadt ein.

Obiger Text erschien in: Ralf-Georg Reuth (mit Konstantin Sakkas), Im Großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. München: Piper 2014.